Der Stricker, Ordo & Aufklärung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
28 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen und Siglen

2) Einführung

3) Eine fremde Zeit
3.1) Staatsform
3.2) Glaube
3.3) Zeitverständnis

4) Ordnung – Ordo – Organisation
4.1) Ordo – erste Annäherung
4.2) Maß, Zahl & Gewicht
4.2.1) Maß
4.2.2) Zahl
4.2.3) Gewicht
4.3) Ordo – eine Definition
4.4) Ordo und seine Wirkung
4.4.1) Ordo und Alltag
4.4.2) Ordo und Literatur

5) Der Stricker, der Ordo und seine Gestaltung in den Texten
5.1) DIZ IST VON EINEM KUNDIGEN KNEHTE
5.1.1) Ausdeutung
5.2) DIZ MÆRE IST WIE EIN WÎP IREN MAN LEBENDIC BEGRUOP IESAN
5.2.1) Ausdeutung
5.3) Die Gäuhühner
5.3.1) Ausdeutung
5.4) Zusammenfassung

6) Der Stricker – Vorläufer der Aufklärung ?
6.1) Was ist Aufklärung ?
6.2) Aufklärung und Mittelalter
6.3) Der Stricker – kein Vorfahr der Aufklärung

7) Beschluss

8) Verzeichnis der verwendeten Literatur
8.1) Primärliteratur
8.2) Sekundärliteratur

1)Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen und Siglen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2) Einführung:

Ziel dieses Aufsatzes ist die Beschäftigung mit dem Werk des Strickers. Unsere Aufmerksamkeit gilt dabei im Besonderen dem Ordo – Gedanken, seiner Bedeutung für den Handlungsverlauf und seiner Interpretation.1

Im Gegensatz zu de Boor, können wir im Stricker keinen „[…] Vorfahr der Aufklärung […]“ (GL, 127)2 erkennen. Darum gehört es zu unserem Anliegen, zu beweisen, dass die Ansicht de Boors irrig ist.

Die Umsetzung dieses Vorhabens erfordert – objektiv betrachtet – eine vollständige Analyse des Stricker’schen Werkes. Dieser wollen wir uns nicht verschließen aber, aufgrund des Werkumfangs, sehen wir uns gezwungen, die Analyse auf wenige Texte zu beschränken.

Sinnvoll kann es daher nur sein, aus dem Werk des Strickers eine Auswahl an Texten zu präsentieren, an denen sich der Ordo – Gedanke, seine Bedeutung für den Handlungsverlauf nachvollziehen, interpretieren und auf die Richtigkeit der de Boor’schen Ansicht hin deuten lässt.

Diesem Vorsatz werden wir nachkommen, indem wir zunächst herausarbeiten, warum Ordnung für das mittelalterliche Denken eine solch enorme Bedeutung hat. Darauf aufbauend, wollen wir im nächsten Schritt das Konzept „Ordo“ erläutern, definieren.

Schritt Drei konzentriert sich auf die folgenden Texte:

DIZ IST VON EINEM KUNDIGEN KNEHTE (NM, 10 – 29)3

DIZ MÆRE IST WIE EIN WÎP IREN MAN LEBENDIC BEGRUOP IESAN

(NM, 30 – 43)

Die Gäuhühner (KS, 264 – 271)4 An diesen soll Folgendes illustriert werden:

1) Bedeutung des Ordo – Gedankens für den Text
2) Interpretation des Ordo im Text
3) Ausdeutung der Befunde und daraus zu ziehende Schlussfolgerungen für die Vorstellung vom Stricker als „[…] Vorfahr der Aufklärung […]“ (GL, 127).

Der Abschluss dieses Aufsatzes gestaltet sich schlicht in einer Zusammenfassung der Ergebnisse.

3) Eine fremde Zeit:

„Der mittelalterliche Staat war völlig beherrscht von der Idee des Ordo. Die Welt wurde als ein von Gott sinnvoll geordneter Kosmos verstanden, in dem alles seinen festen Platz hat. Nur innerhalb der ständisch – hierarchischen Ordnung, der es zugehörte, wurde dem Individuum Wert und Geltung zugebilligt. Nach mittelalterlicher Vorstellung waren auch die einzelnen Staaten keine für sich bestehenden und in sich selbst ruhenden Größen, sondern eingeordnet in eine im Imperium Romanum gipfelnde Staatenhierarchie“ (AG, 66)5.

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist die Aussage über die Wirkungsmächtigkeit des Ordo – Gedankens. Eine Wirkung dieser Art spricht vor allem für eines: dem Bedürfnis nach einer den Begebenheiten angemessenen und dadurch effektiven Organisation.

„Die [damalige] Wirklichkeit sah anders aus“ (HK, 9)6. Unter anderem, weil, die den damaligen Alltag bestimmenden und organisierenden Kräfte, Staatsmacht und Religion, in einer uns heute fremd gewordenen Wirkungsmächtigkeit Einfluss auf die Organisation des alltäglichen Lebens nahm.

Begriffe wie „Staat“ und „Glaube“ mögen zwar auf den ersten Blick abstrakt erscheinen, sie sind es aber nicht. Sie sind es nicht, weil der Staat und damit die Legislative, die Spielregeln einer Gesellschaft vorgibt. Ähnliches gilt für den Glauben: Die Gebote vier bis zehn des Dekalogs sind letztlich nur Anweisungen, die das menschliche Miteinander organisieren.

Dieses Kapitel will daher herausarbeiten, worin Organisation des Staates, Religion und Organisation des Alltags im Mittelalter von der heutigen, modernen Gesellschaft abweichen und will erläutern, warum dies von enormer Bedeutung ist.

3.1) Staatsform:

Der mittelalterliche Staat war ein „Personenverbandsstaat“ (HK, 37). Dies bedeutet, dass staatliche Macht nur auszuüben war, wenn die Staatsgewalt über entsprechenden „[…] Grundbesitz [sowie] ein Geflecht persönlicher Abhängigkeitsverhältnisse […]“ (HK, 37), also „Beziehungen“ verfügte. Besonderes Gewicht kommt dabei den persönlichen Bindungen des Einzelnen (HK, 37) zu. Diese sind notwendig, solange ein funktionierender „[…] staatliche[r] Verwaltungsapparat […]“ (HK, 35) nicht existiert.

Da es „[…] keine allgemeine[n] Steuern“ (HK, 60) gab und somit keine Einnahmenquelle, die einen funktionierenden Verwaltungsapparat gewährleistet, ist es nicht verwunderlich, dass der Personenkreis, der staatstragende Aufgaben übernimmt, auf andere Weise entlohnt werden muss – durch die Verleihung von Privilegien. Das Privileg ist das Vorrecht, das genossen wird, aufgrund einer vorher erbrachten Leistung. Die Konsequenz ist die, dass „[…] keine Gleichheit vor dem Gericht […]“ (HK, 35) herrscht, dass kein allgemein gültiges Gesetz vollzogen wird. Eine weitere Konsequenz ist die Konzentration von Macht in den Händen einiger weniger Oligarchen.

Macht weckt allerdings Begehrlichkeiten. Intrigen und Ränke sind die Folge - ein Manko, unter dem der mittelalterliche Staat wohl im Besonderen zu leiden hatte. Der mittelalterliche Staat kannte die Gewaltenteilung und deren gegenseitige Kontrolle (HK, 35) noch nicht.

Die Fahnenwechsel des Landgrafen Hermann von Thüringen (HK, 63) und die Tatsache, dass das damalige deutsche Königtum ein „Reisekönigtum“ (HK, 75) war, sprechen in dieser Hinsicht eine deutliche Sprache.

Die hier zusammengetragenen Schwächen des mittelalterlichen Staates unterstreichen, dass der mittelalterliche Staatsentwurf nicht so sehr auf das Wohl der Mehrheit ausgerichtet war, als dass er die Bildung einer kleinen Oligarchenschicht beförderte. Dadurch bleibt die Frage des effektiv organisierten, dem Wohl der Mehrheit dienenden Staates vorerst unbeantwortet. Will heißen, auf staatlicher Ebene besteht ein Bedürfnis nach Ordnung und Organisation, welches durch die damalige Staatsorganisation nicht kompensiert werden konnte und es damit notwendig machte, das alltägliche Miteinander mit einem weiteren Hilfsmittel zu organisieren – dem Glauben (AW1, 145)7.

3.2) Glaube:

Die Verquickung geistlicher und weltlicher Macht (AW, 145) wurde erst 1871, mit der Absegnung des „Kanzelparagraphen“ (AW2, 77)8 aufgebrochen. Nach unserem Dafürhalten ist dies als Anzeichen zu verstehen, dass die staatliche Verwaltung das öffentliche Leben nun soweit durchdrungen hatte, dass das Hilfsmittel „Religion“ nicht mehr gebraucht wurde, um den Alltag zu organisieren. Im mittelalterlichen Deutschland jedoch hatte Glaube diese Funktion noch nicht eingebüßt:

„Der Gottesgedanke war die Zentralidee des mittelalterlichen Bewusstseins, der Glaube die oberste Norm. […] [D]as Wissen diente dem Glauben […]. Alle Dinge sind aus der Theologie zu verstehen und aus ihr zu begründen“ (EG, 5)9.

Ehrismann hat mit dieser Darstellung einen zentralen Aspekt des mittelalterlichen Denkens angesprochen: die Verbindung von Glaube und Wissen, von Kult und Wissenschaft, eine Verbindung, die im Mittelalter in Form der Scholastik eine Blüte erreichte.

„Die Scholastik […] bezeichnet die Wissenschaft und Theologie des Mittelalters, die die vorausgegangene traditionalistische Theologie logisch durchdenkt, die dialektische Methode entwickelt und zu einem vertieften Verständnis des Glaubens gelangen will“ (AW1, 149).

Aufgabe der Scholastik war es, mit den Waffen einer Wissenschaft, Verstand und Logik, zu einem umfassenden Verständnis von Gott und damit von dem, „[…] was die Welt [i]m Innersten zusammenhält […]“ (FA, 17)10, zu kommen. Damit wird die Einsicht in das göttliche Wesen gleichbedeutend mit einem Zuwachs an Weltwissen, welches, man denke an den Dekalog, dahingegen befragt wurde, wie unser aller Miteinander zum Wohl der Mehrheit zu organisieren wäre.

Da der mittelalterliche Staatsentwurf auf diese Frage keine befriedigende Antwort geben konnte, war es nahe liegend den Kult in den Staatsentwurf (AW, 145) miteinzubeziehen und somit zu versuchen, die Organisation des Alltagslebens zu verbessern.

Die Kehrseite dieses Versuches ist allerdings das Korsett, in welches die Wissenschaft gezwängt wurde und aus welchem sich die Wissenschaft erst mühsam, über Jahrhunderte hinweg befreien musste – man denke nur einmal an die Opfer eines Galilei.

Das Resultat dieser Emanzipation ist, analog zur Trennung von Staat und Kirche, die Trennung von Wissenschaft und Religion. Für das Mittelalter bedeutete die nicht vorhandene Trennung von Wissenschaft und Spiritualität, dass, auch auf geistiger Ebene, die Frage nach einer nutzbringenden Organisation gestellt werden musste, denn nicht jede Glaubensfrage lässt sich von der Wissenschaft kompetent beantworten und umgekehrt.

3.3) Zeitverständnis:

Wie wir bereits sehen konnten, spielte die Frage einer nutzbringenden, dem Wohl der Mehrheit dienenden Organisation des Alltagsgeschehens auf verwaltungstechnischer, wie auch auf geistiger Ebene eine Rolle. Auf der Ebene des alltäglichen Zusammenlebens stellt sich diese Frage in etwas anderer Gestalt:

Das Zusammenleben Mehrerer, wie auch das Wohl der Mehrheit setzen voraus, dass in einigen Punkten, etwa Verteilung von Pflichten, Konsens besteht. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass eine effektive Organisation eine einheitliche Zeitberechnung voraussetzt.

Genau dies war im Mittelalter nicht der Fall. Allein der englische Kirchenvater Beda unterschied „[…] drei Arten der Zeitrechnung […]“ (CZ, 34)11. Mit anderen Worten: Allein Beda unterschied drei Möglichkeiten das Tagewerk und die dafür zur Verfügung stehende Zeit, Gewinn bringend zu organisieren.

Besonders problematisch erwies sich der Umgang mit Zeit in ökonomischer Hinsicht, denn die „[…] wirtschaftliche Expansion […]“ (HK, 55) ab dem 11. Jahrhundert, das Aufblühen von Handel und Gewerbe „[…] seit dem 12. Jahrhundert […]“ (CZ, 7), die Einführung des „[…] Kreditwesen[s] und de[s] bargeldlose[n] Zahlungsverkehr[s] […]“ (HK, 59) erzwangen einen „[…] rechenhaften Umgang mit Zeit und Geld […]“ (CZ, 7). In dieser Zeit entstanden die ersten Banken und die Grundlagen des Warenterminhandels. Die Ausgabe von Krediten und die Einnahme von Zinsen für die Ausgabe von Krediten (HK, 59) erzwangen einen neuen, einen produktiveren Umgang mit der zur Verfügung stehenden Zeit als bisher. Daraus lässt sich folgern, dass das Mittelalter eine Epoche war, in der man, aufgrund eines ökonomischen Booms, gezwungen war, die Vorgehensweise zur Zeitberechnung zu überdenken, den auf die Rückkehr Christi hin orientierten Kalender der „Heilsgeschichte“ (CZ, 8) zu verbessern und an die Erfordernisse der neuen Zeit anzupassen, sprich, im Gegensatz zu Beda (CZ, 34), eine einheitliche Zeitrechnung maßgeblich zu machen.

Das Mittelalter war also eine Zeit, in der eine der Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens auf dem Prüfstand stand. Eine Gesellschaft, in der jedes Individuum nach eigenen Zeitvorstellungen lebt, ist nicht produktiv, ist nicht organisiert und man lebt nebeneinander her. Anders formuliert, im Bereich des gesellschaftlichen Zusammenwirkens und produktiven Wirtschaftens war demgemäß ebenso ein Bedürfnis nach effizienterer Organisation, nach einer der Mehrheit dienlichen Ordnung bekannt.

Das Mittelalter ist eine uns fremde Zeit, weil sich, gleichzeitig und auf verschiedenen Ebenen, die Frage nach einer dem Stand der Dinge angemessenen, dem Wohl der Mehrheit dienlichen Organisation stellt. In diesem Sachverhalt ist die Motivation für die Bedeutung des Ordo – Gedankens zu sehen. Der Ordo – Gedanke konnte seine Wirkungsmächtigkeit (AG 66) nur entfalten, weil der mittelalterliche Staatsentwurf das Wohl der Mehrheit verfehlte. Immerhin hielt der mittelalterliche Staat „[…] etwa 90 Prozent der Bevölkerung in abhängiger Position […]“ (HK, 53) und behinderte somit die freie Entfaltung des Willens der Mehrheit. Die noch nicht vollzogene Trennung von Wissenschaft und Religion behinderte die freie Entfaltung der Wissenschaft und verhinderte damit das Auffinden von Antworten auf dem Wohl der Mehrheit dienliche Fragen. Die wirtschaftlichen Entwicklungen (HK, 59) und die daraus resultierende, erforderliche Neuorganisation der städtischen Gesellschaft (HK, 58) tun ihr Übriges, um der Bedeutung des Ordo – Gedankens weiter Auftrieb zu geben.

4) Ordnung – Ordo – Organisation:

Ein solcher Hintergrund macht folgendes Problem sichtbar: Es besteht ein Spannungsfeld zwischen den „[…] große[n] gesellschaftliche[n] Veränderungen […]“ (HK, 33) und der Erkenntnis, dass die bestehende Ordnung, die von Gott gegebene Ordnung (AG, 66) und somit die althergebrachte Organisation von Abläufen, nur bedingt Antworten auf diese Veränderungen geben kann.

Eine erste Annäherung an das Konzept „Ordo“ ist daher nicht nur notwendig, sondern erlaubt uns die wichtigsten Elemente dieses Konzeptes zu isolieren und letztlich eine für den Fortgang dieses Aufsatzes notwendige Grundlage zu erarbeiten – eine Definition.

4.1) Ordo – erste Annäherung:

Ordo ist mehr als ein „[…] Ganzes geordneter Teile“ (OA, 13)12. In diesem Konzept wurde versucht, das Sein „[…] in der ganzen Fülle seiner grenzenlosen Möglichkeiten […]“ (OA, 17) zu erfassen. Im Ordo – Gedanken war der Versuch unternommen das, was jenseits der sinnlich erfahrbaren, natürlichen Welt liegt, (OA, 17) mit eben dieser natürlichen Welt und all dem, das in ihr ist, zu verbinden. Dem Konzept „Ordo“ haftet etwas Metaphysisches an. Diese metaphysische Komponente äußert sich darin, dass sich Ordo als „Blaupause“ Gottes verstehen lässt:

Denn dem „[…] ordo creatonis […]“ (OA, 68), der Ordnung der Ideen von den Dingen in Gott, entspricht die Ordnung des Kosmos (OA, 73). Dem „[…] ordo universi […]“ (OA, 73) entspricht die Ordnung der natürlichen Dinge (OA, 72). Dem „[…] ordo naturae […]“ (OA, 68) entspricht die „[…] ständisch – hierarchische[n] Ordnung […]“ (AG, 66). Diese findet sich wieder in der Anordnung der menschlichen Extremitäten hin zum Kopf und der „[…] Ordnung des Denkens […]“(OA, 25), dem „[…] ordo rationis […]“ (OA, 27), welcher sich – um den Kreis zu schließen – im Wandern der Gestirne am Firmament oder dem „[...] Fallen der Blätter […]“ (OA, 148) widerspiegelt.

Auffällig an diesem Konzept ist der mehrstufige, von oben nach unten geordnete Entwurf. Es bestehen nicht nur mehrere Ebenen, es bestehen auch Wechselwirkungen zwischen diesen Ebenen. Ändert sich beispielsweise die Ordnung der Ideen in Gott, so kommt es zu einer Änderung auf den unter dem ordo creatonis liegenden Ebenen.

Eine weitere Auffälligkeit ist die Totalität des Entwurfs: Das Konzept ist so umfassend, dass selbst Orte, die sich der göttlichen Einflussnahme eigentlich entziehen, eben dieser Ordnung unterliegen. Dante, zum Beispiel, beschreibt das Inferno, den Ort maximaler Entfernung von Gott, als neun, untereinander angeordnete Höllenkreise.

Im ganzheitlichen Anspruch des Ordo – Gedankens liegt allerdings der Verdacht begründet, diese Ordnung als statisch verstehen zu müssen. Zutreffend ist das Gegenteil: „[…] Ziel der Weltschöpfung“ (OA, 73) ist das „[…] optimum universi […]“ (OA, 73), der bestmögliche Ordnungszustand. Dieser Zustand war weder im Mittelalter noch heute gegeben. Alles entwickelt sich noch hin auf diesen Zustand und somit befinden wir uns in einem Prozess der andauernden Entwicklung. Das Kennzeichen eines andauernden Prozesses ist Dynamik.

Ein Blick auf die Wurzeln des Ordo – Gedankens erlaubt uns weitere Rückschlüsse. Plato konstatierte einst:

„Alles sichtbar Körperliche, das in unglückseliger Bewegung flutet und nie ruht, wies Gott in eine Ordnung, wissend, dass das Schicksal des Geordneten höher sei, als das des Verworrenen und Ungeordneten“ (OA, 52 & 53).

An anderer Stelle heißt es bei Augustinus: „Alles schuf Gott nach Maß, Art und Ordnung“ (OA, 52). Es ist erstens zu folgern, dass Gott die Quelle aller Ordnung ist und zweitens, dass Teile des Ordo – Gedankens aus der Antike stammen.

Thomas von Aquin nutzt die Aussagen Platos und Augustins, um herauszuarbeiten, dass alles „[…] von Gott auf ein Ziel hingeordnet […]“ (OA, 54) wurde. Den Dingen wurde von Gott ein bestimmter Platz zu- und damit auch die Grenzen einer möglichen Entwicklung aufgewiesen. Das Merkmal, das hier durchschimmert, ist erneut die abgestufte Anordnung der Dinge:

„Dem einen gab [Gott] mehr zu sein, dem anderen weniger und ordnete so die Naturen der Wesenheiten in Stufen“ (OA, 74).

Will heißen, das Geschöpf, welches mehr qualitativ besseres Sein vorweisen kann und somit höher auf der Stufenleiter steht, ist näher bei Gott.

[...]


1 Der Übersichtlichkeit willen, werden nur Abbreviatur, Name, Vorname des Autors, Werk und Erscheinungs- jahr genannt. Die vollständige Literaturangabe erfolgt bei erster Nennung im Text sowie im Literaturver- zeichnis am Ende des Aufsatzes.

2 de Boor, Helmut: Geschichte der deutschen Literatur: Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bd. III, 1. München 1997.

3 Novellistik des Mittelalters: Märendichtung. Hrsg. von Klaus Grubmüller. Frankfurt am Main 1996.

4 Die Kleindichtung des Strickers: Gesamtausgabe in fünf Bänden. Hrsg. von Wolfgang Wilfried Moelleken. Göppingen 1974.

5 Weltbild Kolleg Abiturwissen, Band 9. Hrsg. von Friedrich Schultes. Geschichte. Augsburg 1999.

6 Bumke, Joachim: Höfische Kultur: Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. München 2005.

7 dtv – Atlas zur Weltgeschichte, Band 1. Hrsg. von Hermann Kinder und Werner Hilgemann. Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution. München 1982.

8 dtv – Atlas zur Weltgeschichte, Band 2. Hrsg. von Hermann Kinder und Werner Hilgemann. Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart. München 1982.

9 Ehrismann, Gustav: Geschichte der deutschen Literatur bis zum Ausgang des Mittelalters, Bd. 6: Zweiter Teil Zweiter Abschnitt Erste Hälfte. München 1954.

10 Goethe, Johann Wolfgang: Faust – Eine Tragödie: Erster und zweiter Teil. München 1996.

11 Borst, Arno: Computus: Zeit und Zahl in der Geschichte Europas. Berlin 1990.

12 Krings, Hermann: Ordo: Philosophisch-historische Grundlegung einer abendländischen Idee. Hrsg. von Erich Rothacker. Halle 1941.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Der Stricker, Ordo & Aufklärung
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Philosophische Fakultät, Germanistik)
Veranstaltung
„(Un-) Vuoc“ Zur Kon- & Destruktion von Ordnung im literarischen Diskurs des Mittelalters. Fabliaux – Schwank – Maere
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
28
Katalognummer
V120044
ISBN (eBook)
9783640240357
ISBN (Buch)
9783640244546
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stricker, Ordo, Aufklärung, Kant, Gauhühner, Begrabene Ehemann, Kluge Knecht
Arbeit zitieren
Jens Pfundstein (Autor), 2008, Der Stricker, Ordo & Aufklärung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120044

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