Das Wesen des Sollens in Nicolai Hartmanns "Ethik"

Versuch einer Begriffsbestimmung


Seminararbeit, 2005

19 Seiten, Note: Gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Das „Sollen“ in Sprache, Recht und Philosophie

II. Das Verhältnis von Wert und Sollen
1. Die verschiedenen Arten des Seinsollens
2. Die reale Welt im Spannungsverhältnis zwischen Sein und Sollen

III. Die Rolle des autonomen Subjekts
1. Das Subjekt als Angelpunkt des Sollens im realen Sein
2. Das Prinzip der Freiheit und die Personwerdung des Subjekts

IV. Der Finalnexus
1. Primäre und sekundäre Determination
2. Das Verhältnis von Kausal- und Finalnexus
3. „Die Ethik gibt dem Menschen wieder, was er Gott beigelegt hat“

V. Vom Teleologismus zur sittlichen Vernichtung des Menschen
1. Das Elend des Teleologismus
2. Die Inversion des kategorialen Grundgesetzes

Bibliographie

Einleitung

Nicolai Hartmann (1882-1950), geboren in Riga, gilt als einer der umfassendsten deutschsprachigen Systemdenker des 20. Jahrhunderts. Seine Schriften zur Ethik, die - wie die Max Schelers – eine phänomenologische Wertethik ist, gehören zu den bedeutendsten Werken der modernen Moralphilosophie. Daneben verfasste er auch Abhandlungen zur Ontologie, ebenso Erkenntnistheorie und Ästhetik – „ein Werk, das in Anlage und Durchführung den Vergleich mit den großen Systemkonzeptionen von Aristoteles und Hegel nicht zu scheuen braucht.“[1]

Hartmanns Anliegen im Bereich der Ethik war es vor allem, auf die Herausforderungen des Relativismus zu antworten, der im besonderen durch die Theorien von Charles Darwin, Herbert Spencer und Friedrich Nietzsche und der Erklärung moralischer Haltungen aus natürlichen und sozialen Bedingungen starken Aufwind erhalten hatte.[2] Er begegnet dieser Strömung in Anlehnung an Scheler mit einer materialen Wertethik: gemäß dieser haben auch Werte eine Art Sein, und sie können erschaut oder auch erfühlt werden. „Die Wertschau ist eine besondere Art der Idealerkenntnis (der Wesensschau), im Unterschied zu dieser aber kein rein theoretischer, sondern ein emotionaler Akt, der allerdings auch einen Erkenntnisgehalt hat: um wertend Stellung nehmen zu können, muss man dasjenige kennen, zu dem man Stellung nimmt, und man muss wissen, warum die Stellungnahme erfolgt.“[3] Dabei wird vor allem die emotionale Komponente betont, weil sie erst die Werte als Forderungen erfahren lässt, während rein theoretische Einblicke niemals einen Gebotscharakter haben.

Eines der zentralen Probleme, welche Hartmann in seiner Ethik behandelt, ist das Freiheitsproblem: wenn die Werte dem Menschen ein absolutes Sollen, gewissermaßen absoluten Gehorsam und Werterfüllung abverlangen, wie kann er da noch weiterhin als frei gelten? Die Frage führt dazu weiter, wie Freiheit denn überhaupt möglich sein kann, „wenn eine durchgängige seins- und sollensgesetzliche Determination besteht.“[4]

Worin aber nun dieses Wesen des Sollens, das von den Werten bis in die Reale Welt reicht und ihrer tatsächlichen Realisation durch sittliche Subjekte dient, wirklich liegt, und wie es im Spannungsverhältnis zur Freiheit des Menschen sinnvoll bestehen kann, versucht die vorliegende Arbeit nun näher zu bestimmen.

I. Das „Sollen“ in Sprache, Recht und Philosophie

Der Autor Winfried Berlet geht in seiner Schrift „Das Verhältnis von Sollen, Dürfen und Können“1 anfangs auf die sprachliche und rechtliche Dimension des Sollens ein und versucht in dieser allgemeinen Einleitung auch eine philosophische Definition des Wortes.

Rein sprachhistorisch findet er eine Übereinstimmung der beiden Begriffe „Sollen“ und „Schulden“ und leitet es aus dem „gotischen skûlan über das althochdeutsche scolan, das spätalthochdeutsche suln2, und schließlich „das mittelhochdeutsche s(ch)oln2 ab. Die Ursprungsbedeutung all dieser Wörter ist stets die des „Schuldens“, „schuldig“ oder „verpflichtet sein“. Im Griechischen entspricht dies dem Wort οφειλόμενον, das Platon auf die Bedeutung „das Gebührende, das Gewollte, die Pflicht“3 zurückführt.

Damit gestaltet sich der Begriff des Sollens in seiner Sprachgeschichte durchwegs in der gegenseitigen Zuordnung des ‚Einen’ zum ‚Anderen’: „Der ‚Eine’, der in der Schuld steht, lässt sich als der Sollensnehmer, als Verpflichteter begreifen, der ‚Andere’, den jener etwas schuldet, als der Sollensbegünstigte, als Berechtigter.“4

Berlet verweist im Folgenden auf die Überleitung von diesem grundlegenden Ordnungsdenken zu einem entwickelten Rechts denken, das ganz im Zeichen der einem jeden zustehenden Gerechtigkeit steht; so lassen sich auch die mit dem Sollen synonymen Begriffe im Griechischen und Lateinischen, δίκαιος („gebührend“, geziemend“) und iustus („gehörig“, „gebührend“) erklären. Berlet dazu noch genauer: „Gerade auch für die deutsche Sprache eröffnet die Etymologie diese Beziehung zwischen den Begriffen ‚gerecht’ und ‚geziemend’. Das Wort ‚gerecht’ geht auf das Wort ‚recht’ zurück, das schon im Althochdeutschen die Bedeutung von ‚wie es sich geziemt’ hat.“5

Diese vorangegangenen Definitionen spiegeln vor allem den rechtlichen Aspekt des Sollens wider und finden sich – zum Teil auch noch in dieser recht elementaren Formulierung – in den §§ 859 – 1341 des ABGB von 1811 und bestimmen darin die rechtlichen Bindungen und Verknüpfungen von Vertragspartnern, die eine gegenseitige Schuld, ein „Sollen“, eingegangen sind. So auch Kant: „Was aber ist das Äußere, das ich durch den Vertrag erwerbe? Da es nur die Kausalität der Willkür des anderen in Ansehung einer mir versprochenen [= gesollten; Anm. d. Verf.] Leistung ist, so erwerbe ich dadurch unmittelbar nicht eine äußere Sache, sondern eine Tat desselben, dadurch jene Sache in meine Gewalt gebracht wird, damit ich sie zu der meinen mache.“6

Damit gelangen wir schließlich zur philosophischen Auslegung des Wortes, die uns zur Ethik führen soll. Berlet erblickt auch im Sollen der Philosophie einen Ordnungsbegriff, der – wie sich auch später zeigen wird – in ähnlicher Form bei Hartmann auftaucht: „Das Sollen ist die Forderung eines (fremden oder eigenen, personalen oder idealen) Willens, die als spezifische ursprüngliche Art der Notwendigkeit oder Bindung ins Bewusstsein tritt. Das Sollen ist ein Willensdiktat […].“7

In dieser Begriffsbestimmung tritt die Instanz, welche das Sollen setzt, hinzu, womit der Sollensgrund als Wille verstanden wird, welcher sich in einer Dynamik der Forderung zum Sollensnehmer äußert. Stellt diese Definition eher auf den Willen ab, so betont Hoffmeister8 „den freien Eigenstand dessen, an den sich der Sollensanruf richtet. […] [Er] bestimmt das Sollen als die ‚Forderung eines als wertvoll bejahten Seins oder Geschehens, insbesondere die innere Aufforderung des Willens zur Verwirklichung von Werten, vor allem zum sittlichen Handeln: diese Aufforderung kann an einen anderen gerichtet sein im Gegensatz zu einem durch äußere Mittel erzwingbaren Befehl oder einer Nötigung, oder sie kann durch unser Gewissen an uns selbst gerichtet sein im Gegensatz zu einem inneren Zwang.’“9

Zusammenfassend kann festgehalten werden: den höchst komplexen Begriff des Sollens kann man sich grundsätzlich als einen Ordnungsbegriff vorstellen – sei es im Recht oder in der Moralphilosophie -, der seine Existenz jedoch immer der Idealität verdankt. So kann man als Fundament des Schuldrechts sicherlich die naturrechtliche Formel der Römer, pacta sunt servanda, ansehen, und ebenso in der Ethik und Moralphilosophie ein ideales Reich der Werte, aus dem heraus uns das Sollen zu einem sittlichen Handeln bewegen will, anerkennen.

II. Das Verhältnis von Wert und Sollen

1. Die verschiedenen Arten des Seinsollens

Für das Verständnis von Nicolai Hartmanns Ethik ist es elementar, die verschiedenen Arten oder Manifestationen des Sollens zu unterscheiden bzw. zu verstehen, worin der wesentliche Unterschied zwischen ihnen liegt.

Die erste Art, die er hervorhebt, ist das Ideale Seinsollen: es zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es dem Wesen ethischer Werte anhaftet, somit in den Bestimmungen der Werte bereits enthalten ist. Es wird vom sittlichen Menschen dort gespürt (oder um es in phänomenologischer Terminologie auszudrücken: erfühlt), wo es sich um noch nicht realisierte Wertmaterien handelt.1 D.h. in einfacheren Worten: der Mensch erkennt, dass er ein gewisses sittliches Handeln setzen muss, das in eben dieser Situation noch nicht gesetzt bzw. realisiert worden ist.

Die wichtigste Eigenschaft des idealen Seinsollens jedoch ist dessen Tendenz auf die Realität, woraus sich die Frage ergibt, wie denn ideale Wesenheiten sich mit solch einer Tendenz zum Realen hin vertragen sollen. Hartmann löst dieses Problem mit einem Beispiel: „Es ist etwas Absurdes daran, dass ein Wert nur insofern ein Seinsollendes sei, als seine Materie irreal ist. Dass der Mensch redlich, aufrichtig, zuverlässig sein ‚soll’, ist doch etwas, was dadurch nicht aufgehoben wird, dass jemand es tatsächlich ist. Er soll eben so sein, wie er dann ist. Das ist durchaus kein Widersinn, auch keine Tautologie. Man kehre den Satz um: ‚Er ist so, wie er sein soll’, so drückt er ein sinnvolles, vollkommen eindeutiges Wertprädikat aus. Und dieses Wertprädikat hat eben die Form eines Sollens. Daraus folgt, dass ein Sollensmoment schon mit zum Wesen des Wertes gehört, in seiner idealen Seinsweise also schon enthalten sein muss.“2

[...]


[1] Martin MORGENSTERN: Nicolai Hartmann zur Einführung. Hamburg: Junius, 1997. S.7.

[2] Vgl. ebd., S.123f.

[3] Wolfgang RÖD: Der Weg der Philosophie. Von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert. Zweiter Band: 17. bis 20. Jahrhundert. München: Verlag C.H. Beck, 2000. S.443.

[4] Ebd., S.444.

1 Winfried BERLET: Das Verhältnis von Sollen, Dürfen und Können. Bonn: H. Bouvier & Co. Verlag, 1968. Die folgenden Ausführungen beziehen sich hauptsächlich auf die S. 19-22.

2 Ebd., S.19.

3 Vgl. ebd. Siehe auch PLATON: Politeia, 332.

4 Ebd., S.20.

5 Ebd.

6 Immanuel KANT: Die Metaphysik der Sitten. Stuttgart: Reclam Universal-Bibliothek, 1990. S.120f.

7 Ebd. Zitiert nach: Rudolf EISLER: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Bd. 3, Sci-Z. Berlin: Mittler, 19304. S.623, Wort „Sollen“.

8 Berlet zitiert hier (ebd., S.21) Johann HOFFMEISTER (Hrg.): Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Hamburg: Meiner, 19552. S.564, Wort „Sollen“.

9 Ebd.

1 Vgl. Nicolai HARTMANN: Ethik. Berlin: Walter de Gruyter & Co., 19624. S.170f.

2 Ebd., S.171.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Wesen des Sollens in Nicolai Hartmanns "Ethik"
Untertitel
Versuch einer Begriffsbestimmung
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Nicolai Hartmanns materiale Wertethik
Note
Gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V120059
ISBN (eBook)
9783640240456
ISBN (Buch)
9783640244591
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wesen, Sollens, Nicolai, Hartmanns, Ethik, Nicolai, Hartmanns, Wertethik
Arbeit zitieren
Mag.phil. Paul Gragl (Autor), 2005, Das Wesen des Sollens in Nicolai Hartmanns "Ethik", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120059

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