Ist Freuds Theorie empirisch überprüfbar?

Poppers Vorwurf der Unüberprüfbarkeit der Psychoanalyse


Seminararbeit, 2006

14 Seiten, Note: Gut


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Kritik der Unwissenschaftlichkeit
1. Poppers Abgrenzungskriterium
2. Eine wissenschaftstheoretische Bilanz

II. Grünbaum vs. Popper – ein Plädoyer für Freud?
1. Die Darstellung der Kontroverse bei Grünbaum
2. Eine Verteidigung Freuds
3. Konklusion

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Die Berechtigung, ein unbewusstes Seelisches anzunehmen und mit dieser Annahme wissenschaftlich zu arbeiten, wird uns von vielen Seiten bestritten [...].“[1]

Wie dieses Zitat von 1898 zeigt, hatte Sigmund Freud (1856 – 1939) bereits in den Anfängen seiner Theorie von der Psychoanalyse die Probleme erkannt, welche sie begleiteten. Die Kritik an ihr setzte praktisch mit der ersten Publikation ein und ist bis heute – trotz vieler Neuformulierungen und Modifikationen – nicht verstummt. Freud blieb in vielen seiner Formulierungen und Begriffen vage und benutzte geradezu metaphysische Ausdrücke wie „Ich“, „Es“, „Über-Ich“ oder etwa auch „das Unbewusste“; natürlich folgt an deren Erwähnung eine Erläuterung im Rahmen der psychoanalytischen Theorie, jedoch – so auch meine Meinung – bleibt er eine empirische Überprüfung und Bestätigung schuldig. An dieser Stelle taucht nun die gewichtige Frage auf, ob eine wissenschaftliche Verifikation oder Falsifikation (um in Karl Poppers Worten zu sprechen) überhaupt möglich sei: ist dies der Fall, so kann man die Psychoanalyse getrost dem Bereich der Wissenschaften zusprechen; verhält es sich nicht so, muss sie aufgrund mangelnder Falsifizierbarkeit bzw. Überprüfbarkeit hinter dem metaphysischen Tor bei den anderen Scheinwissenschaften bleiben.

Freud war sich dieses Umstandes sehr wohl bewusst und veränderte seine Theorien, stets „darauf gefasst [...], dem philosophischen Einwurf zu begegnen,“[2] bis in seine letzten Lebensjahre, als er bereits vor den Schrecken des Nationalsozialismus nach England geflohen und an Krebs erkrankt war.

Die hier folgende Arbeit versucht nun, diese schweren Vorwürfe gegen die Psychoanalyse als Theorie und die Psychotherapie als praktische Erscheinungsform derselben darzustellen und zu untersuchen und im weiteren einen befriedigenden Schluss daraus zu ziehen. Nichtsdestotrotz sollen hier die Verdienste Sigmund Freuds als einem der größten Denker des 20. Jahrhunderts nicht geschmälert werden: neben der Begründung einer neuen medizinischen Disziplin verdankt ihm die Nachwelt noch heute (in abgewandelter Form) die erfolgreiche psychotherapeutische Behandlung von Neurosen und Psychosen, welche – gerade natürlich von seinen Anhängern und Schülern – als eine umfassende Theorie[3] betrachtet wird, die das menschliche Handeln und Denken in all seiner Komplexität erschöpfend zu beschreiben und auch zu erklären versucht.

I. Kritik der Unwissenschaftlichkeit

1. Poppers Abgrenzungskriterium

Bereits zu Sigmunds Freuds Lebzeiten hatten es seine psychoanalytischen Theorien nicht leicht, ernstgenommen, geschweige denn als seriöse Wissenschaft anerkannt zu werden. Im Jahre 1899, drei Jahre nach der ersten Erwähnung der „Psychoanalyse“, erscheint sein frühes Hauptwerk, Die Traumdeutung, das bereits heftiger Kritik ausgesetzt war. Vor allem seine Darstellung der menschlichen Triebnatur und Sexualität, welche die dritte Kränkung der Menschheit[4] darstellen, passten einfach nicht in die gutbürgerliche Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts.

In den 1960er Jahren reihte sich auch Karl Popper (1902 – 1994) in die Reihen der Freud-Kritiker ein – wenn auch aus anderen Gründen als dessen Zeitgenossen. Sein Hauptproblem mit der Psychoanalyse war die Frage ihrer Wissenschaftlichkeit. So schreibt er zu den allgemeinen Wissenschaftskriterien: „Das Problem, mit dem ich mich damals [1919, Anm.] herumzuschlagen begann, war: ‚ Wann sollte man eine Theorie als wissenschaftlich betrachten ?’ Oder: ‚ Gibt es ein Kriterium, das uns erlaubt, zu entscheiden, ob einer Theorie Wissenschaftscharakter zukommt oder nicht ?’ Das Problem, das mich damals beunruhigte, war weder: ‚Wann ist eine Theorie wahr?’ noch: ‚Wann können wir eine Theorie akzeptieren?’“[5] Für Popper zählte – eingedenk der Geschichtsprophezeiungen und Propagandamaschinerien der totalitären Regime des Zweiten Weltkrieges[6] – die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Scheinwissenschaft; wobei er sich dabei aber auch im klaren war, dass die Wissenschaft oft irrt und eine Scheinwissenschaft gelegentlich auch auf Wahrheiten stoßen kann.[7]

Eine mögliche Antwort (die gleichzeitig auch die am weitesten verbreitete war) wäre die empirische Methode der Induktion gewesen, welche von Beobachtung und Experiment („trial and error“) ausgeht; jedoch, so argumentiert er weiter, verwendet auch die Astrologie scheinbar empirische Methoden, indem sie empirisches Beweismaterial wie Horoskope oder Biographien anhäuft[8] und damit versucht, die Menschen von ihrer Erklärungskraft und Wissenschaftlichkeit zu überzeugen. Es waren im Grunde aber ganz andere Theorien, die dem jungen Popper im revolutionären Tauwetter nach dem Zusammenbruch der Monarchie in Österreich Kopfschmerzen bereiteten: blieb für ihn Einsteins Relativitätstheorie die wichtigste und unbestrittenste, so zweifelte er schon bald die marxistische Geschichtsauffassung, Freuds Psychoanalyse und Alfred Adlers Individualpsychologie in Hinblick auf deren Anspruch auf Wissenschaftlichkeit an („Über diese Theorien wurde sehr viel populärer Unsinn geredet“).[9]

Es war nicht der Umstand, dass soziologische und psychologische Theorien vielleicht weniger exakt gewesen wären als physikalische, sondern vielmehr „das Gefühl, dass diese drei anderen Theorien, obwohl sie vorgaben, wissenschaftlich zu sein, in Wirklichkeit mehr mit primitiven Mythen gemeinsam hatten als mit der Naturwissenschaft, dass sie der Astrologie näher standen als der Astronomie.“[10]

Mythen und die Metaphysik per se sind nichts Schlechtes, denn, wie es die Wissenschaftsgeschichte zeigt, können gerade aus ihren Ideen und ihrem Ansporn heraus revolutionäre Theorien hervorgehen. Historisch betrachtet haben viele derartiger Mythen (wie z.B. jene Theorie der Evolution des Empedokles[11] ) eine Entwicklung zur Seriosität und Überprüfbarkeit durchgemacht; jedoch noch nicht Freuds Psychoanalyse. Paradoxerweise ist die schwächste Stelle in Freuds Theorie gerade ihre große Erklärungskraft[12] ; sie schien im Grunde fähig zu sein, alles in ihrem Anwendungsbereich zu erklären. Popper meint dazu sehr überzeugend: „Ihr Studium schien einen faszinierenden Effekt zu haben, den einer intellektuellen Bekehrung oder Offenbarung. Es gingen Dir einfach die Augen auf für eine neue Wahrheit, die den Uneingeweihten verborgen war. Und wenn Dir einmal die Augen geöffnet waren, dann konntest Du auch überall bestätigende Beispiele finden. Die Welt war übervoll von Verifikationen der Theorie.“[13] Er geht sogar so weit zu sagen, dass jeder denkbare Fall menschlichen Verhaltens und Handelns im Sinne der Freudschen Theorie gedeutet werden kann (sowohl Popper als auch Grünbaum betrachten hier das Kind-im-Wasser-Beispiel, worauf ich in Kap. II.2. auf Seite 11 eingehen werde). Gerade die Psychoanalytiker verwiesen zur Bestätigung gerne auf ihre „klinischen Beobachtungen“ und verübten im Sinne des Popperschen Wissenschaftskriterium einen Kardinalfehler, indem sie sie nicht nur „unvereinbar mit gewissen möglichen Beobachtungsresultaten“[14] machten, sondern auch gegen Kritik immunisierten. Die „Unwiderlegbarkeit ist keine Tugend einer Theorie (wie oft geglaubt wird), sondern ein Laster“.[15]

[...]


[1] Sigmund FREUD: Briefe an Wilhelm Fleiß 1887-1904. Ungekürzte Ausgabe, hrsg. von Jeffrey Moussaieff Masson. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1986. Brief Nr. 160 vom 10.3.1898, S.329. Zitiert nach: Sigmund FREUD: Das Ich und das Es. Metapsychologische Schriften. Mit einer Einleitung von Alex Holder. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1992, 7.

[2] Ibidem, 41.

[3] Vgl. dazu auch Anm. 12.

[4] Nach Freud war der Mensch zutiefst verletzt, als er erkennen musste, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums sei (Galileo und Kopernikus), er von Tieren abstamme (Darwin) und schließlich sein Ich nicht der Herr im eigenen (Seelen-)Haus war. Vgl. Sigmund FREUD: Neue Folgen der Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1991, 294.

[5] Karl POPPER: Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis. Teilband I: Vermutungen. Tübingen: Mohr Siebeck, 1994, 46.

[6] Vgl. dazu auch Poppers Werke: Das Elend des Historizismus und Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde.

[7] Vgl. ibidem.

[8] Vgl. ibidem, 47.

[9] Vgl. ibidem, 47f.. Ebenso Adolf GRÜNBAUM: Die Grundlagen der Psychoanalyse. Eine philosophische Kritik. Aus dem Englischen übersetzt von C. Kolbert. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 1988. 175.

[10] POPPER: ibidem, 48.

[11] Vgl. ibidem, 54 und auch GRÜNBAUM, 198f.

[12] Vgl. ibidem, 48 und ebenso Anm.3 der Einleitung.

[13] Ibidem. Ebenso Meinrad PERREZ: Ist die Psychoanalyse eine Wissenschaft? Bern: Verlag Hans Huber, 19792, 16.

[14] Ibidem, 50; vgl. ebenso PERREZ: ibidem, 16.

[15] PERREZ: ibidem.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Ist Freuds Theorie empirisch überprüfbar?
Untertitel
Poppers Vorwurf der Unüberprüfbarkeit der Psychoanalyse
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Philosophie und Psychotherapie
Note
Gut
Autor
Jahr
2006
Seiten
14
Katalognummer
V120060
ISBN (eBook)
9783640240463
ISBN (Buch)
9783640244607
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freuds, Theorie, Philosophie, Psychotherapie
Arbeit zitieren
Mag.phil. Paul Gragl (Autor), 2006, Ist Freuds Theorie empirisch überprüfbar?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120060

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