Graf Albrecht von Werdenberg


Klassiker, 2008
31 Seiten
Joseph Albrecht von Ittner (Autor)

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Das Geschlecht der Grafen von Werdenberg ist eines der ältesten von Deutschland. Ihre Geschichte ist mit der des mittleren Zeitalters durch höchst merkwürdige Begebenheiten verflochten. Der Ursprung dieser berühmten und erlauchten Familie liegt in den Finsternissen der ältesten Vorzeit begraben. Wahrscheinlich stammen diese Grafen aus dem alten Rhätien oder dem jetzigen Graubünden ab, das früher von den Söhnen des Kaiser August erobert, dann nach dem Verfall des römischen Kaiserthums eine Provinz des ostgothischen Reiches unter dem siegreichen König Theoderich ward. Die Besitzungen der Grafen von Werdenberg lagen auf beiden Ufern des jetzigen Rheinthales, von dem Ausbruche dieses an Strömung so mächtigen Flusses bis in die Gebirgsengen, wo er sich bei Chur aus den rhätischen Alpen herauswindet. Sie wurden durch Heirathen, Kauf, Verträge, Erbschaften und andere Erwerbsmittel bald gemehrt, bald getheilt nach verschiedenen Linien, und dehnten sich endlich weit nach Oberschwaben aus.

Graf Christoph von Werdenberg war der Letzte seines Stammes, und starb auf dem Schloß Sigmaringen an der Donau, der jetzigen Residenz der andern Linie des fürstlich hohenzollerischen Hauses, am 29ten Januar des Jahres 1534. Seine Leiche ward nach Trochtelfingen, einem Städtchen auf der schwäbischen Alp, abgeführt, und dort mit Helm und Wappen in der Kirche begraben, wo schon viele seiner Voreltern nach christlichem Gebrauche beigesetzt waren.

Aber die Hauptwohnorte der Grafen von Werdenberg waren das Schloß Sargans, wo der Rhein auf einmal eine Beugung nach dem nördlich gelegenen Bodensee nimmt, und sich gewaltig am Fuße des so steil emporsteigenden Berges bricht, über welchen der schweizerische Kanton St. Gallen mit einem ungeheuern, wahrhaft altrömischen Aufwande eine bewundernswerthe Kunststraße geführt hat.

Das Schloß Werdenberg liegt weiter das Rheinthal hinunter, ungefähr fünf Stunden von der Ausströmung des Flusses in den Spiegel des Bodensees, auf einer bergigen Anhöhe. Von dieser Veste nahmen eigentlich die Grafen von Werdenberg ihren Namen her. An dem Fuße beider Bergschlösser haben sich seit den ältesten Zeiten Bewohner unter dem Schutze der mächtigen und tapfern Grafen angesiedelt, und sich endlich in eine städtische Munizipal-Verfassung gestaltet. Werdenberg hat noch die Eigenheit, daß der untere Theil der Stadt mit festen und zum Theil auch schönen Häusern überbaut ist; ersteigt man aber die Anhöhe unmittelbar bei dem Schlosse, so findet man Straßen mit offenbar alemannischen Wohnungen, wie man sie noch heut zu Tage auf dem Schwarzwalde findet. Sie bestehen aus behauenen auf einander gelegten Balken, mit vielen Fenstern, inwendig mit Brettern ausgetäfelt. Warm für den Winter, und sonst sehr gesund wegen ihrer Trockenheit sind diese Wohnungen allerdings, aber auch leicht der Feuersgefahr ausgesetzt, die, wenn sie ausbricht, schreckliche Verwüstungen anrichtet. Sargans und Werdenberg gehören jetzt zum Gebiete des neuschweizerischen Kantons St. Gallen.

Vor zwei Jahren im September bereiste ich mit einem gelehrten Freunde, welcher der Geschichte altdeutscher Geschlechter wohl kundig ist, das herrliche Rheinthal von Rheineck aus bis an die Ausmündung der wilden, reißenden Landquart in den Rhein. Wir besuchten beide Ufer, sowohl auf der rechten als auch auf der linken Seite, und hatten herrlichen Genuß in diesem paradiesischen Thale, wo ganze Wälder von Obstbäumen undurchdringlich den Sonnenstrahlen, mit Wiesen, Weinbergen und fruchtbaren Aeckern, auf denen die goldenen Kolben des sogenannten Welschkornes (Zea mais L.) kräftig emporwuchsen, abwechselnd, von dem Fleiße des gewerbsamen Volkes zeugten, das in Städtchen, Dörfern und Flecken, das ehemalige werdenbergische Gebiet bewohnt, und einer edeln Freiheit unter dem Schutze einer väterlichen Regierung genießt.

Mein Freund bestieg alle Burgen, die uns rechts und links an dem Wege lagen, und unterhielt uns mit den Sagen und Begebenheiten der Geschlechter, die sie vor Jahrhunderten bewohnten. Leider hatte die Zeit viele in stolze Trümmer gestaltet, in denen noch stehende Thürme, übermäßig dicke, hochstrebende Pfeiler, unzerstörbare Gewölbe, von der Macht, dem Glanze und dem Reichthum der tapfern Männer, die sie einst bewohnten und das flache Land schützten, Zeugniß gaben. Es war ein den Geist niederschlagender und zugleich traurig erweckender Anblick, wenn man bedachte, wie geschäftig die Natur ist, die niedern Gräber ihrer Kinder mit Moos zu überziehen, wie sie die von Menschenhänden errichteten Wunderwerke der Baukunst unter Brombeerstauden verhüllt, und aus den Klüften unzerstörbarer Mauern, Gesträuche und mächtige Bäume hervortreibt. Wir sahen manchen hohen Saal an den Wänden mit grünen Netzen von Epheu überstrickt. Einst ertönten da die Lieder der vortrefflichsten alten Sänger, der Bildner unserer kräftigen deutschen Sprache, aus oder nahe den Zeiten der den schwäbischen Herzogen entsprossenen Hohenstaufischen Kaiser. Mein Freund, ein fleißiger Sammler von alten Denkmalen der Sprache, hat eine reiche Sammlung dieser altdeutschen Lieder, von denen zwei Bände bereits gedruckt, aber noch nicht ausgegeben sind, bis der dritte vollendet ist.

Nachdem wir von der so genußvollen Reise zurückgekehrt waren, so berichtigten wir viele Notizen über die Geschlechter, die einst in dem schönen Rheinthale hausten. Wir beschäftigten uns vorzüglich mit der vorherrschenden Familie der Grafen von Werdenberg. Auch hier schaffte uns die an historischen Denkmalen so reiche Bibliothek meines Freundes Rath. Mir war es hauptsächlich um eine sonderbare, an das Abentheuerliche gränzende Geschichte des Grafen Albrecht von Werdenberg zu thun. Dieser Graf Albrecht lebte in dem Laufe des zwölften Jahrhunderts, und befand sich einige Zeit an dem Hofe des zweiten Beherrschers und eigentlich ersten Königs von Portugall, Alphonso Henriquez. Er hatte einen deutschen Diener bei sich, Namens Thomas Lyrer, seßhaft zu Rankwyl unweit der Stadt Feldkirch im Nibelgau, in dem alten Landgerichte in Murinen genannt, der mit dem Grafen nach Portugall gefahren war. Von diesem Manne haben wir eine Chronik merkwürdiger Begebenheiten. Sie ward, nachdem sie lange in Archiven verborgen lag zum erstenmale abgedruckt in Ulm bei Konrad Dickmut im Jahr 1486. Hierauf sind bis zum Jahr 1500 noch einige Ausgaben erschienen. Die neueste und letzte Ausgabe besorgte im Jahr 1761 in Quart der Bürgermeister Reinhard Wegelin zu Lindau, und versah sie mit Zeugnissen älterer Schriftsteller über Thomas Lyrer, dessen Chronik nach einer bei dem Werke befindlichen Nachricht zum erstenmale im Jahr 1133 abgeschreiben worden seyn soll.

Wir nahmen aber noch eine andere handschriftliche Chronik aus den Büchern meines Freundes zu Hülfe. Diese ist von Johannes Müller. Der Mann war einst Sekretarius der Grafen von Zimbern zu Möskirch in Schwaben, dann durch eine lange Reihe von Jahren des nämlichen Hauses Obervogt zu Oberndorf am Neckar. In seinem höhern Alter zog er sich ganz von Geschäften zurück, und arbeitete ausschließlich an einer Chronik und Geschichte des Hauses Zimbern. Diese Chronik besteht in ungefähr 1800 großen Folioblättern in einem alten aber sehr reinlich geschriebenen Schriftcharakter des 16ten Jahrhunderts. Müller sagt selbst, daß er noch im Jahr 1566 mit dieser Chronik beschäftigt war. Da dem fleißigen Manne die Urkunden dieses berühmten Hauses zu Gebote standen, so sammelte er alles, was er auftreiben konnte. Auch war ihm zum Theil vorgearbeitet, denn Freiherr Wilhelm Werner von Zimbern trug schon 100 Jahre früher Materialien zu einer Geschichte seines Hauses zusammen. Müller hatte also Gelegenheit auch diese zu benützen.

Es ist Schade, daß diese Chronik noch nicht gedruckt ist. Sie ist höchst reich an Ereignissen, die auf das deutsche Vaterland, auf Kirche, Sitten, Lebensweise, Aberglauben, politischen und religiösen Betrug, Beziehung haben. Sie ist in der herzlichen und kräftigen Sprache geschrieben, die noch mit keinen Einmischlingen fremder Idiome vereiniget ist.

Aus diesen beiden Chroniken ziehe ich nun die Geschichte und Abentheuer des Grafen Albrecht von Werdenberg; beide Quellen sind in der Hauptbegebenheit miteinander einig. Thomas Lyrer ist in seiner Chronik etwas breiter und zuweilen undeutlich. Müller muß sie wohl gekannt haben, denn er nennt Lyrer einen Fabelhans. Vielleicht mag die feindselige Stellung des gräflichen Hauses Werdenberg gegen jenes von Zimbern, über welches er sich in sehr empfindlichen Ausdrücken ausläßt, an diesem Urtheile Antheil haben.

In dem 11ten und 12ten Jahrhundert waren die Grafen von Werdenberg sehr mächtige Herren. Im Jahr 1100 lebte Graf Heinrich von Werdenberg. Mit seiner Gemahlin Dorothea von Fatz, welches eine Grafschaft in Churwalen ist, hatte er fünf Söhne und zwei Töchter erzeugt. Von den Töchtern ward Kunigunde an einen Grafen von Ortenberg, Verena an einen mächtigen Landesbesitzer von Stadach aus Böhmen verheirathet.

Von den Söhnen hieß der älteste gleichfalls Heinrich wie der Vater, der zweite Albrecht, der dritte Rudolph, der vierte Hugo, der fünfte Ulrich. Unter diesen Söhnen starben zwei unverheirathet; nähmlich Graf Rudolph an dem Hofe des Königs von Böhmen; Hugo ward Domherr im Hochstifte Straßburg, der nachgehends in den Bernhardiner Orden trat.

Der älteste unter den Söhnen, Graf Heinrich, ward von seinem Vater an eine Erbgräfin von Sonnenberg verheirathet, und mit dieser Gemahlin erwarb er für seine Nachkommen die schöne Herrschaft Sonnenberg. Hiezu gab ihm der Vater noch seine eigene Herrschaft Sargans.

Der jüngere Sohn, Ulrich, vermählte sich mit einer Gräfin von Kirchberg, gemeiniglich Gräfin von Wollenstetten genannt. Sie ward ausgesteuert mit der Herrschaft Albeck und ihren Zugehörden.

So hatte denn der alte Graf Heinrich seine beiden Söhne auf eine anständige Art versorgt. Gedrückt vom hohen Alter und dessen Folgen der Kraftlosigkeit des Körpers, berief er seinen Sohn Albrecht zu sich, um die Landschaft, die er noch besaß, ihm regieren zu helfen. Bald darauf aber schied er aus diesem Leben den 5ten Mai 1111.

Gleich nach dem Tode des alten Herrn brach zwischen dem ältesten Bruder Heinrich, und dem jüngern noch unversorgten Graf Albrecht, der in Werdenberg gesessen war, ein gewaltiger Familienhader aus. Der Aelteste war zwar ein guter, aber im Grunde doch einfältiger leicht beweglicher Mann. Er hatte, sagt die Chronik, einen ledigen von Sonnenberg bei sich. Mit dem Worte ledig benannte man in der damaligen Zeitsprache einen Unehelichen oder Bastart. Dieser bemeisterte sich des Geistes bei dem sonst friedfertigen und gutmüthigen Grafen Heinrich, und bildete ihm ein, «ihm als dem ältesten Bruder gebühre eigentlich die Regierung des ganzen Landes. Es geschähe ihm also Unrecht, daß sein jüngerer Bruder Albrecht sich in dem Besitze der Grafschaft Werdenberg befände.» Er machte also bestimmten Anspruch auf die sämmtlichen Güter.

Graf Albrecht antwortete hierauf: er irre sich, und solle bedenken, daß ihr verstorbener Vater ihn schon bei seinen Lebzeiten in den Besitz der schönen Herrschaft Sargans gesetzt habe, damit solle er sich begnügen, ihn aber als seinen Bruder in Frieden und im ruhigen Genuß von Werdenberg lassen.

Allein Graf Heinrich verfolgte seine Ansprüche mit Gewalt; beide Brüder griffen einander an, und fügten sich in einer offenen Fehde großen Schaden zu.

Da legten sich Freunde und Verwandte in’s Mittel. Um die feindseligen Brüder auszugleichen ward Herr Hans von Waldburg und Conrad von Eckerstetten, beide Ritter, dann Seifried von Wollfartshausen und Dietrich von Helmsdorf von gemeiner Freundschaft abgeordnet, um nach aller Billigkeit den Familienzwist auszugleichen, oder wenigstens eine Waffenruhe zu Stande zu bringen.

Nach langer Unterhandlung, bei der in der Hauptsache nichts entschieden ward, brachten sie endlich ein Einverständniß dahin, «daß jedem der Brüder, sechs angesehene Herren aus der Freundschaft, die von Vater und Mutter Fürsten, Grafen oder Ritter wären, innerhalb zwei Monaten benannt und ausgeschieden werden sollten, die sich nach Konstanz an dem Bodensee zu begeben hätten, um dort eine friedliche Handlung und Thätigung zu besorgen.

Die Bürger von Konstanz hievon benachrichtiget, geriethen nicht unbillig in Sorge, daß der Einzug von vielen Fürsten und Edelleuten mit einem großen Gefolge von Reisigen, Pferden und Dienern die Sicherheit und Ruhe ihrer Stadt gefährden könnte. Sie erklärten sich zwar bereit, diese ansehnliche Versammlung aufzunehmen, bedingten jedoch, daß ein Fürst nur zwölf, ein Graf nur fünf, ein Ritter oder ein Gemeiner von Adel nicht mehr als ein Pferd mit sich bringen dürfe. Zugleich beschieden sie einiges Kriegsvolk zusammen, und verordneten über dasselbe zwei Hauptleute, nämlich Konrad Sticker und Bruno Tetikofer. Auch ließen sie nicht alle die Reisigen oder bewaffneten Reiter in die Stadt, sondern wiesen einem Theil derselben Wohnung und Aufenthalt in den benachbarten Ortschaften an. Diese Maßregeln schienen den Bürgern zur Handhabung der innern Polizei und des städtischen Friedens nothwendig.

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Details

Titel
Graf Albrecht von Werdenberg
Autor
Jahr
2008
Seiten
31
Katalognummer
V120177
ISBN (Buch)
9783640238781
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Graf, Albrecht, Werdenberg
Arbeit zitieren
Joseph Albrecht von Ittner (Autor), 2008, Graf Albrecht von Werdenberg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120177

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