Was zeichnet Konstruktivismus aus? Ist er „einfach“ eine weitere „Denkrichtung“, welche sich anderer Wissenschaften bedient und die versucht das „Bild der Welt“, die Realität, greifbar zu machen, um politische Handlungen, Strukturen in den internationalen Beziehungen zu verstehen? Versucht die Politikwissenschaft über einen weiteren abstrakteren Gedankenweg ein neues Theoriegebäude zu errichten, um einer „zukünftigen“ Wirklichkeit der internationalen Beziehungen darin Obdach zu gewähren? “Beim Konstruktivismus stellt sich als erstes die Frage, ob er überhaupt auf eine Stufe mit den anderen, empirisch gehaltvollen Theorien wie Realismus, Liberalismus, Institutionalismus, Marxismus und Feminismus gestellt werden darf oder ob er nicht auf einer übergeordneten Ebene der Theoriebildung in den IB angesiedelt werden muss, bei der es um Fragen nach grundsätzlichen Charakter der Gegenstände, der Konstitution von Akteuren und ihrer Interaktion geht.“
Krell lässt die Beantwortung dieser Frage offen. Hintergrund dieser Arbeit ist, den in den IB verwendeten Konstruktivismus in seinen Inhalten zu untersuchen und eine Aussage zu treffen, ob er als eine Theorie in den IB angesiedelt werden kann oder ob er eine „Besonderheit“ darstellt. Es wird angestrebt eine treffende Antwort auf die oben gestellte Frage von Krell zu geben, da er sie bewusst offen gelassen hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Grundlagenermittlung
2. Soziologisches Fundament auf unerschlossenem Bauland?
3. Bauantragsplanung für das Theoriegebäude „Konstruktivismus“
4. Alles nur Fassade? – „Schein“ oder „Sein“ wissenssoziologischer Phänomene
4.1 Rohbau aus Realität
4.2 Erkenntnis als ein Baumaterial
4.3 Zweifel an der „politisch – korrekten“ Bauplanung
5. Fehler in der Ausschreibung?
6. Projektgutachten
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht den Konstruktivismus in den Internationalen Beziehungen (IB), um zu klären, ob es sich dabei um eine eigenständige Theorie handelt oder lediglich um eine theoretische Perspektive bzw. ein ergänzendes "Bauprojekt". Das primäre Ziel ist die inhaltliche Analyse der Grundbegriffe des Konstruktivismus, um dessen Verortung innerhalb der IB-Theoriebildung präzise zu bestimmen und die offene Forschungsfrage nach seinem theoretischen Status zu beantworten.
- Grundlagen und Definition des Konstruktivismus in den IB
- Soziologische Fundierung und Wissenssoziologie
- Analyse der Akteur-Struktur-Problematik
- Bedeutung von Ideen, Normen und Regeln als konstitutive Elemente
- Abgrenzung zu Rationalismus und Institutionalismus
Auszug aus dem Buch
Erkenntnis als ein Baumaterial
Die Frage „Was existiert?“ will die Ontologie beantworten, die Frage „Was können wir wissen?“ die Epistemologie. Der Unterschied liegt darin, dass Beobachter über verschiedene Dinge sprechen können, die sie aus zufälligen Gründen für dasselbe halten, ohne ihre unterschiedliche Referenz zu bemerken. Kognitiv, das heißt in ihrem eigenen Erkenntnishorizont, sprechen sie über dasselbe, das real oder ontologisch jedoch etwas Verschiedenes „ist“. Die eigene Erkenntnis wird in die symbolische Struktur gefasst, die im Laufe der Wahrnehmungskommunikation als Vorstellungen der kognitiven Realität aufgebaut wurde. Die ontologische Frage ist infolgedessen von der Referenz zu unterscheiden. Die beschriebene Realität „konstituiert“ sich folglich durch „Erkenntnis“, in dem individuell eine Vorstellung über Aspekte der Realität entwickelt wird. Das „Erkennen“ ist notwendiger Bestandteil jedes menschlichen Handelns in dieser Welt und zielt primär darauf ab, das Überleben sicherzustellen.
Wobei hierzu eine minimale Fähigkeit, Strukturen der Realität zu erkennen und diese auf das eigene Handeln abzustellen, Voraussetzung ist. Als „Erkenntnis“ gilt zum einen, was in einer bestimmten sozialen Gruppe als gültige Aussage über Realität anerkannt wird und zum anderen bezieht sie sich auf einen Gegenstand, der ein externes Korrektiv für die perspektivische Vorstrukturierung darstellen kann und jenseits des Erkenntnisprozesses selbst verortet ist. Der sozialisierte Mensch hat gelernt die „Welt“ so zu sehen, wie seine soziale Gemeinschaft sie in „Wirklichkeit“ transformiert hat. Seine Akzeptanz in diesem „Kollektiv“ hängt weitgehend davon ab, dass sein Weltbild nicht von dem ihren abweicht. Der Einzelne ist damit in die kollektive Deutung der Realität eingebunden und aus der sozialen Verankerung des Individuums ergibt sich eine bestimmte Perspektive auf die Realität. Das Problem der Erkenntnis besteht dennoch in der Frage, wie der Mensch sich sicher sein kann, wirkliches Wissen über eine objektive Wirklichkeit zu besitzen, da sich wirkliches Wissen auf die wirkliche Welt beziehen müsste, er aber nur ihre Erscheinungen kennt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Grundlagenermittlung: Dieses Kapitel führt in die Problematik der theoretischen Einordnung des Konstruktivismus innerhalb der Internationalen Beziehungen ein und stellt die zentrale Forschungsfrage.
2. Soziologisches Fundament auf unerschlossenem Bauland?: Hier werden die soziologischen Ursprünge des Konstruktivismus beleuchtet und die Relevanz des Paradigmenstreits zwischen Rationalismus und Konstruktivismus diskutiert.
3. Bauantragsplanung für das Theoriegebäude „Konstruktivismus“: Das Kapitel definiert den Begriff Konstruktivismus in den IB und hebt die intersubjektive Qualität sozialer Welten sowie die Konstitution von Akteur und Struktur hervor.
4. Alles nur Fassade? – „Schein“ oder „Sein“ wissenssoziologischer Phänomene: Dieser Hauptteil analysiert die Realitätskonstruktion, die Rolle von Erkenntnis und die Bedeutung menschlichen Handelns im strukturellen Kontext.
4.1 Rohbau aus Realität: Untersuchung des Verhältnisses zwischen materieller Realität und sozial konstruierter Welt.
4.2 Erkenntnis als ein Baumaterial: Analyse der erkenntnistheoretischen Grundlagen und der Transformation von Wissen in eine soziale Realität.
4.3 Zweifel an der „politisch – korrekten“ Bauplanung: Diskussion der Akteur-Struktur-Problematik und der Rolle von Macht sowie Institutionen.
5. Fehler in der Ausschreibung?: Kritische Auseinandersetzung mit der inhaltlichen Ausgestaltung des Konstruktivismus und der Rolle von Ideen und Normen als konstitutive Elemente.
6. Projektgutachten: Abschließende Bewertung, ob der Konstruktivismus als eigenständige Theorie oder als ergänzende Perspektive („Upgrade“) zu verstehen ist.
Schlüsselwörter
Konstruktivismus, Internationale Beziehungen, Sozialkonstruktivismus, Ontologie, Epistemologie, Akteur-Struktur-Problem, Wissenssoziologie, Realität, Erkenntnis, Normen, Ideen, Institutionen, Identität, Rationalismus, Theoriebildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den wissenschaftstheoretischen Status des Konstruktivismus in den Internationalen Beziehungen und prüft, ob er ein eigenständiges Theoriegebäude darstellt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Wissenssoziologie, der Akteur-Struktur-Konstitution, der Bedeutung von Ideen und Normen sowie dem erkenntnistheoretischen Dreieck aus Ontologie, Epistemologie und Methodologie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die von Gert Krell aufgeworfene Frage zu beantworten, ob der Konstruktivismus als eigenständige Theorie oder als eine Form der übergeordneten Theoriebildung in den IB anzusehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturgestützte Analyse, die unter anderem auf Ansätze von Alexander Wendt, Thomas Risse und Anthony Giddens zurückgreift.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Konstruktion von Realität, dem Stellenwert von Erkenntnis sowie der Rolle von Macht und Institutionen innerhalb der konstruktivistischen Perspektive.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Konstruktivismus, Akteur-Struktur-Problem, Wissenssoziologie, Erkenntnistheorie, Normen und Institutionen.
Wie unterscheidet der Autor zwischen „Rohbau“ und „Theoriegebäude“?
Der Autor nutzt diese Metapher, um zu verdeutlichen, dass der Konstruktivismus zwar „Baumaterial“ (Erkenntnisse, Perspektiven) liefert, aber in seiner aktuellen Form noch kein abgeschlossenes, eigenständiges Theoriegebäude bildet.
Zu welchem Schluss kommt der Autor im Projektgutachten?
Der Konstruktivismus wird nicht als gleichwertige Theorie zu Realismus oder Liberalismus eingestuft, sondern als „Upgrade“ verstanden, das hilft, soziale Phänomene innerhalb der Internationalen Beziehungen besser zu verstehen.
Warum spielt die Soziologie eine so große Rolle für den Konstruktivismus?
Da der Konstruktivismus davon ausgeht, dass soziale Realität durch menschliche Interaktion, Normen und Wissensbestände konstituiert wird, basieren seine zentralen Konzepte auf der Wissenssoziologie.
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- Christian Schäfer (Author), 2007, Konstruktivismus , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120252