Mine-Haha

oder Über die körperlicher Erziehung der jungen Mädchen


Klassiker, 2008
61 Seiten
Frank Wedekind (Autor)

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Als ich heute vor acht Tagen, um diese Stunde etwa, nach Hause kam, wurde ich unter dem Torweg von einem Schutzmann aufgehalten, der mir den Eintritt nicht eher gestattete, als bis ich ihm durch die Adresse einer an mich gerichteten Postkarte bewiesen hatte, daß ich im Rückgebäude wohne. Auf dem Hofe standen zehn bis zwanzig Menschen enggedrängt beieinander und tauschten mit gedämpften Stimmen ihre Eindrücke und Ansichten aus. Meine Zimmernachbarin, die vierundachtzigjährige pensionierte Lehrerin Helene Engel, hatte sich aus dem vierten Stock in den Hof hinuntergestürzt. Unter den Umstehenden galt es für gänzlich ausgeschlossen, daß ein mit klarem Bewußtsein vollführter Selbstmord vorlag; die Tat wurde vielmehr für die Folge einer geistigen Störung gehalten, die sich bei der alten Dame seit mehreren Monaten in plötzlichen Anfällen von Angst, Verworrenheit und Exaltation bemerkbar gemacht hatte. Nach wenigen Minuten fuhr draußen der Sanitätswagen vor. Nachdem ein Arzt den Tod als unzweifelhaft festgestellt hatte, hielt es unsere Zimmervermieterin für das zweckmäßigste, daß die Verunglückte sofort nach dem Leichenhause gebracht wurde.

Es mögen etwa drei Wochen her sein, daß mich die nun Dahingeschiedene eines Tages auf meinen Gruß hin auf dem Korridor ansprach. Sie sagte, sie habe kürzlich ein Buch von mir »Frühlings Erwachen« gelesen; ob ich ihr erlauben wolle, mir etwas Ähnliches, das sie selber vor langen Jahren einmal niedergeschrieben, zur Einsicht zu geben. Sie lud mich in ihr Zimmer ein, holte aus dem untersten Fach ihres Kleiderschrankes eine angebrochene Flasche Rotwein hervor und füllte zwei Gläser. Das Manuskript, dem ich diese Bemerkungen beifüge, lag auf dem Schreibtisch. Sie erzählte mir dann, sie sei als Kind sehr begüterter Eltern geboren. Mit siebzehn Jahren habe sie sich gegen den Willen ihrer Familie mit einem früheren Offizier, einem Witwer, verheiratet, dem sie schon als Backfisch eine abgöttische Verehrung entgegenbrachte. In wenigen Jahren schenkte sie ihm drei Kinder, die alle zu tüchtigen Menschen heranwuchsen, heute aber längst unter der Erde ruhen. Sie selber ließ sich, als sich ihr Gatte nach fünfjähriger Ehe plötzlich dem Trunk ergab, von einem blutjungen Architekten nach Amerika entführen, kam dort aber offenbar bald in die Lage, für ihren Geliebten arbeiten zu müssen. Sie erzählte mir, sie sei zuerst Dienstmädchen, dann Krankenwärterin und schließlich Lehrerin gewesen. Als solche lebte sie mit einem augenscheinlich hochgenialen Musiker zusammen, der sich sein Brot verdiente, indem er nachts im »Melodion« und anderen Tingeltangeln Klavier spielte. Weitaus die längste Zeit ihres amerikanischen Aufenthaltes habe sie in Brasilien verlebt, wo sie Indianerkinder unterrichtete und dabei auf ungesattelten Präriepferden ebenso sicher reiten lernte wie der geborene Sohn der Wildnis. Diese Erinnerung schien mir die aus ihrem Leben ihr selbst am teuersten zu sein. In der »Gartenlaube« las sie im Jahre 1871, daß ihr erster Mann bei Gravelotte den Heldentod gestorben war, und kehrte darauf nach Europa zurück. Ihre Eltern waren längst nicht mehr am Leben. Nach der Revolution hatten sie ihr Vermögen verloren und starben fast gleichzeitig in freudloser Zurückgezogenheit. Sie selber etablierte sich zuerst als Privatlehrerin und erhielt später Anstellung an einer höheren Töchterschule. Von irgendwelcher Parteinahme für die Ziele der heutigen Frauenbestrebungen konnte ich aus ihren Worten nichts entnehmen. Dagegen ist die Entstehung vorliegenden Manuskriptes wohl auf ihre spätere Lehrtätigkeit in Deutschland zurück­zu­datieren.

Dieses Manuskript erscheint mir, wenn ich es nicht überschätze, seiner stilistischen Eigenart wegen einer Veröffentlichung wert. Der Untertitel »Über die körperliche Erziehung junger Mädchen« stammt natürlich von mir. Ich glaube ihn beifügen zu müssen, da mir die Aufschrift »Mine-Haha« aus den Aufzeichnungen, soweit ich sie bis heute kenne, offen gestanden, nicht verständlich wird. Ich hoffe aber, daß sich in dem Nachlaß der alten Dame noch weitere Blätter finden.

I

Wenn ich mich dazu entschließe, in diesen Zeilen meine Lebensgeschichte niederzulegen, so geschieht es nicht, weil ich irgendwie den Beruf einer Schriftstellerin in mir fühle. Ich darf wohl sagen, daß mir nichts auf dieser Welt so verhaßt ist wie ein Blaustrumpf. Eine Frau, die ihren Lebensunterhalt durch die Liebe verdient, steht in meiner Achtung immer noch höher da als eine, die sich soweit erniedrigt, Feuilletons oder gar Bücher zu schreiben. Nur der Umstand, daß mein ganzes Leben so vollkommen verschieden war von demjenigen aller übrigen Frauen, kann mich dazu bewegen, das zu Papier zu bringen, was ich so manches Mal erzählt habe und was, wenn ich tot bin, niemand mehr erzählen wird. Ich werde nur dieses eine Buch schreiben; die Welt braucht meinetwegen nicht besorgt zu werden. Aber ich habe auch das bestimmte Gefühl, daß ich dieses eine nicht schlecht schreiben werde. Ob es nach meinem Tode gedruckt werden soll, darüber wird mein Sohn Edgar zu entscheiden haben. Rücksichten, die er den kleinlichen Verhält­nissen, in denen er lebt, zu tragen hat, mögen ihn vielleicht davon abhalten. Diese Rücksichten können mich aber nicht davon abhalten, meine Erlebnisse zu Papier zu bringen, und wenn es mir nicht vergönnt ist, für einen verständigen Leser oder eine hübsche Leserin zu schreiben, so schreibe ich für mich selber. Jetzt, wo die fürchterlichen Aufregungen des Lebens vorüber und wo auch seine Freuden für mich erloschen sind, bleibt mir doch nichts besseres mehr zu tun übrig. Der einzige Wunsch, den ich auf dieser Welt noch habe, ist der, daß mich der Tod nicht ereilt, bevor ich die Feder aus der Hand gelegt habe. Ich muß befürchten, daß ich, da ich nun einmal mit Schreiben angefangen, in diesem Falle in der Erde keine Ruhe finden würde, sondern nächtlicher Weile zu meinem unvollendeten Manuskript zurückkehren müßte.

Aus meiner frühesten Kindheit weiß ich eigentlich nicht viel Interessantes zu berichten, obschon meine Erinnerung sehr weit zurückreicht, beinahe bis in mein zweites Lebensjahr. Aus meiner ersten Jugend ist mir nicht ein einziger Regentag in Erinnerung. Ebensowenig kann ich mich darauf besinnen, daß es jemals Winter geworden wäre. Mein ganzes Leben hindurch, wenn ich an jene Jahre zurückdachte, sah ich nur Sonnenschein, der durch dichte grüne Blätter fällt. Das helle Grün der von oben beschienenen Blätter, das ist der Himmel, wie ich ihn zuerst kennen gelernt. Und noch jetzt, wenn es mir manchmal so recht kindlich munter ums Herz ist, habe ich sofort wieder jenes Grün vor den Augen. Grün ist für mich die Farbe des Glückes, nicht die der Hoffnung. Um mir die Hoffnung noch unter irgendeiner Farbe zu denken, dazu bin ich zu alt, indem ich keine Ursache habe, noch irgendwelche besonderen Hoffnungen zu hegen.

Das früheste Bild, das sich meiner Erinnerung eingeprägt hat, ist folgendes: Ich bin auf einen Stuhl geklettert und stehe am offenen Fenster, neben mir Naema, die acht gibt, daß ich nicht herunterfalle. Ich fragte sie, was das vor mir für Blumen seien und sie nannte sie mir eine nach der anderen. Die große Kalla zu meiner Linken sehe ich noch heute so deutlich, daß ich danach greifen möchte; aber dann kommt lange nichts mehr, bis ich eines Tages neben dem Weiher das dichte Laubdach der Linden entdeckte, die den ganzen Garten beschatteten. Julian, einer der älteren Knaben, hatte mich, auf der Steinbrüstung des Weihers kniend, ins Wasser hinunter­gelassen und untergetaucht. Jetzt stand ich wieder draußen, heulte, was ich konnte, rieb mir die Augen und blickte aufwärts. Da füllte mir beim Anblick der sonndurchleuchteten Blätter eine Wonne das Herz, die mich den Augenblick nicht hat vergessen lassen. In demselben Augenblick erinnere ich mich auch, zum erstenmal das Haus von außen gesehen zu haben; die niedrige, einstöckige, breite weiße Front mit der langen Reihe Fenster, jedes mit grünen Jalousieläden und einem dichten Blumenflor auf der Fensterbank. Und darüber das zweimal so hohe, steile Schieferdach, das sich in den Wipfeln der Bäume verlor, stellenweise mit Moos bewachsen und mit einem großen Dachfenster, gerade über der Haustür. Unter jener Haustür habe ich nachher so manches Mal auf einem Schemel gesessen und Stroh geflochten für unsere breiten Hüte, während kleinere Knaben und Mädchen, Kinder in dem Alter, in welchem ich damals war, zu meinen Füßen mit Erde und Wasser spielten.

Zusammenhängend werden meine Erinnerungen erst von dem Tage an, wo ich zum erstenmal Schuhe an den Füßen hatte, also mit Beginn meines vierten Jahres. Wir waren unserer sieben, drei Knaben und vier Mädchen, ein ziemlich starker Jahrgang, da wir alles in allem nur unserer dreißig Kinder im Hause waren. Die Schuhe wurden uns von Ella und Aspasia, zwei der ältesten Mädchen, die im darauffolgenden Frühjahre das Haus verließen, angezogen, und wir stolzierten selbstbewußt auf dem knirschenden Kies im Garten umher. Dann mußten wir uns aber gleich dem Hause gegenüber, dicht vor der großen hölzernen Halle der Größe nach aufstellen. Ich war die drittgrößte, über mir zwei Knaben; der dritte Knabe war der Kleinste von uns. Während dieses ersten Sommers trugen wir übrigens die Schuhe nur während der Übungen, was uns nachher ganz angenehm war, da sie immer so fest geschnürt wurden, daß man die leiseste Berührung hindurch empfand. So liefen wir denn die übrige Zeit noch mit Wonne barfuß in Haus und Garten umher.

Gertrud trat zu uns mit einer feinen Rute unter dem Arm. Sie war mit ihrem glattanliegenden schwarzen Haar, ihren funkelnden Augen, ihrem schmalen Gesicht und ihrer schlanken Figur für mich, bis ich jenes Haus verließ, der Inbegriff der Schönheit. Noch in meinem letzten Jahr stieg ich ihr oft bis unter den Dachboden hinauf nach, nur um das Vergnügen zu haben, sie die Treppe herunter kommen sehen. Jetzt mochte sie achtzehn oder neunzehn Jahre alt sein. Sie sowohl wie Naema, die etwas älter war, blieben alle vier Tage einen ganzen Tag über fort. Dann waren wir dreißig mit einer allein und mußten meistens waschen, das heißt die älteren, während die jüngeren die weißen Kleidchen um den Weiher herum zum Trocknen aufhängten.

Gertrud zog die Weidenrute, die sie in der Rechten hielt, durch die linke Hand und sah uns eines nach dem andern lächelnd an. Dann nahm sie ihr Kleid mit beiden Händen soweit hinauf, daß man ihre Beine bis über die Knie sehen konnte und zeigte uns, wie man gehen müsse. Sie trug außer den hohen gelben Schnürstiefeln auch noch weiße Socken, die ihr aber nicht einmal bis zur Mitte der Wade reichten. Sie hob die Knie ein wenig und setzte den Fuß mit der Fußspitze auf; dann ließ sie langsam die Ferse nieder, aber nicht bevor nicht der Fußrücken bis zur großen Zehe mit dem Schienbein eine gerade Linie gebildet hatte. Ihr volles, rundes, aber zart geformtes Knie streckte sich in demselben Moment, wo die Ferse die Erde berührte.

Wir alle mußten unsere Kleidchen hinaufraffen und mit den eingestützten Händen über den Hüften festhalten. Dann ging das Marschieren los, so langsam, daß man zwischen jedem Schritt einmal ums Haus hätte laufen können. Dabei hatte sie ihre Rute fortwährend auf unseren Fußspitzen, unter unseren Knien oder unter den Waden, wenn eins den Fuß zu rasch sinken lassen wollte. Lora, die kleinste von uns Mädchen, übrigens ein ausnehmend hübsches Kind, von der ich später noch viel erzählen werde, hätte beinahe angefangen zu weinen. Wenigstens rollten ihr schon die dicken Tränen über die Wangen hinunter. Aber Gertrud warf ihr einen so unheimlichen Blick zu, daß sie sich von dem Augenblick an mehr zusammennahm als alle übrigen.

So ging es dreimal im ganzen Garten herum. Dann humpelten wir ins Haus, zogen die Schuhe aus, warfen unsere Kleidchen ab und liefen, so rasch wir konnten, zum Weiher. Die Knaben waren jenseits und wir diesseits des Springbrunnens. So spritzten wir aufeinander ein und zogen uns in den Regen der Fontäne. Die Fische strichen uns zwischen den Beinen durch. Es war streng verboten, sie zu fangen und über das Wasser zu halten oder sie sonst auf irgendeine Weise zu quälen. Manchmal glitt eins auf den Steinfliesen aus und geriet unter Wasser. Dann war großes Hallo. Ertrinken konnte man nicht leicht, da der Weiher nirgends tiefer war als etwa anderthalb Fuß. Als wir gebadet, setzten wir uns in einer Reihe nebeneinander auf die Brüstung, die Füße noch im Wasser und ließen uns trocknen.

Bei den weiteren Übungen sah Gertrud vor allen Dingen darauf, daß wir beim Gehen die Hüften straff gespannt hielten. Wenn eins sich in den Hüften gehen ließ oder gar einknickte, bekam es eins hinten auf. Sie sagte, man dürfe beim Gehen keinen Boden mehr unter den Füßen fühlen, man dürfe seine Beine überhaupt nicht mehr spüren, man dürfe nur noch fühlen, daß man Hüften habe. Die Hüften, das sei der Mittelpunkt; der müsse unbeweglich und ruhig bleiben. Aber alle anderen Bewegungen im Oberkörper sowohl wie in den Beinen bis in die Zehenspitzen müßten von den Hüften ausgehen und von ihnen aus gewollt und dirigiert werden. Sie selber war in dieser Beziehung ein wahres Muster. Wenn man sie auf sich zukommen sah, hatte man gar nicht mehr die Empfindung, daß sie einen Körper von einer gewissen Schwere hatte. Man sah nur Formen. Und auch die Formen vergaß man beinahe über der Schönheit der Bewegung. Anderen Menschen gegenüber erschien sie mir immer wie etwas, was ich mir nur in meiner Phantasie gedacht und was in Wirklichkeit gar nicht existierte. Manchmal zwinkerte ich mit den Augen, um zu sehen, ob sie nachher noch da war. Übrigens merkte ich schon damals, daß alle diese Übungen uns Mädchen viel leichter wurden als den Knaben, die nie über ihre Extremitäten wegkamen. Und wenn einige von uns Mädchen so sehr breite Hüften bekamen, so bin ich fest überzeugt, daß das nur daher rührt, daß wir gewissermaßen mit den Hüften denken lernten.

Von Beginn des fünften Jahres an wurden wir allesamt, die Knaben sowohl wie die Mädchen, dazu angehalten, die kleinen Kinder zu pflegen, die ins Haus gebracht wurden. Jedes von uns hatte seinen Säugling. Ich bekam ein Mädchen, während die kleine Lora, die indessen meine Freundin geworden war, einen Knaben hatte. Wir mußten die Kinder rein halten, sie den Tag über in den Garten hinausbringen oder unter die hölzerne Halle, wenn es regnete, und ihnen die Flasche geben; geradeso wie es die älteren Kinder, die jetzt längst nicht mehr da waren, mit uns gemacht hatten. Des Nachts schliefen die Kleinen allein unter der Obhut Naemas, während wir älteren mit Gertrud zusammenschliefen. Wenn Gertrud ausging, dann blieb sie immer auch nachts über fort und kam erst am Morgen wieder. Dann war sie meistens sehr gutherzig und lächelte noch mehr als sonst.

Und nun komme ich auf Morni, einen der ältesten Knaben, der mir über alles gefiel, und den ich später nie wieder gesehen habe. Beim Baden sah ich ihn und nur ihn. Er war schon so groß, daß ihm das Wasser nicht bis an den Leib reichte. Er hatte ein Paar Augen, so voll Sonnenglanz und Herrlichkeit, daß ich ihn nur immer bei Namen rief, um ihm recht in die Augen sehen zu können. Und dann dieser feine Rücken, wenn er sich niederbeugte, um ein kleines Kind durchs Wasser zu leiten. Einmal erinnere ich mich, da stand er oben auf der Brüstung und sprach mit einem Kameraden, der noch im Wasser war. Ich kauerte mit zwei anderen Mädchen unter dem Springbrunnen. Da sog ich seine Schönheit in vollen Zügen in mich ein, und die Nacht darauf schlief ich so süß, als hätte ich eine frischere, bessere Luft geatmet. Drei Wochen später, als uns Gertrud eines Morgens die Decken abnahm, war sein Bett leer samt dem seines Kameraden und eines Mädchens. Niemand von uns wagte eine Frage zu tun. Auch untereinander sprachen wir nicht darüber. Ich fragte mich damals im stillen, ob es damit zu Ende sei. Naema und Gertrud hielt ich dann hin und wieder für Geschöpfe höherer Art, die niemals Kinder wie wir gewesen. Bei alledem hatte ich ein bestimmtes Gefühl, als müßte man sich doch noch einmal wiedersehen, besonders, wenn ich an Morni dachte. Ich habe ihn, wie gesagt, nie wiedergesehen. Ich habe mich mein ganzes Leben lang, auch noch in späteren Jahren, oft nach ihm erkundigt. Die wenigsten erinnerten sich seiner überhaupt noch. In seinem neunten Jahr, nachdem er bereits zu den Besseren erwählt war, zerschmetterte er sich bei einem Sturz vom Turngerüste den Kopf. Mir blieb er unvergeßlich.

Während des letzten Jahres unterrichtete uns Gertrud im Laufen und Springen. Dann erinnere ich mich auch einer großen roten Kugel, die unter der hölzernen Halle lag und auf der wir so ziemlich alle gehen lernten, aber mehr aus eigenem Antriebe. Wir stellten uns oft zu zweit darauf, Lora und ich, umschlangen uns mit den Armen so fest wie möglich, setzten die Füße zwischen einander und bewegten die Kugel so zwischen Tischen und Bänken durch in der ganzen Halle umher. Einmal überfuhren wir ein Kind, ohne daß es Schaden genommen hätte. Auch das Stelzengehen war sehr beliebt, aber Gertrud hielt nichts davon. Sie konnte es nicht sehen. Sie sagte, es sei geschmacklos und ungesund. Dagegen spielte sie sehr gern Ball mit uns, wenn sie einen freien Moment hatte. Ihre Lieblings­unterhaltung aber war das Springseil, in welchem sie die Knaben sowohl wie die Mädchen springen ließ, und sich immer freute, wenn einem das Kleid ins Gesicht schlug. Sie selber war Virtuosin darin. Von uns Kindern konnte ihr niemand das Seil rasch genug schwingen. Wenn sie es selber tat, schwang sie es während eines Sprunges dreimal unter den feinen straffgestreckten Fußspitzen durch, und im nächsten Moment berührte sie, bei derselben Geschwindigkeit, zwischen jedem Schwung den Fußboden. Dann sah man kein Seil mehr und sie selber verschwamm einem vor den Augen.

Während der heißen Sommertage waren wir fast ununterbrochen im Wasser, hockten auf der Weiherbrüstung umher oder lagen unter dem Springbrunnen und ließen uns den Regen ins Gesicht plätschern. Unsere breiten Strohhüte behielten wir dabei auf, während wir die Kleider nur zu den Mahlzeiten und zum Unterricht anlegten. An Schwimmen dachte noch niemand von uns, auch die Knaben nicht. Es wäre auch in dem niedrigen Wasser nicht gut möglich gewesen. Eines übrigens fällt mir erst jetzt ein, daß weder Naema noch Gertrud jemals mit uns gebadet haben. Beide gingen immer mit bloßen Armen, aber niemand von uns Kindern hat jemals eine von ihnen so gesehen, wie wir damals den halben Tag über waren. Es mochte das nicht wenig zu der Ehrerbietung beitragen, die alle vom jüngsten bis zum ältesten den beiden Mädchen gegenüber hegten. Morgens, wenn uns Gertrud aufdeckte, war sie immer schon vollständig angekleidet und abends kam sie nie, bevor es dunkel geworden war. Einmal bemerkte ich, daß sie nachts über ein Hemd trug. Sigwart, dessen Bett neben dem meinigen stand, hatte einen Erstickungsanfall bekommen. Gertrud stand auf und machte Licht. Das Hemd reichte ihr bis auf die Knöchel. Ich sehe sie noch, wie sie den dunkelroten Kopf des Jungen zwischen ihren weißen Händen hielt. Sie machte Sigwart einen kalten Umschlag, setzte sich auf die Bettkante und sprach ihm leise zu, bis er eingeschlafen war. Darauf legte sie sich im Hemd wieder zu Bett.

Aber nun die Unterrichtsstunden. Ich freute mich schon immer darauf, wenn ich morgens die Augen aufschlug. Morni war nicht mehr da; die Knaben in meinem Alter hatten nichts, was mich hätte interessieren können, und so war mir Gertrud alles, was ich Schönes auf dieser Welt kannte. Das Kostüm, das wir zum Laufen und Springen trugen, habe ich doch nachher oft wiedergesehen, meistens sogar an Erwachsenen; aber an niemandem, selbst nicht an Arno, mit dem ich die seligsten acht Tage meines Lebens verbrachte, hat es mir besser gefallen, als damals an Gertrud. Ich war noch nicht ganz sieben Jahre alt, aber der Eindruck ist mir unauslöschlich geblieben. Bei unseren früheren Übungen hatte Gertrud immer ihr gewöhnliches weißes Kleid anbehalten, das sie dann einfach bis zum Knie hinaufnahm. Jetzt trug sie sich ganz wie wir. Sie war immer schon fix und fertig, wenn sie mit der Weidenrute in der Hand aus dem Hause trat und uns rief, wir sollten uns parat machen. Wir eilten hinein, warfen unsere kurzen weißen Röckchen ab und schlüpften in unsere Kostüme, die wir uns gegenseitig über den Rücken hinauf zuhakten. Sie reichten nicht bis über den Leib und waren zwischen den Beinen geschlossen, so daß die Beine bis zum Leib hinauf nackt waren. Gertrud musterte uns eins nach dem andern, sah, ob alles gut sitze und zog gewöhnlich bei jedem den Gürtel noch etwas fester. Den Kopf mußten wir soweit wie möglich zurücklegen und die Hände hinter dem Kopf gefaltet halten. Solange die Übung dauerte, durften wir mit den Fersen die Erde nicht berühren. Gertrud sagte, das gäbe schöne Waden. Die Knie durften wir nur ganz wenig biegen und während des Laufens den Fuß nur mit der Spitze aufsetzen. Lora und Heidi konnten das ausgezeichnet. Man hörte keinen Kieselstein sich bewegen, wenn sie gingen. Beide hatten schmale Gelenke und runde Knie und konnten die Finger hinter die Hand zurückbiegen. Gertrud ließ sie oft allein einen Rundlauf durch den Garten machen. Dann war es, wie wenn sie von dem leisen kühlen Windhauch getragen würden, der unter den Bäumen durchstrich. Ehe man sich's versah, standen sie wieder bei uns. Die Knaben hatten längere, dünnere Beine als wir und konnten sich infolgedessen besser auf den Fußspitzen halten, aber sie knickten meist mit den Knien ein. Im Springen mit geschlossenen Füßen waren sie uns Mädchen weit überlegen. Wir standen dicht vor dem Seil, mit erhobenen Fersen, die Hände in die Hüften gestützt, die Ellbogen möglichst nach hinten. So mußten wir springen, uns auf der anderen Seite tief in die Knie sinken lassen, aber im nächsten Moment wieder ebenso ruhig auf den Fußspitzen stehen wie vorher. Tat man nur einen kleinen Schritt, so gab es eins an die Beine, daß es einem zum Nacken hinaufrieselte. Gertrud lächelte immer, wenn sie zuschlug. Manchmal schlug sie sich selbst mit der Rute über die gestreckten Beine hinunter, daß es nur so klatschte. Wenn sie sprang, zitterten ihre Fußspitzen über dem Seil. Ihre Füße waren nicht wie bei anderen Frauen unten gegeneinander gestellt. Wenn sie aufrecht, mit festgeschlossenen Beinen, dastand, blieb immer ein kleiner Zwischenraum zwischen den Knöcheln. Ich sah sie vor allen Dingen gerne von hinten so dastehen. Dann gingen von beiden Fersen zwei gerade, senkrechte Linien bis in die Kniekehlen, trotz ihrer vollen Waden. Aber diese Waden waren so fein verjüngt, daß ich mich fragte, wie die so schmalen Füße den ganzen schönen Körper tragen konnten. Sie trugen ihn auch mehr durch ihre Sehnenkraft und ihre Elastizität. In den Hüften war Gertrud nicht auffallend breit, dafür aber auch nicht dick, wenn sie sich von der Seite zeigte. Dann schien ihr Leib im Gegenteil um vieles schmaler als von vorne. Der Oberkörper wuchs schlank und selbständig aus den Hüften empor, als wäre er ein Geschöpf für sich, und die Arme standen, was Schönheit und Fülle betrifft, nicht hinter den Beinen zurück. Gertrud war immer fest gegürtet; darin ging sie uns mit gutem Beispiel voran. Wenn sie aus dem Hause trat und wir noch hinten im Garten spielten, ließ sich kaum unterscheiden, wo ihre nackten Beine aufhörten und das weiße Kleid begann. Ihre weißen Socken, das einzige, wodurch sich ihr Kostüm von dem unserigen unterschied, sind ihr trotz Laufens und Springens während des ganzen Jahres nicht ein einziges Mal über die Schnürstiefel geglitten. Ihre hohen gelben Schnürstiefel sahen immer nagelneu aus, kein Knoten im Schuhband, keine Falte im Leder, was man von den unserigen nicht behaupten konnte. Das ganze Mädchen war schön gebaut; auch das Gesicht hatte einen angenehmen, interessanten Ausdruck, aber ihre beiden Füße, wenn sie so nebeneinander auf dem Kies standen, waren ein Meisterwerk der Natur, wie ich es nicht wiedergesehen habe.

Eben fällt mir noch ein Mädchen ein, das mit uns in gleichem Alter stand, aber seit etwa zwei Jahren nicht mehr da war. Den Namen habe ich vergessen. Ich weiß auch nicht, daß je eins von uns sich seiner noch erinnert hätte. Sigwart, Arthur, Calmar, Heidi, Lora und ich waren jetzt die ältesten; drei Knaben und drei Mädchen. Scheu gingen wir aneinander vorbei. Ich wagte nicht einmal mehr mit Lora zu sprechen. Des Abends fürchtete ich mich einzuschlafen. Naema und Gertrud mochten die Beklommenheit und Aufregung in unserem Wesen merken und wurden noch schweigsamer als sonst. Sie warfen uns, wo sie uns trafen, ernste Blicke zu. So verkroch sich jedes in einen Winkel. Ich wünschte im stillen, wenn es doch nur vorüber wäre. Eines Nachts kam dann Naema, schlug die Decke zurück und trug mich nackt hinaus. Draußen legte sie mich in eine schmale Kiste, in die ich gerade hineinpaßte und machte den Deckel zu. Weiter weiß ich dann nichts mehr, als daß ich mir auf einmal das Tageslicht durch die Löcher der Kiste in die Augen scheinen sah. Dann wurde die Kiste aufrecht hingestellt und aufgeschlossen. Ich trat heraus.

60 von 61 Seiten

Details

Titel
Mine-Haha
Untertitel
oder Über die körperlicher Erziehung der jungen Mädchen
Autor
Jahr
2008
Seiten
61
Katalognummer
V120306
ISBN (Buch)
9783640239009
Dateigröße
661 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mine-Haha
Arbeit zitieren
Frank Wedekind (Autor), 2008, Mine-Haha, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120306

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