Theorien des politischen Skandals

Verlauf, Besonderheiten und Häufung politischer Skandale in den Medien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

20 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Untersuchungen und Theorien politischer Skandale
Bisherige Skandaltheorien und Thompsons Kritik daran

Der Verlauf von Skandalen

Besonderheiten des mediatisierten Skandals

Ungleichheit vor dem Gericht des Skandals

Die Häufung von Skandalen

Die mediale Initiierung eines Skandals

Eigene Überlegungen und Fazit

Literatur

Einleitung

Im Zuge des Hauptseminars „ Politische Skandale in der westlichen Welt “ versucht die vorliegende Hausarbeit die folgenden Fragen zu beantworten: Kann der medial vermittelte politische Skandal [1] im Wesentlichen auf eine einfache Formel gebracht werden? Lassen sich die in der Literatur seit den 80er Jahren getroffenen Definitionen, Form- und Funktionsbeschreibungen auf konkrete Skandalfälle [2] anwenden?

Die Soziologie [3] untersuchte als erste Wissenschaft intensiver, was „ die wissenschaftliche Öffentlichkeit bis in die 1980er-Jahre hinein vernachlässigt “ hatte [4]. Inzwischen hat die historische Forschung den Skandal längst für sich entdeckt. Die sich mit der Theorie der Skandale befassende Literatur führt das deutsche oder englische Wort Skandal / scandal auf das griechische Skandalon zurück - was mit Stellhölzchen ( einer Falle) übersetzt werden kann [5]. Über das gotische skanda und das althochdeutsche scanta deutet sich eine Verwandtschaft mit der deutschen Schande an, wenn auch dieser Vergleich in der vorliegenden Literatur bisher nicht gezogen wurde [6]. Im biblischen Kontext war das Skandalon das Hineingeraten in eine missliche Situation – durch Fehltritt oder Sünde [7].

Über die moralisierenden Aspekte mittelalterlicher Abenteuergeschichten um Verfehlung und Wiedergutmachung eines Helden erfuhr der Skandal eine narrative Entwicklung hin zur heutigen Form, in der die einst zur Vermittlung von Moral erzählten Märchen nun ‚in Realitas’ per Massenmedien inszeniert werden [8]. Der medial vermittelte politische Skandal kann definiert werden als: „ Ein Normbruch einer Person oder Institution, die für die Wahrung der Normen steht [...], die Aufdeckung des Normbruches und eine breite öffentliche Empörung darüber[9]. Etwas griffiger ist die Definition von Andrea Mork, ihr zufolge sind Skandale „ Verfehlungen, die im Zuge ihrer Enthüllung eine weithin empfundene öffentliche Empörung auslösen[10]. Für die weithin empfundene Empörung ist die Vermittlung durch Massenmedien nötig.

Steffen Burkhardt fasst die bisherigen Forschungen zum (Medien)Skandal in hervorragender und detaillierter Weise zusammen, er beschreibt den mediatisierten politischen Skandal als ein für die Gesellschaft produziertes Produkt der Medien, in dem durch Aufdeckung vermeintlicher Fehltritte von Entscheidungsträgern unter Gut-Böse-Zuschreibungen auf die handelnden Personen ein öffentlicher Diskurs über systemkonformes Verhalten initiiert wird [11]. John B. Thompson schließlich kritisiert in „ Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age “ wesentliche, bestehende Theorien und synthetisiert aus ihnen eine neue „ Social Theory of Scandal[12]. Die Ausführungen Thompsons sind derartig detailreich, dass selbst eine kurze Zusammenfassung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Daher beschränkt sie sich auf Kommentierungen und Einsprüche sowie auf den Abgleich weiterer einschlägiger Literatur [13] mit als Beispiele geeigneten Skandalen, vornehmlich aus der BRD.

Thompsons „ Theorie des politischen Skandals “ fokussiert stark auf Reputation und Vertrauen [14]. Hervorgerufen werden Skandale durch das Abweichen eines Politikers von seinem expliziten [15] oder impliziten [16] Rollenbild, wodurch Vertrauenswürdigkeit infrage gestellt wird. Der Skandal beinhaltet demzufolge einen Kampf um „ symbolic power[17], beziehungsweise um das symbolische, kulturelle, politische und ökonomische Kapital, woraus die symbolische Macht entsteht. Die Welt der medial vermittelten Politik kann demnach als ein instabiler Markt gesehen werden, auf dem die Glaubwürdigkeit der Akteure und ihre Chancen auf politische Posten gehandelt werden. Einmal beschädigt, ist Reputation schwer wieder aufzubauen.

Politische Skandale sind demnach für alle Beteiligten gefährlich: Sie können Reputation und Vertrauen beschädigen oder gar in schlechten Ruf und Misstrauen umkehren, aus dem so leicht keine Umkehr mehr möglich ist. Sie sind darüber hinaus gefährlich für das soziale Zusammenleben und die politische Kultur einer Gesellschaft [18], denn parallel zur von den Massenmedien suggerierten oder tatsächlichen Häufung politischer Skandale wächst das Misstrauen der Wähler gegenüber der derzeitigen Demokratie – wenn nicht gegenüber der Demokratie als geeigneter Staatsform an sich [19].

Ein Beispiel für verlorenes Ansehen infolge eines Skandals ist der Fall Helmut Kohls. Dieser hatte sein privates Versprechen, die Geldgeber unrechtmäßiger Spendenmillionen nicht zu nennen, über das Aufklärungsinteresse der Republik gestellt. Sein Verhalten ermöglichte nicht nur seine Verdrängung von der Spitze der CDU, sondern es beschädigte auch sein Image als Politiker der Einheit und Kanzler aller Deutschen empfindlich. Das Ehrenwort, dass er den in der Anonymität verbleibenden Spendern gegeben hatte, gereichte ihm in den Augen der Mehrheit nicht zu Ehren. Hier zeigt sich, der jeder liberalen Demokratie zugrundeliegende Anspruch auf Transparenz von Politik, die dem Bestreben der Mächtigen nach Diskretion, Ungestörtheit und manchmal auch Verschleierung diametral entgegensteht [20].

Doch ist die Gleichung des Skandals nicht so schlicht – sie muss weder immer noch maximal zu Imageverlust oder rechtlichen Konsequenzen führen. Im Skandal ist oft neben der Schwere des Vergehens auch die zugrundeliegende Verletzung der Werte und Normen sowie die damit verbundene oder ausbleibende öffentliche Empörung essentiell [21]. Dies zeigt sich am Fall Helmut Kohls, der die seiner Partei durch sein Vergehen entstandenen Schäden mit Millionen beglich, die er unter anderem in einer privaten Spendenaktion unter seinen weiterhin treuen Anhängern sammeln konnte. Das belegt, dass Kohl trotz des Skandals noch treue Anhänger hatte, die entweder sein Verhalten billigten oder seine politischen Leistungen über seine Verfehlungen stellten. Was dieser Skandal sehr deutlich zeigte, waren die Optimalbedingungen eines Skandals: Vergehen, Öffentlichmachung, Eingeständnis und Parteiübergreifende, landesweite Empörung [22].

Untersuchungen und Theorien politischer Skandale

Bisherige Skandaltheorien und Thompsons Kritik daran

Der Keine-Konsequenz-Ansatz sieht den Skandal als Basar der Meinungen, das Auftreten plötzlicher Entrüstung, gefolgt von schnellem Abflauen, wobei nennenswerte Folgen ausblieben [23]. Lediglich die Medien profitierten von Auflagensteigerungen und feuerten daher die Skandale an. Thompson widerspricht hier, denn es gibt gewichtige Gegenbeispiele für diese Sichtweise, und bei vielen Skandalen wird die für Politisches Handeln wichtige Reputation der Beteiligten geschwächt.

[...]


[1] Burkhardt spricht auch von medialen Skandalen und Medienskandalen, andere von mediatisierten Skandalen. Medienskandale finden quasi in den Massenmedien statt, werden von diesen inszeniert und unter Umständen auch produziert - siehe dazu: Burkhardt, Steffen: „Medienskandale – zur moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse“, Herbert von Halem Verlag, Köln 2006, S. 112-130.

[2] In dieser Arbeit werden mehrere Skandale der westlichen Welt der 20. Jahrhunderts für Vergleiche mit Skandaltheorien herangezogen, Schwerpunkte liegen jedoch auf den Skandalen um Prostituiertenbesuche und Kokainkonsum des Michel Friedman und dem Ehrenwort-Skandal Helmut Kohls.

[3] King, Anthony: „Sex, Money and Power“, in: Hodder-Williams, Richard und Ceasar, James (Hg): „Politics in Britain and the United States: Comparative Perspectives“, Durham 1986, S. 173-222.

[4] Kroh, Jens: „Skandale in Deutschland nach 1945“, Rezension der gleichnamigen Ausstellung, in: H-SOZ-U-KULT, URL: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=67&type=rezausstellungen, Stand: 16.09.2008.

[5] Thompson, John B.: „Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age“, Cambridge 2000, S. 12.

[6] Definition von Schande im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, 16 Bde. [in 32 Teilbänden]. Leipzig: S. Hirzel 1854-1960. -- Quellenverzeichnis 1971: „ Schande [...]: als ursprüngliche bedeutung hat man sich wol 'beschädigung' im allgemeinen zu denken; aber die einschränkung auf die bedeutung 'ehrverminderung' ist bereits vor beginn der überlieferung vollzogen “, Passage entnommen aus: http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/wbgui?mode=hierarchy&textsize=600&lemid=GS04282&query_start=1&totalhits=0&textword=&locpattern=&textpattern=&lemmapattern=&verspattern=#GS04282L0, Stand 5.9.2008.

[7] Thompson, John B.: „Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age“, Cambridge 2000, S. 12.

[8] Beispiel für Heldengeschichten, in denen die Protagonisten ihre charakterlichen, sittlichen oder moralischen Verfehlungen ausmetzen müssen sind die Geschichten um König Artus und seine Ritter, die nach festgelegtem narrativem Muster erst einen Fauxpas begehen und diesen dann auf Aventuire-Fahrt wiedergutmachen müssen. Beispiel für ein Märchen, das moralisiert und seine Protagonisten und deren moralisches Handeln gegeneinander abwägt ist „Frau Holle“, Beispiel für ein Märchen, in dem die Protagonistin einen begangenen Fehler unter Strapazen selbst beheben muss, ist „Die Sieben Brüder“, auch Till Eulenspiegel sorgte regelmäßig wenn nicht für Skandale, so doch für Aufsehen, öffentliche Entrüstung und – unter dem Deckmantel der Schelmerei – hin und wieder für Reflektion über übliche Verhalten und Denkweisen.

[9] Bösch, Frank: „Politische Skandale in Deutschland und Großbritannien“, in: Bundeszentrale für Politische Bildung, Publikationen, Aus Politik und Zeitgeschichte, ApuZ 7/2006, URL: http://www.bpb.de/publikationen/RPK2EJ,4,0,Politische_Skandale_in_Deutschland_und_Gro%DFbritannien.html, Stand: 16.09.2008.

[10] Projektleiterin der Ausstellung „Skandale in Deutschland nach 1945“, u.a. am 7. Mai im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, Zitat aus dem Ausstellungskatalog, S. 16f., zitiert in: Kroh, Jens: „Skandale in Deutschland nach 1945“, Rezension der gleichnamigen Ausstellung, in: H-SOZ-U-KULT, URL: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=67&type=rezausstellungen, Stand: 16.09.2008.

[11] Diese Definition wurde extrahiert aus Burkhardt, Steffen: „Medienskandale – zur moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse“, Herbert von Halem Verlag, Köln 2006, S. 128, 161 und 403.

[12] Thompson, John B.: „Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age“, Cambridge 2000.

[13] Reiche, Jürgen: „Skandal und Medieninszenierung“, in: „Skandale in Deutschland nach 1945 – Begleitbuch zur Ausstellung im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2007; Leyendecker, Hans: „Eine kleine Skandalkunde aus Sicht eines Journalisten“, in: „Skandale in Deutschland nach 1945 – Begleitbuch zur Ausstellung im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2007; Ebbinghausen, Rolf und Neckel, Sighard [Hg.]: „Anatomie des politischen Skandals“, Edition Suhrkamp 1548, Neue Folge Band 548, Erste Auflage 1989, Frankfurt Main 1989; Hondrich, Karl-Otto: „Enthüllung und Entrüstung. Eine Phänomenologie des politischen Skandals“; Edition Suhrkamp, Originalausgabe, Frankfurt Main 2002.

[14] Thompson, John B.: „Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age“, Cambridge 2000, S. 12. Zur Symbolischen Macht siehe auch: Burkhardt, Steffen: „Medienskandale – zur moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse“, Herbert von Halem Verlag, Köln 2006, S.133.

[15] Explizit ist zum Beispiel das Rollenbild eines Politikers, dessen Verhalten durch Vereidigung darauf festgelegt ist, dem Wohle von Staat und Volk zu dienen.

[16] Ein implizites Rollenbild ist die insgeheim erwartete Vorbildrolle eines Entscheidungsträgers, die in keinem Vertrag oder Gesetz festgeschrieben ist, jedoch von der Mehrheit der Wähler, Angestellten oder Zuschauer vorausgesetzt und eingefordert wird.

[17] Symbolische Macht ist die “Capacity to use symbolic forms to intervene in an influence the course of actions and events”, siehe dazu: Thompson, John B.: „Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age“, Cambridge 2000, S. 23.

[18] Thompson befürchtet, dass „ a culture of political scandal [...] is likely to produce a culture of growing cynicism and distrust “, Thompson, John B.: „Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age“, Cambridge 2000, S. 266 und generell auf den Seiten 260-271.

[19] Seit den 90er Jahren mehren sich Umfrage-Ergebnisse und Medienberichte, die eine steigende Politikverdrossenheit und Skepsis gegenüber der Demokratie als geeigneter Staatsform anzeigen. Im Internet dazu beispielsweise: http://www.uni-leipzig.de/journal/0606/vertrauen.html; http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/vertrauen-in-demokratie-schwindet/; http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,562798,00.html; http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/647/90557/;

[20] Siehe dazu: Burkhardt, Steffen: „Medienskandale – zur moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse“, Herbert von Halem Verlag, Köln 2006, S. 123.

[21] Siehe dazu: Bösch, Frank: „Politische Skandale in Deutschland und Großbritannien“, in: Bundeszentrale für Politische Bildung, Publikationen, Aus Politik und Zeitgeschichte, ApuZ 7/2006, URL: http://www.bpb.de/publikationen/RPK2EJ,4,0,Politische_Skandale_in_Deutschland_und_Gro%DFbritannien.html, Stand: 16.09.2008.

[22] Siehe dazu: Bösch, Frank: „Politische Skandale in Deutschland und Großbritannien“, in: Bundeszentrale für Politische Bildung, Publikationen, Aus Politik und Zeitgeschichte, ApuZ 7/2006, URL: http://www.bpb.de/publikationen/RPK2EJ,4,0,Politische_Skandale_in_Deutschland_und_Gro%DFbritannien.html, Stand: 16.09.2008.

[23] Thompson, John B.: „Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age“, Cambridge 2000, S. 234f.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Theorien des politischen Skandals
Untertitel
Verlauf, Besonderheiten und Häufung politischer Skandale in den Medien
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Historisches Institut)
Veranstaltung
„Politische Skandale in der westlichen Welt“, Sommersemester 2008
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V120322
ISBN (eBook)
9783640241453
ISBN (Buch)
9783640245178
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
thompson, skandaluhr, burkhardt, skandal, phasen, politik, hybris, fallhöhe, enthüllung, skandalisierung, empörung, entrüstung, diskurs, öffentlichkeit, macht, missbrauch, kulisse
Arbeit zitieren
Patrick Wilke (Autor), 2008, Theorien des politischen Skandals, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120322

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