Franz Grillparzers Rezeption der antiken Medea-Dramen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Medea-Dramen – Euripides, Seneca, Grillparzer
2.1. Das „griechische“ Medea-Drama des Euripides
2.1.1. Der Autor und das Werk
2.1.2. Inhaltliche Zusammenfassung
2.2. Das „römische“ Medea-Drama von Seneca
2.2.1. Der Autor und das Werk
2.2.2. Inhaltliche Zusammenfassung
2.3. Das Medea-Drama von Grillparzer
2.3.1. Der Autor und das Werk
2.3.2. Inhaltliche Zusammenfassung

3. Grillparzers Rezeption der antiken Medea-Dramen – Ein Vergleich ausgewählter Schwerpunkte
3.1. Vergleich der Personen in den Dramen
3.2. Vergleich der Dramenanfänge
3.3. Vergleich der Charakterisierung Medeas
3.3.1. Medeas Absage an die barbarischen Wurzeln
3.3.2. Medeas Rachepläne
3.3.3. Der Kindermord und das Ende des Dramas

4. Fazit

5. Literatur

1. Einleitung

Der Mythos Medea hat durch alle Jahrhunderte eine ausgeprägte Faszination auf die Autoren der jeweiligen Zeit ausgeübt. Als Teil eines umfassenderen Mythos, der Argonautensage, für die es ebenfalls viele unterschiedliche Quellen gibt, hat vor allem die Geschichte Medeas zu immer neuen Werken inspiriert. Daher findet sich kaum eine mythologische Figur so häufig in literarischen Bearbeitungen wieder. „Was speziell die Medea angeht, so hat die von Euripides geschaffene tragische Gestalt in zwei Jahrtausenden europäischer Bühnendichtung von Ovid und Seneca bis Grillparzer und Anouilh eine besonders reiche Fülle von Metamorphosen erlebt.“ [1] Ausgehend von den antiken tatsächlich überlieferten Medea-Dramen, wie eben die Medea des Euripides und die des Seneca, zieht sich die literarische Entwicklung der Medea durch alle Epochen bis in die heutige Zeit. Dabei erlebte die Figur Medea und ihre Geschichte zahlreiche Wandlungen und Veränderungen, die sich teils auf die jeweilige Zeit bzw. die Epoche zurückführen lassen, teils aber auch von den Autoren beeinflusst wurden. Jedes Werk hat seinen eigenen literarischen Wert, steht als Exempel der Zeit, in der es entstanden ist und als Ausdruck der Intention seines Autors. Aspekte, die zu untersuchen eine spannende Aufgabe sein dürfte. Bei einem derartig oft rezipierten Mythos bietet jede Bearbeitung jedoch auch zugleich Untersuchungsmöglichkeiten in Bezug auf die Weiterentwicklung des Mythos. Welche Tendenzen können in den unterschiedlichen Bearbeitungen aufgezeigt werden, welche Veränderungen finden sich und wie können sie begründet werden.

Dies soll wesentlicher Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit sein. Dabei werden zwei antike Medea-Bearbeitungen, die Medea-Dramen von Euripides und Seneca, und das Medea-Drama von Franz Grillparzer herangezogen. Zu beachten ist, dass es sich bei dem Trauerspiel des Wiener Autors um einen Teil einer Trilogie mit dem Titel „Das goldene Vließ“ handelt. Grillparzer hat – sich stützend auf unterschiedliche Quellen – die Vorgeschichte Medeas selbstständig verfasst. „Daß Grillparzer nicht nur eine Tragödie, sondern eine Trilogie geschrieben hat, ist das entscheidende Merkmal, das sein Werk von denen des Euripides, Seneca und Corneille unterscheidet.“ [2] Da jedoch die antiken Vorbilder Euripides und Seneca den Medea-Mythos allein, nur mit einigen Verweisen auf die vorherigen Ereignisse innerhalb der Tragödie, niedergeschrieben haben, wird darauf nicht weiter eingegangen, denn wesentlicher Vergleichpunkt ist das Medea-Drama. Es soll der Frage nachgegangen werden, in welcher Form Franz Grillparzer die antiken literarischen Vorbilder für sein Medea-Drama rezipiert hat. Dazu werden zunächst die antiken Medea-Dramen, das griechische des Euripides und das römische von Seneca, sowie das Werk Grillparzers inhaltlich zusammengefasst. Um zur Beantwortung der zentralen Frage der Arbeit zu kommen, wird anschließend ein Vergleich der drei Medea-Dramen anhand ausgewählter Schwerpunkte vorgenommen. Dabei soll nach einer kurzen Gegenüberstellung der Personen in den drei Dramen, ein erster Fokus auf die Dramenanfänge gelegt werden. Daraus gewonnene Erkenntnisse sollen durch eine anschließende genauere Betrachtung der Charakterzeichnung der Hauptperson Medea erweitert werden. Auf die detaillierte Betrachtung der anderen Personen wird verzichtet, da dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Sie werden lediglich dann in die Betrachtung einbezogen, wenn es für die Interpretation unerlässlich erscheint. Auf einen Vergleich hinsichtlich formaler Aspekte (Länge, Aufbau etc.) wird ebenso verzichtet. Ausgehend von der Darstellung des Dramas von Grillparzer werden die antiken Dramen jeweils auf Übereinstimmungen und Unterschiede hin untersucht. Dabei werden bewusst nur bestimmte Aspekte der Werke herausgegriffen. Ein umfassender, die jeweiligen kompletten Dramen einschließender Vergleich wäre sicher lohenswert, dem Rahmen der Arbeit jedoch nicht angemessen. Ein in einem Fazit vorsichtig zusammengefasster Interpretationsversuch, wie die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu deuten sind, soll die Arbeit abrunden.

2. Die Medea-Dramen – Euripides, Seneca, Grillparzer

2.1. Das „griechische“ Medea-Drama des Euripides

2.1.1. Der Autor und das Werk

Die Lebensdaten des Autors Euripides sind nicht sicher belegt. Als wahrscheinlich gilt ein Zeitraum von etwa 480 – 406 v. Chr. [3]. Zu seinen Lebzeiten war ihm kein besonders großer Erfolg beschieden, zwar beteiligte er sich am Agon, wie auch seine Zeitgenossen Aischylos und Sophokles, doch zum „beliebtesten Tragiker überhaupt“ [4] avancierte er erst im 4. Jahrhundert, also nach seinem Tod. „Euripides lebte im geistigen Klima der griechischen Aufklärung“ [5] und kann insgesamt als intellektueller Autor bezeichnet werden. In seinen Werken finden sich auch Elemente der zeitgenössischen Philosophie und der Sophistik. Das Medea-Drama, in dem auch die für Euripides typische explizit menschliche Darstellung der Figuren erkennbar ist, wurde im Jahr 431 zum ersten Mal aufgeführt. Es ist eines von insgesamt 18 Stücken des Euripides, das erhalten ist.

2.1.2. Inhaltliche Zusammenfassung

Euripides’ Drama beginnt nach der Hochzeit von Jason und Glauke, der Tochter des Königs Kreon von Korinth. Die Amme Medeas führt die Zuschauer in die Handlung ein und fasst die vorangegangenen Handlungen (die Fahrt der Argo, der Kampf um das Vließ, der Tod des Pelias) kurz zusammen. Der Erzieher der beiden Kinder Jasons und Medeas kommt und bringt eine weitere Schreckensnachricht: Medea muss mit ihren Kindern das Land verlassen. Die Verbannte bittet Kreon daraufhin um einen Tag Aufschub, damit sie überlegen könne, wohin sie gehen soll. Tatsächlich aber braucht sie die Zeit um einen Racheplan zu schmieden. Kreon und seine Tochter sollen sterben. Nach einem Streitgespräch mit Iason erscheint Aigeus, der König von Athen, und klagt über seine Kinderlosigkeit. Medea bietet ihm ihre Hilfe an und erbittet im Gegenzug sehr weitsichtig, dass er ihr eine Zuflucht garantiere, sollte sie einmal in Not sein. Das Abkommen wird mit einem Eid besiegelt. Nun kann Medea sich sorglos ihren Racheplänen widmen. Vergiftete Geschenke für die Braut, von Medeas Kindern überbracht, töten nicht nur Kreons Tochter, sondern auch den König selbst. Ein Bote berichtet ausführlich von dem grausigen Tod im Königshaus. Als Medea die Folgen ihrer Tat bewusst werden, fürchtet sie die Rache der Korinther und rechtfertigt damit den Mord an ihren beiden Kindern. Der Gedanke an den Kindermord war jedoch auch zuvor schon präsent. Nachdem sie die Kinder im Haus getötet hat, erscheint Jason, erfährt vom Mord an seinen Kindern und erbittet die Leichen, damit er sie bestatten könne. Medea aber fährt auf einem Drachenwagen ihres Ahnen Helios mit den Kinderleichen davon. Sie will ihre Kinder in das Hera-Heiligtum von Akraia bringen und selbst zu Aigeus gehen und dort wohnen.

2.2. Das „römische“ Medea-Drama von Seneca

2.2.1. Der Autor und das Werk

Wann Lucius Anneaus Seneca geboren wurde, ist unsicher, wird aber um das Jahr 0 herum vermutet. [6] Tatsache ist, dass er aus Spanien kam, sein Vater ebenfalls als Autor in Erscheinung trat – Seneca der Rhetor im Unterschied zu dem hier beschriebenen Seneca Philosophus – und er am Hofe des Claudius als Erzieher des jugendlichen Nero arbeitete. Nachdem er bereits unter Kaiser Claudius Opfer höfischer Intrigen geworden war und für einige Zeit verbannt wurde, zog er sich aufgrund der tyrannischen Politik des Claudius-Nachfolgers Nero vom Hof zurück und widmete sich der philosophischen Schriftstellerei. Im Jahr 65 wurde er, wie viele andere namhafte Römer auch, der Mitwisserschaft an der sogenannten Pisonischen Verschwörung gegen Nero beschuldigt und erhielt den Befehl sich selbst zu richten.

Das Medea-Drama Senecas ist eine von insgesamt neun Tragödien, die alle von griechischen Mythen handeln. Eine exakte Datierung der Stücke kann nicht vorgenommen werden, es wird jedoch vermutet, dass sie alle in den Jahren vor und unmittelbar nach Neros Regierungsantritt - im Jahr 54 [7] - als „Teil von Senecas Erziehungsprogramm“ [8] verfasst worden sind.

2.2.2. Inhaltliche Zusammenfassung

Senecas Drama beginnt mit einem Monolog Medeas, in dem sie verschiedene Götter anruft und Rache schwört. Die Hochzeit Jasons und Kreusas scheint gerade zu beginnen. Während ihre Amme versucht, die rasende Medea zu beruhigen, erscheint der König von Korinth, Kreon, um sie aus seinem Reich zu verbannen. Dies begründet er damit, dass Acastus, der Sohn des Pelias, Medeas Auslieferung verlangt und Korinth mit Krieg droht. Medea erbittet einen kurzen zeitlichen Aufschub, damit sie sich von ihren Kindern, die nicht von der Verbannung betroffen sind, verabschieden kann. Kreon gewährt Medea einen Tag, obwohl ihm nicht wohl dabei ist. In einem Streitgespräch mit Jason wird Medea die verletzlichste Stelle ihres Gatten bewusst und der Racheplan, der den Mord an den gemeinsamen Kindern einschließt, beginnt zu reifen. Medea beschwört nun in einer rituellen Opferszene verschiedene Götter, mischt Gift und bereitet verderbenbringende Geschenke für das Königshaus vor, die von ihren Kindern überbracht werden sollen. Ein kurzer Bericht eines Boten gibt Aufschluss über den Tod des Königs von Korinth und seiner Tochter. Medeas Racheplan aber ist erst vollendet, als sie ihre beiden Kinder auf offener Bühne getötet hat. Hasserfüllt wirft sie die Leichen vom Dach des Hauses Jason entgegen und fährt auf einem Drachenwagen davon.

2.3. Das Medea-Drama von Grillparzer

2.3.1. Der Autor und das Werk

Franz Grillparzer wurde am 15. Januar 1791 in Wien geboren und starb 1872. Als Sohn eines Rechtsanwalts erhielt er eine umfassende Bildung. Nach dem Tod des Vaters geriet die Familie in finanzielle Schwierigkeiten und trotz der Selbstmorde der Mutter und eines Bruders trieb er seine Karriere voran und arbeitete später als Beamter im Finanzministerium. Nebenbei widmete er sich der Dichtung. Erste Erfolge am Theater verzeichnete er mit der Schicksalstragödie „Die Ahnfrau“ (1817) und „Sappho“ zwei Jahre später. Mehrere Jahre arbeitete er an dem mythischen Stoff des Medea-Dramas und brachte es im Jahr 1821 am Wiener Burgtheater in einer Trilogie mit dem Titel „Das goldene Vließ“ zur Aufführung. [9] Im Unterschied zu den antiken Vorbildern erweiterte Grillparzer also das Medea-Drama um die Vorgeschichte der eigentlichen Tat Medeas, wobei das verbindende Element aller drei Teile, „Der Gastfreund“, „Die Argonauten“ und „Medea“, das goldene Vließ ist.

2.3.2. Inhaltliche Zusammenfassung

Grillparzers Drama setzt weit vor der Hochzeit Jasons und Kreusas ein. Medea ist dabei ihre Besitztümer, die sie noch aus der Heimat besaß, inklusive des goldenen Vließes, zu vergraben. Sie will sich den griechischen Gewohnheiten anpassen und ihre barbarischen Eigenheiten ablegen. Jason und Medea erwarten den König von Korinth, um zu erfahren, ob er sie in ihrem Land aufnehmen könne. Der König gewährt es zunächst Jason und seinen Kindern, nicht aber Medea. Erst auf Bitten seiner Tochter Kreusa, lässt er auch sie in sein Haus. Der König lässt sich die Geschehnisse, die man dem Paar vorwirft, aus Jasons Sicht erzählen. Jason erbittet Schutz für beide und tritt ausdrücklich für Medea ein. Solange Medea keinen Schaden anrichte und sich einfüge, möge der König ihr Bleiben erlauben. Kreusa bemüht sich unterdessen, Medea das Leierspiel beizubringen. Trotz großer Anstrengung gelingt es Medea jedoch nicht. Ein Herold erscheint und verkündet die Verbannung von Jason und Medea, weil sie Pelias getötet haben sollen. Kreon jedoch schützt Jason, indem er ihn mit seiner Tochter vermählen will, Medea aber soll außer Landes geschickt werden, ihre Kinder sollen im Königshaus bleiben. Die Verbannte schwört Rache. In einem Zwiegespräch mit Jason versucht Medea ihren Mann umzustimmen, dass er mit ihr gehe oder ihr wenigstens die Kinder lasse. Jason erlaubt, dass sie ein Kind mitnehmen dürfe, die Kinder sollten sich selbst entscheiden. Doch als keines der Kinder mit seiner Mutter gehen will, bricht Medea verzweifelt zusammen. Kreon kommt erneut zu Medea und fordert das goldene Vließ von ihr, sie gibt sich gefügig. Die vergrabene Kiste mit Medeas Utensilien wird gefunden. Medea will nun Kreusa etwas von ihrer Habe schenken. Die Königstochter selbst hat dafür gesorgt, dass die Kinder sich von ihrer Mutter verabschieden dürfen. Medeas Amme soll die vergifteten Gaben überbringen. Während Kreusa im Königshaus stirbt, tötet Medea ihre Kinder. Nachdem sie sich von dem verzweifelten Jason verabschiedet hat, will sie nach Delphi gehen, das Vließ zurückbringen und sich den Göttern stellen.

[...]


[1] Dihle 1976, S. 175.

[2] Bandet in: Pichl / Stillmark / Wagner 1987, S. 36.

[3] Vgl. Hose 1999, S. 105.

[4] Ebenda, S. 106.

[5] Eller in: Euripides 1992, S. 129.

[6] Vgl. Fuhrmann 1999, S. 274.

[7] Bengtson 1995, S. 247.

[8] Fuhrmann 1999, S. 285.

[9] Bachmeier in: Grillparzer 1994, S. 208.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Franz Grillparzers Rezeption der antiken Medea-Dramen
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
Hauptseminar "Wandlungen des Medea-Bildes im Drama"
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
27
Katalognummer
V120350
ISBN (eBook)
9783640241606
ISBN (Buch)
9783640249671
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz, Grillparzers, Rezeption, Medea-Dramen, Hauptseminar, Wandlungen, Medea-Bildes, Drama
Arbeit zitieren
Franziska Rothmann (Autor), 2007, Franz Grillparzers Rezeption der antiken Medea-Dramen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120350

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