Der Mythos Medea hat durch alle Jahrhunderte eine ausgeprägte Faszination auf die Autoren der jeweiligen Zeit ausgeübt. Als Teil eines umfassenderen Mythos, der Argonautensage, für die es ebenfalls viele unterschiedliche Quellen gibt, hat vor allem die Geschichte Medeas zu immer neuen Werken inspiriert. Daher findet sich kaum eine mythologische Figur so häufig in literarischen Bearbeitungen wieder. „Was speziell die Medea angeht, so hat die von Euripides geschaffene tragische Gestalt in zwei Jahrtausenden europäischer Bühnendichtung von Ovid und Seneca bis Grillparzer und Anouilh eine besonders reiche Fülle von Metamorphosen erlebt.“ Ausgehend von den antiken tatsächlich überlieferten Medea-Dramen, wie eben die Medea des Euripides und die des Seneca, zieht sich die literarische Entwicklung der Medea durch alle Epochen bis in die heutige Zeit. Dabei erlebte die Figur Medea und ihre Geschichte zahlreiche Wandlungen und Veränderungen, die sich teils auf die jeweilige Zeit bzw. die Epoche zurückführen lassen, teils aber auch von den Autoren beeinflusst wurden. Jedes Werk hat seinen eigenen literarischen Wert, steht als Exempel der Zeit, in der es entstanden ist und als Ausdruck der Intention seines Autors. Aspekte, die zu untersuchen eine spannende Aufgabe sein dürfte. Bei einem derartig oft rezipierten Mythos bietet jede Bearbeitung jedoch auch zugleich Untersuchungsmöglichkeiten in Bezug auf die Weiterentwicklung des Mythos. Welche Tendenzen können in den unterschiedlichen Bearbeitungen aufgezeigt werden, welche Veränderungen finden sich und wie können sie begründet werden. Dies soll wesentlicher Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit sein. Dabei werden zwei antike Medea-Bearbeitungen, die Medea-Dramen von Euripides und Seneca, und das Medea-Drama von Franz Grillparzer herangezogen. Zu beachten ist, dass es sich bei dem Trauerspiel des Wiener Autors um einen Teil einer Trilogie mit dem Titel „Das goldene Vließ“ handelt. Grillparzer hat – sich stützend auf unterschiedliche Quellen – die Vorgeschichte Medeas selbstständig verfasst. „Daß Grillparzer nicht nur eine Tragödie, sondern eine Trilogie geschrieben hat, ist das entscheidende Merkmal, das sein Werk von denen des Euripides, Seneca und Corneille unterscheidet.“
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Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DIE MEDEA-DRAMEN – EURIPIDES, SENECA, GRILLPARZER
2.1. Das „griechische“ Medea-Drama des Euripides
2.1.1. Der Autor und das Werk
2.1.2. Inhaltliche Zusammenfassung
2.2. Das „römische“ Medea-Drama von Seneca
2.2.1. Der Autor und das Werk
2.2.2. Inhaltliche Zusammenfassung
2.3. Das Medea-Drama von Grillparzer
2.3.1. Der Autor und das Werk
2.3.2. Inhaltliche Zusammenfassung
3. GRILLPARZERS REZEPTION DER ANTIKEN MEDEA-DRAMEN – EIN VERGLEICH AUSGEWÄHLTER SCHWERPUNKTE
3.1. Vergleich der Personen in den Dramen
3.2. Vergleich der Dramenanfänge
3.3. Vergleich der Charakterisierung Medeas
3.3.1. Medeas Absage an die barbarischen Wurzeln
3.3.2. Medeas Rachepläne
3.3.3. Der Kindermord und das Ende des Dramas
4. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rezeption des antiken Medea-Mythos durch Franz Grillparzer in seinem Drama „Medea“, welches Teil der Trilogie „Das goldene Vließ“ ist. Ziel der Untersuchung ist es, die inhaltlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Grillparzers Werk und den antiken Vorbildern von Euripides und Seneca herauszuarbeiten, um den eigenständigen Charakter und die Intention des modernen Ehedramas zu verdeutlichen.
- Vergleichende Analyse der Dramen von Euripides, Seneca und Grillparzer
- Charakterzeichnung und Entwicklung der Figur Medea im Wandel der Epochen
- Darstellung des Fremdseins und der Integration in die griechische Kultur
- Analyse des Rachemotivs sowie der Bedeutung des Kindermords
- Untersuchung der Strukturveränderungen durch die Einbettung in eine Trilogie
Auszug aus dem Buch
3.3.2. Medeas Rachepläne
Im dritten Aufzug spricht Medea mit ihrer Amme Gora, die resoluter und zorniger als Medea auftritt. Gora erkennt Medea nicht mehr, seit sie in Korinth sind, sie weiß ihren Zögling nicht mehr einzuschätzen. Vers 1164-1165:30
Gora. [...] Denn nicht Medea bist du mehr Des Kolcherkönigs königlicher Sproß
Als stolze Kolcherin tritt die Amme selbst auf und stachelt Medea an. Verse 1177-1178; 1187:31
Gora. [...] Sie sollen nicht lachen der Kolcherin, nicht spotten des Bluts meiner König ... Gora. Lachen werden sie dein!
Diese aufhetzenden Reden der Amme im dritten Aufzug beeinflussen Medea, die selbst zunächst nicht in der Art spricht. „Grillparzer entlastet Medea.“32 Im Vergleich mit den antiken Vorbildern scheint Grillparzer seiner Amme etwas von den antiken Medeen gegeben zu haben, wie auch schon im Vergleich der Dramenanfänge aufgefallen ist (vgl. Kapitel 3.2. dieser Arbeit). In diesem Abschnitt scheint sich Grillparzer besonders an der Medea des Euripides zu orientieren. „Es scheint, als hätte der Dichter einen Teil des Wesens der Euripideischen Medea von dieser abgespalten und in die Gestalt der Gora verlegt [...].“33
Zum Vergleich drei kurze Textstellen aus Euripides Drama, in denen Medea zu sich selbst bzw. zum Chor spricht. Verse 404, 797, 1049-1050:34
ME. [...] Siehst du, wie es dir ergeht? Nicht darfst du dich zum Gespött machen lassen ...
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die Faszination des Medea-Mythos und Darlegung der Zielsetzung, das Werk Franz Grillparzers im Vergleich zu den antiken Vorbildern zu untersuchen.
2. DIE MEDEA-DRAMEN – EURIPIDES, SENECA, GRILLPARZER: Inhaltliche Zusammenfassungen der Stücke von Euripides, Seneca und Grillparzer sowie eine Vorstellung der jeweiligen Autoren und ihrer historischen Kontexte.
3. GRILLPARZERS REZEPTION DER ANTIKEN MEDEA-DRAMEN – EIN VERGLEICH AUSGEWÄHLTER SCHWERPUNKTE: Vergleich der handelnden Personen, der Dramenanfänge sowie der komplexen Charakterisierung Medeas hinsichtlich ihrer Entwicklung und Rachepläne.
4. FAZIT: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse, in der die Unabhängigkeit Grillparzers betont und sein Drama als moderne Interpretation und Auseinandersetzung mit dem Geschlechterkampf gewürdigt wird.
Schlüsselwörter
Medea, Franz Grillparzer, Euripides, Seneca, Rezeption, antikes Drama, Kindermord, Rache, Mythos, Das goldene Vließ, Charakterentwicklung, Ehedrama, Griechentum, Fremdsein, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie Franz Grillparzer den antiken Medea-Mythos in seinem Drama „Medea“ verarbeitet und welche Unterschiede oder Gemeinsamkeiten zu den klassischen Vorbildern von Euripides und Seneca bestehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Charakterisierung der Figur Medea, das Motiv des Fremdseins, der psychologische Wandel der Protagonistin sowie die spezifische Gestaltung des Rache- und Kindermordmotivs.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den eigenständigen Ansatz Grillparzers herauszuarbeiten, der das antike Material in ein modernes Ehedrama innerhalb seiner Trilogie „Das goldene Vließ“ transformiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die vergleichende Literaturwissenschaft, indem sie inhaltliche Schwerpunkte der drei Dramen gegenüberstellt und diese im Kontext der jeweiligen Epochen interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in den Vergleich der handelnden Personen, die Analyse der Dramenanfänge und eine detaillierte Untersuchung der Charakterzeichnung Medeas, insbesondere im Hinblick auf ihre Integration und ihren späteren Rückfall in archaische Verhaltensweisen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Medea, Grillparzer, Antike, Rezeption, Rache, Kindermord, Mythos, Ehedrama und psychologische Charakterisierung.
Warum ist bei Grillparzer die Figur der Amme Gora so zentral?
Gora übernimmt bei Grillparzer wichtige Züge der antiken Medea-Darstellungen, wie den Zorn und die Rückwärtsgewandtheit, um die Hauptfigur Medea zu entlasten und als einsichtige, aber letztlich durch äußere Umstände getriebene Frau darzustellen.
Welche Rolle spielt das Motiv des Büßens am Ende?
Das Motiv des Büßens ist eine Neuerung Grillparzers, die dem Drama einen fast christlichen Abschluss verleiht, bei dem Medea sich ihrer Schuld bewusst wird und bereit ist, sich der delphischen Gottheit für ihre Taten zu stellen.
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- Franziska Rothmann (Author), 2007, Franz Grillparzers Rezeption der antiken Medea-Dramen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120350