Mittelalterliche Literatur wird in der Schule stiefmütterlich behandelt. Das ist Fakt. Aus Erinnerungen an die eigene Schulzeit bleiben nur Walthers von der Vogelweide Unter der Linden, die Abschrift dieses Liedes und eine zeichnerische Gestaltung.
Dabei bieten sich verschiedene, in den Lehrbüchern aufgeführte Rahmenthemen zur Behandlung der älteren deutschen Literatur schon in der Orientierungsstufe an.
Während der schulpraktischen Studien im Sommersemester 2007 erhielten acht Studierende Einblick in deren praktische Umsetzung. Das über mehrere Wochen zu bearbeitende Problem stand unter der Überschrift „Ritter, Bauern und Soldaten“. Dabei kamen die Sechstklässler in Kontakt mit der mittelhochdeutschen Sprache und erfassten den Inhalt der Minnedichtung verhältnismäßig selbstständig.
Entgegen einiger Erwartungen blieb das Mittelalter SchülerInnen des Adolf-Reichwein-Gymnasiums nicht verschlossen. Im Erfahrungsaustausch berichteten Mädchen wie Jungen begeistert von diversen Besuchen auf Burgen und brachten ihr Wissen über den Falken, da dies im Zusammenhang mit dem zu bearbeiteten Gedicht stand , emphatisch mit ein.
Doch die Themen der Minnelyrik sind vor allem auch bei SchülerInnen aus den höheren Klassenstufen der Sekundarstufe I und II präsent – (unerfüllte) Liebe, Werbung um eine schöne Frau oder den Einfluss der Gesellschaft. Auch die Beschäftigung mit den Vorstufen der eigenen Sprache ist ein interessanter Fakt, der sich ebenso positiv mit anderen, fremdsprachlichen Übersetzungsarbeiten kombinieren lässt.
Nach einer Umfrage unter SchülerInnen zur Einstellung gegenüber der Konfrontation mit dem Mittelalter im Unterricht fällt auf, dass der Anteil derjenigen, die dem skeptisch gegenüber stehen, mit 12,7 Prozent klein ist. Hingegen wollen sich 42,5 Prozent überraschen lassen, sind also neugierig. Aber es sind auch, im Vergleich zu denen, die es geradezu ablehnen, fast doppelt so viele SchülerInnen, die sich auf die Behandlung des Mittelalters in der Schule freuen. 16,7 Prozent sind wissbegierig, „etwas Neues kennen zu lernen“ , wohingegen 18 Prozent sich sogar aus dem Grund positiv äußern, weil sie das Zeitalter an sich schon interessiert.
Die Vernachlässigung des Arrangements beim Schwerpunkt mittelalterliche Literatur im Bezug auf Lehrende hat auch einen tiefschürfenden Grund in deren Ausbildung. Laut Bildungsbericht geht „[I]n den nächsten 15 Jahren ... voraussichtlich jeder zweite heute beschäftigte Lehrer in Pension.“ Dementsprechend haben diese Lehrpersonen ihre Ausbildungen in den sechziger beziehungsweise vor allem in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts absolviert. Der heutige Kanon zur Lehrerbildung an den Universitäten ist jedoch anders beschaffen als damals. Die Mediävistik stand neben der Linguistik nur zur Auswahl. Die Rahmenplanakzente hatten ihr Hauptaugenmerk allerdings auf die Sprachwissenschaft gerichtet und so stand für die Studierenden fest, sich gegen die ältere deutsche Literatur zu entscheiden. Dies schlägt sich heute im Deutschunterricht nieder.
Trotz des beim Einstieg in die Praxis spürbar sinkenden Optimismus, „was die Umsetzbarkeit ihrer beim Studium erworbenen Kompetenzen im Rahmen der Schulpraxis angeht“ , sind die Lehramtsstudierenden weiterhin zuversichtlich im Bezug darauf, mittelalterliche Literatur vorteilhaft im Unterricht einzusetzen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Befund
Mittelalterliche Literatur in den Lehrplänen
3. Fachwissenschaftliche Analyse – Minnelyrik – Das Lehrmaterial
3.1. Reinmar der Alte: Vil sælic wart er ie geborn
3.2. Joanne K. Rowling: Ginnys Lied
3.3. Heinrich von Morungen: Ez tuot vil wê
3.4. Patrick Swayze: She’s like the wind
4. Didaktische Überlegungen
4.1. Lernziele
4.2. Textauswahl
4.3. Didaktisch-methodische Möglichkeiten
4.3.1. Sprache
4.3.2. Thematik/Inhalt
4.3.3. Gestaltung
5. Schlussbetrachtungen – Probleme und Möglichkeiten
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie mittelalterliche Minnelyrik im modernen Deutschunterricht attraktiv und zugänglich vermittelt werden kann, indem sie durch den Vergleich mit populären modernen Texten und Medien (wie Harry Potter oder Dirty Dancing) in zeitlose Problemkontexte der Liebe und gesellschaftlicher Schranken eingebettet wird.
- Fachwissenschaftliche Analyse ausgewählter Minnelyrik des Mittelalters
- Didaktische Konzepte zur Vermittlung schwieriger Quellentexte
- Einsatz von moderner Lyrik und Medien zur Motivationssteigerung
- Vergleichende Interpretation zwischen historischer "Hoher Minne" und heutigen Liebesdiskursen
- Methoden für fächerübergreifenden Unterricht (Musik, Englisch, Geschichte)
Auszug aus dem Buch
3.2. Joanne K. Rowling: Ginnys Lied
Ginnys Lied stammt aus dem zweiten Teil der Geschichte um Harry Potters Zauberwelt „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“. Eingebettet ist es in das Kapitel „Der sehr geheime Taschenkalender“. Jedoch hat es einen nicht ganz eindeutigen Hintergrund und wird in Internetforen kontrovers diskutiert. Eine unabhängig vom übrigen und tiefgründigeren Textverständnis bestehende Analyse, die auch direkt aus dem Text entnommen werden kann, sagt, dass es sich um ein Liebeslied zum Valentinstag handelt. Ginny Weasley, die jüngere Schwester von Harrys bestem Freund Ron lässt durch einen „besonders grimmig aussehenden Zwerg“ folgende Zeilen singend überbringen:
„His eyes are as green as a fresh pickled toad,
His hair is as dark as a blackboard.
I wish he was mine, he’s really divine,
The hero who conquered the Dark Lord.”
und in der deutschen Übersetzung:
„Seine Augen, so grün wie frisch gepökelte Kröte
Sein Haar, so schwarz wie Ebenholz
Ich wünscht’, er wär mein, denn göttlich muss sein
Der die Macht des Dunklen Lords schmolz.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung beschreibt die oft stiefmütterliche Behandlung mittelalterlicher Literatur im Unterricht und stellt anhand einer Umfrage dar, dass SchülerInnen durchaus Interesse am Thema zeigen, wenn es an ihre Lebenswelt angebunden wird.
2. Der Befund: Das Kapitel analysiert die Behandlung mittelalterlicher Literatur in den aktuellen Lehrplänen verschiedener Bundesländer und stellt fest, dass das Thema häufig nur fakultativ oder in geringem Umfang vorkommt.
3. Fachwissenschaftliche Analyse – Minnelyrik – Das Lehrmaterial: Hier werden zentrale Aspekte der Minnelyrik sowie vier konkrete Beispiele analysiert, darunter zwei mittelalterliche Texte und zwei moderne Lieder, um Parallelen in Liebeskonzepten aufzuzeigen.
4. Didaktische Überlegungen: Dieser Teil erörtert Lernziele, die Auswahl motivierender Materialien und verschiedene didaktisch-methodische Wege wie Tandemverfahren oder szenische Darstellungen zur Erschließung der Texte.
5. Schlussbetrachtungen – Probleme und Möglichkeiten: Das Fazit fasst zusammen, dass die Integration des Mittelalters in den Deutschunterricht fächerübergreifendes Potenzial bietet und fachliches Lernen durch die Auseinandersetzung mit der Literatur möglich macht.
Schlüsselwörter
Mittelalter, Minnelyrik, Hohe Minne, Literaturdidaktik, Deutschunterricht, Textinterpretation, Liebeslyrik, Harry Potter, Dirty Dancing, fächerübergreifender Unterricht, Sprachvergleich, Mittelalterrezeption, Minnesang, Motivationspotenzial, schulpraktische Studien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der didaktischen Aufbereitung und Vermittlung mittelalterlicher Minnelyrik im modernen Deutschunterricht der Schule.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die fachwissenschaftliche Analyse der Minnedichtung, die Auseinandersetzung mit Lehrplanvorgaben sowie die didaktische Verknüpfung historischer Texte mit modernen Medien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie SchülerInnen durch den vergleichenden Rückgriff auf moderne Texte einen Zugang zur "Hohen Minne" finden und Literatur als zeitloses Medium begreifen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um einen literaturdidaktischen Ansatz, der eine fachwissenschaftliche Analyse mit einer Unterrichtsplanung verbindet, gestützt auf Umfrageergebnisse und fachliche Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden das Lehrmaterial (Reinmar der Alte, Heinrich von Morungen sowie moderne Beispiele wie Harry Potter) analysiert und konkrete didaktische Wege für die Unterrichtspraxis diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Kernbegriff "Minnelyrik" stehen vor allem "Didaktik", "Literaturvergleich" und die "Motivation" durch lebensweltliche Bezüge im Vordergrund.
Wie spielt das moderne Medium "Harry Potter" in die Analyse hinein?
Das Lied von Ginny Weasley dient als modernes Pendant zur Minnedichtung, um gesellschaftliche Strukturen und das Konzept des Liebesboten im Unterricht anschaulich zu machen.
Welche Rolle spielt die Sprache bei der Interpretation?
Die Sprache dient als Einstiegspunkt für die Unterrichtseinheit; durch Übersetzungsarbeit und Sprachvergleich lernen die SchülerInnen die Entwicklung des Deutschen kennen und setzen sich kritisch mit den Texten auseinander.
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- Josephine Ernst (Author), 2008, Mittelalterliche Literatur im Unterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120413