Der Ur-Rhein. Rheinhessen vor zehn Millionen Jahren


Fachbuch, 2008

257 Seiten


Leseprobe

Inhalt

INHALT

VORWORT
Ein uralter Fluss voller Rätsel

Dank
Die Anfänge des Rheins
Mainz und Wiesbaden lagen nicht am Ur-Rhein
Die Dinotherien-Sande oder Eppelsheimer Sande
Die Entdeckungdes „Schreckenstieres“
Ein Paradies für Rüsseltiere
Das Huftier mit Krallenfüßen
Die Bärenhunde oder Hundebären
Säbelzahnkatzen am Ur-Rhein
UmstritteneMenschenaffen
Die Tierwelt am Ur-Rhein vor zehn Millionen Jahren
Was man bisher nicht gefunden hat
Johann Jakob KaupDer große Naturforscher aus Darmstadt
Ernst SchleiermacherDer erste Direktor des Naturalien-Cabinets
August von Klipstein
Der Entdecker des „Schreckenstieres“
Hermann von MeyerEin Pionier der Paläontologie
Dorn-Dürkheim:Artenvielfalt wie im Regenwald
Daten und Fakten
Fundorte am Ur-Rheinund dort entdeckte Tierarten
Attraktionenin Eppelsheim
Das Dinotherium-Museum in Eppelsheim
Das Miozän: Die Weltvor etwa 23 bis 5 Millionen Jahren

Der Autor

Literatur

Bildquellen

Bücher von Ernst Probst

INHALT

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Dinotherium-Museum in Eppelsheim (Kreis Alzey-Worms) informiert anschaulich über die exotische Tierwelt am Ur-Rhein vor etwa zehn Millionen Jahren. Im Mittelpunkt der sehenswerten Ausstellung steht ein Abguss des 1835 bei Eppelsheim entdeckten Oberschädels des Rüsseltieres Deinotherium gigan- teum. „Geistiger Vater“ des Dinotherium-Museums ist der frühere Bürgermeister von Eppelsheim, Heiner Roos (rechts).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Exotische Tierwelt am Ur-Rheinbei Eppelsheim in Rheinhessen vor etwazehn Millionen Jahren. Ausschnittaus einem Gemälde vonPavel Major (Prag) im Dinotherium- Museumin Eppelsheim.

VORWORT

Ein uralter Fluss voller Rätsel

Ein wichtiges Mosaikstück in der teilweise immer noch rätselhaften Geschichte des viertgrößten Stromes Europas ist der Ur- Rhein in Rheinhessen gegen Ende des Miozäns vor etwa zehn Millionen Jahren. Ablagerungen dieses Flusssystems sind die nach einem Rüsseltier bezeichneten Dinotheriensande.

Der Ur-Rhein in Rheinhessen floss ab dem Raum Worms – weiter westlich als in der Gegenwart – auf die Binger Pforte zu. Der damalige Fluss berührte nicht – wie heute – die Gegend von Oppenheim, Nierstein, Nackenheim, Mainz, Wiesbaden und Ingelheim. Das geschah erst später.

Am Ur-Rhein existierte eine exotische Tierwelt, wie man vor allem durch Funde bei Eppelsheim, am Wissberg bei Gau-Wein- heim und bei Dorn-Dürkheim weiß. In der Gegend von Eppels- heim etwa lebten Rüsseltiere, Säbelzahnkatzen, Bärenhunde, Tapire, Nashörner, krallenfüßige Huftiere, Ur-Pferde und sogar Menschenaffen.

Eppelsheim genießt weltweit in der Wissenschaft einen guten Ruf. Zusammen mit dem Pariser Montmartre gehört der kleine Ort südlich von Alzey zu jenen großartigen Fossillagerstätten, mit denen die Erforschung ausgestorbener Säugetiere in Europa begonnen hat.

Obwohl sich viele Wissenschaftler mit dem Ur-Rhein befasst haben, gibt dieser Fluss weiterhin Rätsel auf. Es sind noch zahlreiche Grabungen und andere wissenschaftliche Untersuchungen nötig, um zumindest die wichtigsten Fragen über seine Entwicklung zu klären.

Das Taschenbuch „Der Ur-Rhein. Rheinhessen vor zehn Millionen Jahren“ stammt aus der Feder des Wiesbadener Wissenschaftsautors Ernst Probst. Er hat zahlreiche Werke über prähistorische Themen – wie „Deutschland in der Urzeit“, „Deutschland in der Steinzeit“, „Deutschland in der Bronzezeit“, „Rekorde der Urzeit“ und „Rekorde der Urmenschen“ – veröffentlicht.

Gewidmet ist das Taschenbuch Dr. Jens Lorenz Franzen (geb. 1937), Paläontologe in Titisee-Neustadt, langjähriger Mitarbeiter des Forschungsinstitutes Senckenberg in Frankfurt am Main, Wiederentdecker der Dinotheriensand-Fundstelle und Begründer der ersten wissenschaftlichen Grabungen bei Eppelsheim, Heiner Roos (geb. 1934), dem Altbürgermeister von Eppels- heim, dessen Idee und Initiative das Dinotherium-Museum in Eppelsheim zu verdanken ist, sowie dem Darmstädter Paläontologen Johann Jakob Kaup (1803–1873), mit dem die Erforschung der Säugerfauna aus den Dinotheriensanden bei Eppels- heim einst angefangen hat.

Zum Gelingen des Taschenbuches „Der Ur-Rhein“ haben Heiner Roos, der Förderverein Dinotherium-Museum Eppelsheim, die Gemeinde Eppelsheim, Dr. Jens Lorenz Franzen, Dr. Jens Sommer, Dr. Gerhard Storch, Dr. Frank Holzförster, Professor Dr. Wolfgang Schirmer, Dr. Winfried Kuhn, Dr. Ursula Bettina Göhlich, Mag. Thomas Bence Viola, Dr. Oliver Sandrock, Dr. Thomas Keller und Thomas Engel beigetragen.

Das Taschenbuch „Der Ur-Rhein“ enthält ein Gemälde und zahlreiche Zeichnungen von Tieren aus den Dinotheriensanden bei Eppelsheim in Rheinhessen. Diese Bilder wurden im Auftrag der Gemeinde Eppelsheim und des Fördervereins Dinotherium- Museum Eppelsheim von dem akademischen Maler Pavel Major aus Prag angefertigt und mit freundlicher Genehmigung im vorliegenden Taschenbuch veröffentlicht.

Dank

Für Auskünfte, kritische Durchsicht von Texten (Anmerkung: etwaige Fehler gehen zu Lasten des Verfassers), mancherlei Anregung, Diskussion und andere Arten der Hilfe danke ich:

Renate Adolfs, Bad Camberg

Mag. Thomas Bence Viola,

Institut für Anthropologie, Universität Wien

Professor Dr. Dietrich E. Berg,

Johannes-Gutenberg-Universität Mainz,

Fachbereich Chemie, Pharmazie und Geowissenschaften,

Institut für Geowissenschaften

Thomas Engel, geologischer Präparator, Naturhistorisches Museum Mainz / Landessammlung für Naturkunde Rheinland-Pfalz

Professor Dr. Oldrich Fejfar,

Paläontologisches Institut, Karls-Universität, Prag

Förderverein Dinotherium-Museum Eppelsheim

Markus Forman,

Naturhistorisches Museum Mainz / Landessammlung für Naturkunde Rheinland-Pfalz

Dr. Jens Lorenz Franzen,

ehemaliger Leiter der Abt. Paläoanthropologie und Quartärpaläontologie

am Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main, ab 1. 9. 2000 im Ruhestand

und seitdem ehrenamtlicher Mitarbeiter, Titisee-Neustadt

Dr. Ursula Bettina Göhlich,

Kuratorin für Wirbeltierpaläontologie, Geologisch-paläontologische Abteilung, Naturhistorisches Museum Wien

Dr. Elmar P. Heizmann,

Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart

Dipl.-Ing. Ansgar Hemm, Bad Wildungen

Christine Hemm-Herkner

Forschungsinstitut Senckenberg, Frankfurt am Main

Dr. Frank Holzförster, Diplom-Geologe, Wissenschaftlicher Leiter des GEO-Zentrums an der KTB Windischeschenbach

Dr. Martin Hottenrott,

Hessisches Landesamt für Umwelt und Geologie, Wiesbaden

Ute Klenk-Kaufmann, Bürgermeisterin, Eppelsheim

Dr. Thomas Keller

Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Abteilung Archäologie und Paläontologie, Schloss Biebrich, Wiesbaden

Dr. Winfried Kuhn

Landesamt für Geologie und Bergbau Rheinland-Pfalz

Abt. 2 Geologie und Rohstoffe, Mainz

Tom S. H. Lee, Toronto, Kanada

E. Leibenath, Leverkusen

Dr. Gerald Mayr, Leiter der Sektion Paläoornithologie am Forschungsinstitut und Naturmuseum Senckenberg, Frankfurt am Main

Pèter Papp, Geologe,

Magyar Állami Földtani Intézet (MAFI) / Geological Institute of Hungary, Budapest

Heiner Roos, Altbürgermeister von Eppelsheim,

1. Vorsitzender des Fördervereins Dinotherium-Museum

Eppelsheim

Dr. Oliver Sandrock, Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Jennifer Scheffler, Bilddatenbank www.pixelo.de Professor Dr. Wolfgang Schirmer, Wolkenstein Dr. Peter Schröter, Anthropologe, München

Dr. Jens Sommer, Geologe und Paläontologe, Hannover

Dr. Gerhard Storch,

ehemaliger Leiter der Sektion Fossile Säugetiere und der Abteilung Terrestrische Zoologie am Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main, ab 2004 im Ruhestand und seitdem ehrenamtlicher Mitarbeiter

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Paläontologe Jens Lorenz Franzen aus Titisee-Neustadt, früherer langjähriger Mitarbeiter am Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main, ist der Wiederentdecker der verschollenen Fossil- fundstelle bei Eppelsheim unter acht Meter mächigen Deckschichten und Begründer der ersten wissenschaftlichen Grabungen dort. Er leitete Grabungen in Eppelsheim und Dorn-Dürkheim in Rheinhessen, untersuchte und beschrieb Fundstellen und Funde. Kein anderer Wissenschaftler hat so lange und so intensiv in den Ablagerungen des Ur-Rheins gegraben wie er. Maßgeblich war er auch am Aufbau des Dinotherium- Museums in Eppelsheim beteiligt.

Die Anfänge des Rheins

Eine entscheidende Rolle bei der Entstehung und Entwicklung des Rheins in Deutschland spielte die Kontinentalverschiebung. Die so genannte Theorie der Plattentektonik wurde am 6. Januar 1912 von dem genialen deutschen Geophysiker Alfred Wegener (1880–1930) bei einer Tagung der Geologischen Vereinigung im Senckenberg-Museum in Frankfurt am Main erstmals erklärt.

Jene Theorie, die man später immer mehr verfeinert hat, besagt, dass sich die Kontinente unseres „blauen Planeten“ auf Platten der äußeren Erdkruste wie auf einem Förderband über den Erdball bewegen. Angetrieben wird dieses gigantische Förderband durch Konvektionsströmungen, welche die Hitze aus dem glutflüssigen Erdinneren nach außen und somit letztlich ins Weltall ableiten.

Wie andere Südkontinente bewegt sich auch die Afrikanische Platte unaufhaltsam nordwärts und schiebt dabei das Mittelmeer allmählich zusammen. Das bewirkt, dass sich der Meeresboden vor der ehemaligen Südküste Europas wie ein Tischtuch zum Falten- und Deckengebirge der Alpen staucht. Zudem treibt die Afrikanische Platte den Sporn des italienischen Stiefels samt Adriaboden vor sich her und rammt ihn in die Südflanke.

Der Paläontologe Jens Lorenz Franzen beschrieb diese geologischen Vorgänge 2002 sehr anschaulich in seinem Aufsatz „Versuch einer Rekonstruktion der Entwicklung des rheinischen Flusssystems“. Sein lesenswerter Beitrag erschien in der Zeitschrift „Natur und Museum“, die vom Naturmuseum und Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main herausgegeben wird.

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Der Düsseldorfer Geologe

Wolfgang Schirmer

gab mehreren Abschnitten des Ur-Rheins einen Namen

Unvorstellbare Kräfte wölbten das Gebiet im nördlichen Vorland der gestauchten Alpen schildartig auf und dehnten die oberen Schichten. Dabei brach im Scheitel der Aufwölbung der Oberrheingraben ein. Der Grabenbruch machte sich erstmals im Eozän vor etwa 50 Millionen Jahren äußerlich bemerkbar: Von da ab sank die Erdoberfläche in einer rund 30 bis 50 Kilometer breiten Spalte millimeterweise allmählich bis zu fünf Kilometer tief ein. Die Absenkungsbewegungen lösten starke Erdbeben und Meeresvorstöße aus.

Vielleicht existierte bereits an der Wende vom Eozän zum Oligozän vor etwa 34 Millionen Jahren im Rheinischen Schiefergebirge ein Vorläufer des Rheins oder sogar ein erster Rhein. Dabei handelt es sich um das Vallendarer Flusssystem, das 1908 von dem Geologen Carl Mordziol (1886–1958) nach dem Koblenzer Stadtteil Vallendar benannt wurde. Als seine Hinterlassenschaften gelten hellweiße Schotter in Senkungszonen des Rheinischen Schiefergebirges. Zum Beispiel im Moseltrog, Lahntrog, Rheintrog oder im Goldenen Grund, jener Senke, die entlang der Autobahn Limburg-Wiesbaden eine Fortsetzung des Oberrheingrabens ins Schiefergebirge bildet.

Nach seinen fast nur aus Quarz und verkieselten Gesteinen bestehenden Schottern zu schließen, lag das Quellgebiet des Vallendarer Flusssystems in den Vogesen. Dagegen kamen einige kleinere Flüsse aus dem Rheinischen Schiefergebirge. Der genaue Verlauf des Vallendarer Flusssystems und seine Abfluss- richtung aus dem Rheinischen Schiefergebirge sind umstritten. Wenn der Vallendarer Hauptstrom ab dem Mittelrheinischen Becken in Richtung Bonn entwässert hätte, wäre er tatsächlich ein erster Rhein, ein früher Lothringischer Rhein. In jedem Fall aber ist er der Wegbereiter für den späteren Lothringischen Rhein und seinen Nachfolger, die Mosel, schrieb 2003 der Düsseldorfer Geologe Wolfgang Schirmer.

Zu Beginn des Unteroligozäns vor etwa 34 Millionen Jahren ereignete sich ein erster und kurzer Meeresvorstoß von Süden her aus dem Alpenraum in den Oberrheingraben und in das Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Oligozän vor etwa 30 Millionen Jahren existierte in Deutschland eine lang gestreckte Meeresstraße, die das Nordmeer über die Wetterausenke und den ca. 300 Kilometer langen sowie etwaN 30 bis 50 Kilometer breiten Oberrheingraben mit dem damaligen Meer im heutigen Alpenvorraum verband.

Mainzer Becken. Dabei wurden im Mainzer Becken teilweise die nach einem Ort im Elsass benannten mittleren Pechelbronn- Schichten abgelagert. Bald darauf zog sich das Meer nach Süden zurück.

Im späten Unteroligozän vor rund 30 Millionen Jahren erfolgte ein zweiter und starker Meeresvorstoß aus dem Norden. Davon zeugen küstennah abgelagerte Meeressande und küstenfern entstandene Tonmergelschichten (der nach einem belgischen Flüsschen bezeichnete Rupelton) sowie Haifisch-Zähne, Seekuh-Skelette, Meeresmuscheln und -schnecken sowie Austern. Norddeutschland war damals bis in die Gegend von Kassel vom Meer bedeckt. Eine lang gestreckte Meeresstraße verband zeitweise im Mitteloligozän das Nordmeer über die Wet- terau-Senke und den ca. 300 Kilometer langen sowie etwa 30 bis 50 Kilometer breiten Oberrheingraben mit dem damaligen Meer im heutigen Alpenvorraum.

Danach kam es zu einem kurzfristigen Rückzug der Meere im Nordseebecken und im Alpenvorraum. Auf eine Aussüßungs- phase im Oberoligozän vor etwa 26 bis 25 Millionen Jahren, in der tonig-mergelige Süßwasserschichten abgelagert wurden, folgte ein dritter Meeresvorstoß aus dem Norden ins Mainzer Becken. Anders als bei früheren Meeresvorstößen wurden jetzt kalkige Schichten abgelagert, die man dem so genannten Kalk- tertiär zuordnet. In der Zeit vor etwa 25 bis 20 Millionen Jahren gab es offenbar wechselnde Verbindungen nach Norden oder Süden, aber wohl keine durchgehende Verbindung mehr zwischen den Meeren im Nordseebecken und im Alpenvorraum. Gegen Ende des Oligozäns waren große Teile von Nordrhein- Westfalen und Norddeutschland weiterhin von der Nordsee bedeckt. Vor etwa 24 Millionen Jahren existierte zwischen Brohl und Bonn der so genannte Brohler Rhein. Er gilt als ältester bekannter Vorläufer des Rheins nördlich des Rheinischen Schiefergebirges. Der Brohler Rhein floss durch ein weites Becken, in dem sich Braunkohlensümpfe ausdehnten und das von aktiven Vulkanen des Westerwaldes und der Eifel eingerahmt wur-

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Rhein bei Köln heute

de. Sein Quellgebiet lag nördlich von Andernach, sein Mündungsgebiet in die Nordsee bei Bonn. Den Namen Brohler Rhein hat Wolfgang Schirmer 1990 vorgeschlagen.

In der Übergangszeit vom Oligozän zum Miozän vor rund 23 Millionen Jahren existierten bereits drei Flussläufe, die später zusammen den Rhein bildeten. Einer davon war der Toggen- burger Rhein, dessen Namen Schirmer 2003 geprägt hat. Andere Autoren sprechen vom Bündner Rhein oder Ur-Alpenrhein. Dieser Fluss kam vom Bündner Land, floss in Richtung Nordwesten und mündete in das so genannte Molassebecken in Süddeutschland. Als weiterer Flusslauf jener Zeit gilt der Straßburger Rhein, der 2003 von Schirmer so bezeichnet wurde. Jener Fluss strömte in Richtung Norden zum Restmeer im Mainzer Becken. Noch höher im Norden lag der bereits erwähnte Brohler Rhein.

Im Untermiozän vor mehr als 20 Millionen Jahren lag die Küstenlinie der Nordsee östlich von Schleswig-Holstein. Das heutige Ostseegebiet war Festland. Die Nordsee erstreckte sich über Hamburg hinaus bis in den Raum Hannover und zur Niederrheinischen Bucht bis den Raum Köln. An der Meeresküste im Niederrheingebiet entwickelten sich ausgedehnte Sumpfwälder, Busch- und Riedmoore. Aus dem Torf dieser miozänen Moore entstanden später die mächtigen Braunkohlenflöze der Ville sowie des Rur- und Erftgrabens zwischen Köln und Düren. Im Miozän stieß die Nordsee nur noch selten in das weitgehend abgeschnittene, brackisch-marine und teilweise Süßwasser führende Mainzer Becken vor. Es folgte ein mehrfacher Wechsel von Rückzügen und Ausweitungen des lagunenartigen Sees und dessen Zerfall in eine Seenplatte bis hin zum Austrocknen.

Während des Mittelmiozäns vor etwa 15 Millionen Jahren zog sich das Meer endgültig aus dem Mainzer Becken und aus dem Oberrheingraben zurück. Nun wurde das Mainzer Becken für immer Festland. Damit waren die geologischen Voraussetzungen für die Entstehung eines Flusssystems vorhanden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Rhein bei Mainz: Für viele Menschen ist es schwer vorstellbar, dass dieser Strom nicht immer in der Gegend von Mainz floss.

Einen Ur-Rhein, der schon im Mittelmiozän vor ca. 15 Millionen Jahren etwa vom Kaiserstuhl bis in die Niederrheinische Bucht floss, vermuteten 1921 der Freiburger Geowissenschaftler Friedrich Levy († 1943 im KZ Theresienstadt) und 1934 der Bonner Geologe Max Richter (1900–1983). Der mutmaßliche mittelmiozäne Ur-Rhein, der durch Hebungen im Süden sowie Vereinigung von Straßburger Rhein und Brohler Rhein entstand, wurde 1990 von Wolfgang Schirmer als Kaiserstühler Rhein bezeichnet.

Als Indiz für diesen Rheinvorläufer gilt der Mineralgehalt von Ablagerungen aus zehn Meter tiefen Flussrinnen in Braunkohlen der Niederrheinischen Bucht. Dieser Mineralgehalt entspricht nämlich demjenigen von Ablagerungen am mittleren Oberrhein und seinen Randgebieten.

Süddeutschland wurde im Mittelmiozän vor etwa 14,7 Millionen Jahren von verheerenden Explosionen erschüttert, als aus dem Weltall auf die Erde stürzende Meteoriten zwei ausgedehnte Krater schlugen: nämlich das Nördlinger Ries mit einem Durchmesser von etwa 24 Kilometern in Bayern und das Steinheimer Becken (Kreis Heidenheim) mit einem Durchmesser von etwa 3,5 Kilometern in Baden-Württemberg. Dieses dramatische Ereignis dürfte auch im Mainzer Becken noch spürbar gewesen sein.

Im Obermiozän vor etwa zehn Millionen Jahren existierte ein Ur-Rhein, dessen Ablagerungen nach dem Rüsseltier Deino- therium als Dinotheriensande oder nach dem Fundort Eppels- heim als Eppelsheimer Sande bezeichnet werden. Dieser Dinotheriensand-Rhein floss aus dem Raum Worms quer durch Rheinhessen über Westhofen, Eppelsheim, Bermersheim, den Wissberg bei Gau-Weinheim und den Steinberg bei Sprendlin- gen (Rheinland-Pfalz) auf die Binger Pforte zu. Der damalige Strom berührte nicht – wie heute – die Gegend von Oppenheim, Nierstein, Nackenheim, Mainz, Wiesbaden und Ingelheim. Etwas jünger als die Dinotheriensande bei Eppelsheim aus dem Obermiozän vor etwa zehn Millionen Jahren sind die etwa 8,5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bingen am Rhein mit Nahemündung (links) um 1920

Millionen Jahre alten Ablagerungen aus einem Altarm oder Nebenfluss des Ur-Rheins von Dorn-Dürkheim in Rheinhessen. In diesen so genannten Dorn-Dürkheimer Schichten wurden Reste von etwa 90 Säugetierarten entdeckt. Damit gilt Dorn- Dürkheim als die artenreichste Säugetierfauna des Tertiärs in Europa!

Im Obermiozän vor etwa acht bis fünf Millionen Jahren sank der nördliche Oberrheingraben so tief ab, dass sich der Rhein dem tiefsten Niveau folgend in östliche Richtung verlagerte. In der Gegend des heutigen Mainz verband er sich mit dem Main. „Dadurch riss er den ursprünglichen Unterlauf des Mains an sich und machte den Maingau zum Rheingau, während gleichzeitig das Rheinhessische Hügelland trocken fiel“, schrieb Jens Lorenz Franzen.

Im Eiszeitalter (Pleistozän) vor rund zwei Millionen Jahren bewirkte das weitere Einsinken des Oberrheingrabens zusammen mit rückschreitender Erosion, dass der Rhein bei Basel die Ur- Aare (Aare-Doubs) anzapfte, die ursprünglich über die Burgundische Pforte in die Rhone und damit in das Mittelmeer entwässerte. Seit dieser Zeit findet man in den Ablagerungen des Rheins Mineralien, die durch ihre Zusammensetzung auf eine Herkunft oberhalb von Basel hinweisen.

Im späten Pliozän oder frühen Eiszeitalter (Pleistozän) vor rund zwei Millionen Jahren entstand vielleicht erstmalig ein Stausee vor dem Rheinischen Schiefergebirge. Bei den weit im westlichen Mainzer Becken verbreiteten weißen Sanden könnte es sich um Ablagerungen dieses Stausees handeln. Das vermuteten 1984 der Mainzer Paläontologe Karlheinz Rothausen und der Mainzer Geologe Volker Sonne.

Im frühen Eiszeitalter erweiterte der Rhein sein Einzugsgebiet erheblich durch den Anschluss des Alpenrheins (das ist der Abschnitt vom Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein bis zum Bodensee). Damit erreichte er seine heutige Größe und Bedeutung. Das plötzliche Auftreten von Radiolariten aus den Alpen in Ablagerungen des Rheins dokumentiert dieses geolo-

Der Darmstädter

Geologe Wilhelm Wagner (1884–1970) vermutete

bereits 1938 die Existenz eines Rheinhessensees

gische Ereignis. Bei Radiolariten handelt es sich um verkiesel- te, zu Stein gewordene Tiefseeablagerungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vor den Gletschervorstößen des Eiszeitalters bis zum Cromer (etwa 800.000 bis 480.000 Jahre) hatten Rhein und Maas ein gemeinsames Delta zwischen Rotterdam und Emden. Im Eiszeitalter vor rund 800.000 Jahren wurde der Rhein in Rheinhessen vielleicht erneut zu einem großen See aufgestaut, bis er irgendwann überlief. Am Ufer dieses Rheinhessensees lagen die Fundstellen Dorn-Dürkheim 2, Dorn-Dürkheim 3 und Wintersheim. Einen solchen See hatte der Darmstädter Geologe Wilhelm Wagner (1884–1970) bereits 1938 vermutet.

In der Zeit zwischen etwa 800.000 Jahren und heute schnitt sich der Rhein bis zu etwa 100 Meter tief in den Mittelrhein- Canyon ein. Das entspricht einer jährlichen Erosionsrate von0,125 Millimeter. Allmählich erreichte der Rhein seine jetzige Tiefe und Weite.

Während der Elster-Eiszeit (etwa 480.000 bis 330.000 Jahre) rückten nordische Gletscher bis an den Niederrhein vor und zwangen den Rhein zum westlichen Ausweichen vor dem Eis. Rhein, Maas, Schelde und Themse flossen durch den trocken liegenden Englischen Kanal und mündeten vor der Bretagne und Cornwall in den Atlantik. Damals war der Rhein etwa doppelt so lang wie heute. Seine und Themse gehörten zu seinen Nebenflüssen. Bei einem Anstieg des Meeresspiegels in einer nachfolgenden Warmzeit kehrten Küste und Rheinmündung wieder etwa in die alte Position zurück. Dieser Wechsel wiederholte sich in der Saale-Eiszeit (etwa 300.000 bis 125.000 Jahre).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dinotheriensand-Fundorte und Rekonstruktion des Verlaufes des Ur-Rheins in Rheinhessen. Zeichnung von Christine Hemm- Herkner nach einer Vorlage des Paläontologen Jens Lorenz Franzen (zum Teil nach Heinz Tobien 1980 und Joachim Bartz 1936)

Mainz und Wiesbaden lagen nicht am Ur-Rhein

In der Zeit vor etwa zehn Millionen Jahren, die von Geologen und Paläontologen als Obermiozän bezeichnet wird, hatte der Ur-Rhein südlich des Rheinischen Schiefergebirges einen ganz anderen Lauf als der heutige Rhein. Er floss nicht durch die Gegend von Oppenheim, Nierstein, Nackenheim, Mainz, Wiesbaden und Ingelheim. Stattdessen bahnte er sich ab etwa Worms – streckenweise mehr als 20 Kilometer westlich vom jetzigen Rheinbett entfernt – seinen Weg durch Rheinhessen.

Dieser Ur-Rhein war nachweislich nicht so lang wie der heutige Rhein mit 1324 Kilometern, sondern nur ein kurzer Mittelgebirgsfluss mit schätzungsweise 400 Kilometer Länge. Somit war jener Ur-Rhein nur ungefähr ein Drittel so lang wie der gegenwärtige Rhein. Denn er besaß noch keine alpinen Zuflüsse wie jetzt. Seine Quellen lagen nach heutiger Kenntnis südlich des Kaiserstuhls, seine Mündung im unteren Niederrheingebiet, wo sich damals die Meeresküste erstreckte.

Der Paläontologe Jens Lorenz Franzen schrieb auf einem Flyer für Besucher des Dinotherium-Museums in Eppelsheim, der Ur-Rhein sei ursprünglich ein kleines Flüsschen ähnlich wie die heutige Nahe gewesen. Im Raum Eppelsheim habe er lediglich eine Breite von etwa 45 bis 60 Metern erreicht.

Kurze Zeit hielt man den Ur-Rhein in Rheinhessen sogar für einen Höhlenfluss. Den Verdacht, der Ur-Rhein könne im Bereich der wissenschaftlichen Grabungsstelle im Gewann „Auf dem Alzeyer Weg“ bei Eppelsheim in einer Höhle aus Kalkstein geflossen sein, hatte 1997 als Erster der Mainzer Geologe Winfried Kuhn geäußert. Auf diese Idee war er gekommen, nachdem er Sinterkalk-Stücke gefunden hatte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Mainzer Geologe Winfried Kuhn hatte 1997 den Verdacht,

der Ur-Rhein könne im Bereich

der wissenschaftlichen Grabungsstelle

im Gewann „Auf dem Alzeyer Weg“

bei Eppelsheim

in einer Höhle aus Kalkstein

geflossen sein

Als einen gewichtigen Hinweis für die Existenz eines Höhlenflusses deutete Kuhn einen 1998 entdeckten, etwa 35 Kubikmeter großen Kalksteinklotz auf dem Grund des Ur-Rheins. Der tonnenschwere Klotz besteht aus rund 20 Millionen Jahre alten Inflata-Schichten, die nach der kleinen Wattschnecke Hydrobia inflata benannt sind. Kuhn betrachtete den Klotz als Teil der Decke einer eingestürzten Karsthöhle.

Doch später rückte der Mainzer Geologe von seiner faszinierenden Idee, der Ur-Rhein in Rheinhessen könne zumindest streckenweise ein Höhlenfluss gewesen sein, wieder ab. Denn im Bereich der Grabungsstelle im Gewann „Auf dem Alzeyer Weg“ bei Eppelsheim hat man keine weiteren Kalksteinklötze mehr gefunden, die Reste einer eingestürzten Höhlendecke gewesen sein könnten.

An der Grabungsstelle bei Eppelsheim wurde bisher nur einer der beiden Uferbereiche des Ur-Rheins freigelegt. Nämlich ein Steilhang aus rund 20 Millionen Jahre alten Schichten auf der Westseite des ehemaligen Flusses. Dieser Hang besteht aus einer großen Kalksteinscholle, deren Basis auf den unterlagernden tonigen Schichten nach Westen hin weggerutscht war, worauf die ursprünglich horizontal gelagerten Schichten steil nach Osten abkippten. Vermutlich stürzte dabei der erwähnte Kalksteinklotz in den entstandenen Zwischenraum, in dem später ein Seitenarm des Ur-Rheins floss.

Auslöser für die Wegbewegung der Kalksteinscholle vom Hang dürften großräumige plattentektonische Dehnungsbewegungen gewesen sein. Dies war eine Spätfolge der Öffnung des Nordatlantiks in Verbindung mit der Absenkung des Oberrheingrabens. Am nördlichen Ende des Oberrheingrabens befindet sich das Mainzer Becken, zu dem auch die Gegend von Eppels- heim gehört. Der Untergrund des Mainzer Beckens, besteht aus einer Vielzahl von Schollen, die von Brüchen (Störungen) begrenzt sind.

Das dem Westhang gegenüber gelegene Ostufer des Ur-Rheins war 2008 noch nicht aufgeschlossen. Kuhn glaubt, dass sich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schräg geschichtete Flussablagerungen des Ur-Rheins bei Eppelsheim

dort ebenfalls ein Steilufer befand, das den Gegenpart der weg gerutschten Scholle bildete. An der Grabungsstelle bei Eppels- heim floss wahrscheinlich ein Seitenarm des Ur-Rheins durch eine enge Schlucht (Canyon). Weitere Flussarme, die unterschiedlich breit und tief waren, existierten sicherlich an anderer Stelle. Es gab wohl auch Hochwasserphasen und Zeiten mit geringer Wasserführung.

Wie viele andere Flussablagerungen sind auch diejenigen des Ur-Rheins bei Eppelsheim schräg geschichtet. Ein Fluss verändert durch unterschiedliche Wasserführung und Strömungs- intensität immer wieder seinen Lauf. Einerseits schneidet er sich in Prallhangbereichen in bestehende Sandbänke oder Uferzonen ein. Andererseits lagert er im Gleithangbereich aufgrund der geringeren Fließgeschwindigkeit Sedimente beispielsweise an Sandbänken ab. Solche Ablagerungen werden immer in einem gewissen Neigungswinkel angelegt – von der Sandbank oder vom Ufer zur Fließrinne hin. Bei ständigen Änderungen der Flussläufe entstehen in den Ablagerungen zwangsläufig Schrägschichtungskörper.

Sandvorkommen in Richtung des heutigen Rheingrabens, die sich in ihrer Zusammensetzung etwas von den Dinotherien- sanden unterscheiden, sind Spuren einer Verlagerung des Flussbettes des Ur-Rheins nach Osten. Doch weil diese kalkfrei sind und keine Fossilien enthalten, kann ihr Alter nicht genau datiert werden.

Ablagerungen des Ur-Rheins – auf heute trockenem Gelände – kennt man aus Westhofen bei Worms, Eppelsheim, Dintesheim, Esselborn, Kettenheim, Heimersheim, Bermersheim, vom Wissberg bei Gau-Weinheim, Vendersheim, Wolfsheim und vom Steinberg (auch Napoleonshöhe genannt) bei Sprendlingen unweit von Bad Kreuznach. Dabei handelt es sich um Sande und Kiese, die teilweise Reste von Tieren aus jener Zeit enthalten. Weil darunter auch Knochen und Zähne des riesigen Rüsseltieres Deinotherium giganteum sind, werden die Ablagerungen des Ur-Rheins als Dinotheriensande bezeichnet. Man bezeichnet sie aber auch als Eppelsheimer Sande oder Eppelsheim- Formation.

Wer als Erster die Sande und Schotter der Dinotheriensande in Rheinhessen als Ablagerungen des Ur-Rheins erkannt hat, konnte der Autor dieses Taschenbuches trotz vieler Recherchen nicht sicher klären.

Bereits auf der 1866 erschienenen „Geologischen Specialkarte des Grossherzogthums Hessen und der angrenzenden Landesgebiete im Maasstabe von 1:50000“ für die „Section Alzey“ des Darmstädter Geologen Rudolf Ludwig (1812–1880) werden die Dinotheriensande als Flussablagerungen gedeutet. Im Zusammenhang mit Eppelsheim als „weltberühmte Fundstätte des Deinotherium giganteum“ ist von einem Flussdelta, nicht aber vom Rhein die Rede. Auch andere Autoren jener Zeit haben die Dinotheriensande wohl mit einem Fluss, noch nicht aber mit dem Rhein in Verbindung gebracht.

Der Erste, der die Gerölle in den Dinotheriensanden petrographisch ausführlicher untersucht hat, dürfte der Geologe Carl Mordziol (1886–1958) gewesen sein, der zeitweise in Gießen, Mainz, Aachen und Koblenz gearbeitet hat. Er führte 1908 aus, dass ein größeres Stromsystem aus südwestlicher oder südlicher Richtung das Material der Dinotheriensande ablagerte. Mordziol sprach von einem Stromsystem, das „auch in ähnlicher Richtung wie der heutige Rhein in das Schiefergebirge eintrat“ und vom „unterpliocänen Rhein“. Dabei verwies er auf entsprechende Arbeiten des damals in Würzburg tätigen Geologen und Mineralogen Fridolin Sandberger (1826–1898) von 1863 und 1870/1875. Einen „von Süden nach Norden fließenden Vorläufer des Rheins (einen „Urrhein“) erwähnte Mordziol 1911 in seinem Werk „Geologischer Führer durch das Mainzer Tertiärbecken“.

1932 stellte der Wormser Paläontologe Wilhelm Weiler (1890– 1972), der von 1944 bis 1947 Direktor des Naturhistorischen Museums Mainz war, in einer Abhandlung die Frage: „Gab es einen unterpliozänen Eppelsheimer Fluß in Rheinhessen?“ Damals wurden die Ablagerungen des Ur-Rheins noch nicht – wie heute – dem Miozän, sondern dem Pliozän zugerechnet.

Das Wissen über die Existenz des Ur-Rheins fernab vom heutigen Rhein wurde durch Untersuchungen des Berliner Geologen Joachim Bartz (1910–1998) bereichert. Er veröffentlichte 1936 seine Publikation „Das Unterpliocän in Rheinhessen“.

Laut Bartz floss der Ur-Rhein auf einer alten, aus Kalksteinen bestehenden Landoberfläche in Süd-Nord-Richtung. Im Norden hatte er einen linksseitigen Nebenfluss (die Ur-Nahe), der aus der Richtung von Bad Kreuznach kam. Das Einzugsgebiet der Ur-Nahe reichte bis ins Pfälzer Bergland. Dieser Sachverhalt wurde später (1946, 1947, 1973) durch den Darmstädter Hydrogeologen Wilhelm Wagner (1884–1970) bestätigt und ergänzt.

In Rheinhessen lassen sich die Dinotheriensande über eine Strecke von etwa 26 Kilometern verfolgen. Die Fundstellen mit Dinotheriensanden verteilen sich auf zwei Gebiete. Das nordwestliche umfasst den Steinberg bei Sprendlingen (mit mehreren Fundpunkten), Wolfsheim, Vendersheim, Gau-Weinheim und den Wissberg bei Gau-Weinheim. Zum südwestlichen Fundgebiet in der Umgebung von Alzey gehören Bermersheim, Hei- mersheim, Kettenheim, Esselborn, Dintesheim, Eppelsheim und Westhofen.

Nördlich des Steinberges bei Sprendlingen folgen einige Vorkommen von Dinotheriensanden ohne Tierfossilien. Nämlich Welgesheim, Zotzenheim, Dromersheim, Aspisheim, Ober- und Niederhilbersheim sowie der Laurenziberg bei Ockenheim. Bartz erklärte dies damit, dass sich nördlich vom Steinberg bei Sprendlingen die Einflüsse der Ur-Nahe bemerkbar machten, die zur völligen Aufarbeitung der Säugetierreste führten. Südlich von Dintesheim und Westhofen nahe Worms sind keine Dinotheriensande bekannt.

Auch die Schotter der Ur-Nahe beim Rheingrafenstein südlich von Bad Kreuznach enthalten keine Säugetierreste. Der Rhein- grafenstein ist eine 136 Meter hohe Felsformation aus vulkani- Dinotheriensande-Aufschlüsse mit Säugetierfossilien in Rheinhessen. Schwarze Kreise: 1: Steinberg (Napoleonshöhe), 2: Wolfsheim, 3: Vendersheim, 4: Wissberg, 5: Gau-Weinheim, 6: Bermersheim, 7: Heimersheim, 8: Kettenheim, 9: Esselborn, 10: Dintesheim, 11: Eppelsheim, 12: Westhofen. Der lange Pfeil von Südosten nach Nordwesten zeigt die Laufrichtung des Ur-Rheins in Rheinhessen an. Der kurze Pfeil links des Ur-Rheins markiert die Laufrichtung der Ur-Nahe. Der kurze Pfeil rechts des Ur-Rheins soll die Laufrichtung des Ur-Mains veranschaulichen. Im Gegensatz zu dieser Karte von 1983 geht man heute davon aus, dass der Ur-Main zur Zeit der Dino- theriensande kein Nebenfluss des Ur-Rheins in Rheinhessen gewesen ist.

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Ende der Leseprobe aus 257 Seiten

Details

Titel
Der Ur-Rhein. Rheinhessen vor zehn Millionen Jahren
Autor
Jahr
2008
Seiten
257
Katalognummer
V120422
ISBN (eBook)
9783640247868
ISBN (Buch)
9783640248018
Dateigröße
84004 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ur-Rhein
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor), 2008, Der Ur-Rhein. Rheinhessen vor zehn Millionen Jahren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120422

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