Überblick zu sprachwissenschaftlichen Ellipsen

"Es ist nicht immer nötig, ALLES zu sagen"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

15 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Arten der Ellipse und verwandte Phänomene

3 Kontextkontrollierte Ellipsen ® Vorüberlegungen
3.1. – Typen und Beschränkungen der „coordination reduction“
3.2. – Besonderheit(en) des „gapping“
3.3. – Charakterisierung des „right node raising“

4 Situationelle Ellipse

5 Schlusswort

6 Literaturangabe

1 – Einleitung

Die menschliche Verständigung ist geprägt durch die Prinzipien der Relevanz und Ökonomie 1: Wir bringen in der Regel nur das zum Ausdruck, was wir für notwendig halten, damit der Partner unsere Intentionen erfasst, und sagen ihm nur etwas, wovon wir annehmen, dass er es nicht sowieso schon weiß. Andererseits braucht der Gesprächspartner für das Verstehen stets bestimmte Teile seines stillen Wissens 2 – wobei wir Gebrauch davon machen; uns darauf verlassen. So ist es nicht verwunderlich, dass ständig das „Problem“ auftritt, was wir denn ausdrücken müssen, was wir uns ersparen können, welches gemeinsame Wissen wir voraussetzen dürfen bzw. was wir aktivieren oder in Erinnerung bringen müssen?

Unser Verständnis einer Äußerung ist stets von dem bestimmt, was sich

aus dem sprachlichen Ausdruck selbst ergibt und aus dem, was wir dem

jeweiligen Kontext im weitesten entnehmen.3

Das „Problem“ wurde durch die Jahrhunderte unter dem Stichwort „Ellipse“ behandelt. Eine sprachliche Ellipse liegt grob gesprochen dann vor, wenn bestimmte Teile eines Satzes latent bleiben bzw. weggelassen werden, die zum Verstehen der Äußerung notwendig sind. Allerdings hat man – aus guten Gründen – diese Definition immer eingeschränkt, da nicht alles, was im gemeinsamen Wissen aktiviert werden muss und in der Äußerung bleibt, als Ellipse angesehen wurde.

Man orientiert(e) die Ellipse vielmehr an einem Vollständigkeitsbegriff – dem Ideal des expliziten Satzes, den wir im Verstehensprozess aktivierend rekonstruieren. Der Sprecher kann bei seiner Äußerung bestimmte Elemente weglassen, die der Hörer, sofern er die betreffende Sprache beherrscht, aus dem Kontext ergänzen kann.

Make your contribution as informative as is required for the current purposes of the exchange … Do not

make your contribution more informative than is required.

> Der Sprecher solle seinen Beitrag nicht mit mehr Informationen überladen, als von der Situation, vom

Vorwissen und vom Vorgängertext her unbedingt notwendig ist. Die Submaxime be brief (avoid unnecessary prolixity) fasst diese Konsequenz im Hinblick auf die sprachliche Formulierung noch einmal zusammen.

In: Jacobs, Joachim u.a. (Hrsg.): Syntax – Ein internationales Handbuch (Band 1).

Im Mittelpunkt der Betrachtungen soll die Frage stehen, inwiefern und mittels welcher Art Satzglieder syntaktisch entbehrlich bzw. Gliedteile (=Wortarten) weggelassen (getilgt) werden können.

Jeweiliges soll durch Beispiele belegt und hinterfragt werden, wobei es vorab jedoch gilt eine Zusammenschau der verschiedenen Ellipse-Arten zu geben, um erwachsend daraus Anstoß nehmen zu können.

2 – Arten der Ellipse und verwandte Phänomene

Der folgende Überblick bildet eine Vorsortierung verschiedener Erscheinungen, die in der Literatur 4 als „elliptisch“ angeführt werden.

( a ) Aufschriften und ähnliches

Das Besondere an diesen Ausdrücken, die sowohl einfach auftreten als auch zusammengesetzt werden können, ist mit Bühler gesprochen, dass sie dingfest angeheftet5 sind, d.h. sie haben eine physische Verbindung zu einem Bezugsobjekt.

So lesen wir auf einem Wegweiser: Weimar 23 km; an einer Tür: Bitte klopfen, Betreten verboten oder Privat und an einer Imbisstandtafel: Glühwein oder Thüringer – wobei dies Wahrgenommene beständig im Lichte unseres Welt- bzw. Situationswissens interpretiert wird.

( b ) Feste Ausdrücke

Sie unterteilen sich in drei Fälle – elliptische Aufforderungen wie Tür zu!, Links um! aber auch 18-er Ringschlüssel! oder Ins Bett mit dir!; expressive Ausrufe in Form eingliedriger Nominalsätze wie Hilfe!, Feuer!, Vortrefflich! oder Aus! bzw. demgegenüber Intensivierungssätze wie Nicht zu fassen!, So eine Frechheit! und So´n Quatsch! Eine dritte Art bilden rituelle Formeln: Aus den Augen – aus dem Sinn, Lange nicht gesehen, Schon möglich, Keine Ahnung.

Die Bildung dieser festen Ausdrücke folgt, sofern sie zusammengesetzt sind, bestimmten Regeln. Man kann nicht sagen: Um links oder Zu Tür. Die Aussagen Nach mir oder Mit dir ins Bett involvieren offenbar nicht dasselbe wie Mir nach bzw. Ins Bett mit dir.

( c ) Textsortenellipsen

Hierunter werden Textsorten verstanden, die durch Auslassungen und Verkürzungen gekennzeichnet sind.

Hierzu zählen vor allem Wetterberichte: Starker Wind aus wechselnden Richtungen bzw. Nachttemperaturen nahe dem Gefrierpunkt; Verkehrslageberichte: Auf der A9 von Eisenberg in Richtung Hermsdorfer Kreuz zähfließender Verkehr; Telegramme: Komme Ostern mit Freundin; Überschriften und Schlagzeilen in Zeitungen oder im TV-Nachrichten-Banner; Rezepte zur Zubereitung von Speisen oder Gebrauchsanweisungen technischer Geräte bzw. Montageinstruktionen und nicht zuletzt Werbetexte , derer wir viele kennen.

( d ) Lexikalische Ellipsen

Auch hier gibt es verschiedene Unterarten. Eine erste stellt die völlig lexikalisierte Argumentreduktion dar: Schröder sitzt [IM GEFÄNGNIS]. , Wer gibt [IN DER NÄCHSTEN RUNDE]? oder Wer hebt [DEN HÖRER] ab?.

Ein zweiter Punkt betrifft lexikalisierte N-Ellipsen: der Angeklagte und der Angestellte. Ein dritter Fall betrifft die lexikalisierte Auslassung einer infiniten Verbform wie in Sie sind in die Stadt, Niemand durfte zu den Patienten bzw. Die Kleine muss schon wieder.

( e ) Adjazenzellipsen

Damit sind Auslassungen in der zweiten Komponente eines „adjacency pairs“ gemeint, wobei kontrollierender Ausdruck und elliptischer zwei selbstständige aber eng zusammengehörige Äußerungen bilden.

Typische Beispiele dafür sind Frage-Antwort-Folgen: Anton [TRANK] ein Helles [BIER] als Antwort auf die Frage Wer hat was getrunken? oder Christian glaubt sieben [...] als Antwort auf Wie viel Studenten waren denn da?; des weiteren Teilweise Bestätigungen: Lena hat fünfzig Euro gefunden – Nein, Alexandra [HAT] fünfhundert [EURO] verloren!; Parallele Fortführungen: Ich komme heute Abend. – Ich auch. – Ich nicht.; Korrekturen von Behauptungen: so wird auf Dein Bruder hat gestern eine CD gestohlen! zur Richtigstellung die Antwort Nein [...] gekauft! gegeben bzw. Nein, für Albrecht! nach Diese Zeitschrift ist für Anna!. Dieser Ellipsenart ist auch die Komparativellipse zugehörig, wobei sichergestellt sein muss, dass die Bedeutung des Vergleichsgliedes mittels des ersten Teilsatzes entsprechend angereichert wird wie folgendes Beispiel zeigt: X läuft schneller als Y.

[...]


1 Grice, H. P.: Logic and Conversation.

In: Cole, Peter / Morgan, Jerry L.: (Hrsg.): Syntax and Semantics - Vol.3: Speech Acts. London, New

York, San Francisco: Academic Press, 1975, S. 45f.

2 Mit „stillem“ Wissen sind die drei Formen des kontextuellen Wissens impliziert, auf welche wir uns

bei der Interpretation einer Äußerung stützen.

vgl. hierzu Ausführungen: Klein, Wolfgang: Ellipse.

3 ebd., S. 765 Berlin, New York: de Gruyter, S. 765

4 Klein, Wolfgang: Ellipse. In: Jacobs, Joachim u.a. (Hrsg.): Syntax – Ein internationales Handbuch

(Band 1). Berlin, New York: de Gruyter, S. 765

bzw.:

Meyer-Hermann, Reinhard u. Rieser, Hannes (Hrsg.): Ellipsen und fragmentarische Ausdrücke (Band 1).

Tübingen: Niemeyer 1985, S. 3ff.

5 Bühler, Karl: Sprachtheorie – Die Darstellungsfunktion der Sprache, Jena: Fischer 1934, S. 156

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Überblick zu sprachwissenschaftlichen Ellipsen
Untertitel
"Es ist nicht immer nötig, ALLES zu sagen"
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Germanistische Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Ambiguität in Wortschatz und Grammatik der deutschen Sprache
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
15
Katalognummer
V12053
ISBN (eBook)
9783638180498
ISBN (Buch)
9783656739760
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kontextkontrollierte Ellipsen: „coordination reduction“, „gapping“ oder „right node raising“
Arbeit zitieren
Lukas Scholz (Autor), 2002, Überblick zu sprachwissenschaftlichen Ellipsen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12053

Kommentare

  • Lukas Scholz am 3.12.2004

    "Es ist nicht immer nötig, ALLES zu sagen ... zu sprachwissenschaftlichen Ellipsen".

    Es ist nicht immer notwendig, „alles“ zu sagen … wir bringen in der Regel nur das zum Ausdruck, was wir für notwendig halten, damit der Gesprächspartner unsere Intentionen erfasst, und sagen ihm nur etwas, wovon wir annehmen, dass er es nicht sowieso schon weiß. Für das Verstehen braucht er auch stets bestimmte Teile seines stillen Wissens, wobei eine wichtige Funktion von Ellipsen darin begründet liegen kann, dass sie Sinnzusammenhänge im Text nicht exponieren, sondern implizieren, d.h. dass ein Element eines Satzes weggelassen werden kann, ohne dass sich das Verständnis des Satzes und seine Bedeutung verändern. Elliptische Äußerungen sparen jeweils bestimmte zu vollständigen Sätzen gehörige Elemente aus ... ob kontextkontrolliert wie es der Fall ist bei "coordination reduction", "gapping" oder "right node raising" oder situationellen Ellipsen ist; das "Weggelassene" hinterlässt keine "Lücke", welches das Verstehen erschwert.

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