Die menschliche Verständigung ist geprägt durch die Prinzipien der Relevanz und Ökonomie: Wir bringen in der Regel nur das zum Ausdruck, was wir für notwendig halten, damit der Partner unsere Intentionen erfasst, und sagen ihm nur etwas, wovon wir annehmen, dass er es nicht sowieso schon weiß. Andererseits braucht der Gesprächspartner für das Verstehen stets bestimmte Teile seines stillen Wissens – wobei wir Gebrauch davon machen; uns darauf verlassen. So ist es nicht verwunderlich, dass ständig das „Problem“ auftritt, was wir denn ausdrücken müssen, was wir uns ersparen können, welches gemeinsame Wissen wir voraussetzen dürfen bzw. was wir aktivieren oder in Erinnerung bringen müssen?
Unser Verständnis einer Äußerung ist stets von dem bestimmt, was sich aus dem sprachlichen Ausdruck selbst ergibt und aus dem, was wir dem jeweiligen Kontext im weitesten entnehmen.3
Das „Problem“ wurde durch die Jahrhunderte unter dem Stichwort „Ellipse“ behandelt. Eine sprachliche Ellipse liegt grob gesprochen dann vor, wenn bestimmte Teile eines Satzes latent bleiben bzw. weggelassen werden, die zum Verstehen der Äußerung notwendig sind. Allerdings hat man – aus guten Gründen – diese Definition immer eingeschränkt, da nicht alles, was im gemeinsamen Wissen aktiviert werden muss und in der Äußerung bleibt, als Ellipse angesehen wurde.
Man orientiert(e) die Ellipse vielmehr an einem Vollständigkeitsbegriff – dem Ideal des expliziten Satzes, den wir im Verstehensprozess aktivierend rekonstruieren. Der Sprecher kann bei seiner Äußerung bestimmte Elemente weglassen, die der Hörer, sofern er die betreffende Sprache beherrscht, aus dem Kontext ergänzen kann. Im Mittelpunkt der Betrachtungen soll die Frage stehen, inwiefern und mittels welcher Art Satzglieder syntaktisch entbehrlich bzw. Gliedteile (=Wortarten) weggelassen (getilgt) werden können.
Jeweiliges soll durch Beispiele belegt und hinterfragt werden, wobei es vorab jedoch gilt eine Zusammenschau der verschiedenen Ellipse-Arten zu geben, um erwachsend daraus Anstoß nehmen zu können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Arten der Ellipse und verwandte Phänomene
3 Kontextkontrollierte Ellipsen → Vorüberlegungen
3.1 Typen und Beschränkungen der „coordination reduction“
3.2. Besonderheit(en) des „gapping“
3.3 Charakterisierung des „right node raising“
4 Situationelle Ellipse
5 Schlusswort
6 Literaturangabe
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht das linguistische Phänomen der Ellipse in der deutschen Sprache, insbesondere die syntaktischen, semantischen und stilistischen Bedingungen, unter denen Satzteile weggelassen werden können, ohne die Verständlichkeit zu beeinträchtigen. Ziel ist es, verschiedene Ellipsen-Arten zu klassifizieren und ihre grammatische Rekonstruktion zu analysieren.
- Grundlagen der sprachlichen Ökonomie und Relevanz
- Klassifizierung verschiedener Ellipsen-Typen (z.B. Kontext- vs. situationelle Ellipsen)
- Syntaktische Beschränkungen der Koordinationsreduktion
- Besonderheiten von "Gapping" und "Right Node Raising"
- Kohärenzstiftung durch Inferenz im Verstehensprozess
Auszug aus dem Buch
3.1 Typen und Beschränkungen der „coordination reduction“
Die wohl typischste Form der „Koordinationsreduktion“ ist die Verbindung von Wörtern, Wortgruppen oder Sätzen durch die beiordnende Konjunktion „und“. Aber die Koordination ist nicht auf das „und“ beschränkt und „und“ nicht auf die Koordination. So lesen wir über den ersten Tag der Schöpfungsgeschichte im Alten Testament:
Und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht nannte er Nacht. 6
Hier verbindet ein „und“ zwei Hauptsätze zu einer Koordination, die ihrerseits wieder durch ein satzeinleitendes „und“ zwar nicht syntaktisch, aber doch semantisch mit den vorangegangenen Sätzen der Schöpfungsgeschichte verbunden wird. Von einer Koordination sprechen wir nur im ersten Fall, also wenn es sich um eine syntaktische Verbindung handelt. Je nach Beziehungen zwischen den einzelnen Teilen einer Koordination, den „Konjunkten“, werden verschiedene Konjunktionen verwendet: oder, aber, sondern ... . Konjunktionen können aber auch eingespart werden, womit die Verbindung zwischen den Konjunkten dann als asyndetisch bezeichnet wird.
Konjunkte bieten viele Gelegenheiten zur Verkürzung durch Ellipsen. Ohne Verkürzung müssten Koordinationen zahlreiche Wiederholungen enthalten, und nur wenig Sätze würden die damit verbundenen Hervorhebungen so verdienen, wie der Satz aus der Schöpfungsgeschichte, wo abgesehen von der Konjunktion auch noch Subjekt (Gott) und Prädikat (nannte) gleich sind. Betrachtet man den Satz genauer, so ist den beiden koordinierten Satzgliedern allerdings nur das Verb gleich – aber für das Verb allein ist eine Ellipse grammatisch unmöglich:
*Und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis [...] er Nacht.
Nur wenn auch das Pronomen weggelassen wird, ist die Ellipse grammatisch akzeptabel:
Und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Prinzipien der Relevanz und Ökonomie ein, die das sprachliche Handeln bestimmen und die Entstehung von Ellipsen motivieren.
2 Arten der Ellipse und verwandte Phänomene: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über verschiedene Erscheinungsformen, die in der Literatur als elliptisch bezeichnet werden, darunter Aufschriften, feste Ausdrücke und Textsortenellipsen.
3 Kontextkontrollierte Ellipsen → Vorüberlegungen: Es werden die syntaktischen, semantischen und stilistischen Beschränkungen definiert, denen Ellipsen unterliegen, die auf einen sprachlichen Kontext angewiesen sind.
3.1 Typen und Beschränkungen der „coordination reduction“: Das Kapitel erläutert die Mechanismen der Koordinationsreduktion und die Bedingungen, unter denen identische Satzteile in koordinierten Sätzen eliminiert werden können.
3.2. Besonderheit(en) des „gapping“: Hier steht die Auslassung in der Verbalphrase („Gapping“) im Fokus, die insbesondere bei symmetrisch aufgebauten Satzkoordinationen auftritt.
3.3 Charakterisierung des „right node raising“: Das Kapitel befasst sich mit Sätzen, bei denen identische Konstituenten am rechten Rand koordinierter Sätze getilgt werden.
4 Situationelle Ellipse: Es wird analysiert, wie kontextunabhängige Ellipsen allein durch situatives Wissen und Wahrnehmung interpretiert werden können.
5 Schlusswort: Die Arbeit resümiert, dass Ellipsen als Mittel der Textverdichtung fungieren und beim Rezipienten Inferenzprozesse zur semantischen Ergänzung voraussetzen.
6 Literaturangabe: Auflistung der verwendeten fachsprachlichen Quellen und Referenzwerke.
Schlüsselwörter
Ellipse, Syntax, Semantik, Koordinationsreduktion, Gapping, Right Node Raising, Kontextellipse, situationelle Ellipse, sprachliche Ökonomie, Tilgung, Reduktion, Linguistik, Inferenz, Satzstruktur, Sprachwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem linguistischen Phänomen der Ellipse in der deutschen Sprache, also dem gezielten Weglassen von Satzteilen, und untersucht, wie diese trotz Auslassungen korrekt verstanden werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Klassifizierung verschiedener Ellipsen-Arten, die Bedingungen für ihre grammatische Zulässigkeit sowie die Rolle des Kontextes und des Situationswissens bei der Rekonstruktion der fehlenden Informationen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, inwiefern und mittels welcher Regeln Satzglieder in der deutschen Sprache syntaktisch getilgt werden können und welche kognitiven Prozesse beim Hörer ablaufen, um diese Ellipsen korrekt zu interpretieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine theoretische Analyse der Syntax und Semantik, wobei die verschiedenen Ellipsen-Formen anhand von Beispielsätzen und in Anlehnung an linguistische Theorien, wie etwa der Transformationsgrammatik, hinterfragt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse kontextkontrollierter Ellipsen (Koordinationsreduktion, Gapping, Right Node Raising) und die Untersuchung situationeller Ellipsen, die ohne direkten sprachlichen Antezedenten auskommen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Ellipse, Syntax, Koordinationsreduktion, Gapping, sprachliche Ökonomie und Inferenz geprägt.
Wie unterscheidet sich die "Vorwärtsellipse" von der "Rückwärtsellipse"?
Bei der Vorwärtsellipse erscheinen die ausgelassenen Elemente "rechts" von der Konjunktion, während bei der Rückwärtsellipse die Lücke "links" erscheint; zudem unterscheidet sich die Anforderung an Referenzidentität zwischen beiden Formen.
Was unterscheidet situationelle Ellipsen von Kontextellipsen?
Während Kontextellipsen auf einem expliziten sprachlichen Antezedenten im Satz oder Kontext basieren, sind situationelle Ellipsen kontextunabhängig und erfordern für ihre semantische Belegung das situative Wissen der Kommunikationsteilnehmer.
- Citation du texte
- Lukas Scholz (Auteur), 2002, Überblick zu sprachwissenschaftlichen Ellipsen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12053