Marcel Reich-Ranicki als literarische Figur


Forschungsarbeit, 2003

35 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Analyse
2.1. Physiognomische Eigenschaften und Charakteristika
2.2 Biografische Parallelen
2.3 Über Literaturkritik
2.4 Interaktion mit anderen Figuren

3 Fazit

4 Bibliografie

1 Einleitung

„Ich hätte ihn umbringen können.“ Dieser Satz geht so einfach über die Lippen, wenn man sich die Wut auf eine gewisse Person in einem bestimmten Moment ins Gedächtnis ruft. Glücklicherweise folgen diesen Wünschen selten Taten.

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki wurde aber in den letzten Jahren gleich mehrmals umgebracht – fiktiv, versteht sich. In verschiedenen Romanen malten sich Schriftsteller wie Martin Walser, Bodo Kirchhoff, Peter Handke und andere den Tod des bekannten Kritikers aus. Die Gründe für diese literarisch umgesetzten Fantasie-vorstellungen sind vermutlich Reaktionen auf schlechte Kritiken Marcel Reich-Ranickis. In der folgenden Arbeit werde ich anhand ausgewählter Werke analysieren, wie einige literarische Figuren Reich-Ranicki ähneln oder ihm sogar gezielt nach-konstruiert wurden. Dabei geht es insbesondere um Martin Walsers Tod eines Kritikers (2002), Bodo Kirchhoffs Schundroman (2002), Günter Grass’ Aus dem Tagebuch einer Schnecke (1998) und Peter Handkes Die Lehre der Sainte-Victoire (1980). Darüber hinaus streife ich in Ausschnitten Christa Reinigs Die Frau im Brunnen (1983) und Martin Walsers Ohne einander (1993). Außerdem befasse ich mich mit Aussagen der Autoren Rolf Dieter Brinkmanns und Helmut Heißenbüttels über den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki.

Natürlich dürfen literarische Figuren nicht leichtfertig mit natürlichen Personen ver-glichen werden. Sie unterscheiden sich nach Meinung des Literaturwissenschaftlers Jost Schneider[1] in drei Punkten von realen Personen:

1. Ihre Vita ist zwangsläufig auf ein rezipierbares Format zusammengedrängt. Es werden also vornehmlich markante Geschehnisse beschrieben und es gibt offenkundige Leerphasen.
2. Literarische Figuren erreichen höchstens tendenziell die geistige und seelische Vielschichtigkeit einer natürlichen Person.
3. Literarische Figuren können sich frei in geistiger, seelischer und körperlicher Hinsicht verwandeln.

Vorsicht mit zu schneller Identifikation ist daher geboten. Es ist jedoch unbestreitbar, dass sich viele Schriftsteller bei der Figurenkonstruktion an bestimmten real existierenden Personen orientieren.

Ein typischer Schlüsselroman ist Thomas Manns Die Buddenbrooks, in denen der Autor seine eigene Familie und die Bürger Lübecks karikiert.

Zu einigen der in dieser Arbeit behandelten Romane haben sich die Autoren geäußert und offen gesagt, dass es sich bei ihrer literarischen Figur wirklich um eine Karikatur Marcel Reich-Ranickis handelt oder einer Person, die ihm zumindest ähneln soll. Damit haben sie den „Beweis“ selbst geliefert. Doch auch in den anderen Werken lassen sich Parallelen ziehen, indem die Romane unter verschiedenen Gesichtspunkten untersucht werden. Zuerst werden in dieser Arbeit die physiognomischen Eigenschaften und Charakteristika der Figuren herausgearbeitet. Danach geht es um biografische Parallelen der realen und fiktiven Personen und um die Ähnlichkeiten in ihrer literaturkritischen Arbeit. Anschließend werden die Interaktionen der Figuren mit anderen Personen beleuchtet. Bei der Analyse geht es immer auch, so weit möglich, um die Reaktionen Reich-Ranickis auf den entsprechenden Roman. Die Arbeit verfolgt das Ziel, Erklärungen dafür zu finden, warum Schriftsteller überhaupt Reich-Ranicki als literarische Figur verwenden und was dies für Konsequenzen mit sich zieht.

2 Analyse

2.1 Physiognomische Eigenschaften und Charakteristika

Die Beschreibungen des Aussehens, der Mimik und der Gestik einer literarischen Figur führen zwangsläufig zu einer Vorstellung beim Leser. Dabei entwickelt sich in seiner Phantasie ein Bild der dargestellten Figur. Übereinstimmende Merkmale können häufig zur Assoziation mit einer bekannten Person aus dem realen Leben führen. Dem Autor ist es möglich – wenn er tatsächlich auf eine real existierende Figur anspielen möchte – versteckte Hinweise zu geben oder mit einer genauen Beschreibung dem Leser jeden Zweifel an seiner Absicht zu nehmen.

Martin Walser karikiert den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki in seinem 2002 erschienenen Roman Tod eines Kritikers (im Folgenden „TEK“ abgekürzt). Die Handlung ist kurz zusammengefasst: Deutschlands führender Literaturkritiker André Ehrl-König verschwindet an einem Winterabend nach einer Feier des Verlegers Ludwig Pilgrim. Im Schnee findet man nur den blutverschmierten Pullover Ehrl-Königs, doch von der Leiche fehlt jede Spur. Die Polizei vermutet dennoch einen Mordanschlag und hat den Schriftsteller Hans Lach im Verdacht. Das Tatmotiv klingt einleuchtend. Ehrl-König hatte das neue Buch des Autors in seiner Fernsehshow SPRECHSTUNDE erbarmungslos verrissen. Daraufhin sei Lach auf dem anschließenden Fest des Verlegers erschienen und habe ihm gedroht: „Die Zeit des Hinnehmens ist vorbei. Herr Ehrl-König möge sich vorsehen. Ab heute Nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen.“ (TEK:10)[2] Der Ich-Erzähler Michel Landolf glaubt an die Unschuld des Schriftstellers Lach und versucht den Fall zu rekonstruieren, in dem er verschiedene Vertreter des deutschen Literatur-betriebs befragt. Ein paar Tage später taucht der tot geglaubte Kritiker wieder auf. Er hatte sich nur mit der jungen Autorin Cosima von Syrgenstein in ihr Schloss zurück-gezogen. Am Ende der Erzählung stellt sich heraus, dass der Ich-Erzähler Michel Landolf und der Schriftsteller Hans Lach ein und dieselbe Person sind.

Das Pseudonym André Ehrl-König ist leicht zu enträtseln. Walsers Anspielungen auf Reich-Ranicki zeigen sich schon auf der zweiten Seite deutlich. Der Kritiker Ehrl-König hat in „seiner berühmten und beliebten Fernseh-Show SPRECHSTUNDE [einen Autor] unsanft behandelt [...].“ (TEK:10) Auch über die Herkunft des Kritikers wird Auskunft gegeben: „[...] es sei allgemein bekannt, daß André Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch Juden zähle, darunter auch Opfer des Holocaust.“ (TEK:10) Allein die Beschreibung – jüdischer Kritiker mit eigener Fernseh-Show – lässt den Leser auf Reich-Ranicki und seine TV-Sendung Das Literarische Quartett [3] schließen. Zudem spricht der Name für sich. Ehrl-König führt einen Doppelnamen wie Reich-Ranicki und Walser bezieht sich bei dieser Namenswahl unübersehbar auf Goethes Erlkönig-Ballade. Für Walser ist der „Erlkönig“ der grausame Literaturkritiker, der das Werk des Schriftstellers zerstört - so wie in Goethes Gedicht ein Kind nach der Berührung des bösen Geistes in den Armen seines Vaters stirbt.

Walser gibt in einem Interview mit der Welt am 30. Mai 2002 offen zu, dass die Figur des André Ehrl-König augenscheinliche Ähnlichkeiten zu Marcel Reich-Ranicki besitzt: „Dass man ihn in dieser Figur sehen kann, liegt auf der Hand. Ich habe auch gewisse Sprechweisen von Reich-Ranicki parodistisch in den Roman übernommen.“[4] Obwohl Martin Walser einige Lebensumstände verändert – der Kritiker kommt aus Frankreich statt aus Polen, die Eltern haben das Naziregime überlebt, der Wohnort des Kritikers ist München, nicht Frankfurt etc. – verwendet der Autor bei der Beschreibung Ehrl-Königs Besonderheiten, die als typisch für Reich-Ranicki gelten: Zu seinen Eigenheiten gehört eine besondere Aussprache, die Walser textlich umsetzt. Er zitiert Ehrl-König folgendermaßen: „[...] der Keritiker leide unter den Sünden der Schschscheriftstellerrr.“ (TEK:40) Ein weiteres der vielen Textbeispiele ist Ehrl-Königs Empörung über eine „ferigide, perimitive Ferau.“ (TEK:43) Obwohl damit die sprachliche Eigentümlichkeit offensichtlich ist, liefert der Erzähler eine überflüssige Erklärung: „Ehrl-König könne ja aus irgendeiner Mundunpäßlichkeit hinter einem sch kein r aussprechen, hinter einem Konsonanten schon gar nicht.“ (TEK:48) Reich-Ranicki rollt tatsächlich den Laut „R“ und ist mit dieser Sprechweise leicht imitierbar.

Inhaltlich besäße der Literaturkritiker Ehrl-König, so eine Romanfigur, ein „Repertoire von zwölf bis fünfzehn Sätzen. Dazu noch fünfzehn bis achtzehn Zitate.“ (TEK:113) Tatsächlich wiederholen sich in Reich-Ranickis Sprachschatz bestimmte Sätze. Sehr bekannt ist das immer wiederkehrende Schlusswort des Literarischen Quartetts: „Und wieder sehen wir betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen.“[5] Ein weiteres Beispiel aus dieser Sendung lautet: „Freunde, es ist spät, wir müssen zum nächsten Buch weitergehen.“[6]

Ehrl-König bediene sich in seiner Sprache einer „Superlativstilistik“ (TEK:98), spricht die Figur des Professor Silberfuchs. Das trifft auch auf Reich-Ranicki zu. Er neigt zu leidenschaftlichen Wertungen. Beispielsweise besprach er den Roman Mein Herz so weiß des spanischen Autors Javier Marías im Literarischen Quartett vom 13. Juni 1996 sehr enthusiastisch. Dieses Buch sei „einer der wichtigsten Roman, die ich überhaupt in den letzten Jahren gelesen habe. Ich kann mich an keinen von vergleichbarer Qualität erinnern“[7]

Der Kritiker Ehrl-König ist auch durch eine besonders gestenreiche Kommunikation bekannt. In seiner Sendung SPRECHSTUNDE demonstriere er „mit Händen und Füßen und wild kreisendem Kopf und einer bis zum Überschlagen steigernden Stimme [...], wie er darunter gelitten habe, dieses Buch lesen zu müssen [...].“ (TEK:37) Intensiver Körpereinsatz beim Reden trifft tatsächlich auch auf Marcel Reich-Ranicki zu. Wer sich Das Literarische Quartett ansieht, kann Reich-Ranickis beinahe akrobatisch anmutende Gestik bestaunen. Der stetige Tonwechsel in seiner Stimme erinnert an die Phase des Stimmbruchs bei pubertierenden Jungen und erweckt beim Zuschauer mitunter die Befürchtung, dass Reich-Ranicki seine Stimme von einem Moment auf den anderen verliere. Doch sie versagt ihm nie.

Neben der Gestik beschreibt Walsers Erzähler die Selbsteinschätzung des Kritikers Ehrl-König:

Dabei warf er die Hände so heftig schräg nach oben, daß es aussah, als wolle er sie loswerden. Das war bei ihm immer die Geste seiner völligen Hingerissenheit von sich selbst, sein Publikum kennt das und reagiert seinerseits auf jeden so von ihm produzierten Höhepunkt mit Hingerissenheit, Lachen, Klatschen, auch schon mal mit begeistertem Johlen. Sein runder Kopf falle, wenn er die Hände so fortwerfe, schräg nach unten [...] (TEK:39)

Der Kritiker scheint von sich selbst vollkommen überzeugt und immer über den Dingen zu stehen. Dies belegen auch weitere Textstellen. In einem Interview äußert sich Ehrl-König: Ich habe mich im Richtigen entwickelt. Das mag selbstgefällig klingen, aber im Grunde wird so etwas ja doch auch von anderen festgestellt: das, was ich aus mir gemacht habe, ist das, was heute kein anderer in Deutschland kann. (TEK:71) Eine derartige Aussage ist von Reich-Ranicki nicht bekannt. Wenn sie doch mal fiele, schickte sich das zwar nicht nach den allgemeinen Regeln der Bescheidenheit, würde aber den Tatsachen entsprechen. Reich-Ranickis Status als berühmtester deutscher Literaturkritiker ist einzigartig. Diese Stellung kommt auch Walsers Ehrl-König zu: „Schließlich war er der Mächtigste, der je in der Literaturszene Blitze schleuderte.“ (TEK:52) Doch der Erzähler streicht immer wieder die Selbstüberschätzung des Kritikers heraus. Von der Queen für seine Dienste am englischen Kriminalroman geadelt, nimmt er die Ehrung mit den Worten an: „[...] stellvertretend für Shakespeare, der ihrer mindestens so würdig gewesen wäre wie ich.“ (TEK:217) Auch die Aussage „Wie ich mich beeindrucke, das schafft sonst nur die Musik.“ (TEK:109) wirkt überzogen und zeigt nicht den Kritiker Reich-Ranicki, der sich etwas bescheidener gibt. Mit solchen Übertreibungen gelingt es Walser nicht, ein kritisches Bild des Menschen Reich-Ranicki zu entwerfen. Seine Darstellung wirkt eher lächerlich.

Walsers Beschreibungen deuten auf einen Racheakt des Autors hin, dessen Romane von Reich-Ranicki oft negativ besprochen wurden. Zum Beispiel bezeichnete der Kritiker 1967 die Theaterinszenierung von Walsers Stück Die Zimmerschlacht, an dem auch der Autor maßgeblich beteiligt war, als „außergewöhnlich langweilig und abgeschmackt und streckenweise sogar [...] dümmlich.“[8] Nebenbei bemerkt lobte Reich-Ranicki aber auch einige literarische Werke von Walser, zum Beispiel dessen Roman Das anatomische Wunder im Jahre 1981.

Diese Kritik ist Bestandteil der Aufsatzsammlung Lauter Lobreden und beginnt mit den Worten:

Martin Walser zu rühmen, bin ich bestellt. Martin Walser zu loben, bin ich, glaube ich, berechtigt und vielleicht sogar berufen – und nicht obwohl, sondern eben weil ich ihn oft auch getadelt habe.[9]

Zur These der Rachsucht passen auch die unqualifizierten Urteile im Buch wie: Ehrl-König, das „Männlein mit einem etwas zu breiten Mund“ (TEK:88) sei ein „Großkasper“ (TEK:88) oder ein „reisender Henker im Western“ (TEK:108) mit, nach Aussagen seiner Frau, „unbremsbare[r] Ejakulation.“ (TEK:173) Außerdem könne ihr Mann sie nicht ausreichend befriedigen. Diese Anspielungen auf die Sexualität touchieren einen sehr intimen Bereich des Menschen.

Mit der Zukunftsvision des Schriftstellers Hans Lach zielt Walser auf Reich-Ranickis dominante Stellung innerhalb des Literarischen Quartetts ab und schmückt sie mit sexuellen Perversionen aus. Er setzt Reich-Ranicki einem Aal gleich: „ Der Aal war der unübertreffbare Meister in beidem. Der Affe, die Auster und Klitornostra wußten, daß sie nur auftreten konnten, solange der Aal auftreten konnte. “ (TEK:203) Während junge Autoren ihre Werke verlasen, ließ der Aal sein Geschlechtsteil zoomen, damit für die Zuschauer die „Wirkung von Literatur“ (TEK:206) zu sehen war.

Darüber hinaus werden noch andere sexuelle Gewohnheiten Ehrl-Königs angesprochen: Er stünde auf Geschlechtsverkehr mit „Schwangere[n] bis zum dritten Monat.“ (TEK:115) und interessiere sich für „Mädelchen.“ (TEK:111) Walser rührt hier im Quartett-Streit zwischen Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler, indem er Ehrl-König als in starkem Maße libidofixiert charakterisiert. In der Sendung vom 30. Juni 2000 stritten sich damals Reich-Ranicki und Löffler um die Darstellung von Liebe und Sexualität im Roman Gefährliche Geliebte des Japaners Haruki Murakami, was zum Ausstieg Sigrid Löfflers aus dem Literarischen Quartett nach zwölf Jahren gemeinsamer Arbeit führte. Ihren Platz nahm die Kritikerin Iris Radisch ein.

Mit der Identifikation Reich-Ranickis als tierisches Wesen, dass perverse sexuelle Wünsche auslebt, die schon in Richtung Pädophilie gehen, überschreitet Martin Walser allerdings eine unsichtbare Grenze, nämlich die von Würde und Anstand.

Trotz des irreführenden Buchtitels Tod eines Kritikers stirbt der Literaturkritiker André Ehrl-König nicht, sondern taucht am Ende der Handlung wohlbehalten wieder auf.

Einen Schritt weiter geht der Autor Bodo Kirchhoff mit seinem fast zeitgleich erschienenen Schundroman (im Folgenden „SchR“ abgekürzt). Der Literaturkritiker namens Louis Freytag wird tatsächlich getötet. Es ist zwar nur ein Versehen, aber Freytag verliert durch den Ellenbogenschlag eines verliebten Auftragskillers sein Leben. Nach Aussagen Kirchhoffs ist die Nutzung des gleiches Motivs von Walser und ihm rein zufällig: „Im letzten Herbst begann ich [...] mit dem Schreiben, und etwa um die Jahreswende bekam ich Wind von Walsers Projekt (und er, nach den Gesetzen der Spionage, vermutlich von meinem).“[10] Louis Freytag ist unschwer als die Karikatur Marcel Reich-Ranickis zu erkennen. Rein äußerlich wird der „Eulenaugen-Herr“ (SchR:34) folgendermaßen beschrie-ben: „Er hatte feuchte, irgendwie erschöpfte Lippen, dazu die Nase eines Kirchenfürsten.“ (SchR:34) Ebenso weist Kirchhoff auf den außergewöhnlichen Sprachstil des Kritikers hin. Die Figur des Polizisten Feuerbach habe sich Schriftsteller immer anders vorgestellt, „eher wie die Kritiker, die man im Fernsehen sah, gut durchblutet vom Trinken, mit wirrem Haar oder gar keinem, weichen Händen und Sprachfehler.“ (SchR:196)

Auch wenn Kirchhoff den Sprachfehler nur nebenbei erwähnt und er damit bei weitem nicht wie Martin Walser die Aufmerksamkeit darauf lenkt, ist dies doch wieder ein Hinweis auf Reich-Ranicki, dessen Sprachfehler ein markantes Merkmal seiner Person darstellt.

Festzustellen ist, dass die Beschreibung der körperlichen Manifestation und der besonderen Kennzeichen einer Figur wichtige Indizien darstellen, um auf eine nachkonstruierte real existierende Person zu schließen. Eine weitere Komponente stellen biografische Entsprechungen dar.

2.2. Biografische Parallelen

In Martin Walsers Roman Tod eines Kritikers finden sich aktuelle Bezüge zu Marcel Reich-Ranickis Leben und Wirken. Zunächst einmal übt André Ehrl-König den gleichen Beruf aus wie Reich-Ranicki. Beide sind Literaturkritiker und haben eine eigene Fernseh-Show, in der sie Bücher besprechen und zuweilen unbarmherzig niedermachen. Sowohl der fiktive Ehrl-König als auch die reale Person Reich-Ranicki schreiben selbst Bücher, deren Titel sich ähneln.

[...]


[1] Schneider, Jost: Einführung in die moderne Literaturwissenschaft. Aisthesis: Bielefeld 1998. S.33-45.

[2] Die Zahlen in runden Klammern bezeichnen Seitenzahlen.

[3] Die Sendung Das Literarische Quartett wurde von 1988 bis 2001 im ZDF ausgestrahlt.

[4] Wittstock, Uwe: „‚Ich bin doch nicht wahnsinnig.’ Martin Walser zum Vorwurf antisemitischer Tendenzen – Interview“ in: Die Welt, 30.05.2002, www.welt.de/daten/2002/05/30/0530de335006.htx, aufgerufen am 15.03.2003.

[5] ZDF (Hg.): Das Literarische Quartett. Höhepunkte. Universum Film: München 1996.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Reich-Ranicki, Marcel: Lauter Verrisse. Erweiterte Neuausgabe. 5. Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag: München 2000b. S.108.

[9] Reich-Ranicki, Marcel: Lauter Lobreden. 4. Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag: München 2000a. S.129.

[10] Kirchhoff, Bodo: „Letzte Schlacht vor dem Nachruhm. Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff über sein Verhältnis zu Martin Walser und seine verblüffende Parallel-Aktion“ in: Der Spiegel, 10.06.2002. S.206.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Marcel Reich-Ranicki als literarische Figur
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien)
Veranstaltung
Marcel Reich-Ranicki als Literaturkritiker und Autobiograph: Arbeit an einem Porträt
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
35
Katalognummer
V120569
ISBN (eBook)
9783640242627
ISBN (Buch)
9783640246045
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marcel, Reich-Ranicki, Figur, Literaturkritiker, Autobiograph, Arbeit, Porträt
Arbeit zitieren
M. A. Nikola Poitzmann (Autor), 2003, Marcel Reich-Ranicki als literarische Figur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120569

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