Jugendliches Risikoverhalten und die offenbar jugendspezifische Neigung zur Selbstüberschätzung scheinen untrennbar miteinander verbunden zu sein. Ausgehend von seiner quantitativ angelegten Feldstudie, untersucht der Autor dieses Spannungsfeld und stellt Theorien, weitere aktuelle Forschungsarbeiten und Befunde dar, aus denen Einsichten jenseits der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmungsschemata abgeleitet werden. Als paradigmatischer Bezugsrahmen dienen vornehmlich die Schulen der Entwicklungspsychologie und Tiefenpsychologie. Die Besprechung des Forschungsstandes berücksichtigt Studien aus Skandinavien, den USA und Deutschland.
extauszug: Die Phase des Jugendalters birgt im Kanon der menschlichen Genese elementare physiologische, psychische und psycho-soziale Entwicklungsaufgaben und wird – nicht zuletzt aufgrund dessen – von zahlreichen Herausforderungen, Erfahrungen und Unwegsamkeiten begleitet (vgl. Brandtstädter 1985, S. 5 ff). Das Entwickeln des Selbst- und des Fremdbildes, das Suchen und Finden einer klaren Abgrenzung des Ichs vom Anderen oder – allgemeiner formuliert – die Genese einer stabilen und gesunden Persönlichkeit, gehören zu den wesentlichsten dieser Aufgaben. Die Zeit der Jugend wird zudem als eine Zeit des Übergangs charakterisiert, als eine Zeit, in welcher der Jugendliche die geschützte, klar gegliederte Welt der Kindheit verlässt und sich mit einem uneindeutigen, komplexen Universum des Erwachsenseins konfrontiert sieht (vgl. Teen Assessment Project 2000, S. 171).
... Dass derartige Entwicklungsleistungen und -herausforderungen nicht zwangsläufig unproblematisch verlaufen, scheint evident zu sein. Insbesondere die Begriffe des „Risikoverhaltens“ und der „Selbstüberschätzung“ werden häufig miteinander in Bezug gesetzt und als jugendspezifisch beschrieben (vgl. Berger 1998, S. 416 f). Jugendliche überschätzen sich und ihre Fähigkeiten offenbar, scheinen zu einer überhöhten Selbstsicht zu neigen, die bis zu einer Ausblendung der konkret realen Gefahrensituation führen kann, und begeben sich, u.a. auch dadurch bedingt, häufiger in riskante Situationen. In der Regel verlaufen diese, vielfach als Mutproben gestalteten Aktivitäten, ohne weitere Folgen für die Jugendlichen und geben ihnen die Möglichkeit, eigene Grenzen auszuloten und – damit einhergehend – ein gesundes Selbstwertgefühl aufzubauen.
Mitunter werden sie jedoch Opfer dieser Dynamik und gefährden sich und andere nachhaltig.
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
1. Untersuchungsgegenstand
2. Fragestellung und Hypothese
3. Stand der Forschung
B. Jugendspezifische Selbstüberschätzung im Kontext jugendlichen Risikoverhaltens
1. Bestimmung und Verwendung des Jugendbegriffs und seines Umfeldes
1.1 Allgemeine Definition des Jugendalters
1.2 Sozialgeschichtliche Wurzeln des Jugendalters
1.3 Aktuelle juristische Aspekte
1.4 Aktuelle demografische Parameter
1.5 Pubertät, Adoleszenz, Jugend
2. Risikobegriff, Formen und Folgen jugendlichen Risikoverhaltens
2.1 Etymologie des Risikobegriffs und seine wissenschaftlichen Wurzeln
2.2 Definition des Risikobergriffs
2.3 Funktion, Ursachen und Motivlagen risikobezogener Handlungen
2.4 Geschlechterdifferenzen
2.5 Formen und Diversifikationsmöglichkeiten jugendlichen Risikoverhaltens
2.6 Folgen jugendlichen Risikoverhaltens: Spezifika und aktuelle Befunde
3. Paradigmatische Zugänge: Jugendliches Risikoverhalten sehen:
3.1 Entwicklungspsychologischer Ansatz
3.2 Psychoanalytischer Ansatz
3.3 Weitere Erklärungsansätze für risikobezogene Verhaltensweisen
C. Quantitative Untersuchung zur Symptomatik einer jugendspezifischen Selbstüberschätzung
1. Stichproben
1.1 Jugendliche
1.2 Erwachsene (Vergleichsgruppe)
2. Untersuchungsinstrumente
2.1 Fragebogen/Begründung des Designs
3. Modus/Procedere
3.1 Datenerhebung und praktische Vorgehensweise
3.2 Statistische Eckparameter, Datenauswertung und Ergebnisdarstellung
4. Untersuchungsergebnisse
4.1 Gemeinsame Betrachtung aller Risikosettings
4.2 Gesundheitliche Risikodimension
4.3 Sozialer Normenverstoß
4.4 Finanzielle Risikodimension
4.5 Ökologische Risikodimension
5. Zusammenführung der Untersuchungsergebnisse
5.1 Induktiv ermittelte Ergebnisse
5.2 Flankierende, deskriptiv ermittelte Ergebnisse
6. Abschließende Betrachtung der Ergebnisse
D. Diskussion der Ergebnisse
1. Tendenzielle Disposition zur Selbstüberschätzung in Gesamt-N
2. Selbstüberschätzung primär in weiblicher Stichprobe lokalisiert
3. Sonderstellung der Risikodimension „Sozialer Normenverstoß“
4. Schüler stufen im Allgemeinen die Gefahrenpotentiale niedriger ein
5. Abgleich mit Ergebnissen themenrelevanter Studien
E. Kritische Betrachtung des Untersuchungsdesigns/Ausblick
F. Abschließende Bemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die wissenschaftlich als "jugendspezifisch" beschriebene Neigung von Jugendlichen, ihr eigenes Gefahrenpotenzial bei riskanten Handlungen zu unterschätzen und dieses für Gleichaltrige zu überschätzen. Ziel ist es, diese Disposition durch eine quantitativ ausgerichtete Studie empirisch zu belegen und in den Kontext existierender entwicklungspsychologischer und psychoanalytischer Theorien einzuordnen.
- Jugendspezifischer Egozentrismus (Personal Fable, Imaginary Audience)
- Empirische Untersuchung zur Selbst- und Fremdeinschätzung
- Unterschiedliche Risikodimensionen (Gesundheit, soziale Normen, Finanzen, Ökologie)
- Geschlechtsspezifische Unterschiede und altersbedingte Entwicklung
- Rolle von Risikopraxis und sozialem Umfeld
Auszug aus dem Buch
Jugendspezifische Selbstüberschätzung
Die Phase des Jugendalters birgt im Kanon der menschlichen Genese elementare physiologische, psychische und psycho-soziale Entwicklungsaufgaben und wird – nicht zuletzt aufgrund dessen – von zahlreichen Herausforderungen, Erfahrungen und Unwegsamkeiten begleitet (vgl. Brandtstädter 1985, S. 5 ff). Das Entwickeln des Selbst- und des Fremdbildes, das Suchen und Finden einer klaren Abgrenzung des Ichs vom Anderen oder – allgemeiner formuliert – die Genese einer stabilen und gesunden Persönlichkeit, gehören zu den wesentlichsten dieser Aufgaben.
Die Zeit der Jugend wird zudem als eine Zeit des Übergangs charakterisiert, als eine Zeit, in welcher der Jugendliche die geschützte, klar gegliederte Welt der Kindheit verlässt und sich mit einem uneindeutigen, komplexen Universum des Erwachsenseins konfrontiert sieht (vgl. Teen Assessment Project 2000, S. 171). Der Jugendliche erfährt und entdeckt für sich zahlreiche Veränderungsprozesse biologischer und psychischer Natur. Resultierend daraus, erlangt und erarbeitet er wertvolle neue körperliche, kognitive und soziale Handlungsoptionen und Handlungsimpulse, aus denen im Gegenzug spezifische, kontextabhängige Anforderungen erwachsen, die einer gehaltvollen Auseinandersetzung und Abarbeitung im Rahmen der Herausbildung der Persönlichkeit bedürfen (vgl. Fend 2003, S. 210).
Dass derartige Entwicklungsleistungen und -herausforderungen nicht zwangsläufig unproblematisch verlaufen, scheint evident zu sein. Insbesondere die Begriffe des „Risikoverhaltens“ und der „Selbstüberschätzung“ werden häufig miteinander in Bezug gesetzt und als jugendspezifisch beschrieben (vgl. Berger 1998, S. 416 f). Jugendliche überschätzen sich und ihre Fähigkeiten offenbar, scheinen zu einer überhöhten Selbstsicht zu neigen, die bis zu einer Ausblendung der konkret realen Gefahrensituation führen kann, und begeben sich, u.a. auch dadurch bedingt, häufiger in riskante Situationen. In der Regel verlaufen diese, vielfach als Mutproben gestalteten Aktivitäten, ohne weitere Folgen für die Jugendlichen und geben ihnen die Möglichkeit, eigene Grenzen auszuloten und – damit einhergehend – ein gesundes Selbstwertgefühl aufzubauen.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Definiert das Forschungsinteresse an der "jugendspezifischen" Selbstüberschätzung und verortet das Thema in entwicklungspsychologischen und tiefenpsychologischen Kontexten.
B. Jugendspezifische Selbstüberschätzung im Kontext jugendlichen Risikoverhaltens: Erläutert zentrale Begriffe wie Jugendalter und Risikoverhalten und stellt theoretische Ansätze zur Erklärung der Symptomatik dar.
C. Quantitative Untersuchung zur Symptomatik einer jugendspezifischen Selbstüberschätzung: Beschreibt das methodische Design der Studie, die Stichproben und präsentiert die empirischen Ergebnisse der Risikodimensionen.
D. Diskussion der Ergebnisse: Interpretiert die gewonnenen Daten vor dem Hintergrund der Ausgangshypothese und vergleicht sie mit bestehenden wissenschaftlichen Studien.
E. Kritische Betrachtung des Untersuchungsdesigns/Ausblick: Reflektiert methodische Limitationen der Studie und zeigt Ansatzpunkte für zukünftige Forschungsvorhaben auf.
F. Abschließende Bemerkungen: Fasst die wesentlichen Erkenntnisse der Arbeit zusammen und plädiert für einen differenzierteren Umgang mit jugendlichem Risikoverhalten.
Schlüsselwörter
Jugendliche, Selbstüberschätzung, Selbstunterschätzung, Risikoverhalten, Risikodimensionen, Egozentrismus, Personal Fable, Imaginary Audience, Mutproben, Entwicklungspsychologie, Tiefenpsychologie, empirische Studie, Fremdeinschätzung, Sozialer Normenverstoß, Adoleszenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Dissertation untersucht, ob Jugendliche dazu neigen, sich selbst im Vergleich zu Gleichaltrigen als einzigartig und weniger durch riskante Situationen gefährdet zu betrachten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt Themen wie jugendlichen Egozentrismus, Risikowahrnehmung, die Einflüsse von Alters- und Geschlechtsunterschieden auf das Risikoverhalten sowie Mutproben als soziales Phänomen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, in einer empirischen Untersuchung nachzuweisen, ob Jugendliche Gefahren für sich selbst tendenziell unterschätzen (Selbstüberschätzung), während sie diese für ihre Freunde als bedrohlicher einstufen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine quantitativ ausgerichtete Studie. Jugendliche wurden mithilfe von Fragebögen gebeten, das Gefahrenpotenzial verschiedener Risikoszenarien sowohl für sich selbst als auch für eine befreundete Person einzuschätzen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung über Jugend und Risikoverhalten sowie eine umfangreiche quantitative Auswertung der erhobenen Daten in verschiedenen Risikodimensionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Selbstüberschätzung, Risikoverhalten, Jugendalter, Egozentrismus, Personal Fable und empirische Datenauswertung.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen "Selbst" und "Freund" eine Rolle?
Diese Unterscheidung ist essenziell für die Operationalisierung der Selbstüberschätzung. Nur durch den Vergleich mit einem individuellen Referenzsystem (dem Freund oder der Freundin) lässt sich das Phänomen des "egoistischen Egozentrismus" quantitativ visualisieren.
Wie unterscheidet sich die Einschätzung bei sozialen Normenverstößen?
Die Analyse zeigt, dass der "soziale Normenverstoß" eine Sonderstellung einnimmt. Hier konnte in fast keinem Segment eine signifikante Tendenz zur Selbstüberschätzung nachgewiesen werden, was auf eine hohe soziale Kontrolle durch Lehrer oder Eltern zurückgeführt wird.
- Arbeit zitieren
- Dr. Michael Jost (Autor:in), 2008, Selbstüberschätzung und Risikoverhalten im Jugendalter. Eine Evaluation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120598