Hobbes und der Krieg der Staaten


Bachelorarbeit, 2008

64 Seiten, Note: 5,5 (sehr gut)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. THEORETISCHE GRUNDLAGEN
2.1 Die analytische oder resolutiv-kompositive Methode
2.2 Die Methode des generativen Erkenntnisbegriffs
2.3 Das kontraktualistische Argument
2.4 Der Vertrag

3. HOBBES UND DER KRIEG
3.1 Kriegsbegriff bei Hobbes
3.2 Kriegsursachen
3.2.1 Von der Verschiedenheit der Sitten
3.2.2 Von den Bedingungen der Menschen in Bezug auf das Glück ihres Erdenlebens
3.2.3 Krieg und Naturgesetze
3.3 Der Primäre Naturzustand oder der Krieg eines jeden gegen jeden
3.4 Bürgerkrieg
3.5 Staatenkrieg
3.5.1 Dürfen nach Hobbes Staaten wie Menschen betrachtet werden?
3.5.2 Kann Verhältnis dieser „Staats-Individuen“ als „Naturzustand“ im Hobbesschen Sinne gelten
3.5.3 Gelten für diese Staatsindividuen im Naturzustand die gleichen oder ähnliche Gesetze der Vernunft?

4. KANT UND HOBBES
4.1 Kant
4.2 Hobbes und Kant in der heutigen Politik

5. DER KONFLIKT UM DEN KOSOVO
5.1 Historischer Hintergrund
5.2 Politisches Ausmaß
5.3 Positionen und Argumentationsmuster
5.3.1 Stellungnahme der USA
5.3.2 Stellungnahme Deutschland
5.3.3 Fazit

6. AUSBLICK

LITERATUR UND QUELLENVERZEICHNIS:

1. Einleitung

Bei dem Kosovo-Konflikt treffen auf zwei Ebenen jeweils zwei Interessen aufeinander. Zum einen die Souveränitätsrechte von Jugoslawien und die Menschenrechte der Kosovo- Albaner, zum anderen das uneingeschränkte1 Gewaltmonopol der UNO und eine Selbstmandatierung der NATO für eine humanitäre Intervention. Die NATO hat sich im Kosovo-Konflikt für die Menschenrechte entschieden und hat auf Basis einer Selbstmandatierung interveniert. Dieses Vorgehen ist nicht unumstritten gewesen.

Auf beiden Ebenen kann mit Thomas Hobbes Theorie eine interessante Beobachtung der Positionen der verschiedenen NATO-Staaten erfolgen. Thomas Hobbes war kein Kriegstheoretiker, der wie Sun Tzu oder Clausewitz „die Kunst des Krieges“ untersucht hat. Hobbes verstand sich als Friedenswissenschaftler. Er sieht in der fortwährenden Friedlosigkeit der Menschen den Beweis für ein Versagen der traditionellen Moralphilosophie. Es fehle an einer Friedenswissenschaft, die die Gesetze des menschlichen Verhaltens, die Ursachen von Krieg und Frieden und die Regeln des bürgerlichen Lebens studiere und zu genauso verlässlichem Wissen gelange wie die mathematischen Wissenschaften.2 Um dem Frieden näher zu kommen, studiert er genau diese Komplexe des Krieges. Die Komplexität seines theoretischen Werkes wird von vielen heutigen Autoren nicht erkannt und sein auf vielen Gebieten ganzheitliches Denken wird oft vereinfacht und somit verzerrt wiedergegeben. So gilt der Ausspruch „homo homini lupus“ als Synonym für Hobbes’ Thesen, dass er ebenfalls den Ausspruch „homo homini deus“ geprägt hat, ist hingegen unverhältnismäßig weniger bekannt. Ziel der Arbeit ist es, dem Leser sowohl einen Einblick in Hobbes theoretische Arbeiten zu verschaffen, als auch Denkanstöße für aktuelle Problemfelder und Konflikte zu geben. Hier sind der Umgang mit Krieg im internationalen Rahmen und die Frage welche Rolle der UNO hier zukommt zu nennen.

Diese Arbeit ist in zwei Teile gegliedert. In dem ersten Teil werden Hobbes allgemeine Aussagen über den Krieg untersucht und die dafür nötige Methodik erläutert. Erst in dem zweiten Teil wird dann vor diesem Hintergrund der Kosovo-Konflikt durchleuchtet.

Die Arbeit gewährt im ersten Teil zunächst Einblick in die theoretischen Grundlagen von Hobbes wissenschaftlichen Methoden und in sein kontraktualistisches Konstrukt. Danach wird dargestellt, welchen Stellenwert der Krieg bei Hobbes einnimmt, und welche Erkenntnisse er über diesen gewonnen hat. Hierbei wird zuerst auf den Kriegsbegriff eingegangen, bevor die Kriegsursachen und die verschiedenen Arten von Krieg behandelt werden. Anschließend wird dann Hobbes Gedankengut dem von Kant gegenübergestellt und ein Bezug zu aktuellen internationalen Theorien gesucht. Der zweite Teil beginnt mit einer kurzen Darstellung des historischen Hintergrundes und des politischen Ausmaßes des Konfliktes im Kosovo. Anhand dieses Konfliktes wird untersucht, inwieweit die Rechtfertigung der verschiedenen Nationen für ihren Einsatz im Kosovo mit Hobbes Annahmen und Feststellungen übereinstimmen. Hierfür werden die Positionen der deutschen Parteien und von den USA untersucht. Am Ende wird mit Hinblick auf das aktuelle Geschehen im Kosovo versucht, auf Basis der Arbeit dem Leser zukünftige Problemfelder aufzuzeigen.

2. Theoretische Grundlagen

Man dringt nicht zu einem angemessenen Verständnis des hobbesschen Philosophierens vor, und dieses impliziert Hobbes Ausführungen über den Krieg der Staaten, wenn man seine Vorstellungen von einem richtigen wissenschaftlichen Vorgehen vernachlässigt.

Hobbes hat mit seinem wissenschaftlich-philosophischen System eine Umwälzung der traditionellen philosophischen Grundlagen des politischen Denkens herbeigeführt. Seine politische Philosophie ist durch den neuen szientistischen Denkstil geprägt, welcher als erkenntnistheoretische und methodologische Grundlage die methodischen Vorstellungen und die Genauigkeitsideale der modernen mathematischen Naturwissenschaften bestimmt.

In ihren Begriffsformen, Problemstellungen und Lehrstücken spiegeln sich nicht nur deutlich die Veränderungen einer zunehmend verbürgerlichenden Sozialwelt, sondern auch die expandierenden ökonomischen, sozialen und politischen Modernisierungsprozesse wieder.3

„Die von ihm ausgearbeitete individualistische vertragstheoretische Staatsrechtfertigung ist bis heute das vorherrschende legitimationstheoretische Modell in der politischen Philosophie. [...] Weil Hobbes aufgrund seiner denkerischen Radikalität die soziale, ökonomische und politische Neuartigkeit der Moderne gleich zu Anfang klar erfasst, die ordnungspolitischen und legitimationstheoretischen Implikationen nüchtern entfaltet, sind seine Problemstellungen noch die unsrigen. Und weil seine Lösungskonzeptionen auf die neuartige gesellschaftliche und politische Lage kreativ reagieren, modernitätsadäquat sind und jeden Rückgriff auf traditionelle Ordnungs- und Legitimationsmodelle vermeiden, können wir noch heute unsere Lösungsvorschläge mit Hilfe des von ihm entwickelten Alphabets buchstabieren“.4

Die Methoden und philosophischen Grundlagen seiner wissenschaftlichen Politik hat Hobbes weder im Leviathan noch in De Cive entwickelt, sondern in den ersten beiden Teilen von De Corpore. Hier wird der Methode gegenüber der Metaphysik der Vorrang eingeräumt, wobei Hobbes die methodologischen und metaphysischen Prinzipien an die Seite der Euklidschen Elemente der Philosophie stellt. Die im Folgenden besprochenen theoretischen Grundlagen sind Voraussetzung für das tiefere Verständnis von Hobbes. Ausführungen über hobbessche Konstrukte wie etwa den Naturzustand sind zwar oberflächlich auch ohne das Verständnis der Methodik begreifbar, aber die wirkliche Leistung von Hobbes kann man erst erkennen, wenn man seine seinerzeit revolutionären Gedanken und Argumentationsmuster verstanden hat. Hierbei kommt den folgenden drei Methoden eine besondere Rolle zu.

2.1 Die analytische oder resolutiv-kompositive Methode

„Da es nun die Wissenschaften mit Körpern zu tun haben, so muss man bei der Philosophie eben die Einteilung machen wie bei den Gattungen der Körper, d.h., es müssen die allgemeinen denen, welche weniger allgemein sind, vorangehen. Die allgemeineren enthalten das Wesen der ihnen untergeordneten Arten, und folglich enthält die Wissenschaft des allgemeineren das Wesentliche der Wissenschaft seiner Unterarten, so dass die letzteren ohne Beihilfe der ersteren nicht begriffen werden können.5

Die Idee, jene Gewissheit, die sich aus den mathematischen Wissenschaften ergab, auch auf andere Gebiete menschlicher Wissensbemühungen auszudehnen, war zuvor aus zwei Gründen undenkbar. Zum einen war in der aristotelischen-scholastischen Tradition das mathematische Erkenntnis- und Beweisverfahren auf den Bereich des Nicht-Materiellen eingeschränkt, so dass natürliche Bewegungen und Ereignisfolgen als nicht-quantifizierbare, teleologisch strukturierte und nur qualitativ zu bewertende Seinsveränderungen gesehen wurden. Zum anderen sperrt sich die These von dem gegenstandsrelativen Klarheits- und Exaktheitsgrad gegen den methodologischen Monismus. Dieser von Aristoteles in der nikomachischen Ethik entwickelte Grundsatz verlangt von dem Zuhörer eines wissenschaftlichen Vortrages nur die Sicherheit und Genauigkeit, die die Natur des Gegenstandsgebiets jeweils zulässt. Die erste Position ist bereits mit den Anfängen der Mechanisierung des Weltbildes im 14. Jahrhundert ins Wanken geraten und dann von Galilei, Newton und Descartes endgültig umgestoßen worden. Die zweite Position hat Hobbes mit seiner resolutiv-kompositiven Methode zerstört. Hobbes war der erste, der die praktische Philosophie zu einer Wissenschaft gemacht und die Philosophie des Menschen und der menschlichen Angelegenheiten den mathematischen Wissenschaften entlehnten Methodenideal unterworfen und somit den aus der Naturphilosophie bereits vertriebenen Aristotelismus auch aus Ethik und Politik gewiesen hat.6

Hobbes ist bewusst, dass Recht und Unrecht, Gut und Böse immer vom Standpunkt des Betrachters abhängen und dieser sich je nach Belieben entweder auf Gewohnheit oder auf Vernunft berufen wird. Er möchte mit seiner analytischen Methode ein neutrales fortwährend gültiges Instrument erschaffen, welches nicht durch Ehrgeiz, Vorteil oder Wunsch der Menschen beeinträchtigt wird. Er erkennt in den mathematischen Gesetzen eine Eindeutigkeit, welche keinen Deutungsspielraum zulassen und genau diese Eindeutigkeit versucht er in seinem theoretischen Fundament für den Staatsvertrag zu erzielen.

2.2 Die Methode des generativen Erkenntnisbegriffs

Der methodologische Schlüsselbegriff der Hobbesschen politischen Philosophie ist zweifellos der generative Erkenntnisbegriff, welcher die politische Philosophie um die anthropologische Basis und das kontraktualistische Argument bereichert und so das Rückgrat der Hobbesschen Staatsphilosophie, welches den Staatsbeweis beinhaltet, bildet.7 Gott ist per Definition unerzeugt und ungeworden. Dem Verstandesdenken welches Hobbes allein gelten lässt, ist das Wesen Gottes nicht zugänglich und deshalb aller menschlichen Erkenntnis entrückt. Hobbes Philosophie ist das erste säkularisierte und dezentralisierte Erkenntnissystem und verzichtet auf jede, die Weltimmanenz aufsprengende, transzendent- göttliche Begründungsdimension. Die Methode des generativen Erkenntnisbegriffs ist nach Hobbes eine Art von Vernunftrechnung mit den Grundoperationen von Subtraktion und Addition. Es werden lediglich keine Zahlen addiert und subtrahiert, multipliziert und dividiert, sondern Begriffe. Auf diese Weise werden allgemein anerkennungsfähige, unstrittige Resultate gewonnen, da die festgelegte Bedeutung der verwendeten Begriffe und der angewandten Verfahren eine intersubjektive Überprüfbarkeit aller in ihnen geäußerten Erkenntnisse ermöglicht.8

Die generative Erkenntniskonzeption umfasst drei Untersuchungskomponenten: Zuerst erfolgt eine Analyse, die den komplexen Untersuchungsgegenstand in seine nicht weiter reduzierbaren Grundbestandteile zerlegt. Dann wird die Beschaffenheit dieser Grundbestandteile genau untersucht, da die Eigenschaften und Verhaltensweisen des komplexen Untersuchungsgegenstandes durch die Eigenschaften und Verhaltensweisen seiner Grundbestandteile bestimmt wird. Und schließlich muss sowohl der Aufbau und die Art der Zusammensetzung der Grundbestandteile, als auch der Weg seiner Entstehung aus den ihn konstituierenden einfachen Elementen und die Beschaffenheit der Teile und des Ganzen erforscht werden, bevor die Beschaffenheit des Ganzen wiederum aus der Beschaffenheit seiner Teile erklärt werden muss.9

Die Methode des generativen Erkenntnisbegriffs erlaubt Hobbes seine Philosophie auf mathematischem Grund aufzubauen. Da ein Strich ein Strich ist und ein Kreis ein Kreis, gibt es in der Mathematik eine Eindeutigkeit, welche Hobbes mit der generativen Erkenntnismethode ebenfalls anstrebt.

2.3 Das kontraktualistische Argument

Wendet man das Methodenkonzept des generativen Erkenntnisbegriffs auf die politische Philosophie an, die der Frage der inneren normativen Struktur des Staates und der Geltungsgründe der Gesetze des bürgerlichen Lebens, der Rechte des Staates und der Pflichten der Bürger nachgeht, dann ergibt sich ein dreiteiliges Aufgabenprogramm. Zuerst muss der Staat gedanklich in seine nicht weiter zerlegbaren Grundbestandteile zerlegt werden. Dafür muss der Staat in einem Gedankenexperiment entfernt werden, der in der Gestalt der Institutionen äußerlich präsent ist. Danach muss der Staat, der in den Menschen präsent ist und ihre Verhaltensgewohnheiten, Überzeugungen und ihren sozialen Charakter geprägt hat, ebenfalls gedanklich eliminiert werden. Hobbes geht nun davon aus, dass sich in diesem staatenlosen Zustand weder eine Gesellschaft etablieren noch eine Kultur entfalten würde und erhält als Zerlegungsresultat den natürlichen Menschen.10

Der natürliche Mensch ist somit das ursprüngliche und nicht mehr weiter zu zerlegende Grundbestandteil seines Gedankenexperimentes und Ausgangspunkt seiner Betrachtungen. Hobbes entwickelt auf Grund dieser Erkenntnis, das kontraktualistische Begründungsprogramm, welches einen argumentationsstrategischen Dreischritt vollzieht: anarchischer Naturzustand – Vertrag – Gesellschaft/Staat, welcher das politische Denken bis in die Gegenwart geprägt hat.

„Der Kontraktualismus ist keine deskriptive Theorie, die Erklärungen von geschichtlichen Abläufen gibt, sondern eine normative Theorie, die ein Konzept staatlicher Herrschaft entwickelt und eine Begründung staatlicher Autorität liefert.“11

Im Zentrum des Kontraktualismus steht das moderne, souveräne, freie und in keine vorgegebenen Ordnung eingebundene, ursprünglich assoziale Individuum. Da aber ein Individuum so viel zählt wie jedes andere, kann nur dann eine normative mit Verpflichtungskraft ausgestattete Allgemeinheit entstehen, wenn sich diese Individuen auf der Grundlage strikter Gleichheit mit einem Vertrag darauf einigen. Um das unendlich freie Individuum zur Aufgabe seiner natürlichen Freiheit zu motivieren und damit das Ziel gerechtfertigter staatlicher Herrschaft zu erreichen, entwickelt die Vertragstheorie das Naturzustandstheorem. Dieser ist für das einzelne Individuum untragbar, da es bei Abwesenheit staatlicher Ordnungs- und Sicherheitsleistung zu einem virtuellen Krieg eines jeden mit einem jeden führen müsste. Der Vertrag, der diese naturzustandstheoretische Einsicht, dass die Transformation von einem herrschaftsfreien Zustand in eine staatliche Ordnung notwendig sei, verwirklicht, ist uno actu Gesellschaftsvertrag und Herrschaftsvertrag.12

Das kontraktualistische Motto lautet: „volenti non fit iniura“ – „dem willentlich Zustimmenden kann aus dem, wozu er seine Zustimmung gegeben hat, kein Unrecht erwachsen.“13

Die Rechtfertigung von Rechten und Pflichten durch vertragliche Zustimmung ist auf der Annahme begründet, dass jemand, der ungezwungen und nicht erpresst, einen Vertrag schließt, sich auf nichts einlässt, was für ihn nachteilig sein könnte. Sofern seine Zustimmung freiwillig erfolgt ist, hat er jedoch kein Recht, sich über die aus dieser vertraglichen Vereinbarung folgenden normativen Konsequenzen zu beklagen, und muss diese als bindend akzeptieren.14

2.4 Der Vertrag

Um dem untragbaren Naturzustand zu entkommen, liegt der einzige Weg in der Gründung einer sichtbaren Gewalt, welche die Menschen durch Furcht vor Strafe an die Erfüllung ihrer Verträge und an die Beachtung der natürlichen Gesetze zu binden vermag, da sie zu einer natürlichen Übereinstimmung und spontaner Vergesellschaftung nicht fähig sind. Eine von jedermann vernünftigerweise gewollte Kooperationsordnung allein auf der Basis wechselseitiger vertraglicher Selbstbindung ist keine erfolgversprechende Lösung:15

„Verträge ohne das bloße Schwert sind bloße Worte und besitzen nicht die Kraft, einem Menschen auch nur die geringste Sicherheit zu bieten. Falls keine Zwangsgewalt errichtet worden oder diese für unsere Sicherheit nicht stark genug ist, wird und darf jedermann sich rechtmäßig zur Sicherung gegen alle anderen Menschen auf seine Kraft und Geschicklichkeit verlassen.“

Der Hobbessche Vertrag ist ein Vertrag eines jeden mit einem jeden. Mit dem staatsphilosophischen Kontraktualismus werden die Partner des traditionellen Herrschaftsvertrages zu unbeteiligten Produkten des Vertrages der asozialen Individuen, denn weder ist der durch den Vertrag eingesetzte Souverän Vertragspartner noch fungiert die durch vertragliche Vereinigung der Individuen unter dem Willen des Leviathans sich erst konstituierende Gesellschaft als Vertragssubjekt. Das Geburtsereignis des Leviathan ist der wechselseitige Souveränitätsverzicht der Individuen.16

„Die Unterwerfung des Willens aller unter den Willen eines Menschen oder einer Versammlung erfolgt dann, wenn jeder sich vertraglich gegenüber jedem der Restlichen verpflichtet, dem Willen dieses einen, dem er sich unterworfen hat, sei es ein einziger Mensch oder eine Versammlung keinerlei Widerstand zu leisten.“17

Das Gewaltmonopol liegt nun durch den Vertrag bei dem Staatssouverän, der von Hobbes als Leviathan bezeichnet wird. Der ideale Leviathan ist ein absoluter Monarch, der sowohl weltliche wie auch geistliche Macht vereinigt. Eine Allegorie dieses Ideals ist in dem Titelbild des hobbesschen Werkes „Leviathan“ zu erkennen, auf welches später noch einmal kurz eingegangen wird. Wie am Anfang des Kapitels geschildert, erhält der Vertrag erst durch die hinter ihm stehende Sanktionsmacht des Gewaltmonopols seine bindende Wirkung. Dieser Punkt wird bei der Frage wie derzeitige internationale Konflikte und internationale Verträge zu beurteilen sind, eine entscheidende Rolle spielen.

3. Hobbes und der Krieg

Hobbes unterscheidet zwischen drei Kriegsarten: Den Krieg aller gegen alle im Naturzustand, den Bürgerkrieg und den Staatenkrieg. Da Hobbes das Verlassen des Zustands des Krieges aller gegen alle als Fundament für sein kontraktualistisches Argument entwickelt, beschäftigt er sich mit dem Thema des Krieges entsprechend ausführlich. Entgegen einer herkömmlichen Argumentation, stellt Hobbes nicht eine Definition von Krieg an den Anfang seiner Ausführungen über den Krieg, sondern beschäftigt sich zuerst mit der Untersuchung von dynamischen Aspekten wie Ursachen und Wirkungen, um hieraus schließlich den eigentlichen Begriff des Krieges zu gewinnen. Zum einen beschäftigt ihn die Natur des Menschen und inwieweit in ihr ein kriegerisches Wesen veranlagt ist, 18 zum anderen interessiert ihn dann ganz explizit, wie die Auswirkungen dieser Ursachen aussehen. Da Hobbes Hauptanliegen der Staatstheorie gilt, sind seine Ausführungen über den Krieg im Naturzustand und dessen Ursachen und den Bürgerkrieg umfangreicher als jene über den den Staatenkrieg. Die Aussagen über letztere sind nichts desto weniger von wesentlicher Bedeutung. So sind beispielsweise Hobbes Ausführungen über die Notwendigkeit einer sanktionierenden Macht hinter jedem Vertrag für die Einschätzung von Bündnissen nach wie vor von Bedeutung. Außerdem entwickelt er die These, dass die Staaten untereinander den Naturzustand noch nicht verlassen haben und von daher gilt es zu untersuchen, inwieweit Erkenntnisse über den von ihm beschriebenen Naturzustand der Individuen auf den von ihm nur kurz umrissenen Naturzustand der Staaten übertragbar sind.

3.1 Kriegsbegriff bei Hobbes

Hobbes Kriegsbegriff ist eingebettet in seine Theorie der Ursachen für Konflikte im Naturzustand. Nachdem er hergeleitet hat, dass der Naturzustand ein solcher des Krieges ist, erläutert er, was unter Krieg überhaupt zu verstehen ist:

„Hieraus ergibt sich, dass ohne eine einschränkende Macht der Zustand der Menschen ein solcher sei, wie er zuvor beschrieben wurde, nämlich ein Krieg aller gegen alle. Denn der Krieg dauert ja nicht etwa nur so lange wie faktische Feindseligkeiten praktiziert werden, sondern so lange, wie der Vorsatz herrscht, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Beim Krieg kommt es wie beim Wetter allein auf die Dauer an. Sowenig ein heftiger Regen schon nasses Wetter ist, ebenso wenig wird irgendein einzelnes Gefecht ein Krieg genannt werden können. Die Zeit aber, in der kein Krieg herrscht, heißt Frieden.19

Die Aussage über den Krieg im Naturzustand geht von einem bellum omnium contra omnes aus, also einer Extremform von Krieg, bei der jedes Individuum Kriegsteilnehmer ist. Würde man die Existenz von Krieg auf einzelne Kampfhandlungen festlegen, so wäre kein Zustand von längerer Dauer denkbar. Indem Hobbes hier den Terminus Krieg nicht allein auf Kampfhandlungen festlegt, sondern den Begriff um den Vorsatz der Parteien Krieg zu führen erweitert, entkräftet er diesen Einwand. Dies räumt dem Krieg Perioden ein, in denen gar nicht gekämpft wird, wohl aber der Wille zum Kampf vorausgesetzt wird. Hobbes geht sogar einen Schritt weiter und spricht davon, dass faktische Kampfhandlungen für den Krieg gar nicht wesentlich sind, sondern akzidentiell. Wirklich entscheidend für das Vorliegen des Kriegszustandes ist allein die Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt, respektive die ständige Präsenz der Drohung mit Gewalt. Für ihn besteht bereits dann ein Kriegszustand, wenn man sich nicht sicher sein kann, dass in naher Zukunft keine Kampfhandlungen stattfinden werden. Auch wenn Hobbes auf einer normativen Ebene den Frieden als Mittel zur Selbsterhaltung anvisiert, so ist auf der deskriptiv-analytischen Ebene Krieg im Verhältnis zu Frieden für ihn der Grundbegriff. Aus hobbesscher Sicht sind alle Versuche Frieden positiv zu bestimmen kriegsfördernd, da sie die Gefahr bergen, den Krieg für den wahren Frieden hervorzurufen. Denn wer im Begriff des Friedens mehr als die Abwesenheit von Gewalt und Bedrohung sucht, der ist zwangsläufig auf höchst anspruchsvolle und ideologieanfällige Konzepte angewiesen. Hobbes hatte in den religiösen Bürgerkriegen seiner Zeit lebendige Beispiele vor Augen, wie alle Kriegsparteien behaupteten, für den „wahren“, „eigentlichen“, „gerechten“ und „ewigen“ Frieden zu kämpfen.20

Um noch einmal kurz auf die Methodik zurückzukommen, ist hervorzuheben, dass Hobbes aus der Analyse von Ursachen und Folgen den Begriff des Krieges ableitet. Dabei geht er wie beschrieben erst einmal von einem intuitiven und vortheoretischen Konzept des Krieges mit Kampfhandlungen und Schlachten aus, gelangt aber zu der Erkenntnis, dass die Essenz des Krieges eben nicht hierin liege, sondern in Kausalzusammenhängen, in die solche

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gewaltakte eingebunden sind. Er zeigt, wie die verschiedenen Ausprägungen der Selbsterhaltung gewaltsame Konflikte zur Folge haben, welche wiederum die Basis für neue Gewalttaten bilden, so dass das Bild eines seinem mechanistischen Weltbild entsprechenden Prozesses entsteht, der von sich aus nicht zur Ruhe kommen kann. Dann entwickelt er, wie wir im nächsten Abschnitt sehen werden, zunächst, wie die Konkurrenz Gewalt zur Folge hat, die ihrerseits das Misstrauen bzw. die gegenseitige Furcht bewirkt, welche unausweichlich neue Gewalt verursacht. Derselbe Mechanismus gilt im Prinzip auch für die dritte Konfliktursache, die Ruhmsucht. Interessant sind nicht die einzelnen Gewaltakte, sondern die Antriebskräfte, die einen kontinuierlichen Prozess entstehen lassen. Hobbes löst die reale Gewalt, welche in der Regel für die spezifische Bestimmtheit von Krieg gehalten wird, in ein kausales Beziehungsgeflecht auf, so dass die faktische Gewalt für das Vorliegen eines Kriegszustandes schließlich unwesentlich wird. Durch die von ihm entwickelte Extremform des Krieges, dem bellum omnium contra omnes des Naturzustandes, erhält er ein Konzept von Krieg, welches im Grunde für alle Kriege gültig sein soll. Auch wenn der Krieg im Naturzustand einen Idealtypus darstellt, dem sich die wirklichen Kriege nur annähern, ist der Mechanismus von Gewalt, Furcht und neuer Gewalt oder der Gewaltdrohung, Furcht und neuer Drohung nach Hobbes tatsächlich für alle Kriege charakteristisch.21

3.2 Kriegsursachen

Wie schon in der Einleitung erwähnt, geht Hobbes davon aus, dass man Kriegshandlungen nur vermeiden kann, wenn man versteht wie Kriege zustande kommen. Mit seiner Methodik steht das Individuum und somit die Anthropologie im Zentrum seiner Untersuchungen über die Ursachen des Krieges.

3.2.1 Von der Verschiedenheit der Sitten

Für Hobbes sind Sitten nicht Banalitäten wie Höflichkeit oder Erscheinung, sondern alles das, „ wodurch Friede erhalten und das Wohl des Staates gesichert wird.“22 Das Glück des Erdenlebens besteht nicht in einer ungestörten Seelenruhe, denn wem ein Wunsch erfüllt ist, der wird in einem beständigen Fortgang von einem Wunsch zum anderen gelangen, wobei die Erreichung des ersteren immer dem folgenden den Weg bahnen muß. Die Menschen versuchen nicht nur sich ein Gut zu verschaffen, sondern dasselbe auch auf immer zu sichern.23

„Zuvörderst wird also angenommen, dass alle Menschen ihr ganzes Leben hindurch beständig und unausgesetzt eine Macht nach der anderen sich zu verschaffen bemüht sind; nicht darum, weil sie nach einer immer größeren Macht als der, welche sie schon besitzen, streben oder sich mit einer mäßigen nicht begnügen können, sondern weil sie ihre gegenwärtige Macht und die Mittel glücklich zu leben, zu verlieren fürchten, wenn sie sie nicht vermehren.24

Da die Menschen nicht wie die Tiere allein in der Gegenwart leben, sondern ebenfalls um die Zukunft bekümmert sind, versuchen sie soviel Macht wie möglich zu erhalten. Der Umstand, dass auf der einen Seite Macht ein knappes Gut ist, und auf der anderen Seite alle Menschen sich mehr Macht verschaffen wollen, führt unweigerlich zu einem Konflikt.

„Der Wunsch nach Reichtum, Ehre, Herrschaft und jeder Art von Macht stimmt den Menschen zum Streit, zur Feindschaft und zum Kriege. [...] Der Wunsch nach Muße und sinnlichen Vergnügen bringt die Menschen dahin, dass sie sich einer gemeinschaftlichen Gewalt gern unterwerfen und deshalb auf jene Macht verzichten, die sie durch eigene Anstrengung vielleicht erringen könnten.25

In diesem Zusammenhang nennt Hobbes Wünsche welche Muße voraussetzen, wie solche nach Künsten und Wissenschaften. Folglich haben diese einen positiven Einfluss und stärken eine antikriegerische Haltung, während beispielsweise mutige und mit ihrem Schicksal unzufriedene Menschen, die nach kriegerischer Ehre lechzen, geneigt sind Krieg und Aufruhr zu erregen26. Da nichts höher steht als das eigene Leben, sind die Menschen im Naturzustand jedoch nicht in der Lage dem Wunsch nach Muße und Vergnügen nachzugehen, da es gilt ihr Leben zu retten. Und wie dies später in diesem Kapitel näher erläutert wird, gilt hier, dass Angriff die beste Verteidigung ist.

3.2.2 Von den Bedingungen der Menschen in Bezug auf das Glück ihres Erdenlebens

Hobbes Anthroposophie beschreibt einen Menschen der sowohl hinsichtlich der Körperkräfte, als auch der Geistesfähigkeiten so gleichmäßig begabt ist, dass selbst wenn einige mehr Kraft oder Verstand als andere besitzen, im ganzen betrachtet der Unterschied dennoch nur relativ ist. Denn selbst ein schwacher Mensch kann durch List oder in Verbindung mit anderen auch den stärksten töten.27

„Sooft daher zwei ein und dasselbe wünschen, dessen sie aber beide nicht zugleich teilhaftig werden können, so wird einer des anderen Feind, und um das gesetzte Ziel, welches mit der Selbsterhaltung immer verbunden ist, zu erreichen, werden beide danach trachten, sich den anderen unterwürfig zu machen oder ihn zu töten.“28

Für sich allein betrachtet ist diese Stelle noch nicht klar, denn wenn die menschlichen Fähigkeiten bezüglich der Tötung und Unterwerfung anderer wirklich gleich sind, warum sollten alle daraus schließen, dass sie als Gewinner aus dieser Situation gehen? Denn bei einer angenommenen Kräftegleichheit wäre doch eine Niederlage ebenso wahrscheinlich. Nur dann wenn es um überlebenswichtige Güter geht, könnte der Kampf rational sein, denn in diesem Szenario stünde eine wie auch immer geringe Chance zu gewinnen einem sicheren Untergang entgegen.29

Und auch in den geistigen Fähigkeiten sieht Hobbes nicht den Schlüssel für dieses Phänomen, denn in den angeborenen geistigen Fähigkeiten findet Hobbes eine noch größere Gleichheit. Erst erlernte und durch Anstrengungen und Nachdenken erlangte Fähigkeiten wie zum Beispiel der künstliche Gebrauch der Sprache und die allgemeinen Wissenschaften sind hiervon auszunehmen, wobei sich auch diese von Natur einem jeden zur selben Zeit bei denselben und gleich aufmerksam betrachteten Gegenständen auch gleichmäßig mitteilen.30 Seine Antwort auf die Kampfbereitschaft bei angenommener Kräftegleichheit lautet Selbstüberschätzung des Einzelnen gegenüber seinen Mitstreitern. Dadurch, dass jeder seinen eigenen Verstand aus der Nähe und den eines anderen aus der Ferne sieht, entwickelt er eine ungebührlich hohe Meinung von sich. Durch die vermeintliche Überlegenheit

[...]


1 Bis auf den Selbstverteidigungsfall.

2 Wolfgang Kersting, Thomas Hobbes zur Einführung (Hamburg: Junius Verlag, 2002) 44.

3 Kersting 8.

4 Kersting 9.

5 Hobbes, Leviathan. Übers. Jacob Peter Mayer (Stuttgart: Reclam, 2005) 77-78.

6 Kersting 38-40.

7 Kersting 60.

8 Kersting 48-49.

9 Kersting 68.

10 Kersting 68-69.

11 Kersting 100.

12 Kersting 105-106.

13 Kersting107.

14 Kersting 107.

15 Kersting 146.

16 Kersting 150-153.

17 Thomas Hobbes, De Cive. Übers. Günter Galwick. 2. Aufl. (Hamburg: Felix Meiner, 1966) 128.

18 Er untersucht für diesen Zweck nicht nur die verschiedenen Sitten der Menschen sondern auch die Bedingungen der Menschen in bezug auf das Glück ihres Erdenlebens.

19 Hobbes, Leviathan 115.

20 Ulrike Kleemeier, Grundfragen einer Philosophischen Theorie des Krieges (Berlin: Akademie Verlag, 2002) 129-135.

21 Kleemeier 132-133.

22 Hobbes, Leviathan 90.

23 Hobbes, Leviathan 90.

24 Hobbes, Leviathan 91.

25 Hobbes, Leviathan 91.

26 Hobbes, Leviathan 92.

27 Hobbes, Leviathan 112-113.

28 Hobbes, Leviathan 113-114.

29 Michael Esfeld, Mechanismus und Subjektivität in der Philosophie von Hobbes (Stuttgart- Bad Cannstatt: Friedrich Frommann, 1995) 223.

30 Hobbes, Leviathan 113.

Ende der Leseprobe aus 64 Seiten

Details

Titel
Hobbes und der Krieg der Staaten
Hochschule
Universität St. Gallen
Note
5,5 (sehr gut)
Autor
Jahr
2008
Seiten
64
Katalognummer
V120632
ISBN (eBook)
9783640291823
ISBN (Buch)
9783640291939
Dateigröße
1762 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hobbes, Krieg, Staaten
Arbeit zitieren
Jasper Balthasar von Heyden (Autor), 2008, Hobbes und der Krieg der Staaten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120632

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