Nach Angaben der Coalition to Stop the use of child soldiers (CSC) sind über eine halbe Million Kinder unter 18 Jahren in über 60 Ländern der Welt als Soldaten rekrutiert. Sie sind in staatlichen Armeen genauso eingebunden wie in bewaffneten Oppositionsgruppen. Etwa 300.000 dieser Kinder kämpfen derzeit in regulären Streitkräften und bewaffneten Milizen aktiv mit (vgl. CSC, Child Soldier Global-Reports 2001-2004).
Das Thema Kindersoldaten bzw. „child soldiers“ ist seit Mitte der 90er Jahre fester Bestandteil der medialen Berichterstattung. Offenbar hat sich gegen Ende des vorigen Jahrhunderts ein neues Phänomen der Moderne konstituiert. Bilder von Kindern, die schwer bewaffnet vor den Kameras der Korrespondenten posieren, finden sich mittlerweile regelmäßig in den Kolumnen der Tagespresse. Aus dem Kontext der Berichterstattung geht dann hervor, dass es sich bei den Gezeigten in der Regel um
Minderjährige afrikanischer Staaten handelt. Gelegentlich wird auch das Leben bewaffneter Kinder und Jugendlicher in den Krisengebieten Latein- und Südamerikas thematisiert.
Legt man das gesellschaftliche Interesse an volljährigen Gewaltakteuren zu Grunde, besteht offensichtlich ein gesellschaftlicher Konsens darüber, dass es sich bei minderjährigen Kämpfern um etwas Außergewöhnliches handelt. Um den spezifischen Charakter dieser Erscheinung zu unterstreichen, wurde im Titel der Begriff des Phänomens gewählt.
Seit der Verabschiedung des Übereinkommens über die Rechte des Kindes (UNKinderrechtskonvention)im November 1989, ist der Umgang mit Minderjährigen in bewaffneten Konflikten global reglementiert. Zudem widmen sich unter dem Dach der CSC eine Vielzahl von Nichtregierungsorganisationen (NRO) dem Missbrauch Minderjähriger durch reguläres Militär und bewaffnete Oppositionsgruppen.
Vor diesem Hintergrund ist es Ziel der Arbeit, die kulturellen Antagonismen des „Phänomens“ Kindersoldaten zu untersuchen. Mittels einer Literaturrecherche sollgeprüft werden, ob und gegebenenfalls welche soziokulturellen Aspekte die Teilnahme Minderjähriger an bewaffneten Konflikten begünstigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Begriffsklärung
1.1. Der kulturell differenzierte Terminus des Kindes
1.2. Der Kindheitsbegriff
1.3. Child soldiers
2. Konflikte in traditionellen Gesellschaften
2.1. Quellenlage und Interpretation
2.2. Abgrenzung der Kindheit
2.3. Motive und Ursachen
2.4. Zusammenfassung
3. Die Rolle des Kindes und seine Erziehung in komplexen Gesellschaften
3.1. Das antike Kind
3.2. Kinderrolle im Mittelalter
3.3. Die Umbruchsepoche der Aufklärung und ihr Kindheitsverständnis
3.4. Zusammenfassung
4. Minderjährige in Diensten bewaffneter Gruppen bis zum 21. Jahrhundert
4.1. Minderjährige in der römischen Berufsarmee der Kaiserzeit
4.2. Die Rolle des Knappen im 11. bis 15. Jahrhundert
4.3. Kinder in Konflikten des 16. und 17. Jahrhunderts
4.4. Kinder im amerikanischen Sezessionskrieg
4.5. Schüler in der deutschen Luftabwehr 1943-1945
4.6. Reflektion der Rekrutierungsbedingungen
4.7. Zusammenfassung
5. Strukturelle Veränderung bewaffneter Konflikte und ihre Auswirkungen bezüglich der militärischen Verwendung von Kindern
5.1. Die Genfer Abkommen
5.2. Entstehung der Kinderrechte
5.2.1. Die Bestimmungen der UN-Kinderrechtskonvention
5.2.2. Weitere Abkommen zum Schutz des Kindes
5.3. Konfliktforschung
5.4. Wandel in der Konfliktstruktur und Intensität
5.5. Erfassung der Staaten mit minderjährigen Kombattanten
5.5.1. Allgemeine Ursachen
5.5.1.1. Konfliktdauer
5.5.1.2. Kleinwaffen
5.5.1.3. Fehlende Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten
5.5.1.4. Armut
5.5.2. Spezifische Faktoren
5.5.2.1. Physiologische Faktoren
5.5.2.2. Psychosoziale Faktoren
5.6. Aufgabenbereiche
6. Auswirkungen für die Minderjährigen und gesellschaftliche Relevanz
6.1.Psychosoziale Auswirkungen
6.2.Demobilisierung und Reintegration
6.3.Tendenzen
7. Resümee
8. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist die Untersuchung der soziokulturellen und epochalen Antagonismen des Phänomens "Kindersoldaten". Dabei wird analysiert, inwieweit unterschiedliche Sozialisationsmuster und gesellschaftliche Rahmenbedingungen die Teilnahme von Minderjährigen an bewaffneten Konflikten begünstigen oder beeinflussen.
- Historische Betrachtung der Rolle des Kindes in verschiedenen Epochen und Gesellschaftsformen.
- Analyse der Rekrutierungsbedingungen und Motive für den Einsatz von Kindern als Kombattanten.
- Untersuchung der Auswirkungen moderner Konfliktstrukturen und Waffentechniken (insb. Kleinwaffen) auf die Involvierung von Minderjährigen.
- Diskussion der Wirksamkeit internationaler Schutzrechte und Reintegrationsprogramme.
- Kritische Reflexion der psychosozialen Folgen und der gesellschaftlichen Wahrnehmung.
Auszug aus dem Buch
1.1. Der kulturell differenzierte Terminus des Kindes
Anthropologisch betrachtet gibt es kein einheitliches Bild des Kindes. Obwohl es für die globale Diskussion notwendig wäre, existiert kein universales, soziokulturelles Verständnis des Kinderbegriffes. Dementsprechend schwer gestaltet sich auch die Eruierung individueller kulturspezifischer Kindheitsbedürfnisse. Generell kann man sagen, dass mit dem sprachlichen Ausdruck „Kind“ ein Mensch von der Geburt bis zur Geschlechtsreife bezeichnet wird (Ulrich 1999, S. 9). Diese relativ grobe Definition des Kindes lässt sich prinzipiell auf sämtliche Kulturen projizieren. Eine bestimmte Differenzierung nach Entwicklungsabschnitten der Kindheit, wie sie insbesondere im europäischen Raum üblich ist, kann jedoch nicht ohne weiteres globalisiert werden1.
Die abendländliche Vorstellung der Kindheit, welche die Pädagogik und damit auch die gesellschaftliche Bedeutung des Kindes in den westlichen Industriegesellschaften bis heute prägen, hat Lassahn (1983) skizziert. Er teilt in seiner „Pädagogischen Anthropologie“ die Epochen in vier relevante Bereiche ein:
1. Das Kind als Noch-nicht-Sein der Vernunft (Antike)
2. Das Kind als ein von der Erbsünde belastetes Wesen (Mittelalter)
3. Die Kindheit als das Goldene Zeitalter des Menschen (Spätaufklärung)
4. Das Kind als Genius und Künstler (19. Jahrhundert und Reformpädagogik)
( vgl. Lassahn 1983 ) .
Zusammenfassung der Kapitel
1. Begriffsklärung: Dieses Kapitel definiert zentrale Begriffe wie Kindheit und Kindersoldat unter Berücksichtigung kultureller und ethnologischer Unterschiede.
2. Konflikte in traditionellen Gesellschaften: Es wird untersucht, wie Konflikte in Stammesgesellschaften strukturiert sind und welche Rolle das Kind darin einnimmt.
3. Die Rolle des Kindes und seine Erziehung in komplexen Gesellschaften: Dieses Kapitel analysiert das Kindheitsbild in Antike, Mittelalter und Aufklärung sowie deren Erziehungsideale.
4. Minderjährige in Diensten bewaffneter Gruppen bis zum 21. Jahrhundert: Hier werden historische Belege für den Einsatz minderjähriger Kämpfer von der Antike bis zum Zweiten Weltkrieg dargelegt.
5. Strukturelle Veränderung bewaffneter Konflikte und ihre Auswirkungen bezüglich der militärischen Verwendung von Kindern: Das Kapitel behandelt den Wandel der Konfliktformen nach 1945 und den Einfluss von Kleinwaffen sowie sozioökonomischer Armut auf das Phänomen.
6. Auswirkungen für die Minderjährigen und gesellschaftliche Relevanz: Hier stehen die psychischen Folgen, Möglichkeiten der Reintegration und die generelle gesellschaftliche Problematik im Fokus.
7. Resümee: Eine zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse unter Einbeziehung des historischen und kulturübergreifenden Vergleichs.
8. Schlussbemerkung: Ein abschließendes persönliches Fazit des Autors zur Komplexität des Themas und der Schwierigkeit allgemeiner Lösungsansätze.
Schlüsselwörter
Kindersoldaten, Kindheit, bewaffnete Konflikte, Sozialisation, traditionelle Gesellschaften, Rekrutierung, UN-Kinderrechtskonvention, Kleinwaffen, Armut, psychische Folgen, Reintegration, Militär, Menschenrechte, Ethnologie, globale Konflikte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Kindersoldaten aus einer kulturhistorischen und ethnologischen Perspektive und analysiert die Ursachen für den Einsatz von Minderjährigen in bewaffneten Konflikten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entwicklung des Kindheitsbegriffs, die Auswirkungen von Konfliktstrukturen und wirtschaftlicher Not sowie die Rolle internationaler Schutzabkommen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, zu verstehen, welche soziokulturellen Aspekte die Teilnahme von Minderjährigen an bewaffneten Konflikten begünstigen und ob es sich um ein rein neuzeitliches Phänomen handelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Literaturrecherche, die historische und anthropologische Quellen sowie aktuelle Konfliktanalysen vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse traditioneller Gesellschaften, die Rolle des Kindes in verschiedenen europäischen Epochen und die Untersuchung moderner Konfliktdynamiken sowie deren Folgen für die betroffenen Kinder.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kindersoldaten, soziale Not, kulturelle Sozialisation, Kleinwaffen, Konfliktforschung und Kinderrechte.
Inwiefern spielen Kleinwaffen eine Rolle für die Rekrutierung?
Die massenhafte Verbreitung günstiger und leicht bedienbarer Kleinwaffen hat die Kopplung des Waffengebrauchs an körperliche Reife entkoppelt, wodurch auch jüngere Kinder einfacher als Kämpfer eingesetzt werden können.
Warum fällt es schwer, Kinder nach einem Konflikt wieder zu integrieren?
Die Integration scheitert oft an den zerstörten sozialen und ökonomischen Strukturen der Heimatregionen sowie am Mangel an tragfähigen Bildungsperspektiven für ehemalige Kindersoldaten.
- Quote paper
- Daniel Putzger (Author), 2005, Kinder als Akteure in bewaffneten Konflikten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120633