Zur Aktualität Joseph A. Schumpeter: „Schöpferischer“ Vater des Entrepreneurs und Prophet einer unheilvollen, „zerstörerischen“ Entwicklung?


Diplomarbeit, 2008
92 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung
1.1 Zielsetzung und Abgrenzung der Arbeit
1.2 Aufbau der Arbeit

2. Josep A. Schumpeter - Theoretische Grundlagen
2.1 Joseph A. Schumpeter - Biographische Würdigung
2.2 Der Prozess der „schöpferischen Zerstörung“
2.3 Der ökonomische Rahmen bei Schumpeter
2.3.1 Unterscheidung „Statik“ und „Dynamik“
2.3.2 Wirtschaftliche Entwicklung aus der Sicht Schumpeters
2.4 Schumpeters Begriff der „Innovation“ als Kernphänomen der wirtschaftlichen Entwicklung
2.5 Schumpeters Bild vom Unternehmer als Träger von Innovationen und Motor der Entwicklung
2.5.1 Schumpeters Unternehmer vs. „Wirt schlechtweg“
2.5.2 Schumpeters Unternehmer vs. Kapitalist
2.5.3 Schumpeters Unternehmer vs. Inventor
2.5.4 Schumpeters Unternehmer vs. Imitator
2.5.4.1 Der dynamische Unternehmer als „Innovator“
2.5.4.2 Der statischen Wirt als „Imitator“
2.5.5 Zusammenfassende Darstellung der Differenzierung
2.6 Der innovative, dynamische Unternehmer als treibende Kraft in Schumpeters Theorie

3. Entrepreneurship - Theoretische Grundlagen
3.1 Annäherung
3.2 Der Ursprung von Entrepreneurship
3.3 Zusammenfassende Darstellung des Entrepreneurs in der Wissenschaft
3.3.1 Entrepreneur vs. Unternehmer
3.3.2 Entrepreneur vs. Manager
3.3.3 Entrepreneur vs. Kapitalist
3.3.4 Warum keine deutsche Variante des Begriffs des Entrepreneurs?
3.4 Annäherung an eine Arbeitsdefinition
3.4.1 Unterschiedliche Sichtweisen und Positionen zum Entrepreneurship
3.4.2 Ergänzendes Selbstverständnis zum Entrepreneurship
3.4.2.1 „Nachhaltigen Innovation“
3.4.2.2 „Kreativität und Phantasie“
3.5 Arbeitsdefinition „Entrepreneur“ und „Entrepreneurship“
3.6 Abschlussbetrachtung

4. Joseph A. Schumpeter als schöpferischer Vater des Entrepreneurs und Prophet einer unheilvollen, zerstörerischen Entwicklung?
4.1 Joseph A. Schumpeter – Schöpferischer Vater des Entrepreneurs?
4.2 Schumpeters Modifizierung des Grundmodells des dynamischen Unternehmers
4.2.1 Der Entrepreneur als Träger der Innovationen
4.2.2 Die F&E-Abteilungen der Großunternehmen als Träger der Innovationen
4.2.3 Zusammenfassung und Zwischenresumée
4.3 Joseph A. Schumpeter - Prophet einer unheilvollen, zerstörerischen Entwicklung?
4.3.1 Die Bedeutung der F&E-Abteilungen bei Schumpeter
4.3.2 Der lange Weg von der innovativen Idee bis zum wirtschaftsrelevanten Produkt
4.3.3 Die veränderte Rolle des Bankiers im Entwicklungsprozess
4.3.4 Die unheilvolle Entwicklung durch das kurzfristige Denken
4.4 Abschlussbetrachtung

Abbildungsverzeichnis:

Abkürzungsverzeichnis:

Anhang: Lebenslauf von Joseph A. Schumpeter:

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Ein phantasievoller Mensch hat eine kreative Idee, ist von dieser überzeugt und gründet ein Unternehmen, ist aber nicht zwingend ein Unternehmer. Er koordiniert und managed in dem Unternehmen verschiedene Abläufe, ist aber nicht zwingend ein Manager. Er vermehrt im Laufe der Zeit das Kapital des Unternehmens, ist aber nicht zwingend ein Kapitalist. Er ist ein Entrepreneur, der als Besessener, Querdenker oder Künstler verstanden werden kann!

Dies war meine erste Konfrontation mit dem Begriff des „Entrepreneurs“ während einer Vorlesung, die ich im Laufe meines Studiums der Betriebswirtschaftslehre besuchte. Als dann noch Namen wie Bill Gates (Microsoft), Steve Jobs (Apple), Ingvar Kamprad (Ikea) und Lawrence Page & Sergey Brin (Google-Gründer) als Beispiele für erfolgreiche Entrepreneure mit besonderen Persönlichkeitsmerkmalen genannt wurden, war mein Interesse an diesem faszinierenden Thema, welches einen hohen Grad an Interdisziplinarität besitzt, geweckt. Von den Besten zu lernen empfand ich schon immer als eine gute Strategie. Aber was unterscheidet diese Gründer von anderen? Warum ist unternehmerischer Erfolg stark an den Einsatz und die Fähigkeit der Person gekoppelt, insbesondere die Fähigkeit unscheinbar wirkende Ereignisse als Gelegenheiten wahrzunehmen und warum wurde die Persönlichkeit dieser Entrepreneure nicht schon längst als Forschungsgegenstand herangezogen, wenn sie doch eine so große Wirkung auf die Volkswirtschaft hat? Antworten auf diese Fragen fand ich in den wissenschaftlichen Werken des österreichischen Nationalökonomen Joseph Alois Schumpeter, der – um nichts vorweg zu nehmen – in seiner „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ (1911) die Unternehmerfigur als entscheidendes Element wirtschaftlicher Dynamik herausgearbeitet hatte. Diese Antworten führten mich zu der Überlegung und so zu dem Thema dieser Arbeit, ob Joseph A. Schumpeter noch aktuell ist.

Meiner Meinung nach ist das Faszinierende an Schumpeter neben seiner schillernden Persönlichkeit die Vielschichtigkeit und Interdisziplinarität seiner Theorien. So hat nicht nur die ökonomische Fachwissenschaft Schumpeter wiederentdeckt. Seine Ideen halten u.a. auch Einzug in die Verhaltens- und Sozialwissenschaft sowie in die Psychologie und Pädagogik[1]. Desweiteren lieferte er mit seinen Werken wichtige Denkanstöße für weitere wissenschaftliche Betrachtungen. Seine Sichtweisen sind diskutabel und somit brauchbarer als jedes allzu starre Modell. Somit stehen Schumpeters Ideen dem Geist unserer Zeit nahe. „Die Wirtschaftstheorie nach Keynes hat an Ansehen verloren; der Liberalismus ist als dominierendes ökonomisches Gedankengebäude an seine Stelle gerückt. Markt und Unternehmer werden als wichtigste Kräfte einer funktionierenden Volkswirtschaft wie auch einer prosperierenden Gesellschaft betrachtet“ (Schwedberg, 1994, S. 11). Dabei ist zu beobachten, dass man Schumpeters Meinungen zu diesen Themen in der Wirtschaftspresse ebenso wie in wissenschaftlichen Zeitschriften besondere Aufmerksamkeit schenkt. Es ist also kein Wunder, dass das Interesse an den Ideen und Erkenntnissen von Schumpeter in den letzten Jahren in Deutschland - wenn nicht sogar weltweit - stark zugenommen hat. Einige Autoren bezeichnen ihn als den wegweisenden Ökonomen für das beginnende 21. Jahrhundert.[2] Eine weitere Besonderheit bei Schumpeter ist, dass er die Vorstellung Max Webers der Sozialökonomie aufgriff, in der sich Theorie und Geschichte verbinden. Dabei entwickelte er ein neues und eigenständiges Modell der ökonomischen Analyse. Infolgedessen ist für Schumpeter die Sozialökonomie die umfassende Form einer Wirtschaftswissenschaft, die die Ökonomie in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang erfasst und die folgenden vier Disziplin beinhaltet: Wirtschaftsgeschichte, Wirtschaftsstatistik, Wirtschaftssoziologie und ökonomische Theorie. Dabei plädiert er nicht auf die Verschmelzung der vier Disziplinen, sondern auf die Bewahrung ihrer Selbständigkeit.[3] Somit ist die Sozialökonomie durch ein Netz von Forschungsfeldern gekennzeichnet und beschreibt eine interdisziplinäre Wissenschaft, die die Grenzen von Fachbereichen und Disziplinen systematisch überschreitet. Nicht zuletzt gehört Schumpeter zu den wenigen Wirtschaftswissenschaftlern deren Vokabular in die Umgangssprache übernommen wurde. Begriffe wie: „Innovation“, „schöpferische Zerstörung“ und „Schumpeterscher Unternehmer“ finden heute nicht nur in wirtschaftspolitischen Debatten Verwendung.[4] Die vorliegende Arbeit bildet dabei keine Ausnahme. Beschäftigt man sich eine längere Zeit intensiv mit den Schriften Schumpeters, kann es schnell passieren, dass man sich an seine sybillinische Schreibweise gewöhnt und sie unbewusst übernimmt bzw. von ihr Gebrauch macht.

1.1 Zielsetzung und Abgrenzung der Arbeit

Die vorliegende Arbeit ist theoretischer Natur und der Untersuchung zur Aktualität Jo­seph A. Schumpeters gewidmet. Infolgedessen soll die Nachhaltigkeit und Beständigkeit seiner damaligen theoretischen Ansätze Gegenstand der Betrachtung sein und der folgenden Frage nachgegangen werden: Joseph A. Schumpeter – „schöpferischer“ Vater des Entrepreneurs und Prophet einer unheilvollen, „zerstörerischen“ Entwicklung?[5] Diese Frage stellt zugleich das erkenntnisleitende Ziel der vorliegenden Arbeit dar. Dies macht es erforderlich, sich zu allererst mit Schumpeters sozialökonomischen Arbeiten zur Unternehmerfigur im wirtschaftlichen Prozess auseinander-zusetzen. Diese bilden den Schlüssel zum Verständnis der entwicklungstheoretischen Perspektiven Schumpeters und stellen neben den theoretischen Grundlagen der Schumpeterschen „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ auch den ersten Hauptteil dieser Arbeit dar.

Die Herausforderung lag dabei auf einer ausführlichen und ohne wirtschaftswissenschaftliche „Geheimsprache“ aufgebauten und der vorliegenden Arbeit angepassten, strukturierten Darstellung des Schumpeterschen Gedankengutes. Um zur Aktualität Schumpeters Stellung zu nehmen, greift die Arbeit zu diesem Zweck den Stand der Wissenschaft innerhalb der noch jungen Entrepreneurship-Forschung auf. Dabei bestand die Schwierigkeit in diesem Teil der Arbeit darin, dass bis heute Un­einigkeit darüber herrscht, was genau unter einem Entrepreneur zu verstehen ist, da Ent­repreneurship zum einen kein klassisches Forschungsfeld der Betriebswirtschaftslehre darstellt und zum anderen eine Reihe unterschiedlicher, interdiszipli­närer Forschungsrichtungen konstruktiv vereint und dabei einen komplexen, indivi­duellen und dynamischen Prozess beschreibt, der pfandabhängige Komponenten enthält und nur schwer in eine Theorie einbezogen werden kann. In diesem Zusammenhang findet die Metapher der drei blinden Männer, die zu verstehen versuchen, was ein Elefant sei, als Analogie zum Entrepreneur eine durchaus passende Verwendung.[6]

In der vorliegenden Arbeit wurde dennoch versucht, dem Leser ein umfassendes Ver­ständnis mit Hilfe der theoretischen Grundlagen dieser noch jungen Forschungsdisziplin zu vermitteln. Dabei bildet jener Teil den zweiten in sich geschlossenen theoreti­schen Ansatz dieser Arbeit, der sich mit der Unternehmerfigur im wirtschaftlichen Prozess beschäftigt. Auf Grundlage der beiden theoretischen Haupteile wird abschlie­ßend gezielt interpretativ auf die Beantwortung der zuvor gestellten Frage eingegangen, um eventuelle Verbindungen zwischen den beiden theoretischen Ansätzen aufzuzeigen und um die Aktualität Schumpeters in die abschließende Diskussion mit aufzunehmen.

Schumpeters wissenschaftliche Arbeiten sind derart umfangreich und vielseitig, sodass sich diese Arbeit auf die oben beschriebenen theoretischen Ansätze Schumpeters beschränkt. Auch in der Entrepreneurship-Forschung gibt es eine große Anzahl ver­schiedener Forschungsansätze, die sich mit unterschiedlichen Aspekten dieses äußerst breiten Feldes auseinandersetzen. Sehr populär ist u.a. die Erforschung besonderer Cha­raktereigenschaften („traits“), Handlungsmotive, Erfolgsfaktoren und Verhaltens-mustern von erfolgreichen Entrepreneuren, die unter die verhaltenswissen­schaftliche Betrachtung fallen.[7] So interessant es auch wäre diese Aspekte mit einfließen zu lassen, so würden sie doch den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen. Ähnliches gilt für die Darstellung der betriebswirtschaftlichen theoretischen Ansätze des „sozialen Kapitals“[8], der „Netzwerkforschung“ und der „Pfadabhängigkeit“, welche ohne Zweifel interessante integrative Forschungsfelder darstellen und zugleich die Interdisziplinarität vom Entrepreneurship aufzeigen. Dies gilt auch für „Sozial- Entrepreneurship“[9], „Criminal- Entrepreneurship“[10] sowie „Entrepreneurship bei Frauen“, welche Teilgebiete der Entrepreneurship-Forschung darstellen. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass der Einfachheit halber von „Entrepreneur“ und „Unternehmer“ in der männlichen Form geschrieben wird, was nicht bedeutet, dass die Schlussfolgerungen nicht auch auf „Entrepreneurinnen“ und „Unternehmerinnen“ zutreffen.

1.2 Aufbau der Arbeit

Der Inhalt der vorliegenden Arbeit ist nach didaktischen Kriterien in vier Kapitel gegliedert. Somit gliedert sich die Arbeit in ihrem Vorgehen im Anschluss an das einleitende Kapitel 1 in drei Hauptteile. Dabei behandeln die Kapitel 2 und 3 zwei unterschiedliche theoretische Ansätze zur Unternehmerfigur im wirtschaftlichen Prozess, weshalb sie auch separat von einander beschreiben werden sollen. Somit ergeben sich zwei in sich geschlossene theoretische Ansätze, die im vierten Kapitel als Ausgangspunkt für weiterführende Überlegungen dienen.

Der erste Hauptteil (Kapitel 2) beschäftigt sich mit Schumpeters sozioökonomischer Sicht der Unternehmerfigur im wirtschaftlichen Prozess. Aber zuvor soll Schumpeters Biographie beleuchtet und ein Exkurs über den historischen Kontext vorgenommen werden (2.1), da Schumpeters wissenschaftliche Schriften sehr deutlich von seiner Persönlichkeit geprägt sind und nicht zuletzt, um der eigentlichen intellektuellen Leistung Schumpeters voll gerecht zu werden. Daran anschließend wird der Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ als Ganzes beschrieben (2.2), bevor einzelne und für diese Arbeit relevante Elemente näher beleuchtet werden. Dabei wird der ökonomische Rahmen (2.3), der Begriff der Innovation (2.4) und vor allem das Bild des Unternehmers (2.5) nach Schumpeter näher beschrieben. Abschließend wird die Funktion des Schumpeterschen Unternehmers im Mittelpunkt der Betrachtung stehen (2.6), die als theoretische Grundlage für die nachfolgenden Kapitel dient.

Der zweite Hauptteil (Kapitel 3) widmet sich den theoretischen Grundlagen der Forschungsdisziplin Entrepreneurship mit seinem Protagonisten, dem Entrepreneur.

Dabei bildet er mit seiner betriebswirtschaftlichen und verhaltenswissenschaftlichen Sicht den zweiten, in sich geschlossenen theoretischen Ansatz dieser Arbeit, der sich mit der Unternehmerfigur im wirtschaftlichen Prozess beschäftigt. Dies ist insofern mit einer Herausforderung verbunden, dass noch wenig gewachsener Konsens über zentrale Begriffsdefinitionen und Ziele der Entrepreneurship-Forschung existieren. Daher wurde es als notwendig erachtet, den Entwicklungsprozess aus etymologischer Sicht dieser Forschungsdisziplin nachzuzeichnen (3.2), damit anschließend eine kontroverse wissenschaftliche Diskussion über den Entrepreneur aufgenommen werden kann, um das Definitionsdefizit, unter dem die Entrepreneurship-Forschung immer noch leidet, deutlich zu machen und nach einer deutschen Variante des Begriffs „Entrepreneur“ zu suchen (3.3). Nach einer Protokollierung verschiedener Sichtweisen, Auffassungen und Aussagen unterschiedlicher Wissenschaftler und Autoren, die sich umfassend mit dem Themengebiet „Entrepreneurship“ beschäftigt haben, und einer eigenen, ergänzenden Positionierung zu einem zeitgemäßen Selbstverständnis des Entrepreneurships (3.4), soll eine Arbeitsdefinition vom „Entrepreneur“ und dem „Entrepreneurship“ vorgestellt werden, die dem Leser ein grundlegendes Verständnis und ein Gefühl für den Umgang mit den Begriffen geben soll (3.5).

Im dritten Hauptteil (Kapitel 4) wird sich schließlich mit den Fragen auseinandergesetzt, ob 1. Joseph A. Schumpeter als schöpferischer Vater des Entrepreneurs und 2. als Prophet einer unheilvollen, zerstörerischen Entwicklung angesehen werden kann? Dabei dienen die beiden vorangegangen Hauptteile als theoretische Grundlage, auf die im weiteren Verlauf- wie aus einem „Werkzeugkasten“[11] - immer wieder zurückgegriffen werden wird. Um die zweite Frage beantworten zu können, ist es dringend erforderlich auf gewisse Modifikationen des Grundmodells des „dynamischen Unternehmers“ bei Schumpeter einzugehen (4.2). Diese ergänzen die Grundlagen und die zuvor erarbeiteten Erkenntnisse der Schumpeterschen Entwicklungstheorie und bilden zusammen mit zwei weiteren „Gedankenpfeilern“ den Ausgangspunkt für die nachfolgende und abschließende Bewertung und Beantwortung der 2. Frage (4.3). Abrundend soll eine Bezugnahme zur Aktualität Schumpeters anhand einer eigens aufgestellten Hypothese, welche eine „Schumpeter-Erweiterung“ darstellt, vorgenommen werden (4.3.4). Diese geht fließend in die Abschlussbetrachtung dieser Arbeit über (4.4).

Mein Dank gebührt vor allem meinem akademischen Lehrer und Mentor Prof. Dr. Klaus Peter Kisker für die Unterstützung und Ermöglichung dieser Arbeit, sein entgegengebrachtes Vertrauen und nicht zuletzt für seine gerne gewährte Zeit für die wiederholten Treffen und seine konstruktiven Ratschläge.

Die Arbeit ist wiederholt Korrektur gelesen worden. Ich bitte Fehler, die dennoch

unentdeckt geblieben sind, zu entschuldigen.

2. Josep A. Schumpeter - Theoretische Grundlagen

Ausgehend von verschiedenen Elementen des Schumpeterschen Werkes hat sich seit Beginn der 90er Jahre eine nun rasch wachsende Neo-Schumpetersche Strömung bzw. eine Art Schumpeter-Renaissance in den Wirtschaftswissenschaften herausgebildet. Dies ist zunächst an der Anzahl der Publikationen festzumachen, welche sich auf Schumpeter beziehen. Vor allem wird Schumpeter in Veröffentlichungen ausdrücklich erwähnt, die sich mit dem Thema „Innovation“ und „dynamische, innovative Unter­nehmer“ beschäftigen.

Schumpeter entwickelte seine Konzeption des „schöpferischen Wirtschaftsführers“ erstmalig in seinem einflussreichen Jugendwerk „Theorie der wirtschaftlichen Ent­wicklung“ (1911), auf das er in seinen späteren Werken „Business cycles“ (1939) und „Capitalism, Socialism and Democraty“ (1942) immer wieder zurückgreift. Damit mar­kierte Schumpeter im deutschsprachigen Raum den Beginn der wirtschaftlichen Ausei­nandersetzung mit der Person des „Unternehmers“, indem er ihn in den Mittelpunkt eines geschlossenen Modells der wirtschaftlichen Entwicklung rückte.[12] Dabei betonte Schumpeter die fundamentale Bedeutung der Unternehmerfunktion für die Dynamisie­rung des ökonomischen Prozesses insgesamt.[13] Das Schumpetersche Unternehmer-theorem und dessen genereller Erklärungsanspruch der Entwicklungsgesetze der Wirtschaft wurden zum Ansatzpunkt für eine Reihe von Erklärungsversuchen, indem man den langfristigen Wechsel im Wachstumsrhythmus mit der Wirksamkeit von durch Unternehmerentscheidungen bewirkten Innovations­zyklen zu erklären versuchte. Damit rückte auch die funktionelle Rolle des Unternehmers erneut in das Blickfeld des Interesses.[14]

Bevor nun die theoretischen Grundlagen des unternehmerischen Elementes im gesamtwirtschaftlichen Kontext bei Schumpeter beschrieben und in diesem Zusammenhang der „Prozess der schöpferischen Zerstörung“ mit den für diese Arbeit relevanten Elementen der wirtschaftlichen Entwicklung, nämlich der Innovation und dem Unternehmer im Schumpeterschen Sinne, näher beleuchtet werden, soll die Person Joseph A. Schumpeter im Mittelpunkt der folgenden Betrachtung stehen.

2.1 Joseph A. Schumpeter - Biographische Würdigung

Es soll nun Schumpeters Biographie beleuchtet werden, wobei es aber nicht das Hauptinteresse der vorliegenden Arbeit sein wird, ein absolut vollständiges Bild von Schumpeters Aktivitäten zu zeichnen. Um der eigentlichen intellektuellen Leistung Schumpeters voll gerecht zu werden, wären biographische Aspekte zwar nicht unbedingt notwendig, dennoch sind Schumpeters wissenschaftliche Schriften sehr deutlich von seiner Persönlichkeit geprägt, weshalb auch die Aussage, welche Schumpeter in einem Aufsatz über Vilfredo Pareto schrieb, ebenso gut auf ihn selbst zutreffen kann:[15] „Aber in allem, was nicht die reine Logik ökonomischer Lehrsätze betraf, waren Persönlichkeit und Lebensumstände von so großem Einfluss, dass es notwendig erscheint, auf diesen Mann und was ihn bewegte, näher einzugehen, als man es in Würdigungen wissenschaftlicher Leistungen zu tun gewohnt ist“.[16] In diesem Zusammenhang stellt Swedber (1994) fest: „Schumpeters Denken gewinnt an Faszination, lernt man die Ereignisse in seinem Leben kennen. Und man würde viel versäumen, ließe man sich nicht auf dieses Leben ein“ (Schwedberg, 1994, S. 13). Deshalb soll nun folgend eine stark komprimierte, nur auf den wichtigsten Eckpunkten von Schumpeters Leben basierende biographische Abhandlung chronologisch dargelegt werden. Ein Exkurs in das historische Umfeld und die zeitliche Einordnung Schumpeters soll dann folgen und diesen Abschnitt abschließen.

Schumpeter wurde am 8. Februar 1883 in einer österreichischen Provinzstadt in Triesch, Mähren geboren. Sein Vater war Besitzer einer Tuchfabrik und setzte die Familientradition in diesem Gewerbe fort. Die Mutter, Johanna Schumpeter, stammt aus einer Arztfamilie in Iglau. Die Familie Schumpeter gehörte zur deutschsprachigen Minderheit der wohlhabenden katholischen Familien in Triesch, die das wirtschaftliche und politische Leben der Stadt beherrschten.[17] Nach dem Tod seines Vaters 1887 zogen die Mutter und der junge Schumpeter nach Graz, wo er die Volkshochschule besuchte. 1893 heiratete seine Mutter den Leutnantfeldmarschall Sigismund von Kéler, worauf sie nach Wien zogen. Sein Stiefvater ermöglichte es dem jungen Schumpeter, das Theresianum, eines der besten Wiener Gymnasien, zu besuchen. Hier erhielt er eine klassische humanistische Bildung und schloss sein Examen mit Auszeichnung 1901 ab. Danach immatrikulierte er sich an der Universität Wien, um Jura und politische Wissenschaften zu studieren. Alsbald zeigte sich, dass sein Hauptinteresse der Ökonomie galt. Er lass die Werke von Léon Walras, Vilfredo Pareto und Francis Edgeworth. Seinen ersten größeren Aufsatz über die „mathematischen Methoden der theoretischen Ökonomie“ veröffentlichte er 1906. Am 16. Februar 1906, nach fünf Jahren Studium, promovierte Schumpeter an der Universität Wien zum Doktor der Rechte. Um diesen Titel zu erwerben, musste er keine Doktorarbeit schreiben, sondern lediglich eine Reihe von Prüfungen bestehen. Danach erfüllte er sich den lange gehegten Wunsch zu reisen. Zuerst hielt er sich in Deutschland auf, wo er ein wirtschaftswissenschaftliches Seminar der Universität Berlin besuchte. Weitere Reisen führten ihn nach Frankreich und England. In England war er für ein Jahr Student an der London School of Economics. Dort lernte er seine erste Frau, Gladys Ricarde Seavers, kennen, die er 1907 heiratete. Gegen Ende des Jahres 1907 ging er als Vermögensverwalter einer ägyptischen Prinzessin nach Kairo und schrieb dort sein erstes Buch "Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie “, jenes Werk, das er 1908 der Fakultät für Rechtswissenschaften und Politik in Wien als Habilitationsschrift vorlegte.[18] 1911 veröffentlichte er das Buch der „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“.

In den nachfolgenden zehn Jahren eignete sich Schumpeter während der Professur für politische Ökonomie an der Universität Graz ein breites theoretisches Wissen an und wurde berühmt dafür, dass er seine Vorlesungen im Reiterkostüm hielt.[19] Zwischen 1913 und 1914 war er Gastprofessor in den Vereinigten Staaten an der Columbia University in New York. Nachdem er nach Graz zurückgekehrt war, erschien sein drittes Buch mit dem Titel "Epochen der Dogmen- und Methodengeschichte“. 1916 bis 1917 war die Zeit verstärkter politischer Ambitionen in Schumpeters Leben. Er verfasste mehrere Memoranden, in denen er sich zu den Beziehungen zwischen Deutschland und Österreich äußerte. 1919 wurde er Mitglied der Sozialisierungskomission in Berlin, die sich mit der Vergesellschaftung von Betrieben beschäftigte.

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde der Zusammenbruch der österreichisch- ungarischen Monarchie besiegelt, die in mehr als ein halbes Dutzend Nationalstaaten zerfiel. Für Restösterreich, welches von Inflation und wirtschaftlicher Misere heimgesucht wurde, gab es „nur eine Hoffnung“: Der beste Wirtschaftshistoriker des Landes, der 36-jährige Schumpeter, wurde zum Finanzminister berufen.[20] In dieser Zeit kaufte er sich ein Schloss und eine Pferdekoppel und fing zahlreiche Liebschaften an, weshalb auch ein Jahr später die Scheidung von seiner Frau folgte.

Frauen waren in Schumpeters Leben in verschiedenster Hinsicht ein wichtiges Thema. Er liebte es, in Männerrunden mit seinem Erfolg als Schürzenjäger zu prahlen. Die meisten Kollegen und Studenten hörten irgendwann einmal den Ausspruch von ihm, dass er drei Ziele im Leben hätte: „der beste Liebhaber Wiens, der beste Reiter Europas und der größte Ökonom der Welt zu sein. Zwei Ziele habe er erreicht, so Schumpeter weiter, aber leider habe er nur einen zweitklassigen Sattel geerbt“.[21] Schumpeter kümmerte sich wenig um gesellschaftliche Konventionen und betätigte sich als „schamloser Frauenheld“. So hatte er sich eine offene Kutsche gemietet und ist mit zwei Prostituierten im Arm am heiligten Tag quer durch Wien gefahren.[22] Selbst mit über 50 Jahren fühlte sich Schumpeter immer noch stark zum anderen Geschlecht hingezogen. Er konnte offenbar kaum mit einer Frau zusammentreffen, ohne sich Gedanken über deren „weibliche Qualitäten“ zu machen. Sein Tagebuch ist voll von entsprechenden Bemerkungen über Studentinnen und Frauen von Kollegen.[23] So schrieb er beispielsweise in sein Tagebuch: „O.K., ich habe eine Begabung für Frauen. Aber sie wissen nicht, was sie anrichten können und was es kosten kann, wenn sie ihre Ansprüche hörbar machen, sei es wenn die Arbeit beginnt, sei es, wenn die Arbeit stoppt, und Ruhe, Friede kommt Wenn die Seele spricht, muss der Partner den Mund halten“.[24]

Doch nun wieder zurück zum Schumpeter als Finanzminister: In dieser Zeit machte er sich für ein Reformprogramm zur Sanierung der österreichischen Wirtschaft stark. Jedoch scheiterte sein Engagement, als er sich gegen den Anschluss Österreichs an Deutschland aussprach und nicht zuletzt auch an seiner politischen Neutralität.[25] Nach sieben Monaten als Finanzminister „trat“ Schumpeter mit der Begründung zurück, er „habe keine Lust, Finanzminister eines Landes zu bleiben, das vor dem Bankrott steht“ (Strathern, 2001, S. 258). Nachdem Schumpeter ein ganzes Land in den Bankrott geführt hatte, wurde er zum Präsidenten der Biedermeier-Bank in Wien berufen. Doch für die finanzpolitischen Tagesgeschäfte bewies er leider kein geschicktes Händchen, sodass wenige Jahre später die Bank das gleiche Schicksal erlitt wie zuvor die österreichische Volkswirtschaft. Schumpeter, der sich große Geldsummen geliehen und mit hoch riskanten Aktien spekuliert hatte, verlor sein investiertes Kapital und war jetzt tief verschuldet.[26] 1925 folgt er dann einem Ruf an die Bonner Universität und heiratete seine zweite, 20 Jahre jüngere Frau Anna (Annie) Josefina Reisinger, die unglücklicherweise 1926 mit dem neugeborenen Sohn, der nur knapp 4 Stunden alt wurde, starb. Ein Monat zuvor starb auch seine Mutter, die der wichtigste Mensch in seinem Leben war. Schumpeter versuchte vergeblich, sein Leid durch Arbeit zu betäuben. Bis zum Jahr 1932 war er stationsweise in Bonn und Harvard tätig und siedelte schließlich 1932 ganz in die Vereinigten Staaten über. 1937 heiratete Schumpeter seine dritte Frau Elizabeth Boody Firuski. Elizabeth kümmerte sich um Schumpeter für den Rest seines Lebens. Es war in hohem Maße ihr Verdienst, dass Schumpeter seine Forschungsprogramme in den Vereinigten Staaten durchführen konnte, wodurch wir heute Werke wie die „ Business Cycles“ oder das 1939 veröffentlichte „History of Economic Analysis“ sowie das 1942 veröffentlichte „ Capitalism, Socialism and Democraty“ besitzen.[27]

Joseph Alois Schumpeter starb in der Nacht vom 7. zum 8. Januar 1950 an einer massiven Gehirnblutung, da er seit längerem an Arteriosklerose litt.[28] Als ihn der Tod an seinem Schreibtisch ereilte, arbeitete er gerade an seiner schriftlichen Fassung der Präsidentenrede, die er nur wenige Tage zuvor vor der American Economic Association - bei der er seit 1948 Präsident war - gehalten hatte. Der letzte Satz, den er schrieb, lautete:

"... Die Stagnationsanhänger liegen falsch in ihrer Diagnose der Gründe für die Stagnation des kapitalistischen Prozesses; es mag aber durchaus sein, dass sie in ihrer Prognose, dass er stagnieren wird, recht behalten werden - mit genügender Hilfe vom öffentlichen Sektor.╬" (Drucker, 1983, S. 6 f.).

Historischer Kontext:

Nicht nur das Leben von Joseph Alois Schumpeter, sondern auch seine Werke sind vielschichtig. Doch gibt es Leitgedanken in seinen Werken, deren Inhalte besser gedeutet werden können, stellt man sie in den historischen Kontext der damaligen Zeit. So hinterlassen die kulturellen, politischen wie auch die ökonomischen Determinanten eine nicht zu übersehende Spur in seinen Büchern.

Schumpeters Jugend war gekennzeichnet durch eine Phase, die gemeinhin als die „Belle Epoque“ („die schöne Epoche“) bezeichnet wird. Es war eine Phase der wirtschaftlichen Prosperität, die von einigen Rückschlägen abgesehen, bis zum Vorabend des ersten Weltkrieges anhielt. In diesem Zeitraum, der von 1885-1914 dauerte, erlebt Österreich eine bis dahin noch nie da gewesene Blütezeit, die sowohl das wirtschaftliche wie auch das kulturelle Leben nachhaltig prägte und gekennzeichnet war durch einen stürmischen wirtschaftlichen und technischen Fortschritt und der ungebrochenen Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Der Elektromotor, das Auto, das Telefon und das Flugzeug waren Erfindungen dieser Jahre, die die Welt veränderten. Außerdem gelang im Jahre 1901 erstmals die drahtlose Überbrückung des Atlantiks (Marconi) und in Stockholm feierte man mit der Vergabe der ersten Nobelpreise die weltweiten Errungenschaften der Wissenschaft.[29] Es entwickelte sich eine enge Verschränkung von Industrie und Bankwesen, da die Banken in immer stärkerem Maße am Kreditgeschäft mit der Industrie verdienten, so dass es bald zu einer engen Symbiose beider Bereiche kam. Während dieser Zeit kam es zu Machtverschiebungen innerhalb der Wirtschaftsstrukturen ebenso wie zur Herausbildung einer neuen sozialen Schicht. Diese neue Schicht bestand zum Teil aus Unternehmern, die zu den traditionellen aristokratischen Berufen keine Zugangsmöglichkeit hatten, aber schnell eigenes geistiges und kulturelles Leben entwickelten.

Obwohl Schumpeters Hauptinteresse der damaligen österreichischen Schule der Nationalökonomie galt, kannte er auch Schriften von Schnitzler, Robert Musil, Franz Kafka oder Stefan Zweig und auch die Schriften von Nietzsche, Pareto oder dem Geschichtsphilosophen Dilthey waren ihm bekannt. So ist sein Begriff „der schöpferischen Zerstörung“ und das Bild, welches er von einem Unternehmer hatte, nicht unwesentlich von jenen Autoren mit geprägt worden. Nicht zuletzt hatte auch Karl Marx einen großen Einfluss auf Schumpeter, dem er den höchsten Stellenwert einräumte.

2.2 Der Prozess der „schöpferischen Zerstörung“

Es soll nun der Begriff bzw. der Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ Gegenstand folgender Betrachtung sein. Dazu wird zunächst der Prozess als Ganzes beschrieben, bevor einzelne und für diese Arbeit relevante Elemente näher beleuchtet werden sollen.

Die markanteste Formulierung aus dem Repertoire Schumpeters, die gegenwärtig vermehrt zu lesen und zu hören ist und durch ihn popularisiert und geprägt wurde, ist die der „schöpferischen Zerstörung“ („creative destruction“). Schumpeter hatte diese Formulierung von seinem Lehrer, dem Soziologen Werner Sombart, übernommen, der seinerseits das allgemeine Konzept von Friedrich Nietzsche übernahm. Schumpeter verwendete diese Formulierung im siebten Kapitel seines 1942 zuerst in den USA erschienenen Buchs „Capitalism, Socialism and Democracy“.

Schumpeter beschreibt bei der Darstellung des „Prozesses der schöpferischen Zerstörung“ die Entwicklung und Veränderung der kapitalistischen Wirtschaft.[30] Er sieht die Uhrsache dafür, dass zum Beispiel neue Firmen sich bilden und neue Technologien eingesetzt werden darin, dass sich die kapitalistische Wirtschaft in der Praxis ständig wandelt. Somit ist „die kapitalistische Wirklichkeit […] in erster und letzter Linie ein Prozeß dauernder Veränderung“ (Schumpeter J. A., 1946, S. 128).

An dieser Stelle führt Schumpeter sein bekanntes Konzept der schöpferischen Zerstörung ein: Die kapitalistische Wirtschaft müsse demnach als ein Prozeß verstanden werden, „der unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert, unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft. Dieser Prozeß der „schöpferischen Zerstörung“ ist das für den Kapitalismus wesentliche Faktum. Darin besteht der Kapitalismus und darin muß auch jedes kapitalistische Gebilde leben“ (Schumpeter J. A., 1946, S. 137 f.). Der Kapitalismus sei insofern von einem „ewigen Sturm der schöpferischen Zerstörung“ geprägt.[31]

Dabei macht Schumpeter deutlich, dass die Leistung dieses Prozesses nicht „ex visu eines Zeitpunktes“ zu betrachten sei, womit er damit auch jede Art der statischen Analyse verneint: „gewöhnlich wird nur das Problem betrachtet, wie der Kapitalismus mit bestehenden Strukturen umgeht, während das relevante Problem darin besteht, wie er sie schafft und zerstört“ (Schumpeter J. A., 1946, S. 139). Dieser "ewige Sturm der schöpferischen Zerstörung" kann somit nicht verstanden werden, wenn man von der Hypothese ausgeht, "dass eine ewige Windstille herrscht".[32] Folglich ist für ihn der Kapitalismus eine dynamische Wirtschaftsordnung, die einem ständigen Prozess der Veränderung unterworfen ist und eine theoretische Konstruktion, wie die der statischen Theorie, vernachlässige ein entscheidendes Wesenselement des Kapitalismus.[33] „Selbst wenn sie sowohl logisch wie faktisch korrekt ist, ist sie doch wie ein Hamlet ohne Dänenprinzen“ (Schumpeter J. A., 1946, S. 142). Somit nimmt der Prozess der schöpferischen Zerstörung, durch den neue Produktionstechnologien und neue Produkte, aber auch neue Organisationsformen hervorgebracht werden, eine zentrale Rolle ein: „Der Kapitalismus ist also von Natur aus eine Form oder Methode der ökonomischen Veränderung und ist nicht nur nie stationär, sondern kann es auch nie sein“ (Schumpeter J. A., 1946, S. 136). „Der fundamentale Antrieb, der die kapitalistische Maschine in Bewegung setzt und hält, kommt von den neuen Konsumgütern, den neuen Produktions- und Transportmethoden, den neue Märkten, den neuen Formen der industriellen Organisation, welche die kapitalistische Unternehmung schafft“ (Schumpeter J. A., 1946, S. 137).

Mit dem Hinweis Schumpeters, dass „wir uns bei der Behandlung des Kapitalismus mit einem Entwicklungsprozeß befassen“, charakterisiert er somit die wirtschaftliche Entwicklung als Prozess der schöpferischen Zerstörung (Schumpeter J. A., 1946, S. 136 ff.). Jede ökonomische Entwicklung baut also auf dem Prozess der schöpferischen bzw. kreativen Zerstörung auf, der als Ganzes ununterbrochen verläuft, „in dem Sinne, daß immer entweder Revolution oder Absorption der Ergebnisse der Revolution im Gang ist; beides zusammen bildet das, was als Konjunkturzyklus bekannt ist“ (Schumpeter J. A., 1946, S. 137 Fußnote).

Für Schumpeter ist folglich das Durchlaufen des Prozesses der schöpferischen Zerstörung notwendig für das Funktionieren der kapitalistischen Wirtschaft, da durch die Zerstörung der alten Strukturen die Produktionsfaktoren immer wieder neu geordnet werden, was die Zerstörung wiederum notwendig macht, damit Neuordnung stattfinden kann.[34] Dabei beschreibt er die Konkurrenz zwischen dem Alten, dem Überlebten und dem Neuen als "mächtige[n] Sauerteig, der auf lange Sicht die Produktion ausdehnt und die Preise herunterdrückt" (Schumpeter J. A., 1946, S. 140). Diese Konkurrenz ist nicht damit zu vergleichen, als wenn zum Beispiel in einem Ort ein neues Detailhandelsgeschäft (herkömmlichen Zuschnitts) eröffnet und neben die bestehenden tritt.[35] "Im Falle des Detailhandels kommt die entscheidende Konkurrenz nicht von zusätzlichen Ladengeschäften des gleichen Typus, sondern vom Warenhaus, vom Kettengeschäft, vom Postversandgeschäft und von der Warenhalle (supermarket)" (Schumpeter J. A., 1946, S. 141 f.). Denn der Prozess der schöpferischen Zerstörung ist nichts anderes als die Austragung des Kampfes zwischen Sein und Werden, die gleichzeitige Überwindung des Vergangenen durch das Neue und Überführung der positiven, „gewinnträchtigen“ Attribute des Alten in das höher entwickelte Folgende. So werden „die unfähigen Menschen und die veralteten Methoden eliminiert“ (Schumpeter J. A., 1946, S. 123).[36]

Die Auslöser für die schöpferische Zerstörung sind „Innovationen“, die von den „dynamischen, innovativen Unternehmern“ vorangetrieben und auf dem Markt durchgesetzt und verwirklicht werden. Somit sind die Begriffe „Innovation“ und „dynamischer Unternehmer“ im Schumpeterschen Sinn untrennbar mit dem Prozess der schöpferischen Zerstörung verbunden.

Nachdem der Prozess der schöpferischen Zerstörung als Ganzes beschrieben wurde, sollen nun die einzelnen und für diese Arbeit relevanten Elemente näher beleuchtet werden.

2.3 Der ökonomische Rahmen bei Schumpeter

Aufgabe dieses Abschnittes ist es, die theoretischen Grundlagen des unternehmerischen Elementes im gesamtwirtschaftlichen Kontext bei Schumpeter zu beschrieben. Dabei wird auf die Unterscheidung der Kategorie „Statik“ und „Dynamik“ und dem Begriff der „wirtschaftlichen Entwicklung im Schumpeterschen Sinne“ näher eingegangen.

Nachdem der Ausgangspunk der Entwicklungstheorie Schumpeters skizziert und der Begriff der wirtschaftlichen Entwicklung nach Schumpeter klar definiert wurde, soll der Terminus der „Innovation“ im Schumpetersche Sinne, dem im Zusammenhang mit dem „innovativen Unternehmer“ eine zentrale Bedeutung zukommt, inhaltlich präzisiert werden. Dabei ist es notwendig, den Schumpeterschen Innovationsbegriff inhaltlich klar festzulegen, da dieser zu eng ausgelegt wird.[37]

Daran anschließend soll die Frage erörtert werden, wer als „Unternehmer im Schumpeterschen Sinne“ anzusehen ist und welche Bedeutung diesem als „Träger unternehmerischer Funktionen“ im Wirtschaftsprozess zukommt. Dabei soll die Unternehmerkonzeption Schumpeters in ihrer funktionalen Bedeutung für den Wirtschaftsprozess nachgezeichnet werden, was eine funktionale Abgrenzung anderer Akteure in einem Unternehmen verlangt.

[...]


[1] u.a. in Form der Entrepreneurship Education

[2] Vgl. (Bass, 1999)

[3] Vgl. (Matis & Bachinger, 2003)

[4] Vgl. (Bass, 1999)

[5] Dabei wird „schöpferische“ und „zerstörerischen“ in Anlehnung an Schumpeters Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ verwendet

[6] Die Metapher soll aufzeigen, dass die Realität sehr unterschiedlich verstanden werden kann, je nachdem, welche (wissenschaftliche) Perspektive man hat oder wählt. Dies legt nahe, dass eine scheinbar absolute Wahrheit durch tatsächliche Erkenntnis von nur unvollständigen Wahrheiten auch nur "relativ absolut" oder "relativ wahr", d.h. individuell, verstanden werden kann. Vgl. u.a. (Aulinger, 2005)

[7] Vgl. u.a. (Ripsas, 1997)

[8] Vgl. u.a. (Aulinger, 2005)

[9] Vgl. u.a. Faltin (FU- Berlin)

[10] Denkbar und zugleich faszinierend ist der Bereich des „Criminal- Entrepreneurships“, da auch in der Kriminalität innovative kreative Personen eine wichtige Rolle spielen. So ist beispielsweise ein Betrüger vor allem dann erfolgreich, wenn er ständig neue innovative „Tricks“ anwendet. So wird es für ihn schwer erfolgreich zu sein, wenn man seine Betrügereien durchschaut hat. Auch dies kann als Teildisziplin des Entrepreneurships angesehen werden, auf die nur sehr selten in der Wissenschaft eingegangen wird, aber meines Erachtens eine hoch aktuelle Problematik darstellt, sieht man die derzeitigen Meldungen von immer neuen und dreisteren (= innovativen) EC-Karten-Betrügereien.

[11] In Anlehnung an Schumpeter: unter Rückgriff auf Joan ROBINSON

[12] Vgl. (Herbert Matis, 1993), S. 101f

[13] Vgl. (Zumholz, 2000),S. 11

[14] (Herbert Matis, 1993), S.100

[15] Vgl. (Schwedberg, 1994), S. 13

[16] Joseph A. Schumpeter, Wilfredo Pareto, 1848-1923, in: ders., Ten grein Economists: From Marx to Keynes, New York: Oxford University Press 1951, S. 112 f.

[17] Vgl. (Schwedberg, 1994), S. 17

[18] Vgl. (Strathern, 2001), S. 257

[19] Vgl. ebd.

[20] Vgl. (Strathern, 2001), S. 258

[21] Vgl. (Schäfer, 2008), S. 111

[22] Vgl. ebd. S. 103 f.

[23] Vgl. (Schäfer, 2008), S. 111 ff.

[24] Schumpeter, Tagebuch, o.D. (Mitte 1932), zitiert nach (Schwedberg, 1994)

[25] Vgl. (Schwedberg, 1994), S. 98 ff.

[26] Vgl. (Strathern, 2001), S. 258

[27] Vgl. (Schwedberg, 1994), S. 167 ff.

[28] Vgl. zu Schumpeters letzten Tagen und Stunden; Allen, Opening Doors, Bd. 2, S. 239

[29] Vgl. (Bass, 1998), S. 5

[30] Vgl. (Keßler, 1992), S. 8

[31] Vgl. (Schwedberg, 1994), 214 f.

[32] Vgl. (Schumpeter J. A., 1946), S. 138

[33] Vgl. (Keßler, 1992), S. 9

[34] Vgl. (Keßler, 1992), S. 9

[35] Vgl. (Herbert Matis, 2003), S. 7

[36] Vgl. hierzu auch: (Jaron, 1989)

[37] Vgl. (Keßler, 1992), S. 7

Ende der Leseprobe aus 92 Seiten

Details

Titel
Zur Aktualität Joseph A. Schumpeter: „Schöpferischer“ Vater des Entrepreneurs und Prophet einer unheilvollen, „zerstörerischen“ Entwicklung?
Hochschule
Freie Universität Berlin  (FB Wirtschaftswissenschaft Institut für Wirtschaftspolitik)
Veranstaltung
Diplomarbeit
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
92
Katalognummer
V120705
ISBN (eBook)
9783640242986
ISBN (Buch)
9783640246311
Dateigröße
861 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entrepreneur, Entrepreneurship, Innovation, Innovationen, kreativ, Kreativität, schöpferische Zerstörung, kreative Zerstörung, Joseph, Alois, Schumpeter, Schumpeters, Captitalism, Socialism and Democracy, Kapitalismus Sozialismus Demokratie, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Krise, 2008, 2009, Philipp Karl Oswald Marnitz, Abschwung Aufschwung Depression, Konjunktur, Rezession, PROZESS, Schumpeters Unternehmer, Wirt, Kapitalist, Inventor, Innovator, Criminal, Social, Dynamische, Grundlagen, Manager, Nachhaltigen Innovation, Kreativität und Phantasie, JOSEPH A. SCHUMPETER ALS SCHÖPFERISCHER VATER DES ENTREPRENEURS UND PROPHET EINER UNHEILVOLLEN, ZERSTÖRERISCHEN ENTWICKLUNG, F&E Abteilung, forschung, entwicklung, forschungs, entwicklungs, kurzfristiges Denken, Fu Berlin, Freie Universität Berlin, turbokapitalismus, innovative Medien, Controlling, Ethik und Entrepreneurship, Ethik und Entrepreneur
Arbeit zitieren
Diplom-Kaufmann Philipp Marnitz (Autor), 2008, Zur Aktualität Joseph A. Schumpeter: „Schöpferischer“ Vater des Entrepreneurs und Prophet einer unheilvollen, „zerstörerischen“ Entwicklung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120705

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