Das christliche Spanien vom 8. bis 12. Jahrhundert ist geprägt durch zahlreiche einschneidende Ereignisse. Zum einen durch die externe Bedrohung des Islams und durch den Zerfall des Westgotenreiches, zum anderen durch die internen Begebenheiten in dieser Epoche. Auf national-politischer Ebene versuchten die nördlichen Königreiche Einfluss zu gewinnen. Auf religiöser Ebene versuchte sich Asturien von Toledo unabhängig zu machen.
Das Zentrum des asturischen Königreichs ist in den Picos de Europa anzusiedeln. Unter Pelayo suchten hier Mitglieder der hispano-gotischen Aristokratie Zuflucht vor den eindringenden Muslimen. Diese Zeit wird als die erste Epoche (718-739) des asturischen Königreichs angesehen. Die zweite Epoche (739-757) beginnt mit Alfons I. Er eroberte die Gebiete nördlich der kantabrischen Kordillere und siedelte dort die Mehrheit der christlichen Gemeinden um. Es begann somit eine „Vermischungsphase“ in der die neuen Siedler den Einwohnern dieser Region die hispano-gotischen Lebensweisen weitergaben. Die dritte Phase (791-842) ist geprägt durch die Bildung von ideologischen Konzepten, die den Kampf gegen den muslimischen Eindringling rechtfertigen. Diese Phase liegt in der Regierungszeit Alfons II. Die vierte Phase (850-911) ist geprägt durch die territoriale Ausbreitung des Königreichs unter Ordoño III. und Alfons III., sowie die Verlegung der Hauptstadt nach León und die Entstehung des astur-leónesischen Königreiches.
In diese Zeit der Wirren und Bedrohungen fällt die Entdeckung des Grabes des heiligen Jacobus. Mit der Entdeckung dieses Grabes wurde ein Rahmen geschaffen, um verschieden motivierte Handlungen zu rechtfertigen.
Ein weiterer entscheidender Faktor für die Entstehung der Jacobuslegende, der sich in den Zwistigkeiten zwischen Asturien und Toledo herauskristallisieren sollte, wird vor allem durch zwei Personen verkörpert. Auf asturischer Seite Beatus von Liébana und auf der anderen Seite Elipand von Toledo. Sie bereiteten in Spanien die Anfänge des Adoptianismusstreites vor, welcher in der Folgezeit über die Iberische Halbinsel hinaus weittragendere Folgen hatte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung in das Thema und den Aufbau der Arbeit, Hinweise auf den Forschungsstand
2. Zeugnisse des 12. Jahrhundert
2.1. Der Codex Calixtinus – die ausgeformte Jacobuslegende
2.1.1. Allgemeine Einführung in das Werk
2.1.2. Die Modica passio sancti Iacobi
2.1.3. Die Magna Passio
2.1.4. Der Translationsbericht im Codex Calixtinus
2.1.5. Folgerungen aus dem Codex
2.2. Die Historia Compostelana
2.2.1. Über das Werk und seinen Inhalt
2.2.2. Die Historia Compostelana bis zur Machtübernahme des Diego Gelmírez
2.2.3. Die Übernahme des Bischofssitzes durch Diego Gelmírez
2.2.4. Die Regierungszeit von Urraca und Alfons VII. – Santiago als Stadt seiner Taufe, Erziehung und Krönung
3. Die frühen Zeugnisse zur Jacobuslegende
3.1. Die Bibel als Ausgangspunkt
3.2. Das Breviarium Apostolorum
3.3. Die Martyrologien
3.4. Das De ortu et obitu Patrum
3.5. Aldelm von Malmesbury
3.6. Beatus von Liébana – Der Apokalypsenkommentar und der Hymnus O dei uerbum. Die Rolle des Beatus als Wegbereiter der Jacobuskultes.
4. Die königlichen Urkunden unter besonderer Berücksichtigung von Alfons III., Alfons VII. und Alfons IX.
4.1. Der Tumbo A der Kathedrale von Santiago de Compostela
4.2. Alfons II. – Die erste königliche Urkunde in Bezug auf Santiago
4.3. Die königlichen Urkunden von Alfons III.
4.4. Exkurs – Der Brief des Abtes Caesarius an Papst Johannes XIII. als Beispiel für die schon gefestigte Stellung des Compostelaner Bischofssitzes im zehnten Jahrhundert
4.5. Alfons VII.
4.6. Alfons IX.
4.7. Zusammenfassendes zu den königlichen Urkunden des Tumbo A
4.8. Exkurs – Die Darstellung der Könige in den Miniaturen des Tumbo A
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entstehung und politische Instrumentalisierung der Legende des Apostels Jacobus in Spanien zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich aus theologischen Legendenbausteinen ein politisches Patronat entwickelte, das maßgeblich zur Identitätsbildung und Legitimation der asturischen bzw. astur-leonesischen Könige beitrug.
- Historische Rahmenbedingungen des christlichen Spaniens im Hochmittelalter
- Entwicklung und Ausformung der Jacobuslegende in zentralen Quellen (Codex Calixtinus, Historia Compostelana)
- Wechselspiel zwischen kirchlichen Ambitionen und königlicher Machtpolitik
- Bedeutung des Apostelgrabes für die Konsolidierung des asturischen Reiches
- Transformation des Jacobus vom Heiligen zum politischen "Patron" und kämpferischen Symbol
Auszug aus dem Buch
2.1.2. Die Modica passio sancti Iacobi
Laut dieser Passion wurde zur Regierungszeit des Kaisers Claudius der Erdkreis von einer großen Hungersnot heimgesucht. In dieser Zeit tötete Herodes den Apostel Jacobus. Hierauf folgt laut SCHREIBER eine Anekdote von Clemens von Alexandrien bezüglich des Mannes, der den Apostel vor den Richter führt. Nachdem der Mann den Apostel dem Richter übergeben hatte, reute es ihn und er bekannte, dass auch er Christ sei und somit wurde auch er verurteilt. Hiernach bat er den Apostel um Verzeihung, die ihm dieser gewährte und so wurden beide gemeinsam geköpft.
Nach dem Tode des Jacobus soll Herodes Petrus ins Gefängnis gesteckt haben, doch dieser wurde von einem Engel von seinen Fesseln befreit. Für Herodes hat sein Vergehen an den Heiligen Männern allerdings ein Nachspiel. Bei einem Aufenthalt in Cesarea wurde er von einem Engel verletzt und verstarb von Würmern gefressen.
Die Passio modica schildert also in Kürze, wie Jacobus umgekommen ist, berichtet uns aber nichts über den Bestattungsort oder die angebliche Translation nach Galicien.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung in das Thema und den Aufbau der Arbeit, Hinweise auf den Forschungsstand: Erläutert die historische Situation des christlichen Spaniens zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert und den Forschungsstand zur Entstehung des Jacobuskultes.
2. Zeugnisse des 12. Jahrhundert: Analysiert den Codex Calixtinus und die Historia Compostelana als zentrale Quellen für die ausgeformte Jacobuslegende und den kirchenpolitischen Machtanspruch des Bischofssitzes.
3. Die frühen Zeugnisse zur Jacobuslegende: Untersucht frühe Texte wie die Bibel, das Breviarium Apostolorum und Martyrologien, um die sukzessive Entwicklung der Legende vor dem 12. Jahrhundert nachzuzeichnen.
4. Die königlichen Urkunden unter besonderer Berücksichtigung von Alfons III., Alfons VII. und Alfons IX.: Wertet die Urkunden aus dem Tumbo A aus, um die Beziehung zwischen dem Königtum und der Kathedrale von Santiago de Compostela zu verdeutlichen.
5. Schlussbetrachtung: Fasst zusammen, wie sich der Jacobuskult von einem lokalen religiösen Phänomen zum ordnungspolitischen Programm der spanischen Könige entwickelte.
Schlüsselwörter
Jacobuslegende, Santiago de Compostela, Reconquista, Asturisches Königreich, Patronatsgedanke, Codex Calixtinus, Historia Compostelana, Alfons III., Alfons VII., Alfons IX., Apostelgrab, Kirchenpolitik, Identitätsbildung, Mittelalter, Translation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Entstehung der Legende des Apostels Jacobus in Spanien und ihre Bedeutung für die politischen Herrschaftsansprüche der asturischen und leonesischen Könige.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die Entwicklung der Pilgertradition, die kirchenpolitische Bedeutung des Bischofssitzes Santiago sowie die Nutzung des Jacobuskultes zur Legitimation königlicher Macht.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, den historischen Prozess aufzuzeigen, durch den Jacobus von einem biblischen Apostel zu einem politisch instrumentalisierten Schutzheiligen und "Patron" des spanischen Königtums avancierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wendet eine quellenkritische historische Analyse an, wobei sie Primärquellen wie den Codex Calixtinus, den Tumbo A und hagiographische Texte untersucht und im Kontext der zeitgenössischen Forschung interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der Quellengrundlagen des 12. Jahrhunderts, eine Untersuchung früherer Zeugnisse und eine umfangreiche Auswertung königlicher Urkunden und bildlicher Darstellungen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Reconquista, Patronatsgedanke, Identitätsbildung, Kirchenpolitik und Legitimation.
Welche Rolle spielte der "Adoptianismusstreit" für den Jacobuskult?
Der Adoptianismusstreit diente als kirchenpolitischer Katalysator; Beatus von Liébana nutzte den Kult, um die Vormachtstellung der asturischen Kirche gegenüber Toledo zu festigen.
Warum war der Tumbo A für die Forschung von so großer Bedeutung?
Der Tumbo A bietet eine gebündelte Sammlung königlicher Dokumente, die sowohl die Schenkungspolitik als auch den Wandel in der ikonographischen Darstellung der Könige über Jahrhunderte hinweg dokumentiert.
Wie veränderte sich das Bild des Apostels im Laufe der Zeit?
Von einem spirituellen Fürbitter entwickelte sich Jacobus im 12. Jahrhundert und besonders unter Alfons IX. zum kriegerischen "Santiago Matamoros" (Maurentöter), der symbolisch die Reconquista unterstützte.
Warum war die Rolle von Diego Gelmírez so entscheidend?
Erzbischof Diego Gelmírez war eine Schlüsselfigur, die aktiv die Metropolitanwürde für Santiago anstrebte und das Apostelgrab geschickt zur Ausweitung des kirchlichen Machtbereichs und zur Sicherung königlicher Unterstützung nutzte.
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- Magister Artium Heidi R. Krauß (Author), 2004, Die Enstehung der Legende von Santiago de Compostela, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120727