Mancur Olson und "Die Logik des kollektiven Handelns"

Anwendbarkeit der Olsonschen Theorie auf die deutsche Umweltbewegung und das öffentliche Gut Umweltschutz


Hausarbeit, 2008

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Umweltschutz – ein brisantes, aber erfolgloses Thema?

2. Umwelt und Umweltschutz als öffentliche Güter

3. Theoretische Grundlagen zu Mancur Olson
3.1. Die Rational-Choice-Theorie
3.2. Die „traditionelle“ Theorie der Gruppen

4. Olsons Argumentation in Die Logik des kollektiven Handelns und Bedeutungen für den Umweltschutz

5. Kritik an Olsons Argumentation und Bedeutungen für den Umweltschutz
5.1. Stärkere Berücksichtigung von sozialen Netzwerken in einer „Logik kollektiven Handelns“: Stephan Panther
5.2. Begrenzung der Anwendbarkeit einer „Logik kollektiven Handelns“ auf standardisierte Situationen: Karl Homann und Andreas Suchanek

6. Fazit

Literaturangaben

1. Der Umweltschutz – ein brisantes, aber erfolgloses Thema?

Das Thema wird seit langem öffentlich diskutiert, in der letzten Zeit gewinnt es immer mehr an Brisanz: Der Umweltschutz. Klimaerwärmung, Ozonloch und Waldsterben gehören mittlerweile fest zum Wortschatz unserer Gesellschaft. Das Umweltbewusstsein der deutschen Bevölkerung ist seit Katastrophen wie Tschernobyl 1986 allgemein gestiegen.[1] In den siebziger Jahren veröffentlichte der Club of Rome erstmals eine Studie zu den „Grenzen des Wachstums“, die insbesondere auf die Endlichkeit von Ressourcen hinwies. Forscher mahnen seit vielen Jahren, dass ein endloses Ausnutzen des Gutes Umwelt zwangsläufig zu Klimaerwärmung, Umweltkatastrophen und Ernteeinbrüchen und langfristig zur Zerstörung der Erde führen wird. Im Jahr 1992 wurde in Rio de Janeiro erstmals eine UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung abgehalten, an der sich 178 Staaten beteiligten. Seit Rio de Janeiro hat es zwar viele weitere Umwelt-Treffen zwischen den Staats- und Regierungschefs der Welt gegeben, verbindliche Richtlinien sind jedoch vor allem auf internationaler Ebene ein Problem. Der letzte G-8-Gipfel in Japan im Juli 2008 hat wieder einmal keinen entscheidenden Fortschritt in der Klimapolitik erbracht, die USA sträuben sich nach wie vor, bindende internationale Klimaverpflichtungen einzugehen.[2]

Der US-amerikanische Nationalökonom Mancur Olson (1932-1998) veröffentlichte 1965 sein Werk The Logic of Collective Action (deutsch: Die Logik des kollektiven Handelns), in dem er nicht nur eine für die Ökonomie, sondern auch für die Soziologie und Politikwissenschaft bedeutende revolutionäre Theorie über das kollektive Handeln von Gruppen und die Bereitstellung von kollektiven Gütern aufstellte. Ausgehend von der Rational-Choice-Theorie beschreibt Olson darin, dass ein gemeinsames Gruppeninteresse von Individuen keineswegs garantiert, dass dieses Interesse auch realisiert wird:

„Außer wenn die Zahl der Individuen in einer Gruppe ziemlich klein ist oder Zwang oder irgendein anderes spezielles Mittel angewendet werden kann, um die Einzelnen zu bewegen, in ihrem gemeinsamen Interesse zu handeln, werden rationale, im Eigeninteresse handelnde Individuen tatsächlich nicht so handeln, dass ihr gemeinsames oder Gruppeninteresse verwirklicht wird.“[3]

Übertragen auf den Umweltschutz, den Wissenschaftler wie Volker Arnold zu den öffentlichen Gütern zählen[4], würde diese Feststellung bedeuten, dass rational denkende Individuen ohne besondere Anreize oder Zwang das öffentliche Gut Umweltschutz nicht bereitstellen werden, obwohl sie tatsächlich am Erhalt der Umwelt ein gemeinsames Interesse haben – oder zumindest haben sollten. Die Haltung der Staats- und Regierungschefs der G-8-Staaten scheint sich mit dieser Annahme Olsons zu decken: Obwohl die Erhaltung der Umwelt gemeinsames Ziel aller Länder dieser Erde ist, ist niemand bereit, das öffentliche Gut Umweltschutz bereit zu stellen. Es bestehen weder positive Anreize, dies zu tun, noch wird international über völkerrechtliche Normen Zwang ausgeübt.[5]

Dennoch existierte im Deutschland der 1970er und 1980er Jahre eine soziale Bewegung für den Umweltschutz, die sich später in Umweltschutzorganisationen wie dem BUND oder Greenpeace Deutschland manifestierte. Auch heute engagieren sich Menschen für den Umweltschutz. Muss man nun deshalb, wie sich der Ökonom Guy Kirsch fragt, „die ansonsten doch so nützliche Hypothese des am Eigennutz interessierten und ausgerichteten Individuums aufgeben und unterstellen, dass die Menschen als Einzelne sich selbst und ihr Interesse aus den Augen verlieren und/oder aufhören, sich über die Folgen ihres Tuns Gedanken zu machen?“[6]

In dieser Arbeit soll die Theorie Mancur Olsons in seinem Werk Die Logik des kollektiven Handelns genauer untersucht werden. Ist seine Theorie der Gruppen tatsächlich nicht auf den Umweltschutz anwendbar oder ergeben sich hierbei weitere, bisher nicht berücksichtigte Aspekte? Wie lässt sich die deutsche Umweltbewegung der 1970er und 1980er Jahre mit Mancur Olsons Theorie erklären? Kann Olson hinreichend begründen, dass sich Menschen für den Umweltschutz einsetzen?

In diesem Kontext wird zunächst eine Begriffsklärung von öffentlichen bzw. kollektiven Gütern vorgenommen und erläutert, wie Umwelt und Umweltschutz als solche zu verstehen sind. In Teil 3 dieser Arbeit wird auf die Rational-Choice-Theorie, das theoretische Fundament Olsons, eingegangen. Zum Verständnis der Olsonschen Überlegung ist es wichtig, die von ihr postulierte Denkweise und ihr Menschenbild genauer zu analysieren. Zudem erfolgt eine Darstellung der „traditionellen“ Theorie der Gruppen, an deren Auffassung von Gruppenverhalten Mancur Olson grundlegende Kritik übt. In Teil 4 wird genauer auf Die Logik des kollektiven Handelns eingegangen. Welche Überlegungen stellt Olson an und zu welchen Schlüssen kommt er? Welche Bedeutungen ergeben sich daraus für soziale Bewegungen und speziell für den Einsatz pro Umweltschutz und die Existenz der deutschen Umweltbewegung der 1970er und 1980er Jahre? Im Folgenden geht es um die wissenschaftliche Kritik an Mancur Olsons Werk: Der Ökonom und Politologe Stephan Panther bemängelt an Olsons Theorie, dass sie sozialen Anreizen und Netzwerken weitaus mehr Bedeutung zukommen lassen müsste[7] ; der Philosoph und Ökonom Karl Homann und der Ökonom Andreas Suchanek kritisieren, dass Olsons Theorie nur in sogenannten „Standardsituationen“ – also nicht auf soziale Bewegungen – anwendbar ist.[8] Abschließend wird dargestellt, welche Folgerungen sich wiederum aus diesen Kritiken an der Olsonschen Theorie für den Umweltschutz und die Existenz der deutschen Umweltbewegung der 1970er und 1980er Jahre ziehen lassen.

2. Umwelt und Umweltschutz als öffentliche Güter

Mehrere Wissenschaftler machen einen weltweit mangelhaften Umweltschutz daran fest, dass Umwelt ein „öffentliches Gut“[9] darstellt. Als Kollektivgut ist die „Ressource Umwelt“[10] kostenlos – in einer sich selbst überlassenen reinen Marktwirtschaft gäbe es also keine Anreize, mit diesem Gut sparsam umzugehen, weil signalisiert wird, dass preislose Güter im Überfluss vorhanden und somit unbegrenzt verwendbar sind. Zudem steht ein öffentliches Gut mehreren Benutzern zur Verfügung. Zahlungsunwillige können von seiner Benutzung nicht ausgeschlossen werden – man spricht hier von einem Trittbrettfahrer- oder free-rider-Problem – , was bedeutet, dass öffentliche Güter kein „marktmäßiges Angebot“ abgeben und sie damit auch nicht über Märkte zur Verfügung gestellt werden können.[11] Das Problem bei Kollektivgütern ist also die Nichtgeltung des Ausschlussprinzips. Durch das Trittbrettfahrerverhalten führt es dazu, dass Kollektivgüter, an denen alle ein Interesse haben, im Zweifel nicht bereitgestellt werden.[12]

Diese Theorie der Kollektivgüter ist immanent mit der Rational-Choice-Theorie, der sich Mancur Olson in seinen Überlegungen anschließt, verhaftet. Wie bereits in Teil 1 erwähnt, geht die Rational-Choice-Theorie unisono davon aus, dass rational denkende Individuen ohne besondere Anreize oder Zwang das öffentliche Gut Umweltschutz nicht bereitstellen werden, obwohl sie tatsächlich am Erhalt der Umwelt ein gemeinsames Interesse haben. Die mangelnde Motivation für den Umweltschutz erklärt sich hiernach damit, dass die individuellen Kosten für Maßnahmen zur Verbesserung der Umweltqualität höher sind als der individuelle Nutzen. Das Individuum sieht in der Regel die „ökologischen Erträge“ seiner Handlungen nicht direkt, da sein Anteil zur Gesamtwirkung nicht deutlich wird.[13] Zudem schwindet die Bereitschaft zum Umweltschutz dadurch, dass alle – ungeachtet der Tatsache ob sie investiert haben oder nicht – als Trittbrettfahrer von einer möglichen Investition profitieren. Obwohl Individuen beispielsweise ein gemeinsames Interesse daran haben, keinen Hautkrebs zu bekommen, werden sie nach dieser Annahme trotzdem weiterhin FCKW-getriebene Sprays benutzen und damit der Erhaltung der Ozonschicht entgegenwirken.[14]

Nach dem Ökonom Hans Wellenreuther kann Kollektivgütern neben ihrer Unteilbarkeit auch das Merkmal „externe Effekte“ zugeschrieben werden.[15] Unter externen Effekten versteht man in der Ökonomik wirtschaftliche Handlungen von Konsumenten oder Produzenten, die auf andere Wirtschaftsteilnehmer negative (Nutzen- oder Gewinnminderung) oder positive (Nutzen- oder Gewinnsteigerung) Auswirkungen haben. Dabei wird weder der Verursacher belastet noch der Betroffene entschädigt. Weil externe Effekte nicht vom Marktsystem erfasst werden, werden die Konsumenten und Unternehmen nicht dazu veranlasst, ihr Verhalten in „allokationsoptimaler“ Weise anzupassen.[16] Die Ökonomen Gerhard Mussel und Jürgen Pätzold machen externe Effekte verantwortlich für eine „zunehmende Zerstörung der Umwelt“[17].

Für viele Wirtschaftswissenschaftler nimmt an dieser Stelle der Staat eine entscheidende Stellung ein: Dieser muss zur Erreichung umweltpolitischer Ziele in das Marktgeschehen eingreifen und eine „laissez-faire-Marktwirtschaft“[18] verhindern. Instrumente einer staatlichen Umweltpolitik sind beispielsweise das Ordnungsrecht (Gebote und Verbote, Emissionsgrenzwerte, etc.), marktwirtschaftliche Anreizinstrumente (Umweltabgaben, Zertifikate, Haftungsrecht) und Umweltschutzvereinbarungen.[19] Weil die Bereitstellung des öffentlichen Gutes Umweltschutz in einem rein marktwirtschaftlichen System unterbleiben würde[20], nimmt folglich der Staat die Stellung eines Umweltmanagers ein, indem er das öffentliche Gut Umwelt unter seine Verwaltung stellt und Anreize zu seinem Schutz schafft.

Die Auffassung, dass der Staat alleinverantwortlich für die Schaffung ökonomischer Anreizsysteme und damit dafür, „ob und inwieweit der Wettbewerb zur Quelle der Umweltgefährdung oder zum Instrument des Umweltschutzes wird“[21] ist, teilen jedoch nicht alle Vertreter der Theorie der Kollektivgüter: Die Politologin Elinor Ostrom argumentiert, dass für einen effektiven, nachhaltigen Umweltschutz weder eine absolute Kontrolle des Staates über die natürlichen Ressourcen, noch deren vollständige Privatisierung erfolgreich und sinnvoll sind. Stattdessen hätten sich nichtstaatliche und nichtwirtschaftliche Institutionen in der Vergangenheit um eine erfolgreiche Verwaltung von natürlichen Ressourcen verdient gemacht.[22] Und auch Gerhard Mussel und Jürgen Pätzold schränken ein: „Betrachtet man die vergangenen zwanzig Jahre, so zeigt sich, dass eine Änderung des [Umwelt-]Verhaltens eingesetzt hat, auch ohne dass staatliche Eingriffe notwendig waren.“[23]

Es zeigt sich hier also, dass der Staat im Bereich des Umweltschutzes zwar durch umweltpolitische Maßnahmen negative (zum Beispiel Umweltabgaben) und positive Anreizmittel (zum Beispiel Zertifikate) schafft, es aber neben diesen staatlichen Mitteln auch andere Beweggründe geben muss, warum sich Individuen aktiv für den Umweltschutz einsetzen. In diesem Sinne argumentiert auch Guy Kirsch, der darlegt, dass die Bereitstellung von Kollektivgütern zum einen durch äußere Kontrolle, zu denen er Gesetze, aber auch soziale Normen zählt, zum anderen jedoch auch über eine innere Verhaltenskontrolle (Gewissen, Prinzipien, Leidenschaften) erfolgen kann.[24]

[...]


[1] vgl. Mussel/Pätzold 1996, S. 9

[2] vgl. Gathmann/Wittrock 2008

[3] Olson 1992, S. 2

[4] vgl. Arnold 1992, S. 79

[5] Ein Beispiel ist in diesem Kontext das Kyoto-Protokoll, das zwar völkerrechtlich verbindliche Grenzwerte für den Ausstoß von Treibhausgasen vorschreibt, jedoch keine effektiven Sanktionsmöglichkeiten bei einer Überschreitung dieser Grenzwerte beinhaltet.

[6] Kirsch 2004, S. 108

[7] vgl. Panther 1997

[8] vgl. Homann/Suchanek 1992

[9] Zwar wird in anderen Kontexten eine Differenzierung zwischen „kollektiven“ und „öffentlichen“ Gütern vorgenommen, in dieser Arbeit werden beide Begriffe zur Vereinfachung jedoch synonym verwendet.

[10] Mussel/Pätzold 1996, S. 13

[11] vgl. Arnold 1992, S. 1

[12] vgl. Kirsch 2004, S. 168

[13] Mussel/Pätzold 1996, S. 96

[14] vgl. Kirsch 2004, S. 168

[15] vgl. Wellenreuther 1982, S. 4; vgl. auch Zundel 1978, S. 96

[16] vgl. Hanusch 1972, S. 25 und Mussel/Pätzold 1996, S. 33 ff.

[17] Mussel/Pätzold 1996, S. 33

[18] ebd., S. 39

[19] vgl. ebd., S. 50

[20] vgl. Arnold 1992, S. 1 und Wellenreuther 1982, S. 2

[21] Zohlnhöfer 1981, S. 54 f.

[22] vgl. Ostrom 1990, S. 1

[23] Mussel/Pätzold 1996, S. 96 f.

[24] vgl. Kirsch 2004, S. 124

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Mancur Olson und "Die Logik des kollektiven Handelns"
Untertitel
Anwendbarkeit der Olsonschen Theorie auf die deutsche Umweltbewegung und das öffentliche Gut Umweltschutz
Hochschule
Universität Osnabrück
Veranstaltung
Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland und Europa I
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
23
Katalognummer
V120766
ISBN (eBook)
9783640247257
ISBN (Buch)
9783640246519
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit wurde im Rahmen des soziologisch-wirtschaftswissenschaftlichen Seminars "Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland und Europa I" verfasst und von Prof. Dr. Helmut Voelzkow, Dozent am Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück, korrigiert und bewertet.
Schlagworte
Mancur Olson, Olson, kollektives Handeln, öffentliches Gut, Umweltbewegung
Arbeit zitieren
Annira Busch (Autor), 2008, Mancur Olson und "Die Logik des kollektiven Handelns", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120766

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