Die W-Bewegung. Ein Verfahren zur Bildung von W-Fragen in der Generativen Grammatik


Hausarbeit (Hauptseminar), 1998
21 Seiten, Note: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

0.Einleitung

1.Allgemeines
1.1 Phrasenstrukturregeln und Transformationsregeln
1.2 Die Bewegungsoperation Bewegea (engl. ‚Move-a‘)

2.Die W-Bewegung im engeren Sinne
2.1 Charakterisierung
2.2 Ausgangs- und Zielposition
2.3 Beschränkungen der W-Bewegung

3.Andere Fälle von W-Bewegung bzw. von Topikalisierung
3.1 Komparativsätze
3.2 Relativsätze

4.Fazit

5.Literaturangaben .

0. Einleitung

W-Bewegung (engl. ‚ wh-movement‘) ist die Bezeichnung, die in der Generativen Grammatik (=GG) für das syntaktische Verfahren verwendet wird, durch welches W-Fragen gebildet werden. W-Fragen sind traditionell als Ergänzungsfragen bekannt, d.h. Fragen, die durch W-Wörter (i.e. Interrogativpronomina und –adverbien) eingeleitet werden. Diese satzinitiale Stellung des ‚ W-Knotens‘ (engl. ‚ wh-node‘) wird als Ergebnis einer Bewegung nach vorn verstanden, die man Topikalisierung‘ nennt.

Topikalisierung ist im Grunde genommen ein Sonderfall der Permutation, die neben der Substitution eine der seit jeher bewährten heuristischen Tests zur Ermittlung von Satzgliedern darstellt. Im Rahmen der Konstituentenanalyse (=IC-Analyse; engl. ‚ immediate constituent analysis‘) des amerikanischen Strukturalismus wurden diese Entdeckungsprozeduren (engl. ‚ discovery procedures‘) zur Segmentierung von Syntagmen – v.a. von Sätzen – in eine hierarchisch definierte Abfolge von Konstituenten systematisiert. In Deutschland machte Hans Glinz diese operationalen Verfahren für die neuere Satzgliedlehre nutzbar.

Innerhalb der GG stellt die Konstituentenanalyse eine grundlegende Instanz zur syntaktischen Organisation dar. Dabei fällt auf,

a) daß einerseits in einigen generativistischen Einführungswerken der Begriff der Konstituente und die Konstituententests nicht selten anhand einer moderneren Formulierung derart präsentiert werden, daß ein argloser Leser meinen könnte, es handle sich dabei um Erkenntnisse, die erst der GG zu verdanken seien (so z.B. Fanselow/Felix 1993-2: 30f.);

b) daß andererseits die durch die Permutationsprobe und die IC-Analyse bestätigte Intuition, daß die bewegten W-Elemente – wie andere NPs bzw. PPs auch – Satzglieder bzw. phrasale Konstituenten darstellen, in der Rektions und Bindungs-Theorie (=GB-Theorie; engl ‚Government and Binding Theory‘) der frühen 80er Jahre offenbar nicht genug ernstgenommen wurde; andernfalls hätte man die später mit Recht verworfene Hypothese nicht aufstellen können, W-Elemente würden in die satzeinleitende ‚COMP-Position‘ bewegt, in eine Position also, die sonst den Satzkonjunktionen – die bekanntermaßen nicht phrasal sind – vorbehalten ist (vgl. CHOMSKY 1980: 172ff.) .

Damit ist eine Eigentümlichkeit der generativen Theorien exemplarisch erwähnt, die m. E. ein besonders kritisches Augenmerk verdient, nämlich die zwiespältige Beziehung zu anderen grammatischen Theorien und Ansätzen: zum einen werden bedeutende Erkenntnisse der Satzgliedlehre, des Strukturalismus oder der Valenztheorie u. a. bei der Aufstellung von Annahmen z. T. ignoriert, zum anderen werden nicht selten dieselben Erkenntnisse anderswo wiederaufgenommen und weitergegeben bzw. weiterentwickelt ohne Hinweise darauf, woher besagte Erkenntnisse eigentlich herkommen.

Ein zweiter, viel ernsthafterer Kritikpunkt ist m. E. der ausgeprägte strukturalistische Ansatz der GG.

Chomsky und die Chomskysten entwickelten in den letzten 40 Jahren eine grammatische Theorie, die sich insofern grundlegend anders als die des amerikanischen Strukturalismus verstand, als sie neben den Kriterien von Beobachtungs- und Beschreibungsadäquatheit auch dem von Erklärungsadäquatheit entsprechen wollte. Unter den beobachtungs- und beschreibungsadäquaten Grammatiken sollte diejenige als erklärungsadäquateste angesehen werden, die einer Sprachtheorie entspricht, welche linguistische Universalien und eine Theorie des Erstspracherwerbs in Zusammenhang bringt.

Das Chomskysche Konzept von Spracherwerb ist tatsächlich grundlegend anders als das der amerikanischen Strukturalisten: dem Behaviourismus Bloomfields wurde ein Mentalismus entgegengestellt, das Lockesche Konzept von ‚ tabula rasa‘ durch das Cartesianisch anmutende Konzept der ‚angeborenen Universalgrammatik‘ ersetzt.

Davon ausgehend stellte man die m. E. abwegige Theorie der universalsprachlichen Prinzipien auf, die durch einzelsprachliche Regelbeschränkungen parametrisiert werden. Damit verbunden ist außerdem die an sich keineswegs abwegige Annahme, die in natürlichen Sprachen tatsächlich vorkommenden syntaktischen Strukturen (Oberflächenstrukturen) würden aus durch Phrasenstrukturregeln erzeugten Grundstrukturen (Tiefenstrukturen) mittels Transformationsregeln (v.a. Bewegungstransformationen, z.B. W-Bewegung im Fall der W-Fragen) sukzessive abgeleitet – daher auch die Bezeichnung ‚Generative Transformationsgrammatik‘ (engl. ‚ generative transformation grammar‘).

Für die Repräsentation besagter Transformationen wurde ein Formalismus entwickelt, bestehend aus Regeln, Beschränkungen und Repräsentationsstrategien mittels Strukturbäume, Koindizierungen u. a., der ein durchaus interessantes Instrumentarium zur Beschreibung von syntaktischen Strukturen darstellt. Aber nicht immer genügen die aufgestellten, oft rein spekulativen Hypothesen der selbstgestellten Forderung nach Erklärungsadäquatheit im kognitiv-psychologischen Sinne. Und selbst wo das der Fall ist, drängt sich die Frage auf, ob die Frage des Erstspracherwerbs das ausreichende Kriterium sein kann, eine Grammatik als erklärungsadäquat zu beurteilen.

In Anlehnung an funktionalgrammatische (=FG) Ansätze in synchroner wie diachroner Hinsicht (Dik 1997; Givón 1984, 1990 und 1995; Keller 1994) kann eine grammatische Theorie m. E. erst als erklärungsadäquat bezeichnet werden, wenn sie von der primären Funktion von Sprache und sprachlichen Strukturen, der kommunikativen Funktion, ausgeht. Dabei verstehe ich ‚kommunikative Funktion‘ als „Beeinflussung der Mitmenschen“ (Keller 1994:119), als den Wunsch oder die Notwendigkeit, bestimmte Verstehensprozesse und Verhaltensweisen beim Kommunikationspartner zu erzielen. Erklärungsadäquat ist demnach eine grammatische Theorie, die die Ikonizität von morpho-syntaktischen Strukturen berücksichtigt, indem die syntaktische Kodierung nicht per se beschrieben, sondern als Abbildung von bestimmten diskurspragmatischen Zwecken und/oder Bedürfnissen erklärt wird (vgl. z.B. Givón 1984:29ff. und Dik 1997-1:12ff.)

In dieser Seminararbeit – wie im zugrundeliegenden Referat – geht es um die Bildung von W-Fragen nur vom generativistischen Gesichtspunkt aus gesehen; die Bildung von W-Fragen wird hier also mittels der W-Bewegung lediglich formal beschrieben. Die notwendige Ergänzung dazu, nämlich: die funktionale Erklärung zur Bildung von W-Fragen muß hier aus Zeit- und Platzgründen ausbleiben (siehe dafür z.B. Dik 1997-2:263ff.).

Ich möchte aber nochmals festhalten, daß die GG zwar ein interessantes Instrumentarium zur formalen Beschreibung von morpho-syntaktischen Erscheinungen zur Verfügung stellt – und eben dieses Instrumentarium wird in der vorliegenden Arbeit dargelegt und diskutiert –, daß damit aber noch längst nicht alles über morpho-syntaktische Strukturen gesagt wird.

1. Allgemeines

1.1 Phrasenstrukturregeln und Transformationsregeln

Es wurde in der Einleitung angedeutet, daß die Bildung von W-Fragen im Rahmen der GG durch eine Transformationsregel, die W-Bewegung, beschrieben wird. Transformationsregeln stellen zusammen mit Phrasenstrukturregeln den grundlegenden Apparat der GG zur Beschreibung syntaktischer Strukturen dar. Aufgrund der Bedeutsamkeit von Transformationsregeln für das Verständnis von W-Bewegung soll hier eine knappe Übersicht über ihre Entwicklung im Vergleich zu Phrasenstrukturregeln seit Syntactic Structures (1957) und bis zur GB-Theorie präsentiert werden.

Während Phrasenstrukturregeln (Regeln der Basiskomponente) strukturaufbauend sind, indem sie syntaktische Tiefenstrukturen erzeugen, sind Transformationsregeln (Regeln der Transformationskomponente) dagegen strukturverändernd, da sie zur Ableitung von Oberflächenstrukturen aus Tiefenstrukturen oder anderen Oberflächenstrukturen dienen.

Die in der GB-Theorie – zumindest im derivationellen Modell – noch so verstandene Annahme von syntaktischen Repräsentatiosebenen wurde im Aspekte-Modell (Aspects of the theorie of syntax von 1965) eingeführt und ersetzte das in Syntactic Structures (1957) präsentierte Konzept von Kernsatz (engl. ‚kernel sentence‘; aktiver, affirmativer, deklarativer Hauptsatz, der durch Ersetzungsregeln und obligatorische Transformationsregeln erzeugt wird) vs. Abgeleiteter Satz (engl. ‚transformed sentence‘; aus Kernsätzen durch zusätzliche fakultative Transformationen gebildeter Satz, z.B. passiver, negativer, interrogativer Satz).

Die Unterscheidung zwischen zwei Strukturebenen der Sprache ist allerdings keine Erfindung der GG, sondern eine alte Intuition, die bereits beim indischen Grammatiker Pāņini (4. Jh. v. Chr.) vorhanden war[1] und seitdem unterschiedliche Ausprägungen erfahren hat. Wie Givón 1984:41 richtig betont:

A major contribution of Harris (1956) [2] and Chomsky (1957) was to make this old intuitive division explicit, and to justify it – at least on formal grounds, invoking primarily considerations of simplicity/economy.

[Hervorhebung im Original]

1.2 Die Bewegungsoperation Bewegea (engl. ‚Move-a‘)

Ursprünglich wurde angenommen, Transformationsregeln seien konstruktionsspezifisch, aber diese Annahme wurde noch in den 60er Jahren allmählich aufgegeben: behandelte man in der Standardtheorie z.B. Equi-NP-Deletion, Topikalisierung, Extraposition, Passivierung, Relativsatzbildung, Fragesatzbildung u.a. durch voneinander unabhängige Transformationsregeln, wurden diese immer weiter auf sog. Umstellungstransformationen (Bewegungstransformationen) und Tilgungen beschränkt, bis sie im Rahmen der Revidierten Erweiterten Standardtheorie (= REST) seit 1973 auf eine strukturerhaltende Umstellungstransformationsregel, die man „Bewege Alpha“ nennt, reduziert wurden. Im großen und ganzen entspricht das in REST entwickelte Konzept von Bewege Alpha dem der GB-Theorie.

Die Bewegungsregel Bewege Alpha besagt: „bewege irgendeine Kategorie in irgendeine Position“ . Praktisch bedeutet das, daß z. B. ganze Phrasen oder Phrasenköpfe an ihrer basisgenerierten Position getilgt (Deletion) und an einer anderen Position eingefügt (Insertion) werden. Damit werden Beziehungen zwischen Tiefen- und Oberflächenstruktur derivationell bzw. dynamisch zum Ausdruck gebracht. Es gibt allerdings auch eine repräsentationelle Auffassung von Transformationsregeln, die Move-a als strukturelle „Beziehung zwischen zwei Positionen in einer S-Struktur“ darstellt und somit „den Begriff der D-Struktur überflüssig macht“ (Stechow/Sternefeld 1988:85f.).

Diese Unterscheidung zwischen dem derivationellen und dem repräsentationellen Modell soll uns aber nicht weiter beschäftigen. Vielmehr soll hier am Beispiel der deutschen Verb-Erst- und Verb-Zweit-Sätze die derivationell verstandene Bewegungsoperation Move a veranschaulicht werden, und zwar anhand folgender Beispiele[3]:

(1a) daß Peter als er im Stadion war den Torwart gesehen hat.

(1b) Hat Peter den Torwart gesehen, als er im Stadion war?

(1c) Peter hat den Torwart gesehen, als er im Stadion war.

(1d) Den Torwart hat Peter gesehen, als er im Stadion war.

(1e) Als er im Stadion war, hat Peter den Torwart gesehen.

(1) CP

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In (1) werden die deutschen Verb-Erst- und Verb-Zweit-Sätze als das Resultat von Transformationen beschrieben. Die Darstellung erfolgt nach dem X-Bar-Schema kombiniert mit dem topologischen Modell. Der Satz wird im X-Bar-Schema als aus hierarchisch geordneten Phrasen bestehend dargestellt, wobei der Satz selbst eine komplexere Phrase ist. Alle Phrasen haben dieselbe interne Struktur, die durch Phrasenstrukturregeln erzeugt wird und mehreren als universell verstandenen Beschränkungen unterliegt, wie dem Binaritätsprinzip, dem Kopfprinzip und dem Projektionsprinzip u.a. (vgl. z.B. GREWENDORF 1991: 40ff.).

Es wird im allgemeinen angenommen, die Grundstruktur des deutschen Satzes entspreche der des konjunktional eingeleiteten, eingebetteten Satzes (1a). Um Verb-Erst-Sätze (1b) daraus abzuleiten, wird das Finitum aus der Kopf-Position I° in der rechten Satzklammer (=RSK) in die Kopf-Position C° in der linken Satzklammer (=LSK) bewegt, eine Transformationsbewegung, die man Finitumvoranstellung nennt. Zur Bildung von Verb-Zweit-Sätzen (1c-e) ist darüber hinaus eine Bewegung aus dem Mittelfeld ins Vorfeld vonnöten, die das Subjekt (1c), das Objekt (1d) oder eine Adverbialbestimmung (1e) betreffen kann und Topikalisierung bzw. Vorfeldbesetzung genannt wird. Eine andere mögliche Transformationsbewegung ist die Extraposition oder Nachfeldbesetzung, bei welcher Elemente aus dem Mittelfeld, z.B. eine Adverbialbestimmung, ins Nachfeld bewegt werden (1b-d).

Die Transformationsregeln, wie auch die Phrasenstrukturregeln, werden durch bestimmte Beschränkungen (engl. ‚constraints‘) geregelt. Das sind Bedingungen für strukturaufbauende und strukturverändernde Regeln, die zu wohlgeformten Sätzen der Oberflächenstrukturen führen und gleichzeitig die Ungrammatikalität anderer Sätze erklären sollen. Von diesen Wohlgeformtheitsbedingungen sollen hier nur die wichtigsten erläutert werden.

So besagt z.B. das Projektionsprinzip, daß bestimmte Knoten, die auf einer der Ebenen der syntaktischen Beschreibung (Oberflächenstruktur, Tiefenstruktur, Logische Form) vorhanden sind, auf allen anderen Ebenen vorhanden sein müssen. Um diesem Prinzip zu genügen, bedient man sich der Spurenkonvention, derzufolge jede Bewegung eine Spur (engl. ‚trace‘) in der Oberflächenstruktur hinterläßt. Diese Spur stellt eine leere Kategorie (Empty Category Principle, ECP) dar, die mit dem bewegten Element koreferent und koindiziert ist.

Eine andere wichtige Beschränkung stellt das Strukturerhaltungsprinzip (engl. ‚structure preserving-constraint‘) dar, demzufolge Kopf-Kategorien nur in Kopf-Positionen, phrasale Kategorien nur in Phrasen-Positionen bewegt werden können. Daß die Finitumvoranstellung eine Kopf-Position-zu-Kopf-Position-Bewegung darstellt, wurde bereits angedeutet. Es sei hier ebenfalls wiederholt, daß die Topikalisierung, wie auch die Extraposition, immer nur phrasale Kategorien betrifft, so daß die Bewegung nur in XP-Positionen erfolgen kann: in die Spezifikator-zu-C-Position bzw. in eine der IP adjungierten Position.

Außer der Finitumvoranstellung, der Extraposition und der Topikalisierung findet man in der Literatur andere Beispiele für Bewegungstransformation, wie die NP-Bewegung oder die sog. Chomsky-Adjunktion, auf die ich in dieser Arbeit allerdings nicht eingehen möchte.

2. Die W-Bewegung im engeren Sinne

2.1 Charakterisierung

Nach GREWENDORF (1991: 115ff.) stellt die Topikalisierung ein Sonderfall der W-Bewegung dar. Es scheint mir treffender zu sagen, daß die W-Bewegung eher ein Sonderfall der Topikalisierung ist, da es dabei um die Bewegung einer Phrase aus dem Mittelfeld in die satzeinleitende Position, d.h. ins Vorfeld, das man auch Topik-Position nennt, geht.

Es handelt sich bei der W-Bewegung um die Strukturbeschreibung von W-Fragen, die folgenden Typen zugerechnet werden können: Matrixsatz (2a), eingebetteter Satz (2b) und eingebetteter Satz unter Extraktion der W-Phrase (2c)[4]:

(2a) Wer wird Fußballweltmeister?

(2b) Peter weiß, wer Fußballweltmeister wird.

(2c) Wer, glaubt Huub Stevens, wird Fußballweltmeister?

2.2 Ausgangs- und Zielposition

GREWENDORF (1991: 68ff.) liefert eine Reihe von Argumenten, die die Intuition bestätigen, daß sich der Ausgangspunkt der W-Bewegung, d.h. die basisgenerierte Position von W-Phrasen, im Mittelfeld befindet, die er „Echo-Position“ nennt. Er bezieht sich u. a. auf die sog. „Echo-Frage“ (3a) und auf Subkategorisierungsaspekte (3b-c) im Fall der Topikalisierung von einem Komplement; und auf die Kongruenz zwischen Finitum und Subjekt im Fall der Topikalisierung des Letzteren (3d)[5]:

(3a) Peter hat wen gesehen?

(3b) Wen, sagt Karl, hat dieser Grobian verletzt?

(3c) *Wen, sagt Karl, hat dieser Grobian den kleinen Jungen verletzt?

(3d) Wer hat den Käsekuchen gegessen?

Viel interessanter ist aber die bereits angedeutete Diskussion darüber, welcher der Landeplatz der bewegten W-Phrase sei. Die Satzgliedlehre und die IC-Analyse legt uns Mittel genug in die Hand, zu beweisen, daß der Landeplatz der W-Bewegung eine Position vor derjenigen sein muß, die das Finitum bei Finitumvoranstellung annimmt, da Satzglieder (Subjekt, Objekt, Adverbialbestimmungen) bzw. phrasale Konstituenten (NPs, PPs) sich nun einmal dem Finitum voranstellen lassen.

Es erscheint daher ein wenig verwunderlich, zu postulieren, daß es eine einzige Position als Landeplatz für Finitumvoranstellung und für W-Bewegung gebe, da in diesem Fall in Sätzen wie (2a) diese Position schließlich doppelt besetzt sein müßte.

Genau dieses wurde allerdings in der frühen GB-Theorie angenommen. Ausgangspunkt für diese Annahme war die These, daß ein eingebetteter Satz (S’) in eine strukturelle, satzeinleitende Position (COMP-Position) und in einen Konstituentensatz (S) zu zergliedern sei. Dies wurde durch die Beobachtung verstärkt, daß in eingebetteten Sätzen Satzkonjunktionen und W-Phrasen komplementär verteilt sind, eine Beschränkung, die man ‚doubly-filled-COMP-filter‘ (DFCF) nannte. Da im Deutschen sowohl konjunktional als auch durch W- oder Relativphrasen eingeleitete, eingebettete Sätze Verb-End-Stellung aufweisen, lag die Schlußfolgerung nahe, daß im Deutschen Verb-End-Stellung kookkurrent mit Besetzung des COMP-Knotens sein müsse (vgl. Grewendorf 1991:71f.):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Erst mit der später gewonnenen Einsicht, daß auch Sätze Phrasen darstellen, die genauso wie andere einfachere Phrasen aus Kopf, Komplement und Spezifikator bestehen, konnte man auch mit den Mitteln der GG Evidenz für die oben geschilderte Intuition gewinnen. So wird der Satz als CP dargestellt, wobei die Spezifikator-zu-C-Position als Landeplatz von Topikalisierungen, wie das der Fall von W-Bewegung ist, vorbehalten wird. Also wird die SpecC-Position erst mittels Bewegung besetzt, während die C°-Position (die man z.T. auch noch COMP nennt) durch eine basisgenerierte Kategorie, den Complementizer, besetzt wird – wenn diese Position besetzt ist. Viel wichtiger ist aber die an sich triviale Einsicht, daß W-Wörter, anders als Satzkonjunktionen, maximale Projektionen (also Phrasen) darstellen, während Complementizer Köpfe sind; wenn W-Phrasen in die C°-Position bewegt würden, läge eine Verletzung des Strukturerhaltungsprinzips vor. Also ist die C°-Position bei eingebetteten W-Fragen leer, bei direkten Fragesätzen ist sie mit dem Finitum gefüllt (vgl. Grewendorf 1991:73f.):

(5) CP

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3 Beschränkungen der W-Bewegung

Die m. E. wichtigste Beschränkung bezüglich der W-Bewegung – und jeder Art von Topikalisierung – ist damit bereits genannt: Ausgangsposition ist eine phrasale Position im Mittelfeld; Zielposition der bewegten W-Phrase ist die ebenfalls phrasale, in der Tiefenstruktur leere SpecC-Position (Strukturerhaltungsprinzip). Damit verbinden sich das Projektionsprinzip und das ,Empty Category Principle‘ , denen Genüge getan wird dadurch, daß man für die Oberflächenstruktur die Existenz einer Lücke annimmt, die von einer Spur besetzt wird; oder anders ausgedrückt: die W-Bewegung hinterläßt in der S-Struktur eine Spur, mit der die bewegte Phrase koreferent und koindiziert ist.

Unter den anderen, von GREWENDORF (1991: 75ff.) vorgestellten Beschränkungen seien hier nur das Zyklus - und das Subjazenzprinzip besprochen, die sich auf den Weg der Bewegung, d. h. auf die Distanz zwischen Ausgangs- und Zielposition, beziehen.

In Sätzen wie

(6a) Was, glaubt Hans, fürchtet Maria?

(6b) Was, glaubt Hans, fürchtet sie, werde Peter tun?

(6c) Was, sagte Hans, glaubte Karl, fürchtete Maria, werde Peter tun?[6]

in denen Extraktion einer W-Phrase aus dem eingebetteten Satz vorliegt, wird die betreffende W-Phrase über Satzgrenzen hinweg in den Matrix-CP-Spec-Knoten bewegt. Das Zyklusprinzip besagt, daß diese Bewegung allerdings nicht in einem Zuge erfolgt, sondern wird die W-Phrase von SpecC zu SpecC in sukzessiven Schritten bis zur höchsten SpecC-Position bewegt, wobei das Subjekt des Matrix-Satzes in der basisgenerierten Position verbleibt und das Matrix-Finitum vorangestellt wird (vgl. Grewendorf 1991:75f.):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sind die übersprungenen SpecC-Knoten durch andere Elemente gefüllt, entstehen ungrammatische Sätze[7]:

(7a) *Wen, glaubt Hans, Maria habe geküßt?

In (7a) wird die SpeC-Position des eingebetteten Satzes durch das Subjekt besetzt, so daß diese Position nicht mehr als Zwischenstation bei W-Extraktion genutzt werden kann (vgl. Grewendorf 1991:76f.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zur Erklärung der unterschiedlichen, durch das Zyklusprinzip nicht erklärbaren Grammatikalitätsverteilung folgender in der Bedeutung ähnlicher Sätze[8]:

(8a) Wen, meint Peter, wird Maria heiraten?

(8b) *Wen, ist Peter der Meinung, wird Maria heiraten?

bedient man sich des fragwürdigen Grenzknotenbegriffs und der ebenfalls fragwürdigen Subjazenzbeschränkung. Nach dem Subjazenzprinzip gibt es in jeder Sprache bestimmte Phrasen, die bei Bewege-Alpha als Grenzknoten funktionieren, d.h. sie dürfen nicht oder nur bedingt überschritten werden. Für das Deutsche wären IP und NP solche Grenzknoten, wobei in der SpecC-zu-SpecC-Bewegung nur ein Grenzknoten in einem Zug überschritten werden darf. Das wäre der Grund, weshalb Sätze wie (6c) oder (8a), in dem Überquerung einer CP und einer IP in einem Zuge vorliegt, grammatisch sind; ein Satz wie (8b), in dem Überquerung einer IP und einer NP in einem Zuge vorliegt, aber ungrammatisch ist (vgl. Grewendorf 1991:79f.):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Andere Fälle von W-Bewegung bzw. von Topikalisierung

Grewendorf 1991 führt andere Fälle von W-Bewegung an, wie z. B. Komparativ - (88ff.) und Relativsätze (91ff.), sowie Topikalisierung (115ff).

Eigentlich müßte man aber eher sagen, daß W-Bewegung und die Bildung von Komparativ- und Relativsätzen das Ergebnis von Topikalisierungsbewegung sind, da man bei all diesen Sätzen davon ausgehen kann, daß ein phrasales Element aus dem Mittelfeld in die phrasale CP-Spec-Position bewegt wird. Grewendorf 1991 scheint Topikalisierung nur dann als solches zu verstehen, wenn ihr eine Finitumvoranstellung vorausgegangen ist. Charakteristisch für die W-Bewegung wäre diesem Autor zufolge anscheinend – neben der Existenz einer Lücke in der Oberflächenstruktur, die von einer Spur besetzt wird – das Verbleiben des Finitums an seiner basisgenerierten Endstellung, auch wenn es in einer zweiten Bewegungstransformation – z. B. zur Bildung direkter Fragesätze – vorangestellt werden kann.

Hier sei kurz auf die Bildung von Komparativsätzen eingegangen, da sie innerhalb des Topikalisierungsrahmens eine Besonderheit darstellen. Danach sei die Diskussion um die sog. ‚Rattenfänger-Konstruktion‘,eine Art Relativsatz, dargelegt.

3.1 Komparativsätze

Die Gründe, weshalb Grewendorf 1991:88f. Komparativsätze zu den W-Bewegungs-Erscheinungen zählt, sind die Verb-End-Stellung und die Existenz einer Lücke in der S-Struktur, die von einer Spur besetzt wird. Interessant dabei ist die Annahme, daß nach der Bewegung die bewegte Phrase getilgt wird[9]:

(9) Mehr Leute begehrten Einlaß als [CP [Xi] [IP ti sichi ausweisen konnten]].

In (9) wird angenommen, daß ein Element (es handelt sich um eine NP, obwohl Grewendorf 1991 es nicht ausspricht) aus dem Mittelfeld des eingebetteten Komparativsatzes in dessen Spec-C-Position bewegt wird, wobei die Spur t hinterlassen wird, und anschließend getilgt wird – daher die Notation mit einer Kategorie X, die mit t koindiziert und koreferent ist.

Außerdem stellt Grewendorf 1991:89f. fest, daß auch im Fall der Komparativsätze zu Blockierung der W-Bewegung kommen kann, wenn eine dazwischenliegende SpecC-Position bereits besetzt ist (Zyklusprinzip) oder aber wenn zwei Grenzknoten übersprungen werden (Subjazenzprinzip), was die Grammatikalitätsverteilung folgender Sätze erklärt[10]:

(10a) ?Hans ist klüger als [CP [Xi][ IP Maria meint [CP ti’ daß [ IP ti wünschenswert sei]]]].

(10b) *Hans ist klüger als [CP [Xi] [ IP Maria [ NP der Meinung ist [CP ti’ daß [ IP ti wünschenswert sei]]]]].

(10c) *Hans tat mehr als [CP [Xj] [ IP Peter entschied [CP weri [ IP ti tj tun mußte]]]].

Daß sich der Satz (10a) noch innerhalb von Akzeptabilitätsgrenzen hält, wäre damit erklärt, daß darin weder das Subjazenz- noch das Zyklus-prinzip verletzt werden. In den ungrammatischen Sätzen (10b) und (10c) dagegen läge jeweils eine Verletzung des Subjazenz- und des Zyklusprinzips vor.

3.2 Relativsätze

Auch für Relativsätze stellt Grewendorf 1991:91f. Verb-End-Stellung und die Existenz einer Lücke fest. Darüber hinaus macht Grewendorf 1991:91 noch einmal die an sich triviale Beobachtung, daß die bewegten Elemente Phrasen sind und somit wie im Fall der W-Bewegung in die phrasale SpecC-Position bewegt werden (11c-e), und damit eine andere Struktur aufweisen, als konjunktional eingeleitete, eingebettete Sätze, in denen die Konjunktion (oder in der GG-Terminologie: der Komplementizer) basisgeneriert an der Kopfposition C anzusetzen ist (11a-b)[11]:

(11a) die Entscheidung, ob Pfaff spielen darf

(11b) die Entscheidung, daß Pfaff spielen darf

(11c) die Entscheidung, weri ti spielen darf

(11d) die Entscheidung, diei Lattek ti getroffen hat

(11e) die Entscheidung, welchei Lattek ti getroffen hat

Grewendorf 1991:93ff. beschäftigt sich aber noch mit bestimmten infinitivischen Relativsätzen, die es im Deutschen und Italienischen gibt, und für die die Bezeichnung ‚Rattenfänger-Konstruktion‘ (engl. ‚Pied piping‘) geprägt wurde.

Der Name ‚Rattenfänger.Konstruktion‘ will man dadurch erklären, daß in einer Oberflächenstruktur wie

(12a) ein Umstand, den zu berücksichtigen Hans immer vergessen hat[12]

der Eindruck erweckt werde, daß mit der Topikalisierung der Relativ-Phrase der Infinitivsatz mit nach vorne in die SpecC-Position des eingebetteten Relativsatzes bewegt wird.

Eine mögliche Tiefenstruktur für Satz (12) wäre nach dem X-Bar-Schema folgende [stark vereinfachte Darstellung]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit dieser Darstellung sollen zwei Dinge klar werden, die bereits durch die Satzgliedlehre und/oder die IC-Analyse klar sind.

Erstens, daß obenstehender Relativsatz – wie alle Relativsätze – attributiven Charakter hat, oder, wie das in der GG-Terminologie heißt: einen adjunktiven Charakter zu einem Nomen und deshalb innerhalb einer NP anzusiedeln sind. Auch die konjunktional eingeleiteten Sätze (11a-b), sowie der eingebettete Fragesatz (11c) sind innerhalb einer NP anzusiedeln, allerdings mit dem wichtigen Unterschied, daß sie das Direktobjekt des dem Nomen zugrundeliegenden Prädikats – in der GG-Terminologie: das erste Komplement des Verbs – darstellen[13]. Wichtig ist es in diesem Zusammenhang auch, daß der Relativsatz – wie jeder Satz –eine maximale Projektionsebene, eine phrasale Konstituente darstellt.

Zweitens, daß der phrasale Infinitivsatz mitsamt dem ebenfalls phrasalen Relativpronomen wiederum als Komplement des übergeordneten Verbs vergessen anzusehen ist, wobei das phrasale Relativpronomen selbst Komplement des untergeordneten Verbs berücksichtigen ist.

Grewendorf 1991:94ff. zeigt nun zwei Interpretationen zur Ableitung der Oberflächenstruktur (12a) aus der Tiefenstruktur (12b), verwirft alle beide und stellt selbst eine dritte Interpretation vor. Dabei demonstriert er unfreiwillig, daß ausgehend von einer unkorrekten Prämisse zutreffende Intuitionen bestätigt werden können (Riemsdijks Analyse), ausgehend einer richtigen Grundannahme richtige Intuitionen abgetan werden können (seine eigene Analyse), und ausgehend von rein spekulativen Prämissen rein spekulative Schlußfolgerungen entstehen können bzw. müssen (Haiders Analyse). Außerdem demonstriert Grewendorf 1991 auch, wie die GG durch Festklammern an selbst erfundenen, axiomatisch verstandenen und daher auch fragwürdigen Prinzipien, wie dem Subjazenzprinzip, verleitet wird, bestimmte zutreffende Intuitionen zu verwerfen, anstatt – was eher logisch wäre – die genannten Prinzipien zu hinterfragen.

Riemsdijk 1982[14] geht von der später verworfenen S’- Analyse aus, in der die COMP-Position Landeplatz für Finitumvoranstellung, wie für Topikalisierungen von Phrasen aus dem Mittelfeld vorgesehen wird (siehe Abschnitt 2.2). Nach diesem Autor wird der eingebettete Infinitivsatz aus S in die COMP-Position von S’ verschoben. Anschließend kommt es zu einer internen W-Verschiebung: innerhalb des Infinitivsatzes wird die Relativphrase in die COMP-Position bewegt.

Nach der moderneren Auffassung heißt es, daß der eingebettete Infinitivsatz ( = CP2) extrahiert und in die SpecC-Position des übergeordneten Satzes ( = CP1) bewegt wird. Anschließend findet die interne W-Verschiebung statt: innerhalb des bewegten CP2 wird die Relativphrase in die SpecC-Position von CP2 verschoben. Beide Transformationsbewegungen hinterlassen eine Spur an den jeweiligen basisgenerierten Stellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für meine Begriffe wäre die Sache damit erledigt, denn Riemsdijks Analyse nicht nur den irreführenden ‚Rattenfänger-Effekt‘ beseitigt. Sie bestätigt außerdem die korrekte Intuition, daß der Infinitivsatz und das Relativpronomen zusammen eine Phrase bilden (direktes Komplement zu vergessen), was dadurch demonstriert wird, daß sie zusammen verschoben werden können. Daß das Relativpronomen ebenfalls eine Phrase ist, wird mit seiner Verschiebung ebenfalls bewiesen.

Auch Haider 1984[15] hält nicht viel von der Annahme eines ‚Rattenfänger-Effekts‘, aber er geht von der sehr spekulativen Grundannahme aus, daß die Reihenfolge von Subjekt und Objekt im Deutschen nicht strukturell beschränkt sei. Darauf basierend stellt Haider die Hypothese auf, daß der infinitivische, relative Objektsatz bereits in der Basis mittels Phrasenstrukturregeln vorangestellt werden könne. Damit wäre es gegebenfalls mit einer anderen Tiefenstruktur zu rechnen, als die in (12b) vorgeschlagene Tiefenstruktur, die aber auf zutreffenden Erkenntnissen der Satzgliedlehre und der IC-Analyse basiert.

Wie dem auch sei: nach Haider wird zwar die Relativphrase aus dem eingebetteten Satz via SpecC-zu-SpecC-Bewegung extrahiert, ansonsten bestehe im Deutschen allerdings freie Permutierbarkeit von Subjekt und Objekt, so daß Basisstruktur für die SpecC-zu-SpecC-Bewegung sowohl vorangestellter Infinitiv wie auch nicht-vorangestellter Infinitiv sein kann.

Für folgende NP

(13a) die Ratten, die zu fangen Hubert sich vorgenommen hatte

wäre z. B. folgende Ableitungsstruktur anzusetzen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wenn der Infinitiv bereits in der Tiefenstruktur vorangestellt generiert wird, wie von Grewendorf 1991:98 in (13b) dargestellt, stellt sich die Frage, an welcher Position denn der infinitiver, relativer Objektsatz generiert werden soll. Nach obenstehender Darstellung müßte es eine Position vor SpecI von IP1 sein, eine Position also vor dem Subjekt. Solch eine Position existiert nach dem gängigem X-Bar-Schema aber nicht. Oder man müßte es anders darstellen, und die basisgenerierte Position des relativen Objektsatzes entweder in C0 oder in SpecC vom CP1 ansetzen. Ersteres kann allerdings nicht sein, da C0 eine Kopf-Position, der Relativsatz dagegen eine Phrase ist (Verletzung des Strukturerhaltungsprinzips). Letzteres kann aber auch nicht sein, da dieses die SpecC-zu-SpecC-Bewegung der Relativphrase blockieren würde (Verletzung des Zyklusprinzips).

Wie man sieht, ist eine (generativistische) Analyse, die auf der Annahme einer basisgenerierten freien Permutierbarkeit von Subjekt und Objekt für das Deutsche basiert, noch nicht einmal mit Prämissen der GG selbst zu vereinbaren. Aber das Problem besteht ja eben darin, daß diese sehr spekulative und durch nichts zu rechtfertigende Annahme als Ausgangshypothese gestellt wird. Es ist nur logisch, daß man dadurch zu nicht zufriedenstellenden Ergebnissen kommen muß.

Eine Lösung für diese Aporie kann auch Grewendorf 1991:107ff. mit seiner ‚IP-Adjunktionshypothese‘ nicht anbieten, obwohl er die überzeugende Grundprämisse des Strukturerhaltungsprinzips befolgt. Grewendorfs Annahme zufolge werde die infinitivische CP an die übergeordnete IP links-adjungiert. Anschließend werde die Relativphrase aus der bewegten CP in die Matrix-SpecC-Position bewegt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Um seine eigene Position zu bekräftigen, führt Grewendorf 1991:100ff. andere Beispiel-NPs an, die weder mit Haiders noch mit Riemsdijks Analyse zu erfassen wären. Ohne hier auf Einzelheiten einzugehen, sei nur erwähnt, daß es dabei um Fälle handelt, in denen z. B. sich die CP2 selbst innerhalb einer NP befindet:

(14a) die Ratten, die zu fangen Hubert den Versuch unternommen hat

oder um Fälle mit drei CPs, in denen Extraposition von CP2 und Rattenfänger-Konstruktion von CP3 vorliegen:

(15a) eine Tat die begangen zu haben Hans sich weigert dem Richter zu gestehen

In allen Fällen stellt Grewendorf fest, daß Riemsdijks und Haiders Analysen deshalb nicht adäquat sind, da sie Verletzung des Zyklus- und v.a. des Subjazenzprinzips zur Folge hätten. Damit werden diese Prinzipien axiomatisch gesehen, was zur Ablehnung der richtigen Analyse Riemsdijks und zur Fehlinterpretation Grewendorfs führt und führen muß.

4. Fazit

Es gibt m. E. etwas grundlegend Wahres, in der Art, wie die Bildung von W-Fragen, Relativsätzen und Komparativsätzen in der GG dargestellt wird, nämlich: als abgeleitete Oberflächenstrukturen, denen bestimmte Grundstrukturen zugrundeliegen. Das gilt wahrscheinlich für alle Fragen der Morpho-Syntax, wie Passivierung, Linearisierung u.v.m.

Das ganze Problem ergibt sich daraus, wie man eine solche Erkenntnis interpretiert und welchen Stellenwert man ihr einräumt.

In der GG werden die Grundstrukturen als abstrakte (mentale) syntaktische Strukturen verstanden, denen konkret realisierte Strukturen nicht unbedingt entsprechen müssen; aus diesen mentalen Strukturen werden dann aktuelle Oberflächenstrukturen mittels Transformationsregeln abgeleitet.

In funktionalistischen Ansätzen dagegen, z.B. Givón (1984:41ff.), wird unterschieden zwischen einfachem/unmarkiertem und kom­plexem/markiertem Satz. Der unmarkierte Satz ist der aktive, affirmative, deklarative Hauptsatz, aus dem unterschiedliche markierte Sätze (W-Fragen, Passivsätze u.a.) abgeleitet werden (können), und zwar durch die morpho-syntaktischen Verfahren der Serialisierung, grammatischen Morphologie, Intonation, hierarchischen Konstituentenstruktur und die diese Verfahren regelnden Beschränkungen. Nach Givón 1984 können also auch die Grundstrukturen als aktuelle Strukturen auftreten.

Mit dieser unterschiedlichen Auffassung von Grund- und abgeleiteten Strukturen verbindet sich der Anspruch auf Erklärungadäquatheit.

In der GG ist von mentalen syntaktischen Tiefenstrukturen die Rede, weil man von der Annahme angeborener grammatischer Strukturen ausgeht, der sog. ‚Universalprinzipien‘. Diese Universalprinzipien seien gleich für alle menschliche Sprachen, jede einzelne Sprache kennt aber bestimmte Parameter, durch welche die Universalprinzipien verwirklicht werden.

Bezogen auf Phrasenstrukturregeln besagt z.B. das ‚Kopfprinzip‘, welches Phrasenstrukturregeln beschränkt, daß jede Phrase einen Kopf habe; in der einzelsprachlichen Parametrisierung erscheine dieser Kopf entweder rechts- oder linksperipher (vgl. z.B. Müller/Riemer 1998:59f.; Stechow/Sternefeld 1988:110ff. u.a.).

Aber auch für Transformationsregeln werden Universalprinzipien postuliert, so z.B. die im Zusammenhang mit der W-Bewegung erwähnten Prinzipien der Strukturerhaltung, der Zyklizität oder der Subjazenz.

Die Frage, ob diese Prinzipien angeboren und daher für alle Sprachen gültig seien, mag zwar als eine sprachpsychologische Frage präsentiert zu werden; eigentlich handelt es sich aber immer noch um eine sprachphilosophische Frage, da sie (noch) nicht objektiv beantwortet werden kann. Der von der GG befürworteten rationalistischen Auffassung der angeborenen Ideen ist aber m.E. eher die sensualistische/empiristische Auffassung vorzuziehen, daß Sprache und Erkenntnis erst durch Erfahrung, Wahrnehmung, Beobachtung entstehen und sich ausbilden; was eventuell angeboren ist, ist eine gewisse Fähigkeit zum hierarchisch geordneten Denken.

Von der sprachphilosophischen Diskussion einmal abgesehen: was hier festgehalten werden muß, ist, daß die sog. Universalprinzipien der GG: erstens, axiomatisch verwendet werden und deshalb zu widersinnigen Analysen führen; und zweitens, aufgestellt werden aufgrund von Beobachtung und Beschreibung konkreter sprachlicher Strukturen und der anschließenden Aufstellung von nicht bewiesenen Hypothesen. Die GG präsentiert diese Prinzipien aber als Erklärung für den relativ schnellen Erstspracherwerb, was für meine Begriffe eine unzulässige Behauptung ist, da sie – wie gesagt – keine handfeste Argumentation präsentiert.

Viel plausibler ist m.E. der funktionalistische Ansatz, wonach die Ableitung bestimmter komplexerer Strukturen aus Basisstrukturen mittels morpho-syntaktischer Verfahren als das Ergebnis bestimmter kommunikativer Zwänge oder Zwecke verstanden und erklärt wird. Da spielen z.B. kommunikative und verstehenspsychologische Fragen der Aufmerksamkeitslenkung u.a. eine wesentliche Rolle.

Es wird z.B. von Givón 1984:42 postuliert, daß morpho-syntaktische Kodierungsstrategien (beispielsweise die W-Fragen) dazu dienen, z. B. Veränderungen der Informationsstruktur (Thema-Rhema-Gliederung, Fokussierung) vorzunehmen, und zwar unter Beibehaltung des propositional-semantischen Gehaltes (Prädikat plus seine Argumente), der aber dadurch anders perspektiviert werden kann.

Ein zweites Beispiel mit sprachhistorischem Erklärungswert: Köller 1997:94ff. erklärt beispielsweise die Entstehung des deutschen Passiv durch den kommunikativen Zweck, Ereignisse mit einer eher resultativen als kausalen Perspektivierung darzustellen.

Zusammengefaßt kann man sagen, daß die GG zwar bestimmte zutreffende Prämissen würdigt, und eine elegante formale Repräsentationsmöglichkeit anbietet, aber den selbstgestellten Anspruch auf Erklärungsadäquatheit nicht erfüllt, denn sie verwechselt Beschreibung mit Erklärung und bietet daher keine Antwort auf die Frage nach der Erklärung, weshalb und wozu morpho-syntaktische Strukturen erzeugt und abgeleitet werden. Und das ist m.E. die wichtigste Frage, die man sich bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Grammatik stellen muß.

5. Literaturangaben

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Dik 1997

Dik, Simon C.: The theory of functional grammar.- Berlin; New York: de Gruyter, 1997.-

Pt. 1. The structure of the clause.- 2., rev. ed. –

Pt. 2. Complex and derived constructions. -

Fanselow /Felix 1993

Fanselow, Gisbert / Felix, Sascha W.: Sprachtheorie: eine Einführung in die generative Grammatik. 3. Aufl.- Tübingen/Basel: Francke, 1993.-

Bd. 1: Grundlagen und Zielsetzungen.- [ UTB für Wissenschaft; Uni-Taschenbücher; 1441]

Bd. 2: Die Rektions- und Bindungstheorie.- [ UTB für Wissenschaft; Uni-Taschenbücher; 1442]

Givón 1984

Givón, Talmy: Syntax: a functional-typological introduction.- Volume I.- Amsterdam/Philadelphia: Benjamins, 1984.- [Stabi 2: 651 959 1]

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Givón, Talmy: Syntax: a functional-typological introduction.- Volume II.- Amsterdam/Philadelphia: Benjamins, 1990.- [Stabi 2: 651 959 2]

Givón 1995

Givón, Talmy: Functionalism and grammar.- Amsterdam/Philadelphia: Benjamins, 1995.- [Stabi 2: 1 A 294194]

Grewendorf 1991

Grewendorf , Günther: Aspekte der deutschen Syntax. Eine Rektions-Bindungs-Analyse.- 2. Aufl.- Tübingen: Narr, 1991.- [ Studien zur deutschen Grammatik; Bd. 33]

Grewendorf /Hamm/Sternfeld 1996

Grewendorf, Günther / Hamm, Fritz / Sternefeld, Wolfgang: Sprachliches Wissen: eine Einführung in moderne Theorien der grammatischen Beschreibung.- 9. Aufl.- Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1996.- [ Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 695]

Itkonen 1991

Itkonen , Esa: Universal history of linguistics: India, China, Arabia, Europe.- Amsterdam: (u.a.) Benjamins, 1991.- [ Amsterdam studies in the theory and history of linguistic science: Ser. 3 ; 65]

Keller 1994

Keller, Rudi: Sprachwandel: von der unsichtbaren Hand in der Sprache.- 2., überarb. u. erw. Aufl.- Tübingen; Basel: Francke, 1994.- [ UTB für Wissenschaft : Uni-Taschenbücher; 1567]

Köller 1997

Köller , Wilhelm: Funktionaler Grammatikunterricht : Tempus, Genus, Modus: wozu wurde das erfunden? - Baltmannsweiler: Schneider-Verl., 1997.-

Müller /Riemer (1998)

Müller , Natascha / Riemer, Beate: Generative Syntax der romanischen Sprachen: französisch, italienisch, portugiesisch, spanisch.- Tübingen: Stauffenburg, 1998.- [ Stauffenburg-Einführungen ]

Stechow /Sternefeld 1988

Stechow, Arnim von / Sternefeld, Wolfgang: Bausteine syntaktischen Wissens. Ein Lehrbuch der generativen Grammatik.- Opladen: Westdeutscher Verlag, 1988.- [LBS: ALLG 1037]

[...]


[1] Siehe z. B. Itkonens 1991:31ff. Klassifizierung der in Pāņinis Aštādhyāyī verwendeten grammatischen sūtras nach „expression rules“ und „substitution rules“.

[2] Harris, Z.: Co-occurrence and transformations in linguistic structure. In: Language, 33.3, 1956, 283-340.- Zitiert in: Givón 1984:41.-

[3] Beispiele nach Grewendorf 1991:61f. mit lexikalischen Veränderungen.

[4] Beispiele nach Grewendorf 1991:68f., mit einigen lexikalischen Veränderungen.

[5] Beispiele von Grewendorf 1991:62 und 68.

[6] Beispiele von Grewendorf 1991:75.

[7] Beispiel von Grewendorf 1991:76.

[8] Beispiele von Grewendorf 1991:79.

[9] Beispiel von Grewendorf 1991.89.

[10] Beispiele von Grewendorf 1991:90.

[11] Beispiele von Grewendorf 1991:91.

[12] Beispiel von Grewendorf 1991:93.

[13] Bezogen auf Eigenschaften von Phrasenstrukturregeln ist die Unterscheidung zwischen Adjunkt und Komplement darauf basiert, daß Ersteres keine Änderung der Projektionsebene mit sich bringt, während Letzteres zur Erhöhung der Projektionsebene beibringt. Diese Unterscheidung in der Komplexitätsebene soll uns aber hier nicht weiter beschäftigen.

[14] Hiemsdijk, H. v:: Zum Rattenfängereffekt bei Infinitiven in deutschen Relativsätzen.- In: Tilburg Papers in Language and Literature 7 (1982).- Ebenfalls in: Abraham, W. [Hrsg.]: Erklärende Syntax des Deutschen..- Tübingen: 1985, 75-98.- Zitiert in Grewendorf 1991: 94ff.-

[15] Haider, H.: Der Rattenfängerei muß ein Ende gemacht werden.- Mskr. Universität Wien.- Zitiert in: Grewendorf 1991: 97ff.-

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Details

Titel
Die W-Bewegung. Ein Verfahren zur Bildung von W-Fragen in der Generativen Grammatik
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sprache und Linguistik)
Veranstaltung
Hauptseminar Syntaxmodelle
Note
1,0
Autor
Jahr
1998
Seiten
21
Katalognummer
V12078
ISBN (Buch)
9783656914457
Dateigröße
663 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sehr dichter Text - kleine Schrift, einzeiliger Zeilenabstand.
Schlagworte
Syntax, generative Grammatik, W-Fragen, Ergänzungsfragen
Arbeit zitieren
Suzie Bartsch (Autor), 1998, Die W-Bewegung. Ein Verfahren zur Bildung von W-Fragen in der Generativen Grammatik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12078

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