Hartmanns von Aue "Gregorius" und Thomas Manns "Der Erwählte"

Ein Vergleich


Hausarbeit, 2008
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Hartmanns Prolog im Vergleich zu Manns einleitendem Kapitel
I.1. Der Prolog im Gregorius
I.2. Das einleitende Kapitel im „Erwählten“

II. Die Rolle des Erzählers
II.1. Der Erzähler bei Hartmann
II.2. Der „Geist der Erzählung“ bei Thomas Mann

III. Schuld- und Gnadenbegriff
III.1. Schuld und Gnade im Gregorius
III.2. Schuld und Gnade im Erwählten

IV. Der Autor hinter dem Werk
IV.1. Hartmann von Aue
IV.2. Thomas Mann

Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Hartmanns „Geschichte vom guten Sünder“ markiert den deutschen Beginn einer weit verzweigten, Jahrhunderte übergreifenden Bearbeitung der bekannten Gregorius-Legende. Immer wieder hat der Stoff Künstler inspiriert und Publikum fasziniert und gehört unter anderem durch die in ihm herrschende Verbindung von Theologie und Poesie unbestritten zur Weltliteratur. Ihren vorläufigen Abschluss fand die Rezeption in Thomas Manns „Der Erwählte“, die 1951 erschien und große Beachtung fand, wenngleich dieser wohl zu den am wenigsten gelesenen Romanen Manns zählt.

Was hat diese Geschichte, dass sie sowohl ein mittelalterliches als auch ein modernes Publikum gleichermaßen - wenn auch unter verschiedenen Vorzeichen - in ihren Bann zieht?

Dominierendes Motiv ist die unermesslich große Schuld des bzw. der Protagonisten und die darauf folgende ebenso unermessliche Buße, die letztendlich Gottes Gnade und Vergebung, ja sogar Erhebung zur Folge hat.

Für ein mittelalterliches Publikum sind Schuld und Sühne wichtige lebensbegleitende Faktoren, die aktuellen Einfluss auf Dasein und Wirken darstellen. Ratgeber und Leitfaden für ein gottgefälliges Leben ist die Bibel, auf deren Geschichten Hartmann in starkem Maße zurückgreift, um seine Botschaft zu verdeutlichen und ihr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Thomas Mann hat hingegen ein sehr vielschichtiges Werk geschaffen, in dem er nicht nur christliche Elemente aufgreift, sondern zusätzlich mythologische Motive und auch Aspekte der Psychoanalyse mit einbaut. Beide Autoren haben sich somit aktuellen gesellschaftlichen Ansprüchen gestellt und damit in ihren Werken auch den entsprechenden Zeitgeist „verewigt“.

Literatur will in der Regel sicher in erster Linie unterhalten, trägt daneben aber häufig didaktische Züge, die die Gedanken und Intentionen des Künstlers verdeutlichen. Welche Ansprüche bzw. Absichten die beiden genannten Autoren mit ihrem jeweiligen Werk verfolgen, soll im Rahmen dieser Arbeit anhand einiger ausgewählter Aspekte untersucht werden.

I. Hartmanns Prolog im Vergleich zu Manns einleitendem Kapitel

I.1. Der Prolog zum „Gregorius“

Der schulmäßiger Rhetorik folgende Prolog zu Hartmanns „Gregorius“ enthält einen Prologus praeter rem mit Autor- und Publikumsbezug (V. 1-50) und einen Prologus ante rem, welcher der Vorstellung der Sache dient (V. 51-170). Einige Aspekte unterscheiden ihn vom sonst üblichen Schema. Er beeindruckt durch ungewöhnliche Länge und enthält allgemeine Erörterungen, die die Frage aufkommen lassen, in wie weit es sich um einfache Kommentare zu der Erzählung, oder aber um darüber hinausgreifende, ernst gemeinte Appelle handelt. In den Formulierungen gleicht er sich einem mündlichen Vortrag an, das Publikum wird aber nicht gekennzeichnet, und der Autor Hartmann wird in der dritten Person genannt (V. 171 f.). Der Erzähler tritt nicht auffallend hervor, vermittelt aber dennoch aus der Perspektive des vollen Überblicks.[1] Der Prolog umfasst 176 Verse, viel mehr als in Hartmanns anderen Werken: Im A rmen Heinrich beispielsweise umfasst er nur ca. 25 Verse, im Iwein auch nicht viel mehr und im Erec ist er leider nicht überliefert. Auch nimmt Hartmann dort auf andere Weise Bezug auf seine eigene Person und hebt eigenes Können und Position deutlich hervor, was im Gregorius nicht der Fall ist. Hier überwiegen Themen wie Sünde und Reue, Buße und Gnade. Sie werden allegorisch behandelt, die Geschichte des Helden vorweggenommen und unter dem Bilde des barmherzigen Samariters und guten Hirten geradezu ein Schlüssel für das Gesamtverständnis geliefert. Der Grundgedanke des Werkes wird mit den Versen 46-50 klar ausgesprochen:

‚sô enwart nie mannes missetât
ze dirre werlde sô grôz,
er enwerde ir ledic unde blôz,
ob si in von herzen riuwet
und sich niht wider niuwet’.[2]

Dem „Ich“ des Gregorius-Prologs ist offensichtlich die Gefährdung der eigenen Seele bewusst geworden, und diese Tatsache möchte es exemplarisch für alle Sünder anhand des Schicksals von Gregorius verdeutlichen. Es habe zu lange „nâch der werlde lône“ gejagt und Gott dabei vernachlässigt. Das Erzähler-Ich nimmt eine demütige Haltung ein und appelliert an sein Publikum, persönliche Sündenlast abzutragen und aufrichtige Reue und Buße an den Tag zu

legen.[3] Der heilsgeschichtliche Bezug wird von Anfang an deutlich, und die theologischen

Kenntnisse des laikalen Erzählers beeindrucken schon auf den ersten Seiten. Streckenweise wirkt der Prolog wie eine Predigt. Einer Beichte von „Jugendsünden“ des Erzähler-Ichs folgt die Bekenntnis, das Leben und Dichten als Sühne zu verstehen, sowie eine autobiografisch gezeichnete Mahnung zur eigenen Umkehr: Wer meine, seine Sünden erst im Alter büßen zu wollen, der solle bedenken, dass der Tod oft unverhofft komme und dass dann keine Möglichkeit zur Buße mehr sei. „Wenn sich Hartmann hier ganz als Prediger gibt, lässt dies Rückschlüsse auf die intendierte Funktion des Werkes zu. Offensichtlich sollte der Gregorius als Exemplum für die richtige Lebensführung dienen, um den Weg zum Heil, zu Gott zu finden.“[4]

I.2. Das einleitende Kapitel beim „Erwählten“

Thomas Manns Roman beginnt mit dem Ende: Der so genannte Geist der Erzählung, auf den ich an späterer Stelle noch näher eingehen werde, lässt die Glocken Roms „am gnadenvollen Ende der Geschichte“[5] läuten, ohne dass irgendein Mensch Einfluss darauf hätte. Dieser „Geist“ ist personifiziert in Gestalt des irischen Mönchs Clemens, welcher sich als psychologisierender Interpret betätigt, was die Geschichte glaubwürdiger und verständlicher machen soll.[6] Ähnlich wie bei Hartmann wird das Publikum direkt adressiert, allerdings ohne konkret geäußertes Anliegen. Clemens stellt sich selbst ausführlich vor, und es wird sofort deutlich, dass ihm eine besondere Rolle zukommt, und zwar ganz anders als bei Hartmann, wo der Erzähler den Gang der Handlung mit ethisch-theologischen Kommentaren begleitet. Dieser Mönch erzählt die Geschichte „zur Unterhaltung und zur außergewöhnlichen Erbauung“[7], was ebenfalls einen wesentlichen Unterschied zur Intention von Hartmanns Erzähler-Ich darstellt, dem es vorwiegend um Mahnung und Didaktik geht. Der fiktive Erzähler Clemens gehört keiner bestimmten Zeit an, hat keinen bestimmten Namen, spricht angeblich keine bestimmte Sprache, so behauptet er jedenfalls, obwohl seine Erzählung doch eindeutig auf Deutsch verfasst ist. All diese Informationen bekommt der Leser aber von ihm selbst, es handelt sich daher um bewusst eingesetzte Angaben, mit denen der Verfasser einen bestimmten Zweck verfolgt. Clemens beginnt in plapperndem, unüberhörbar parodistischem Ton und erzählt von sich, als würde die folgende Erzählung überwiegend ihn selbst betreffen. Später bekennt er – nicht ohne Ironie natürlich –

„Keineswegs behaupte ich, dass ich die Sprachen alle beherrsche,
aber sie rinnen mir ineinander in meinem Schreiben und werden eins,
nämlich Sprache. Denn so verhält es sich, dass der Geist der Erzählung
ein bis zur Abstraktheit ungebundener Geist ist, dessen Mittel
die Sprache an sich und als solche, die Sprache selbst ist,
welche sich als absolut setzt und nicht viel nach
Idiomen und sprachlichen Landesgöttern fragt.
Das wäre ja auch polytheistisch und heidnisch.
Gott ist Geist, und über den Sprachen ist die Sprache.“[8]

Die Reflexionen Clemens beziehen sich auf eine universalistisch strukturierte monotheistische Gottesvorstellung, aus deren Begriff der Einheit der ironische Gedanke einer „Übersprache“ abgeleitet wird.[9]

Hier wird deutlich, dass das Anliegen hinter dem Roman vollkommen anders gelagert ist als bei Hartmann. Hans Wysling konstatiert dazu, dass es Thomas Mann nicht um eine romantische Wiedererweckung mittelalterlichen Gemeingeistes, auch nicht um eine Analyse des modernen historischen Bewusstseins, sondern um das Programm der Humanität gehe, zu dessen Trägerin die allverbundene und allverbindende Sprache des Erwählten werde.[10]

Indem im einleitenden Kapitel außer der Ankündigung einer „zugleich entsetzlichen und hoch erbaulichen Geschichte“ mit keinem Wort Bezug auf das eigentliche Thema der Erzählung genommen wird, entbehrt es damit jedweder Grundlage für eine Vorausschau auf Interpretationsansätze inhaltlicher Art.

II. Die Rolle des Erzählers

II.1. Der Erzähler bei Hartmann

In der Rolle des Erzählers manifestiert sich Hartmanns Gestaltungskraft, und sie eröffnet einen sicheren Zugang zur Interpretation der Legende.[11] Wie oben erwähnt nimmt er schon im Prolog eine dominante Stellung ein, ebenso tut er es im Epilog, wodurch der Geschichte ein Rahmen gegeben wird. Der Erzähler darf allerdings keinesfalls mit dem Autor verwechselt werden, welcher z.B. in Vers 170-173 in der dritten Person genannt wird. Die Legende wurde wahrscheinlich - wie damals üblich - mündlich vorgetragen, und „häufiges „Ich“ und Publikumsanreden konnten leicht dazu führen, die dichtungsimmanente Figur mit dem physisch anwesenden Rezitator zu identifizieren.“[12]

Der Erzähler begleitet die Legende theologisch-ethisch wertend und liefert dadurch wichtige Interpretationshinweise. Dies soll am Beispiel seiner Anmerkungen zum Protagonisten belegt werden. Er stellt Gregorius von Anfang an als von Gott mit menschlicher Vollkommenheit ausgestattet dar, hält sich aber mit Rügen und Kommentaren zu dessen Entscheidungen auch nicht zurück. Interessanterweise enthält er sich aber den Dialog zwischen Gregorius und dem Abt betreffend jeglichen Kommentars, was den Schluss nahe legt, dass er in Gregorius Entscheidung, das Kloster zu verlassen und eine ritterliche Laufbahn einzuschlagen, nichts Rügenswertes sieht. Die Forschung jedoch streitet seit langem genau in diesem Punkt über die Schuldfrage. Dabei haben sich zwei Hauptpositionen herausgebildet: Die eine Fraktion behauptet, Gregorius sei schuldig, weil er die stellvertretende Buße für seine Eltern (wie auf der Tafel gefordert) verweigert bzw. davon abweicht. Sie bezeichnen dies als superbia, also Stolz, Hochmut oder Hoffart, der ersten im Kanon der sieben Todsünden. Die andere Fraktion sieht eine Verfehlung in seinem Austritt aus dem Kloster, dem Anstreben einer ritterlich-weltlichen Karriere und damit seiner Abwendung von Gott.[13]

[...]


[1] Vgl . Cormeau, Christoph u. Wilhelm Störmer: Hartmann von Aue. Epoche – Werk – Wirkung. Zweite, überarb. Auflage. München: C. H. Beck 1993. S. 112.

[2] Vgl. Lermen, Birgit H.: Moderne Legendendichtung. Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde von der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg/ Schweiz. Bonn: H. Bouvier u. Co. Verlag 1968. S. 31.

[3] Vgl. Beer, Ulrike: Das Gregorius–Motiv. Hartmanns von Aue „Gregorius“ und seine Rezeption bei Thomas Mann. Meldorf: Jörg Vogelsang Verlag 2002. S.14.

[4] Wolf, Jürgen: Einführung in das Werk Hartmanns von Aue. Darmstadt: WBG 2007. S.97.

[5] Mann, Thomas: Der Erwählte. 27. neu durchges. Aufl. 2005. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1974. S. 8.

[6] Vgl. Beer, Ulrike: Das Gregorius – Motiv. S. 72.

[7] Mann, Thomas: Der Erwählte. S. 8.

[8] ebd. S. 12.

[9] Vgl. Jendreieck, Helmut: Thomas Mann. Der demokratische Roman. Düsseldorf: August Bagel Verlag 1977. S.494 f.

[10] Vgl. Wysling, Hans: Thomas Manns Verhältnis zu den Quellen. Beobachtungen am »Erwählten«. In: Scherer,P./Wysling, H. (Hrsg.): Quellenkritische Studien zum Werk Thomas Manns. Bern/München 1967. ( Thomas Mann Studien Band I). S. 293.

[11] Vgl. Heinze, Norbert: Zur Gliederungstechnik Hartmanns von Aue. Stilistische Untersuchungen als Beitrag zu einer strukturkritischen Methode. Göppinger Arbeiten zur Germanistik Nr.98. Müller, U./Hundsnurscher, F./ Sommer, C.(Hrsg.). Göppingen: Verlag Alfred Kümmerle 1973. S.93.

[12] ebd. S. 94.

[13] Vgl. Beer, Ulrike: Das Gregorius–Motiv. S.58.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Hartmanns von Aue "Gregorius" und Thomas Manns "Der Erwählte"
Untertitel
Ein Vergleich
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Philosophische Fakultät, Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Seminar: Hartmann von Aue, Leitung: Prof. Dr. Hubertus Fischer
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V120787
ISBN (eBook)
9783640247349
ISBN (Buch)
9783640858248
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hartmanns, Gregorius, Thomas, Manns, Erwählte, Seminar, Hartmann, Leitung, Prof, Hubertus, Fischer
Arbeit zitieren
Annette Heilmann (Autor), 2008, Hartmanns von Aue "Gregorius" und Thomas Manns "Der Erwählte", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120787

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