Romananalyse: André Malraux, "Les Conquérants"


Seminararbeit, 1996
29 Seiten, Note: 1,0

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INHALTSVERZEICHNIS 2

0. EINLEITUNG

1. DIE EBENE DER GESCHICHTE
1.1 Theoretisches
1.2 In Les Conquérants

2. DIE EBENE DES DISKURSES
2.1 Theoretisches
2.2 In Les Conquérants

3. DIE EBENE DES GESCHEHENS
3.1 Theoretisches
3.2 In Les Conquérants:
a) Politik und Literatur.
b) Autobiographie und Literatur.

4. KONZEPTE
4.1 Theoretisches
4.2 In Les Conquérants
a) Begriffsoppositionen.
b) Figurencharakterisierung.
i) Rebecci, der ehemalige Anarchist.
ii) Hong, der Anarcho-Terrorist.
iii) Tcheng-daï, der nationalistisch-demokratische Pazifist.
iv) Klein, der Trotzkist.
v) Garine, der widersprüchliche Humanist.
vi) Borodine, der stalinistische Bolschewist.
vii) Nicolaïeff, der 'Staatsterrorist'.

5.MALRAUX: VON DER REVOLTE ZUM GAULLISMUS

6.BIBLIOGRAPHIE

BERICHTIGUNGEN

0. EINLEITUNG

„Je ne tiens pas la société pour mauvaise, pour susceptible d’être améliorée; je la tiens pour absurde. [...] Qu’on la transforme, cette société, ne m’intéresse pas. Ce n’est pas l’absence de justice en elle qui m’atteint, mais quelque chose de plus profond, l’impossibilité de donner à une forme sociale, quelle qu’elle soit, mon adhésion.“

(Les Conquérants: 114f.)

Garine, der Propaganda-Leiter der revolutionären Kuomintang -Regierung im Kanton der zwanziger Jahre, charakterisiert sich selbst mit diesen Worten, die in den beiden China-Romanen Malraux‘ zum Programm werden: was die frühen malrauschen Protagonisten, die Revolutionäre Garine und Kyo, bewegt, ist weniger eine ideologische Überzeugung des kommunistischen Ideals - für das sie dennoch kämpfen – als eine akute Erkenntnis über die Absurdität des menschlichen Lebens und der menschlichen Gesellschaft.

Das sind ganz neue Töne im französischen Roman der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg: politische Stellungnahme einerseits und Fragestellungen zum menschlichen Dasein andererseits sind in der führenden Literaturlandschaft der goldenen zwanziger Jahre keine Selbstverständlichkeit. Erst ab den dreißiger Jahren findet eine Erneuerung in der Thematik und im Ereignisrahmen der europäischen Prosaerzählung statt. Und Malraux, der den Posten des Kultusministers ausgerechnet in der konservativ-nationalistischen Regierung de Gaulles (1959-1969) beziehen sollte, war als Romancier einer der wichtigsten Vorreiter dieser durchaus revolutionären Zeit.

Zusammen mit diesem Umschwung auf der Ebene der Konzepte und des Geschehens vollendete sich im französischen Roman auch eine Neuorientierung auf der Ebene des Diskurses: die sprachliche Realisierung des Erzählens wird bei Romanciers elliptischer, nervöser, mittelbarer, plastischer. Auch der Bezug der Geschichte auf den Erzähler ändert sich mit der Verbreitung und Ausformung des monologue intérieur (vgl. Carassus 1982: 480, 483) – z.B. in der Eingangsszene von La Condition humaine – oder – wie in Les Conquérants - die nicht ganz eindeutig zu klassifizierende Erzählsituation.

Diese Aspekte sollen in dieser Seminararbeit zur Sprache kommen: hier wird der Roman Les Conquérants sowohl in seinem inneren Aufbau als auch in seiner zeit- und literaturgeschichtlichen Einbettung durchleuchtet.

Dies soll durch eine Analyse der Erzählstruktur des Romans erfolgen, für die Karlheinz Stierles „Schichtenmodell“ der Struktur narrativer Texte - mit den Ebenen des Geschehens (und der Konzepte), der Geschichte und des Diskurses (vgl. Schwarze 1995a, 71f.) - als theoretischer Orientierungsrahmen dient. Die Gliederung der Erzählung nach dem stierleschen Modell ermöglicht die Aufstellung folgender Organisationsprinzipien und Komponenten, die für Les Conquérants gültig sind:

Geschichte: Organisation des Geschehens auf der Zeitachse als sinnbestimmter Unterschied zwischen: a) einer anfänglichen kritischen Lage der revolutionären Aktion in Kanton und deren Triumph am Ende und b) einer anfänglichen Konfliktsituation unter den Revolutionären und ihrer gegenseitigen Ausschaltung im stalinistischen Sinne;

Diskurs: Erzählsituation zwischen ‚Augenzeuge-Ich‘ und Überspitzung des ‚depersonalen‘ Erzählers durch die ‚Kamera-Technik‘ (Tiefendiskurs); sprachliche (grammatisch-semantische) Realisierung einerseits in tagebuchähnlicher Form unter Verwendung des présent historique, der Parataxe und der Ellipse von Verbformen und andererseits essayartige Auseinandersetzung mit historischen und metaphysischen Themen (Oberflächendiskurs);

Geschehen: zeitgeschichtliche und autobiographische Elemente in Gestalt von Ereignissen mit einem ersten Bezug auf die Hauptfigur Garine;

Konzepte: zeitgeschichtliche und autobiographische Elemente in Gestalt von Denkinhalten, die im Rahmen der Figurencharakterisierung erörtert werden sollen.

jede dieser Konstituenten soll zunächst theoretisch bestimmt und anschließend für Les Conquérants angewandt werden, wobei das Beispiel, das Schwarze (1995b: 148f.) für die Kurzgeschichte Eveline von James Joyce angeführt hat, als allgemein wegweisendes Muster dient.

Es ist nicht möglich und auch nicht wünschenswert, eine saubere Trennung der Erzählebenen zu erreichen. Die Analyse einer jeden Konstituente ist kaum ohne die Einbeziehung der anderen durchführbar, da „sich diese Konstituenten gegenseitig beeinflussen und bedingen“ und deren „Wirkung erst aus diesem Eingebundensein in einer Gesamtstruktur erhalten“ (Schwarze 1995a: 65).

Als Abschluß wird noch einmal die Entwicklung des malrauschen Denkens, Handelns und Schaffens im Verlauf der Jahrzehnte referiert.

1. DIE EBENE DER GESCHICHTE

1.1 Theoretisches

Im Rahmen des stierleschen Modells der Struktur narrativer Texte wird die Geschichte als eine Vermittlungsinstanz zwischen dem konkreten Geschehen und dem abstrakten System von Konzepten verstanden, als die Organisation des Geschehens und der Konzepte auf einer „Achse der Narration“:

„Diese Achse der Narration, auf der die Geschehensmomente der Geschichte situiert sind, ergibt sich durch Differenz von Anfangspunkt und Endpunkt der Geschichte. Um jedoch überhaupt von Anfangspunkt und Endpunkt einer Geschichte reden zu können, bedarf es einer konzeptuellen Opposition auf der Zeitachse. Nur wenn sich etwas relevant verändert hat, verlohnt es sich, davon zu erzählen. [...] Die Geschichte erzählt, was die Differenz von Anfangspunkt zu Endpunkt bewirkt hat, und erklärt damit ihr Zustandekommen.“

(Karlheinz Stierle (1977): Die Struktur narrativer Texte, 216-217. In: Schwarze 1995a: 73-74).

1.2 In Les Conquérants

Die Ebene der Geschichte des Romans Les Conquérants„als sinnbestimmte Distanz und Differenz zwischen einem Anfangs- und einem Endpunkt auf der narrativen Zeitachse“ (Schwarze 1995b: 148) kann als eine zusammengefaßte Inhaltsangabe präsentiert werden.

Der Roman ist inhaltlich in drei Teilen gegliedert, deren Titel sehr aufschlußreich über den jeweiligen Inhalt sind (vgl. Frohock 1988: 6).

In Les approches (25. Juni - 7. Juli 1925) wird sozusagen die ‚Vorgeschichte‘ vorgestellt: hier werden die Figuren und ihre Konflikte eingeführt, die aktuelle Lage der revolutionären Bewegung dargelegt; die „Annäherungen“ können auch geographisch verstanden werden: langsam bewegt sich der Ich-Erzähler zum Ort des Geschehens (Kanton) und zur Hauptfigur (Garine) des Romans hin. Der Ich-Erzähler fährt nach Kanton, zu Garine, der dort die Propaganda-Abteilung leitet. In Zwischenstopps in Saigon und Hongkong trifft er sich mit den für den weiteren Verlauf des Romans unwichtigen Figuren Gérard und Meunier, die ihn in die gesamte Lage einweisen: die kritische Lage des revolutionären Kampfes gegen die ausländische Präsenz und die wachsenden Konflikte unter den Revolutionsmachern. Der Ich-Erzähler besucht den alten Anarchisten Rebecci und lernt den Trotzkisten Klein kennen, mit dem er nach Kanton weiterfährt; durch seine Erinnerungen wird der revolutionäre Werdegang Garines vorgestellt, erst jetzt wissen wir, daß der Ich-Erzähler und Garine sich kennen, daß Letzterer schwerkrank ist.

In Puissances (7. Juli - 14. Juli) kann man Garine in Aktion sehen, sowie die Konflikte der führenden Figuren unter sich. Garine will ein Dekret durchsetzen, das den Schiffverkehr zwischen Hongkong und anderen chinesischen Häfen einschränken und zum finanziellen Zusammenbruch der Kolonialgesellschaft Hongkongs führen würde. Der alte und einflußreiche Gelehrte Tcheng-daï setzt sich dagegen ein, was ihn unter den Revolutionären immer unbeliebter macht. Die Aktivitäten der Propaganda und der Armee werden dargestellt. Der Ich-Erzähler lernt den sadistischen Nicolaïeff kennen. Die terroristische Aktion um Hong spitzt sich zu, Hong wird dem Bolschewisten Borodine ein Dorn im Auge. Garines Gesundheitszustand verschlechtert sich, aber er weigert sich, nach Europa zur Behandlung zu fahren. Borodine kontrolliert beinahe die gesamte Armee.

In L’homme (14. Juli – 18. August) werden Fragen des menschlichen Daseins an sich und in bezug auf die Revolution erörtert. Hong läßt sich von Borodine und Garine lenken und ordnet die Ermordung Tcheng-daïs an. Seine Anhänger verbreiten die Nachricht seines Todes als den sich selbst aufopfernden Selbstmord eines Märtyrers, der für den Frieden stirbt; Garine läßt Plakate und Flugblätter drucken, daß Tcheng-daï von Agenten im Dienst der Engländer ermordet worden sei. Einige Terroristen werden festgenommen. Die Antwort kommt in Gestalt von Entführung und Ermordung von Geiseln, darunter Klein. Daraufhin wird Hong festgenommen und auf Borodines Befehl hingerichtet. Garine bricht endgültig mit Borodine. Sein Gesundheitszustand wird immer schlechter, was ihn zu persönlichen Bekenntnissen und Zweifeln führt. Endlich wird das Dekret erlassen. Erst jetzt, da die Zukunft der Revolution gesichert ist, willigt Garine ein, das Land zu verlassen. Für ihn ist es aber zu spät. Das revolutionäre Geschehen überleben nur Borodine, dessen Ausschaltung allerdings angedeutet wird, und Nicolaïeff, der brutale Polizeichef.

2. DIE EBENE DES DISKURSES

2.1 Theoretisches

In der Ebene des Diskurses wird die Geschichte realisiert. Hier sind Stierle zufolge zwei Unterebenen zu unterscheiden:

- Tiefendiskurs (discours I): „die Perspektivierung der narrativen Aussagen durch einen Erzähler“, der die „Selektion und Kombination von die Geschichte konstituierenden Geschehensmomenten“ vornimmt (Schwarz 1995a: 76);
- Oberflächendiskurs (discours II, Text der Geschichte): die „Einlösung und Materialisierung von Intention und Sinngebung nach den Möglichkeiten eines gegebenen Mediums“ (Schwarz 1995a: 77); im Roman: die Verwirklichung der Geschichte „nach den Möglichkeiten einer gegebenen Syntax und einer gegebenen Semantik“ (K. Stierle (1977): Die Struktur narrativer Texte, 224. In: Schwarze 1995a: 76).

2.2 In Les Conquérants

Die erste wichtige Feststellung, die man bezüglich der Erzählsituation in Les Conquérants anstellen kann, ist, daß sie ganz im Sinne des modernen Romans des 20. Jhs. nicht der ‘persönlichen’, ‘auktorialen’ Erzählsituation (vgl. Graevenitz 1995: 99) entspricht, wie das noch der Fall etwa eines André Gide in Les Faux-Monnayeurs ist.

In Les Conquérants handelt es sich um einen Ich-Erzähler, der allerdings sich nicht sehr einfach in eines der Schema einordnen läßt, die uns Graevenitz 1995 oder Todorov 1966 bieten.

Les Conquérants ist nämlich keine typische autobiographische Ich-Erzählung nach den gängigen Definitionen, wonach eine „Zusammengehörigkeit zweier Lebensstufen des Ich“ (Graevenitz 1995: 88) wie auch eine „existentielle Relevanz des Erzählten für den Ich-Erzähler“[1] ausschlaggebend sind im Gegensatz zur rein „literarisch-ästhetischen“ Motivation des auktorialen Erzählers (vgl. Graevenitz 1995: 89). Diese Eigenschaften sind auf jeden Fall in Ich-Erzählungen zu finden wie in Gides La Symphonie pastorale oder L’École des femmes. Aber in Les Conquérants ist alles anders.

Der Ich-Erzähler von Les Conquérants ist zwar eine der Figuren des Romans, doch sind die figurcharakterisierenden Informationen über ihn sehr spärlich. Er erzählt kaum etwas über seine Vergangenheit oder über seine aktuellen Gefühle und Gedanken; noch nicht einmal sein Name, eine wichtige Identifizierungs- und Identitätsinstanz, wird erwähnt; die Wörter „je“ und „moi“ kommen in den narrativen Sprechsituationen seltener vor als in einem auktorialen Roman.

Was der Leser über ihn erfährt, kann in ein paar Sätzen wiedergegeben werden: er stammt aus einer bürgerlichen Familie; seine Eltern waren Geschäftsleute in Haiphong, wo er von einer kantonesischen Amme erzogen wurde und so den Kanton-Dialekt erlernte; er war, wie Garine, eines Tages finanziell ruiniert und fährt nun zu Garine nach Kanton, wo er in der Propagandaabteilung tätig wird.

In nur einigen seltenen Stellen gibt er Auskunft über seine Eindrücke und Meinungen: so z.B. Überlegungen über den neuen, eher wirtschaftlichen als militärischen Krieg zwischen England (Hongkong) und China (Kanton) (z.B. in den ersten Seiten des Romanes); sein Staunen gegenüber als abergläubisch empfundenen Vorstellungen der chinesischen Revolutionäre (S. 58-59); seine abgespannte Langeweile in Hongkong und sein ungeduldiger Wunsch in Kanton zu sein (S. 73), die Isolierungs- und Entfremdungsgefühle gegenüber der Armut und den Armen, für die er kämpft (S. 290-291, 295); Entsetzen und Bestürzung bei der Besichtigung der von den Terroristen ermordeten und grauenhaft entstellten Geiseln (S. 275-276); die „tristesse inconnue[...], profonde, désespérée, appelée par [...] la mort présente...“, die er empfindet beim Abschied seines Freundes Garine, in dessen Augenausdruck er „une dure et pourtant fraternelle gravité“ erblickt (in den letzten Zeilen des Romans).

Es gibt nur eine nennenswerte Passage, in der er lange in den Erinnerungen schwelgt - aber nur um die Figur Garines und dessen revolutionären Werdegang zu präsentieren (S. 106-130). Alle andere Assoziationen mit vergangenen Ereignissen sind historischer, und niemals privat-persönlicher Natur.

Spätestens an dieser Stelle ist anzumerken, daß das einzige, was die Ich-Erzählung in Les Conquérants mit dem autobiographischen Modell gemeinsam hat, die Illusion von Wahrheit, der Eindruck von Authentizität ist. Ansonsten zieht der anonyme Erzähler seine Persönlichkeit dermaßen zurück (vgl. Frohock 1988: 6), daß er eher zu einer Funktionsfigur - und nicht Handlungsfigur -, sprich: zur reinen Erzählinstanz wird. Der Ich-Erzähler von Les Conquérants ist anwesend, aber bleibt stets im Hintergrund; seine Rolle ist mehr die des Vermittlers, des Berichterstatters.

Handelt es sich hier um einen ‘Ich-als-Augenzeuge-Erzähler’ (vgl. Graevenitz 1995: 89f.), bei dem die Ich-Perspektivierung vornehmlich die Funktion hat, der Erzählung den obenerwähnten Authentizitätscharakter zu verleihen (vgl. Autrand 1992: 34)? Es scheint, wenn man sich die Beschreibung Graevenitzens anschaut, so zu sein:

„Der Ich-Erzähler ist nicht mehr selbst Hauptheld des Erzählten. Das Ich ist eine Nebenfigur, die an den Ereignissen um den Haupthelden so viel Anteil hat, daß sie aus erster Hand von ihnen berichten kann, ganz so, wie sich etwa die Romane über Sherlock Holmes präsentieren“.

(Graevenitz 1995: 89f.)

Das Augenzeuge-Ich stellt nach Graevenitz eine Variante des auktorialen allwissenden Er-Erzählers dar (vgl. Graevenitz 1995: 90), welcher „so viel Distanz zum Erzählten [Hervorhebung im Original]“hat, „daß er es überblicken und von seinem übergeordneten Standpunkt aus organisieren kann“ (vgl. Graevenitz 1995: 93) . Ein Erzähler also, der das gesamte zu erzählende Geschehen in seinen kausalen und zeitlichen Zusammenhängen kennt und es auf der narrativen Zeitachse so einordnet, wie es ihm gut dünkt.

Und in der Tat:

- der Roman fängt in medias res an, mit der Nachricht von Streiks, ohne jedwede Erklärungen oder Erläuterungen zur (historischen) Vorgeschichte der Romanhandlung; der Leser muß sich gedulden und Spuren sammeln, bis allmählich klar wird, welches eigentlich das Hauptthema bzw. Hauptanliegen des Romans ist;
- „Il [le narrateur] supprime des épisodes, des personnages, des explications, et même des événements“ (vgl. Autrand 1992: 32);
- der Erzähler gibt erst nach fast 60 Seiten preis, daß er Garine, die Hauptfigur kennt;
- die Hauptfigur Garine tritt erst nach 87 Seiten, im 2. Teil des Romans auf;
- Hongs Hinrichtung wird fast nebenbei erwähnt;
- der Roman endet vor Garines Abreise und Tod u.a.

Allerdings ist der erste Eindruck, daß der Erzähler das erzählt, was er gerade sieht und hört, was er erlebt bzw. erzählt bekommt. Das ist eine gut gebaute Illusion, die verstärkt wird durch den Gebrauch vom présent historique und von der virtuellen Tagesbuchform (vgl. Frohock 1988: 6): die Abschnitte werden im 1. Teil mit Orts- und zeitangaben, wobei nicht nur der Tag und der Monat, sondern z.T. sogar die Uhrzeit angegeben werden (vgl. Autrand 1992: 38); selbst das Aufgeben dieser Angabengenauigkeit im 2. und 3. Teil, in denen die häufigste Überschrift „Le lendemain.“ lautet, vermittelt dem Leser einen Eindruck von Unmittelbarkeit zwischen Geschehen und Erzählen. Solange der Erzähler - im 1. Teil - nicht in Kanton, am Ort des Geschehens, ist, hat er die Muße, in seinem Berichterstatten akkurat zu sein, da er ja sich sogar langweilt; im 2. und 3. Teil herrscht ein Gefühl von Hektik, als ob sich die Ereignisse dermaßen überschlügen, als ob das ‚historische‘ Rad sich so rasch drehte, daß der Chronist die Geschehnisse wie in ein Notizbuch aufschriebe in der Absicht sie später herauszuarbeiten.

In dieser Hinsicht wäre genauso berechtigt die Auffassung, es handele sich bei Les Conquérants wenigstens z.T. um eine ‘personale’ Erzählsituation, in der sich der Erzähler an ein Stellvertreter-Medium bindet, wobei die Figur, die als Medium fungiert, eine „fortschreitende Kenntnis- und Bewußtseinserweiterung“ (Graevenitz 1995: 94) erfährt, was den Eindruck von Unmittelbarkeit der Wahrnehmungen herstellt. Dafür spricht der Satz, den der Ich-Erzähler seinem ersten Gesprächspartner Gérard gleich nach zehn Seiten sagt: „Je ne connais rien: j’arrive“ (S. 58). Dieser Satz charakterisiert den Ich-Erzähler, der zwar die Hauptfigur Garine kennt, aber nicht viel über den Stand der revolutionären Aktivitäten, ihre Protagonisten und auch kaum etwas über die jetzige Person Garine weiß. Am Ende des Romans hat er viel über beides, Revolution und Menschen, gelernt. Thema des Romans ist aber nicht die „Kenntnis- und Bewußtseinserweiterung“ des Ich-Erzählers. Außerdem herrscht in Les Conquérants nicht die Innenperspektive der ‘personalen’ Erzählsituation mit „Steuerung des Erzählens nach psychologischen Kriterien“ (Graevenitz 1995: 95), sondern vielmehr die Außenperspektive des ‘auktorialen’ Erzählers mit „Auswahl der Erzählgegenstände [...] von einem Fluchtpunkt her, der außerhalb [Hervorhebung im Original] der Romanfiguren und des erzählten Geschehens liegt“ (Graevenitz 1995: 95).

In Les Conquérants kann man aber auch Elemente der „Entpersönlichung des Darstellungsvorganges mittels der ‘Camera-Eye’-Technik“[2] erkennen, die für das Nouveau Roman charakteristisch ist und bei der die Differenzierung zwischen Ich- und Er-Perspektivierung überflüssig, weil rein grammatikalisch, wird. Der Ich-Erzähler in Les Conquérants äußert teilweise seine eigenen Ansichten und Eindrücke, aber es besteht bei ihm vorherrschend eine unbeteiligte Haltung des Registrierens und Wiedergebens gerade bei Schlüsselereignissen des Romans, die die Hauptfigur Garine betreffen, wie z.B. wenn Garine, um Informationen zu bekommen, einen Verräter erschießt (S. 312f.), über die Vergewaltigung unter Soldaten berichtet (S. 286f.), über die chinesischen Frauen ziemlich chauvinistisch redet (S. 210) oder die Ermordung Tcheng-daïs durch Hong vorschwebt (S. 209). In diesen Momenten scheint der Ich-Erzähler zu sagen: „I am a camera with its shutter open, quite passive, recording, not thinking“ (vgl. Graevenitz 1995: 96). Der Leser wird allein gelassen, muß selber Überlegungen darüber anstellen und zusehen, wie er das Ganze ins Bilde des Humanisten hineinkriegt.

Dadurch bekommt der Leser aber auch einen ziemlich plastischen Eindruck des Geschehens, wie wenn man ein Theaterstück oder einen Film sieht. Diese plastische Darstellung, die nach Carassus (1982: 471) für den Roman aus der Zwischenkriegszeit charakteristisch ist, ergibt sich in Les Conquérants auch aus den zahlreichen kurzen, parataktischen Sätzen, oft ohne finite Verbform bzw. in présent historique (vgl. Frohock 1988: 6f.), was an Anweisungen für ein Theaterstück oder an Drehbücher denken läßt.

In zahlreichen Stellen, auch in darstellenden Sprechsituationen, befinden sich allerdings, wie es auch bei Sartre oder Camus der Fall ist, politische und philosophische Überlegungen in einer logisch-argumentierenden, gepflegten Sprachform, wie sie für Essays und Abhandlungen typisch ist (vgl. Carassus 1982: 472, 491). Dieses essaistische Element ist übrigens eine Konstante in der malrauschen Romanschaffung.

3. DIE EBENE DES GESCHEHENS

3.1 Theoretisches

Stierle zufolge fungiert die Ebene des Geschehens (zusammen mit den Konzepten) als die ebene, auf der alle andere Ebenen basieren, und die durch die Geschichte interpretiert und sichtbar gemacht wird. Das Geschehen zeichne sich durch seinen „sinnindifferenten“, „unartikulierten“, „elementaren“ und „diffusen“ Charakter aus (vgl. Schwarze 1995a: 72).

Es soll hier der Versuch unternommen werden, für Les Conquérants die Ebene des Geschehens als „ein Potential von Ereignissen, Figuren, Räumen und Gegenständen“ (Schwarze 1995a: 72) darzulegen.

3.2 In Les Conquérants:

In Les Conquérants stellen folgende Elemente „den Spielraum (die Darstellungsmöglichkeiten) für die Konstruktion einer Geschichte bereit“ (Schwarze 1995b:148):

- fiktive, historische und autobiographische Geschehensmomente v.a. aus der Sphäre der revolutionären Handlungswelt - übrigens als eine ausschließliche Männerwelt dargestellt[3] - im allgemeinen Geschehensrahmen: Kampf der südchinesichen Kuomintang -Regierung in Kanton, unterstützt von der Sowjetunion, im Jahre 1925 gegen die Präsenz der Großmächte (allen voran Großbritannien), mit Berücksichtigung folgender Aspekte: Werdegang der unterschiedlichen Revolutionärentypen, Beziehungen derselben untereinander innerhalb der Organisation revolutionärer Aktivitäten und ihre Zukunfts- und Überlebenschancen innerhalb des revolutionären Geschehens, das immer stärker vom Komintern und der Sowjetunion bestimmt wird;
- Geschehensmomente aus der Sphäre des allgemeinen menschlichen Daseins;
- Geschehensmomente aus der Sphäre männlicher Freundschaft;
- Geschehensmomente, die sich aus dem Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturwelten (Abendland und Morgenland) ergeben;
- Geschehensmomente, die sich aus den ungleichen Beziehungen zwischen einer unterworfenen Zivilisation (China) und einer Großmacht (v.a. England) ergeben.

a) Politik und Literatur.

Malraux ließ sich, wie man sieht, in seinem ersten Roman, 1928 erschienen, von einem in den zwanziger Jahren aktuellen Geschehensrahmen inspirieren: die politischen Ereignisse in Südchina, die in Europa nach dem Ersten Weltkrieg und der Oktoberrevolution die Gemüter bewegten.

Diese geschichtlich-aktuelle Komponente ist eine Konstante in der malrauschen Romanschaffung, im Hintergrund seiner Erzählungen stehen doch brisante historische Gegebenheiten, die die erste Hälfte unseres Jahrhunderts prägten: der Kampf gegen die ausländische Präsenz in China[4] (Les Conquérants von 1928, La Condition humaine von 1933[5] ), das französische Kolonialregime in Indochina (La Voie royale von 1930[6] ), die revolutionären und antifaschistischen Gewerkschaftsaktivitäten der deutschen Kommunisten (Le Temps du mépris von 1935), der spanische Bürgerkrieg (L’Espoir von 1937[7] ), der Erste Weltkrieg (Les Noyers de l’Altenburg von 1943).

Malraux verknüpft mit seiner politisierten Romanschaffung an einer für Jurt (1982) typisch französischen Tradition: der kritischen Auseinandersetzung der Schriftsteller mit politisch-sozialen Fragen, die spätestens seit Voltaire fast alle Epochen der französischen Literatur bezeichnet und in anderen Ländern wie z.B. Deutschland bis in die dreißiger Jahre unseren Jahrhunderts hinein nur vereinzelt vorhanden ist (vgl. Jurt 1982:134f.).

Allerdings setzt sich Malraux bereits mit seinem ersten Roman einer in den goldenen zwanziger Jahren herrschenden Literaturprägung entgegen, die nicht mehr von dem öffentlichen Engagement der Intellektuellen der Vorkriegszeit bestimmt wurde (vgl. Carassus 1982: 483f.). Wenn die literarische Schöpfung und auch das Leben der Autoren um die Jahrhundertwende und in den Jahren vor und während des Ersten weltkrieges noch stark beeinflußt waren vom öffentlichen Geschehen – man denke an den J’accuse Zolas oder an die Erzählung Crainquebille von Anatole France anläßlich der Dreyfus-Affäre; man denke aber auch an die nationalistische Gesinnung eines Barrès -, herrscht in den années folles entweder eine Distanzierung zur Welt und den gesellschaftlichen Problemen - mit Autoren wie Proust, Valéry, Gide, Martin du Gard – bis hin zu einem bewußt apolitischen Programm - wie bei Julien Benda - (vgl. Jurt 1982: 136f.); oder die surrealistische Suche, im Anschluß an die Psychoanalyse Freuds, nach der eigentlichen Wirklichkeit des Menschen (der Überwirklichkeit) im Unbewußten - mit Cocteau, Breton, Aragon u.a. - (vgl. Carassus 1982: 478f., 481f.); oder noch die abenteuerlustige Flucht in exotische oder phantastische Schauplätze wie es der Fall von Pierre Benoit oder Victor Segalen ist (vgl. Carassus 1982: 475f.)

In Les Conquérants sind die Elemente Exotik und Abenteuer auch präsent, aber bloß als Hintergrund zur Auseinandersetzung mit der Revolution des Proletariats und mit den unterschiedlichen Ausprägungen revolutionärer Haltung. In diesem Zusammenhang kann man Les Conquérants als eine Verbindung zu den Autoren der älteren Generationen ansehen, dessen politisierte Gesinnung im Rahmen ihrer Kriegserlebnisse und ihrer Beziehungen zur KP in den zwanziger Jahren zwar weiterhin präsent, aber nicht mehr maßgebend war. Es handelt sich hier sowohl um Schriftsteller mit einer Anti-Kriegs-Einstellung, die sich dadurch der KP näherten, wie Barbusse, Romain Rolland. R. Lefebvre, Vaillant-Couturier, A. France, George Duhamel, Jules Romains (vgl. Jurt 1982: 140f., Carassus 1982: 485f.), aber auch um Autoren, die im Krieg positive Werte und Tugenden zu finden glaubten, wie Joseph Kessel, Joseph Jolinon, Alexandre Arnoux, Drieu La Rochelle oder Montherlant (vgl. Carassus 1982: 475).

Gleichzeitig kann man Malraux, mit Les Conquérants, als einen der Vorreiter einer literarischen Epoche bezeichnen, die sich durch politisches Engagement charakterisieren läßt: der in den zwanziger Jahren noch herangehenden littérature engagée, die v.a. in den dreißiger Jahren mit dem Aufstieg des Faschismus ihren Höhepunkt erreichen sollte (vgl. Jurt 1982: 144; Carassus 1982: 486f.). Das politische Geschehen, v.a. nach der Machtübernahme durch Hitler, sollte Schriftsteller unterschiedlicher Herkunft, Tendenz und Generation einer zweiten ebenfalls politisierten, allerdings konservativ-reaktionären Gruppe von Intellektuellen gegenüberstellen. So befanden sich auf der einen Seite militante Mitglieder der KP – wie z.B. Barbusse, Nizan oder Aragon, nach dessen Bruch mit den Surrealisten -, sog. proletarische Schriftsteller – wie Henry Poulaille, Tristan Rémy, Giono -, Weggenossen des antifaschistischen Kampfes – wie Malraux und Gide -, ehemalige Träger des rechtsextremen Gedankenguts – wie Bernanos – und auf der anderen Seite militante Vertreter des intellektuellen Faschismus – wie z.B. Drieu La Rochelle (vgl. Jurt 1982: 146f., Carassus 1982: 486f.). Aber selbst innerhalb der linksgerichteten Schriftstellergruppe hebt sich Malraux ab durch den in seinen Romanen immer gegenwärtigen Aktualitätsbezug (vgl. Autrand 1992: 23f.), während etwa Nizan und Aragon lieber historische Gegebenheit aus der Vorkriegszeit thematisierten (vgl. Jurt 1982: 170.).

b) Autobiographie und Literatur.

Dieser typisch malrausche Aktualitätsbezug im Roman erklärt sich dadurch, daß bei Malraux politisches Engagement und Abenteuerlust nicht bloß theoretisch waren, so daß seine Erzählungen nicht nur auf Zeitungsartikeln und beflügelter Erfindungsgabe basierten. Dieser Schriftsteller, dessen zwanzigster Todestag am 23. November 1996 mit der Überführung seiner Überreste ins Panthéon gefeiert wurde, hat selbst, als aktiver Teilnehmer oder wenigstens hautnah, mehrere der historischen Hintergründe erlebt, die er in seinen Romanen darstellte. Diese Überführung eigener Erfahrungen in die Fiktion, die keineswegs ein Novum bedeutet, ist bei Malraux, wie Drieu La Rochelle hervorhebt, besonders ausgeprägt:

„Malraux, comme la plupart des Français, n’a point d’invention. Mais son imagination s’anime sur les faits. On a le sentiment qu’il ne peut guère s’écarter de faits qu’il a connus.“

(Drieu La Rochelle [1930]: 248).

Zu der Zeit, in der die Handlung von Les Conquérants spielt – 1925 –, befand sich Malraux zum zweiten Mal in Indochina: er gab in Saigon eine proannamitische Zeitung namens L’Indochine enchaînée heraus. Malraux ließ „aus einem mythomanischen Bedürfnis heraus“ (Jurt 1982: 170) bis zu seinem Tode glauben, er habe sich an den revolutionären Aktivitäten der Kuomintang -Regierung in Südchina beteiligt (vgl. Autrand 1992: 43); sein Biograph Lacouture, bewies dennoch das Gegenteil, wie Jurt (1982) informiert; die in seinen beiden China-Romanen festzustellende Fülle an Einzelheiten ist Korrespondentenberichten zu verdanken (vgl. Jurt 1982: 170f.).

Aber was die Abenteuer seiner anderen Romane angeht (außer Les Noyers de l'Altenburg), die basieren vielfach auf tatsächlichen Erfahrungen: bei seinem ersten Aufenthalt in Indochina (1923-1924), nach seinem finanziellen Ruin, suchte Malraux mit seiner Frau Clara und dem Freund Louis Chevasson, wie Perken und Claude in La Voie royale, im kambodschanischen Dschungel nach einem verschollenen Khmer -Tempel mit seinen Kunstschätzen (vgl. Jurt 1982: 168; Autrand 1992: 15f.); er kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg, wie Garcia und Manuel in L’Espoir.

So ließ der am 3. November 1901 in Paris geborene Schriftsteller mehrere persönliche Erlebnisse in seine Romane hineinfließen, allerdings nicht ohne eine gewisse literarische Verfeinerung und Veredelung der wirklichen, als Vorlage dienenden Umstände.

Das Verfahren wegen Kunstraubes etwa, das Malraux mit 23 Jahren in Pnom-Penh im anschluß an seine archäologische Expedition erlebt hatte (vgl. Jurt 1982: 168), wird in Les Conquérants wiederaufgenommen, allerdings in umgearbeiteter Form, so daß der Angeklagte Garine wegen einer Tat vor Gericht kommt, die besser ins Bild des Revolutionären paßt als ein Kunstraub: Garine wird kurz vor dem Ersten Weltkrieg von einem bürgerlich-konservativen Gericht – wie sein Schöpfer auch auf Bewährung - verurteilt, da er finanzielle Hilfe an mittellose abtreibungswillige Frauen gewährleistet hatte (Les Conquérants: 110f.).

Wie sein Schöpfer hat auch Garine seinen Lebensunterhalt aus Spekulationen an der Börse bestritten, bis er finanziell ruiniert war und sich danach mit einem Verlag beschäftigt hat, der allerdings politische Publikationen herausgab (Les Conquérants: 116.), und nicht etwa erotische – Malraux hatte sich nämlich zusammen mit seiner Frau vor seiner ersten Asien-Reise mit erotischen Veröffentlichungen einen Nebenverdienst verschafft (vgl. Autrand 1992: 15).

Auch Garine zieht es nach dem finanziellen Ruin nach Asien – nicht ohne eine Zwischenstation als Fremdenlegionär im Ersten Weltkrieg (Les Conquérants: 115f.), wofür sein Schöpfer noch zu jung gewesen war.

Garines Motivationen, nach Asien zu ziehen, sind denjenigen Malraux‘ ähnlich: Abenteuerlust und finanzieller Vorteil (vgl. Jurt 1982: 168). Aber die Aufgaben, die Garine in Kanton übernimmt, sind wiederum weltbewegender als die einer privaten archäologischen Forschungsreise mit Blick auf pekuniären Verdienst: als Gesandter der Kommunistischen Internationalen bezieht Garine den Posten des Propagandaleiters in der von Sun Yat-sen gegründeten demokratischen Republik und kämpft dadurch um die Befreiung Chinas von dem englischen Kolonialismus (Les Conquérants: 119f.).

Zusammenfassend kann man also Les Conquérants als Verflechtung von Fiktion, Zeitgeschichte und Autobiographie ansehen. Dies ist auch bezüglich der Konzepte festzustellen, wie es der nächste Abschnitt zeigt.

4. KONZEPTE

4.1 Theoretisches

Eine weitere Voraussetzung für „die narrative Organisation“, d.h. für die Geschichte, stellen, Stierle zufolge, die Konzepte dar, die zueinander in einer Oppositionsbeziehung stehen „und die die abstrakteste Fundierungsebene der Geschichte ausmachen“[8], während das Geschehen als eine konkrete Komponente angesehen wird (vgl. Schwarze 1995a: 74).

Schwarze (1995a: 75), der den zeitenthobenen Charakter der Konzepte herausstellt, weist darauf hin, daß die „narrative Achse“ der Geschichte erst durch die Konzepte entsteht, da diese „selbst das eigentliche Thema der Geschichte werden [Hervorhebung im Original]“.

Im folgenden werden die Konzepte in Form abstrakter Begriffsoppositionen aufgelistet, dann durch die Figurencharakterisierung vergegenständlicht.

Diese Beschreibung der Romangestalten verwirklicht sich über ihre Handlungen. Unter Handlungen werden hier die Reaktionen der Figuren auf Geschehnisse und Zustände verstanden. Typen von Handlungen sind „Aktionen, nonverbale Akte, Sprechakte, Gedanken, Gefühle, Empfindungen, Sinneseindrücke“; Geschehnisse und Zustände beziehen sich auf „politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche Bedingungen, Moralvorstellungen, Ideologien, aber auch Zufälle, ‚Schicksalsschläge‘ o.ä., gar Klima- und Wetterbedingungen“ (vgl. Schwarze 1995b: 146). In diesem Zusammenhang spielen auch die Vorbedingungen der Handlungen als „Fähigkeit zu handeln, Bedürfnis, Motivation, Intention, Handlungsrolle“ (vgl. Schwarze 1995b: 148) eine wesentliche Rolle.

Man kommt hierbei nicht um eine Aufeinanderbeziehung von Geschehen, Konzepten und Geschichte herum. Dies entspricht eher dem Modell Seymour Chatmans[9], in welchem die „events“ (Handlungen, Geschehnisse und Zustände), die „existents“ (Figuren, Räume und Gegenstände) und die Konzepte zusammen die Inhaltsseite narrativer Texte (=die Geschichte) bilden, im Gegensatz zur Ausdrucksseite (=dem Diskurs).

4.2 In Les Conquérants

a) Begriffsoppositionen.

Die „narrative Achse “, aber auch die Charakterisierung der Figuren von Les Conquérants entstehen durch folgende konzeptuelle Oppositionspaare:

* Mensch/Leben im allgemeinen und Mensch / Gesellschaft im besonderen;

* Menschlichkeit/Revolution und dabei: Individuum/Kollektivität, Individualität/Revolution, Individualität/Disziplin, Handlung/Doktrin, Revolte/Revolution, Absurditätsgefühle/Aktion, private Sphäre/Revolution, Prinzipien/Revolution; auch: Mut/Skrupellosigkeit, Selbstlosigkeit/Skrupellosigkeit.

* Leben/Tod und dabei: Leben/Krankheit, Leben/Verfall, Leben/Selbstmord;

* Okzident/Orient und dabei: Übermacht/Unterwerfung, Christianismus/Buddhismus, einmaliges Leben/Reinkarnation, Demokratie/Tradition, Revolution/Tradition, Kampf/Pazifismus, Aktion/Mystizismus, politische Überzeugungen/Mystizismus;

* Armut/Reichtum und dabei: gut/böse, Nichtleben/Leben, Selbstverachtung/Selbstachtung, menschlich/unmenschlich;

* Mann/Frau und dabei: Aktion/Funktion,

b) Figurencharakterisierung.

In Les Conquérants, (wie auch in La Condition humaine und L'Espoir) stellt uns Malraux die unterschiedlichsten Typen revolutionärer Einstellung und Handlungsweise vor, die aus dem Marxismus hervorgegangen sind (vgl. Jurt 1982: 171); er vergleicht diese Haltungen miteinander und diagnostiziert mit bitterer Scharfsinnigkeit ihre Durchsetzungs- und Überlebenschancen innerhalb des revolutionären Kampfes, der – nicht nur in Südchina[10] – immer stärker von sowjetischen Agenten verwaltet wird.

Diesen unterschiedlichen Typen sind zwei Haupttypen zuzuordnen, die nach einigen Seiten des Romans vor- und gegenübergestellt werden: die erste Gruppe ist die der Abenteurer, der Eroberer, deren revolutionäre Aktion im Rahmen des Voluntarismus als Mittel der Sinngebung zu verstehen ist: sie streben an, durch die Aktion ihrem als absurd empfundenen Leben einen Sinn zu verleihen; die zweite ist die der Berufsrevolutionäre, der Funktionäre, für die die Revolution die eigentliche Finalität ist, die alle Mittel, auch die Gewalt, heiligt (Les Conquérants, S. 62; vgl. Autrand 1992: 44, Jurt 1982: 171, Berl [1929]: 372; Gaillard 1982: 551; Frohock 1988: 10).

In gewisser Hinsicht kann man sagen, daß all diese Typen jeweils überspitzten Darstellungen von Facetten des Protagonisten Garine entsprechen (vgl. Moatti 1987: 255f., 260f.; Autrand 1992: 11), die Ausschaltung mehrerer dieser Figuren durch Tod bzw. freiwillige oder auferlegte Tatenlosigkeit stellen das langsame Sterben Garines dar, das sich durch den ganzen Roman hindurchzieht.

i) Rebecci, der ehemalige Anarchist.

Der betagte Italiener Rebecci, der gegen 1895 militanter Anarchist gewesen war und auf Hong starken Einfluß ausübt, stellt den Revolutionär in seiner ursprünglichsten Form dar. Aber Malraux läßt ihn als gescheiterten Revolutionär erscheinen, der nicht mehr in den revolutionären Rahmen paßt, der aus der Oktoberrevolution hervorging, als anachronistischen Helden, der an seine Vergangenheit „avec fierté mais avec tristesse“ (Les Conquérants: 74) denkt, da sein gegenwärtiges sinnloses Dasein seinen Jugendhoffnungen nicht entspricht (vgl. Autrand 1992: 37; Moatti 1987: 259).

Wie Garine ist er ein homme d’action, für den die revolutionäre Praxis – und insbesondere die terroristische Tätigkeit – wichtiger ist als jedes Dogma; davon überzeugt er Hong, den er wie einen Sohn liebt, mit folgenden Worten:

„Voilà: qué si tu fous une bombe dessus le magistrat, comprends-tu, il en crève, et c’est biein. Mais qué si tu fais un journal pour qué la doctrine elle soit connue, tout le monde il s’en fout...“

(Les Conquérants: 78)

Trotzdem hat Rebecci klare Prinzipien, auf die er nicht verzichten will: er lehnt einen wichtigen Posten bei der Polizei Sun Yat-sens ab, da er es für unwürdig hält, andere Menschen, darunter sogar Parteigenossen, zu überwachen, zu spionieren, zu foltern. Insofern bildet Rebecci einen Gegensatz zum Hardliner Borodine, aber v.a. zu Nicolaïeff, dem skrupellosen und sadistisch veranlagten Polizeichef.

Rebecci - der nur im ersten Teil des Romans einmal auftritt, und im wesentlichen in Gérards Récit präsentiert wird - stellt in gewisser Hinsicht die beste Seite Garines dar, dem vorgeworfen wird, zu human im Umgang mit den Menschen zu sein.

Der altmodische Idealist und Romantiker – eines seiner Lieblingsbücher ist Les Misérables – wird von Malraux als trauriger Sonderling dargestellt, was als Symbol dafür steht, daß für ihn kein Platz in der Revolutionswelt ist, die von bolschewistischen Agenten bestimmt wird. Seine Ideen werden von Hong weitergeführt.

ii) Hong, der Anarcho-Terrorist.

Hong wird als ein junger Chinese mit stets zerzausten Haaren und hübschem Gesicht vorgestellt. Er ist der Terroristenanführer.

In ihm demonstriert Malraux die dramatischen Ausmaße der Opposition Okzident/Orient. Mit Rebecci lernt Hong das abendländische, christliche Prinzip des einmaligen Lebens, dadurch kommt er auf den Gedanken der Individualität. Dies verändert seine Haltung gegenüber dem Tod grundlegend: er fürchtet sich weiterhin nicht davor, er hat aber jetzt entsetzliche Angst, einen sinnlosen Tod zu sterben, Angst, sein einmaliges Leben zu vergeuden:

„Tout état social est une saloperie. Sa vie unique. Ne pas la perdre, voilà.“

(Les Conquérants: 223).

Obwohl er, wie Garine, an kein politisches System glaubt (vgl. Moatti 1987: 270), bewegt ihn der Drang, seinem Leben einen Sinn zu geben: aus der Masse der Elenden herauszukommen und zur individuellen Würde zu gelangen, wie sie die Reichen besitzen. Aus extrem armer Herkunft, haßt Hong die Reichen nicht etwa weegen ihrem Geld oder Glück, sondern eben wegen ihrem Gefühl der eigenen Würde, das den Armen verwehrt wird:

„Un pauvre [...] ne peut pas s’estimer.“

(Les Conquérants: 218).

Daher rührt sein manichäistisches Weltbild: die Guten (die Armen) und die Bösen (die Reichen aber auch die europäischen Missionare, die die Resignation predigen):

„Il n’y a que deux races, dit-il [Hong] , les mi-sé-ra-bles et les autres.“

(Les Conquérants: 217).

In dieser Hinsicht ist Hong Garine, aber v.a. Klein ähnlich, da dieser nur große Verachtung für die Bourgeoisie übrig hat, während die Armen sein Mitgefühl und Einsatz verdienen.

Hong hält wie sein Mentor Rebecci an seinen Grundsätzen fest. Deshalb ordnet er die Ermordung selbst an reichen Chinesen an, die aus nationalistischen Gründen die revolutionäre Kuomintang -Regierung finanziell unterstützen, und auch an dem Pazifisten Tcheng-daï, weil dieser sich gegen den bewaffneten Kampf einsetzt:

„[...] Il faut commencer par guillotiner le roi, toujours.[...] Quand il paie. Et quand il ne paie pas. Et que m’importe qu’il paie?“

(Les Conquérants: 221)

Hong interessiert sich nicht für die Mäander der Politik und für Ideologien. Hong ist die Seite Garines, die an keine Doktrin glaubt, die die bolschewistische Disziplin nicht aushält, die die gesellschaftliche Ordnung nicht ändern will, im Grunde genommen von der eigenen Aktion besessen ist, und nicht so sehr von den Ergebnissen dieser Aktion.

Mit seinem Ungehorsam und seiner Undiszipliniertheit, mit seinem inbrünstigen Drang nach Individualität paßt auch Hong nicht in die bolschewistische Revolutionswelt, die, wie er, brutal aber korrupt ist. Und Hong ist, wie jeder Fanatiker, ein unkorrumpierbarer Romantiker.

Aber auch wie jeder Fanatiker läßt sich Hong vom Komintern lenken und ordnet die Ermordung an Tcheng-daï an, die genauso wie seine eigene Hinrichtung auf Befehl Borodines als Symbol zu den stalinistischen Säuberungsaktionen interpretiert werden kann.

iii) Tcheng-daï, der nationalistisch-demokratische Pazifist.

Tcheng-daï ist ein altehrwürdiger chinesischer Gelehrter, den seine Freunde „den chinesischen Gandhi“ nennen. Mitgründer der Kuomintang, setzte er sein ganzes Vermögen ein, um verfolgten Mitgliedern der Partei zu helfen. In dieser Hinsicht stellt Tcheng-daï die selbstlose Seite Garines dar, der, als er noch in Europa lebte, junge schwangere Frauen finanziell unterstützte, die nicht in der Lage waren, selbst eine Abtreibung zu bezahlen.

Er ist ein Pazifist, für den der größte moralische Wert die justice darstellt, als Gerechtigkeit wie als Rechtspflege:

„ [...]j’ai la conviction, que le mouvement du parti ne sera digne de ce que nous attendons de lui qu’à la condition de rester fondé sur la justice.“

(Les Conquérants: 171).

Tcheng-daï möchte sein Land vom ausländischen Einfluß befreien, in dieser Hinsicht läßt er sich von nationalistischen Gedanken leiten, die sich auf die chinesische Tradition beziehen. Die Mittel dafür dürfen für ihn aber weder der von Hong organisierte Terror sein, noch der von Garine plädierte wirtschaftliche Boykott gegen die Engländer.

Sein Traum ist der eines Chinas, das seine Autonomie nicht nur gegenüber den kapitalistischen Großmächten, sondern auch gegenüber der Sowjetunion wiedererlangt, und zwar durch friedliche Mitteln, die er, zwar berufend auf einen demokratisch anmutenden Begriff von justice, allerdings nur vage formuliert.

Wie Gandhi, den er bewundert, lehnt Tcheng-daï alle Vorgehensweisen ab, die sein Land in den internationalen oder den Bürgerkrieg schleudern könnten:

„Si Gandhi n’était pas intervenu, [...] l’Inde, qui donne au monde la plus haute leçon que nous puissions entendre aujourd’hui, ne serait qu’une contrée d’Asie en révolte...“

(Les Conquérants: 175).

Als Kompromißlösung scheint er es eher vorzuziehen, daß sich China weiterhin unter dem Kolonialjoch abendländischer Großmächte befindet, als daß die kommunistische Gesellschaftsform an seinem Volk herumexperimentiert wird:

[...] je ne puis voir sans regret mes compatriotes transformés... en cobayes...“

(Les Conquérants: 173).

Garine erscheint als sein großer Kritiker und wirkt oft dabei so, als ob er sich selbst kritisierte (vgl. Moatti 1987: 268). Tcheng-daïs Selbstlosigkeit ist Garine zufolge ein selbstsüchtiges Schauspiel:

„[...]il y cherche la preuve de sa supériorité sur les autres hommes.“

(Les Conquérants: 153).

Garine, dem der Erfolg seiner eigenen Handlung selbst gleichgültig ist, wirft Tcheng-daï vor, das Ziel seines Engagements aus den Augen verloren zu haben, dieses Engagement als das Ziel zu bewerten:

„Il est beaucoup plus attaché à sa protestation que décidé à vaincre.“

(Les Conquérants: 151).

Tcheng-daï besitzt keinen offiziellen Posten in der Kuomintang, übt aber einen starken moralischen Einfluß auf deren rechten Flügel aus. Diesen Einfluß setzt er gegen Garines Boykott-Dekret, die Terroristen und die Komintern ein. Auf diese Weise wird er zur Zielscheibe der Terroristen und der Bolschewisten.

Mit seiner sanften, friedseligen und demokratischen Haltung hat Tcheng-daï, der ausgerechnet den rechten Flügel der Kuomintang darstellt, auch keine Überlebenschancen in der Revolution, was durch seinen Tod durch die von den Bolschewisten ausgenutzten Terroristen symbolisiert wird.

iv) Klein, der Trotzkist.

Der deutsche Klein, einer der Streikorganisatoren in Südchina, stellt die humanistische Seite Garines dar, wobei Malraux ihn, wie Rebecci als Wunderling vorstellt.

Mit Hong hat er gemein, daß er, wie es nur angedeutet wird, sich vor Anfang der Romanhandlung an terroristischen Aktionen beteiligt haben soll.

Gleichfalls wie Hong haßt er die Bourgeoisie und seine Solidarität mit den Armen ist unverkennbar. Sein Weltbild ist dadurch gleichfalls manichäistisch:

„[...] il y a trop de la misère, pas seulement manque d’argent, mais... toujours, qu’il y a ces gens riches qui vivent et les autres qui ne vivent pas...“

(Les Conquérants: 104)

Aber er sieht weiter als Hong. Wie Garine, erkennt Klein bei den Armen eine Menschlichkeit, die unter den Reichen nicht gegeben ist; und zwar eine Menschlichkeit, die meistens abhanden kommt, sobald die Armut beseitigt wird:

„Au fond de la misère, il y a un homme, souvent... Il faudrait garder cet homme-là, après que la misère est vaincue... c’est difficile...“

(Les Conquérants: 104).

Klein hat vor Anfang der Romanhandlung sich zu töten beabsichtigt. Daß er seinen Vorsatz doch nicht verwirklichte, erklärt sich nicht etwa durch Feigheit, sondern durch plötzliche Erkenntnis über die Sinnlosigkeit des Freitodes. Darin kann man sicherlich die Ablehnung Malraux‘ gegenüber dem Selbstmord sehen, selbst beim tiefen Absurditätsgefühl, das den Romancier selbst aufhetzte und das er in mehrere seiner Figuren durchsickern ließ. Vielleicht dachte Malraux dabei auch an seinen Freund René Latouche, der sich das Leben genommen hatte und dem er Les Conquérants widmete (vgl. Autrand 1992: 377; Moatti 1987: 274).

Der Trotzkist wird am Ende auch eliminiert: er wird als Geisel genommen, gefoltert, grausam verstümmelt und getötet von denjenigen, denen er ideologisch am nächsten stand: den Terroristen um Hong. Sein Tod kann als die Vernichtung des Menschlichen durch den revolutionären Fanatismus ausgelegt werden, oder - wie von Jurt (1982: 172) hingewiesen – als Beweis dafür, wie eine „blinde Gewalt“„kontraproduktiv“ sein kann.

v) Garine, der widersprüchliche Humanist.

Unter 3.2 wurde eine erste Annäherung an den ersten Alter Ego Malraux‘ versucht, in der Parallele zwischen Fiktion, Geschichte und Leben, in erster Linie bezogen auf den Geschehensrahmen, gezeichnet wurden.

In dem jetzigen Abschnitt, in dem es um konzeptuelle Fragen geht, wurde bis jetzt die Figur des Garine bereits durch die Charakterisierung anderer Figuren weiter vorgestellt. Ich habe versucht, die allgegenwärtige malrausche Beziehung zwischen Biographie und Kunstwerk nicht aus den Augen zu verlieren. Im folgenden wird dieses Verhältnis allerdings noch einmal in den Vordergrund gerückt.

Für Garine ist die Verhandlung wegen der Abtreibungsaffäre ein Schlüsselereignis: er wird, wie Malraux beim Gerichtsprozeß in Pnom-Penh, zum erstenmal mit der allgemein anerkannten Gesellschaft konfrontiert, die ihm grotesk erscheint, wobei die „impression d’absurdité“, die er gegenüber sozialen Formen bereits hatte, von da an für das gesamte menschliche Leben gilt (Les Conquérants: S. 236) (vgl. Jurt 1982: 168). Wie Frohock es formuliert:

„The (to him [Garine] disproportionate) penalty for his offense had finished the job of convincing him of the absurdity of his plight.“

(Frohock 1988: 10).

Seine Suche nach Abenteuer und finanziellem Verdienst in Südchina ist, wie auch bei Perken und Claude, nicht ohne metaphysische Füllung zu denken: ihn bewegt eine Revolte, ein tiefgehendes Gefühl von Absurdität des Lebens, das unabdingbar dem Verfall und dem Tod geweiht ist, und der menschlichen Gesellschaft, die nicht zu verbessern sei. Paradoxerweise wird der Mensch dadurch zu einer Aktion geführt, die selbstlos und somit lebensgefährlich ist, durch welche aber der Mensch den Tod herauszufordern sucht, in der Hoffnung, dem Leben dadurch einen gewissen Sinn verleihen zu können (vgl. Moatti 1987:273; Gaillard 1982: 549f.; Frohock 1988: 5; Débat [1929]: 293f.).

Vielleicht hatte Malraux bei seiner archäologischen Reise auch diese individuelle nonkonformistische Revolte-Haltung zur Aktion gedrängt. Nach seinem Kontakt mit dem korrupten und brutalen Kolonialregime in Französischindochina entdeckte Malraux aber, daß diese Aktion nicht nur durch den romantisch-abenteurlichen und individualistischen Charakter des dépaysement und der archäologischen Suche verwirklicht werden kann, sondern auch durch revolutionäre und somit kollektive Betätigung gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Daß Revolte-Haltung zu revolutionärer Betätigung führen kann, glaubte Malraux selbst in seinen letzten Jahren:

„Le révolté pour son propre compte s’oppose pourtant moins clairement qu’on ne l’a dit au révolutionnaire, car la cause de sa révolte peut agir sur beaucoup d’hommes auxquels elle l’unira.“

(Malraux [1974]: 9).

Bei seinem zweiten Aufenthalt in Indochina gab Malraux die obenerwähnte proannamitische Zeitung heraus und entdeckte dabei den Wert der „Solidarität der politischen Aktion“ (vgl. Jurt 1982: 169; Autrand 1992: 16), die seine Romane und sein Leben bis zum Zweiten Weltkrieg prägen sollte.

Sein Held Garine ist allerdings noch nicht von diesem Gefühl von Solidarität und Brüderlichkeit in der revolutionären Aktion beseelt, die den bewaffneten Kampf miteinbezieht, wie die Helden von La Condition humaine, aber v.a. Kassner in Le Temps du mépris oder Garcia und Manuel in L’Espoir. Garine hatte, noch in Europa (es war das Jahr 1914), unter den Anarchisten „l’espoir d’un temps de troubles“ (Les Conquérants: 108) gesucht. Später näherte er sich den Bolschewisten. Auch der Romancier näherte sich nach 1925 aber v.a. nach 1933 dem kommunistischen Gedankengut und der Sowjetunion. Aber Malraux verstand den Marxismus „als eine Organisationsmethode der revolutionären Aktion und nicht so sehr als Instrument der Erkenntnis der Realität“ (Jurt 1982: 171). Diese Einstellung findet sich wieder in seinem Alter Ego Garine, und auch in Gisors oder Kyo in La Condition humaine (vgl. Jurt 1982: 171).

„[...] le marxisme n’est nullement pour lui un ‚socialisme scientifique‘; c’est une méthode d’organisation des passions ouvrières, un moyen de recruter chez les ouvriers des troupes de choc.“

(Les Conquérants: 297).

In diesem Sinne wurde Malraux, genauso wie Garine, niemals Mitglied der KP,

„sachant qu’il [Garine] n’en pourrait suporter la discipline [...]. Si la technique et le goût de l’insurrection, chez les bolcheviks, le séduisaient, le vocabulaire doctrinal et surtout le dogmatisme qui les chargeaient l’exaspéraient.“

(Les Conquérants: 117-118).

Im Grunde ist Garine, wie Hong und wie deren Schöpfer, unfähig, an irgendein ideologisches System zu glauben:

[...] il était indifférent aux systèmes, décidé à choisir celui que les circonstances lui imposeraient.“

(Les Conquérants: 108).

Garine ist somit ein Revolutionär ohne die „ foi révolutionnaire“, die „orthodoxie doctrinale“, die den Revolutionären im Sinne Michelets bezeichnet, wie Malraux selbst es definiert (Débat [1929]: 291).

Das trifft auch für Malraux zu, der in den dreißiger Jahren, wie beinahe die gesamte intellektuelle Linke Europas der Zeit, von der Gewißheit beseelt war, die Komintern sei als die einzige politische Kraft in der Lage, dem Faschismus, der in Europa Einzug hielt, Halt zu bieten, allerdings „ohne dabei seine ideologische Unabhängigkeit aufzugeben“ (Jurt 1982: 174). Diese neuere malrausche Einstellung gegenüber dem Kommunismus ist bei Garine oder Kyo noch nicht zu finden, wohl aber bei Kassner in Le Temps du mépris oder Manuel in L’Espoir.

In diesem Sinne ist Garine, wie Hong und Tcheng-daï, aber auch wie Perken und Claude, in erster Linie von seiner Aktion besessen (vgl. Boutet de Monvel 1973: 5; Jurt 1982: 171):

„Mon action me rend aboulique à l’égard de tout ce qui n’est pas elle, à commencer par ses résultats.“

(Les Conquérants: 289).

Gleichfalls wie für den jungen und den alten Chinesen und auch für Klein sind für Garine Selbstvergessenheit und somit Mut kennzeichnend (vgl. Moatti 1987: 273; Frohock 1988: 11):

„Il [Garine] savait que la vocation qui le poussaitn’était point celle qui brille un instant, parmi beaucoup d’autres, à travers l’esprit des adolescents, puisqu’il lui faisait l’abandon de sa vie, puisqu’il acceptait tous les risques qu’elle impliquait.“

(Les Conquérants: 109/110).

Allerdings kommt diese Selbstlosigkeit nicht ohne Skrupellosigkeit und Machthunger aus (vgl. Berl [1929]: 373). Garine konnte aus der Propagandaabteilung nur dadurch eine effektive Waffe machen, daß er illegale Gebühren von den Opiumhändlern und den Prostitutions- und Spiellokalen einnahm. Das würde sicherlich weder in Tcheng-daïs Konzept von justice noch in Hongs Ethoscodex passen. Garines Bedürfnis nach Macht ist außerdem dermaßen ausgeprägt, daß selbst der machtgierige Polizeichef Nicolaïeff darin totalitäre Züge zu erkennen glaubt (vgl. Jurt 1982: 171):

„Il y a des moments où je me demande s’il ne finirait pas comme un mussoliniste...“

(Les Conquérants: 302).

Trotzdem stellt Garine, wie Klein, die Rücksichtnahme auf das Menschliche dar, aber auch die Illusionslosigkeit und Skepsis eines Revolutionärs gegenüber den Menschen, für die er sich einsetzt, und somit gegenüber seinem eigenen Dasein:

[...] je n’aime pas les hommes. Je n’aime pas même les pauvres gens, le peuple, ceux en somme pour qui je vais combattre... [...] Je les préfère, mais uniquement parce qu’ils sont les vaincus. Oui, ils ont, dans l’ensemble, plus de cœur, plus d’humanité que les autres: vertus de vaincus... Ce qui est bien certain, c'est que je n'ai qu'un dégoût haineux pour la bourgeoisie dont je sors. Mais quant aux autres, je sais si bien qu’ils deviendraient abjects, dès que nous aurions triomphé ensemble...“

(Les Conquérants: 123).

Sein Kampf hat also keinen Sinn, aber eben diese Sinnlosigkeit des menschlichen Lebens, der Gesellschaftsformen, des revolutionären Kampfes drängen ihn weiterhin zu kämpfen, nicht um die Sozialordnung zu verändern, sondern um der Aktion selbst willen und im Namen der Menschlichkeit, die die Unterdrückten in sich bergen.

„Humain, trop humain“ (Les Conquérants: 300) ist der Vorwurf Borodines und Nicolaïeffs an Garine, der schließlich doch von der sinnlosen Gewalt, die er verabscheut, Gebrauch macht – er erschießt, zur Überraschung aller Anwesenden, darunter Nicolaïeffs, einen Verräter - , aber der doch keine Überlebenschancen in der Revolution hat, da er sich, wie Hong, nicht der Parteidisziplin unterwirft:

„Technically Garine is no anarchist, but his sensibility iss anarchistic: his ultimate authority is the satisfaction of his intimate, private needs.“

(Frohock 1988: 11)

Oder wie Nicolaïeff es treffend erklärt:

„[...] il n’y a pas de place dans le communisme pour celui qui veut d’abord... être lui-même, enfin, exister séparé des autres...“

(Les Conquérants: 300).

Allerdings erweist sich bei Garine das Bedürfnis nach Individualität vielschichtiger, wie Malraux selbst ein Jahr nach der Veröffentlichung seines ersten Romans es erörtert:

„Sur le plan métaphysique, le bolchevisme admet que les plus hautes valeurs humaines sont des valeurs collectives. L’essentiel devient donc de détruire l’individualité au bénefice de ces valeurs collectives et de créer une collectivité consciente d’elle-même. Ici Garine est parfaitement d’accord avec Borodine. [...] La question est trés particulière, car Garine met ce qu’il possède d’individualisme au service d’un anti-individualisme.“

(Débat [1929]: 289)

Dank Garines Einsatz ist die Zukunft der Revolution in Kanton am Ende des Romans gesichert. Der Mensch aber bleibt auf der Strecke. Seine frühen Hoffnungen sind gealtert, angegraut und verbraucht wie Rebecci; seine Prinzipien sind auf brutalste Weise verunstaltet, verstorben und erloschen wie Tcheng-daï, Hong und Klein. Seine Zerbrechlichkeit gegenüber dem revolutionären Geschehen wird schon am Anfang des Romans durch seine schwere Krankheit angedeutet, an der er sterben muß, wie Perken. Garine muß sterben, weil die Alternativen unvorstellbar sind: entweder die leichte Senilität eines Romantikers, oder auf der anderen Seite die Barbarei eines Faschisten (vgl. Berl [1929]:372).

vi) Borodine, der stalinistische Bolschewist.

Der lettonisch-jüdische Komintern-Delegierte Borodine stellt einen scharfen Gegensatz zu Garine dar. Während Garines nationalistisch geprägte Propaganda das Vertrauen der chinesischen Arbeiter erlangte, konnte der populistisch und demagogisch gesinnte Borodine mit seiner Verherrlichung des Staates keinen Erfolg ernten. Garine stellt den revolutionären Abenteurer- und Eroberertypus dar, für den die revolutionäre Aktion dem sinnlosen Leben einen möglichst menschlichen Sinn verleihen soll. Für Borodine, den stalinistischen Funktionär und Bürokraten, ist die Revolution eine große Maschine, in der die Revolutionäre Teile sind, die gut funktionieren müssen; sobald sie nicht mehr funktionstüchtig sind, sobald sie die Revolution gefährden, müssen sie kurzerhand beseitigt werden. Garine wirft ihm eine „insupportable mentalité bolchevique“, eine „exaltation stupide de la discipline“ (Les Conquérants: 296) vor.

Diese historische Figur tritt im Roman nur selten auf, aber seine Macht wächst, so daß er am Ende des zweiten Teils fast die gesamte Armee kontrolliert. Er nützt Hong aus, um Tcheng-daï loszuwerden, auf seinen Befehl hin wird Hong hingerichtet, genauso wie Stalin in seinen Säuberungsaktionen von 1925-1928 und 1937-1939 die rechte wie die linke Opposition auszuschalten vermochte (vgl. Moatti 1987: 262f.).

Aber auch Borodine wird am Ende liquidiert werden, wie Nicolaïeff verkündet:

„Il finira bien comme ton ami, Borodine: la conscience individuelle, vois-tu, c’est la maladie des chefs.“

(Les Conquérants: 303).

Und tatsächlich: nach den Ereignissen von 1927 (in La Condition humaine dargestellt) mußte Borodine zurück in die UdSSR; er starb 1951 in einem sibirischen Lager (vgl. Autrand 1992: 384).

vii) Nicolaïeff, der ‚Staatsterrorist‘.

Nicolaïeff ist der russische Chef der Geheimpolizei Sun Yat-sens. Es handelt sich um einen skrupellosen Polizisten, der vor der Oktoberrevolution Spion der Ochrana, der politischen Geheimpolizei des Zaren war. Zu dieser Zeit schleuste er sich in terroristische Organisationen ein und war selbst verheiratet mit einer aufrichtigen Terroristin, der einzigen im roman erwähnten revolutionären Frau, die allerdings bereits vor der Romanhandlung gestorben ist. So konnte Nicolaïeff zahlreiche Militanten festnehmen lassen.

Nach dem Krieg bekam er einen Platz in der 1917 gegründeten Tscheka, der bolschewistischen politischen Polizei, der Außerordentlichen Kommission zum Kampf gegen Konterrevolution und Sabotage (vgl. Moatti 1987: 264f.). Aus der Tscheka ging 1922 die GPU (1954 in KGB umbenannt) hervor, die 1934 dem Volkskommissariat für Inneres (NKWD) unterstellt wurde. Es waren die Todesschwadronen des NKWD, die zwischen 1937 und 1939 auf Befehl Stalins hin „mehr als 100000 Angehörige der weißrussischen Intelligenz, potentielle politische Gegner und Menschen ermordet [haben], die wegen ihrer sozialen Herkunft als Klassenfeinde galten“ (Bachmann 1997).

Nicolaïeff, als die brutale, skrupellose und opportunistische Seite Garines, stellt mehr als Borodine den stalinistischen Staatsterror dar. Nicolaïeff, der sich in Südchina eine „vraie Tchéka“ wünscht (Les Conquérants: 303; vgl. Moatti 1987: 264) ist der einzige aller Revolutionärtypen, der am Ende das revolutionäre Geschehen überlebt. Damit liefert Malraux mit Les Conquérants ein sehr pessimistisches Bild von der Revolution und vom Kommunismus in den zwanziger Jahren (vgl. Moatti 1987: 274f.; Autrand 1992: 12).

Mit diesem negativen Bild beweist Malraux allerdings, wie Autrand (1992: 12 und 44f.) herausstellt, eine stechende „ lucidité“ in bezug auf die Analyse der in den goldenen zwanziger Jahren noch heranreifenden Revolution des Proletariats: die stalinistische Strategie überrollt gleichzeitig die Individualität des Menschen und die daraus gemeinschaftlichen Werte, die sich bei Malraux immer wieder unter dem Begriff der Fraternität, v.a. der „fraternité d’armes“, wie er selbst formuliert hat (vgl. Débat [1929]: 292), subsumieren lassen.

5. MALRAUX: VON DER REVOLTE ZUM GAULLISMUS

Man kann sagen, daß Malraux mit Les Conquérants, La Condition humaine und - mit einer etwas differenzierten Schwerpunktsetzung – La Voie royale seine eigene Gratwanderung zwischen individueller Revolte und kollektivem revolutionären Einsatz schilderte, während mit Le Temps du mépris und L’Espoir Letzteres vorherrscht.

Wenn seine ersten drei Romane noch als „romans de la révolte“ (Boutet de Monvel 1973: 5) bezeichnet werden können, in denen das Thema der Absurdität der „condition humaine“ und die Skeptik gegenüber ideologischen Systemen eine zentrale Stellung bekommen, so stellen die zwei nächsten Erzählungen, Le Temps du mépris und L'Espoir eine Umpolung zugunsten der gemeinschaftlichen Werte innerhalb der Revolution dar (die allerdings in keinem malrauschen Roman fehlen) und der beinahe bedingungslosen Apologie des proletarischen Helden und der antifaschistischen Ausprägung des Kommunismus.

Aber die ‚revolutionäre‘ Periode im Leben Malraux‘ war bereits 1939 zu Ende. Das entspricht einer zu dieser Zeit innerhalb der intellektuellen Linke herrschenden Verzweiflung und Perspektivlosigkeit, die die blutigen Siege des rechten wie des linken Faschismus hervorgerufen hatte. Wen wundert’s, daß die existentialistische Fragestellung – die übrigens in den ersten drei Romanen Malraux‘ bereits präsent waren -, mit den Schriftstellern Sartre und Camus und mit den Philosophen Heidegger und Kierkegaard ab 1938 immer mehr an Bedeutung gewinnt (vgl. Carassus 1982: 491)?

Malraux war zwar niemals ein typischer kommunistischer Revolutionär gewesen und die Ereignisse in Rußland unter Stalin in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg waren alles andere als sympathieerregend. Es wundert dennoch ein wenig, daß der antifaschistische Freiheitskämpfer, der den Brüderlichkeitstraum der Internationalen erlebt hatte, sich ab 1947 mit dem Staatsmann verbündet, der für die Linke als die Verkörperung einer „rückwärtsgewandten nationalistischen Ideologie“ (Frankreich-Lexikon 1981: 323), dessen Regime im Ausland als „succedané du fascisme“ (Lacouture 1973: 362) galt. Malraux wurde nach dem Krieg, wie sein erster Alter Ego Garine, Propagandaleiter, allerdings nicht etwa in einer revolutionären Regierung, sondern in de Gaulles konservativem Rassemblement du peuple français (RPF). Unter dessen langen Regierung in den 60er Jahren bekleidete Malraux den Posten des ersten französischen Kulturministers.

Ein Beispiel für Malraux‘ geistige Haltung in der Nachkriegszeit liefert die am 5. März 1948 an die französischen Intellektuellen gehaltene Rede, in der er die Sowjetunion nachdrücklich angriff und vor der Drohung des stalinistischen Kommunismus warnte. Diese Rede ließ Malraux bezeichnenderweise als Nachwort zu Les Conquérants veröffentlichen (vgl. Malraux [1948]).

Was sein schriftstellerisches Schaffen anbelangt, veröfentlichte Malraux 1943 seinen letzten Roman Les Noyers de l'Altenburg, der in mancher Hinsicht eine Rückkehr zur Schwerpunktsetzung von La Voie royale darstellt; nach dem Krieg erscheinen nur noch kunstphilosophische Werke wie La Psychologie de l’art (1947-1949), Le Musée imaginaire de la sculpture mondiale (1953-1955) u.a. und seine Antimémoires (ab 1967).

Dementsprechend bedeutet der Wandel vom revolutionären zum konservativen Denken im Fall Malraux‘ einen Wandel vom intellektuellen compagnon de route zum beinahe apolitischen Ästhetiker.

Es ist ein großer Unterschied zwischen dem Freiheitskämpfer der dreißiger Jahre, der in L’Espoir das Kunstprojekt des Bildhauers Lopez vorgestellt hatte, in dem die Kunst als revolutionäres Politikum verstanden wurde, und dem Politiker der Nachkriegszeit, der nun für die rein ästhetische, entpolitisierte Rezeption von Kunst und Kultur im allgemeinen plädierte:

DIE KUNST ALS REVOLUTIONÄRES POLITIKUM: Das Kunstprojekt des Bildhauers Lopez

„‘- [...] il faut dire aux artistes: vous avez besoin de parler aux combattants? (à quelque chose de précis, pas à une abstraction comme les masses). Non? Bon, faites aautre chose. Oui? Alors, voilà le mur. Le mur, mon vieux, et puis c’est tout. Deux mille types vont passer devant chaque jour. Vous les connaissez. Vous voulez leur parler [Hervorhebung im Original] .‘

[...]

Ils [les combattants] avaient en commun avec leurs peintres cette communion souterraine qui [...] était la révolution; ils avaient choisi la même façon de vivre, et la même façon de mourir.“

(L’Espoir: 57f., 60)

DIE ENTPOLITISIERTE KULTUR.

„Il est vrai qu’il y a une donné historique de la pensée, un conditionnement de la pensée. Mais [...] vous avez lu Platon! Ce n’est tout de même pas en tant qu’esclaves, ni que propriétaires d’esclaves![...] le probleme qui se pose, c’est précisément de savoir ce qui assure la transcendence partielle des cultures mortes.“

(Malraux [1948]: 339).

Aber vor allen Dingen sind der wachsame Skeptiker der zwanziger Jahre, der jeder Doktrin gegenüber mißtrauisch war, und der neue staatsverherrlichende Nationalist weit voneinander entfernt:

„Ce que nous défendons ici sera défendu avant la fin de ce siècle par toutes les grandes nations d’Occident. Nous voulons rendre à la France le rôle qu’elle a tenu déjà à plusieurs reprises, aux époques romane et gothique comme au XIXe siècle, et qui a imposé son accent à l’Europe quand il était à la fois celui de l’audace et celui de la liberté. à peu près tous, vous êtes, dans le domaine de l’esprit, des libéraux. Pour nous, la garantie de la liberté politique et de la liberté de l’esprit n’est pas dans le libéralisme politique, condamné à mort dès qu’il a les Staliniens en face de lui: la garantie de la liberté, c’est la force de l’État au service de tous les citoyens [Hervorhebung im Original] .“

(Malraux [1948]: 354f.).

6. BIBLIOGRAPHIE

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Bachmann 1997: Bachmann, Klaus: Guter Lenin – böser Stalin? Wie in Ostmitteleuropa über die Vergleichbarkeit von Nationalsozialismus und Kommunismus diskutiert wird. - In: Berliner Zeitung, 20./21. Dezember 1997, Magazin, Seite I.-

Berl [1929]: Berl, Emmanuel: Le Pari sur l’acte.- [Extrait du pamphlet Mort de la pensée bourgeoise ].- Paris: Grasset, 1929.- In: Malraux [1928], 371-374.-

Bloom 1988: Bloom, Harold [ed.]: Modern Critical Views. André Malraux.- New York, New Haven, Philadelphia: Chelsea, 1988.-

Boutet de Monvel 1973: Boutet de Monvel, A. [Hrsg.]: André Malraux. La Condition humaine, extraits.- Édition remise à jour.- Paris: Larousse, 1973.- [ Nouveaux Classiques Larousse).-

Carassus 1982: Carassus, É.: Prolifération du roman: 1913-1939.- In: Manuel 1982, 471-493.-

Les Conquérants: Malraux, André: Les Conquérants.- [Mit: Un fragment inédit des Conquérants ].- Paris: Grasset, 1992 [1928].- [= Le livre de Poche; 61].-

Débat [1929]: La question des „Conquérants“.- [Bericht über eine von der Union pour la vérité veranstalteten öffentlichen Debatte zu Les Conquérants, der in Variétés, Nr. 6 vom 15.10.1929 veröffentlicht wurde].- In: Malraux 1989, 287-294.-

Drieu La Rochelle [1930]: Drieu La Rochelle, Pierre: Sur les écrivains. Malraux, l’homme nouveau.- [ N.R.F., décembre 1930].- In: Grover, H. [Hrsg.]: Paris, 1964.-

L’Espoir : Malraux, André: L’Espoir.- Paris: Gallimard, 1995 [1937].- [= Collection Folio; 20].-

Frohock 1988 : Frohock, W. M. 1988: The Metallic Realm: The Conquerors.- In: Bloom 1988, 5- 14.-

Gaillard 1982: Gaillard, P.: Malraux romancier (1901-1976).- In: Manuel 1982, 547-557.-

Graevenitz 1995: Graevenitz, Gerhart von: Problemfeld IV: Erzähler.- In: Ludwig 1995, 78-105.-

Jurt 1982: Jurt, Joseph: Schriftsteller und Politik im Frankreich der dreißiger Jahre.- In: Brockmeier, Peter/ Wetzel, Hermann [Hrsg.]: Französische Literatur in Einzel-darstellungen.- Band 3. Von Proust bis Robbe-Grillet.- Stuttgart: Metzler, 1982, 133-216.-

Lacouture 1973: Lacouture, Jean: André Malraux. Une vie dans le siècle.- Paris: Seuil, 1973.-

Ludwig 1995: Ludwig, Hans-Werner [Hrsg.]: Arbeitsbuch Romananalyse: eine Einführung.- 5. unveränd. Aufl.- Tübingen: Narr, 1995.- [= Literaturwissenschaft im Grundstudium ].-

Malraux [1928]: Malraux, André: Les Conquérants.- [Mit: Un fragment inédit des Conquérants ].- Paris: Grasset, 1992 [1928].- [= Le livre de Poche; 61].-

Malraux [1948]: Malraux, André: Postface zu Les Conquérants.- In: Malraux [1928], 325-355.-

Malraux [1974]: Malraux, André: Les Grands Révolutionnaires.- [Texte inédit, datant de 1974].- In: La Nouvelle Revue Française, Novembre 1996, N° 526, 3-21.-

Malraux 1989: Malraux, André: Œuvres complètes.- Bd. I.- [Paris]: Gallimard, 1989.- [ Bibliothèque de la Pléiade; ...].-

Manuel 1982: Manuel d’histoire littéraire de la France.- Par un collectif sous la direction de Pierre Abraham [et] Roland Desné.- Tome VI: 1913-1976.- Coordination assurée par André Daspre et Michel Décaudin.- Paris: Messidor, 1982.-

Moatti 1987: Moatti, Christiane: Le prédicateur et ses masques. Les personnages d’André Malraux.- Paris: Publ. de la Sorbonne, 1987.-

Schwarze 1995a: Schwarze, Hans-Wilhelm: Problemfeld III: Die Ebenen narrativer Texte: Geschehen, Geschichte, Diskurs.- In: Ludwig 1995, 65-77.-

Schwarze 1995b: Schwarze, Hans-Wilhelm: Problemfeld VI: Ereignisse, Zeit und Raum, Sprechsituationen in narrativen Texten.- In: Ludwig 1995, 145- 188.-

Todorov 1966: Todorov, Tzvetan: Les catégories du récit littéraire.- In: Communications, H. 8, 1966, 125- 127, 138- 151.-

BERICHTIGUNGEN

[...]


[1] Franz Karl Stanzel (1979): Theorie des Erzählens, S. 132. In: Graevenitz 1995: 89.

[2] F. K. Stanzel (1979): Theorie des Erzählens, S. 293f. In: Graevenitz 1995: 91.

[3] die Frau von Nicolaïeff ist die einzige Frau im Roman mit einer revolutionären Betätigung (Terrorismus), aber ihre Geschichte wird lediglich in ein paar Zeilen dargelegt, sie ist lange vor Anfang der Romanhandlung tot. Der historische Borodine war in der Wirklichkeit mit einer Militantin verheiratet, im Roman läßt Malraux ihn als Junggeselle auftreten (vgl. Autrand 1992: 36). Außer der anonymen Frau Kleins, die nur einmal wortlos auftritt, der chinesischen Frau Rebeccis, die ebenfalls nur einmal vorkommt und einigen chinesischen Prostituierten, gibt es in Les Conquérants keine weiblichen Figuren. Bis auf einige Ausnahmen sind Frauen in der malrauschen Fiktion kaum anwesend.

[4] Für Einzelheiten zu den historischen Ereignissen in China seit Anfang des 20. Jhs. und insbesondere in den Jahren 1925 und 1927 sei hier auf Autrand 1992, 23f. und Boutet de Monvel 1973, 8f. verwiesen.

[5] Für La Condition humaine erhielt Malraux den prix Goncourt.

[6] In La Voie royale wird die Kolonialpolitik allerdings nicht thematisiert.

[7] Der Roman L’Espoir wurde 1938-1939 unter dem Titel Sierra de Teruel verfilmt.

[8] K. Stierle (1977): Die Struktur narrativer Texte, S. 216f. In: Schwarze 1995a: 74.

[9] S. Chatman (1978): Story and Discourse: Narrative Structure in Fiction and Film, S. 26. In Schwarze 1995b: 145f.

[10] Bis auf Hong stehen die Figuren aber auch für die verschiedenen politischen Fraktionen, die in Kanton nach dem Tod Sun Yat-sens 1925 einen Machtkampf austragen (vgl. Autrand 1992: 27f.).

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Details

Titel
Romananalyse: André Malraux, "Les Conquérants"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Proseminar André Malraux - literarisches und politisches Handeln
Note
1,0
Autor
Jahr
1996
Seiten
29
Katalognummer
V12080
ISBN (Buch)
9783656914495
Dateigröße
675 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sehr dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand. 316 KB
Schlagworte
Romantheorie, Schichtenmodell, französische Literatur
Arbeit zitieren
Suzie Bartsch (Autor), 1996, Romananalyse: André Malraux, "Les Conquérants", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12080

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