Unterhaltungsmerkmale im Live-Kommentar bei deutschen Fußball-Länderspielen – Eine empirische Inhaltsanalyse der deutschen Fußballspiele bei der EM 2008


Diplomarbeit, 2008

130 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkurzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Forschungsstand
1.2 Aufbau der Arbeit
1.3 Forschungsleitende Fragen

2. Sport im Fernsehen
2.1 Inszenierungsformen
2.2 Zwischen Information und Unterhaltung
2.3 Fu9ball im Fernsehen
2.4 Kritik

3. Der Kommentar
3.1 Die Sportsprache
3.1.1 Die Fachsprache
3.1.2 Der Jargon
3.1.3 Hyperbolik, Superlative und Metaphorik
3.2 Aufgaben eines Kommentators
3.3 Kommentar bei einem Live-Spiel
3.4 Unterhaltende Elemente
3.5 Zusammenfassung

4. Die Fu9ball-EM 2008 in der Schweiz und Osterreich
4.1 Turnierverlauf der deutschen Mannschaft
4.2 Die Fu9ball-EM 2008 im deutschen Fernsehen

5. Hypothesen

6. Methodisches Vorgehen und Analysedesign
6.1 Kategoriensystem
6.2 Testphase
6.3 Untersuchungsmaterial
6.4 Untersuchungsverlauf

7. Presentation der Ergebnisse
7.1 Form
7.2 Inhalt
7.3 Sprache
7.4 Beurteilung
7.5 Zusammenfassung

8. Hypothesendiskussion

9. Schlussbetrachtung und Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkurzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 2-1: Rangfolge der wichtigsten Aufgaben eines Sportjournalisten

Abbildung 7-1: Verteilung KE in den sechs EM-Spielen

Abbildung 7-2: Verteilung KE in den Turnierrunden

Abbildung 7-3: Verteilung KE in den Halbzeiten

Abbildung 7-4: Verteilung der KE wahrend eines Spiels

Abbildung 7-5: Verhaltnis KE / Spielzeit innerhalb der Spielstande (in %)

Abbildung 7-6: Zeitliche Lange einer KE

Abbildung 7-7: Zeitliche Lange der Pause nach einer KE

Abbildung 7-8: Allgemeiner thematischer Bezug in den KE..

Abbildung 7-9: Relativer Anteil des thematischen Bezug in den 6 Spielen (in %)

Abbildung 7-10: Verteilung der Kommentararten

Abbildung 7-11: Worter pro Kommentar in den Kommentararten

Abbildung 7-12: Themen des bilderganzenden Kommentar (in %)

Abbildung 7-13: Verteilung der Sprachstile in den KE

Abbildung 7-14: Anteile der Sprachfunktionen in den KE

Abbildung 7-15: Lautstarke in den KE

Abbildung 7-16: Verteilung Syntax in den KE

Abbildung 7-17: Verteilung Syntax in den Kommentararten

Abbildung 7-18: Verhaltnis der Bewertungen / Kommentarinhalt I (in %)

Abbildung 8-1: Lange der Kommentararten

Abbildung 8-2: Verteilung der Sprachstile in den KE

Abbildung 8-3: Verteilung der Sprachfunktionen in den KE

Abbildung 8-4: Anzahl der Spielzeitnennungen wahrend der Spielzeit

Abbildung 8-5: Allgemeiner thematischer Bezug in den KE

Abbildung 8-6: Anzahl der KE pro Minute / Kommentarinhalt (Deutschland, Gegner)

Abbildung 8-7: Verhaltnis der Bewertungen / Kommentarinhalt I (in %)

Abbildung 8-8: Verhaltnis Beurteilung/ Mannschaft in verschiedenen Spielsituationen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 2-1: Meist gesehene Fernsehsendungen 2007

Tabelle 2-2: Asthetisierungsbereiche im Sport

Tabelle 4-1: Einschaltquoten EM-Spiele 2008 mit deutscher Beteiligung

Tabelle 6-1: Zentrale Forschungsfelder der Kommunikationswissenschaft

Tabelle 6-2: Allgemeines Kategoriensystem

Tabelle 6-3: Variablenlabel der Kategorie Form

Tabelle 6-4: Variablenlabel der Kategorie Inhalt

Tabelle 6-5: Differenzierte Wertelabels der Variable „bilderganzender Kommentar"

Tabelle 6-6: Variablenlabel der Kategorie Sprache

Tabelle 6-7: Variablenlabel der Kategorie Bewertung

Tabelle 6-8: Ubertragungslange der EM-Spiele 2008 mit dt. Beteiligung

Tabelle 6-9: Umfang des Untersuchungsmaterials

Tabelle 7-1: Merkmale der KE

Tabelle 7-2: Nennung der dt. Spieler in den KE

Tabelle 7-3: Aufteilung der Nennung der dt. Spieler nach Positionen in den KE

Tabelle 8-1: Nennung der dt. Spieler in den KE (Rangfolge Nennung/Spielminute)

Tabelle 8-2: Nennung der dt. Spieler in den KE (Rangfolge Nennung/Ballkontakt)

1. Einleitung

„Und wir horen, wir haben immer noch kein Bild in Deutschland, aber sie verpassen zumindest akustisch nichts.“ (Bela Rethy, EM-HaIbfinaIe: Deutschland - Turkei, 25.06.2008, 61. Minute)

Die Stimme von Bela Rethy ist das Einzige, was ca. vierzig Millionen Zuschauer in Deutschland in diesem Moment von dem Fulballspiel Deutschland gegen die Turkei zu horen kriegen. Um 21.58 Uhr, am 25.06.2008, fallt das TV-Bild der Ubertragung des EM-Halbfinals weltweit aus. Fur funf Minuten wird der Kommentator zum wichtigsten Bestandteil dieser Fulballubertragung. Aus „Public Viewing" wurde vielerorts von der 60. bis 63. und nochmals in der 78. Minute ,,Public Listening". Bela Rethy selbst sah sich im Nachhinein gezwungen seinen Beruf neu zu interpretieren, vom Fulball- zum Radio kommentator. Trotz merklichen Bemuhens gelingt es Rethy aber nicht den neuen Zuhorern das Spiel lebhaft zu schildern. Durch diese Fernsehpanne ist deutlich geworden, dass das unterhaltende Merkmal der Bildsprache beim Fulball eben auch nur zusammen mit dem Bild fun ktioniert, welches kommentiert wird.

Die Live-Berichterstattung von der Fulballeuropameisterschaft 2008 in Osterreich und der Schweiz verzeichnete mitunter die hochsten jemals gemessenen Einschaltquoten im deutschen Fernsehen bei ARD und ZDF. 29,43 Mio. Menschen haben am 25.06.2008 das Halbfinale zwischen Deutschland und der Turkei angeschaut. Lediglich das verlorene Halbfinalspiel der deutschen Mannschaft gegen Italien bei der WM 2006 hatte mit 29,66 Mio. die bisher hochste Quote. Durchschnittlich 26,26 Mio. Zuschauer salen bei den sechs EM- Spielen mit deutscher Beteiligung vor den Fernsehgeraten. Von dieser Statistik ausgenommen sind alle Zuschauer, die die Spiele auler Haus, also bei Be kannten, in Gaststatten, am Arbeitsplatz oder auch auf eben jenen Public Viewing-Platzen verfolgt haben. Man schatzt die Zahl dieser Zuschauer auf zusatzlich noch einmal ca. 16 Mio..

,,Was fur eine Dramatik! Was fur eine Dramatik!“ (Bela Rethy, EM- Halbfinale: Deutschland - Turkei, 25.06.2008, 87. Minute)

Das Bild ist wieder da. Bela Rethy fungiert wieder in seinem eigentlichen Beruf als Fernsehkommentator. Soeben ist vier Minuten vor Abpfiff der 2:2-Ausgleich durch Rethys ,,Last-Minute-Turken“ gefallen. Nachdem Philipp Lahm „ausgetanzt“ wurde und Lehmann den Ball „durch die Unterhose“ kullern liel, lautet Rethy die Schlussminuten ein. Drei Minuten spater erzielt Philipp Lahm das entscheidende 3:2. Die deutsche Mannschaft hat laut dem ZDF-Kommentator das Spiel „mit turkischen Eigenschaften“ gewonnen. Betrachtet man im Nachhinein den Kommentar Rethys, erzeugt er nuchtern gesehen ein seltsames Bild: Lehmanns Unterhose? Last-Minute-Turken? Und wie kann eine deutsche Mannschaft turkische Eigenschaften haben?

Der Kommentator eines Fulballspiels hat viele Moglich keiten Stimmungen zu beschreiben, aber auch zu erzeugen. Er ubertreibt, umschreibt und prognostiziert. Immer mit dem Ziel verbunden, den Zuschauer ,,bei Laune zu halten“, damit die Einschaltquote bestandig bleibt, am besten sogar noch steigt.

Mit dieser Arbeit wird versucht die Verwendung von solchen unterhaltenden Merkmalen im Live-Kommentar bei Fulball- Landerspielen aufzuzeigen und zu analysieren.

1.1 Forschungsstand

Die meisten vorangegangenen Untersuchungen analysierten groltenteils nur die Sport- bzw. Fulballsprache im Allgemeinen sowie deren hauptsachliche Verwendung in den Printmedien ( Vgl. Dankert 1969, Schneider 1974, Binnewies 1975, Schaefer 1989, Burkhard 2006).

Des Weiteren beschaftigten sich bereits verschiedene Diplomarbeiten an der Sporthochschule Koln mit dem Fulballkommentar. Zum einen wurde der Unterschied des bilderganzenden Live-Kommentars zu verschiedenen Zeitpun kten analysiert (vgl. Stadelmann 2007). Zum anderen verglich eine Diplomarbeit den deutschen mit einem englischen Kommentar bei der WM 2006 in Bezug auf den Grad der Emotionalitat (vgl. Kirschner 2007).

Ebenfalls untersuchte Schaffrath 2003, wie sich ein Live-Kommentar auf die Beurteilung eines Fulballspiels auswirkt (vgl. Schaffrath 2003). Schaffrath zeigte einer Experimentalgruppe ein Fulballspiel der WM 2002 mit Live-Kommentar und Original-Stadionton und einer Kontrollgruppe das gleiche Spiel nur mit Original-Stadionton. Lediglich 17% der Kontrollgruppe (Experimentalgruppe 87%) fuhlten sich nach Spielende gut informiert. Der Kontrollgruppe fehlten Hintergrundinformationen, Namensnennungen der Spieler und auch Kritik durch den Kommentator, um die Leistung der Mannschaften bzw. der Schiedsrichter besser einordnen zu konnen.

Schwier und Schauerte verweisen auf Ergebnisse einer explorativen Studie zur Entwicklung der televisionaren Live-Kommentierung bei Spielen der Fulballweltmeisterschaftsendrunden von 1966 bis 2006. (vgl. Schwier / Schauerte 2008, S. 125) Demnach ,,bleibt festzuhalten, dass die Attra ktivitat der televisionaren Sportberichterstattung fur die Zuschauer mit ihrem emotionalen Potential zusammenhangt" (Schwier/ Schauerte 2008, S. 127). Der Live-Kommentar besitzt eine eigenstandige Einflussgrole auf den Zuschauer, indem er ihn emotional in das Sportgeschehen einbeziehen zu versucht.

Fritz untersuchte die visuelle und auditive Kommunikation bei Sport- Liveubertragungen (vgl. Fritz 2005) im Fernsehen am Beispiel der Bas ketball-Europameisterschaft 2003 und zeigte, dass im Bereich des Bas ketball-Kommentars kaum inszenierende Mittel verwendet werden.

1.2 Aufbau der Arbeit

Diese Diplomarbeit analysiert den televisionaren Live-Kommentar von Fulballspielen mit deutscher Beteiligung bei der EM 2008.

Im Mittelpunkt steht dabei die Feststellung von

Unterhaltungsmerkmalen im auditiven Bereich: Narrativisierung,

Dramatisierung und Personalisierung. Die visuelle Komponente Bild, die dabei primar die Merkmale Telegenisierung und Asthetisierung umfasst, wird dabei bewusst aulen vor gelassen, da sie den Rahmen dieser Diplomarbeit sprengen wurde.

Das zu untersuchende Material dieser Arbeit ist der Live-Kommentar der sechs deutschen Spiele bei der EM 2008. Dabei wird ausschliellich der gesprochene Text innerhalb der Spiele untersucht, also von Anpfiff bis Abpfiff. An- und Abmoderation des Kommentators wird dabei ausgegrenzt, um bei allen Spielen gleiche Voraussetzungen gewahrleisten zu konnen. Zur besseren Untersuchung des Kommentars bedurfte es einer kompletten Trans kription. Das daraus gewonnene Material wurde mit einem geeigneten Auswertungsprogramm bearbeitet.

Diese Arbeit ist in einen theoretischen und empirischen Teil aufgeteilt. Der theoretische Teil befasst sich mit der allgemeinen Prasentation von Sport im Fernsehen. In den darauf folgenden Kapiteln wird speziell zum einen die Bedeutung des Fulballs und zum anderen die des Kommentars im Mediensport untersucht. Zur besseren Einordnung des Themas wird zusammengefasst der allgemeine Turnierverlauf der Fulball-Europameisterschaft 2008 wie auch gesondert der der deutschen Mannschaft aufgezeigt. Bevor die Ergebnisse im zweiten Teil, dem empirischen, vorgestellt werden, soll das gewahlte Untersuchungsdesign erlautert und konkreter das Material und der Verlauf der Untersuchungen konkreter vorgestellt werden.

1.3 Forschungsleitende Fragen

Die Untersuchung des Live-Kommentars von Fulball-Landerspielen der Europameisterschaft 2008 mit deutscher Beteiligung, ausgestrahlt von den deutschen Fernsehsendern ARD und ZDF, lasst sich in folgende forschungsleitende Fragen strukturieren:

- Wie viele und in welchen Formen kommen unterhaltende Merkmale im Live-Kommentar vor?
- Welche Art von sprachstilistischen MitteIn benutzt der Kommentator um die Spannung und Dramaturgie zusatzlich zu steigern?
- Welche Themen werden behandelt und zu welchem Zweck?
- Inwieweit wird die deutsche Mannschaft fo kussiert bzw. hervorgehoben?

Sport im Fernsehen

2. Sport im Fernsehen

Der Sport hat eine immense Bedeutung fur das deutsche Fernsehen. Als „lntegration und Interdependenz" (Scholz 1993) wird die Entwicklungsgeschichte von Sport und Fernsehen bezeichnet, „als zwei sich gegenseitig beeinflussende und bedingende Systeme, die bis heute einen gemeinsamen Aufschwung erfahren haben" (Wernecken 2000, S. 39).

Nahezu gleichzeitig mit der Entstehung des Fernsehens in Deutschland wurden Sportveranstaltungen mit diesem Medium ubertragen. 1936 wurden die olympischen Sommerspiele in so genannten Fernsehstuben gezeigt. Bei den nach dem zweiten Weltkrieg neu gegrundeten deutschen Fernsehanstalten ,,gehorten Live-Ubertragungen von

Sportereignissen und besonders von Fulballspielen zu den Hohepunkten" (Leder 2004, S. 48). Der Erfolg der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 1954 forderte malgeblich den Ver kauf von Fernsehgeraten. Auch im weiteren Verlauf der Fernsehgeschichte wurde meist der Fulball benutzt, um technische, aber auch fernsehpolitische Entwicklungen zu etablieren: Die WM 1970, die erstmals per Satellit ubertragen wurde, sollte den Verkauf von Farbfernsehern ankurbeln. Nach der Einfuhrung des dualen Rundfunksystems 1984 versuchten sich die Privatsender RTL und Sat1 (spater auch tm3) sowie der Pay-TV-Sender Premiere durch den Erwerb von Fulball-Senderechten als Vollprogramm gegenuber den Offentlich-Rechtlichen zu profilieren. Sie erkannten, ,,dass die Ubertragung von interessanten Sportereignissen eine relativ einfache Moglichkeit bot, das Massenpublikum des Fernsehens fur sich zu gewinnen" (Pleitgen 2000, S. 1). Bei der WM 2006 wurden erstmals alle Spiele im 16:9-Format gesendet. Das hochauflosende Fernsehen ,,HDTV" wurde bei diesem Turnier nur von Premiere benutzt. ARD und ZDF wollen diese Neuheit mit dem Start der olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver einsetzen. Also auch hier wird ein sportliches Grolereignis zur Diffusion von Innovationen des Fernsehens verwendet.

Der Sport hat eine enorme Reichweite im deutschen Fernsehen. Betrachtet man allein die Rangliste der zehn meist gesehenen Einzelsendungen des Jahres 2007 finden sich sechs Sportereignisse darunter (vgl. Tab. 2-1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(R: Rangplatz; Z: Zuschauer; MA: Marktanteil)

Tab. 2-1 - Meist gesehene Fernsehsendungen 2007 (Zubayr/Gerhard, 2008: S.112)

Dass die Ubertragung eines Handballspiels zum ersten Mal in der Geschichte der Zuschauererfassung die meist verfolgte Sendung eines Jahres ist, ist ein Novum (vgl. Zubayr/ Gerhard 2008, S. 111)

Mit groBer Sicherheit waren die vier „Wetten, dass..?“-Sendungen nicht so gut in dieser Top-10-Statistik platziert gewesen, wenn im Jahr 2007 ein groBes FuBballturnier, wie eine WM oder EM, stattgefunden hatte. Allein das EM-Halbfinale 2008 zwischen Deutschland und der Turkei hatte mit durchschnittlich 29,43 Mio. Zuschauern mehr als doppelt so viele Rezipienten als die meistverfolgte „Wetten, dass..?“-Folge im Jahr 2007.

Der Spitzensport, allen voran der SpitzenfuBball, war, ist und wird vermutlich ein Garant fur hohe Einschaltquoten im deutschen Fernsehen sein. „Aller Wahrscheinlichkeit nach wird auch im Jahr 2050 wieder ein FuBballspiel - ubertragen dann vielleicht auf eine hausliche Grolleinwand - auf Platz eins der Hitliste stehen" (Gerhards/ Klinger/ Neuwohner 2001, S.166).

Es gibt mehrere Grunde, warum Sport im Fernsehen so erfolgreich ist. Zum einen hat jeder Erfahrungen in Bezug mit Sport gesammelt. Zum anderen besitzt der Sport einen einfachen und verstandlichen Code, den des Sieges und der Niederlage, der breite Massen fasziniert und anzieht. „Gewinnen und verlieren sind die wesentlichsten dramaturgischen Elemente des Sports" (Kuhnert 2004, S. 25). Des Weiteren wird dem Sport eine globale Vereinheitlichung und unmissverstandliche Standardisierung zugeschrieben (vgl. Penz 1992, S. 20). Sport projiziert eine Authentizitat, die von keinem fiktionalen Fernsehformat erreicht werden kann. ,,Sportereignisse signalisieren, dass hier etwas um seiner selbst Willen getan wird, dass authentische Korper in echten Situationen mit ungewissem Ausgang handeln und die Gewinner den Sieg leibhaftig verdienen" (Schwier / Schauerte 2006, S. 10).

Nach Schierl gehen aus wirtschaftlicher Sicht Fernsehen und Sport eine Symbiose ein: Das Fernsehen erzielt mit der Ubertragung von Spitzensport hohe Reichweiten und damit einhergehend hohe Werbeeinnahmen, kann sich gegenuber anderen Fernsehsendern beim Zuschauer positiv profilieren. Damit kann auf Synergieeffe kte spe kuliert werden und hat im Verhaltnis zu anderen Fernsehformaten einen niedrigeren Produktionsaufwand. Andersherum eroffnet eine hohe Fernsehprasenz dem Sport bessere Moglichkeiten seine Veranstalter und Sporta kteure zu finanzieren. Des Weiteren tragt sie erheblich zur Popularisierung des Sports und seinen positiven Folgen bei. (vgl. Schierl 2004b, S. 107ff)

Jedoch muss unterschieden werden, dass eine beliebige Sportubertragung im Fernsehen per se nicht zwangslaufig hohe Einschaltquoten hat. Das Zuschauerinteresse eines Volleyballspiels, selbst mit deutscher Beteiligung, welches live im Fernsehen angeboten wird, ist weitaus geringer als das eines Handball- oder Fulballspiels mit deutschen Akteuren. Woran diese Vormachtstellung mancher Sportarten in der Medienprasenz liegt und was mediale Randsportarten versuchen, um mehr beachtet zu werden, soll nachfolgend erlautert

2.1 Inszenierungsformen

Damit eine Sportart fur das Fernsehen interessant ist, mussen primare und se kundare Inszenierungsformen des Sports greifen. Die primare Inszenierungsform bezieht sich auf die Dramaturgie der Sportart selbst. Die Sportart muss Regeln und Wettkampfformen anbieten, die „vor allem dem Aufbau und der Aufrechterhaltung einer Spannungsbalance" (Schwier/ Schauerte 2006, S. 10; Schwier/ Schauerte 2008, S. 115) zu dienen haben. Se kundare Inszenierung zielt dagegen auf die Telegenisierung des Sports ab. Es handelt sich also zusammengefasst um die ,,Eigeninszenierung des Sports und seine Fremdinszenierung" (Hor ky 2001, S. 103). Diese Inszenierungsformen haben immer zur Aufgabe die Fernsehtauglichkeit einer Sportart zu steigern.

In der Literatur gibt es verschiedene Merkmale fur die Fernsehtauglichkeit einer Sportart. Fur Hackforth sind Sportarten ,,wegen ihrer:

1. Dynamik,
2. relativ guten Uberschaubarkeit und
3. hohen visuellen Information

zur Fernsehprasentation pradestiniert"(Hac kforth 1975, S. 229).

Nach Gerhard entscheiden eine Reihe weiterer Faktoren uber den kontinuierlichen Erfolg und Akzeptanz einer Sportart im Fernsehen:

1. Die Sportart und ihre Tradition
2. Die Erfolgschancen deutscher Sportler/Mannschaften
3. Die Markenstarke der Sportart
4. Die Personlichkeit der A kteure
5. Der ubertragende Fernsehsender
6. Der Eventchara kter der Ubertragung
7. Die fernsehgerechte Umsetzung
8. Die Tageszeit der Ausstrahlung
9. Eigenes Programmumfeld
10. Eine breite Zielgruppenansprache (Gerhard 2OO6b, S. 465)

Besonders der Fulball erfullt nach Ansicht von Gerhard am ehesten diese Fa ktoren, womit sein medialer Erfolg zu erklaren sei (vgl. Gerhard 2OO6b, S. 465).

Dieser mediale Erfolg des Fulballs reiht sich in eine ,,Sport-Medien- Wirtschaft-Spirale" ein und sichert ihm wirtschaftliche Planungssicherheit, denn „um wirtschaftlich erfolgreich agieren zu konnen, muss eine hohe Medienprasenz gesichert sein, da nur dann entsprechend hohe Sponsorengelder zu erwarten sind. Diese wiederum ermoglichen den Einkauf von Spitzensportlern, die uber den Erfolg die Aufmerksamkeit der Medien wecken" (Schauerte 2OO4, S.9O), so dass sich diese Spirale kontinuierlich fortsetzen kann. Ahnliches beschreibt die Popularisierungsspirale: „Je mehr Fernsehprasenz, um so mehr Werbeeinnahmen, je mehr Werbeeinnahmen, um so mehr Topveranstaltungen, je mehr Topveranstaltungen, um so mehr Fernsehprasenz" (Muc kenhaupt 199O, S. 14). Um in diese Spiralen hineinzukommen haben viele mediale Randsportarten erkannt bzw. sind gezwungen, ihre Regeln, Wettbewerbe und Sportstatten zugunsten einiger der oben beschriebenen Fa ktoren und damit einer hoheren televisionaren Attra ktivitat zu andern. Beispiele, die diese Tendenz bestatigen, gibt es zu genuge. Im Volleyball werden die Damenmannschaften zu asthetischen Zwecken gezwungen durch vorgeschriebene knappe Be kleidung ihre „Haut zu Markte zu tragen" (Schauerte / Schwier 2OO4, S. 166). In weiteren Ball- und Ruckschlagsportarten wurde die Zahlweise geandert, um zum einen die Zeitspanne des Wett kampfs besser kontrollieren zu konnen und zum anderen um die Dramatik des Spielverlaufs zu erhohen (Tennis, Tischtennis, Volleyball). Weitere Regelanderungen wie im Bas ketball oder Handball waren darauf gerichtet, die Spielzuge, das Wechseln von Angriff und Verteidigung zu beschleunigen. Ein Beispiel: Wahrend das Handballergebnis von 1O:8 bei der WM 197O zwischen der DDR und Norwegen zur damaligen Zeit nicht unublich war, erscheint im Vergleich dazu das 40:42 zwischen den Rhein-Neckar Lowen und dem THW Kiel vom 13.09.2008 in der Handball-Bundesliga bei gleicher Spielzeit exorbitant. Um diesen Kriterien, ..Maximum an Aktion auf engstem Raum" und .Maximum an Aktion in minimaler Zeitspanne" (Whannel 1992, S.112 - 115), Folge zu leisten, wurden ferner u.a. im Schwimmen und in der Leichtathletik neue Fehlstartregelungen eingefuhrt, damit der Ablauf gestrafft wird.

Diese Beispiele zeigen, dass eine dramaturgische Aufwertung der Sportereignisse in den jeweiligen Sportarten durch die Anderungen bestehender Wett kampfregeln das Ziel hat, die Telegenitat zu steigern, um medial besser verwertbar und interessanter zu sein. ,,Medientauglichkeit entscheidet inzwischen weitestgehend uber den sportkulturellen Stellenwert und die wirtschaftliche Wertigkeit eines entsprechenden Angebots" (Schwier/ Schauerte 2008, S.113).

Neben dem rein sportlichen Wettbewerb hat sich im Mediensport ein o konomischer Wettbewerb entwickelt. Alle Beteiligten, also die Sportler, Verbande und Medien, versuchen ihr Produkt, also sich selbst, gegenuber anderen zu differenzieren. Diese Differenzierung soll einen einzigartigen Nutzen beim Konsumenten hervorrufen und die Nachfrage steigern (vgl. Schierl 2004a, S.135f). Schierl teilt die Asthetisierungsbereiche in drei Gruppen auf (vgl. Tab 2-2).

Demnach konnen sich Sportler durch ein bestimmtes Verhalten, besondere Fahigkeiten und/oder einem einzigartigen Outfit von anderen Sportlern zu ihren wirtschaftlichen Vorteilen abgrenzen. Ahnliche Moglichkeiten bieten sich den Beteiligten der Mesoperspe ktive, also den Veranstaltern und Sportklubs, die sich durch die Festlegung einheitlicher Kleidung ihrer Sportler oder einer unverkennbaren Inszenierung ihres Wettbewerbs profilieren. Exogene Asthetisierungsansatze, von den Medien hervorgerufen, sind dagegen schwierig umzusetzen. Sicherlich gibt es Moglichkeiten durch noch beeindruckendere Bilder, dem Einsatz von erklarenden Grafiken oder auch durch unterhaltende Merkmale im Kommentar, welche in dieser Arbeit noch naher untersucht werden sollen, Asthetisierung zu betreiben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 2-2 - Asthetisierungsbereiche im Sport (Schierl 2004a, S. 148).

Ob aber eine Sportubertragung den Zuschauer unterhalt, hangt weniger von der Ubertragung, sondern viel mehr von der Person ab, die es konsumiert. Der Rezipient muss uber ein gewisses

„Humankapital“ (Schierl 2004a, S.150) bzw.

„Konsumkapital“ (Woratsche k / Schafmeister 2004, S. 73f) verfugen, also das Basiswissen uber eine Sportart. Da dieses Humankapital bei den Rezipienten unterschiedlich grol ist, ergibt eine Asthetisierungsstrategie des Produkts Mediensport keinen nachhaltigen Sinn, da es nicht automatisch zu einer hoheren Reichweite fuhren ann.

Dennoch sind im Sport Inszenierungsmuster entstanden, „die das Unterhaltungspotential der televisionaren Sportberichterstattung malgeblich mitgestalten" (Schwier / Schauerte 2008, S. 113). Diese Muster bestehen aus dem geschilderten Aspe kt der Telegenisierung, sowie der Narrativisierung, der Emotionalisierung und der Personalisierung (vgl. ebd., S. 113).

Narrativisierung meint ganz seinem lateinischen Ursprung nach (narrare = erzahlen) das Erzahlen von Geschichten rund um eine Ubertragung eines Sportereignisses, die nicht immer einen rein sportlichen Bezug haben bzw. haben mussen. Eindrucksvoll geschah dies bei der EM 2008 (vgl. Kapitel 4.1) als vor dem Vorrundenspiel zwischen Osterreich und Deutschland „die Schmach von Cordoba" fur die deutsche Mannschaft, ein Zwischenrundenspiel der WM 1978 in Argentinien, durch die Medien ging. Solche Symbolik oder auch die Verwendung von Metaphern und Redewendungen sind chara kterisierend fur Narrativisierung.

Ahnliche sprachliche Eigenschaften bei einer Sportubertragung kann dem Aspe kt der Emotionalisierung zugesprochen werden. Auf der optischen Seite wirken Grolaufnahmen, schnelle Schnittfolgen oder auch Superzeitlupen ebenfalls verstarkt emotionalisierend. Diese Malnahmen sollen „Augenblicke groler Intensitat und Prasenz" (Schwier / Schauerte 2008, S. 114) beim Zuschauer schaffen.

Personalisierung meint „die Fo kussierung der Sportberichterstattung auf die Stars" (Schwier / Schauerte 2008, S. 114) und ist ,,der am meisten anzutreffende Nachrichtenfa ktor" (Loosen 1998, S. 99). Vor allem bei Mannschaftssportarten wird diese Art haufig festgestellt, ,,weil Informationen und Neuig keiten immer dann als besonders plausibel und glaubwurdig angesehen werden, wenn sie an Personen festgemacht werden konnen" (Schaffrath 2006, S. 119). Durch diese exemplarische Verkorperung eines Einzelnen fur seine Mannschaft werden komplexe Vorgange veranschaulichend und auf einen unterhaltenden Aspe kt fur den Zuschauer reduziert.

2.2 Zwischen Information und Unterhaltung

,,Die Zeiten der 1:0-Berichterstattung im Sportjournalismus sind seit langem abgepfiffen" (Schaffrath 2002, S. 19). Bei einer Umfrage unter Sportjournalisten, was ihrer Meinung nach die wichtigsten Aufgaben ihres Berufes sind (vgl. Tab. 2-1), steht zwar das Jnformieren" mit nahezu 100 Prozent traditionell an erster Stelle. Jedoch glauben mittlerweile sieben von zehn Sportjournalisten, dass ,,Unterhalten" in ihrer Sportberichterstattung auch eine zentrale Rolle einnimmt. Vor allem die jungere Berufsgeneration beim Fernsehen, deren Karriere weitestgehend im dualen Rundfunksystem und damit im Profilierungswettkampf zwischen offentlich-rechtlichen und privaten Fernsehanstalten grol geworden ist, halt die unterhaltende Funktion fur unverzichtbar.

Ein chara kteristischer Begriff fur diese Entwicklung ist der des „lnfotainment“ (u.a. Braunleder 1994; Schaffrath 1994; Bur k / Digel 2004; Loosen 2004) bzw. „Sportainment“ (Schwier / Schauerte 2008). Kernaussage dieses Begriffes ist die „Vermengung von informations- und unterhaltungsorientierten Inhalten, Stil- und Gestaltungselementen“ (Friedrich / Stiehler 2006, S. 188) auf der Senderseite. Die Konzepte der Sender orientieren sich immer mehr an ihren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2-1 - Rangfolge der wichtigsten Aufgaben eines Sportjournalisten (Hackforth 1994, S. 34)

Sportinhalte werden ,,in einer Mischung aus Information, Unterhaltung, Sensation und Emotion dargeboten“ (Burk / Digel 2004, S. 118). Exemplarisch fur diese Entwicklung steht die Installierung von denselben Moderatoren in Sport- und Unterhaltungssendungen und umge kehrt (z.B. Gunther Jauch und Johannes B. Kerner), die „sich vor dem Hintergrund des wachsenden Unterhaltungsbedurfnisses der Zuschauer in einen Spagat zwischen Nachricht und Auffuhrung“ (Schauerte 2004, S. 94) begeben und diesen auch ge konnt bewaltigen.

Die Folgen des „lnfotainments“ sind die Entwicklung des Spitzensports zum Mediensport, was einen zentralen Kritikpunkt der Sportberichterstattung ausmacht.

2.3 Fu)ball im Fernsehen

Alle zwei Jahre im Juni/Juli spaltet sich die Fernsehnation. Die eine Halfte guckt Fulball, die andere nicht. Zu diesen Zeiten stehen namlich entweder Fulballwelt- bzw. Fulballeuropameisterschaften an.

Auch im Sommer 2008 fand eine Fulball-EM statt und Fulball- Deutschland versammelte sich vor dem Fernseher (vgl. Kapitel 4.2). Aus dem Bereich der Medienwirkungsforschung zeigen Erkenntnisse, dass vor allem gesellschaftliche Phanomene dabei eine Rolle spielen. „Wer sich [...] wahrend [eines solchen Ereignisses] nicht auf dem Laufenden halt, der steht im Kreise der Freunde oder Arbeits kollegen schnell im Abseits“ (Schramm / Dohle / Klimmt 2004, S. 122). Somit ist ,,die Fernsehcouch [...] langst zur wichtigsten Sporttribune der Informationsgesellschaft geworden“ (Pleitgen 2000, S. 1).

Wie zu Beginn des Kapitels 2 beschrieben erfullt besonders der Fulball eine Reihe von Fa ktoren, die bei der Akzeptanz einer Sportart im Fernsehen entscheidend sind.

„Kaum eine andere Sportart vereinigt die Grundelemente einer fernsehtauglichen Umsetzung so auf sich wie der Futtball. Die physische Einheit von Ort, Handlung und Zeit setzt eine Dramaturgie mit potenziell immer ungewissem Ausgang in Gang“ (Gerhard 2006a, S. 45).

Dadurch dass ein Fulballspiel zeitlich linear verlauft, steigert sich die Dramaturgie eines Spiels mit zunehmender Spieldauer ohne Eingriff des Fernsehens. Als Gegenbeispiel dient der Biathlon, bei dem zeitversetzte Starts der Athleten fur einen Verlust der Dramaturgie sorgen. Hier muss „die Herstellung einer linearen und somit einer zuschauerfreundlichen Ordnung des Ablaufs erst geschaffen werden" (ebd., S. 60). Auch sonst prasentiert sich der Fulball fernsehtechnisch als zuschauerfreundliche Sportart. Fulball hat im Vergleich zu anderen Ballsportarten wie z.B. Bas ketball oder American Football wenige und leicht zu verstehende Regeln. „Viele legendare Kommentare von Fulballexperten sind auf die Einfachheit des Spiels bzw. der Regeln zuruckzufuhren: „Das Spiel dauert 90 Minuten", „Das Runde muss in das Eckige"" (Schramm / Dohle / Klimmt 2004, S. 124). Diese Einfachheit bewirkt, dass die Spielidee des Fulballs nahezu auf der ganzen Welt verstanden und umgesetzt wird. Somit lasst sich der weltweite Erfolg dieses Spiels erklaren.

Sind bei einem Formel-1-Rennen oder einer Ski-Abfahrt viele Kameras und Bildschnitte von Noten, um das Geschehen zu verfolgen, kommt ein Fulballspiel theoretisch mit einer Kamera, die eine totale Einstellung zeigt, aus, um es gut verfolgen zu konnen. Schnitte zu Zeitlupen oder Nahaufnahmen dienen lediglich informierenden und unterhaltenden Zwecken.

2.4 Kritik

,,lch habe fruher immer gesagt, es gibt vier Sportarten furs Fernsehen: Fuftball, Fuftball, Fuftball und Tennis. Das hat sich inzwischen geandert. Heute gibt es Fuftball, Fuftball, Fuftball, Boxen, Formel 1 und dann Tennis“ (Interview mit Helmut Thoma im Kolner Stadtanzeiger, 3./4.2.1996).

Damit ist schon einer von vielen Kritikpunkten in der Sportberichterstattung angesprochen: Es fehlt an der Vielfalt. „So kommt es zu einer Konzentration auf einige wenige publikumswirksame Sportarten" (Loosen 2004, S. 15). Eine Studie der Deutschen

Sporthochschule in Koln (vgl. Hac kforth / Wernec ken 1999) zeigte, dass

Sport im Fernsehen 17 in 297 Sportsendungen 29% der Beitrage von Fulball handelten. Auf den Folgeplatzen befanden sich Leichtathletik (18%), Motorsport (13%), Tennis (12%), Handball (8%) und Bas ketball (6%). ,,Alle anderen Sportarten kamen auf einen Anteil von maximal drei Prozent" (Gleich 2000, S. 511). Die Sportart Volleyball z.B. probiert schon seit langerem in die „Popularisierungsspirale“ des Fernsehens (vgl. Kapitel 2.1) hinein zu kommen. Doch trotz verschiedener Anderungen des Regelwerks und der Zahlweise zur Steigerung der Attra ktivitat gelang es ihr nicht. Grunde dafur sind das Fehlen „einer sportartspezifischen Fernseh-Dramaturgie und nicht selten [...] der fachlichen Kompetenz des Kommentars" (Muc kenhaupt 1990, S. 14). „Die Vielfalt in der Berichterstattung, vor allem in den privaten Vollprogrammen, [durfte] als zu eingeschrankt bezeichnet werden" (Schierl 2004a, S. 154).

Es gibt nicht nur eine fehlende Vielfalt der Sportarten, sondern auch eine der Geschlechter. Der Anteil der Sportberichterstattung uber Manner gegenuber der der Frauen uberwiegt erheblich. Im „Fernsehen [...] liegt der Anteil der Berichterstattung uber Sportlerinnen nicht hoher als 15 Prozent" (Hartmann-Tews / Rulofs 2004, S. 115).

Viele Sportarten sind abhangig von ihren Stars und Erfolgen. Tennis ware ohne die Erfolge von Steffi Graf und Boris Becker niemals so erfolgreich im deutschen Fernsehen gesendet worden. Ahnliche Entwicklungen gab es in den 90er Jahren beim Schwimmen mit Franzis ka van Almsick, beim Boxen mit Henry Mas ke, beim Bas ketball mit Dirk Nowitzki und bei der Formel 1 mit Michael Schumacher (vgl. Zubayr / Gerhard 2004, S. 39f). Fehlen solche Stars, ist es auch fur eine sonst populare Sportart schwierig sich am Fernsehmarkt zu positionieren, womit auch in diesem Fall das Tennis in der heutigen Zeit wiederum als gutes Beispiel dient, da es im deutschen Fernsehen nicht mehr in der Fulle gesendet wird wie noch vor zehn Jahren.

Des Weiteren wird „eine zunehmende Fixierung auf die Live- Berichterstattung zu Lasten einer sele ktiv-analystischen Auseinandersetzung beanstandet" (Loosen 2004, S. 15). Die A ktualitat und damit die 1:1-Live-Ubertragung eines Sportereignisses stehen im Vordergrund. „Der Anspruch liegt vielfach in einer moglichst vollstandigen Erfassung des Gesamtgeschehens" (Wernecken 2000, S.Sport im Fernsehen 1843), anstelle einer zusammenfassenden kritischen Aufbearbeitung. Ein weiterer Kritikpunkt ist die zeitliche Streckung solch eines Ereignisses. Mit dem Einsatz von „begleitenden Vor- und Nachberichten, Gewinnspielen, Comedy-Einlagen, Interviews, Homestories von Sportlern, Features uber Austragungsorte, prominenten Kommentatoren und nicht zuletzt mit Sponsoring und neuen Formen der Werbung versucht man, ein moglichst unterhaltsames Rahmenprogramm um die eigentliche Berichterstattung zu platzieren" (Gleich 2000, S. 512). Bei der diesjahrigen Fulball-EM berichteten ARD und ZDF zusammen ca. 109 Stunden von diesem Event (vgl. Geese / Gerhard 2008). Rechnet man die Spielzeit der 27 ubertragenen Spiele zusammen, kommt man aber lediglich auf ca. 42 Stunden (38 Prozent). Durch dieses Uberangebot stellt sich die Frage, ob ein ,,optischer Overkill" (Wernecken 2000, S. 42) in der Sportberichterstattung erreicht ist. Es herrscht eine erhebliche ,,Dis krepanz zwischen der Realzeit eines Sportereignisses und seiner weitaus umfangreicheren Prasenz im Fernsehen, [...] wodurch der Eindruck entstehen konnte, dass der Schritt vom Infotainment zum reinen Entertainment bereits vollzogen ist" (Loosen 2004, S. 20).

Durch den erhohten Einsatz von Showelementen im Fernsehsport sind ,,die Ubergange vom Realsport, uber den Fernsehport, zum Showsport [...] flielend" (Wernecken 2000, S. 43). Durch die beschriebenen Inszenierungsmuster (vgl. Kapitel 2.1) wird ein Bild des Sports konstruiert, das zu Zwecken der Attra ktivitats- und Spannungssteigerung erheblich vom Original abweicht. Dabei entstehen aber nicht zwangslaufig bessere Bilder fur den Zuschauer, sondern lediglich andere. Der Fernsehrezipient erfahrt ein ,,neues Original, nicht verbessert, sondern eine andere, durch den jeweiligen Produktionsvorgang des Mediums vermittelte Realitat" (Berg 1980, S. 185). Jeder Rezipient kann fur sich selbst abwagen, ob er sich ein Sportereignis lieber vor Ort anschauen will, um somit die typische Atmosphare mitzunehmen oder ob er es von zu Hause via Fernsehubertragung sieht. Denn ein ,,Zuschauererlebnis im Stadion [wird] nie die Detailfulle und Ubersichtlichkeit der Sportubertragung erreichen konnen" (Kuhnert 2004, S. 27).

3. Der Kommentar

Der Begriff „Kommentar“ hat in den Medien vielerlei Verwendung. Allgemein betrachtet ist der Kommentar ein Meinungsbeitrag zu einem Thema. In den Printmedien wie auch bei Nachrichtenformaten im Fernsehen wird dieser meist optisch bzw. mundlich kenntlich gemacht. Jedoch ist diese Definition fur den weiteren Verlauf dieser Arbeit nicht forderlich. „Im Laufe der Zeit wurde dem Begriff „Kommentar“ etwas Inflationares beigemengt“ (Fritz 2005, S. 32). Vor allem im televisionaren Bereich wird der Kommentar lediglich als Begleittext einer Bildfolge verstanden.

Im weiteren Text wird der Kommentar nach folgender Definition gehandhabt: „Kommentar wird der Filmtext genannt, also die Wort- Information, die die Bildinformationen erganzen und kein O-Ton sind“ (Wordermann 1990, S. 96). Hac kforth versteht den Kommentar erganzend als Kommentierung und Erlauterung der audio-visuellen Eindruc ke (vgl. Hac kforth 1975, S. 280).

Dem Kommentar bei einer Sportubertragung wird eine entscheidende Rolle zugesprochen, da er beim Zuschauer zusatzliche Emotionen auslosen kann. Dabei bedient er sich neben seinem allgemeinen Wortschatz auch dem speziellen Wortschatz der Sportsprache, die zur Komprimierung komplexer Sachverhalte dient und nachfolgend naher beleuchtet wird (vgl. Kapitel 4.1). Des Weiteren werden dem Kommentator eine ganze Reihe von Funktionen und Aufgaben zu teil, die er zu erfullen hat. Wahrend der gesamten Ubertragung hat das visuelle Element, welches der Zuschauer sieht, Vorrang gegenuber dem auditiven Element in Form des Kommentars. Die Pflicht des Kommentators liegt nun darin, das Gesehene sprachlich zu erganzen (vgl. Kapitel 4.2).

Beim Live-Kommentar (vgl. Kapitel 4.3) unterscheidet man zwei Arten der Kommentierung. Zum einen gibt es den bildbeschreibenden Kommentar, der fur die Zuschauer nicht zwingend notwendig ist, da er das Beschriebene auch mit eigenen Augen sieht. Im Gegensatz zu einem Tennismatch, bei dem die Protagonisten auf Grund der geringen

Anzahl meist eindeutig auszumachen sind, ist es jedoch bei einem Fulballspiel wegen der totalen Kameraeinstellung oftmals hilfreich einen ballfuhrenden Spieler beim Namen zu nennen oder eine undurchsichtige Spielsituationen kurz zu beschreiben.

Das Pendant zum bildbeschreibenden ist der bilderganzende Kommentar. Hierbei handelt es sich um die gesprochene Information des Kommentars, die nicht allein aus dem ubertragenden Fernsehbild fur den Rezipient zu erschlielen ist. Es handelt sich dabei zumeist um die so genannte Hintergrundinformation, die dem Zuschauer zur besseren Einordnung der Ereignisse dienen soll. Dazu zahlen Informationen uber Spieler, Mannschaften, Trainer und das Turnier sowie Einschatzungen, Ruckblicke, kritische Anmerkungen und Prognosen durch den Reporter. Des Weiteren sind auch Emotionen bzw. unterhaltende Merkmale (vgl. Kapitel 4.4) dem bilderganzenden Kommentar zuzuordnen.

3.1 Die Sportsprache

„Voraussetzung von Kommunikation ist ein fur Kommunikator und Rezipient verstandliches Zeichensystem" (Weischenberg 1976, S. 197). Das Zeichensystem der Sportsprache, eine Form der Sondersprachen in der deutschen Sprache, beinhaltet einen speziellen Wortschatz, deren Teilnehmer neben den Sportlern und Fans ein erheblicher Anteil von Laien sind. Daher konstatiert Dankert bereits 1969, dass ,,die Sportsprache die wichtigste und einflulreichste unter den heutigen Sondersprachen ist" (Dan kert 1969, S. 1). Die Sportsprache spricht nicht einen kleinen Kreis von Fachleuten an, da sie kaum gesellschaftliche Voraussetzungen fordert. Sie richtet sich gleichermalen an alle Sportinteressierten, ,,weshalb soziale, berufliche, finanzielle u.a. Unterschiede bei der gemeinsamen Kommunikation uber Sport in den Hintergrund treten (konnen)" (Quast 2002, S. 3). Konkreter bedeutet dies, dass die Sportsprache somit nicht wie andere Sondersprachen die Sprache eines Standes, eines Berufes oder einer Gemeinschaft ist, „sie ist Sprache einer Erscheinung der Gesellschaft, an der absolut jeder Mensch in irgendeiner Form teilhaben kann“ (Bec ker 1988, S. 24). Ihre Begriffe und Formulierungen sind stark an spezielle Vorgange in der jeweiligen Sportart gebunden, deren Komplexitat somit in festen Aussagen gebundelt wird und keiner weiteren Variation bedarf. Auf den Fulball bezogen heilt dies, dass ,,je weiter sich die Sportsprache entwickelt, desto weniger beliebig kann das Vo kabular, das zur naheren Beschreibung einer Spielszene benotigt wird, eingesetzt werden“ (Dan kert 1969, S. 17). Exemplarisch stellt Braun fest, dass es ,,fur die Tatigkeit des Fulballspielens und sogar fur dessen Zielsetzung, Tore zu schielen, keine einfachen Verben gibt. Es gibt kein ,,toren“ oder ,,treffern“; im Deutschen“ (Braun 1998, S. 135).

Die Sportsprache ist in einem standigen Prozess der Aufnahme und des Verlusts von Begriffen und Redewendungen. Dabei korrespondiert sie standig mit offentlicher und privater Kommunikation, wobei nicht festzustellen ist, welcher Partner den anderen starker beeinflusst.

Ferner muss unterschieden werden, dass die Sportsprache nicht mit der spezifischen Sprache des Sports gleichzusetzen ist. Jede Sportart bzw. Disziplin hat ihr eigenes Vo kabular innerhalb der Sportsprache. Jedoch ist zu beobachten, dass die verschiedenen Wortschatze der Sportarten nicht fur sich alleine existieren, sondern viele Begriffe in mehreren Sportarten zu finden sind (,,Schiedsrichter“, ,,Trainer“, ,,Titelverteidiger“). Es ist sogar teilweise ein Transfer der Worter zwischen den Sportarten festzustellen. ,,So stammen die beim Fulball verwendeten Begriffe ,,Parade“, ,,kontern“ oder „Derby“ vom Fechten, Boxen und Reitsport“ (Quast 2002, S. 4). Trotz alledem ist die Sprache des Fulballs die Herausragendste, da sie zum einen die beliebteste Sportsprache ist und folgerichtig massenmedial den grolten Raum einnimmt.

Die Sportsprache wird groltenteils in zwei Bereiche unterteilt: Zum einen spricht man von Fachsprache bzw. Regelsprache, deren Gebrauch vornehmlich den Wortschatz der Regeln und des Verstandnisses einer Sportart umfasst. Zum anderen handelt es sich um Jargon bzw. Fachjargon, wenn bestimmte Einzelsituationen durch konkrete Begriffe und Redewendungen emotional umschrieben werden. Bausinger unterteilt noch in eine dritte Kategorie: Die Reportsprache, die aber dem Fachjargon sehr ahnelt (vgl. Bausinger 1988, S. 25f), so dass es dieser weiteren Differenzierung nicht bedarf.

3.1.1 Die Fachsprache

Sportunabhangig wird die Fachsprache als eine „Variante der Gesamtsprache, die der Erkenntnis und begrifflichen Bestimmung fachspezifischer Gegenstande sowie der Verstandigung uber sie dient und damit den spezifischen kommunikativen Bedurfnissen im Fach allgemein Rechnung tragt" (Mohn / Pelka 1988, S. 36), verstanden. Zwar ist sie primar an Fachleute gerichtet, jedoch konnen an ihr auch fachlich interessierte Laien teilhaben. Weiter sind Fachsprachen grundsatzlich der Offentlichkeit zuganglich und weisen uberregionalen Chara kter auf.

Sportabhangig, also auch auf den Fulball bezogen, beinhaltet die Fachsprache ,,den Fachwortschatz der Regeln der einzelnen Sportarten, den Wortschatz der Organisation des Sportbetriebes und die sportartspezifischen Termini" (Brandt 1979, S. 172). Der haufig zu findende Begriff ,,Regelsprache" (vgl. Neugebauer 1986; Fingerhut 1991) scheint nach dieser Definition auch sinnvoll, da in der Fachsprache jene Begriffe vorkommen, die die Regeln, Fun ktionen und Gegenstande des Fulballspiels beinhalten und ihren Ablauf festlegen, z.B. ,,Strafraum" und ,,Abseits".

Es ist vornehmlich die Aufgabe der Fachsprache, ,,komplizierte und komplexe Vorgange aus kommunikationsokonomischen Grunden sprachlich zu raffen [...]" (Brandt 1979, S. 177). Diese sprachliche Raffung wird durch das haufige Anfinden von Substantiven deutlich, welche die Funktion haben, Situationen und Tatigkeiten zu umschreiben und somit teilweise komplette Satze zu ersetzen. Ein Beispiel dafur ist der Begriff „Foul" anstatt ,,der Gegenspieler hindert den ballfuhrenden Spieler regelwidrig an der Fortsetzung des Spielverlaufs".

Zwangslaufig unterliegt die Fachsprache damit einer hohen Starrheit, was wiederum den Vorteil hat, fur alle Beteiligten verbindlich zu gelten. „Kommunikationsprozesse implizieren die Kongruenz der Zeichenvorrate als Ideal" (Pra k ke 1968, S. 87), fasst es Pra k ke wissenschaftlich treffend zusammen. Diese Starrheit steht aber dennoch unter einem standigen Entwicklungsprozess, da durch Regelanderungen oder modernere Spielsysteme neue Begriffe und Fachtermini im Fulball entstehen (konnen). Worter wie „Abseits" konnten naturlich erst mit der Einfuhrung dieser Regel existieren, genauso wie der Begriff der „Vierer-Kette", die erst Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts von immer mehr Fulballtrainern pra ktiziert wurde und somit in den Wortschatz der Fachsprache Einzug fand.

Da sich die Fachsprache jedoch nur auf die technischen Sachverhalte bezieht (vgl. Siefer 1970, S. 115), ist es einem Reporter nahezu unmoglich einen Eindruck von einem Fulballspiel zu vermitteln. Daher bedarf es einer weiteren Unterform der Sportsprache, die den Spielverlauf und dessen Besonderheiten besser zu beschreiben vermag: Der Jargon.

3.1.2 Der Jargon

„Wenn „Einnicken“ nichts mit Mudigkeit zu tun hat, das „Abstauben“ nichts mit dem Putztuch und ein ,,Double“ nichts mit Schauspielern - dann sind Fuftballer unter sich. Wer mitreden will, sollte deren Sprache beherrschen. Sonst sieht er Rot.

(Burkhardt 2006, Umschlagruckseite)Wer von sich behauptet ein kompetenter Fulball-Kommentator zu sein, muss dieses Vokabular des hier aufgezeigten Jargons perfekt beherrschen.

Haupteigenschaft des Jargons in der Fulballsprache ist die Beschreibung von Einzelsituationen, die allein durch den Wortschatz der Fachsprache nicht nachvollziehbar waren. Der Jargon entfernt sich von den nuchternen Begriffen der Fachsprache. Er ist emotionaler und drastischer als sein Pendant und ist zumeist durch saloppe Redewendungen oder Metaphern ge kennzeichnet. „Es handelt sich um die bildliche Umschreibung bereits vorhandener Begriffe" (Fingerhut 1991, S .58). Des Weiteren ist der sachliche Informationsgehalt uberdurchschnittlich gering. Die Starke des Jargons liegt in der Suggestivkraft, die er ausstrahlt. Dem Kommentator bieten sich durch ihn Moglichkeiten, dem Spielverlauf Stimmungen beizuheften, die beim Zuschauer Emotionen wecken, welche „zum Ersatz eigener Handlungen, zum Ventil fur Aggressionen oder zum Mittel der Selbstbestatigung" (Gerneth / Schafer / Wolf 1971, S. 218) werden. Neben der Emotionalisierung erweist sich der Jargon dem Kommentator dadurch nutzlich, indem er ihm ein unverbindliches, freies Sprechen ermoglicht.

Da der Jargon ,,die bevorzugte Kommunikationsform mundlicher Gesprache der Zuschauer, der Fans, der Stammtischdiskutanten, z.T. auch der Sportler" (Brandt 1979, S. 172) ist, identifiziert sich der Kommentator bei seiner Benutzung mit dem Publikum. Auf der anderen Seite grenzt sich die Gruppe der Jargon-Kundigen stark von der Gruppe der Unkundigen ab. Zumal nach Siefer der Jargon eher einem Imponiergehabe als einer Redeabsicht dient (vgl. Siefer 1970, S. 114). ,,Mit der Kenntnis von Jargonwendungen kann man noch nachdrucklicher als mit der Beherrschung des Fachvokabulars, beweisen, dass man [...] mit den Besonderheiten des Fulballspiels vertraut ist" (Dankert 1969, S. 21). Demnach ist dem Gebrauch von Jargonwortern ein personliches Engagement zu attestieren. Die in Metaphern zum Teil mitschwingende Ironie hat nicht zum Ziel sich vom Fulball zu distanzieren, sondern es geht um die Verdeutlichung, dass man die Eigenheiten des Fulballspiels kennt.

3.1.3 Hyperbolik, Superlative und Metaphorik

Die Verwendung von Hyperbeln und Superlativen ist ein wirkungsvolles Stilmittel im Kommentar. Eine Hyperbel ist die ,,ubertreibende Bezeichnung einer Sache zum Zweck der Verfremdung, Aufwertung oder emotionalen Wirkung" (Quast 2002, S. 40). Superlative sind dagegen die hochste Form der Steigerung von Adje ktiven und Adverbien (z.B. gut = am besten). Hyperbeln und Superlative stehen haufig in der Kritik. Jedoch bezieht sich diese Kritik nicht auf ihre reine Verwendung sondern auf die Haufigkeit dieser. Die negative Folge eines zu haufigen Gebrauchs von Hyperbeln und Superlativen ist die Entwertung jener. „Sie erstarren zu Klischees, deren Inhalt verblasst" (Quast 2002, S. 22). Dankert wendet ein, dass diese Hyperbolik erst chara kteristisch fur die Fulballkommunikation sei und in der Berichterstattung ubertroffen wurde (vgl. Dankert 1988, S. 93). ,,Die Berichterstatter erliegen immer mehr der Versuchung, die Monotonie durch immer neue Hyperbeln zu verdrangen und so die in der Fulballsprache bereits angelegte Hyperbolik ins Grotes ke zu verzerren" (ebd.).

Auf der anderen Seite tragen Hyperbeln zur besseren Chara kterisierung von Spielern und Mannschaften bei und stellen ihre besonderen Fahigkeiten heraus. (z.B. „Titelfavorit", ,,Spieler des Turniers" oder ,,Bester Angriff im Turnierverlauf"). Des Weiteren sorgen Superlative fur Abwechslung beim Zuschauer.

Unter Berucksichtigung des vom Zuschauer geforderten Spannungsaufbaus durch den Kommentator erweist sich die (haufige) Nutzung von Hyperbeln und Superlativen als unverzichtbar. „Wird die superlativische Ausdrucksweise unter dem Gesichtspunkt der Unumganglich keit betrachtet, so ist feststellbar, dass sie zwar in vielen Fallen ubertrieben und uberflussig ist, jedoch [...] eine folgerichtige Notwendigkeit darstellt" (Fingerhut 1991, S. 91 f).

Ahnlich wie bei Hyperbeln und Superlativen ist auch der inflationare Gebrauch von Metaphern in der Sportkommentatorensprache festzustellen. Wie im Kapitel 4.1.2 angedeutet bietet der metaphorische Sprachstil dem Kommentator die Moglich keit „komplizierte Sachverhalte einfach und anschaulich darzustellen" (Linden 1994, S. 90). Das Problem ist aber, dass dadurch eine Monotonie im Kommentar entstehen kann. „Viele Sportberichte sind von einer frappierenden und ermudenden Gleichformigkeit, die vor allem durch den standigen Gebrauch eines begrenzten Kanons von Metaphern und Redensarten erzeugt wird“ (Dankert 1969, S. 58). Um diesem Nachteil entgegenzuwirken ist zu beobachten, dass die Kommentatoren bei der Produktion von neuen Metaphern gerne bereits bestehende Metaphern vermischen und somit Gefahr laufen, dass sich ihre Entschlusselung durch den Zuschauer derart schwierig gestaltet, dass ihre Aussage kraft verloren geht.

Neben der traditionellen Metaphorik aus dem Bereich des Kriegswesen, die sich teilweise so stark in die Alltags-Metaphorik integriert hat, dass sie ihrem eigentlich Ursprung gar nicht mehr zugeordnet wird, sind auch mehr Metaphern aus dem Bereich der Technik, des Geschafts- und Theaterwesens zu beobachten. Des Weiteren wurden Metaphern aus dem Bereich der Magie (z.B. „Zauber-Fu1ball“) belegt. Diese unterschiedlichen Ursprunge der Metaphern in der Sportsprache passen nach Dankert nicht zusammen, was auf Kosten der stilistischen wie logischen Korre ktheit geht. (vgl. Dankert 1969, S. 65).

3.2 Aufgaben eines Kommentators

lm Vierkampf der Mediengattungen zwischen Fernsehen, Horfun k, Print- und Onlinemedien, verfugt die Erstgenannte im Gegensatz zu den anderen gleichzeitig uber einen Bild- und Tonkanal, was einen immensen Vorteil bei einer Live-Ubertragung ausmacht. Der Ton besteht zum einen aus der a kustischen Kulisse, zum anderen aus der Sprache des Kommentators. Die entscheidende und vorrangige Informationsquelle ist aber das Bild, „weil es, unabhangig von Ton, allein die Aussage uber das Ereignis macht, machen kann. Ton ist immer komplementar, von untergeordneter Bedeutung, auch fur das Verstehen der Rezipienten“ (Hattig 1994, S. 216) Da das Bild die Basis einer Live-Ubertragung ist, gehort es nicht zur Aufgabe des Kommentators die Wirklichkeit des Spiels zu erzeugen. Andersherum muss er sich aber „der unschlagbaren Autoritat des Bildes“ (Dan kert 1969, S. 104) beugen. „Die verbale Verdopplung des ohnehin Sichtbaren beim Fernsehkommentar [ist] ebenso uberflussig" (Schaffrath 1998, S. 58). Demnach ist es eines der wichtigsten Eigenschaften eines Kommentators, die Bilder sprechen zu lassen, denn „je besser die Ubertragung, je transparenter via Bildinformation der Wettkampfverlauf, desto ernster hat der Reporter seine „Schweigepflicht“ zu nehmen" (Scheu 1994, S. 270).

Ferner muss der Kommentator darauf achten, die in der Literatur oft bemangelte Text-Bild-Schere (vgl. Scheu 1994; Quentin 1989, Hattig 1994) zu vermeiden. ,,So darf [...] der Text die Aufmerksamkeit des Rezipienten nicht vom Bild wegzwingen oder einen Widerspruch zur optischen Darstellung erzeugen" (Quentin 1989, S. 19). Lediglich wenn das Fernsehbild die Wirklichkeit verfalscht, hat der Kommentator korrigierend einzugreifen. Diese Forderung bezieht sich vor allem auf die Phase des Sprechens, in der das Spiel Aktionen bietet, also ununterbrochen ablauft. Hier sollte der Kommentator bildbeschreibend sprechen. Wenn das Spiel einmal unterbrochen ist oder keine Spiel relevanten Ereignisse erzeugt, sollte er diese Moglichkeit wahrnehmen und bilderganzend dem Zuschauer Informationen bereit stellen, die zur besseren Einordnung des bisher Gesehenen dienen. Dazu gehoren die Vorstellung der Mannschaften, die Erlauterung von Spielta ktik bzw. -system, die Einbettung von Zusammenfassungen, damit hinzukommende Zuschauer in den Spielablauf integriert werden, sowie das Erstellen von Prognosen gegen Ende des Spiels. Unter Umstanden sind aulere Bedingungen wie das Wetter und die Platzbeschaffenheit bei der Spielbeurteilung fur die Zuschauer wichtig, so dass sie genannt werden mussen.

Der Kommentator ist daruber hinaus bei Beteiligung einer heimischen Mannschaft der stellvertretende Zuschauer, der sich mit seinen Zuschauern identifiziert und mit ihnen alle Hoffnungen und Angste uber den Ausgang des Spiels teilt. Er verbalisiert das, was seine Zuschauer auch sagen wurden.

Zusammenfassend kann man die Kriterien eines Fernsehkommentars durch eine Definition Hackforths wie folgt festhalten:,,Kommentierung und Erlauterung der audio-visuellen Eindrucke. Die optischen Reize mussen durch zusatzliche Informationen erganzt werden, das ohnehin zu Erkennende braucht nicht erlautert zu werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 130 Seiten

Details

Titel
Unterhaltungsmerkmale im Live-Kommentar bei deutschen Fußball-Länderspielen – Eine empirische Inhaltsanalyse der deutschen Fußballspiele bei der EM 2008
Hochschule
Deutsche Sporthochschule Köln  (Medien und Kommunikation)
Note
1,8
Autor
Jahr
2008
Seiten
130
Katalognummer
V120833
ISBN (eBook)
9783640243501
ISBN (Buch)
9783640246632
Dateigröße
1312 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fußball Kommentar EM 2008
Arbeit zitieren
Tobias Hoffmeister (Autor:in), 2008, Unterhaltungsmerkmale im Live-Kommentar bei deutschen Fußball-Länderspielen – Eine empirische Inhaltsanalyse der deutschen Fußballspiele bei der EM 2008, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120833

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