Die Schwarze Szene. Alternative Sinnangebote und emotionale Bindung


Diplomarbeit, 2008

189 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gliederung

3. Die Gothic- Szene
3.1 Definitionen und Grundbegriffe
3.1.1 Die Farbe Schwarz
3.1.2 Der Begriff „Gothic“
3.1.3 Jugendszene
3.1.4 Subkultur
3.2 Die Schwarze Szene
3.2.1 Sozialstatistik
3.2.1.1 Szenegröße
3.2.1.2 Geschlechterverhältnis
3.2.1.3 Altersstruktur
3.2.1.4 Soziale Herkunft, Bildung und Beruf
3.2.2 Kleidungsstil und Ästhetik
3.2.3 Politische Einstellungen
3.2.4 Religion
3.2.5 Freizeit
3.2.6 Zentrale und Werte und Gefühle

4. Schwarze Musik
4.1 Definition
4.2 Die Wirkung von Musik im Allgemeinen
4.2.1 Musik als Therapie
4.3 Entwicklung der Schwarzen Musik
4.3.1 Der Tanz
4.3.2 Schwarze Musikstile
4.3.2.1 Darstellung und Erläuterungen
4.4 Stilrichtungen
4.4.1 Gothic- Punk / Batcave
4.4.2 Gothic- Rock
4.4.3 Darkwave
4.4.4 Gothic- Metal
4.4.5 Mittelalter
4.4.6 Elektro
4.4.6.1 EBM
4.4.6.2 Industrial
4.4.6.3 Industrial- Noise
4.4.6.4 Darkelektro
4.4.6.5 Synthie- Pop/Future- Pop

5. Methodik
5.1 Die Psychoanalyse als Methode
5.1.1 Die Psychoanalyse Sigmund Freuds
5.1.2 Intention und Problematik der Psychoanalyse
5.2 Zur Methode der Biografieforschung
5.3 Qualitatives Interview
5.4 Der Interviewleitfaden
5.5 Die Interviews
5.5.1 Durchführung
5.6 Zur Gesamtstrategie
5.7 Zugang zum Forschungsfeld
5.8 Zur Motivation des Autors
5.9 Das Forschungsziel
5.9.1 Die Hypothesen

6. Die Analyse
6.1 Zur Diagnostik und Klassifikation
6.2 Auswertung der Hypothesen
6.2.1 Hypothese 1 - Zur Frage der depressiven Persönlichkeit
6.2.1.1 Ätiologie der Depression
6.2.1.2 Quervergleiche
6.2.1.3 Musiktexte
6.2.1.4 Schwarzes Glück
6.2.1.5 Gothic- Foren
6.2.2 Hypothese 2 - Schwarze Musik als Transportmedium negativ empfundener Emotionen und Gefühle
6.2.3 Hypothese 3 - Zur Frage der therapeutischen Wirkung Schwarzer Musik
6.2.4 Hypothese 4 - Affinität zu Schwarzer Musik und neurotische Konstitution
6.2.4.1 Die gestörte seelische Entwicklung
6.2.5 Hypothese 5 - Dissozialität und Isolierung
6.2.6 Hypothese 6 - Kritische Lebensereignisse als Auslöser
6.2.6.1 Zur Vererbung
6.2.7 Hypothese 7 - Lebenslang Schwarz
6.2.8 Theorien zum Szeneeintritt

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis
8.1 Sonstige Quellen

9. Anhang

Schulbildung /Schwarze Szene

Schulbildung - GesamtBevölkerung

Berufswahl nach Altersgruppen – Schwarze Szene

Geschlechterverhältnis – Schwarze Szene

Geschlechterverhältnis – Schwarze Szene (Berlin)

Anteil der ab 30jährigen (30) – Schwarze Szene

Gesamtzahl und Geschlechterverteilung – Schwarzes Glück

Altersstruktur – Schwarze Szene (NRW)

Altersstruktur – Schwarze Szene (Berlin)

Sexuelle Orientierung – Schwarze Szene

SM-Neigungen – Schwarze Szene

Ursprünglich waren noch enthalten: Interviewleitfaden & Daten- DVD

Diese sind jedoch in der öffentlich zugänglichen Version nicht enthalten.

1. Einleitung

Obwohl bereits einige Literatur zur Gothic- Szene, vor allem in den letzten 10 Jahren, erschienen ist, möchte ich an dieser Stelle kurz darlegen, warum mir eine neuerliche Behandlung des Themas notwendig ist. Nach Durchsicht einschlägiger Literatur zum Thema ist auffällig, dass über die Bedeutung und den Sinnzusammenhang der „Schwarzen“ Szene nur unzureichende Erkenntnisse vorliegen. Aus diesem Grunde fühlte ich mich geradezu „genötigt“, diese Arbeit abzufassen. Zur Erklärung:

In der Literatur dominieren Szene- Beschreibungen, die aus einer rein soziologischen Betrachtungsweise heraus formuliert wurden. Dies scheint mir im Falle der Gothic- Szene vollkommen unzureichend.

Es handelt sich hier nicht um eine Jugendszene wie jede andere. Vielmehr weist sie einige in der Literatur stark vernachlässigte oder häufig unterschlagene Merkmale auf. Diese sich oberflächlicher Betrachtungsweise entziehenden szenetypischen Besonderheiten, werde ich in dieser Arbeit in den Fokus rücken.

Im Mittelpunkt aller Betrachtungen steht die Frage nach den Beweggründen sich der „Schwarzen Szene“ zuzuwenden. Im Vorfeld der zu dieser Arbeit nötigen Vorbereitungen, drängten sich einige wichtige Fragen auf, deren Beantwortung sich anhand der „Basisliteratur[1] “ nicht vollziehen ließ.

Es scheint, dass diese Literatur, wenn sie von einem uninformierten Personenkreis gelesen wird, nicht dazu geeignet ist, die Schwarze Szene hinreichend zu präsentieren. Die Erklärungsmuster muten teils geradezu „naiv“ an, wenn ganz offensichtlich ist, dass diese Studien nicht aus der Szene heraus entwickelt wurden, sondern von „außen“. Bedauerlich ist, dass solche Literatur in Szenekreisen eher „lächelndes“ Missverständnis auslöst. Nun muss ich jedoch anmerken, dass die hier zitierte Literatur selbstredend nicht nur unzureichend ist. Die soziologischen Erklärungsansätze sind nachvollziehbar und entsprechen sicherlich häufig auch der Realität. Allerdings sollte daraus keine allgemeingültige Lehrmeinung abgeleitet werden.

Die Studien von Farin (1999) und Helsper (1992) sind indes ein gutes Beispiel dafür, dass sozialwissenschaftliche Betrachtungsweise und individualpsychologische Sicht keine Gegensätze darstellen müssen, gleichwohl sie diesen interessanten Erkenntnissen nicht weiter folgen.

In dieser Studie werde ich dies nachholen.

Dabei soll die Szene, vor allem im 6. Kapitel, aus einer stark „inneren“ und emotionalen Perspektive betrachtet werden.

Die Themen Satanismus und „okkulte Neigungen[2] “ werden in diesem Fall keine Rolle spielen, da dies erstens für die Zielsetzung dieser Studie irrelevant ist und zweitens bereits erschöpfend diskutiert worden ist.

Zentral stelle ich hier der Frage, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit sich jemand der Schwarzen Szene anschließt.

Die Vorannahme ist, dass es nicht nur durch Sozialisationsbedingungen und Umweltfaktoren erklärbare Determinanten für die Entstehung und Etablierung der „schwarzen Subkultur“ gibt, sondern, dass deren Anteil als Ursächlichkeit im Vergleich zu individualpsychologischen Faktoren durchaus deutlich geringer ausfällt, als gemeinhin vermutet wird.

Soziologische Ansätze (z.B. Hurrelmann/Bründel) berücksichtigen dies zwar, jedoch möchte ich diese Ansätze in aller Konsequenz weiterverfolgen. Dies ist indes nicht alles. Ein Reihe weiterer Fragen und Aspekte spielen in dieser Studie ebenso eine Rolle.

Es scheint so, dass sich die „Gothic- Szene“ erheblich von anderen Jugendszenen unterscheidet. Ist es überhaupt eine „Jugendszene“?

Ist es nicht vielmehr so, dass die Menschen, die einmal in ihr „gefangen“ scheinen, nicht mehr von ihr loskommen und dieser ein Leben lang anhaften? Es gibt in der Tat einige Anhaltspunkte, die diesen Schluss zulassen. Interessanterweise ist ein Großteil der älteren Szenegänger etwa 40 Jahre alt, also genau so alt, dass sie zu dem Zeitpunkt, als die Gothic- Musik entstand, in einem Alter waren, in dem sie entsprechende Clubs besuchen konnten.

Dies lässt den Schluss zu, dass sie ihrer Szene seit jener Zeit treu geblieben sind, weit über das Jugendalter hinaus.

Wenn das so ist, dann wäre interessant zu erfahren, warum diese Treue besteht.

Weiter werde ich die provokante Frage stellen, ob die Schwarze Szene tatsächlich ein „Sammelbecken“ für Depressive und Neurotiker ist.

Die Frage mag auf den ersten Blick etwas befremdlich wirken, allerdings wird sich dieses Befremden im weiteren Verlaufe dieser Arbeit relativieren.

Doch dazu später mehr.

Die o.g. Fragen sind nur eine kleine Auswahl an Themen, mit denen wir uns hier beschäftigen werden. Im Fokus der Betrachtungen stehen die von mir aufgestellten Hypothesen.

Als eine größere Schwierigkeit bei der Suche nach Antworten erweist sich die Tatsache, dass es sich bei der „Gothic- Szene“, im wahrsten Sinne des Wortes um eine „echte“ Subkultur handelt, die es erfolgreich schafft, sich weitestgehend, bis auf wenige Ausnahmen, der Öffentlichkeit zu entziehen.

Es zeigt sich, dass sich die „Gothics” vornehmlich zu Zeiten frei bewegen, in denen sie schon aufgrund ihrer bevorzugten Kleidungsfarbe kaum wahrnehmbar sind.

Eine öffentliche Auseinandersetzung mit der Szene findet vielfach nur unter Zuhilfenahme stereotyper Vorurteile statt.

Die wenigsten „Normalbürger” werden sich in einen „Schwarzen” Club trauen, es sei denn, sie geraten zufällig hinein, oder werden von jemanden, meist einem Szenekenner, dazu überredet, wo sie dann zumindest die Möglichkeit für sich erschließen würden, einen Einblick zu gewinnen. Nur wird dies nicht ausreichen, um die Hintergründe dieser Subkultur zu verstehen. Häufig gestellte Fragen sind:

„Was machen die nur da“? „Was finden die an dieser Musik“? An diesem Punkt begegnet einem bereits wieder das große Manko vieler Forschungsansätze.

Beim Lesen der wissenschaftlichen Literatur fällt auf, dass die angestrebte „Objektivität“ und „Unvoreingenommenheit“, aber vor allem die offensichtliche „Szenefremdheit“ der Forscher dazu führt, dass wichtige Aspekte übersehen oder schlichtweg übergangen werden. Es genügt nicht, die „Gothic- Szene“ als nur eine von vielen, als teilnehmender „neutraler“ Beobachter zu betrachten und eventuell noch Szene- Mitglieder zu befragen, was sich größerer Beliebtheit zu erfreuen scheint, sondern es ist hilfreich und notwendig, den Ansatz aus der Szene heraus zu entwickeln. Zumindest dann, wenn man den Anspruch erhebt, nicht nur die halbe Wahrheit kennenzulernen.

Was dies im Einzelnen bedeutet und wie dies geschehen soll, dazu komme ich im 5. Kapitel.

Im Vordergrund stehen zunächst die zentralen Hypothesen, die ich bewusst an den Anfang dieser Diplomarbeit stelle und auch als solche vor Beginn derselben aufgestellt habe. Am Ende soll ersichtlich werden, ob sich diese verifizieren lassen oder nicht. Ich stelle folgende Hypothesen auf:

1. Die Gothic- Szene ist ein Zufluchtsort depressiver Persönlichkeiten.
2. Schwarze Musik wirkt therapeutisch, als Kompensationsstrategie neurotischer Erscheinungen und negativer Lebensereignisse.
3. Schwarze Musik ist ein Transportmedium negativ empfundener Emotionen und Gefühle.
4. Nachhaltige Empfänglichkeit für Schwarze Musik setzt eine neurotische Konstitution voraus.
5. Gothics sind bindungsarm und zeigen sozial destruktives, dissoziales Verhalten.
6. Der Zugang zur Schwarzen Szene setzt ein negatives, traumatisches Lebensereignis voraus.
7. Die Gothic- Szene ist keine Jugendszene. Sie ist ein Szene, der sich die Mitglieder lebenslang zugehörig oder nahefühlen.

Eine detailliertere Auseinandersetzung mit den aufgestellten Thesen findet im noch folgenden Methodikteil statt.

2. Gliederung

Die Arbeit gliedert sich in folgender Weise:

Zunächst gibt es im Vorfeld einige wichtige szenespezifische Begriffe zu erläutern. Dies scheint notwendig, um zu verdeutlichen, wovon die Rede ist, wenn die Begriffe „Schwarz“, „gothic“ usw. erwähnt werden. Diese Adjektive finden in verschiedenartigen Zusammenhängen Anwendung.

Wenngleich der Schwerpunkt dieser Arbeit in der Bearbeitung der genannten Fragestellungen und aufgestellten Hypothesen liegt, ist es dennoch notwendig, einen Gesamtüberblick über den Lebensstil „gothic“ aus soziologischer Sicht zu geben, die Gewohnheiten der „Schwarzen“, ihren Lebensstil zu beschreiben, so, wie es schon in einschlägiger Literatur geschehen ist, um zum allgemeinen Verständnis des Themas beizutragen. Dies wird den ersten Teil dieser Arbeit einnehmen. Ein „Basiswissen“ soll dem szenefremden Leser einen Überblick über den Stand der soziologischen Forschung vermitteln. Zu diesem Zweck sind gleichfalls die Arbeiten von Helsper (1992), Ruthkowski (2004) und Schmidt/Neumann-Braun (2004) zu empfehlen. Inhaltlich gehören zu diesem folgende Aspekte: Statistisch relevante Daten, Historie, Lebensstil, Politische Einstellungen, Kleidungsstil, Religion, zentrale Werte und Gefühle, sowie soziale Herkunft.

Im Anschluss folgt ein sehr ausführlicher Teil zur Gothic- Musik, welche die zentrale Rolle spielt, und das nicht nur bei der Vergemeinschaftung der Schwarzen Szene. Auch dieses Thema wird sehr häufig vernachlässigt.

Schwarze Musik ist Dreh- und Angelpunkt Schwarzer Subkultur und hat mehrere spezifische Funktionen, auf welche ich im entsprechenden Kapitel zu sprechen kommen werde. Dabei werde ich der Frage nachgehen:

Wie wirkt eigentlich (Schwarze) Musik? Gleichzeitig wird dann klar werden, warum diesem Thema in dieser Arbeit so viel Platz eingeräumt wird.

Dieses 4. Kapitel beinhaltet einen Überblick über die vielfältigen Musikstile der Szene und ihre Historie. Es folgen im 5. Kapitel Ausführungen zur empirischen Methodik der Studie, sowie weitere methodische Überlegungen zur Gesamtstrategie und Einzelheiten zur Motivation des Autors sowie zum Forschungsziel.

Die Bearbeitung der Hypothesen, und somit der Schwerpunkt dieser Arbeit, findet im 6. Kapitel statt.

Die Gesamt- Analyse der Szene stützt sich zum einen auf 8 Biografieanalysen, sowie umfangreiche Inhaltsanalysen relevanter Literatur, Musik, Texte und Internet- Communitys. Der Schwerpunkt der Inhaltsanalyse liegt auf der sprachlichen Interpretation der Texte unter Berücksichtigung des affektiven Zustandes ihrer Verfasser. Die Orientierung aller analytischen Bemühungen erfolgt dabei anhand der Hypothesen. Methodisch orientiere ich mich dabei an tiefenpsychologischen, musikpsychologischen, sowie soziologischen Theorien, die am Ende zusammengeführt werden. Die Analyse der Biografien stützt sich aus nachvollziehbaren Gründen auf psychoanalytische Erkenntnisse, die in der interdisziplinären Zusammenführung gedeutet werden. Am Ende folgt ein Fazit und eine daraus abgeleitete Theorie.

Zunächst aber ein Blick auf die Szene, aus der Sicht des Soziologen.

3. Die Gothic- Szene

Anmerkung:

An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich mich bei der Nennung von Personen bevorzugt der männlichen Form bedienen werde, da dies u.a. das Lesen ungemein erleichtert. Dies soll im Übrigen keinerlei Gewichtung oder Wertung bedeuten. Eine Unterscheidung nach männlicher oder weiblicher Form wird nur erfolgen, wenn dies notwendig oder sinnvoll erscheint.

3.1 Definitionen[1] und Grundbegriffe

Zunächst einige wichtige Begriffe, deren ich mich im Folgenden häufig bedienen werde.

3.1.1 Die[2] Farbe Schwarz

Was heißt eigentlich „Schwarz“, „Schwarze“ Szene, „Schwarze“ Musik?

Um die Bedeutung dieses Wortes zu erschließen, wenden wir uns zunächst der Farbe Schwarz zu.

Schwarz als Farbe hat speziell im europäischen Kulturkreis verschiedene Bedeutungen, die sich allerdings zu einem Gesamtbild verdichten. So ist die Bedeutung der Farbe Schwarz als Kleiderfarbe, wie bereits Helsper (1992 ) bemerkte, an verschiedene Traditionen geknüpft. Diese „kulturell, tradierten Bedeutungen“(Helsper 1992 : 249) sind zum Teil bis heute erhalten geblieben. So ist Schwarz z.B. die Farbe herausgehobener festlicher Anlässe wie: Feiern, religiöser Zeremonien oder Staatsakte. Geschichtlich gesehen weist sie dem Träger dieser Farbe eine gehobene gesellschaftliche Stellung zu. Man kann annehmen, dass den „Schwarzen“ die Besetzung der Farbe Schwarz in dieser Hinsicht noch bekannt ist, sei es nun bewusst oder unbewusst.

So ist das Tragen dieser Farbe doch ein Zeichen sozialer Distanzierung von der „Masse“, was im Kleidungsstil der Schwarzen zum Ausdruck kommt. Diese „Distanzierung“ ist durchaus eine starke Bestrebung, sowohl nach „außen“, als auch nach „innen“.

Die Schwarze Szene ist also durch einen ausgeprägten Individuierungsdrang gekennzeichnet, worauf wir an anderer Stelle noch zu sprechen kommen.

Zunächst gibt es noch eine Reihe weiterer Assoziationen, die mit dieser Farbe verknüpft sind. Schwarz ist die Farbe des Todes, der Trauer, des Schmerzes, der Vergänglichkeit, des Alters, von „Weltabgewandtheit“[3], von sozialer Distanz, Kontrastierung und Entgegensetzung. Gleichfalls von Frömmigkeit, Religiosität, Meditation, Entsagung, Protest und Kampf.

Die meisten dieser tradiert hergeleiteten Beschreibungen treffen wohl auf die Ausdrucksform des Schwarzen Lebensstiles zu. Auffallend hierbei ist die vorwiegende Verknüpfung der Farbe Schwarz mit negativen Vorstellungen.

3.1.2 Der Begriff „Gothic“

Die Begriff „Gothic“, auch „goth“(eng.), bezeichnet erstens: den „Schwarzen“(früher Grufti[4]), den Szenegänger, Angehörigen der „Schwarzen“, der Gothic- Szene, und zweitens: ein daraus abgeleitetes Adjektiv auf das wir noch zu sprechen kommen werden.

Sprachlich gesehen, geht die Bezeichnung „Gothic“ auf den Stamm der „Goten“ zurück, jenem aus Skandinavien und Osteuropa stammenden Volksstamm, der im Jahre 410 n.Chr. Rom plünderte. Die Goten erhielten ihren Namen von der römischen und griechischen Geschichtsschreibung. Ihre Vorgehensweise galt als grausam und barbarisch, da die Goten keinerlei Gnade mit ihren Feinden kannten. Aus diesem Kontext heraus assoziiert man den „Begriff Gothic mit dunklen Mächten, der Lust an Herrschaft über Schwächere und Grausamkeit“(Meisel 2005 : 9). Diese Zuschreibungen lassen sich heute nur noch schwer auf die Schwarze Szene übertragen, da diese gemeinhin als weitgehend gewaltfrei zu bezeichnen ist. Bestenfalls impliziert eine häufige Hinwendung der Schwarzen zu sadomasochistischen Praktiken einen entsprechenden Zusammenhang. Mittlerweile scheint man sich darüber einig zu sein, dass die Herleitung des Begriffes „Gothic“ vom Stamm der Goten wirklich nur rein sprachlicher Natur ist.

Eine weitere (sprachliche)Verbindung besteht zum mittelalterlichen Kultur- und Architekturstil Gotik. Ursprünglich aus dem 15. Jahrhundert stammend und im 18. Jahrhundert wiederbelebt, bezeichnet der Begriff Gotik anfangs „künstlerische Überladenheit, Abstrusität und Geschmacklosigkeit“

(Davenport/Hines 1998 : 2). Mit der Wiederbelebung der Gotik ist hier auch das „Revival der kulturellen Stimmung - der Faszination an Bestrafung, Barberei, Brutalität, Terror ...“ (Meisel 2005 : 10) gemeint. So spielte bereits das Thema Sadomasochismus, im Geiste dieser Entwicklung, während des 18. Jahrhunderts eine Rolle. Gleichfalls die Thematisierung von architektonischem, persönlichem, emotionalem und sozialem Ruin (Meisel 2005 : 10), was auch in der heutigen Schwarzen Szene noch ihren Ausdruck findet.

Die Interpretation von „Gothic“ als Szenenkultur, erfolgte indes erst viel später, mit der Entstehung der Gothic- Szene und der Gothic- Musik Ende der 1970er Jahre.

3.1.3 Jugendszene

Der Begriff der Jugendszene verweist auf den Zusammenhang von „Jugend“ und „Szene“. Anzumerken ist hier, dass gängige Definitionen durchaus nicht einheitlich ausfallen und zum Teil Anlass zur Diskussion geben.

Auf der Basis einschlägiger Literatur sind Szenen „... thematisch fokussierte kulturelle Netzwerke von Personen, die bestimmte materiale und/oder mentale Formen der kollektiven Selbststilisierung teilen und Gemeinsamkeiten an typischen Orten und zu typischen Zeiten interaktiv stabilisieren und weiterentwickeln“(Hitzler, Bucher, Niederbacher 2001 : 20).

Eine Szene ist im Sinne der o.g. Autoren also eine Gesinnungsgemeinschaft.

Im Szeneforschungsportal „jugendszenen.com“ findet sich eine Definition, welche die Szene „… als ein Netzwerk von Akteuren, die bestimmte materiale und mentale Formen der kollektiven Selbst-Stilisierung teilen, um diese Teilhabe wissen, und die diese Gemeinsamkeiten kommunikativ stabilisieren, modifizieren oder transformieren“ bezeichnet (http://www.jugendszenen.com/Examples).

Gebhardt (2006), konstatiert 7 Merkmale der Jugendszene (Gebhardt 2006 : 5 ff.):

1. Szenen sind primär ästhetisch orientierte soziale Netzwerke.
2. Szenen sind thematisch fokussierte soziale Netzwerke mit je eigener Kultur.
3. Szenen sind relativ unstrukturierte und labile soziale Gebilde.
4. Szenen sind kommunikative und interaktive Teilzeitvergemeinschaftungen.
5. Szenen sind von einer ‚Organisationselite‘ vorstrukturierte und von einer ‚Reflektionselite‘ mit ‚Sinn‘ versehene Erfahrungs- und Erlebnisräume.
6. Szenen sind exklusiv und reklamieren Einzigartigkeit.
7. Szenen konstituieren sich im Event.

Die Definition von Jugend fällt ebenfalls nicht leicht. Strafrechtlich gesehen ist Jugendlicher, wer 15, aber noch nicht 18 Jahre alt ist (§ 2/Abs. 2 JArbSchG), oder wer 14, aber noch nicht 18 Jahre alt ist (§ 7 SGB Ⅷ, Abs. 1, Satz 2). Anschließend gilt ein Mensch mit dem Erreichen der Volljährigkeit als Erwachsener. Im sozialwissenschaftlichen Sinne lässt sich diese Altersgrenze weit weniger trennscharf darstellen. In der Shell Studie 2006 wird der Begriff „Jugend“ bis zu einem Alter von 25 Jahren gefasst. Uns bleibt also bei der Umschreibung des Begriffes Jugend deutlicher Spielraum. Am Ende dieser Arbeit werde ich nochmals darauf zurückkommen.

Auf eine Diskussion der hier exemplarisch aufgeführten Definitionen soll zunächst verzichtet werden.

3.1.4 Subkultur

Da ich in meiner Einleitung bereits darauf hingewiesen habe, dass es sich bei der schwarzen Szene um eine „echte Subkultur“ handelt, gilt es in gebotener Kürze zu klären, wie hier der Begriff Subkultur gebraucht wird.

Grundlage einer Subkultur ist die übergeordnete Kultur, deren Teil die Subkultur ist. Für Ruthkowski sind Subkulturen: freiwillige, zeitlich unbegrenzte Verortungen von Individuen in der Gesamtgesellschaft, welche sich durch einen eigenen Stil oder Weltanschauung zu erkennen geben und von der übrigen Gesellschaft abgrenzen (Ruthkowski 2004 : 37). Nun grenzen sich andere Szenen, z.B. die Techno- Szene auch von der übrigen Gesellschaft ab, allerdings nicht mit der Ernsthaftigkeit, der weltanschaulichen Komplexität der schwarzen Szene. Wie sollte eine Weltanschauung der Techno- Szene ausfallen? Party und Toleranz? Welches sind die zentralen Aussagen?

Auch wenn ich hier keine direkten Vergleiche zwischen Szenen ziehen will, wird hier deutlich, worin sich die Subkultur von der einfachen Szene unterscheidet. Ich gebe zu bedenken, dass Hitzler/Bucher/Niederbacher (2001) auch Daily- Soap - Fans und Sportkletterer unter dem Szene- Begriff subsumieren. Wie sähe wohl der weltanschauliche Hintergrund von Daily-Soap- Fans und Sportkletterern aus? Jedenfalls ist der Begriff der Subkultur im Sinne Ruthkowskis mit dem Stichwort „Gegenkultur“ in Verbindung zu bringen. Diese Gegenkultur zeigt sich in der Schwarzen Szene sehr deutlich. In den folgenden Abschnitten werden wir dies im Einzelnen nachvollziehen können.

3.2 Die Schwarze Szene

Was sind nun die Merkmale der Schwarzen Szene? Worin besteht ihre Weltanschauung? Dieser Aspekt soll zunächst aus sozialwissenschaftlicher Sicht betrachtet werden.

Als kleinen Einstieg möchte ich auf ein Zitat Farins verweisen:

„Gothic-Dasein ist verloren geglaubte Liebe in einer berauschenden Welt von Gefühlen und Leidenschaften, ist unbändige Sehnsucht nach Gemeinschaft.

Gothic-Dasein ist unstillbares Begehren nach Heil und Erlösung.

Gothic-Dasein erfüllt das als sinnleer empfundene Leben mit neuen Alltagsphantasien.

Gothic-Dasein bedeutet, den bittersüßen Rausch verletzter Gefühle, schmerz- und lustvoll zugleich, auszukosten.

Gothic-Dasein ist der leidgeprüfte Weg eigenen Martyriums, um sich von seelischen Wunden zu befreien“ (Farin/Weidenkaff 1999 : 41).

Diese Passage umspannt bereits eine ganze Reihe von Merkmalen, die hier zunächst unkommentiert bleiben sollen. Wenden wir uns nun den Fakten, und damit den sozialstatistischen Daten zu.

3.2.1 Sozialstatistik

3.2.1.1 Szenegröße

In verfügbarer Literatur und unterschiedlichen Quellen wird vielfach festgestellt, dass es keine verlässlichen Zahlen über die Größe der Schwarzen Szene gibt. Die Autorin Meisel nennt eine Zahl von ca. 50.000 und nimmt im Zusammenhang an, dass die Zahl der Besucher des WGT- Festivals[5] ungefähr mit der Zahl der Schwarzen Szene korreliert und bezieht sich somit ihrerseits auf Hitzler/Bucher/Niederbacher (2001). Ruthkowski setzt sich recht ausführlich mit der Annäherung an reelle Zahlen auseinander, indem er die Auflagenstärke der führenden deutschen Fanzines wie Zillo, Orkus oder Sonic Seducer als Grundlage verwendet. Schließlich schätzt Ruthkowski die Szenegröße auf 50- 100 TSD (Ruthkowski 2004 : 42). Farin befasst sich gleichfalls mit den Auflagenstärken schwarzer Fanzines und kommt zu einer Gesamtauflage von von c.a 250. 000, wobei er die Szenegröße trotzdem nur auf ca. 60.000 schätzt (Farin 2001 : 20). Eigene Nachforschungen ergaben eine Auflagenstärke allein des Sonic Seducer - Magazines von 60.000 Exemplaren im Mai 2008. Das kleinere Gothic- Magazine hatte im Oktober 2007 eine Auflage von 27.500 Exemplaren. Warum beide Autoren die Zahl der Szene- Mitglieder trotzdem recht niedrig ansetzen, ist unter Einbeziehung aller Gesichtspunkte schlecht nachvollziehbar, zumal die Betrachtung der Schwarzen Medienlandschaft auf eine weitaus größere Anhängerschaft schließen lässt.

Zu diesen Anhaltspunkten zählen u.a. die hohe Zahl registrierter Mitglieder in schwarzen Kontaktbörsen und Communitys, auf die wir an anderer Stelle nochmals explizit zu sprechen kommen werden. Allein Schwarzes Glück, eine der größten dieser Art, hat nach eigenen Studien (Stand 9/2008) 34.995 Mitglieder.

Ausgehend von der Prämisse, dass nicht alle Schwarzen bei dieser - und das berücksichtigt noch nicht einmal die zahlreichen anderen Communitys -registriert sind, muss hier von einer erheblich höheren Anzahl ausgegangen werden. Nehmen wir Farins Gesamtauflagenstärke von 250.000 als Basis und gehen davon aus, dass diese auch unter die Leute gebracht werden und berücksichtigen, dass nicht alle Schwarzen ein Magazin kaufen, dann gehe ich bei vorsichtiger Schätzung von mindestens 200.000 Schwarzen aus. Die Korrelation mit den Besuchern des WGT 1999 (Hitzler/Bucher/Niederbacher 2001 : 70), oder mit den Besuchern des Méra Luna[6] - Festivals ist wenig schlüssig, da bei weitem nicht alle Schwarzen zu einem Festival anreisen wollen oder können. Auch die Anzahl von Clubbesuchern lässt sich schwerlich mit einer realistischen Zahl in Übereinstimmung bringen, da zahlreiche Schwarze selten, oder überhaupt nicht in Clubs anzutreffen sind. Unter Berücksichtigung der besonderen Erschwernisse, die sich bei der Erfassung der Szenengröße ergeben, müssen wir hier einen erheblichen Unsicherheitsfaktor einräumen, so dass letztlich keine gesicherten Zahlen vorliegen können. Diese Problematik betrifft allerdings die Szenenforschung schlechthin. Es gehört zur „Natur“ einer Szene sich der Erfassung zu entziehen. Die Bereitwilligkeit, sich einer Szene zuordnen zu lassen, ist gerade im Falle der Gothic-Szene wenig ausgeprägt, da eine ihrer vordringlichsten Eigenschaften der ausgeprägte Individuierungsdrang ist. Was sich an dieser Stelle hingegen bestätigen lässt, ist die häufig geäußerte Vermutung, dass der Großteil der Szene in Nordrhein-Westfalen zu Hause ist. Eine quantitative Untersuchung der bundesweiten Schwarzen Kontaktplattform Schwarzes Glück (N= 34.995) ergab, dass 28,4% aller registrierten User aus Nordrhein- Westfalen kamen. Selbst wenn man die hohe Einwohnerzahl Westfalens (ca. 18 Mio.) in Relation zur Einwohnerzahl der Bundesrepublik (ca. 82 Mio.) setzt, so ergibt sich ein deutlich höherer Prozentsatz. Nordrhein- Westfalen kann also als Hochburg der Schwarzen Szene bezeichnet werden.

3.2.1.2 Geschlechterverhältnis

Nach Ruthkowski weist die Schwarze Szene ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis auf (Ruthkowski 2004 : 43). Damit unterscheidet sie sich von vielen anderen Szenen, die häufig ein starkes Ungleichgewicht zugunsten männlicher Szene- Angehöriger aufweisen. Farin (2002) bringt den hohen Frauenanteil in der Szene auch mit einer überproportionalen Hinwendung zu sozialen Berufen in Verbindung (Farin 2002 : 165). Darüber wird im entsprechenden Kapitel[7] noch zu diskutieren sein.

Eine vom Autor erhobene Statistik[8] kommt zu einem ähnlichen Ergebnis.

Es ließe sich vermuten, dass der hohe Frauenanteil an der Szene aus einem hohen emotionalen Mitteilungsbedürfnis abgeleitet werden kann. Die Schwarze Szene bietet dazu hinreichend Gelegenheit.

Auch Helsper (1992) bezeichnet die Szene als eine „... passive, in sich gekehrte und selbstbezogene Form der symbolischen Artikulation des Realen: der Ohnmacht, des Verlustes, der Trennung, der Trauer, der Isolation und des Todes“(Helsper 1992 : 246). Der Eintritt in die Szene hat also in diesem Fall eine entsprechende Kanalisationsfunktion. Da Problembewältigungsstrategien der Frauen sich häufig von denen der Männer unterscheiden, diese eher introvertiert auf Stressoren reagieren, ist die Schwarze Szene mit ihrer gefühlsbetonten Art der Lebensbewältigung der ideale Zufluchtsort für Frauen.

An anderer Stelle werden wir sehen, warum diese Vermutung naheliegt.

Die vom Autor erhobene Statistik (Reitzig 2008)[9] bei der Schwarzen Kontakt- und Singlebörse Schwarzes Glück, ergab bei einer Stichprobengröße von N= 200 im Bundesland NRW einen Frauenanteil von 56,5%.

Bei gleicher Stichprobenzahl (N= 200) im Bundesland Berlin ergab sich ein Frauenanteil von 52,5%. Dies bedeutet in absoluten Zahlen, dass von 200 zufällig ausgewählten Schwarzen, die in dieser Kontaktbörse registriert sind, in NRW 113 von 200= weiblich sind. In Berlin sind es entsprechend 105 von 200= weiblich. Es ist also ein leicht erhöhter Frauenanteil festzustellen. Untersucht man die Geschlechterrelation bundesweit unter allen 34.995 Usern, so ergibt sich sogar ein Verhältnis von 57,3% zu 42,7% zugunsten weiblicher Mitglieder. In absoluten Zahlen bedeutet dies, dass dort 19.393 Frauen und 14.460 Männer registriert sind. Auffällig ist, dass der Anteil jüngerer Frauen (18-20 Jahre) deutlich über der Zahl gleichaltriger Männer liegt. Ein Beispiel:

Von allen bundesweit bei Schwarzes Glück registrierten 18-jährigen Personen sind 3328 Frauen und nur 512 Männer. In der Gruppe der 19-jährigen sind Frauen mit 2009 zu 843 Personen ebenfalls klar in der Überzahl. Bei den 20-jährigen Personen liegt das Verhältnis immer noch bei 2124 zu 1023 zugunsten der weiblichen Schwarzen. Erst ab einer Altersklasse von 25 Jahren gleicht sich das Verhältnis aus und darüber hinaus dominiert die Zahl der registrierten Männer. Es scheint also ein deutliches „Überangebot“ an jungen Frauen und ein vergleichsweises leichtes Überangebot an älteren Männern zu geben. Interessant ist die Tatsache, dass alle Indizien dieser Studie auf ein zum Teil erheblich größeren Frauenanteil hinweisen. Für eine Musikszene ist dies eine bemerkenswerte Feststellung. Die Gothic- Szene könnte die erste ihrer Art sein, in der nicht von einer deutlichen Männerdominanz ausgegangen werden kann. Erklärungsversuche dafür ergeben sich im Kapitel 5.

Mir ist die Problematik einer solchen Statistik durchaus bewusst. So erfasst sie nur solche Schwarze, die in besagter Kontaktbörse registriert sind. Dennoch ist Schwarzes Glück nach meiner Auffassung, aufgrund ihrer hervorragenden Struktur, die realste Möglichkeit an repräsentative Daten zu gelangen. Wir nehmen sie hier als Vergleichsstatistik hinzu.

Die Daten bestätigen, abgesehen von besagtem Phänomen, in etwa die Aussagen von Ruthkowski und anderen Autoren.

3.2.1.3 Altersstruktur

Zur Altersstruktur der Szene sind, wie auch zur Szenengröße nur schwer genaue Angaben zu machen, was allerdings generell eine Schwierigkeit der Szeneforschung ist. Da Szenen „labile soziale Gebilde“(Gebhardt 2006 : 5) sind, die sich ständiger Veränderung unterziehen, sind verlässliche Angaben nicht zu machen. So sind wir auch in diesem Fall auf Schätzungen angewiesen.

Entsprechende Angaben in vorliegenden Quellen sind gleichfalls ungenau wie unbefriedigend. Auch Ruthkowski (2004) bemängelt dies und verweist auf eine Studie des Ministeriums für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes NRW, welche den Großteil der Szene im Alter zwischen 16 und 24 sieht (Ruthkowski 2004 : 42). Andere Quellen, wie bei der Umfrage des Orkus[10], die ihre Studie allerdings nur unter der eigenen Leserschaft durchführten, kommen zu ähnlichen Ergebnissen (Ruthkowski 2004 : 42). Das Datenmaterial der Studie[11] des Autors (Reitzig 2008) errechnet für Nordrhein- Westfalen einen Altersdurchschnitt von 23,76 Jahren (N= 200). Eine Vergleichsstichprobe im Bundesland Berlin ergab ein Durchschnittsalter der Schwarzen (Schwarzes Glück) von 24,35 Jahren. Die Altersspannen lagen zwischen 17 und 45 Jahren (NRW) und zwischen 16 und 62 Jahren (Berlin). In beiden Stichproben dominieren die Altersbereiche zwischen 20 und 24 Jahren. Ähnliche Einschränkungen der Repräsentativität, wie im Falle der Orkus - Studie, sind hier anzumerken. Indes gilt in diesem Fall Gleiches, wie im obenstehenden Kapitel angemerkt. Bei allen Einschränkungen kommen andere Studien zu einem ähnlichen Ergebnis, was darauf schließen lässt, dass die Plattform Schwarzes Glück dennoch einen durchaus repräsentativen Querschnitt der Szene zeichnet. Es ist ebenfalls äußerst schwierig, Schätzungen auf der Basis teilnehmender Beobachtungen vorzunehmen, da wir große zeitliche und regionale Unterschiede ausmachen können.

Richtet man hier den Fokus auf einige der bekannten Schwarzen Clubs im Ruhrgebiet, so werden schnell die Schwierigkeiten deutlich.

Der Altersdurchschnitt in den Clubs: Matrix (Bochum), Zeche Carl (Essen), Eisenlager (Oberhausen), Zeche Bochum (Bochum), Pulp (Duisburg), Painthouse (Dortmund), Lurie (Bochum), Zwischenfall (Bochum), Sixx Pm (Dortmund), Cage Club (Bottrop) dürfte nach eigenen Schätzungen bei etwa Mitte 20 liegen. Allerdings ist es müßig, sich über genaue Zahlen zu streiten. So sind beispielsweise im Cage Club Bottrop bis 24 Uhr viele Minderjährige anzutreffen, während in voranstehenden Diskotheken in der Regel der Eintritt erst ab einem Alter von 18 Jahren gewährt wird. Würde man nun in beiden Fällen den Altersquerschnitt ermitteln, dann kann man sich leicht vorstellen, mit welchen Verzerrungen zu rechnen ist. Abgesehen von der Problematik der Tages- oder Nachtzeit sind temporäre Schwankungen zu verzeichnen. Im Allgemeinen scheint gegenwärtig (2008) die Zahl der jüngeren Clubbesucher anzusteigen, was wiederum nicht zwingend heißt, dass die Szene stetig jünger wird. Das kann mehrere Gründe haben: Zum einen bleiben ältere Gothics verstärkt zu Hause, da sie entweder das zu junge Publikum scheuen, oder mit der Entwicklung der Musik nicht glücklich sind und den „alten“ Zeiten nachtrauern. Zum anderen findet das Szene- Leben nicht ausschließlich in Clubs statt. Ältere Schwarze sind aus leicht nachvollziehbaren Gründen tendenziell seltener in Clubs anzutreffen. Sie sind eher gebunden, sei es durch einen Partner oder durch im Haushalt lebende Kinder. Mit zunehmendem Alter reduziert sich auch das Bedürfnis, die Nacht in Diskotheken zu verbringen, auch wenn dort regelmäßig eine bemerkenswert hohe Zahl von älteren Schwarzen (über 40) anzutreffen ist. Aus gleichen Gründen wäre auch eine Verzerrung der Altersstrukturdaten bei Schwarzes Glück möglich.

Allerdings wollen wir uns an dieser Stelle nicht an weiteren Spekulationen beteiligen. Die Problematik einer verlässlichen Statistik sollte ersichtlich geworden sein.

3.2.1.4 Soziale Herkunft, Bildung und Beruf

„Gothics sind die galanten Ästheten in der bunten Welt jugendlicher Subkulturen. In ihrer lautlos sanften und optisch schrillen Provokation lässt sich ein gewisser Schuss Intellekt ausmachen“(Farin 1999 : 42).

Aussagen über die soziale Herkunft der Szene- Mitglieder wurden von verschiedenen Autoren getroffen. Farin glaubt, dass die Mitglieder der Szene zum Großteil aus gut gesicherten, kulturell gebildeten Familienhäusern kommen (Farin 2001 : 8 ff.). Meisel stellt diese Aussage in Frage und verweist darauf, dass es dazu keine entsprechenden empirischen Untersuchungen gebe (Meisel 2005 : 92). Abgesehen von der strittigen Frage nach den Herkunftsfamilien, kommt man der Sache beim Betrachten der Schulabschlüsse etwas näher.

Ruthkowski (2004) stellt fest, dass sich in der Szene auffallend viele Personen mit sozialwissenschaftlichem Studium oder entsprechenden Berufen zu befinden scheinen (Ruthkowski 2004 : 43). Eigene Studien (Reitzig 2008) zu Fragen der Schulbildung und Berufswahl ergaben folgende Ergebnisse:

Bei einer bundesweiten Gesamtstichprobe (Schwarzes Glück) von N= 300 (die Hälfte davon weiblich) hatten 42,7% der Männer und 35,3% der Frauen entweder Hochschulreife/Fachhochschulreife, oder waren im Begriff diese zu erlangen[12]. Einen Abschluss der mittleren Reife hatten 31,3% der Männer und 40% der Frauen. Einen Hauptschulabschluss gaben an: 5,3 % der Männer und 3,3% der Frauen. Keine oder keine verwertbaren Angaben machten 20,7% der Männer und 21,3% der Frauen. Dies bedeutet indes nicht, dass wir in der Szene nur sehr wenige Mitglieder mit Hauptschulabschluss haben. Der hohe Anteil von Schwarzen, die in ihren Profilen keine Schulabschlüsse angaben, lässt vermuten, dass diese zum Großteil nur den Hauptschulabschluss, zumindest aber keinen höheren Bildungsabschluss ihr Eigen nennen.

Es ist nachvollziehbar, dass in einer Kontakt- oder Singlebörse nur die öffentlich positiver bewerteten Abschlüsse angegeben werden. Trotz dieser Einschränkungen lässt sich ein hoher Anteil höherer oder mittlerer Bildungsabschlüsse feststellen. In einem besonderen Licht erscheinen diese Ergebnisse dann, wenn wir zum Vergleich die Bildungsabschlüsse der Gesamtbevölkerung heranziehen:

Das statistische Bundesamt stellt dazu in einer Statistik von 2006[13] folgendes dar:

- 25,2 % der befragten Männer und 19,8% der Frauen haben einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss.
- 24,7% der Männer und 28,4% der Frauen besitzen die mittlere Reife.
- 41,4% Männer und 42,4% Frauen hatten einen Hauptschulabschluss.
- 8,9% (Männer) und 9,2% (Frauen) konnten nicht zur Auswertung herangezogen werden.

Relevant sind hier die Vergleichsdaten der höheren und mittleren Bildungsabschlüsse. Durch fehlende Angaben sind die niedrigeren Bildungsabschlüsse weniger aussagekräftig. Auffällig bleibt in jedem Fall der überproportional hohe Anteil von Schwarzen mit mittleren und höheren Abschlüssen. Dies gilt insbesondere für die Personen mit Abitur und Fachabitur. Eine dritte Statistik (Shell Jugendstudie 2006) besagt, dass bei einer Stichprobengröße von: Ngesamt= 2532, 38% der Befragten Abitur oder Fachabitur, 40% Mittlere Reife, und 22% einen Hauptschulabschluss besitzen (Alter bis 25 Jahre). Auch im Vergleich zu dieser Studie liegen die Bildungsabschlüsse in der Schwarzen Szene also über denen der Vergleichsgruppen.

Trotz aller methodischen und statistischen Einschränkungen, die auch in diesem Falle zu beachten sind, ist eine ganz klare Tendenz zu erkennen. Somit hat Gebhardt[14] (2006) wohl recht, wenn er feststellt, dass es sich bei den Schwarzen um eine Szene handelt „… die sich selbst als „intellektuelle Elite“ definiert und dementsprechend auch hauptsächlich aus Gymnasiasten und jüngeren Studierenden aus dem pädagogischen und sozialwissenschaftlichen Bereich besteht (Gebhardt 2006 : 7). Damit stellt sich nun die Frage der Wahl des Berufes. Man sagt den Schwarzen eine ganz besondere „Neigung“ zu sozialen Berufen nach, zu denen u.a. Sozialpädagogen, Krankenpfleger/Krankenschwestern, Altenpfleger, Erzieher, Heilpraktiker, Ärzte und Lehrer zählen. Was sagt die erstellte Statistik[15] darüber aus?

Ausgehend von einer Stichprobengröße (Schwarzes Glück) von N= 300, eingeteilt in 3 Altersgruppen: AG Ⅰ=(18-25 Jahre), AG Ⅱ=(26-34 Jahre) und AG Ⅲ= (ab 35 Jahre), davon je die Hälfte weiblich und männlich, wird ersichtlich, dass 10% der Männer aller Altersgruppen einen sozialen Beruf ausüben oder ein entsprechendes Studium absolvieren bzw. absolviert haben. Bei den Frauen sind es in der Altersgruppe Ⅰ= 26%, in der Altersgruppe Ⅱ= 16% und in Altersgruppe Ⅲ= 22%. Nun stellt sich die Frage, ob der hohe Anteil an sozialen Berufen, vor allem unter weiblichen Szene- Mitgliedern, einzig und allein eine Folge des hohen Frauenanteils in der Szene ist (Ruthkowski 2004 : 44).

Diese Frage lässt sich leider nicht abschließend beantworten, weil es an empirischen Vergleichsmaterial mangelt. So bleibt Raum für Spekulationen und persönliche Interpretationen. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage, was einen Menschen dazu bewegt einen sozialen Beruf zu ergreifen? Oftmals sind es persönliche Beweggründe, die häufig mit der eigenen Biografie einhergehen. Menschen, denen Unrecht geschieht, die in schwierigen Familienkonstellationen aufwuchsen oder negativen Lebensereignissen ausgesetzt waren, neigen gelegentlich dazu, das erlittene Unrecht an anderen Menschen wiedergutzumachen und ergreifen einen entsprechenden Beruf.

So deckt sich in logischer Konsequenz die Motivation, einen sozialen Beruf zu ergreifen, mit der Motivation, in der Schwarzen Szene zu verweilen. Statistische Auffälligkeiten (Reitzig 2008) ergaben, dass relativ wenige Schwarze einen Kaufmännischen Beruf ergriffen haben oder ein BWL- Studium absolvierten. Die Neigung zu sozialen und auch kreativen Berufen wird hier deutlich.

3.2.2 Kleidungsstil und Ästhetik

Über den Kleidungsstil der Schwarzen ist bereits viel geschrieben worden. Was allerdings öffentlich wenig Beachtung findet ist die Feststellung, dass das (optisch) stark expressive Erscheinungsbild der Schwarzen recht wenig damit zu tun hat möglichst aufzufallen, zu schockieren, zu provozieren, auch wenn man dies aufgrund der „extremen“ Kleidung anzunehmen vermag[16]. Vielmehr kann dies auch als Ausdruck des Hanges zum Exhibitionismus interpretiert werden, was unter Umständen dazu dienen kann Ängste, Schuld- und Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren, oder um ein gewisses Maß an narzisstischer Zufuhr zu erfahren, die auf dem Umweg über den Exhibitionismus gesucht wird (Fenichel 2005 Bd. Ⅱ : 18). Man sieht hier, dass es stets mehrere Interpretationsmöglichkeiten ein und desselben Phänomens gibt[17]. Ziehen wir die Punks als Vergleich hinzu, dann fällt auf, dass auch diese auffällig gekleidet sind. Ihr expressiver Kleidungsstil entspricht indes ihrem Verhalten in der Öffentlichkeit. Vergleichen wir jenes mit dem der Schwarzen, so werden die Differenzen deutlich.

Punks halten sich tagsüber oft an öffentlichen Orten, wie dem Marktplatz oder dem Bahnhof auf, offenkundig gut sichtbar für Passanten. Ein Großteil ihres Lebens spielt sich somit im öffentlichen Raum ab. Da Punks jegliche Arbeitstätigkeit als Geißel des Systems ablehnen, bleibt ihnen oftmals nur das „Betteln“ als Broterwerb übrig. Dies erfordert ein offensives Zugehen auf die Öffentlichkeit und ruft häufig Ablehnung bei dieser hervor. Die zerrissene Kleidung, das verwahrloste Äußere spiegelt diese Haltung wider und wird bewusst als Provokation eingesetzt. Auch die Punk- Musik ist provokativ, laut und schrill. An diesen Beispielen lassen sich die Unterschiede zum schwarzen Lebensstil festhalten. Der schwarze Kleidungsstil ist gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Ästhetik, worauf innerhalb der Szene besonderer Wert gelegt wird.

Farin und Weidenkaff formulieren dies so: „Gothics sind galante Ästheten in der bunten Welt jugendlicher Subkulturen“(Farin/Weidenkaff 1999 : 42).

Das gilt im Übrigen auch für die Körperpflege. Schwarze verbringen vor einem Clubbesuch sehr viel Zeit damit, ihr Äußeres entsprechend zu „stylen“.

Das „Schminken“ gehört zu den festen Ritualen und ist häufig äußerst aufwendig und im übrigen nicht nur auf das weibliche Geschlecht beschränkt. Innerhalb der Szene ist es üblich, dass sich auch Männer schminken und ihre Fingernägel lackieren, was als Normalität angesehen wird. Nun mag man vermuten, dass dieser Aufwand nur deshalb betrieben wird, weil man in der Öffentlichkeit auffallen möchte, jedoch muss hierbei berücksichtigt werden, dass sich die Schwarzen vorrangig in ihrer eigenen Öffentlichkeit aufhalten, innerhalb ihrer Szene, in Clubs, auf Festivals und dergleichen mehr. Somit bewegen sie sich mit ihrem auffälligen Äußeren kaum in der „normalen“ Öffentlichkeit, bestenfalls wenn sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu ihrem Lieblingsclub unterwegs sind. Dieses auffällige Outfit kann also vordergründig nicht für die breite Masse bestimmt sein und hat somit eine andere Funktion, als der Kleidungsstil der Punks. Die extreme Vielfalt im Kleidungsstil der Schwarzen hat eher eine szeneinterne Funktion und ist Ausdruck eines sehr starken Individuierungsbestrebens und dies sowohl innerhalb der Szene, als auch als klare Abgrenzung nach „außen“ zur „bunten“ Normalgesellschaft. Die schwarze, ungewöhnliche, keinem Modetrend folgende Kleidung, grenzt ganz klar nach außen ab und bietet gleichzeitig die Möglichkeit sich durch vielfältige Gestaltungsformen von anderen Schwarzen zu unterscheiden. Was auffällt ist, dass die Art, wie sich Schwarze kleiden häufig mit dem von ihnen bevorzugten schwarzen Musikstilen zusammenhängt. So tragen die Anhänger des Gothic- Rock oder Batcave[18] häufig noch enge Röhrenjeans und Anzugjacken im Military- Stil, Lederjacken, Springerstiefel und zerrissene T-Shirts.

Hier sind noch Überschneidungen zur Punk- Szene zu erkennen. Weitere Stilmerkmale sind: hochtoupierte, meist schwarze Haare, zahlreiche Piercings, Tattoos, Ketten, Nietengürtel, zerrissene Netzstrümpfe bei Frauen, oder vereinzelt auch noch „Spikes“[19] bei Männern. Die männlichen „Elektro - Anhänger“ kleiden sich in der Regel martialischer.

Enge, schwarze T-Shirts, Kampfhosen, schwere Stiefel (Rangers u.v.m.), schwarze Stoffhosen mit Nieten und Schnallen, Latex-Hosen und Männerröcke. Frauen bevorzugen häufig kurze schwarze Röcke, sei es aus Seide, Latex oder Leder, hohe Plateauschuhe, schwere Stiefel mit Schnallen oder Nieten besetzt. Gelegentlich wird auch nur (meist) schwarze Unterwäsche getragen, was im übrigen in einem schwarzen Club als Normalität gilt, bis hin zur teilweisen Entblößtheit. Die (sexuelle) Offenheit und Toleranz innerhalb der Szene ist eine bemerkenswerte Tatsache, die gleichzeitig erklärt, warum sich die BDSM-[20] und Fetisch- Szene, sofern sie überhaupt von der Schwarzen Szene abgrenzbar ist, in dieser Umgebung so wohl fühlt. Zahlreiche Stilelemente und Accessoires aus dieser Szene finden sich auch in der Gothic- Szene wieder, wo sie zum Teil als Symbole oder Stilmittel auch unreflektiert Verwendung finden. Als Beispiele seien hier Handschellen, Gasmasken, Lack und Latex genannt. Inwieweit durch Tragen von sadomasochistischen Accessoires reale Affinitäten zu bestimmten sexuellen Praktiken zu vermuten sind, lässt sich schwerlich feststellen, da eine Reihe dieser Symbole auch nur aus stylistischen, ästhetischen Gründen ohne spezifischen Hintergrund getragen wird.

Je härter die elektrischen Klänge werden, um so skuriler muten die Outfits an. Der „Industrial - Stil“ ist gekennzeichnet durch ein spezielles Outfit.

Lange schwarze oder neonfarbene Haarteile, Schweißerbrillen, Staubmasken, Plateaustiefel und blinkende Arm- oder Halsbänder lassen sich häufig beobachten. Die Frauen tragen sehr kurze Röcke, enge Corsagen, martialische Stiefel und bewegen sich auch beim Tanz recht hart. Bei Männern finden sich gehäuft schwarze, lange Männerröcke oder schwarze Schlaghosen.

Auffällig ist auch, dass sich gerade in dieser Stilrichtung offenkundig eine größere Zahl androgyner Männer finden, die sich entsprechend weiblich kleiden und verhalten[21].

Die Anhänger des „Mittelalter - Stils“ tragen romantische Kleider aus Samt und Seide (Frauen) und weite (weiße) Rüschenhemden, und Schottenröcke (Männer). Damit verbunden ist natürlich auch ein angepasster Tanzstil[22].

Bei diesen Beispielen handelt es sich um eine stilistische Typisierung, die selbstredend nicht generalisiert werden kann, an dieser Stelle aber die Vielfältigkeit verdeutlichen soll, mit der uns die Schwarze Szene konfrontiert.

Um auf die äußere Distinktion zu sprechen zu kommen, lässt sich feststellen, dass durch das Verwenden der Farbe Schwarz zum einen, und durch den „andersartigen“ Stil zum anderen, eine klare Definition der Gothics gegenüber den „Bunten“ erfolgt. Aus der magischen, religiösen Tradition heraus lässt sich eine gewisse Arroganz und mental subjektive Überlegenheit der Gothics gegenüber der Normalgesellschaft ableiten, die auch heute noch zu finden ist. Die Abgrenzung durch Kleidung ist ein wichtiges Kommunikationsmittel der Schwarzen nach innen und außen, die dadurch ihre Zugehörigkeit zu einem anderen Werte- und Normverständnis dokumentieren.

Die Kleidung und die Schwarze Musik fungieren hier ganz deutlich als „Transporteur spezifischer Lebensgefühle, …“(Schmidt/Neumann-Braun 2004 : 12). Nachzudenken ist allerdings über die Frage, ob man sich „gothic“ kleiden muss, um „gothic“ zu sein!

3.2.3 Politische Einstellungen

Die Schwarze Szene ist eine unpolitische Szene. Wir finden die unterschiedlichsten politischen Einstellungen vor. Die Wurzeln der Szene liegen zwar in der durchaus politischen Punk- Szene, jedoch ist das Wesen der Schwarzen Szene eher passiv, selbstbezogen, pessimistisch und resignativ.

An diesem Punkt vollzog sich die Trennung beider Gruppen.

Die Farbe Schwarz, als Farbe der Trauer symbolisiert gleichfalls Resignation. Dies heißt jedoch nicht, dass sich die Schwarzen nicht für Politik interessieren, vielmehr sind sie nicht willens, sich offensiv gegen Missstände aufzulehnen. Vielfach existiert ein starker Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung, was jedoch in pessimistischer Weltsicht nicht für möglich gehalten wird. Die Umsetzung erscheint eher hoffnungslos. Veränderungen im „Kleinen“ werden allerdings angestrebt. Wie ließe sich sonst die auffällige Häufung von sozialen Berufen in der Szene erklären?

Die Schwarze Szene lässt zunächst politische Strömungen einfließen und entscheidet später, ob diese toleriert werden können. Dies versuchen vereinzelt rechte Gruppierungen auszunutzen, wobei diese allerdings letztlich auf Granit beißen, da ein menschenverachtendes Weltbild mit den Idealen und Vorstellungen der Schwarzen nur schwer vereinbar ist und diese ohnehin jegliche vorgefertigten Systeme ablehnen bzw. hinterfragen.

Die Schwarze Szene bietet keinen ertragreichen Nährboden für rechte Gesinnungen (Meisel 2005 : 108). Aufgrund ihrer Abstammung aus der vorwiegend linksgerichteten Punk- Bewegung tendiert die Szene viel eher nach links als nach rechts. Wiederum lassen sich politisch linke Einstellungen auch mit der Vorliebe zu sozialen Berufen in Verbindung bringen. Grundsätzlich müssen wir von einer, wenn auch stark reflexiven, politisch-neutralen und passiven Rolle der Schwarzen ausgehen.

3.2.4 Religion

Es herrscht weitgehend Konsens, dass die Schwarze Szene unkonfessionell ist, d.h. es existiert „keine einheitliche religiöse Einstellung in der Gothic- Szene (Meisel 2005 : 103). Weit verbreitet ist eine deutliche Kritik der Mitglieder am christlichen Glauben, aber auch an Religion schlechthin. Als Ursachen kommen Ablehnung des Christentums als Symbol des Bürgertums, oder die Kritik am „institutionalisierten Christentum“(Ruthkowski 2004 : 90) infolge von Inquisition, Hexenprozessen, Zwangschristianisierungen und nicht zuletzt die Verbrechen während der Kreuzzüge in Betracht. Aufgrund der Tatsache, dass zahlreiche Greueltaten im Namen des Christentums begangen und bis heute nicht ausreichend thematisiert wurden und zum Teil immer noch verleugnet werden, ist es nicht verwunderlich, dass dies von den Schwarzen als gesellschaftskritische Szene nicht mit Wohlwollen betrachtet wird.

Auffällig dabei ist, dass offensichtlich christliche Symbole, wie das lateinische Kreuz, nicht im ursprünglichen Sinne gebraucht und interpretiert werden, sondern dass innerhalb der Szene mit christlichen und anderen religiösen Symbolen in Form von Schmuckstücken (Ketten, Halsbändern, Ringen)„gespielt“ wird und diese die Bedeutung des kompletten Gegenteils ihres Ursprunges haben können. „Umdeutung“ der Werte und Symbole ist hier ein wichtiges Stichwort. Ein lateinisches Kreuz am Hals eines Schwarzen ist in der Regel als antichristliches Symbol zu verstehen und drückt somit Kritik aus, obwohl dieses Symbol an anderer Stelle eine Affinität zum christlichen Glauben suggerieren würde. Im Extremfall wird das Kreuz umgedreht getragen (der lange Balken nach oben), der stärkste Ausdruck der Ablehnung des Christentums. Diese Art das Kreuz zu tragen impliziert in der Öffentlichkeit die Nähe zum Okkultismus und Satanismus. Es ist im Einzelfall nicht gänzlich auszuschließen, dass hier eine okkulte Neigung vorhanden ist, aber die Symbolik als solche hat keinerlei Aussagekraft, um dieses Vorurteil zu bestätigen. Gleichfalls soll hier deutlich gemacht werden, dass ich die Frage: „Satanismus oder nicht“, für die Bearbeitung meiner Fragestellungen für irrelevant halte. Festzuhalten ist, dass verschiedene religiöse Symbole, wie lateinisches Kreuz, keltisches Kreuz, Ankh, Pentagramm usw., oft in Kombination getragen werden und ihnen andere als die ursprüngliche Bedeutung beigemessen werden kann. Gothics schaffen sich häufig ihre „eigene“ Religion, die keinen vorgefertigten Mustern folgt (Helsper 1992 : 288). Ruthkowski spricht in diesem Zusammenhang von „Bricolage“(Ruthkowski 2004 : 87), was in diesem Zusammenhang nichts anderes bedeutet, als das Zusammenstellen einer eigenen Weltanschauung (Religion) durch Verwenden mehrerer verschiedenartiger Symbole, die oft gleichzeitig, übereinander getragen werden. Dabei entstehen oftmals gänzlich andere Bedeutungen und Interpretationen. Was bleibt ist eine weitestgehende „Fernhaltung von geschlossenen Glaubenssystemen“(Meisel 2005 : 105) und die häufige Erkenntnis, dass diese festen Glaubenssysteme nicht die Lösung der Probleme der Welt in sich tragen. Die vollständige Akzeptanz einer festgelegten Religion würde den verfolgten Autonomiebestrebungen entgegenlaufen.

Die Verantwortung für das eigene Leben wird selbst in die Hand genommen und dementsprechend eigene Lösungsmöglichkeiten gesucht.

Dies kann im Einzelfall auch unter Zuhilfenahme von heidnischen Traditionen und Bräuchen, Hexenkult, Schwarzer Magie und anderen Ritualen geschehen, was den Schwarzen häufig nachgesagt wird. Die weit verbreitete Beschäftigung der Gothics mit dem Tod und der zum Teil verbreitete Glaube an eine Reinkarnation haben weit weniger mit Religion zu tun als vermutet.

3.2.5 Freizeit

Außer der Gesellschaftskritik gehört auch die Hinterfragung von üblichen gesellschaftlichen Standards wie das Schönheitsideal des lachenden, sonnengebräunten und durchtrainierten Menschen, was die Schwarzen durch ihren Kleidungs- und Lebensstil sowie ihre Art sich zu schminken, düpieren. „Bleiche Haut, schwarz umrandete Augen, also eher das Bild eines krank und tot wirkenden Menschen ..“(Meisel 2005 : 114). Die Symbolik dieser stilisierten Darstellung verdeutlicht den Gegensatz. Schwarze treiben selten Sport, da sie dem Schönheitsideal der Medienwelt nicht hinterherlaufen wollen. Ihr Interesse gilt der Natur, dem Lesen, der Kreativität, dem Mittelalter, der Romantik, der Architektur, Ruinen, der Vergänglichkeit, Krankheit, Tod und Schmerz. All dem, was die Gesellschaft verdrängt, ablehnt oder versteckt. Gesellschaftskritik drückt sich auch in der Freizeitgestaltung aus. Schwarze verbringen ihre Freizeit am liebsten mit Freunden, wobei Gleichgesinnte selbstredend bevorzugt werden.

Spazieren gehen, vornehmlich an ruhigen Orten, sowie das Genießen der romantisch- melancholischen Stimmung gehören dabei zu häufigen Aktivitäten. Ungewöhnlich, im Vergleich zu anderen Szenen, ist das weit verbreitete Interesse an Literatur, wobei Gothic- Novels, Romane (z.B. Anne Rice, E.A Poe, Dan Brown, Terry Pratchett) und teils anspruchsvolle Lyrik (z.B. Charles Baudelaire, Gottfried Benn) eine große Rolle spielen. Augenscheinlich ist auch das Interesse an Philosophie (Sartre, Nietzsche), Psychologie (Freud, Fromm) sowie Mystik und Esoterik.

Weiteres Interesse gilt natürlich der Musik, die im Leben der Schwarzen einen existenziellen Stellenwert hat. Die Vorbereitungen für einen Club- oder Konzertbesuch nehmen viel Zeit in Anspruch und werden häufig gemeinsam mit Freunden getroffen. Die Inszenierung der eigenen Ästhetik kann als Ritual bezeichnet werden.

Im Club selbst sind indes nicht nur ernsthafte Gesichter zu beobachten, sondern es kommt durchaus auch Fröhlichkeit auf. Wenngleich die Schwarze Musik durchweg düster ist, wird diese häufig in gesonderter Umgebung differenzierter wahrgenommen[23]. Konzerte und Festivals gehören zu den Highlights schwarzer Freizeitaktivitäten. Sie fungieren als Bindeglieder einer Ansammlung von Individuen.

3.2.6 Zentrale und Werte und Gefühle

Was sind nun die Werte, die in der Schwarzen Szene vertreten werden? Welches Lebensgefühl ist mit dem „Goth-Sein“ verbunden? Betrachten wir zunächst auch, was andere Autoren darüber aussagen:

„Gothics zeichnen sich trotz ihrer düsteren Weltanschauung vor allem durch Friedfertigkeit aus, Gewaltverneinung ist ungeschriebenes Gesetz der Szene, deren Frauenanteil deutlich über dem vieler anderer Jugendkulturen liegt …“(Farin 1999 : 42).

Hier wird bereits eine zentrale Wertvorstellung ausgedrückt: Die Ablehnung von Gewalt.

„Die Friedlichkeit, der menschliche, tolerante Umgang miteinander und mit anderen ist unerreicht“ (Monica Richards (Faith and the Muse[24])) in: (Matzke/Seeliger 2002 : 7).

Um der Differenzierung zu anderen Szenen zu dienen, ein weiteres Zitat:

Hans (32) über die HipHop- Szene:

„Ausserdem gibt es unter den Leuten ständig Schlägerein usw. Da habe ich keinen Bock drauf“.

Warum die Schwarze Szene so friedlich ist, mag im Einzelnen mit den Lebensbiografien zusammenhängen. Es liegt nahe, dass die intensive Beschäftigung mit dem eigenen Selbst keinen Raum für gegen andere gerichtete Aggressionen lässt. Häufig selbst erlittene Gewalt, sei es innerhalb der Familie oder im sozialen Umfeld führten nicht zu einer negativen Übertragung auf die Umwelt, sondern zu einer Abkehr von jeglicher Gewalt. Aggressionen werden in der Szene vorwiegend durch das Tanzen abgeführt.

Schwarze erwarten von ihrer Umgebung allerdings auch, dass man sie weitestgehend „in Ruhe“ lässt. Diesem Zweck dient auch die Abgrenzung und die Isolation. Ein weitere Eigenschaft, die den Schwarzen zugeschrieben wird ist ihre Toleranz, welche allerdings dort endet, wo man ihr ästhetisches und emotionales Empfinden nachhaltig stört[25].

Peter (33) sagt über die Vorzüge der Szene: „Nehmen jeden wie er ist. Es wird selten jemand ausgegrenzt. Man kann seinem Individuum freien Lauf lassen“.

Toleranz besteht also vorwiegend gegenüber Menschen, die von der normalen Gesellschaft häufig ausgegrenzt werden. Diese Haltung ist auch ein Grund dafür, warum sich z.B. Homosexuelle oder sog. Androgyne in der Schwarzen Szene unbehelligt bewegen können. Die Schwarze Szene ist durch eine ausgeprägte sexuelle Offenheit gekennzeichnet, die es zulässt, individuelle sexuelle Vorlieben im Rahmen der Vereinbarkeit mit anderen Persönlichkeitsrechten auszuleben.

Toleranz herrscht gleichfalls gegenüber andersartigen Konfessionen. Es ist jedoch anzumerken, dass der „stilisierte“ Goth in der Regel als bekennender „Antichrist“ zu verstehen ist. Es dürfte gleichfalls schwer fallen einen Goth zu finden, der „gläubiger Christ“ ist. Die Gründe dafür sind bereits angeführt worden[26]. Entgegen anderslautender Meinung toleriert die Schwarze Szene keinesfalls Rechtsradikalismus.

Katja (22): „… Rechtsradikale ... , das geht gar nich …“.

Sollte es vorkommen, dass sich offenkundig „Rechte“ in einen Schwarzen Club „verirren“, dann werden sie zumeist mit auffallend missbilligenden Blicken bedacht. Kommt es zwar auch in der Schwarzen Szene zu Äußerungen, die einen latent vorhandenen Antisemitismus nahelegen, so sind diese Bemerkungen jedoch keinesfalls als manifest zu betrachten. Vielmehr werden diese im Rahmen einer stark reflektierenden Denkkultur zumeist ausgeräumt. Latent vorhandener Antisemitismus ist ein Problem der Gesamtbevölkerung. Resümierend stellen wir fest, dass diese bekannte Problematik im Zusammenhang mit der Schwarzen Szene vernachlässigt werden kann.

Pruedance (26, weiblich) sagt über ihre Familie:i

„Ich dachte meine wäre schon elend;beide eltern alkis,ein bruder mit 22 schon hoch verschuldet und mit ner nazi tussi verheiratet,der zweite bruder magersüchtig und ich die familienschande weil ich es gewagt habe krebs zu bekommen und auch noch einen indischen staatsbürger zu heiraten!!!!!!!!! deswegen habe ich keinen kontakt mehr weil mich das kapputmacht

(http://www.dunkles-leben.de/forum/viewtopic.php?t=1664&postdays=0&postorder=asc&start=10, 06/2007).

Verständlich wird die Toleranz der Schwarzen auch dann, wenn man bedenkt, dass sie selbst häufig Intoleranz und Vorurteilen ausgesetzt sind. Autoren wie Meisel (2005), Ruthkowski (2004), Schmidt/Neumann-Braun (2004) und Helsper (1992) beschäftigen sich zu einem großen Teil mit stereotypen Vorurteilen, die hier allerdings nicht diskutiert werden.

Ein weiteres Kriterium für das „Goth-Sein“ ist die Nachdenklichkeit und Reflexionsfähigkeit. Auf diese Tugend wird innerhalb der Szene sehr viel Wert gelegt. Nicole (31):

„Ich weis nicht genau ob diese Kriterien zum Gothleben dazugehören. Nur bin ich der Meinung, das man als Goth, bestimmte Dinge anders sehen muss, sollte, so wie die Gesellschaft ist, die Menschen im Allgemeinen, ihr Handeln, ihre Taten. Mit Herz und Seele dabei zu sein, ist eines der Dinge“.

Die Nachdenklichkeit ist ein Wert, der in der Szene geradezu gefordert und vorausgesetzt wird. Dazu gehört es, sich mit gesellschaftlichen Problemen auseinanderzusetzen und Realitäten nicht als „gottgegeben“ zu akzeptieren. Somit wird hier eine Denkweise angestrebt, welche der Immanuel Kants folgt:

„Sapere aude“ - „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“.

Nicole (31):

„Sehe bestimmte Dinge mit anderen Augen, hinterfrage manche Sachen genau, forsche, lerne. Lass mich von niemanden Manipulieren“.

Diese Nachdenklichkeit beugt ihrerseits einer Denkweise vor, die innerhalb der Szene abgelehnt und kritisiert wird: Die Oberflächlichkeit. Mag man indes zu bedenken geben, dass die Schwarzen gleichwohl viel Wert auf ihr Äußeres zu legen scheinen und somit gleichfalls „oberflächlich“ sind, so ist dem zu entgegnen, dass dies kein Symptom von Oberflächlichkeit ist, sondern vielmehr ein äußeres Stilmittel zur Artikulation ihres Lebensgefühls, ihrer Abgrenzung zur „bunten“ Gesellschaft.

Die extreme „Aufmachung“ symbolisiert durch ihre Ästhetik das diametrale Weltbild in einer Art und Weise, die in ihrer Außenwirkung nachhaltig beeindrucken soll und somit den Schwarzen Standpunkt „zementiert“.

Wie schon in den vorangehenden Abschnitten erwähnt wurde, findet das Bestreben der Schwarzen nach gesellschaftlicher Veränderung eher in der Theorie ihren Ausdruck. Meisel (2005) meint dazu:

„Der Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung ist zwar in der Szene vorhanden, diese Veränderung durchzuführen (…) oder anzuregen, erscheint für die Szenemitglieder aber hoffnungslos“(Meisel 2005 : 111).

Aber diese Problematik dürfte auch innerhalb der „bunten“ Gesellschaft bekannt sein. Jedoch haben die Schwarzen mit noch ganz anderen Problemen zu kämpfen, wie wir im Verlaufe noch sehen werden, womit ihre „Passivität“ verständlich erscheint.

Es sind allerdings nicht nur gesellschaftliche Werte, die die Gothic-Szene vertritt. Ihre Ausdrucksstärke kommt vor allem durch ihre emotionale Ausdrucksfähigkeit zum Vorschein. Nicole (31):

„Goth sind für mich Menschen die sich treu sind, die anderen treu gegenüber stehen, die wissen was sie sind und was sie wollen, die auch

mal zugeben können das sie Schwächen haben, sich nicht verstecken vor anderen, die ihre Standpunkt vertreten …“.

Das Zeigen von Gefühlen, das „Zugeben“ von Schwächen gehört zweifellos zu den „Stärken“ der Schwarzen. In diesem Punkt unterscheiden sie sich (teils) erheblich von der „Normalgesellschaft“, von der Gesellschaft, die sie ablehnen, die sie auch gerade deshalb ablehnen. Es zeigt sich, dass diese Menschen im Laufe ihres Lebens oftmals genau diese „schwachen“ Seiten nicht zeigen durften oder konnten. Die Schwarze Szene, mit ihrer emotionalen Musik, bietet den Freiraum, den sie benötigen, um dem Gefühl der Unterdrückung Ausdruck zu verleihen.

Hans (32):

„Schwarz sein bedeutet für mich, tiefgründig zu sein, melancholisch, nachdenklich, schwarz eben. Auch schliesst das wohl richtiges glücklichsein aus …“.

Den großen Vorteil, den die Schwarze Szene gegenüber anderen Szenen bietet, ist die Möglichkeit, nicht nur irgendwelche Gefühle zum Ausdruck zu bringen, sondern gerade solche, die stets mit negativen Vorstellungen behaftet sind.

Diese negativen Gefühle müssen in der normalen Gesellschaft versteckt und verdrängt werden. Für negative oder traurige Gefühle bleibt in dieser Welt kein Platz. Die Schwarze Subkultur verschafft sich diesen Platz, denn er wird dringend benötigt. Warum dies nötig zu sein scheint, das wird im sechsten Kapitel analysiert .

Alles schwarz - Umbra et Imago[27]

Man fragt mich, was es bedeuten mag,

all das Schwarz, das ich am Leibe trag',

gern will ich Euch geben meine Kund',

die Schleier heben, zu meines Herzens Grund

Die Not die in mir frißt,

die Aufrichtigkeit, die man so vermißt,

der Haß auf die menschliche Kreatur

die Ignoranz, Lügen, der falsche Schwur -

das alles ist schwarz an mir.

Die Habgier und die kurze Sicht

die Religion, die Menschen bricht,

die Moral, die mordet und verbrennt,

die Scheinheiligkeit, die ein jeder kennt -

das alles ist schwarz an mir.

Die Einsicht, daß nichts anders werd,

die Dummheit, die sich schnell vermerht,

der Intellekt, der das Messer sieht,

in das man rennt,

keine Macht, zu wenig Kraft,

die sich dagegen stemmt -

das alles ist schwarz an mir.

Schwarz ist meine Sicht

Schwarz ist mein Gericht

Schwarze Resignation

Schwarze Isolation

4. Schwarze Musik

Der Musik kommt in der Gothic-Szene eine besondere Funktion zu. Aus diesem Grund ist es notwendig, sich mit den Eigenheiten dieser Musikrichtung näher zu befassen. Im Folgenden soll dies in der gebotenen Ausführlichkeit geschehen.

4.1 Definition

Die Definition „Schwarzer Musik“ fällt nicht ganz leicht. In den letzten Jahrzehnten entwickelte sich die Musik stetig weiter und man kann gerade in der Schwarzen Musik von einer starken Ausdifferenzierung verschiedener Stilrichtungen sprechen. Was aber ist „Schwarze Musik“?

Was macht sie aus und was sind ihre Merkmale? Zunächst lassen sich diese Fragen am anschaulichsten auf emotionaler Ebene beantworten.

Versetzt man sich in die Lage eines Menschen, der nicht weiß, was Schwarze Musik ist, so bleibt ihm, abgesehen vom Studium entsprechender Literatur, nur das persönliche Erleben. Trotz der allgemeinen Problematik subjektiven Empfindens, lassen sich beim Hören Schwarzer Musik gewisse generalisierbare Eindrücke festhalten. So wird die Musik in der Regel als düster und traurig, oder auch depressiv-destruktiv empfunden. Dies ist eine Folge der hauptsächlich verwendeten Moll- Harmonien, dissonanten Töne und Disharmonien. Diese Merkmale kennzeichnen beinahe alle Gothic- Musikstücke, wobei letztlich das düstere, melancholische Klangbild erhalten bleiben muss, um als „gothic“ durchzugehen.

Im Erleben dieses Gefühles gibt es für die Schwarzen einige Besonderheiten[28] zu beachten, auf die später noch zurückzukommen ist.

Bruhn (1985) geht davon aus, dass musikalische Harmonik und bestimmte musikalische Effekte wie: moll= traurig und dur= fröhlich nicht naturgegeben, sondern erlernt sind. Sie sind im Kontext der jeweiligen kulturellen Sozialisation zu betrachten (Bruhn 1985 : 475). Bruhn räumt allerdings nachfolgend ein, dass dies nicht zweifelsfrei erwiesen ist, wenngleich er der Ansicht ist, dass letztlich das Empfinden von Musik von weiteren Faktoren, u.a. von kognitiven Interpretationen oder der subjektiven Disposition abhängt. Nun, zu dieser Disposition werden wir noch kommen.

Unabhängig von Bruhns Theorie gibt es bereits seit Jahrhunderten die so genannte Tonartenpsychologie (von Gleich 2005 : 4). Bereits Goethe machte sich Gedanken um die Wirkung der Tonarten auf den menschlichen Geist. Die Tonarten einer Komposition drücken unterschiedliche Gefühle und Empfindungen aus. Dieses Wissens bedienen sich seit Jahrhunderten nicht nur klassische Komponisten. So wird z.B. D- Dur aufgrund seiner kriegerischen und herausfordernden Komponente für Marschmusik verwendet (von Gleich 2005 : 10).

Beckh (1923) und Schilling (1838) stellen in ihren Werken eine vollständige Interpretation der Wirkung der Tonarten vor, die ich an dieser Stelle auszugsweise anführen werde. Vorzugsweise konzentriere ich mich hier auf die für die Untersuchung interessanten Moll - Tonarten.

Nach Schilling signalisiert d- moll „tiefe Trauer und Bangigkeit, die aber noch nicht verzagt, sondern nach einem ermutigenden Aufblick zur himmlischen Fügung strebt“ (von Gleich 2005 : 37).

Dieser „ermutigende Aufblick“ ist genau der Hoffnungsschimmer am Horizont, den viele Schwarze beim Hören ihrer Musik empfinden. Es ist also keineswegs nur Trauer und Schmerz, sondern gleichfalls Aufbruch. Gleichlautende Aussagen finden sich auch in den Aufzeichnungen dieser Studie. Mehr dazu an anderer Stelle.

Laut Bekh bergen d- moll - Akkorde „Rätsel des Todes in sich. Das Licht verbirgt sich hinter finsteren Wolken“ (von Gleich 2005 : 37).

Die g- moll - Töne (Schilling) bewegen sich „im Sentimentalen und in graziöser Schwermut, die bis zur Unbehaglichkeit und zum Mißmut gesteigert werden kann“ (von Gleich 2005 : 37).

Musik in g- moll (Bekh) „hat eine tragische Färbung. Bisweilen Ausdruck von etwas Schmerzlich- Verklärtem, unter Tränen Lachendem“ (von Gleich 2005 : 37).

F- moll (Schilling) „drückt eine unaussprechliche, tiefe Schwermut aus. Leichenklagen, Jammergeächz und grabverlangende Sehnsucht sind sein vornehmster Charakter“ (von Gleich 2005 : 38).

Nach Bekh trägt f- moll den „stärksten Mollcharakter in sich und führt zur dichtesten Finsternis. Tonart des Todesschattens und der finsteren Leidenschaft“ (von Gleich 2005 : 38).

Diese Auszüge zu den Moll- Tonarten sollen genügen. Ich denke, es ist ersichtlich geworden, was diese bewirken können.

Im Gegensatz zu den Moll - Tonarten drücken Dur - Tonarten in der Regel Freude, Frohmut, Ausgelassenheit, Scherz und Humor aus.

„Unser Gefühl erlebt diese Tonart als kerngesund, fest, voll irdischer Kraft, ursprünglich, solide, ausgesprochen positiv und annehmend“ (von Gleich 2005 : 23). Damit stehen diese im Kontrast zu den Moll- Tonarten. Eben derselbe Kontrast, der zwischen der „Schwarzen“ und der „bunten“ Gesellschaft besteht. Ähnliche Verbindungen bestehen also auch im gesellschaftlichen Leben der Szene.

Kommen wir zurück zur Klangerzeugung.

Technisch gesehen, lassen sich relativ klare Strukturen erkennen, wie ein Gothic- Musikstück komponiert wird, um entsprechende Wirkung zu entfalten. Es wäre sicherlich falsch zu behaupten, dass dies stets im vollen Bewusstsein und Wissen des Komponisten oder Musikers geschieht. Vielmehr kommt ein entsprechendes Ergebnis auch zufällig zustande.

Im Einzelfall ist nicht auszuschließen, dass bestimmte Musikstücke nicht trennscharf von anderen Musikrichtungen abzugrenzen sind. Dieses Problem stellt sich allerdings allen Musikrichtungen und das womöglich in weit größerem Maße, als es beim Gothic der Fall ist. Ob die verschiedenen Klänge und Töne nun mittels akustischer Instrumente wie Gitarren, Violinen, Pianos etc. oder direkt mit Synthesizern, verbreiteter noch mit entsprechenden Sequenzer- Programmen,[29] erzeugt werden, spielt dabei keine Rolle. Entscheidend ist das Erleben und Empfinden der Musik im Sinne der genannten Definition. Die unterschiedlichen Musikstile innerhalb der Gothic- Musik, zeichnen sich durch ganz verschiedene, oft markante Stilmittel aus, zu denen wir indes noch kommen werden

Neben den o.g. musikalischen Strukturen findet sind vor allem bei den elektronischen Stilrichtungen eine auffällige Polarisation zwischen Hoch- und Tieftönen. Deutlich wird dies im „Industrial - Stil“, bei dem allerdings noch weitere Stilmittel zur Klassifikation beitragen. Platz (2004) spricht in diesem Zusammenhang von „...ungewohnt schrägen Klängen, viel Hall und Echo zur Schaffung einer (klang-)räumlichen Unsicherheit …“(Platz 2004 : 253) und verweist interessanterweise auch auf die klassische Musik.

Die Autorin stellt auch dort, z.B. bei Bach und Beethoven, eine melancholische Grundstimmung fest. So gesehen, käme man durchaus in die Versuchung, einige klassische, „schwermütige“ Kompositionen mitunter in die Kategorie „Schwarze Musik“ einzuordnen, wenn nicht bereits eindeutig festgestellt worden wäre, dass wir diese Werke unter „klassisch“ einzuordnen hätten. Beim Hören der „Mondscheinsonate“ könnte der wissende Mensch durchaus eine gewisse „Verwandtschaft“ feststellen. Aber nicht nur in der klassischen Musik finden wir melancholische Stücke. Ob im Blues der „1930er Jahre“(Platz 2004 : 254), bei Pink Floyd oder den Dire Straits, überall lassen sich ähnliche musikalische Strukturen feststellen. Dies würde erklären, warum viele Schwarze, sofern sie noch andere Musikrichtungen hören, eine gewisse Affinität zu melancholischen Musikern hegen. Wie gesehen, ist dies auch ein Verdienst der Moll- Tonarten.

4.2 Die Wirkung von Musik im Allgemeinen

An dieser Stelle folgt ein wenig Musiktheorie, um die Wirkungsweise von Musik zu verdeutlichen:

[3]

Physikalisch gesehen, durchlaufen Schallwellen den Raum beim Erklingen von Musik. „Die Moleküle der Luft bewegen sich, bilden Verdichtungen und Verdünnungen, die von unserem äußeren Gehör als Druckschwankungen registriert werden“(Bruhn 1985 : 4). Um vom Menschen als Musik wahrgenommen zu werden, müssen die Schallwellen über das Ohr und das Nervensystem wahrgenommen werden und im Cortex repräsentiert werden. In diesem Sinne ist die Musik als Bewusstseinsprozess für die Psychologie bezüglich Emotion und Kognition von Bedeutung.

Zentraler Forschungsgegenstand der Musikpsychologie im Besonderen ist die Beziehung musikalischer Strukturen zur Bewusstseins- und Wahrnehmungsebene des Menschen. In dieser Arbeit geht es primär nicht um das Begreifen der Musik, in unserem Falle der Schwarzen Musik, als „soziales Phänomen“, als Teil der Kultur (Bruhn 1985 : 8), sondern um die spezifisch emotionale Wirkung dieser Musik auf die Wahrnehmung, das Bewusstsein und die Psyche. Nun ist die emotionale Wahrnehmung von Musik während ihrer Rezeption von verschiedenen Faktoren abhängig.

[...]


[1] gemeint sind hier vorwiegend die Arbeiten von Schmidt/Neumann-Braun (2004), Ruthkowski (2004), Meisel (2005, Zimmermann (2000)

[2] siehe Helsper (1992)

[3] Helsper spricht in diesem Zusammenhang von einer asketisch- lebensverneinenden Lebensweise

[4] Dieser früher und auch umgangssprachlich verwendete Begriff wird hier nicht verwendet, da er erstens stark negativ besetzt ist, und meiner Meinung nach in einer wissenschaftlichen Arbeit nicht manifestiert werden sollte

[5] Wave- Gothik- Treffen (Leipzig)

[6] Festival in Hildesheim (Flugplatz)

[7] siehe 3.2.1.4

[8] Anhang: A3- A4

[9] Einzelheiten finden sich im Anhang (A3)

[10] Orkus ist ein bekanntes Gothic- Magazin

[11] siehe Anhang: A5

[12] Dies gilt im Besonderen für die jüngeren Szene- Mitglieder

[13] Anhang: Daten- DVD

[14] Professor Dr. Winfried Gebhardt ,Universität Koblenz- Landau

[15] Anhang: A2

[16] dies ist eher als (un)erwünschter Nebeneffekt anzusehen

[17] siehe auch 6.2.4

[18] Mehr zu den schwarzen Musikstilen unter Kapitel 4

[19] spitze schwarze Schuhe

[20] Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism

[21] mehr dazu unter 6.2.4

[22] siehe 4.3.1

[23] siehe dazu 4.2

[24] Faith and the Muse: britische Dark- Wave- Band

[25] siehe dazu auch 6.2.5

[26] siehe 3.2.4

[27] Umbra et Imago: deutsche Dark- Wave- Band

[28] siehe 6.2.2 f.

[29] Sequenzer- Programme eignen sich zur Produktion elektronischer Musik und ersetzen akustische und elektrische Instrumente, bzw. ermöglichen es mittels Rechner, stets neue synthetische Klänge zu erzeugen.

[1] Definitionen

[2] Farbe schwarz

[3] Musikteil

Ende der Leseprobe aus 189 Seiten

Details

Titel
Die Schwarze Szene. Alternative Sinnangebote und emotionale Bindung
Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
189
Katalognummer
V120838
ISBN (eBook)
9783640243532
ISBN (Buch)
9783640246663
Dateigröße
4838 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine Analyse der Schwarzen Szene aus soziologischer, musikwissenschaftlicher und psychoanalytischer Sicht. Umfangreiche Biografieanalysen erweitern den Blick auf die Gothic-Szene und liefern Erklärungsmuster für die emotionalen und individualpsychologischen Beweggründe sich der Szene zuzuwenden.
Schlagworte
Schwarze, Szene, Sinn, Zusammenhang, Bindung
Arbeit zitieren
Dipl.Sozialapäd. Philipp Reitzig (Autor), 2008, Die Schwarze Szene. Alternative Sinnangebote und emotionale Bindung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120838

Kommentare

  • Gast am 9.5.2014

    Hallo Philipp,

    ich möchte dir meinen herzlichsten Dank aussprschen! Dies ist die erste richtig gut recherschierte Arbeit über die Gothic-Szene, die ich gelesen habe. Ich vermute, dass du Szenekundig bist oder zumindest mehrere "Schwarzdenkende" in deinem Umfeld hast, da du scheinbar über einiges Spazialwissen verfügst, nach denen man schon sehe gezielt suchen müsste, was widerum für einen Szenefremden untypisch wäre.
    Es ist schön zu wissen, dass sich noch Jemand ernsthaft mit einer, bei den Meisten, schon abgestempelten Szene befast und Wert darauf legt, einige Vorurteile auszuräumen und Einiges richtigzustellen.
    Es ist dir ein sehr guter Einstief und eine fesselnde Weiterführung gelungen, die auch Diejenigen zum Weiterlesen annimiert, die mit dieser Szene "nicht am Hut haben". Ich bin immer noch erstaunt darüber, dass ganz offenkundig kein einziger Aspekt gefehlt hat!
    Ich danke dir, dass du dir die zeit genommen hast, zu informieren und mehr Verständnis zu schaffen!
    Ich selbst sehe mich seit einigen Jahren als Goth und ich hätte nicht gedacht, dass es noch so viele denkende und fühlende Menschen auf dieser Welt gibt. Nirgendwo findet man diese Zugehörigkeit, diese Seelenverwandtschaft und dieses Glück.
    Aber ich denke, das ist dir wohlbekannt. Allein das Zitat in 3.2, wird nur von Menschen gefunden und verwendet, die wahre Schönheit und das Herz der Szene der kennen!
    Ich umarme die für diese wundervolle Arbeit, die zeigt, wie viel Herzblut in ihr steckt!

    Alles Liebe,
    Miloury

  • Hallo Miloury, danke für dein positives Feedback. Gruß Philipp

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