Obwohl bereits einige Literatur zur Gothic-Szene, vor allem in den letzten 10 Jahren, erschienen ist, möchte ich an dieser Stelle kurz darlegen, warum mir eine neuerliche Behandlung des Themas notwendig ist. Nach Durchsicht einschlägiger Literatur zum Thema ist auffällig, dass über die Bedeutung und den Sinnzusammenhang der „Schwarzen“ Szene nur unzureichende Erkenntnisse vorliegen.
In der Literatur dominieren Szene-Beschreibungen, die aus einer rein soziologischen Betrachtungsweise heraus formuliert wurden. Dies scheint mir im Falle der Gothic-Szene vollkommen unzureichend. Es handelt sich hier nicht um eine Jugendszene wie jede andere. Vielmehr weist sie einige in der Literatur stark vernachlässigte oder häufig unterschlagene Merkmale auf. Diese sich oberflächlicher Betrachtungsweise entziehenden szenetypischen Besonderheiten, werde ich in dieser Arbeit in den Fokus rücken.
Im Mittelpunkt aller Betrachtungen steht die Frage nach den Beweggründen sich der „Schwarzen Szene“ zuzuwenden. Im Vorfeld der zu dieser Arbeit nötigen Vorbereitungen, drängten sich einige wichtige Fragen auf, deren Beantwortung sich anhand der „Basisliteratur“ nicht vollziehen ließ. Es scheint, dass diese Literatur, wenn sie von einem uninformierten Personenkreis gelesen wird, nicht dazu geeignet ist, die Schwarze Szene hinreichend zu präsentieren. Die Erklärungsmuster muten teils geradezu „naiv“ an, wenn ganz offensichtlich ist, dass diese Studien nicht aus der Szene heraus entwickelt wurden, sondern von „außen“. Bedauerlich ist, dass solche Literatur in Szenekreisen eher „lächelndes“ Missverständnis auslöst. Nun muss ich jedoch anmerken, dass die hier zitierte Literatur selbstredend nicht nur unzureichend ist. Die soziologischen Erklärungsansätze sind nachvollziehbar und entsprechen sicherlich häufig auch der Realität. Allerdings sollte daraus keine allgemeingültige Lehrmeinung abgeleitet werden.
Die Studien von Farin (1999) und Helsper (1992) sind indes ein gutes Beispiel dafür, dass sozialwissenschaftliche Betrachtungsweise und individualpsychologische Sicht keine Gegensätze darstellen müssen, gleichwohl sie diesen interessanten Erkenntnissen nicht weiter folgen.
In dieser Studie werde ich dies nachholen. Dabei soll die Szene, vor allem im 6. Kapitel, aus einer stark „inneren“ und emotionalen Perspektive betrachtet werden. Zentral stelle ich hier der Frage, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit sich jemand der Schwarzen Szene anschließt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gliederung
3. Die Gothic- Szene
3.1 Definitionen und Grundbegriffe
3.1.1 Die Farbe Schwarz
3.1.2 Der Begriff „Gothic“
3.1.3 Jugendszene
3.1.4 Subkultur
3.2 Die Schwarze Szene
3.2.1 Sozialstatistik
3.2.1.1 Szenegröße
3.2.1.2 Geschlechterverhältnis
3.2.1.3 Altersstruktur
3.2.1.4 Soziale Herkunft, Bildung und Beruf
3.2.2 Kleidungsstil und Ästhetik
3.2.3 Politische Einstellungen
3.2.4 Religion
3.2.5 Freizeit
3.2.6 Zentrale und Werte und Gefühle
4. Schwarze Musik
4.1 Definition
4.2 Die Wirkung von Musik im Allgemeinen
4.2.1 Musik als Therapie
4.3 Entwicklung der Schwarzen Musik
4.3.1 Der Tanz
4.3.2 Schwarze Musikstile
4.3.2.1 Darstellung und Erläuterungen
4.4 Stilrichtungen
4.4.1 Gothic- Punk / Batcave
4.4.2 Gothic- Rock
4.4.3 Darkwave
4.4.4 Gothic- Metal
4.4.5 Mittelalter
4.4.6 Elektro
4.4.6.1 EBM
4.4.6.2 Industrial
4.4.6.3 Industrial- Noise
4.4.6.4 Darkelektro
4.4.6.5 Synthie- Pop/Future- Pop
5. Methodik
5.1 Die Psychoanalyse als Methode
5.1.1 Die Psychoanalyse Sigmund Freuds
5.1.2 Intention und Problematik der Psychoanalyse
5.2 Zur Methode der Biografieforschung
5.3 Qualitatives Interview
5.4 Der Interviewleitfaden
5.5 Die Interviews
5.5.1 Durchführung
5.6 Zur Gesamtstrategie
5.7 Zugang zum Forschungsfeld
5.8 Zur Motivation des Autors
5.9 Das Forschungsziel
5.9.1 Die Hypothesen
6. Die Analyse
6.1 Zur Diagnostik und Klassifikation
6.2 Auswertung der Hypothesen
6.2.1 Hypothese 1 - Zur Frage der depressiven Persönlichkeit
6.2.1.1 Ätiologie der Depression
6.2.1.2 Quervergleiche
6.2.1.3 Musiktexte
6.2.1.4 Schwarzes Glück
6.2.1.5 Gothic- Foren
6.2.2 Hypothese 2 - Schwarze Musik als Transportmedium negativ empfundener Emotionen und Gefühle
6.2.3 Hypothese 3 - Zur Frage der therapeutischen Wirkung Schwarzer Musik
6.2.4 Hypothese 4 - Affinität zu Schwarzer Musik und neurotische Konstitution
6.2.4.1 Die gestörte seelische Entwicklung
6.2.5 Hypothese 5 - Dissozialität und Isolierung
6.2.6 Hypothese 6 - Kritische Lebensereignisse als Auslöser
6.2.6.1 Zur Vererbung
6.2.7 Hypothese 7 - Lebenslang Schwarz
6.2.8 Theorien zum Szeneeintritt
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Diplomarbeit zielt darauf ab, den Sinnzusammenhang und die emotionale Bindung innerhalb der "Schwarzen Szene" zu untersuchen, wobei der Fokus auf einer tiefenpsychologischen Perspektive liegt, um die Beweggründe für den Szeneeintritt und die Rolle der Musik zu ergründen.
- Die psychologische Bedeutung der "Schwarzen Szene" als Zufluchtsort.
- Die therapeutische und kompensatorische Funktion Schwarzer Musik.
- Sozialstatistische Erhebungen und demografische Charakteristika der Szene.
- Die Analyse von Biografie- und Inhaltsdaten zur Verifizierung aufgestellter Hypothesen.
Auszug aus dem Buch
Die Psychoanalyse Sigmund Freuds
Als Psychoanalyse wird die von Siegmund Freud „begründete tiefenpsychologische Lehre und Schule“(Doucet 1972 S : 133) bezeichnet. Freud entwickelte die Methode der Psychoanalyse aus ersten Erfahrungen mit hysterischen Patienten, die er zunächst mit Hypnose in einen Zustand versetzte, der Zugang zum „Unterbewusstsein“ des Patienten gewährte. Die „Entdeckung“ des Unterbewusstseins als solches, ist ebenfalls Freud zuzurechnen, als dieser nach Erklärungsansätzen für bestimmte geistige Phänomene suchte und dabei auch mit Hilfe der Hypnose auf ein offensichtlich „verdrängtes“ Gedankengut stieß. Mit Verdrängung ist dabei gemeint, eine Art psychischer Abwehrmechanismus, der dazu dient „für das Bewusstsein nicht mehr annehmbare Triebansprüche und Wünsche abzuweisen und vom Bewusstsein fernzuhalten“(Doucet 1972 : 183). Diese Verdrängung geschieht infolge eines Traumas. Die psychische Störung kann sich erst unter der Bedingung entfalten, dass Verdrängtes dem Bewusstsein fern gehalten wird und somit nicht verarbeitet werden kann. Aus dieser Annahme ging später auch die psychoanalytische Technik als Therapiemethode hervor. Wurde zunächst unter Hypnose versucht, sich dem Unterbewusstsein zu nähern, entwickelte Freud im Jahre 1895 die Methode der „freien Assoziation“ zur Erforschung von Neuroseursachen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung begründet die Notwendigkeit einer neuen Auseinandersetzung mit der Schwarzen Szene, da bisherige soziologische Beschreibungen das Phänomen unzureichend erfassen.
2. Gliederung: Hier wird der Aufbau der Arbeit skizziert, der von begrifflichen Grundlagen über die Bedeutung Schwarzer Musik bis hin zur empirischen Untersuchung und Analyse der Hypothesen reicht.
3. Die Gothic- Szene: Dieses Kapitel liefert eine soziologische Basis und beschreibt den Lebensstil, Werte, Ästhetik und Sozialstatistik der Szene, wobei der Fokus auf der Identitätsstiftung durch Distinktion liegt.
4. Schwarze Musik: Das Kapitel behandelt die zentrale Rolle Schwarzer Musik als "Sprache" und Ausdrucksmittel sowie deren vielfältige Stilrichtungen und deren Einbettung in den Szenekontext.
5. Methodik: Hier werden die wissenschaftlichen Theorien, insbesondere die Psychoanalyse nach Freud, sowie die empirischen Methoden der Biografieforschung für die Analyse dargelegt.
6. Die Analyse: Im Hauptteil werden die Hypothesen anhand der erhobenen Biografien und Inhaltsanalysen systematisch ausgewertet und auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft.
7. Fazit: Das Fazit führt die Ergebnisse zusammen und bestätigt die Bedeutung der frühen affektiven Kindheitserfahrungen für die emotionale Bindung zur Szene.
Schlüsselwörter
Schwarze Szene, Gothic, Psychoanalyse, Musikpsychologie, Depressive Persönlichkeit, Biografieforschung, Subkultur, Identität, Neurose, Affektive Bindung, Sozialstatistik, Industrial, EBM, Darkwave, Kompensationsstrategie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die Schwarze Szene (Gothic-Szene) unter einem tiefenpsychologischen Blickwinkel, um den Sinnzusammenhang und die emotionale Bindung ihrer Mitglieder zu verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit beleuchtet die Sozialstatistik der Szene, die Funktionen Schwarzer Musik, die Bedeutung von Kindheitserfahrungen und die Rolle von psychischen Dispositionen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es, die Beweggründe für den Eintritt in die Schwarze Szene zu identifizieren und die Hypothese zu prüfen, ob die Szene als Zufluchtsort für Menschen mit depressiver oder neurotischer Konstitution dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine Kombination aus psychoanalytischen Theorien nach Sigmund Freud, qualitativer Biografieforschung und Inhaltsanalysen von Literatur, Musik und Internet-Foren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die aufgestellten Hypothesen, etwa zur Rolle der Schwarzen Musik als Transportmedium für Emotionen oder zur Bedeutung kritischer Lebensereignisse für den Szeneeintritt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Schwarze Szene, Psychoanalyse, Depressive Persönlichkeit, Biografieforschung, Neurose und Kompensationsstrategie kennzeichnen.
Warum spielt die Musiktherapie eine Rolle in der Argumentation?
Die Musiktherapie dient als Analogie, um zu erklären, wie Schwarze Musik unbewusst genutzt wird, um psychische Belastungen zu verarbeiten und Ersatzbeziehungen zu stiften.
Inwiefern beeinflussen Kindheitserfahrungen das Goth-Sein laut der Studie?
Die Arbeit postuliert, dass eine mangelnde affektive Zuwendung in der frühen Kindheit bei vielen Szenemitgliedern eine depressive Disposition geschaffen hat, die eine lebenslange Affinität zur Szene begünstigt.
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- Dipl.Sozialapäd. Philipp Reitzig (Author), 2008, Die Schwarze Szene. Alternative Sinnangebote und emotionale Bindung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120838