Louise Bourgeois. Betrachtung einer Cell "You better grow UP"

Klausur der gymnasialen Oberstufe mit Lösungsvorschlag


Unterrichtsentwurf, 2009
12 Seiten

Leseprobe

Gliederung:

1) Klausur: Aufgabenstellung

2) Lösungsvorschlag

3) Kommentar von Louise Bourgeois zum Werk

4) Literatur- und Bildnachweis

Klausur Bildende Kunst, Thema „Louise Bourgeois“

Aufgabe:

Beschreiben, analysieren und interpretieren Sie die „Cell (You better grow UP)“ von Louise Bourgeois!

Cell (You Better Grow UP), 1993
Sammlung der Künstlerin

Die Seiten bestehen aus Maschendraht und Glas. In die Decke und in zwei der Seiten sind Spiegel eingelassen, die sich in der Vertikalen oder Horizontalen um die eigene Achse drehen. Im Inneren der Zelle ruht ein rosa Marmorblock.

Abb. 1: Gesamtansicht

Abb. 2: Innenansicht der Cell

Abb. 3: Ansicht Marmorblock mit Händen/Spiegel

Abb. 4/ Abb.5: Detailansichten der Objekte auf den Stühlen

Abb. 6: Detailansicht der Hände

Lösungsvorschlag

"Man muss Tag für Tag die Vergangenheit abschütteln oder sich mit ihr abfinden, und wenn man sich nicht mit ihr abfinden kann, wird man eben Bildhauer[1]."

Louise Bourgeois ist eine Künstlerin, die ihr gesamtes Schaffen auf diesem Satz begründet. Ihre Vergangenheit, bei ihr sind es meist die Kindheitserfahrungen, liefert ihr den Stoff für ihre Kunst. Besonders eindringlich spiegeln sich diese Kindheitserfahrungen in den Cells wieder, die, stets aus Sicht des Kindes Louise Bourgeois und immer symbolhaft, einen zumeist überaus intimen und persönlichen Eindruck in das Leben im Hause Bourgeois geben.

Eine dieser Cells trägt dem Untertitel „You better Grow UP“. Zunächst einmal muss man sich die Frage stellen: was sind Cells? Zellen, in der deutschen Übersetzung, lautlich beinah analog zum englischen Ausdruck. Im heutigen Sprachgebrauch denkt man sofort an Gefängniszellen. Jedenfalls ist eine Zelle ein abgeschlossenes Terrain, meist von außen einsehbar und von innen bewohnt. Bei der zu betrachtenden Cell handelt es sich um ein Environment, das heißt, der Betrachter darf sich in das Kunstwerk integriert fühlen und kann es – zumindest theoretisch – betreten, da es einem realen Menschen tatsächlich Platz bieten würde. Diese Cell befindet sich in der Sammlung der Künstlerin. Sie verwendet bei ihrem Werk überwiegend Objets Trouvés; Fundstücke, die sie der gewünschten Aussage entsprechend zu einem großen Ganzen arrangiert. Die Ausnahme bildet hierbei der rosa Marmorblock in der Mitte, in den drei einander berührende Hände gehauen sind. Das Objekt ist frei stehend und allansichtig, der Betrachter kann es also umrunden, was der Grundidee des Environments nochmals entgegen kommt. Zunächst einmal fällt auf, dass das Werk quaderförmig ist, an drei Seiten, nämlich den Längsseiten und der Decke, von Drahtzaun begrenzt wird und an den beiden Längsseiten von milchigen, undurchsichtigen Glasscheiben, die allerdings von jeweils einem großen, ovalen und interessanterweise drehbaren Spiegel unterbrochen werden. Es gibt keine Bodenplatte. In diesem – nennen wir das Konstrukt doch einmal Käfig – könnte man theoretisch stehen, sitzen und liegen. Es könnte also einen Wohnbereich darstellen. Unterstützt wird dieser Eindruck noch durch die Tatsache, dass es sich beim eher kärglichen Interieur um Möbel im weitesten Sinne handelt – erkennbar sind zwei Hocker und ein Stuhl mit Stuhl mit Lehne in drei der vier Ecken sowie mittig eine tischartige Konstruktion mit besagtem Marmorblock. Auch an der Decke befindet sich ein Spiegel. Die Stühle sind durch kleine Objekte belegt. Einer der Hocker trägt ein dunkles, vergleichsweise eher gedrungen wirkendes Objekt. Der Stuhl trägt ein organisch anmutendes Objekt aus Glaskolben, die geradezu phallisch ineinander verschachtelt sind. Konträr dazu wirkt das dritte Objekt, das ebenfalls aus Glas ist. Es strebt unsicher auf, nahezu hysterisch, und wirkt instabil, so, als könne es gleich zusammenfallen. Zusätzlich befinden sich auf dem Hocker noch drei kleine Parfumflakons, vielleicht ein Symbol für Weiblichkeit. Der Marmorblock in der Mitte der Cell ist rosa, für Louise Bourgeois aufgrund der Maserung und Färbung ein Symbol für Fleisch. Aus dem Block sind subtraktiv drei Hände samt Unterarmen heraus geschlagen. Die Hände sind sehr naturalistisch ausgearbeitet, im Gegensatz zu den anderen in der Zelle vorhandenen Elementen. Ihre Positionierung legt nahe, dass sie zu zwei Personen gehören. Es könnte sich etwa um die Hände einer Mutter handeln, die die eines Kindes schützend umfasst, oder um die Hände eines Kindes, die die Mutter tröstend begreift. Etwa Louises Hände und die ihrer Mutter, die ihr immer Geborgenheit vermittelt hat und die für die kindliche Louise eine Beschützerrolle einnahm – häufig wird die Mutter in Bourgeois‘ Werk ja auch als Spinne dargestellt, unter deren wehrhaftem Körper man einen sicheren Hort hat. Der Käfig wirkt aufgrund seiner Wände gleichzeitig wuchtig und fragil – drei sind aus Drahtzaun, der dem Betrachter schonungslos Einblick in die Zelle gewährt. Ein Minimum an Privatsphäre wäre dem Zelleninsassen durch die milchig-schmutzigen Glasscheiben der beiden anderen Wände vergönnt – doch auch hier trügt der Schein: die Spiegel sind sogar von außen drehbar. Sie gewähren also nicht nur Einblick, sondern können sogar noch als Spionagemedium verwendet werden, um jeden Winkel der Cell abzusuchen. An dieser Stelle muss aber gesagt werden, dass die Spiegel ja nicht nur von außen, sondern auch von innen einstellbar sind. Also hat auch der Zelleninsasse die Möglichkeit, einen Blick nach draußen zu werfen und quasi die Lage zu peilen. Dieser Umstand legt nahe, dass die Cell zwar einerseits als Gefängnis verstanden werden kann, andererseits aber auch einen gewissen Schutz bietet, weniger im Sinne von Geborgenheit als vielmehr im Sinne einer Abschottung von der Außenwelt. Dieser Mangel an Privatsphäre war im Hause Bourgeois Tatsache – Louise fühlte sich ständig unwohl, beobachtet, gleichzeitig unbeachtet. Auffällig ist auch das Fehlen einer Bodenplatte – der Boden des Raumes, in dem das Environment steht, ist also automatisch auch der Boden des Kunstwerks. Das Werk integriert sich also in jedes Umfeld, fügt sich nahtlos ein. Im Museum, auf der Straße, gar bei uns zu Hause. Ein Hinweis darauf, dass es viele solcher Konstellationen gibt? Vielleicht. Die Positionierung der – doch sehr organisch anmutenden Objekte auf den Stühlen – nämlich um den zentralen Marmorblock herum, legt nahe, dass es sich um Personen handeln könnte. Immerhin sitzen üblicherweise Personen auf Stühlen. Handelt es sich also um drei Menschen, die Louise und ihre Mutter beobachten? Ihnen gegenüber sitzen? Sie umschließen? Die Familie vielleicht? Bruder, Schwester und Vater? Eine definitive Erschließung ist hier nicht möglich. Assoziationen drängen sich auf, wie so oft. An dieser Stelle der Betrachtung fällt das erste Mal das völlige Fehlen eindeutig erkennbarer, etwa persönlicher, Gegenstände auf. Handelt es sich doch nicht um eine „Wohncell“, sondern um eine Anordnung von Gegenständen, die familiäre Beziehungen symbolisieren soll? Oder lohnt es sich nicht, Persönliches zu besitzen, wenn man doch sowieso keine Privatsphäre hat? Auch hier kann man nur mutmaßen. Unumstößlich sicher ist aber eins: der Betrachter wird auf geradezu unverschämte Weise in das Werk integriert. Als Vorbeigehender kann man sich die Spiegel theoretisch so einstellen, wie man sie haben möchte. Wie wirkt das auf den Betrachter? Gehen wir peinlich-berührt vorbei? Würden wir uns überhaupt trauen, die Spiegel zu drehen und in die Privatsphäre eines wildfremden Menschen derart rigoros einzudringen? Riskieren wir einen Blick in den Spiegel an der Decke, der jeden Winkel erfasst? Hier findet man jedenfalls Intimität auf dem Präsentierteller- wir haben Teil am Leben eines fremden Menschen. Was bringt Louise Bourgeois dazu, uns derartigen Einblick zu gewähren? Obigem Zitat zufolge schafft sie Kunst, um ihre Vergangenheit zu bewältigen. Welche Art der Bewältigung ist das? Es handelt sich um einen überaus trotzig gewährten Einblick in die eigene Welt- komm näher und schau, du kuckst doch sowieso! Liegt hierin auch eine Kritik am Betrachter? Oder bezieht sich dieses Mankum an Privatsphäre nur auf die familiäre Situation der Bourgeois‘? Vielleicht hilft es, wenn wir an dieser Stelle einmal den Titel des Werkes nähere betrachten: CELL (You better grow UP). Da alle Werke der Werkgruppe den Titel „Cell“ tragen, ist wohl eher der Untertitel relevant. You better grow UP – du solltest besser groß - oder erwachsen - werden. Das „UP“ ist noch durch die Schreibweise mit Großbuchstaben hervor gehoben. Sieht man sich die Objekte genauer an, so spielt dieses UP eine wichtige Rolle – zwei der Objekte auf den Stühlen, nämlich die Glasobjekte, streben eindeutig nach oben, verjüngen sich, sind gleichsam im Wachsen begriffen. Was ist denn dann, wenn man erwachsen ist? Wird man weniger beobachtet? Raus aus dem Käfig? Die junge Louise hat die familiäre Situation stets als unangenehm empfunden. Der Vater, der lieber einen Sohn gehabt hätte, die Mutter, die zwar die Rolle der Beschützerin einnahm, aber doch ihre Rivali8n im eigenen Haus dulden musste. Letztlich die Kinder, Bruder, Schwester und Louise, die sämtlich unter der Knute des überaus dominanten Vaters standen. Möglich, dass die Cells, diese abgeschlossenen, käfigartigen Konstrukte, oft auch begrenzt durch Türen ohne Klinken, für sie als Symbol für die familiäre Situation stehen. Eine solche Abgeschlossenheit kann für niemanden anders bindend sein als für ein Kind – ein Erwachsener kann – im Regelfall – selbst bestimmen, wo er hingeht. Ein Grund, groß zu werden – erwachsen, dem Rat zu folgen: You better grow UP.

[...]


[1] '"Kindesmissbrauch". In: Artforum, Bd. 20, Nr. 4, Dezember 1982. Zitiert nach: Louise Bourgeois. Destruction of the Father, Reconstruction of the Father. Schriften und Interviews, 1923‑2000. Herausgegeben, zusammen gestellt und mit Beiträgen von Marie‑Laure Bernadac und Hans‑Ulrich Obrist. Zürich, 2001, S. 147. (Im Folgenden: Schriften und Interviews)

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Details

Titel
Louise Bourgeois. Betrachtung einer Cell "You better grow UP"
Untertitel
Klausur der gymnasialen Oberstufe mit Lösungsvorschlag
Autor
Jahr
2009
Seiten
12
Katalognummer
V120856
ISBN (eBook)
9783640257584
Dateigröße
737 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Aus urheberrechtlichen Gründen ohne Bildmaterial, Liste der Abbildungen ist jedoch beigefügt.
Schlagworte
Louise, Bourgeois, Betrachtung, Cell, Abitur, Kunst, Bildende Kunst, Klausur, BK, Kunst-Abi, Kunst-Abitur, Louise Bourgeois, Baden-Württemberg, Beschreibung, Analyse, Interpretation, Femme Maison, Frau Haus, Personnages, Vater
Arbeit zitieren
Wildis Streng (Autor), 2009, Louise Bourgeois. Betrachtung einer Cell "You better grow UP", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120856

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