Diese Arbeit befasst sich mit der gesellschaftlichen Funktion von Mode in Gottfried Kellers Novelle „Kleider machen Leute“ von 1870.
Mode im weitesten Sinne nennt man eine zeitweise gültige und während dieser Zeit allgemein akzeptierte Anschauung von den [!] äußeren Kulturformen. Die Mode bestimmt zumeist ein Bild des Ideals von Schönheit in der jeweiligen Gesellschaft. Jede Epoche entwickelt eigene Maßstäbe von einem ästhetischen Ideal des menschlichen Körpers.
Kleidung betont oder unterdrückt bestimmte Partien des Körpers, um die Silhouette dem gültigen Ideal anzunähern: Sie korrigiert und stilisiert. Mode gibt die Möglichkeit nach außen jemand anderes zu sein als seine Herkunft es vorgibt.
Kleidungsstil und Mode haben die Eigenschaft einen raschen Wechsel zu vollziehen. Das heißt es besteht ständige Veränderung in Kleidungs- und Lebensstilen. Kleidung hat ebenfalls die Eigenschaft, den sozialen Stand einer Person zu signalisieren. Sie reflektiert soziale Hierarchien. Vor allem das Mittelalter kannte [..] Kleiderordnungen, die sich in komplizierten Regelungen über Farbe und Qualität der Stoffe verästelten. Im Mittelalter ist die Menge des Stoffes, seine Art (Seide, Baumwolle u.a.), die Länge der Schleppe eine Richtlinie für die gesellschaftliche Einordnung. Somit gibt die Kleidung verlässliche Auskunft über die Herkunft einer Person.
Schon der Titel der Novelle, als Sprichwort, beinhaltet dieses Thema, welches sich mit gesellschaftlichen Ständen und deren Kleiderordnung beschäftigt. Kann jemand aus seiner Herkunft heraustreten, wenn er sich mit der Kleidung eines anderen Standes bedeckt oder gehört mehr zu einem sozialen Aufstieg?
Der Held der Novelle, ein Schneider Namens Wenzel Strapinski, tritt aus dem sozialen, durch Stände statisch festgelegten, System heraus. Die Frage aber ist, ob dies nur durch die Tatsache geschieht, dass er sich „vornehm“ kleidet? Welche Funktion hat dabei die Kleidung Strapinskis und welche Rolle spielt sein Beruf als Schneider? In wiefern sind die Bewohner der Stadt Goldach an seiner Situation beteiligt?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2.1 Das erste Auftreten Wenzel Strapinskis
2.2 Die Wirkung Wenzels auf seine Umwelt und die daraus resultierenden Folgen
2.3 Die Demaskierung des Grafen als Schneider
3. Die gesellschaftliche Funktion der Kleidung
4. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung von Mode und Kleidung in Gottfried Kellers Novelle „Kleider machen Leute“ und analysiert, wie diese als Instrument der sozialen Identitätskonstruktion und Täuschung fungieren. Die Forschungsfrage widmet sich der Funktion von Strapinskis äußerem Erscheinungsbild im Kontext des gesellschaftlichen Aufstiegs und der späteren Demaskierung.
- Die symbolische Bedeutung von Kleidung als Statussymbol
- Die Rolle der sozialen Wahrnehmung und des "Schein-Seins"
- Die Auswirkungen von Kleidung auf die zwischenmenschliche Kommunikation
- Die psychologische Entwicklung und Reflektion der Protagonisten
Auszug aus dem Buch
2.1 Das erste Auftreten Wenzel Strapinskis
An einem unfreundlichen Novembertage wanderte ein armes Schneiderlein auf der Landstraße nach Goldach, einer kleinen reichen Stadt, die nur wenige Stunden von Seldwyla entfernt ist. Der Schneider trug in seiner Tasche nichts als einen Fingerhut, welchen er, in Ermangelung irgendeiner Münze, unablässig zwischen den Fingern drehte, wenn er der Kälte wegen die Hände in die Hosen steckte, und die Finger schmerzten ihn ordentlich von diesem Drehen und Reiben.
Mit diesen Sätzen beginnt die Novelle. Gleich zu Beginn wird der Unterschied zwischen dem Helden Strapinski und seinem zukünftigen Ort aufgezeigt. Die Stadt Goldach ist reich, der Schneider allerdings arm. Er besitzt keine Gegenstände außer den Fingerhut in seiner Hosentasche. Es wird nichts über seine Kleidung gesagt, einzig die Art und Weise, wie er auf dieser Landstraße wandert und was er tut (Drehen des Fingerhutes), ist anfänglich interessant. Seine „innere“ Situation wird charakterisiert, ohne jegliche Anmerkung zu seiner Kleidung und seinem Habitus, also seiner „äußeren“ Situation, zu treffen.
Erst nachdem dies gesagt ist, wird auf seine „äußere“ Situation eingegangen. So heißt es: Das Fechten fiel ihm äußerst schwer, ja schien ihm gänzlich unmöglich, weil er über seinem schwarzen Sonntagskleide, welches sein einziges war, einen weiten dunkelgrauen Radmantel trug, mit schwarzem Samt ausgeschlagen, der seinem Träger ein edles und romantisches Aussehen verlieh, zumal dessen lange schwarze Haare und Schnurrbärtchen sorgfältig gepflegt waren und er sich blasser, aber regelmäßiger Gesichtszüge erfreute.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der gesellschaftlichen Funktion von Mode bei Gottfried Keller ein und hinterfragt die Rolle von Kleidung als Indikator für sozialen Status.
2.1 Das erste Auftreten Wenzel Strapinskis: Dieses Kapitel beleuchtet Strapinskis Ankunft in Goldach und analysiert, wie sein äußeres Erscheinungsbild einen Kontrast zu seiner armen Herkunft bildet.
2.2 Die Wirkung Wenzels auf seine Umwelt und die daraus resultierenden Folgen: Hier wird untersucht, wie die Bewohner von Goldach den Schneider aufgrund seines Mantels fälschlicherweise als Edelmann wahrnehmen und damit eine Kette von Zufällen auslösen.
2.3 Die Demaskierung des Grafen als Schneider: Das Kapitel beschreibt den Prozess der schrittweisen Entlarvung Strapinskis während der Festlichkeiten, bei denen sein sozialer Aufstieg abrupt endet.
3. Die gesellschaftliche Funktion der Kleidung: Die Analyse konzentriert sich auf die Kleidung als narratives Element der Novelle und ihre Rolle als Kommunikationsmittel innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft.
4. Schlussbemerkung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese, in der Kleidung als Code für Scheinwirklichkeiten entlarvt wird, der erst durch die Enthüllung der Identität durchbrochen werden kann.
Schlüsselwörter
Gottfried Keller, Kleider machen Leute, Mode, Gesellschaft, Identität, Schneider, Täuschung, Status, Goldach, Seldwyla, Scheinwirklichkeit, Kommunikation, Demaskierung, Kleiderordnung, Habitus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die gesellschaftliche Funktion von Kleidung und Mode in Gottfried Kellers Novelle „Kleider machen Leute“ von 1870.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Im Zentrum stehen die soziale Konstruktion von Identität durch Kleidung, der Schein als gesellschaftliches Kriterium und die Rolle des „Schale-Kern-Prinzips“ in der Novelle.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu ergründen, wie Kleidung die Wahrnehmung von Identität steuert und welche Funktion der Beruf des Schneiders innerhalb dieses sozialen Täuschungsszenarios spielt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse des Textes vorgenommen, wobei insbesondere soziologische Ansätze zur Bedeutung von Kleidung und Habitus einbezogen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Strapinskis Ankunft, seiner Wirkung auf die Goldacher Gesellschaft, die stufenweise Demaskierung durch Zufälle und die Rolle von Nettchen bei der Neuorientierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Identitätskonstruktion, Scheinwirklichkeit, sozialer Aufstieg, Kleiderordnung und das Mantelmotiv.
Warum wird Strapinski von der Goldacher Gesellschaft nicht als Schneider entlarvt?
Die Gesellschaft ist so sehr auf das Äußerliche fixiert und in ihren eigenen Konventionen gefangen, dass sie die „Maske“ (Mantel und Mütze) als eindeutiges Zeichen für Adel interpretiert.
Welche Rolle spielt Melchor Böhni in der Erzählung?
Böhni fungiert als der „Zweifler“, der als Einziger die zerstochenen Hände Strapinskis bemerkt, die ihn als Schneider überführen könnten, jedoch aus opportunistischen Gründen nicht interveniert.
Wie verändert sich die Funktion der Kleidung am Ende der Novelle?
Nach der Demaskierung verliert die Kleidung ihre Funktion als „Einstieg in eine andere Wirklichkeit“ und wird durch die echte, zwischenmenschliche Kommunikation zwischen Nettchen und Strapinski ersetzt.
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- Carla Pohl (Author), 2005, Die Funktion von Mode in Gottfried Kellers "Kleider machen Leute", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120878