Das Rochusretabel der Marienkirche zu Rostock


Hausarbeit, 2008

17 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.0 Das Retabel – Kurzbeschreibung
2.1 Der Mittelschrein mit dem hl. Rochus, den hl. Sebastian und dem hl. Antonius
2.2 Der linke Seitenflügel mit Kosmas und Damian
2.3 Der rechte Seitenflügel mit Christophorus und einem Bischof

3. Gesprenge

4.1 Kontext I – die Pest
4.2 Kontext II – Die Stiftung der Wundärzte und Barbiere
4.3 Kontext III – der Rochuskult und ein kurzer Stilvergleich

5. Zusammenfassung

6. Literaturangabe

1. Einleitung

Die Marienkirche zu Rostock besaß in der vorreformatorischen Zeit um 1500 bis zu vierzig Altäre. Von diesen vierzig Altären sind heute nur noch ein Seitenflügel eines Altarretabels und ein Rochusaltar vorhanden. Des weiteren gibt es noch eine Mutter Gottes auf der Mondsichel, eine mittelalterliche Fünte, eine astronomische Uhr und den heutigen barocken Hauptaltar.

Diese Arbeit widmet sich dem Rochusaltar (Abb. 1). Das Altarretabel ist in die Entstehungszeit um 1534 datiert. Die Künstlerzuschreibung ist in der Forschungsliteratur sehr schwankend und geht von Benedikt Dreyer über Claus Berg bis hin nach Schwaben und zur niederrheinischen Schnitzkunst.[1] Vorwiegend wird das Retabel Benedikt Dreyer bzw. seinem Umfeld zugeschrieben.

Das Interesse dieser Arbeit liegt auf der Verehrung der Heiligen, welche im Retabel dargestellt sind und wie diese auf den Gläubigen gewirkt haben könnten. Dabei ist zu bedenken, dass durch den Verlust der restlichen Altäre das zu behandelnde Retabel eine andere Wirkung auf den Betrachter ausübt. Des Weiteren steht die Legitimation eines solchen Retabels zur Frage.

Die dargestellten Heiligen sind: der hl. Rochus, der hl. Antonius der Eremit, der hl. Sebastian, die hl. Ärzte Kosmas und Damian, der hl. Christophorus, ein unidentifizierter Bischof, sowie weibliche Heiligenfiguren aus dem Gesprenge. Die Heiligen sind alle Schutzheilige gegen Pest und Krankheit. Über die Entstehungsumstände des Altares ist nichts bekannt, daher lässt sich anhand der Figuren vermuten, dass das Retabel eine Stiftung der Zunft der Wundärzte und Bartscherer war, da deren Patronatsheilige zu finden sind.

2.0 Das Retabel – Kurzbeschreibung

Der Rostocker Rochusaltar ist ein ungefasstes Eichenholztriptychon und misst 2,76 x 2.05 m. Statt dem für Norddeutschland typischen oberen kastenförmigen Abschluss sind es hier nach oben auslaufende Eselsrückenbögen über dem Mittelschrein und Kielbogenabschlüsse über den Seitenflügeln. Der Mittelschrein ist von einem Tabernakel mit Fialtürmchen bekrönt. In deren Zentrum befindet sich Maria mit Kind im Strahlenkranz. Neben dem Tabernakel sind zwei weitere weibliche Figuren. Die Kielbögen der Seitenflügel sind ebenfalls mit jeweils einer weiblichen Figur bekrönt. Anhand der Form lässt sich schließen, dass die kein Wandelaltar ist und nicht zum schließen gedacht war. Hinzu kommt eine unbemalte sowie nicht geschnitzte Rückseite der Seitenflügel und die aus der Monumentalität des Retabels folgende Schwere der Flügel.

Die Predella ist nicht im Original erhalten. Die heutige Predella ist aus dem 19. Jahrhundert und somit für diese Arbeit nicht von Interesse.

2.1 Der Mittelschrein mit dem hl. Rochus, den hl. Sebastian und dem hl. Antonius

In dem Mittelschrein sind der hl. Rochus, der hl. Sebastian und der hl. Antonius. Rochus ist die zentrale Figur. Sebastian steht links von ihm und Antonius rechts.

Der hl. Rochus ist als bartloser, junger Mann dargestellt. Seine Kleidung ist nicht mehr die eines Pilgers, sondern ist Kleidung eines Vertreters des städtischen oberen Standes. In seiner rechten Hand hält er einen Kreuzstab und mit seiner linken Hand zieht er das Gewand hoch, um seine Pestbeule am Oberschenkel zu entblößen. Das Gewand ist in verwirrend vielen Falten um seinen Körper gelegt.[2] Die Rochusfigur ist überlebensgroß und überragt zudem den hl. Sebastian und den hl. Antonius fast um Haupteslänge.

An dem entblößtem Bein steht ein kleiner Engel mit überlangem Gewand, welcher mit seiner rechten Hand die Pestbeule von Rochus berührt. Die Darstellung des Engels, der auf die Pestbeule zeigt oder berührt, ist begründet in der Vita von dem Heiligen.

Sein Leben ist durch Legenden geprägt.[3] Danach ist Rochus in Montpellier geboren und verlor schon früh seine Eltern. Sein geerbtes Vermögen verteilte er an die Armen. 1317 pilgerte er nach Rom, pflegte unterwegs die Pestkranken und erkrankte auf der Rückreise 1320 in Piacenza selbst. Auf einer Hütte fieberte er einsam vor sich hin. Ein Engel gab ihm seelische Kraft und ein Hund versorgte ihn mit Brot.[4] Als er wieder gesund in Montpellier angekommen ist, wurde er als Spion festgenommen und starb nach fünfjähriger Haft im Kerker. Rochus ist der Heilige der selbst an der Pest erkrankt ist und durch seinen Glauben (in Form eines Engels, als göttlicher Bote) geheilt wurde. Diese Tatsache macht ihn und den Rostocker Altar zu einem Pestaltar. Im Zusammenhang mit den übrigen Heiligen wird dieses Faktum noch verstärkt.

Links neben Rochus steht der hl. Sebastian (Abb. 3). Eine räumliche Trennung der beiden Heiligen bzw. der drei heiligen des Mittelschreines ist durch dünne Streben gegeben, welche den über den Figuren befindlichen Baldachin zu halten scheinen.

Der hl. Sebastian ist etwas kleiner als de hl. Rochus, nimmt aber trotzdem Lebensgröße bzw. sogar Überlebensgröße ein. Es ist ein jugendlicher bartloser Sebastian, mit zarten Gesichtszügen.

Um den Körper ist ein Tuch gelegt, welches ebenso wie das Gewand des Rochus einen starken diffizilen Faltenwurf aufweist. Das Tuch wirkt als ob Wind den Stoff hoch weht. Oberkörper und Beine sind nackt. Pfeile durchdringen seinen Körper. Mit seiner rechten verweist er auf eben diese.

Seine Legende, begründet in der Legenda aurea von Jacobus de Voragine, besagt dass er auf Befehl des Kaisers Diokletian mit Pfeilen gemartert wurde, weil er seinem Kaiser nicht opfern wollte. Er wurde daraufhin von Irene gefunden, die ihn nach, nachdem sie noch Lebenszeichen erkannte, gesund pflegte. Sebastian verleugnete seinen Glauben nicht und wurde daraufhin mit Keulen erschlagen und in die Cloaca maxima geworfen, den zentralen Abwasserkanal Roms.

Die Pfeile, die durch Sebastians Körper dringen, galten häufig als Pestpfeile.

Denn ein Feuer ist angegangen durch meinen Zorn, und wird brennen bis in die unterste Hölle, und wird verzehren das Land mit seinem Gewächs, und wird anzünden die Grundfesten der Berge. Ich will alles Unglück über sie häufen, ich will alle meine Pfeile in sie schießen. (5. Mos 22f)

Gott ist ein rechter Richter und ein Gott, der täglich bräuet. Will man sich nicht bekehren, so hat er sein Schwert gewetzt, und seinen Bogen gespannet, und zielet, und hat drauf gelegt tödliche Geschosse; seine Pfeile hat er zugerichtet, zu verderben. (Ps 7, 12f)

Da die Pfeile als verderbringendes Zeichen galten bzw. als Pestpfeile wurde der hl. Sebastian häufig während des Beginns der Pestepidemien (1350) dargestellt. Er ist dann allerdings 1450 durch den hl. Rochus abgelöst worden, da dieser überlebt haben soll. Bei den Darstellungen des Rostocker Rochusaltares ist auffällig, dass die Heiligen zwar durch dünne Streben getrennt sind und sich dadurch nicht berühren, aber eine Pfeilspitze über diese räumliche Trennung hinwegreicht und das Gewand des Rochus berührt. Diese Pfeilspitze ist zusätzlich noch das einzige Merkmal, welches überhaupt so offensichtlich eine Grenze überschreitet. Man könnte nun annehmen, dass diese Berührung zufällig zustande gekommen ist, doch ist dieses sehr unwahrscheinlich. Es liegt viel eher die Vermutung nahe, dass dadurch ein Bezug zu oben genannten Bibelstellen hergestellt wird, da die Pfeile so zu mit Krankheit infizierten Geschossen werden.

Rechts von Rochus befindet sich der hl. Antonius der Eremit (Abb. 4) Antonius ist genauso groß Sebastian. Er ist als bärtiger älterer Mann dargestellt. Sein Gewand ist überlang und weist einen starken Faltenwurf auf. Das Gewand ist an keiner Stelle des Körpers freigelegt und verhüllt den gesamten Körper. In seiner rechten Hand hält er ein Kreuz in die Höhe, seine linke Hand ist nach unten gerichtet und hält eine Glocke. Zu seinen Füßen sind Schwein und Teufel. Der linke Fuß ist auf den Teufel gestellt. Der Teufel zieht am linken Ohr des Schweins.

Antonius war Mönch der Kranke heilte und Wunder vollbrachte. Der 1095 gegründete Antoniterorden widmete sich der Krankenpflege und warnte die Gesunden mit einer Glocke vor Krankheit. Gegründet wurde der Orden von dem französischem Edelmann Gaston, als Dank für die Heilung seines Sohnes vom ‚Antoniusfeuer’, auch ‚ignis sacer’ oder ‚Kribbelkrankheit’ genannt. Das ‚Antoniusfeuer’ ist eine ernährungsbedingte Krankheit, mit zum Teil epidemischen Charakter hat. „[...] Die Krankheit ist in allen auch heute bekannten Formen aufgetreten (sic!) . Bei der gangranösen Form des Ergotismus handelte es sich um eine zunehmende Gefühllosigkeit der Zehen und Fingerglieder, an denen nach Gefäßkrämpfen eine akute Gangrän auftreten konnte, die häufig in tödlicher Sepsis endete; die konvulsive Form führte zu tetanischen Krämpfen und schmerzhaften Kontrakturen insbesondere der Beugemuskeln; die dritte Form zeigte allgemeine Lähmungen, Aphasie und schwere Psychosen.“[5]

[...]


[1] Zur Künstlerzuschreibung siehe z.B. Uwe Hartmann: Das Rochusretabel in der Rostocker Marienkirche.; Jörg Rosenfeld: Benedikt Dreyer.; Jan-Friedrich Richter: Claus Berg.; Inge Laudan: Die St. Marienkirche zu Rostock.

[2] Diese starke Faltenmodellierung ist für die norddeutsche Schnitzkunst eher untypisch und erinnert an die Faltenwürfe von Tilmann Riemenschneider oder Veit Stoß. Natürlich kommen in diesem Zusammenhang auch der Lübecker Schnitzer Benedikt Dreyer und Claus Berg zur Sprache.

[3] Siehe dazu: Lexikon der christlichen Ikonographie. E. Kirschbaum, 8 Bde., Rom, Freiburg, Basel, Wien, 1968/78.

[4] Daher auch häufig Darstellungen mit einem Hund und Engel.

[5] Eckart: Geschichte der Medizin. 5. Auflage, Springer Verlag, 1995.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Rochusretabel der Marienkirche zu Rostock
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Kunstgeschichte)
Veranstaltung
Norddeutsche Schnitzaltäre
Note
2,5
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V120881
ISBN (eBook)
9783640251155
ISBN (Buch)
9783640251292
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
benedikt dreyer, retabel, altar, rostock, rochus
Arbeit zitieren
Carla Pohl (Autor), 2008, Das Rochusretabel der Marienkirche zu Rostock, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120881

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