Die Marienkirche zu Rostock besaß in der vorreformatorischen Zeit um 1500 bis zu vierzig Altäre. Von diesen vierzig Altären sind heute nur noch ein Seitenflügel eines Altarretabels und ein Rochusaltar vorhanden. Des weiteren gibt es noch eine Mutter Gottes auf der Mondsichel, eine mittelalterliche Fünte, eine astronomische Uhr und den heutigen barocken Hauptaltar.
Diese Arbeit widmet sich dem Rochusaltar (Abb. 1). Das Altarretabel ist in die Entstehungszeit um 1534 datiert. Die Künstlerzuschreibung ist in der Forschungsliteratur sehr schwankend und geht von Benedikt Dreyer über Claus Berg bis hin nach Schwaben und zur niederrheinischen Schnitzkunst. Vorwiegend wird das Retabel Benedikt Dreyer bzw. seinem Umfeld zugeschrieben.
Das Interesse dieser Arbeit liegt auf der Verehrung der Heiligen, welche im Retabel dargestellt sind und wie diese auf den Gläubigen gewirkt haben könnten. Dabei ist zu bedenken, dass durch den Verlust der restlichen Altäre das zu behandelnde Retabel eine andere Wirkung auf den Betrachter ausübt. Des Weiteren steht die Legitimation eines solchen Retabels zur Frage.
Die dargestellten Heiligen sind: der hl. Rochus, der hl. Antonius der Eremit, der hl. Sebastian, die hl. Ärzte Kosmas und Damian, der hl. Christophorus, ein unidentifizierter Bischof, sowie weibliche Heiligenfiguren aus dem Gesprenge. Die Heiligen sind alle Schutzheilige gegen Pest und Krankheit. Über die Entstehungsumstände des Altares ist nichts bekannt, daher lässt sich anhand der Figuren vermuten, dass das Retabel eine Stiftung der Zunft der Wundärzte und Bartscherer war, da deren Patronatsheilige zu finden sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2.0 Das Retabel – Kurzbeschreibung
2.1 Der Mittelschrein mit dem hl. Rochus, den hl. Sebastian und dem hl. Antonius
2.2 Der linke Seitenflügel mit Kosmas und Damian
2.3 Der rechte Seitenflügel mit Christophorus und einem Bischof
3. Gesprenge
4.1 Kontext I – die Pest
4.2 Kontext II – Die Stiftung der Wundärzte und Barbiere
4.3 Kontext III – der Rochuskult und ein kurzer Stilvergleich
5. Zusammenfassung
6. Literaturangabe
Zielsetzung & Themen
Diese kunsthistorische Arbeit untersucht das Rochusretabel in der Marienkirche zu Rostock unter Berücksichtigung seiner Ikonographie, der vermuteten Stiftergruppe und seiner Einbettung in den zeitgenössischen Kontext von Seuchen, Heiligenverehrung und sozialen Konflikten. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, wie das Bildprogramm auf die Gläubigen wirkte und inwiefern der Altar als Ausdruck spezifischer Interessen seiner Stifter sowie als Antwort auf gesundheitliche Krisen wie die Pest oder den "Englischen Schweiß" zu verstehen ist.
- Ikonographische Analyse der dargestellten Heiligenfiguren
- Untersuchung der Bedeutung des Altars als "Pestretabel"
- Rekonstruktion der Stifterintention der Zunft der Wundärzte und Barbiere
- Kunstgeschichtliche Einordnung und stilistischer Vergleich norddeutscher Schnitzkunst
- Reflexion über die Heiligenverehrung im Spannungsfeld der Kirchenreform
Auszug aus dem Buch
2.1 Der Mittelschrein mit dem hl. Rochus, den hl. Sebastian und dem hl. Antonius
In dem Mittelschrein sind der hl. Rochus, der hl. Sebastian und der hl. Antonius. Rochus ist die zentrale Figur. Sebastian steht links von ihm und Antonius rechts.
Der hl. Rochus ist als bartloser, junger Mann dargestellt. Seine Kleidung ist nicht mehr die eines Pilgers, sondern ist Kleidung eines Vertreters des städtischen oberen Standes. In seiner rechten Hand hält er einen Kreuzstab und mit seiner linken Hand zieht er das Gewand hoch, um seine Pestbeule am Oberschenkel zu entblößen. Das Gewand ist in verwirrend vielen Falten um seinen Körper gelegt. Die Rochusfigur ist überlebensgroß und überragt zudem den hl. Sebastian und den hl. Antonius fast um Haupteslänge.
An dem entblößtem Bein steht ein kleiner Engel mit überlangem Gewand, welcher mit seiner rechten Hand die Pestbeule von Rochus berührt. Die Darstellung des Engels, der auf die Pestbeule zeigt oder berührt, ist begründet in der Vita von dem Heiligen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema, den Standort und die Forschungsgeschichte zum Rostocker Rochusaltar.
2.0 Das Retabel – Kurzbeschreibung: Beschreibung des physischen Erscheinungsbildes, der Form und des Materials des Triptychons.
2.1 Der Mittelschrein mit dem hl. Rochus, den hl. Sebastian und dem hl. Antonius: Analyse der zentralen Heiligenfiguren im Hinblick auf ihre Ikonographie und Bedeutung als Schutzpatrone.
2.2 Der linke Seitenflügel mit Kosmas und Damian: Vorstellung der ärztlichen Heiligenpatrone und deren Bedeutung für das Stifterumfeld.
2.3 Der rechte Seitenflügel mit Christophorus und einem Bischof: Diskussion der Identifizierung des dargestellten Bischofs und die Rolle des heiligen Christophorus.
3. Gesprenge: Untersuchung der architektonischen und skulpturalen Gestaltung des oberen Altaraufbaus und der dort positionierten weiblichen Heiligenfiguren.
4.1 Kontext I – die Pest: Darstellung der historischen Situation der Pestepidemien und die daraus resultierende Funktion des Altars.
4.2 Kontext II – Die Stiftung der Wundärzte und Barbiere: Untersuchung der sozialen Hintergründe der Stifter und deren Streben nach Legitimation durch das Altarbild.
4.3 Kontext III – der Rochuskult und ein kurzer Stilvergleich: Einordnung in die Verbreitung des Rochuskults und stilistische Anbindung an regionale Bildschnitzer.
5. Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse zur Bedeutung des Altars als politisches und religiöses Instrument.
6. Literaturangabe: Auflistung der verwendeten Quellen und Forschungsliteratur.
Schlüsselwörter
Rochusretabel, Marienkirche Rostock, Norddeutsche Schnitzkunst, Pest, Heiligenverehrung, Wundärzte, Barbiere, Ikonographie, Nothelfer, Englischer Schweiß, Benedikt Dreyer, Claus Berg, Mittelalter, Frömmigkeit, Stiftungsgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der kunsthistorischen Analyse des Rochusretabels in der Rostocker Marienkirche, insbesondere mit seiner Entstehung und Funktion im vorreformatorischen Kontext.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Ikonographie der Schutzheiligen gegen Pest und Krankheit, die Sozialgeschichte der Stifterzunft (Wundärzte/Barbiere) sowie die Einordnung in den norddeutschen künstlerischen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Bildprogramm des Altars in Bezug auf die Ängste der Zeit vor Seuchen und den sozialen Wunsch nach Legitimation der Handwerkszünfte zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine deskriptive und analysierende kunsthistorische Methode angewandt, die ikonographische Bildbeschreibung mit historisch-kontextueller Forschung verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil detailliert die Figuren des Altars, den architektonischen Aufbau (Gesprenge) und analysiert den historischen Kontext, einschließlich Pestepidemien und Stifterabsichten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Rochusretabel, Pest, Wundärzte, Heiligenverehrung, Nothelfer und norddeutsche Schnitzkunst.
Warum wird der Altar auch mit dem "Englischen Schweiß" in Verbindung gebracht?
Da die Pestepidemien zeitlich etwas weiter von der Entstehung des Altars entfernt lagen, wird vermutet, dass die aktuellere Bedrohung durch den "Englischen Schweiß" ein zusätzlicher Stiftungsanlass war.
Wer sind die vermuteten Künstler des Werks?
In der Literatur wird das Retabel vorwiegend dem Bildschnitzer Benedikt Dreyer oder dessen Umfeld zugeschrieben, wobei auch Bezüge zu Claus Berg und süddeutscher Schnitzkunst diskutiert werden.
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- Carla Pohl (Author), 2008, Das Rochusretabel der Marienkirche zu Rostock, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120881