Einleitung
Zwei große Schulen, die man methodologischer Individualismus und methodologischer Kollektivismus nennt, polarisieren den methodologischen Horizont der Sozialwissenschaften. Der methodologische Individualismus ist der Ansicht, daß
letztendlich das ‘Individuum’ die Quelle aller sozialen Erscheinungen ist: Der Mensch mache die Geschichte. Während dessen unterstellt der methodologische Kollektivismus (auch methodologischer Funktionalismus genannt), daß die ‘Gesellschaft’ individuelles Handeln in eine Art Logik zwingt: Die Geschichte verlaufe nach ihrer eigenen Logik. Dieser methodologische Unterschied – manchmal sogar Antagonismus – erzeugt in der
Sozialwissenschaften das sogenannte Mikro-Makro-Problem. Im Lauf der Zeit kommen Wissenschaftler immer wieder zur Einsicht, daß eine Trennung der beiden Ebenen und die Ignoranz der anderen Ebene das Verstehen und die Erklärung des sozialen Lebens lähmen. Bemühungen zur Verknüpfung und zur Zusammenführung der Mikro- und der
Makroebene werden versucht.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Mikro-Makro-Beziehung
2.1. Makrobedingungen für Mikrointeraktionen
2.2. Mikrodynamik und Makrologik
2.3. Probleme der Mikro-Makro-Verknüpfung
3. Strategien der Integration der beiden Perspektiven
3.1. Tiefenerklärung: Mikrofundierung für Makrostrukturen
3.2. Interpenetration: Makrorahmen für Mikroprozesse
3.3. Jenseits der Dichotomie: Die Figuration und das Machtspiel-Modell
4. Bilanz und Perspektiven
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Das Hauptziel dieser Arbeit ist die Untersuchung der Mikro-Makro-Beziehung in verschiedenen sozialwissenschaftlichen Theorien, um die methodologische Trennung zwischen individuellem Handeln und sozialen Strukturen kritisch zu beleuchten und Integrationsstrategien zu bewerten.
- Analyse der Dichotomien Akteur-System und Prozeß-Struktur als Basis der Mikro-Makro-Unterscheidung.
- Untersuchung individualistischer und kollektivistischer Theorietraditionen hinsichtlich ihrer Mikro- bzw. Makro-Fokussierung.
- Diskussion der drei zentralen Probleme der Mikro-Makro-Verknüpfung: deskriptive, praktische und explanative Emergenz.
- Vergleichende Darstellung und Bewertung von Integrationsstrategien (Tiefenerklärung, Interpenetration, Figurationsansatz).
- Reflexion über die Möglichkeiten einer Überbrückung der analytischen Lücke zwischen Mikroprozessen und Makrostrukturen.
Auszug aus dem Buch
3.2 Interpenetration: Makrorahmen für Mikroprozesse
Ausgangspunkt des Modells der Interpenetration ist, daß sich menschliche Handlung in einem Raum befindet, der sich durch die zwei Variablen der symbolischen Komplexität und der Handlungskontingenz definieren läßt. Menschliches Handeln sei sinnhaftes Handeln und daher durch Symbole kontrolliert. Die Symbole bieten eine mehr oder weniger große Anzahl von Möglichkeiten für die Handlung (Kontingenz) und variieren in Anzahl und Interdependenz (Komplexität) (Münch 1987: 320). Menschen handeln also in einer komplexen und kontingenten institutionellen Ordnung. Münch nennt sie ‘voluntaristische Ordnung’.
Das Modell basiert auf dem AGIL-Schema von Parsons (Adaptation, Goal attainment, Integration, Latent pattern maintenance). Nach diesem Schema unterscheiden sich analytisch vier Handlungsfelder mit entsprechenden Handlungsprinzipien:
A. Feld der Anpassung (adaptivity). Aspekt: Handlungstaktik (Mittel). Prinzip der Optimierung eines Zielensatzes (set of ends).
G. Feld der Ausgerichtetheit (directedness). Aspekt: Handlungsrichtung (Ziele). Prinzip der Maximierung und der Verwirklichung eines einzigen Ziels.
I. Feld der Strukturiertheit (structuredness). Aspekt: Spielregeln (Normen). Prinzip der Normkonformität.
L. Feld der Identität (identity). Aspekt: Handlungsstil (Bezugsrahmen). Prinzip der Konsistenz mit einem Bezugsrahmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die methodologische Polarisierung zwischen Individualismus und Kollektivismus ein und definiert die Mikro-Makro-Unterscheidung über die Dichotomien Akteur-System und Prozeß-Struktur.
2. Die Mikro-Makro-Beziehung: Dieses Kapitel untersucht verschiedene individualistische und makroskopische Theorien und erläutert die auftretenden Probleme bei der Verknüpfung beider Ebenen wie die deskriptive, praktische und explanative Emergenz.
3. Strategien der Integration der beiden Perspektiven: Hier werden drei Ansätze (Tiefenerklärung, Interpenetration, Figurationssoziologie) präsentiert, die versuchen, die methodologische Trennung durch unterschiedliche Integrationsmechanismen zu überwinden.
4. Bilanz und Perspektiven: Das Fazit stellt fest, dass das Mikro-Makro-Problem ungelöst bleibt, da jede Integrationsstrategie spezifische Probleme erzeugt, und deutet eine potenzielle Lösung durch einen Austausch zwischen analytischen und holistischen Denkweisen an.
Schlüsselwörter
Mikro-Makro-Problem, methodologischer Individualismus, methodologischer Kollektivismus, Akteur, System, Prozeß, Struktur, Emergenz, Tiefenerklärung, Interpenetration, Figuration, Machtspiel-Modell, Handlungsfelder, Integration, Sozialwissenschaftliche Theorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der grundlegenden Problematik in den Sozialwissenschaften, wie das Handeln einzelner Individuen (Mikroebene) mit sozialen Strukturen (Makroebene) theoretisch verknüpft werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die methodologische Unterscheidung zwischen Individualismus und Kollektivismus, das Phänomen der Emergenz sowie verschiedene theoretische Ansätze zur Integration dieser beiden Ebenen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Mikro-Makro-Beziehung durch eine Untersuchung verschiedener Theorieansätze zu beleuchten und zu bewerten, inwiefern eine Zusammenführung dieser analytisch getrennten Ebenen möglich ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt den Theorienvergleich. Sie analysiert verschiedene sozialwissenschaftliche Strömungen und diskutiert deren jeweilige Integrationsstrategien anhand ihrer theoretischen Grundlagen und Erklärungsleistungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Mikro- und Makro-Traditionen, die Darstellung der drei zentralen Emergenz-Probleme und die detaillierte Vorstellung der drei Integrationsstrategien: Tiefenerklärung, Interpenetration und Figurationssoziologie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Mikro-Makro-Problem, Emergenz, Akteur-System-Dichotomie, Tiefenerklärung, Interpenetration und Figurationssoziologie.
Wie bewertet der Autor den Figurationsansatz von Elias?
Der Autor schätzt den Ansatz als elegant und innovativ ein, da er die starre Mikro-Makro-Trennung aufhebt, bemängelt jedoch das Fehlen einer expliziten Darstellung der erklärenden Mechanismen und eine zu vage Ausarbeitung des Figurationskonzepts.
Was versteht man unter dem "Badewanne-Schema" in der Tiefenerklärung?
Es bezeichnet ein Grundmodell, das über Brückenhypothesen von der sozialen Situation auf das individuelle Handeln schließt und dieses Handeln anschließend durch Aggregationsregeln wieder auf das soziale Phänomen zurückbezieht.
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- Alexander Hong Lam Vu (Author), 1997, Prozeß und Struktur, Akteur und System: Die Mikro-Makro-Verknüpfung in der sozialwissenschaftlichen Analyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1208