Struktur und Funktion von Erzählsituation/ -perspektive in Alfred Anderschs "Sansibar oder der letzte Grund"


Hausarbeit, 2006
25 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung

II. Struktur und Funktion von Erzählsituation / -perspektive in Alfred Anderschs ‚Sansibar oder der letzte Grund’
1. Erzählmodus und Fokalisierung
1.1 Die Erzählinstanz
1.2 Die Fokalisierung der Figuren
2. Figurenorganisation
2.1 Die Figur des ‚Jungen’
2.2 Die Figurenperspektiven
3. Die Funktion der Multiperspektivität

III. Schluß

ANHANG

A1 Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Erzählsituation in Alfred Anderschs ‚Sansibar oder der letzte Grund’1. Es soll herausgearbeitet werden, wie diese strukturiert ist und welche Funktionen sie erfüllt. Dafür ist ein Phänomen von Interesse, für das sich zwei größten Teils synonym benutzte Begriffe etabliert haben, nämlich einerseits Multiperspektivität und andererseits Polyperspektivität. In der folgenden Analyse wird aus zwei Gründen das Wort ‚Multiperspektivität’ verwendet. Erstens schließe ich mich Neuhaus an, der bemerkt, daß „[d]ie Zusammensetzung multiperspektivisch […] gegenüber anderen Bildungen den Vorteil [hat], daß beide Glieder derselben Sprache entstammen.“2. Zweitens ist dies notwendig, weil Nünning/Nünning3 in ihrem Text ‚Multiperspektivisches Erzählen’ eine Unterscheidung treffen zwischen ‚Multiperspektivität’ als Bezeichnung für das gesamte Phänomen und ‚Polyperspektivität’ für Erzählungen mit mehr als zwei Erzählbzw. Fokalisierungsinstanzen. Um Verwirrungen zu vermeiden, werde ich mich dieser Begriffsbildung anschließen.

Da das Thema dieser Arbeit begrenzt ist, kann nicht über alle interpretatorisch interessanten Punkte im Hauptteil diskutiert werden. So ist es für das gestellte Thema nicht relevant, die Struktur der Zeit zu untersuchen. Dennoch ist auffällig, daß die Handlung in weniger als 24 Stunden spielt, nämlich zwischen etwa zwei Uhr nachmittags („halb drei“, SG 12) und etwa sechs Uhr am nächsten Morgen („die Uhr: sie zeigte auf sechs“, SG 150). Auch räumlich ist die erzählte Welt sehr überschaubar, denn die Handlung beschränkt sich auch auf einen einzigen Ort. Dieser liegt, weit nach außen geschoben, an der Meeresküste und damit am Rande des Landes. Auch gesellschaftlich trifft diese Beschreibung zu: Es wird im Text mehrfach betont, daß in Rerik nichts los ist (z.B. „weil in Rerik nichts los war“, SG 9), daß keine ausländischen Schiffe mehr kommen („Von den großen Skandinaviern kommt keiner mehr nach Rerik.“, SG 34), daß jeder jeden kennt, weshalb Fremde auffallen („…aber Gregor konnte sehen, daß sie nicht zu den Leuten gehörte“, SG 59) usw. Außerdem kommen die Anderen’ aus Rostock, nicht aus Rerik.

Bemerkenswerter Weise findet das Geschehen im Dritten Reich statt, nicht im Nachkriegsdeutschland. Das ist in der Literatur der 50er Jahre eine Seltenheit, die meisten anderen Erzählungen spielen in der neugegründeten BRD und setzen sich von da aus in Rückblenden mit der NS-Zeit auseinander.4

Besprechenswert, aber für die vorliegende Arbeit irrelevant, sind auch die im Text konstruierten Geschlechterrollen. Untersucht man beispielsweise die Verteilung von Aktivität und Passivität im Fortgang der Fluchtplanung, so findet man eine augenfällige Korrelation mit den Geschlechtern der Figuren, die die eher traditionelle Auffassung der Geschlechterrollen unterstützt. Diese erstreckt sich auch auf den Umgang mit Sexualität, die zwar eine untergeordnete Rolle spielt, aber als Indikator für das Selbstverständnis der Figur dienen kann: während Gregor sich durch die Erinnerung an ‚Franziska’ (vgl. SG 113f.) als erfahren zu erkennen gibt, denkt Judith, die als junges, naives Mädchen gekennzeichnet ist, bei seinen Annä- herungsversuchen sofort an ihren ‚Papa’ (vgl. SG 122).

Auch wenn diese Beobachtungen für die vorliegende Arbeit nicht von unmittelbarer Relevanz sind, unterstützen sie doch den Eindruck, es mit einer eher traditionell konzipierten Erzählung zu tun zu haben.

Der Analyseteil der Arbeit ist in drei Teile untergliedert. Unter Punkt 1 werden die einzelnen Elemente der Erzählsituation untersucht, dazu wird zum einen der Frage nach der übergeordneten Erzählinstanz nachgegangen, zum anderen werde ich auf die Rolle, die die Figuren dabei spielen, eingehen. Unter Punkt 2 werde ich die Figurenorganisation, und hier vor allem die Figurenperspektiven und die Figur des Jungen, besprechen. Die Funktion der Erzählstruktur schließlich wird unter Punkt 3 abgehandelt.

Um Verwirrungen zu vermeiden, möchte ich kurz auf die formale Struktur des besprochenen Textes eingehen. Die Erzählung ist gegliedert in 37 Teile, die jeweils mit dem Namen einer oder mehrerer Figuren betitelt. Von diesen sind immer zwei zusammengefasst zu einer Art Kapitel. Ich werde die einzelnen, von Figurennamen übertitelten Teile im Folgenden als ‚Absätze’ bezeichnen, die ü- bergeordneten Unterteilungen als ‚Kapitel’.

II. Struktur und Funktion von Erzählsituation / -perspektive in Alfred Anderschs Sansibar oder der letzte Grund

1. Erzählmodus und Fokalisierung

Um die Erzählsituation in Alfred Anderschs ‚Sansibar oder der letzte Grund’ zu beschreiben, bietet es sich an, zunächst folgende Teilaspekte derselben zu unterscheiden:

1) Eine übergeordnete Erzählinstanz. Sie ist auf einer höheren Kommunikationsebene angesiedelt als die Figuren, wodurch sie aus einer gewissen Übersicht auf das Geschehen blickt und die Erzählung strukturiert.
2) Fünf Figuren, die als Fokalisierungsinstanzen bzw. Reflektorfiguren fungieren. Sie sind auf einer der Erzählinstanz untergeordneten Kommunikationsebene angesiedelt und haben damit keinen Zugriff auf die Strukturierung des Textes, sind aber selbst Teil dieser Struktur.
3) Alle anderen Figuren und Elemente der Erzählung, die nicht als Fokalisierungsinstanzen fungieren. Sie sind auf derselben Ebene angesiedelt wie die Reflektorfiguren, tragen aber nicht zur Struktur des Textes bei, sondern sind nur ‚Kulisse’ des Geschehens.

Es gibt demnach eine übergeordnete Erzählinstanz, die uns das intradiegetische Geschehen vermittelt. Auf der Figurenebene springt die Fokalisierung zwischen fünf dadurch privilegierten Figuren hin und her. Mit Martinez/Scheffel5 könnte man also von variabler interner Fokalisierung sprechen, „bei der die Fokalisierung im Rahmen eines im wesentlichen chronologisch fortlaufend präsentierten Geschehens zwischen verschiedenen Figuren wechselt“6.

Folgt man der ausführlicheren Definition von Nünning/Nünning, so lässt sich feststellen, daß der Text die Bedingungen der „Arbeitsdefinition“ (NN 18) von Multiperspektivität erfüllt:

„Multiperspektivisches Erzählen liegt in solchen Texten vor, in denen das auf der Figurenebene dargestellte Geschehen dadurch facettenartig in mehrere Versionen oder Sichtweisen aufgefächert wird, daß sie mindestens eines der folgenden drei Merkmale (oder eine Kombination von mehreren dieser Merkmale) aufweisen:

(1) Erzählungen, in denen es zwei oder mehrere Erzählinstanzen auf der extradiegetischen und/oder der intradiegetischen Erzählebene gibt, die dasselbe Geschehen jeweils von ihrem Standpunkt aus in unterschiedlicher Weise schildern;
(2) Erzählungen, in denen dasselbe Geschehen alternierend oder nacheinander aus der Sicht bzw. dem Blickwinkel von zwei oder mehreren Fokalisierungsinstanzen bzw. Reflektorfiguren wiedergegeben wird;
(3) Erzählungen mit einer montagebzw. collagehaften Erzählstruktur, bei der personale Perspektivierungen desselben Geschehens aus der Sicht unterschiedlicher Erzählund/oder Fokalisierungsinstanzen durch andere Textsorten ergänzt oder ersetzt werden.“ (NN 18)

In Anderschs Text liegt der hier unter Punkt (2) aufgeführte Fall vor. Dies wird noch einmal deutlich an der Unterscheidung von „drei Grundformen von Multiperspektivität in narrativen Texten“ (NN 42), die Nünning/Nünning vornehmen. Hier entspricht der zu untersuchende Text dem „Typ 2: Bei multiperspektivisch fokalisierten Texten handelt es sich um Erzählungen, in denen das erzählte Geschehen aus der Sicht von zwei oder mehrere [sic!] Reflektorfiguren wiedergegeben wird. In diesem Fall bezieht sich die Multiperspektivität somit nicht auf erzählende Aussagesubjekte, sondern auf die Präsenz von zwei oder mehreren Fokalisierungsinstanzen bzw. personalen Orientierungszentren (centers of consciousness).“ (NN 42)

Genauer kann man die Erzählung nach den von Nünning/Nünning ausgearbeiteten Kriterien als intradiegetisch und polyperspektivisch fokalisierten Text beschreiben (vgl. NN 43ff.), also als solchen, bei dem die Multiperspektivität auf der Figurenebene liegt und der mehr als zwei Fokalisierungsinstanzen hat.

Es soll nun zunächst darauf eingegangen werden, wie sich die Erzählinstanz prä- sentiert und wie die Fokalisierung auf die Figuren sich im Einzelnen gestaltet.

1.1 Die Erzählinstanz

Die Erzählung wird von einer übergeordneten Erzählinstanz vermittelt, die das Geschehen jeweils aus dem Blickwinkel einer Figur präsentiert. Sie ist selbst nicht konkretisiert. Sie gibt keine Auskunft über sich, kommentiert ihr Verhältnis zur dargestellten Welt oder zum Geschehen nicht, verwendet an keiner Stelle das Personalpronomen ‚Ich’ und nimmt auch keine direkte Anrede eines Adressaten vor. Sie ist also nicht konkret faßbar. Dennoch tritt sie auf verschiedene Art als Vermittlungsinstanz deutlich hervor. Dies tut sie unter anderem dadurch, daß sie das Erzählte kommentiert, wie in den folgenden Beispielen deutlich wird:

Bsp. 1) „Kann der Fisch sich entscheiden, fragte er [Knudsen] sich. Natürlich kann er, dachte er mit seinem alten Fischeraberglauben.“ (SG 16, Hervorhebungen von mir.)

Bsp. 2) „Er [der Junge] hatte vollständig vergessen, daß er sich noch an den dritten Grund erinnern wollte, …“ (SG 21, Hervorhebung von mir) Diese Beispiele belegen, daß nicht nur die Bewußtseinsinhalte der Figuren wiedergegeben werden, da weder dem Fischer bewußt ist, daß er etwas ‚mit seinem Fischeraberglauben denkt’, noch der Jungen weiß, was er vergessen hat.

Auch gibt es Passagen, in denen nicht deutlich ist, ob das Geschehen aus der subjektiven Sicht einer Figur oder vom Erzähler figurenunabhängig, sozusagen objektiv, geschildert wird:

„Was hatte er [Gregor] aus Moskau mitgebracht? Nichts als einen Namen. In die Lenin-Akademie trat man ein wie in ein Kloster: man legte seinen Namen ab und wählte einen neuen. Er ließ sich Grigorij nennen. Während er in Moskau die Technik des Sieges studierte, hatten die Anderen in Berlin gesiegt. Man schickte ihn über Wien zurück, mit falschem Paß, der auf den Namen Gregor lautete. Er lernte die dritte Form des Kampfes kennen: den Kampf nach einer Niederlage. In den Kampfpausen dachte er an den goldenen Schild von Tarasovka. Die Genossen im Zentralkomitee waren nicht mit ihm zufrieden. Sie fanden, er sei flau geworden.“ (SG 24)

Was hier wiedergegeben wird, sind zwar Begebenheiten aus der Vergangenheit Gregors, die insofern sicher auch Teil seines Bewußtseins genannt werden können, als Erinnerungen konstitutiv für die Person sind. Dennoch ist nicht eindeutig, ob Gregor über diese Dinge nachdenkt, während der Erzähler davon berichtet. Es ist eher davon auszugehen, daß es sich um eine gewöhnliche Rückblende handelt, die die Geschichte eines Protagonisten für den Leser nachreicht. Deutlicher wird diese Art der Erzählerrede an einem anderen Beispiel:

„Gregors erste Ruderschläge waren ungeschickt, sie behinderten die Stakrichtung, aber der Junge hing sehr rasch seine Ruder in die Dollen und brachte das Boot in tieferes Wasser. Sie wendeten das Boot, so daß es in Fahrtrichtung kam; Judith auf der Bank achtern sitzend, konnte nun nach vorn schauen, in die Richtung der Ruderschläge, während Gregor und der Junge auf das Ufer zurückblickten, das sie verließen.“ (SG 123)

Es handelt sich hier um eine Szene, in der mehrere Fokalisierungsinstanzen auftauchen und in der die Fokalisierung ständig von einem zum anderen springt. Dabei ist es so, daß deutlich markiert wird, auf wem der Fokus gerade ruht. In dem oben zitierten Abschnitt fehlt diese Markierung und tatsächlich liegt der Fokus auch auf keiner der Figuren, sondern er folgt der Figurengruppe. Der Erzähler berichtet von außen, was geschieht. Dieser Eindruck eines auktorialen Erzählers bzw. Erzählvorganges ohne multiperspektivische Aufteilung wird dadurch verstärkt, daß in epischem Präteritum erzählt wird. Dadurch bekommt die Erzählung einen abgeschlossenen Charakter, sie wird quasi vom Ende her erzählt.

1.2 Die Fokalisierung der Figuren

Die Fokalisierung alterniert zwischen fünf Figuren, nämlich dem Jungen, Gregor, Helander, Knudsen und Judith. Die Textabschnitte sind jeweils mit dem Namen der Figur bzw. der Figuren überschrieben, die als Fokalisierungsinstanz dienen. Dadurch ist die Frage, wer gerade ‚sieht’ (im Sinne Genettes), in den Fällen, in denen nur eine Figur einen Abschnitt beherrscht, von vornherein geklärt. In Abschnitten, in denen zwei oder drei Figuren als Fokalisierungsinstanzen auftreten, springt der Fokus unvermittelt zwischen ihnen hin und her bzw. liegt auf der Figurengruppe. Durch Nennung des Namens der Figur im Zusammenhang mit einem flektierten Verb wird deutlich gemacht, daß diese gerade die Fokalisierungsinstanz ist. In einem Abschnitt, der mit ‚Helander – Knudsen’ überschrieben ist, funktioniert das so:

[...]


1 Andersch, Alfred. Sansibar oder der letzte Grund. Zürich 1957. Im Folgenden zitiert als ‚SG [Seitenzahl]’.

2 Neuhaus, Volker. Typen multiperspektivischen Erzählens. Köln / Wien 1971, S. 1

3 Nünning, Vera u. Nünning, Ansgar (Hrsg.). Multiperspektivisches Erzählen. Zur Theorie und Geschichte der Perspektivenstruktur im englischen Roman des 18. bis 20. Jahrhunderts. Trier 2000. Im Folgenden zitiert als ‚NN [Seitenzahl]’.

4 Vgl. z.B. Alfred Andersch: Die Rote. Heinrich Böll: Billard um halb zehn. Wolfgang Koeppen: Der Tod in Rom. Arno Schmidt: Brand’s Haide.

5 Martinez, Matias u. Scheffel, Michael. Einführung in die Erzähltheorie. München 2002

6 Ebd., S. 66

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Struktur und Funktion von Erzählsituation/ -perspektive in Alfred Anderschs "Sansibar oder der letzte Grund"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Der deutschsprachige Roman der 50er Jahre, Teil I
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
25
Katalognummer
V120944
ISBN (eBook)
9783640251681
ISBN (Buch)
9783640251780
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Die Arbeit gelangt zu einer überzeugenden Konzeption bei der Untersuchung der Erzählsituation und -perspektive, die aktuelle Theorie narratologischer discours-Forschung wird souverän auf den Primärtext angewendet. Solide wird herausgearbeitet, daß der Roman zwar moderne Erzählverfahren aufgreift, damit allerdings nicht auch Anschluß an "moderne" Wirklichkeitskonzeptionen sucht, sondern vielmahr ein traditionelles Werte- und Normensystem kaschiert. Gerade hier hätten dann doch etwas detaillierter und abstrahierendere Ausführungen zur histoire angeschlossen werden können (...)"
Schlagworte
Struktur, Funktion, Erzählsituation/, Alfred, Anderschs, Sansibar, Grund, Roman, Jahre, Teil
Arbeit zitieren
Julika Binder (Autor), 2006, Struktur und Funktion von Erzählsituation/ -perspektive in Alfred Anderschs "Sansibar oder der letzte Grund" , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120944

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