Die Arbeit beschäftigt sich mit den Funktionen des Erzählens in Arno Schmidts 'Kaff auch Mare Crisium'. Dabei geht sie folgender These nach: Der Protagonist Karl Richter, der sowohl als Reflektorfigur als auch als Erzähler dient, bringt nicht nur die eingebettete Erzählung hervor (in Schmidts Terminologie ein ‚Längeres Gedankenspiel’), sondern auch die Rahmenhandlung, in der er selbst verortet ist. Dieser Ringschluß bedingt eine hochgradig selbstreferentielle Struktur.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II Funktionen des Erzählens in Arno Schmidts Kaff auch Mare Crisium
1. Vorraussetzungen:
1.1.1 Schmidts Theorien
1.1.2 Mimesisbegriffe
2. Untersuchung der Erzählsituation und der Funktionen des Erzählens
2.1.1 Die intradiegetische Erzählsituation
2.1.2 Die extradiegetische Erzählsituation
III Schlußteil
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktionen des Erzählens in Arno Schmidts Roman "Kaff auch Mare Crisium", mit dem Fokus auf der komplexen Verflechtung von Rahmenhandlung und Binnenerzählung sowie der daraus resultierenden Selbstreferentialität des Textes. Dabei wird analysiert, inwieweit die Erzählfigur Karl Richter durch die Konstruktion der "Löchrigen Gegenwart" und des "Längeren Gedankenspiels" sowohl als Reflektorfigur als auch als Erzähler fungiert und die erzählte Welt konstituiert.
- Arno Schmidts Prosa-Theorien ("Längeres Gedankenspiel", "Löchrige Gegenwart")
- Mimetische Verfahren und Plausibilisierungsstrategien in der Erzählung
- Die intradiegetische Erzählsituation (Mondgeschichte)
- Die extradiegetische Erzählsituation (Rahmenhandlung)
- Selbstreferentialität und die Rolle von Karl Richter als "heimlicher Erzähler"
Auszug aus dem Buch
2.1 Die intradiegetische Erzählsituation
Als intradiegetische Erzählsituation wird diejenige der Binnenerzählung, deren Handlung sich auf dem Mond abspielt, betrachtet. Es handelt sich hierbei um eine eingebettete Erzählung, die von der Reflektorfigur der Rahmenhandlung, Karl Richter, für seine Freundin Hertha Theunert generiert wird. Sie ist expressis verbis frei erfunden, was sie von den Geschichten des Realismus unterscheidet: hier wurde viel Wert darauf gelegt, die Binnenerzählungen als Wiedergabe authentischer Erzählungen erscheinen zu lassen. Auch stellt sie keine „zeitl[ich] früher spielende[…] Erzählung[…]“ dar, wie dies bei der Erzählung von Erinnertem oder Überliefertem der Fall wäre, sondern sie gibt eine fingierte Zukunft wieder. Damit fällt sie in den Bereich der Utopien. Sie wird in mehreren unterschiedlich langen Teilstücken präsentiert, die immer wieder durch Teile der Rahmenhandlung unterbrochen werden. Die beiden Geschichten sind meist eng miteinander verflochten, die Übergänge zum Teil fließend. So gibt Hertha immer wieder Stichwörter, stellt Fragen und fordert Fortsetzungen. Der Sprung von der einen auf die andere Handlungsebene ist jeweils auch typographisch dadurch gekennzeichnet, daß die Rahmenhandlung linksbündig und rechts eingerückt erscheint, die Binnenhandlung entsprechend rechtsbündig und links eingerückt. Im Text sieht das aus wie folgt:
„Dann legte sie das Geschpräch – kann man’s so nenn’? – aufs geschickteste wieder um: : >>Wenn der Eene Schiefertafeln macht - : dann der Andre vielleicht die Griffel? ….. …..: die Griffel! : Und George sah mir zu – neidisch wie immer – wie schnell das in dem weichen Schtein so ging : zick zick zick zick zick!“
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Diese Einleitung führt in die These ein, dass der Protagonist Karl Richter durch seine doppelte Rolle als Reflektorfigur und Erzähler eine hochgradig selbstreferentielle Struktur in Arno Schmidts Roman erzeugt.
II Funktionen des Erzählens in Arno Schmidts Kaff auch Mare Crisium: Das Hauptkapitel untersucht Schmidts theoretische Prosaformen und Mimesisbegriffe, um diese auf die intra- und extradiegetischen Erzählsituationen im Roman anzuwenden.
1. Vorraussetzungen: Dieses Unterkapitel analysiert die programmatischen Ausführungen Arno Schmidts zu den Prosaformen "Längeres Gedankenspiel" und "Löchrige Gegenwart" sowie deren Bedeutung für das Verständnis der Romanstruktur.
2. Untersuchung der Erzählsituation und der Funktionen des Erzählens: Dieses Kapitel widmet sich der detaillierten Analyse der erzähltechnischen Ebenen und zeigt auf, wie Richter durch sein Erzählen die Diegese manipuliert und kontrolliert.
III Schlußteil: Das Fazit fasst zusammen, dass die Erzählung primär auf ihre eigene Struktur verweist und durch die Kombination der Schmidt’schen Formen eine hochkonzentrierte Selbstreferentialität erreicht.
Schlüsselwörter
Arno Schmidt, Kaff auch Mare Crisium, Erzählsituation, Längeres Gedankenspiel, Löchrige Gegenwart, Selbstreferentialität, Karl Richter, Binnenerzählung, Rahmenhandlung, Mimesis, Prosaform, Erzähltheorie, Reflektorfigur, Bewusstseinsstrom, Metafiktion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die spezifischen Erzählfunktionen in Arno Schmidts Roman "Kaff auch Mare Crisium" und untersucht, wie der Protagonist Karl Richter die erzählte Welt durch seine doppelte Rolle als Reflektorfigur und Erzähler konstruiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Anwendung von Arno Schmidts theoretischen Konzepten wie das "Längere Gedankenspiel" und die "Löchrige Gegenwart" sowie die Analyse von Selbstreferentialität und Plausibilisierungsstrategien innerhalb des Romans.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wie das Erzählen im Roman als Mittel zur Weltkonstitution dient und inwiefern der Protagonist als eine Art "heimlicher Erzähler" fungiert, der die ontologische Differenz der verschiedenen Handlungsebenen aufhebt.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Es wird eine erzähltheoretische Analyse durchgeführt, die Schmidts eigene terminologische Ansätze mit etablierten literaturwissenschaftlichen Kategorien der Erzähltheorie abgleicht und am Primärtext überprüft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der theoretischen Voraussetzungen (Mimesisbegriffe, Prosaformen) und die konkrete Analyse der intra- und extradiegetischen Erzählsituationen inklusive ihrer Wechselwirkungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Arno Schmidt, Selbstreferentialität, Erzählsituation, "Längeres Gedankenspiel" und "Löchrige Gegenwart".
Welche Rolle spielt die Figur Hertha Theunert in der Analyse?
Hertha Theunert fungiert als Rezipientin und Co-Autorin von Richters Erzählung; ihre Reaktionen und Stilkritik verdeutlichen die diskursive Ebene des Erzählens und verstärken die Selbstreferentialität des Werks.
Was bedeutet das "erzähltechnische Dilemma" im Kontext der Arbeit?
Es beschreibt den Umstand, dass Richter sowohl als Reflektorfigur als auch als Erzähler agiert, was die Verbürgung der Realität innerhalb des Textes in Frage stellt, da alle Ebenen von seinem Bewusstsein abhängen.
Wie bewertet die Autorin die Anwendung von Schmidts Theorien auf den Roman?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass Schmidts Theorien zwar hilfreiche Ansätze für die Analyse bieten, aber keinen strikten wissenschaftlichen Status besitzen und in der erzählerischen Praxis des Romans oft durch die spezifische "Löchrige Gegenwart" variiert werden.
Warum ist die "Schriftlichkeit" des Textes für die Untersuchung relevant?
Die Arbeit zeigt auf, dass der Text durch unkonventionelle Schreibweisen und typografische Mittel explizit auf seinen Status als geschriebenes Werk verweist, was eine weitere Form der Selbstreferentialität darstellt.
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- Julika Binder (Author), 2007, Funktionen des Erzählens in Arno Schmidts "Kaff auch Mare Crisium", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120946