Roger Bacons Philosophie wurde zu seinen Lebzeiten wie in der Forschung bis heute häufig als "unfranziskanisch" angesehen. Während ausgewogene Darstellungen selten blieben, machte die eine "Schule" aus ihm das unerkannte, weil leider mittelalterliche und leider katholische Genie ihrer eigenen Vorstellung von "moderner Wissenschaftlichkeit", die andere einen Querschläger und Wirrkopf. Auf diesem Stand blieb die Gesamteinschätzung Bacons, und in den letzten Jahrzehnten wurden nur noch Teil- und Randaspekte seiner Philosophie behandelt. In dieser Arbeit wird gezeigt, daß gerade der zentrale und spektakuläre Teil dieser Philosophie, die wissenschaftstheoretische Begründung des Experiments und ihre metaphysisch-epistemologischen Voraussetzungen, eine Ausprägung franziskanischer Geistigkeit ist – dabei wird auch zum erstenmal eine Deutung des neugefundenen Texts de signis vorgetragen.
INHALTSVERZEICHNIS:
I. DIE BEDEUTUNG DES EINZELNEN UND DIE FRANZISKANISCHE BEWEGUNG
1. Einzelnes und Allgemeines, ein Grundproblem der Philosophie
2. Der franziskanische "Weg der Bejahung" – die Transzendenz im Einzelnen
3. Die Vermittlung der Idee Franz von Assisis: Anschaulichkeit
4. Von der Praxis der Anschaulichkeit zur Philosophie der Anschaulichkeit
5. Zwischen Anschaubarkeit und Verstehbarkeit – die Sprache der Bilder
6. Roger Bacon OFM – Transzendenz des Einzelnen in einer anschaulichen Philosophie
II. DAS VERHÄLTNIS VON EINZELNEM UND ALLGEMEINEM BEI BACON
1. Das Sein der Einzeldinge und der Universalien
2. Das Einzelne und das Universale in der Erkenntnis
III. BACONS THEORIE DER VERANSCHAULICHUNG
1. Zeichen
2. Die experimentelle Wissenschaft
IV. EXKURS: Einzelnes und Universale bei Giotto
V. AUSBLICK: Wissenschaft vor und nach Descartes
VI. BIBLIOGRAPHIE
Addenda
Inhaltsverzeichnis
I. Die Bedeutung des Einzelnen und die franziskanische Bewegung
1. Einzelnes und Allgemeines, ein Grundproblem der Philosophie
2. Der franziskanische "Weg der Bejahung" – die Transzendenz im Einzelnen
3. Die Vermittlung der Idee Franz von Assisis: Anschaulichkeit
4. Von der Praxis der Anschaulichkeit zur Philosophie der Anschaulichkeit
5. Zwischen Anschaubarkeit und Verstehbarkeit – die Sprache der Bilder
6. Roger Bacon OFM – Transzendenz des Einzelnen in einer anschaulichen Philosophie
II. Das Verhältnis von Einzelnem und Allgemeinem bei Bacon
1. Das Sein der Einzeldinge und der Universalien
2. Das Einzelne und das Universale in der Erkenntnis
III. Bacons Theorie der Veranschaulichung
1. Zeichen
2. Die experimentelle Wissenschaft
IV. Exkurs: Einzelnes und Universale bei Giotto
V. Ausblick: Wissenschaft vor und nach Descartes
VI. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die wissenschaftstheoretische Begründung des Experiments bei Roger Bacon und analysiert dessen metaphysisch-epistemologische Voraussetzungen als eine Ausprägung franziskanischer Geistigkeit, wobei insbesondere das Verhältnis von Einzelnem und Allgemeinem sowie die Rolle der Anschaulichkeit im Vordergrund stehen.
- Die philosophische Bedeutung des Einzelnen im Kontext der franziskanischen Bewegung.
- Die Analyse des Verhältnisses von Einzelnem und Allgemeinem bei Roger Bacon.
- Bacons Zeichentheorie und die Funktion der Anschaulichkeit in der Wissenschaft.
- Die Einordnung von Bacons experimenteller Methode in den mittelalterlichen wissenschaftlichen Kontext.
Auszug aus dem Buch
1. Einzelnes und Allgemeines, ein Grundproblem der Philosophie
Eines der herausragendsten Merkmale abendländischer Zivilisation sei der Vorrang des Einzelnen vor dem Allgemeinen, des Individuums vor dem Kollektiv; dies ist eine oft geäußerte und schwer zu widerlegende Wahrheit, also eigentlich eine Binsenwahrheit. Auf solche Selbstdefinitionen wird in dem Maße mehr und mehr Wert gelegt, in dem man sich mit asiatischer Geistigkeit auseinandersetzt, die viele Probleme leichter zu meistern und, aus der Ferne gesehen, ungebrochener zu sein scheint als die des Westens. Aber trotz des geschichtsträchtigen Begriffes "abendländische Zivilisation" fehlt jener Positionsbestimmung oft genug die geschichtliche Tiefe. Bezieht man diese Dimension in die Überlegungen ein, so zeigt sich alsbald, wie wenig selbstverständlich der Vorrang des Einzelnen vor dem Allgemeinen in Europa tatsächlich ist: schon in der "Wiege des Abendlandes" findet sich mit der Feier der griechischen Tragödie ein Phänomen, das man getrost als kollektive Psychohygiene bezeichnen kann.
Auch im mittelalterlichen Christentum ist es zunächst das Ganze, das zählt – trotz aller Absetzung vom Judentum – wie im gregorianischen Choral sinnenfällig wird, wenn die einzelne Stimme im einheitlichen Schwingen des Gesanges untertaucht. Der Christ ist ein Baustein im Tempel Gottes, er ist an seinem Platz, eingefügt, unsichtbar fast. Am Ausgang des Mittelalters finden wir diese Einstellung nicht mehr, wohl aber in unserer eigenen jüngsten Vergangenheit, wo es zwar nicht das Volk Gottes, aber das Deutsche Volk zu leben galt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Die Bedeutung des Einzelnen und die franziskanische Bewegung: Dieses Kapitel verortet das philosophische Grundproblem des Verhältnisses von Einzelnem und Allgemeinem innerhalb der franziskanischen Spiritualität und deren Fokus auf Anschaulichkeit.
II. Das Verhältnis von Einzelnem und Allgemeinem bei Bacon: Hier wird Bacons gemäßigter Realismus dargelegt, in dem das Universale eine reale Existenz in den Dingen besitzt, jedoch vom Einzelnen abhängig bleibt.
III. Bacons Theorie der Veranschaulichung: Dieser Teil befasst sich mit der Zeichenlehre und der wissenschaftstheoretischen Einbettung der experimentellen Wissenschaft als Medium der Erkenntnis.
IV. Exkurs: Einzelnes und Universale bei Giotto: Der Exkurs zeigt die Parallelen zwischen Bacons Philosophie und Giottos Malerei in der Aufwertung des Konkreten und Individuellen.
V. Ausblick: Wissenschaft vor und nach Descartes: Das Kapitel schließt mit einer Reflexion über die Bedeutung von Bacons ganzheitlichem Paradigma im Kontrast zur cartesianischen Trennung von Geist und Materie.
VI. Bibliographie: Eine Zusammenstellung der für die Arbeit relevanten Quellen und wissenschaftlichen Studien.
Schlüsselwörter
Roger Bacon, Franz von Assisi, Einzelnes, Allgemeines, Universalienstreit, Franziskanische Geistigkeit, Anschaulichkeit, Experimentelle Wissenschaft, Wissenschaftstheorie, Mittelalterliche Philosophie, Giotto, Zeichenlehre, Exemplarismus, Scientia experimentalis, Metaphysik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die philosophische und wissenschaftstheoretische Position von Roger Bacon und zeigt auf, wie er die Begründung des Experiments mit franziskanischen Idealen verbindet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen den mittelalterlichen Universalienstreit, die franziskanische Theologie, die Zeichentheorie und die methodischen Grundlagen der Naturwissenschaft im 13. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es nachzuweisen, dass Bacons Fokus auf das Experiment und das Einzelne keine Abkehr von der Theologie darstellt, sondern eine spezifisch franziskanische Ausprägung der Erkenntnislehre.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophiehistorische Arbeit, die primär textkritische Methoden und eine tiefgehende Analyse von Bacons Hauptschriften anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die metaphysische Einordnung des Einzelnen, die Entwicklung von Bacons Erkenntnistheorie sowie die Anwendung seiner Zeichentheorie auf die wissenschaftliche Praxis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Transzendenz im Einzelnen, Anschaulichkeit, Scientia experimentalis und mittelalterlicher Realismus charakterisieren.
Wie bewertet der Autor Bacons Verhältnis zum Experiment?
Der Autor argumentiert, dass Bacon das Experiment nicht als Abkehr von der Religion, sondern als "Fortsetzung der Theologie mit anderen Mitteln" verstand.
Welche Rolle spielt Giotto in dieser philosophischen Studie?
Giotto dient als anschauliches Beispiel dafür, wie das "neue Bild des Einzelnen" in der Kunst des Trecento die philosophische Bewegung zur Aufwertung des Konkreten widerspiegelt.
Warum ordnet Bacon die Wissenschaften in einer Pyramide an?
Dies dient dazu, alle Disziplinen auf die Theologie als "Herrin aller Wissenschaften" auszurichten und so die Einheit der göttlichen Wahrheit zu wahren.
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- Ph.D, MA Mara Huber (Author), 1984, Roger Bacon - Lehrer der Anschaulichkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120984