„Vor allem muß dieses Übel [des Sonderbesitzes] mit der Wurzel aus dem Kloster ausgerottet werden. Keiner wage ohne Geheiß des Abtes etwas zu geben oder anzunehmen, oder etwas als persönliches Eigentum zu haben (…). Hat jemand erwiesenermaßen an diesem ganz schlimmen Laster seine Freude, so werde er ein- oder zweimal ermahnt; bessert er sich nicht, so werde er bestraft.“ Das Leben in Askese und die Entsagung von persönlichem Besitz waren in der Regula Benedicti unabdingbare Voraussetzungen des monastischen Lebens. Gleichsam sollten Handarbeit sowie das individuelle und gemeinschaftliche Gebet tragende Säulen des Mönchtums sein. So hieß es in Kapitel 48 der benediktinischen Regel: „Müßiggang ist der Feind der Seele, deshalb sollen die Brüder zu gewissen Zeiten mit Handarbeit und zu anderer Zeit mit geistlicher Lesung beschäftigt sein.“ Die Regula Benedicti galt als wichtigstes Instrument in der Umsetzung der Ideale des christlichen Glaubens in den monastischen Gemeinschaften seit dem 10. Jahrhundert. Obgleich das Leben nach der Regel beschwerlich erschien, konstatierten die unterschiedlichsten Orden des Mittelalters deren stringente Anwendung in den Lebensgewohnheiten für sich. Vor allem der Zisterzienserorden vereinnahmte jene Aspekte der benediktinischen Regel: „Oberste Richtschnur der Reform ist die Reinheit der Benediktsregel und Lebensorientierung nach der Regel (…).“ Dies legte Abt Alberich in seiner Instituta monachorum Cisterciensium de Molismo venientium fest – puritas regulae und rectitudo regulae als Kennzeichen der Satzung der Zisterzienser an der Schwelle zum 12. Jahrhundert.
An der Schrift des zweiten Abtes von Citeaux Alberich orientierten sich die frühen, zeitnahen Quellenbefunde, die in großem Umfange für die moderne Zisterzienserforschung zugänglich sind.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Klöster und Reformen im 11. Jahrhundert
2.1 Religiöse Aspekte in der gesamteuropäischen Geschichte des Mönchtums
2.2 Das Kloster Cluny – Vorbild und Angriffspunkt
3. Robert von Molesme – Gründer und Reformer?
3.1 Die Anfänge von Citeaux
3.2 Spannungen und Rückkehr nach Molesme
4. Die weitere Ausdehnung des Ordens
4.1 Die Rolle Bernhards von Clairvaux, Alberichs von Citeaux und Stephan Hardings
4.2 Aufbau, Ämter und Privilegien des zisterziensischen Konventes
5. Schlussteil
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehungsgeschichte des Zisterzienserordens im 11. und 12. Jahrhundert. Dabei analysiert sie die Voraussetzungen für die Gründung und die schnelle Ausbreitung des Ordens sowie das Spannungsverhältnis zwischen dem monastischen Ideal der benediktinischen Regel und der tatsächlichen Entwicklung der Gemeinschaft unter dem Einfluss ihrer Gründerväter.
- Die religiösen und kirchenpolitischen Rahmenbedingungen im 11. und 12. Jahrhundert.
- Die Rolle und das Wirken der vier zentralen Gründungsväter des Zisterzienserordens.
- Die Bedeutung von Cluny als Vorbild und Ausgangspunkt für kritische Auseinandersetzungen.
- Struktur, Organisation und Privilegien der zisterziensischen Konvente und deren Expansion.
- Die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis in der Umsetzung der Regula Benedicti.
Auszug aus dem Buch
2.2 Das Kloster Cluny – Vorbild und Angriffspunkt
Der Anstoß der Reformbewegung im 10. Jahrhundert erfolgte im Zuge der Gründung des Klosters Cluny anno 910, wenngleich deren erster tatsächlicher Höhepunkt in der Umsetzung der reformerischen Bestrebungen erst an der Schwelle zum 12. Jahrhundert unter dem Wirken des Abtes Hugo (1049-1109) erreicht wurde. Zahlreiche Klöster in den vornehmlich französischen Regionen folgten jener Strömung, ohne aber in unmittelbarer Abhängigkeit von Cluny zu geraten. Das Vorbild der cluniazensischen Gemeinschaft ergab sich in ihrer Pionierstellung, da die Mitglieder des Konventes den reformerischen Tendenzen des 10. und frühen 11. Jahrhunderts durch Predigten und auch in ihrem Handeln Nachdruck verleihen konnten. Jene positive Auffassung von Cluny als Reformabtei wurde durch die Aufnahme und die anfangs stringente Umsetzung der Regula Benedicti in der Gründungsurkunde des Konventes noch zusätzlich gestärkt.
So wurden die elementaren Bestandteile der Regel – die Abkehr von Reichtum und Besitz, um in Askese und Armut die wahren christlichen Ideale empfangen zu können, die Erkenntnis der Notwendigkeit der Handarbeit zur Substinenz (laborare), die stabilitas loci als zeit- und ortsabhängige Grundvoraussetzung und somit als Bedingung der Definition des Kontaktes mit dem Leben außerhalb der klösterlichen Mauern, die zur Unabhängigkeit des Konventes führen sollte – gleichsam die tragenden Säulen der cluniazensischen Verfassung. Eine ebenso weitreichende Auswirkung hatte die Implementierung des Auftrages, Pilger jederzeit aufzunehmen und zu versorgen sowie die Unterstützung von Alten, Armen und Schwachen. Diese Elemente nahmen direkten Bezug zum 53. Kapitel der Regel: „Der Aufnahme der Armen und Pilger soll am meisten aufmerksam Sorge erwiesen werden, weil in ihnen [viel]mehr Christus [selbst] aufgenommen wird. Denn das furchterregende Auftreten der Reichen erweist sich selbst die Ehre.“ Auch vor diesem Hintergrund wurde die monastische Gemeinschaft zu Cluny Vorbild und Vorreiter der Reformbewegung des 11. Jahrhunderts – und trat somit auch in eine Vorbildfunktion für die Anfänge in Citeaux.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die monastischen Ideale des 11. und 12. Jahrhunderts ein und umreißt die zentrale Fragestellung hinsichtlich der Entstehungsgeschichte des Zisterzienserordens.
2. Klöster und Reformen im 11. Jahrhundert: Das Kapitel beleuchtet den kirchenpolitischen Kontext, einschließlich der Gottesfriedensbewegung und des Investiturstreits, die den Boden für monastische Reformen bereiteten.
3. Robert von Molesme – Gründer und Reformer?: Hier wird die Gründung von Citeaux durch Robert von Molesme und die damit verbundenen Konflikte sowie dessen Rückkehr nach Molesme analysiert.
4. Die weitere Ausdehnung des Ordens: Dieses Kapitel behandelt den Ausbau des Ordens, das Wirken der Gründerväter sowie die organisationellen und strukturellen Merkmale der Zisterzen.
5. Schlussteil: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert den historiographischen Forschungsstand zur Geschichte des Zisterzienserordens.
Schlüsselwörter
Zisterzienserorden, Cluny, Regula Benedicti, Robert von Molesme, Bernhard von Clairvaux, Stephan Harding, Alberich von Citeaux, Vita evangelica, Reformbewegung, Konvent, Filiation, Grangien, Konversentum, Investiturstreit, Mittelalterliche Klöster
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Entstehungs- und Ausbreitungsgeschichte des Zisterzienserordens an der Schwelle zum 12. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung der Rollen der vier Gründerväter.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die zentralen Themen umfassen die Reformbewegungen des 11. Jahrhunderts, den Einfluss der cluniazensischen Gemeinschaft als Vorbild, die institutionelle Struktur des Ordens sowie die Spannungen zwischen klösterlichem Anspruch und wirtschaftlicher Expansion.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach den Voraussetzungen für die Gründung und die schnelle Expansion der Zisterzienser und untersucht, wie sich das Verhältnis des Ordens zur tatsächlichen Umsetzung der benediktinischen Regel entwickelte.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit nutzt eine Symbiose aus historischer Ereignischronologie und der Analyse der methodischen Wirkungsweise der Gründerväter auf Basis zeitgenössischer Quellen und moderner Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Rolle von Robert von Molesme, Alberich von Citeaux, Stephan Harding und Bernhard von Clairvaux sowie den institutionellen Aufbau, die Ämter und die Privilegien der zisterziensischen Konvente.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Dokument?
Wesentliche Begriffe sind Zisterzienserorden, Regula Benedicti, cluniazensische Reform, Konversentum und die vier Gründungsväter.
Welche Bedeutung hatte das Kloster Cluny für die Zisterzienser?
Cluny diente einerseits als wegweisendes Vorbild für die Reformbewegung, wurde jedoch aufgrund der Abkehr von ursprünglichen asketischen Idealen zunehmend zum Angriffspunkt und zur Kontrastfolie für die Zisterzienser.
Warum war das sogenannte "Konversentum" eine wichtige Neuerung?
Das Konversentum erlaubte es, bäuerliche Laienbrüder in die klösterliche Arbeit zu integrieren. Dies ermöglichte den Mönchen die Einhaltung ihrer Gebets- und Lesepflichten, während die ökonomische Basis durch die Grangien gesichert wurde.
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- Holger Skorupa (Author), 2008, Cis tertium Lapidem miliarium – Zur Entstehungsgeschichte des Zisterzienserordens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121078