Westdeutsche Blicke auf Ostdeutschland

Zu Luise Endlichs "NeuLand" und Susanne Leinemanns "Aufgewacht. Mauer weg"


Hausarbeit, 2005

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeiner politischer Hintergrund seit 1970
2.1 Susanne Leinemanns politische Wahrnehmung
2.2 Die Konstruktion der Ostdeutschen in den Medien
2.3 Elitenaustausch

3. Luise Endlich: „NeuLand – Ganz einfache Geschichten“
3.1 Kurze inhaltliche Zusammenfassung
3.2 Paratexte: Verwunschene Alleen im „NeuLand“
3.3 Sprachliche Mittel
3.4 Unsicherheit im Umgang mit Ostdeutschen
3.5 Enttäuschte Erwartungen
3.6 Rezensionen
3.7 Unterschiedliche Konfliktebenen
3.8 „OstWind – Nicht ganz einfache Geschichten“
3.9 Fazit

4. Susanne Leinemann: „Aufgewacht. Mauer weg“
4.1 Paratexte
4.2 Inhaltliche Zusammenfassung
4.3 Interesse für die DDR
4.4 Geschichtsbewusstsein als Konstruktion
4.5 Westdeutsche Prägungen
4.6 Die Generation
4.7 Das „Wir-Gefühl“ der Generation
4.8 Selbstironie
4.9 Warten auf die politische Initiation

5. Abschließender Vergleich

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit dem Mauerfall im Jahr 1989 ist der Osten Deutschlands wesentlicher Bestandteil wissenschaftlichen und öffentlichen Interesses. Viele Untersuchungen über Ostdeutsche und deren scheinbare Charakteristika sind entstanden, die meisten wurden von Westdeutschen geschrieben. 15 Jahre nach der Wiedervereinigung ist die „innere Einheit“ nach wie vor ein wichtiges Thema. Auch in der Literatur und in den Medien wird der Osten untersucht. Phänomene wie die „Ostalgie“ rücken die Geschichte der DDR wieder ins öffentliche Interesse. Gleichzeitig wächst jedoch eine Generation heran, für die die DDR nur ein Name in einem Geschichtsbuch ist. Dieser Staat, der quasi „über Nacht“ verschwunden ist und dessen sichtbare Spuren bis heute immer rarer werden, ist zu einer kollektiven Erinnerung geworden, die längst nicht mehr von allen geteilt wird. Auch sind die Zugänge zu diesen Erinnerungen subjektiv extrem unterschiedlich.

Wir möchten in der folgenden Arbeit zwei verschiedene literarische Annäherungen an Ostdeutschland untersuchen, die von zwei westdeutschen Autorinnen geschrieben wurden. Die Bücher „Aufgewacht. Mauer weg“ von Susanne Leinemann und „NeuLand“ von Luise Endlich beschreiben auf je eigene Weise persönliche Erfahrungen mit dem Osten Deutschlands vor und nach der Wende.

Zunächst möchten wir die politischen Hintergründe für die beiden autobiografischen Bücher näher betrachten. Wir werden kurz die allgemeine politische Lage Ost- und Westdeutschlands ab 1970 beschreiben und anschließend wiedergeben, welche Sicht Susanne Leinemann auf die Ereignisse rund um den Mauerfall hat.

Im nächsten Abschnitt werden wir das Buch „NeuLand – Ganz einfache Geschichten“ von Gabriele Mendling (Pseudonym Luise Endlich) analysieren, das im Transit-Verlag erschienen ist. Dabei werden wir vor allem auf die stark unterschiedlichen Reaktionen eingehen, die das Buch hervorgerufen hat. Auch das zweite Buch der Autorin „OstWind – Nicht ganz einfache Geschichten“ wird kurz Beachtung finden.

Den Hauptteil dieser Arbeit wird die Analyse des Buches „Aufgewacht. Mauer weg“ von Susanne Leinemann einnehmen. Der Schwerpunkt soll hier sowohl auf der Untersuchung des Generationenbegriffs im Allgemeinen als auch auf der ‚Generation 89’ im Besonderen liegen. Außerdem werden wir uns mit dem politischen Anspruch auseinandersetzen, den Susanne Leinemann in Bezug auf ihre Generation formuliert.

Abschließend werden wir versuchen, die Herangehensweisen und Deutungsebenen Leinemanns und Mendlings an das kritische Thema Ostdeutschland nach 1989 zu vergleichen.

2. Allgemeiner politischer Hintergrund seit 1970

Ab den 70er Jahren waren die politischen Beziehungen zwischen Ost- und Westdeutschland von unterschiedlichen Intentionen geprägt. In Westdeutschland bemühte sich die Regierung unter Willy Brandt, später Helmut Schmidt, die deutsch-deutschen Beziehungen trotz sich verschlechternder Blockbeziehungen nicht zu gefährden. Da das Ziel der Bundesregierungen letzten Endes die Wiedervereinigung war, das der DDR jedoch der Erhalt ihrer Macht und ihres Staates und nicht zuletzt die Sicherung von West-Devisen, waren beide deutschen Staaten in Bezug auf ihre Ziele weit voneinander entfernt.

Der Zeithistoriker Günther Heydemann stellt fest, das gegenseitige Interesse von Ost und West füreinander sei unterschiedlich intensiv gewesen und habe sich in den siebziger und achtziger Jahren auseinander entwickelt. Vor allem die westdeutsche Jugend sei zunehmend mehr an Reisen ins westliche Ausland interessiert gewesen, während die Ostdeutschen weiterhin auf die BRD fixiert gewesen seien. Das jahrzehntelange Vergleichen und Konkurrieren mit der Bundesrepublik habe aus ihr ein Wunsch- und Zerrbild zugleich gemacht (vgl. Heydemann 2001, S.32f). Nach der Wiedervereinigung wich für viele Ostdeutsche der Traum vom „goldenen Westen“ einem Realitätsschock. Die Erfahrungen mit den Schattenseiten des Kapitalismus wandelten die anfängliche Euphorie bald in Resignation oder vorsichtiges Abwarten. Auch auf westdeutscher Seite stellte man fest, dass sich die unterschiedlichen Erfahrungshorizonte aus 40 Jahren DDR nicht so einfach überbrücken lassen. 15 Jahre nach der Wende wird deutlich, dass der Prozess des Zusammenwachsens in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht noch längst nicht abgeschlossen ist.

2.1 Susanne Leinemanns politische Wahrnehmung

Susanne Leinemann gibt in „Aufgewacht. Mauer weg“ einen Überblick über das politische Geschehen in West- und Ostdeutschland in der Zeitspanne von 1982 bis 2002. Ihr Schwerpunkt liegt vor allem auf Westdeutschland. Ein vollständiger geschichtlicher Überblick über das Verhältnis von Ost- und Westdeutschland würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Wir beschränken uns daher in diesem Teil auf Susanne Leinemanns Wahrnehmung des politischen Geschehens.

Bis kurz vor der Wende konstatiert Leinemann ein scheinbar unveränderbares Verhältnis zwischen Ost und West. „Westdeutsche Politiker, Journalisten, Forscher, Lehrer redeten über die DDR bis zu ihrem Ende so vollmundig anerkennend, dass ich glaubte, es dürfe wohl nie anders sein.“ (Leinemann 2002, S.9) Andererseits beschreibt sie auch die ideologischen Abgrenzungsmanöver, die sie in ihrer eigenen Sozialisation erfahren hat. So empfindet sie die Vorbereitungsveranstaltungen, die stattfanden, bevor westdeutsche Schulklassen Reisen in die DDR machten, als Propaganda: „Damit die Kinder von Mars und Coca-Cola, rhetorisch nicht besonders geschult und politisch eher schwach auf der Brust, nicht eine zu leichte Beute für die Sozialisten werden.“ (ebd., S.72) Leinemann kritisiert, man habe sich in erster Linie Mühe gegeben, das eigene politische System als das bessere darzustellen, anstatt den Austausch und das gegenseitige Verstehen zu fördern. Weiterhin übt sie heftige Kritik an der Bundeszentrale für politische Bildung, die ihrer Meinung nach in ihren Broschüren viel zu wenig über den Widerstand und die Opposition in der DDR informierte (vgl. ebd., S.74). Das Nebeneinander von Alltag und Propaganda im Osten fand laut Leinemann keinen Eingang in die BPB-Hefte. Erst nach der Wende wurde das „Bild des hundertprozentigen Genossen“ (ebd., S.73) korrigiert, das die Bundeszentrale für politische Bildung bis dahin vom DDR-Bürger gezeichnet hatte.

Nach 1989 ist der Blick von West- nach Ostdeutschland, so wie Susanne Leinemann ihn beschreibt, von einer „Mischung aus Wohlwollen und Überheblichkeit“ (ebd., S.215) geprägt. Diese Haltung wird von den Ostdeutschen irritiert aufgenommen. In dieser Zeit beginnt auch die Pathologisierung des Ostens vor allem durch westdeutsche Medien. Vorurteile wie ein ausgeprägtes Untertanenverhalten oder generelle Arbeitsscheu von Ostdeutschen werden produziert und gepflegt (vgl. ebd., S.221f). Im Westen ist man auch durch das ausgeprägte Nationalgefühl mancher Ostdeutscher irritiert, das sofort mit Vorfällen von Rechtsradikalismus in den neuen Bundesländern in Verbindung gebracht wird. „Die westdeutsche Öffentlichkeit war hochsensibilisiert – und reagierte auf kaum etwas so alarmiert wie auf eine Tabuverletzung ihres toleranten Gesellschaftsideals.“ (ebd., S. 223)

2.2 Die Konstruktion der Ostdeutschen in den Medien

Auch für Thomas Ahbe, Sozialwissenschaftler und Publizist, ist der Mediendiskurs in Westdeutschland nach der Wende ein deutliches Zeichen für Stimmung bzw.

Stimmungsmache: Die Medien bedienten die Erwartungen des Publikums und konstruierten das Bild vom altmodischen, steifen und opportunistischen Ostdeutschen (vgl. Ahbe 2004, S.17). Obwohl es in der sozialwissenschaftlichen Forschung durchaus andere Ergebnisse gebe, die dieses Bild widerlegten oder wenigstens ein weitaus differenzierteres Bild zeichneten, fänden diese kaum Eingang in den Diskurs.

Das jüngste Beispiel für den Umgang mit Ostdeutschland in den Medien ist Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm von der CDU, der den Tod der neun Babys in Brieskow- Finkenheerd mit der DDR-Vergangenheit in Zusammenhang brachte. Nachdem Schönbohm sich für seine Äußerungen entschuldigt hatte, zog der bayrische Ministerpräsident Edmund Stoiber die Aufmerksamkeit auf sich, indem er sagte, die Bundestagswahl 2005 dürfe nicht von frustrierten Ostdeutschen entschieden werden.

2.3 Elitenaustausch

Laut der Bundeszentrale für politische Bildung wurden nach der Wende „die ostdeutschen Eliten […] tief greifender ausgetauscht als die westdeutschen Eliten nach dem Zusammenbruch des NS-Systems – unter anderem, weil in den alten Ländern Personen mit Sachkompetenz und Führungsfähigkeit bereitstanden, um in die neuen Führungspositionen einzurücken“ (Geißler 2004, S.25). Selbst Rainer Geißler interpretiert diesen Elitenaustausch hier eindeutig zu Gunsten des westdeutschen Systems. Sachkompetenz und Führungsfähigkeit scheinen also aus westdeutscher Sicht im Osten nach der Wende nicht vorhanden zu sein. Nach wie vor geht es vor allem darum, das ‚richtige’ – nämlich das westdeutsche – System zu etablieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 (Geißler, 2004)

In der Grafik (Abb.1) kann man den Elitenaustausch deutlich erkennen. Der Bildungssektor ist hier nicht extra aufgeführt, doch auch in Institutionen wie Universität und Schule hat ein tiefgreifender Wandel stattgefunden.

Dieses Hintergrundwissen ist zum Verständnis des Buches „NeuLand – Ganz einfache Geschichten“ von Gabriele Mendling hilfreich, denn der Ehemann der Romanfigur Luise Hitzig ist Chefarzt und kann zu jenem Teil der Westdeutschen gezählt werden, die die neuen Eliten in Ostdeutschland bilden. Der radikale Austausch der Eliten hat natürlich auch Auswirkungen darauf, wie Ostdeutsche das Einwandern von Westdeutschen bewerten.

3. Luise Endlich: „NeuLand – Ganz einfache Geschichten“

Die Autorin Gabriele Mendling wurde 1959 geboren, sie ist also mit der DDR aufgewachsen. Sie schreibt unter dem Pseudonym Luise Endlich. Wir werden im Folgenden nicht ihr Pseudonym benutzen, da sie es aus Gründen gewählt hat, die ihr Buch in unseren Augen nicht rechtfertigt. Das Pseudonym ‚Endlich’ hat Frau Mendling ausgewählt, „weil es eine Frau aus dem Westen endlich wagt, den Mund aufzumachen“ (Ahbe 2004, S.18) und von ihren Erfahrungen im Osten Deutschlands zu berichten. Das Buch „NeuLand – Ganz einfache Geschichten“ ist sehr erfolgreich, es erschien 1999 und wurde bisher ca. 60 000 mal verkauft. Die 21 autobiografischen Episoden, die jeweils etwa 10 Seiten lang sind, entstanden aus dem Tagebuch der Physiotherapeutin Gabriele Mendling, die 1995 mit ihrer Familie von Wuppertal nach Frankfurt/Oder übersiedelte. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Berlin.

3.1 Kurze inhaltliche Zusammenfassung

Wie Frau Mendling ist auch die Protagonistin Luise Hitzig Physiotherapeutin und zieht mit Mann Fritz und Sohn Oskar aus einer westdeutschen Stadt in eine Stadt in den neuen Bundesländern (im Buch nur „Weststadt“ und „Oststadt“ genannt). Ihr Mann war Chefarzt an einer westdeutschen Klinik und hat in Ostdeutschland einen neuen Posten bekommen. Frau Hitzig gibt dafür ihre Selbständigkeit, eine eigene physiotherapeutische Praxis, auf. Im Buch beschreibt sie ihre Erlebnisse während des Umzugs, die Eingewöhnung in die neue Umgebung und andere Episoden des Alltags.

Einzelne Episoden erzählen beispielsweise davon, wie sie in „Oststadt“ einkaufen geht, welche Erlebnisse ihr Sohn Oskar in der neuen Schule hat oder wie sie versucht, eine Boutique zu eröffnen. Nach langer erfolgloser Jobsuche findet sie Arbeit als Physiotherapeutin, gibt diese Stelle jedoch schon bald frustriert wieder auf. Das gesellschaftliche Leben, das sich ihr in der neuen Umgebung bietet, beschränkt sich auf Kontakte mit Nachbarn und Vermietern. Verschiedene Feierlichkeiten, die Frau Hitzig organisiert, enden meist in einer Katastrophe, weil es ständig Missverständnisse zwischen ostdeutschen und westdeutschen Gästen gibt.

Da das Haus, das Familie Hitzig gemietet hat, umgebaut werden muss, nehmen auch Erlebnisse mit Handwerkern einen großen Teil ihrer Berichte ein.

Am Ende des Buches ist die Protagonistin verwirrt und unglücklich. Ob sich die Familie Hitzig dafür oder dagegen entscheidet, wieder in die alten Bundesländer zurückzugehen, bleibt offen.

3.2 Paratexte: Verwunschene Alleen im „NeuLand“

Das Cover von „NeuLand“ zeigt ein ländliches Bild: eine nicht asphaltierte Allee, eher ein Feldweg. Die Sonne, die durch die Alleebäume dringt, taucht die Szenerie in ein diesiges, verwunschenes Licht. Im Zusammenhang mit den neuen Bundesländern ist die Allee ein verklärendes und idealisierendes Bild. Die Alleen in der DDR können als ein Symbol für vom Fortschritt verschonte, ursprüngliche Landstriche gesehen werden, denn im Westen Deutschlands sind solche Alleen, wie es sie früher häufig gab, mittlerweile fast verschwunden. Es wäre an dieser Stelle interessant zu wissen, ob das Bild auf dem Einband vom Verlag ausgewählt wurde oder von Frau Mendling.

Der Titel „NeuLand“ kann einerseits eine Abkürzung für die neuen Bundesländer gelesen werden. Andererseits ist es eine Metapher für das Unbekannte, in das die Protagonistin sich begibt – sie betritt Neuland. Der Untertitel „Ganz einfache Geschichten“ unterstreicht das Bild vom ländlichen Frieden – vom einfachen Leben ohne Schnörkel oder Luxus. Man denkt dabei an Alltagsgeschichten, die jeder kennt und die in simplem, aber unterhaltsamem Stil geschrieben sind. Tatsächlich finden sich im Inhaltsverzeichnis 21 relativ kurze Geschichten mit Titeln wie „Sauerteig“ oder „Märchenwälder“.

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Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Westdeutsche Blicke auf Ostdeutschland
Untertitel
Zu Luise Endlichs "NeuLand" und Susanne Leinemanns "Aufgewacht. Mauer weg"
Hochschule
Universität Bremen
Veranstaltung
Ostdeutsche Biografien im Generationenvergleich
Note
1,0
Autoren
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V121099
ISBN (eBook)
9783640254774
ISBN (Buch)
9783640254927
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Westdeutsche, Blicke, Ostdeutschland, Ostdeutsche, Biografien, Generationenvergleich
Arbeit zitieren
Pamela Bastuck (Autor:in)Isa Trube (Autor:in), 2005, Westdeutsche Blicke auf Ostdeutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121099

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