Einschätzungen der eigenen Fähigkeiten, wie in einer Vielzahl von Studien aufgezeigt werden konnte, beeinflussen das Verhalten und Erleben in vielfältiger Weise (vgl. Meyer 1984, S. 14). Das Bild, das ein Individuum über seine eigenen Fähigkeiten entwickelt, prägt die Wahrnehmung von Situationen, die Erwartungen an künftige Leistungen sowie die damit verbundenen Handlungen (vgl. Holder 2005, S. 17). Demzufolge spielen Fähigkeitsselbstkonzepte – die als die Gesamtheit kognitiver Repräsentationen der eigenen Fähigkeiten verstanden werden – insbesondere in schulischen Lern- und Leistungssituationen eine bedeutsame Rolle. Sie gelten in der Pädagogik als eine wichtige Einflussgröße für leistungsthematisches Verhalten und werden als ein wesentlicher Prädikator für das Ergebnis bisheriger Leistungen sowie für die zukünftige Leistungsentwicklung angesehen (vgl. Schöne et al. 2003, S. 3). Darüber hinaus besteht weitgehend Konsens, dass Fähigkeitsselbstkonzepte über motivationale Variablen vermittelt Lernprozesse fördern und zu besseren akademischen Leistungen führen (vgl. Zeinz/Köller 2006, S. 177). In Anbetracht dessen ist es für die pädagogische Forschung wie auch Praxis von Relevanz, Fähigkeitsselbstkonzepte genauer zu untersuchen. Es liegt nahe anzunehmen, dass Fähigkeitsselbstkonzepte durch vorangegangene Leistungen und diesen Leistungen zugrunde liegende Fähigkeiten bestimmt sind. In einschlägigen Studien konnten allerdings weitere Determinanten identifiziert werden (vgl. Spinath 2004; Helmke 1992). So werden neben sozialen Vergleichsprozessen und Selbstattribuierungen die Bewertungen durch signifikant Andere wie Lehrer, Peers oder Eltern als wichtige Determinanten angesehen.
In der vorliegenden Arbeit sollen mit Hilfe von Daten aus dem Projekt „Persönlichkeits- und Lernentwicklung von Grundschulkindern in Sachsen“ (PERLE) die Fähigkeitsselbstkonzepte von Kindern im Anfangsunterricht untersucht werden. Es soll analysiert werden, ob die Bewertungen signifikant Anderer im Zusammenhang mit den kindlichen Fähigkeitsselbstkonzepten stehen. Im Zentrum der Betrachtungen dieser Arbeit stehen dabei die Bewertungen der Eltern als signifikant Andere.
Inhaltsverzeichnis
1. Fähigkeitsselbstkonzept als Komponente vom Selbstkonzept
1.1 Zum Selbstkonzeptbegriff
1.1.1 Historische Einordnung
1.1.2 Versuch einer Definition
1.2 Strukturelle Aspekte des Selbstkonzepts
1.3 Komponenten des Selbstkonzepts
1.4 Zusammenfassung
2. Forschungsgegenstand Fähigkeitsselbstkonzept
2.1 Präzisierung des fähigkeitsbezogenen Selbstkonzeptbegriffes
2.2 Struktur des Fähigkeitsselbstkonzeptes
2.3 Genese von Fähigkeitsselbstkonzepten
2.4 Bedeutung der Fähigkeitsselbstkonzepte für die Schulleistung
2.4.1 Fähigkeitsselbstkonzepte und Schulleistung
2.4.2 Fähigkeitsselbstkonzepte von Kindern im Anfangsunterricht
2.5 Determinanten von Fähigkeitsselbstkonzepten
2.5.1 Helmkes Modell zentraler Determinanten
2.5.2 Quellen akademischer Selbstkonzepte
2.6 Zusammenfassung
3. Bewertung durch signifikant Andere
3.1 Begriffsklärung
3.1.1 Signifikant Andere
3.1.2 Bewertung
3.2 Übernahme von Bewertungen signifikant Anderer
3.2.1 Erklärungsansatz aus Sicht des symbolischen Interaktionismus
3.2.2 Erklärungsansatz aus kognitionstheoretischer Sicht
3.3 Bewertung signifikant Anderer als Quelle
3.4 Zusammenfassung
4. Aktueller Forschungsstand zum Zusammenhang von Fähigkeitsselbstkonzepten und Fähigkeitseinschätzungen der Eltern
5. Fragestellung und Hypothesengenerierung
5.1 Ziele der Untersuchung
5.2 Hypothesenableitung
5.3 Zusätzliche Fragestellungen
5.3.1 Einfluss von Drittvariablen
5.3.2 Einfluss des Geschlechtes
6. Überblick über die Studie „Persönlichkeits- und -Lernentwicklung in sächsischen Grundschulen“ (PERLE)
7. Untersuchungsbeschreibung
7.1 Stichprobenbeschreibung
7.2 Untersuchungsablauf
7.3 Untersuchungsinstrumente
7.3.1 Fähigkeitsselbstkonzepterhebung
7.3.2 Elterliche Fähigkeitseinschätzung der Kinder
7.4 Statistische Testverfahren
8. Ergebnisse
8.1 Deskriptive Ergebnisse
8.1.1 Deskriptive Ergebnisse der Fähigkeitsselbstkonzepterhebung
8.1.2 Deskriptive Ergebnisse der Erhebung zur Elterneinschätzung
8.2 Ergebnisse der Hypothesenüberprüfung
8.3 Überprüfung der zusätzlichen Fragestellungen
8.3.1 Überprüfung des Einflusses von Drittvariablen
8.3.2 Überprüfung des Einflusses des Geschlechts
9. Diskussion
9.1 Limitationen
9.2 Diskussion der Deskriptivstatistiken
9.3 Diskussion der Ergebnisse der Hypothesenüberprüfung
9.4 Diskussion der Ergebnisse der zusätzlichen Fragestellungen
9.4.1 Einfluss von Drittvariablen
9.4.2 Einfluss des Geschlechts
9.5 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen den Fähigkeitsselbstkonzepten von Kindern im Anfangsunterricht und der Einschätzung dieser Fähigkeiten durch ihre Eltern. Das primäre Ziel besteht darin, zu klären, ob bereits in der Schuleingangsphase ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Faktoren existiert und welche Rolle geschlechtsspezifische Unterschiede oder Drittvariablen hierbei spielen.
- Entwicklung und Struktur von Fähigkeitsselbstkonzepten bei Grundschulkindern.
- Einfluss der elterlichen Wahrnehmung als „signifikant Andere“ auf das kindliche Selbstkonzept.
- Geschlechtsspezifische Differenzen in der Selbst- und Fremdeinschätzung.
- Methodische Vorgehensweise der PERLE-Studie zur Erfassung dieser Konstrukte.
- Statistische Analyse der Korrelationen zwischen Kind- und Elternurteil in den Bereichen Rechnen, Lesen und Schreiben.
Auszug aus dem Buch
2.4.2 Fähigkeitsselbstkonzepte von Kindern im Anfangsunterricht
Der Eintritt in die Schule zählt für Kinder zu den einschneidendsten und wichtigsten Lebensereignissen, dessen Bewältigung eine wesentliche Entwicklungsaufgabe darstellt (vgl. Helmke 1991, 1998). Schulanfänger haben sich mit der Einschulung auf eine Fülle von neuen Situationen einzustellen und werden dabei mit zahlreichen Anforderungen, Problemen und Herausforderungen konfrontiert (vgl. Petillon 1991, S. 183). In Anbetracht dessen kommt dem Anfangsunterricht, "den in spezifischer Weise gestalteten Unterricht für Schulanfänger" (Heckt/Sandfuchs 1997, S. 12), eine Sonderstellung zu. Er dient nicht nur der Einführung in das Spektrum der schulischen Lern- und Arbeitsformen (vgl. Faust-Siehl et al. 1999, S. 147f.) sowie in grundlegende Kulturtechniken (vgl. Hacker 1999, S. 8), sondern nimmt auch für die Persönlichkeits- und Lernentwicklung des Schulanfängers eine zentrale Rolle ein (vgl. Helmke 1998, S. 116). So spielen für das Fähigkeitsselbstkonzept, welchem ausschlaggebende Bedeutung für die Bewältigung und Bewertung von Lernanforderungen, dem Lernverhalten und dem Leistungserfolg in der Schule zukommt (vgl. Helmke 1992, S. 40), die Erfahrungen der ersten Schuljahre eine Schlüsselrolle (vgl. Helmke 1998, S. 116).
Umso erstaunlicher ist es, wie wenige Untersuchungen sich in der bisherigen Selbstkonzeptforschung mit der Altersgruppe der Schulanfänger auseinandergesetzt haben. Insbesondere Längsschnittanalysen sind kaum vorhanden. Trotz der spärlichen Befunde konnte belegt werden, dass die Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten zu Beginn der Schulzeit extrem hoch ist und erst im Laufe der ersten Grundschulklassen allmählich abnimmt (zusammenfassend vgl. Zeinz 2006, S. 28ff.). Helmke (1998) konnte aufzeigen, dass sich in den Verteilungen der Einschätzungen der Kinder erster Klasse 60 % der Schüler und Schülerinnen als "am besten" einschätzen; insgesamt befinden sich weit über 90 % zwischen der Einteilung "mittel" und "am besten". Aufgrund der Ergebnisse stellt sich allerdings die Frage, warum dem so ist. Warum besitzen jüngere Kinder eine Tendenz zur optimistischen Selbstwahrnehmung?
Zusammenfassung der Kapitel
1. Fähigkeitsselbstkonzept als Komponente vom Selbstkonzept: Dieses Kapitel führt in die theoretischen Grundlagen des Selbstkonzepts ein und erläutert dessen Struktur und Definition.
2. Forschungsgegenstand Fähigkeitsselbstkonzept: Hier wird das Fähigkeitsselbstkonzept als spezifischer Teilbereich präzisiert, seine Genese beschrieben und die Bedeutung für Schulleistungen sowie zentrale Determinanten aufgezeigt.
3. Bewertung durch signifikant Andere: Dieses Kapitel fokussiert auf die Rolle bedeutsamer Bezugspersonen, insbesondere der Eltern, für die Bildung von Fähigkeitsselbstkonzepten.
4. Aktueller Forschungsstand zum Zusammenhang von Fähigkeitsselbstkonzepten und Fähigkeitseinschätzungen der Eltern: Ein Überblick über existierende Studien verdeutlicht die Relevanz der elterlichen Einschätzungen als Prädikator für kindliche Selbstkonzepte.
5. Fragestellung und Hypothesengenerierung: Auf Basis der theoretischen Befunde werden die Ziele der Untersuchung definiert und spezifische Hypothesen für die empirische Analyse abgeleitet.
6. Überblick über die Studie „Persönlichkeits- und -Lernentwicklung in sächsischen Grundschulen“ (PERLE): Beschreibung des Forschungsprojekts, das die Datengrundlage für die vorliegende Arbeit liefert.
7. Untersuchungsbeschreibung: Detaillierte Darstellung der eingesetzten Instrumente, des Untersuchungsablaufs sowie der angewendeten statistischen Verfahren.
8. Ergebnisse: Präsentation der deskriptiven Daten und Überprüfung der aufgestellten Hypothesen sowie der zusätzlichen Fragestellungen.
9. Diskussion: Interpretation der Befunde, Einordnung in den wissenschaftlichen Kontext, Diskussion der Limitationen sowie Ausblick auf zukünftige Forschung.
Schlüsselwörter
Fähigkeitsselbstkonzept, Anfangsunterricht, Elterneinschätzung, PERLE-Studie, Schulleistung, Sozialisation, Selbstwahrnehmung, Geschlechterunterschiede, Grundschule, Leistungsentwicklung, Fähigkeitsüberzeugungen, Prädikator, akademisches Selbstkonzept, kognitive Entwicklung, Attribution.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Kinder im Anfangsunterricht ihre eigenen schulischen Fähigkeiten wahrnehmen und inwiefern diese Einschätzungen mit der Bewertung durch ihre Eltern korrelieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Zentrale Felder sind die psychologische Selbstkonzeptforschung, der Übergang in die Grundschule (Anfangsunterricht) sowie die Einflüsse von Bezugspersonen auf die kindliche Kompetenzentwicklung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist die Aufdeckung des Zusammenhangs zwischen den spezifischen Fähigkeitsselbstkonzepten von Grundschulkindern und den entsprechenden Einschätzungen ihrer Eltern in den Domänen Lesen, Schreiben und Rechnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer empirischen Analyse mit quantitativen Daten aus der PERLE-Studie. Es werden Korrelationsanalysen und Mittelwertsvergleiche (t-Tests) angewendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst den theoretischen Hintergrund zur Selbstkonzeptgenese, die Beschreibung der verwendeten Erhebungsinstrumente, die empirische Datenauswertung und eine kritische Diskussion der Ergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Fähigkeitsselbstkonzept, Elterneinschätzung, Anfangsunterricht, PERLE-Studie, Schulleistung, Sozialisation und Leistungsentwicklung.
Warum ist der Anfangsunterricht für die Untersuchung besonders relevant?
Der Anfangsunterricht ist eine kritische Phase, in der Kinder erstmals systematisch mit Leistungsanforderungen konfrontiert werden und sich ihre Fähigkeitsselbstkonzepte in Bezug auf schulische Leistungen grundlegend formen.
Inwieweit spielen geschlechtsspezifische Unterschiede eine Rolle?
Die Arbeit untersucht, ob Jungen und Mädchen unterschiedliche Selbstkonzepte in den Fächern Mathe und Deutsch aufweisen und ob Eltern ihre Kinder geschlechtsstereotyp bewerten.
- Quote paper
- Louise Steinert (Author), 2008, Fähigkeitsselbstkonzepte von Kindern im Anfangsunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121335