Dieser Absatz eines Tucholsky Gedichtes zeigt auf humorige Art und Weise wie kulturelle Imaginationen von Menschen Geschichte und Geschichten schreiben. Die Stadt ist von Menschen erbaut, durch Menschen erdacht über Menschen interpretiert und gedeutet. Jede Zeit imprägniert und perforiert ihre Wünsche, ihre kulturellen, sozialen und politischen in das Stadtbild. Die Zeit als seelenloses Metronom? Mitnichten. Die Stadt ist ein einziges Projektionsfeld und Konstrukt von Zeitzeugen, die beständig bewusst und unbewusst ihrer Stadt Zeichen, Symbole und Stempel einprägen. Das ist eines der Themen von Stadtethnologie. Ist der ethnologische Blick ein archäologischer? Er versucht, mit dem Pinsel und einer Spachtel, die aus Fremd- und Selbstbeobachtung besteht, Schichten freizulegen, die deutungskonfiguriert und konstituiert unter- neben und ineinander liegen. „Der Mensch, das Augentier, erkundete das Panorama der Zeit, um seinen Horizont zu erweitern; Tatsachen-, Schatzsucher-, Merkwürdigkeits- und Sammelblick prägen die Optik“. (Jeggle 1984:11). Die Exkursionswoche in Berlin wurde aus diesem Blickwinkel erlebt und in einem quasi kleinen Laborversuch von den Studierenden erforscht.
Die Entstehung des Holocaust Mahnmals, das ein Erinnerungsmal, ein Denk- und auch ein Zukunftsmal (unbekannter Gestalt) ist, zeigt über die zuweilen diskursreiche Form ihres Entstehens, die Geschichten von Menschen, die ihrerseits zu Bedeutungsträgern werden. Ich gehe soweit, zu sagen, dass jeder Besucher des Mahnmal, ob zustimmend, ablehnend oder gleichgültig, Historie und Kultur neu erzeugt. Gerne hätte ich in meiner Arbeit auf jene Erfahrungsbilder verwiesen, sie erzählen können. Dies war in dem vorhandenen Zeitrahmen nicht gangbar. Was jedoch aufgrund von Literaturrecherchen und Eigenwahrnehmungen möglich wurde, ist das Aufzeigen von Geschehnissen, die nicht per se als Annnalenfiguration einfach da war, sondern gezeugt wurde. Von Menschen verschiedenster Interessenlagen. Deutungen und Bemächtigungen, das soll in den vorliegenden Blättern „aufgeblättert“ werden, zumindest aufrisshaft versucht, konstruiert von politischen Eliten, Opfer- und Tätergruppen.
Inhaltsverzeichnis
1. Anstatt einer Einleitung
2. Berlin, Berlin (Werden einer Stadt)
3. Entstehungsgeschichte des Mahnmals
4. Das Mahnmal. Fakten
5. Eine Feldbegehung. Selbstversuch
6. Archäologie eines Bedeutungskonstrukts
7. Zukunft des Erinnerns?
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Holocaust-Denkmal in Berlin als ein komplexes Bedeutungskonstrukt, das durch historische, politische und ethnographische Perspektiven geprägt ist. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie ein solcher Gedenkort als "Sühnemahnmal" wahrgenommen wird und inwiefern der Besuch des Denkmals Historie und Kultur für den Einzelnen neu konstruiert.
- Stadtethnologische Analyse Berlins als Projektionsfeld von Geschichte
- Aufarbeitung der diskursreichen Entstehungsgeschichte des Denkmals
- Faktenbasierte Darstellung der architektonischen und baulichen Aspekte
- Selbsterfahrung und subjektive Wahrnehmung bei der Begehung des Stelenfeldes
- Untersuchung der symbolischen Bedeutungsschichten des Areals
Auszug aus dem Buch
5. Eine Feldbegehung. Selbstversuch
Die Ausgangslage der Studierenden A.K.: Ermattet von mehreren Tagen dichter Beobachtungen urbaner Lebensformen, der eigenen mit eingeschlossen, steht die Besichtigung des Holocaust Mahnmals als letzter Tagespunkt nach verschiedenen ethnographischen Ganztagesspaziergängen an. Ich höre in physische Ermattung gebettet fast nicht mehr zu, dem Referat unseres freundlichen Ethnologen der uns treffsicher durch die Stadt führt. Noch weiß ich nicht um den nächsten Tag, der erst durch die Entscheidung meinerseits, das Mahnmal als Forschungsobjekt zu wählen, wichtig wurde. So stehe ich fast ungebildet ob der Hintergründe des Mahnmals vor dem riesigen Gelände im windigen frühlingsbelichteten Berlin. Nun soll ich feldforschen. Alleine sitze ich auf einer Stele und überlege, wie ich wen fragen könnte. Wie wen wahrnehmen.
Ich mache ein Experiment mit mir selbst. Unbelastet durch Wissensfakten und historische Hintergründe versuche ich die Wahrnehmung meiner Selbst in den Räumen dieser Skulptur. Ich gebe mir ca. 10 Minuten Zeit um durch diese Wege der Irritation zu gehen, zu sitzen, zu stehen oder zu liegen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Anstatt einer Einleitung: Diese Einleitung führt in die stadtethnologische Betrachtung Berlins ein und erläutert den methodischen Ansatz, das Denkmal als einen Ort zu begreifen, an dem Geschichte durch die Wahrnehmung der Besucher stetig neu erzeugt wird.
2. Berlin, Berlin (Werden einer Stadt): Das Kapitel bietet einen chronologischen Abriss der Berliner Stadtgeschichte, von der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1237 bis zur Wiedervereinigung und dem Status als deutsche Hauptstadt.
3. Entstehungsgeschichte des Mahnmals: Hier werden die kontroversen Debatten um die Errichtung des Holocaust-Denkmals sowie die unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Forderungen der 1980er und 1990er Jahre nachgezeichnet.
4. Das Mahnmal. Fakten: Dieser Abschnitt liefert präzise Daten zu den baulichen Parametern des Stelenfeldes, wie Maße, Anzahl der Elemente, Baukosten und Informationen zur barrierefreien Gestaltung.
5. Eine Feldbegehung. Selbstversuch: Die Autorin dokumentiert ein persönliches Experiment, bei dem sie ohne Vorwissen das Stelenfeld begeht und ihre subjektiven, emotionalen Eindrücke sowie die physische Wirkung der Architektur protokolliert.
6. Archäologie eines Bedeutungskonstrukts: In diesem Kapitel wird das Areal rund um das Denkmal als historisch aufgeladener Ort analysiert, an dem sich verschiedene politische Machtstrukturen und Bedeutungsebenen materiell manifestieren.
7. Zukunft des Erinnerns?: Das Fazit reflektiert über die anhaltende Bedeutung des Mahnmals im urbanen Kontext Berlins und stellt die Frage, wie ein solches "offenes" Feld zukünftige Erinnerungsprozesse prägen kann.
Schlüsselwörter
Holocaust-Denkmal, Berlin, Stadtethnologie, Erinnerungskultur, Stelenfeld, Peter Eisenman, Gedenkstätte, Geschichtsdeutung, Feldbegehung, Identität, Holocaust, Architektur, Wahrnehmung, Geschichte, Erinnerung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Holocaust-Denkmal in Berlin und untersucht dieses als ethnographisches Forschungsobjekt sowie als Ort der ständigen kulturellen und historischen Sinnstiftung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft die historische Entstehungsgeschichte des Denkmals mit einer stadtethnologischen Perspektive auf Berlin und ergänzt dies durch einen methodischen Selbstversuch zur räumlichen Wahrnehmung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Denkmal als Ort von den Besuchern und der Gesellschaft wahrgenommen wird und welche Rolle es als "Mahnmal" im Kontext der deutschen Erinnerungskultur einnimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt Ansätze der Stadtethnologie und der qualitativen Feldforschung, insbesondere durch teilnehmende Beobachtung und einen persönlichen Selbstversuch im Stelenfeld.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil deckt die chronologische Stadtgeschichte, die politische Entstehungsgeschichte des Denkmals, harte Fakten zum Bau sowie die archäologische Untersuchung der Umgebung ab.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Holocaust-Denkmal, Erinnerungskultur, Stadtethnologie, Identität, Architektur, Wahrnehmung und Geschichtsdeutung.
Welche Rolle spielt die stadtethnologische Betrachtung für das Verständnis des Mahnmals?
Sie ermöglicht es, den Ort nicht nur als bloßes Bauwerk, sondern als ein von Menschen konstruiertes Projektionsfeld zu verstehen, das sich in die verschiedenen historischen Schichten Berlins einfügt.
Wie bewertet die Autorin den "Selbstversuch" bei der Begehung des Stelenfeldes?
Die Autorin beschreibt den Versuch als eine Methode, um der subjektiven Wirkung des Denkmals – wie Isolation oder Irritation – nachzuspüren, weist jedoch gleichzeitig auf die Trügerik rein subjektiver Selbstbeobachtungen hin.
- Quote paper
- Andrea Klabach (Author), 2006, Das Holocaust Denkmal Berlin, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121376