Gesundheitsförderung bei Migranten

Gesundheitsplanung in der Sozialen Stadt


Forschungsarbeit, 2009
51 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Abstract

3. Einleitung
3.1 Definitionen (Begriffserklärungen)
-Gesundheitsförderung-
-Ziele Gesundheitsförderung-
3.2 Was macht gesund?
3.3 Der Settingansatz der Gesundheitsförderung
3.4 Gesetze und Leitlinien

4. Gesundheitliche Lage der Migranten in Deutschland
4.1 Ursachen der Barrieren des Gesundheitswesens und den Migranten
4.2 Argumente für migrantenorientierte Prävention
4.3 Erreichbarkeit der sozial benachteiligten Migranten durch Mediatoren

5. Berichterstattung
5.1. Armuts- und Reichtumsbericht 2008
5.2 Gesundheitsberichterstattung

6. Soziale Stadt und Gesundheitsförderung
6.1 Handlungsfeld Gesundheit: bisher noch geringe Relevanz in der Programmumsetzung
6.2 Soziale und gesunde Stadt
6.3 Sozialraumanalyse für ein integriertes, interdisziplinäres Verständnis
6.4 Gesundheitsförderung in Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf
6.5 Qualitätsentwicklung in der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung
6.6 Krankenkassen als Partner in der stadtteilbezogenen Gesundheitsförderung

7. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Seit einigen Jahren arbeite ich im Jugendmigrationsdienst in Lindau und begleite neuzugewanderte Migranten im Alter von 12 bis 27 Jahren. Durch das Zuwanderungsgesetzt kommen immer weniger Ausländer nach Deutschland, dadurch werden sich die Jugendmigrationsdienste in Zukunft nach anderen Handlungsfeldern umsehen müssen.

Meine Intention ist nun proaktiv zu handeln und Gesundheitsförderung als neues Handlungsfeld im Bereich Integration ins Visier zunehmen.

Der Jugendmigrationsdienst Lindau ist im Netzwerk der Sozialen Stadt integriert und hat eine gemeinsame Maßnahme im Bereich der Sprachförderung. Während meiner Arbeit habe ich das Programm Soziale Stadt intensiver kennen gelernt und festgestellt, dass ein wichtiges Thema, nämlich die Gesundheitsförderung der Migranten bisher kaum berücksichtigt wurde.

Das Programm Soziale Stadt und Gesundheitsförderung lässt sich meiner Meinung nach gut kombinieren und mit dem Jugendmigrationsdienst vernetzen. Demzufolge war das Interesse groß auch hierzu eine Studienarbeit zu verfassen.

2. Abstract

Bei Zielen sowie Maßnahmen und Projekten im Rahmen der Umsetzung des Programms Soziale Stadt spielt das Handlungsfeld Gesundheitsförderung bisher eine untergeordnete Rolle.

Vor allem Erfahrungen in den Modellgebieten der Sozialen Stadt aber zeigen, dass es in den Quartieren erhebliche gesundheitliche Probleme gibt.

Dass Armut und Gesundheitsrisiken zusammenhängen, ist lange schon bekannt und wird spätestens seit der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung (WHO 1986) sowie dem bald darauf gegründeten Gesunde-Städte-Netzwerk auch offensiv thematisiert.

Auch auf den seit 1995 jährlich veranstalteten Kongressen „Armut und Gesundheit“ wurden in den letzten Jahren Gesundheitsprävention und -förderung als Aufgabenbereiche der Sozialen Stadt zu Schwerpunktthemen.

In einem Viertel der Programmgebiete kommt Gesundheitsförderung auf der Projekt- und Maßnahmenebene bereits zum Tragen. Aufklärung, Beratung, Vorsorge und Vernetzung bilden zentrale Elemente entsprechender Strategien.

In Deutschland nimmt die Aufmerksamkeit für sozial- und umweltbedingte Gesundheitsrisiken und Gesundheitsprobleme zu aber noch zu langsam. Es ist daher nötig, das Handlungsfeld Gesundheitsförderung bei der Umsetzung des Programms Soziale Stadt deutlich zu stärken. In diesem Sinne: Gesundheit!

3. Einleitung

3.1 Definitionen (Begriffserklärungen)

-Migration und Gesundheit-

Der Themenkomplex Migration und Gesundheit ist eine Verbindung der zwei grundsätzlich unterschiedlichen Systeme, die im Grenzbereich von Medizin, Psychiatrie/Psychologie, Soziologie und Ethnologie angesiedelt sind (Weiss 2003).

Migration ist ein Phänomen der Menschheitsgeschichte und findet überall auf unserer Erde statt. Migrationsbewegungen werden aus verschiedenen Gründen ganz unterschiedlich erlebt, wobei für die Betroffenen Migration mehr oder weniger große innere und äußere Veränderungsanforderungen mit sich bringt, die Konsequenzen für die psychische Gesundheit hervorrufen (Hegemann und Salman 2001). Migration ist ein einschneidender Abschnitt des Lebens von Migranten und darf nicht als ein einzelnes Ereignis, sondern muss als Prozess der Eingliederung, der Anpassung und neuer Identitätsbildung verstanden werden (Keller 2004).

(vgl. Esterleyn M., 2006, S. 6)

-Gesundheitsplanung-

Die Gesundheitsplanung hat die Aufgabe handlungsorientierte und praxisrelevante Konzepte zu entwickeln, zu initiieren, zu koordinieren. Insbesondere die Vernetzung von Maßnahmen zur Gewährleistung abgestimmter und bedarfsgerechter Angebote in der gesundheitlichen Versorgung und der Gesundheitsförderung hat eine zentrale Bedeutung.

Die Basis bilden themen- oder problemorientierte Gesundheitsberichte über die gesundheitliche Situation von Bevölkerungsgruppen und Stadtteilen. Sie dienen der Bedarfsanalyse, der Information der Öffentlichkeit und als Grundlage gesundheitspolitischer Entscheidungen in der Kommune.

Die Gesundheitsplanung entwickelt auf Basis der Gesundheitsberichterstattung Zielvorstellungen für eine bedarfsgerechte Versorgung der Bevölkerung mit Gesundheitsangeboten. Dadurch soll die Lebensqualität gesteigert bzw. erhalten werden.

(vgl.http://www.braunschweig.de/rat_verwaltung/verwaltung/ref0500/Gesundheitsplanung.html)

-Gesundheit-

„Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen physischen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen“.

Dieser Gesundheitsbegriff der WHO aus dem Jahr 1946 führt Gesundheit nicht nur als die Abwesenheit von Krankheit, sondern als einen positiven Begriff in die Diskussion ein. Allerdings wird Gesundheit nicht jenseits von Krankheit betrachtet und damit gewissermaßen als unabhängig von dieser, sondern es wird betont, dass Gesundheit mehr ist als Krankheit, also etwas Zusätzliches. Der Gesundheitsbegriff der WHO ist multidimensional, das heißt er bezieht neben der körperlichen auch die psychische und soziale Komponente ein.

An dieser Definition wurde häufig kritisiert, dass sie Gesundheit als Zielvorstellung darstellt, als einen Zustand der erreicht werden soll und damit eine Idealisierung darstellt, deren Umsetzungsmöglichkeit unklar bleibt.

Im Jahr 1986 wurde in der Ottawa-Charta der Gesundheitsförderung (WHO) dieser eher undynamische und statische Gesundheitsbegriff zu einem stärker ressourcen- und prozessorientierten Ansatz weiterentwickelt. Gesundheit wird in der Ottawa-Charta nicht mehr als (vorrangiges) Lebens-Ziel gesehen, sondern als ein „Lebens-Mittel“, als etwas, das eine Ressource für das Leben unterschiedlich ausgeprägt ist.

Die Ottawa-Charta wurde zu einer wichtigen Unterstützung und zu einer attraktiven Grundlage für die Konzeption und die strategische Ausrichtung von vielen Projekten, Programmen und Netzwerken. (vgl. Lobnig Hubert et al., 1999, S. 10-13)

-Gesundheitswissenschaften-

(englisch: Public Health) ist seit Anfang der 1990er Jahre in Deutschland als wissenschaftliches Fach bekannt. Beide Begriffe werden synonym verwendet, wobei eine Tendenz zum Begriff Public Health auszumachen ist. Sie beschäftigt sich mit den geistigen, körperlichen, psychischen und sozialen Bedingungen von Gesundheit und Krankheit einer Gesellschaft.

Haisch, Weitkunat und Wildner (1999, S. 317) definieren Gesundheitswissenschaften als die "Wissenschaft und Praxis der Krankheitsverhütung, Lebensverlängerung und Gesundheitsförderung durch organisierte, gemeindebezogene Maßnahmen; ein interdisziplinäres Gebiet, das sich mit Gesundheit und ihren Determinanten befaßt". Schwartz (1998) spricht von der "Analyse, Bewertung und Organisation von Gesundheitsproblemen in der Bevölkerung und ihrer Verhinderung beziehungsweise Bekämpfung mit angemessenen, wirksamen und ökonomisch vertretbaren Mitteln“.

Die Salutogenese bedeutet soviel wie „Gesundheitsentstehung“ oder „Ursprung von Gesundheit“ und wurde von dem israelisch-amerikanischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky (1923–1994) in den 1970er Jahren als Gegenbegriff zur Pathogenese entwickelt. Nach dem Salutogenese-Modell ist Gesundheit kein Zustand, sondern muss als Prozess verstanden werden. (vgl. Antonovsky Aaron, 1997, S. 36)

-Gesundheitsförderung-

„Gesundheitsförderung zielt darauf ab, die Lebens- und Arbeitsqualität von Menschen und damit die Bedingungen für ihre Gesundheit zu verbessern“ (Ottawa-Charta)

Gesundheitförderung ist ein Ansatz, mit dem sowohl die Lebensverhältnisse der Menschen als auch individuelle Verhaltensweisen in Richtung der Erhaltung und Stärkung von Gesundheit beeinflusst werden sollen. Gesundheitsförderung geht von einem positiven - salutogenen - Gesundheitsbegriff aus. Zentrale Elemente gesundheitsfördernder Strategien sind die Verminderung gesundheitlicher Belastungen (z.B. Stress, belastende Arbeits- oder Umweltbedingungen) und die Stärkung und Mobilisierung gesundheitserhaltender und gesundheitsfördernder Ressourcen (z.B. Problembewältigungsstrategien und Einbindung in soziale Netzwerke). Im Rahmen der Gesundheitsförderung sollen persönliche und soziale Gesundheitskompetenzen gestärkt und gesunde Lebensbedingungen geschaffen werden. Diese Ansätze sollten eingebunden sein in eine gesundheitsfördernde Gesamtpolitik, die auf die Verbesserung von Gesundheitsdeterminanten und den Abbau gesundheitlicher Ungleichheiten abzielt.

Während Prävention auf die Vorbeugung oder Früherkennung von Krankheit abzielt und dabei z.B. Impfungen, gesunde Ernährung, Früherkennung und ausreichende Bewegung propagiert, ist der Ansatz der Gesundheitsförderung der, die Gesundheit der Menschen zu stärken. Durch die Veränderung der Arbeits-, Umwelt- und Lebensbedingungen sowie des individuellen Verhaltens sollen bessere Vorkehrungen für gesundes Leben geschaffen werden.Ursprünglich wurde das Konzept der Gesundheitsförderung 1986 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelt und in der Ottawa-Charta zusammengefasst. In weiteren Nachfolgekonferenzen wurden einzelne Handlungsbereiche der Ottawa-Charta spezifiziert. (vgl. http://www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/?uid=9e26747105901442dd57bbbd024029b7&id=Seite3641, 2008)

-Ziele Gesundheitsförderung-

Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern bzw. verändern können. In diesem Sinne ist die Gesundheit als ein wesentlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens zu verstehen und nicht als vorrangiges Lebensziel. Gesundheit steht für ein positives Konzept, das in gleicher Weise die Bedeutung sozialer und individueller Ressourcen für die Gesundheit betont wie die körperlichen Fähigkeiten. Die Verantwortung für Gesundheitsförderung liegt deshalb nicht nur bei dem Gesundheitssektor sondern bei allen Politikbereichen und zielt über die Entwicklung gesünderer Lebensweisen hinaus auf die Förderung von umfassendem Wohlbefinden hin. (vgl. Lobnig Hubert et al., 1999, S. 10-13)

3.2 Was macht gesund?

Auf der Basis der Analyse von zahlreichen empirischen Untersuchungen entwickelte ANTONOVSKY (1987, 1996) das Modell der Salutogenese. Als die drei zentralen Faktoren für das Gesundbleiben auch unter schwierigen Bedingungen identifizierte er:

Comprehensibility: Anforderungen und Belastungen sind vorhersehbar und lassen sich einordnen;

Manageability: Möglichkeiten der Einflussnahme auf Entwicklung und Ereignisse sind gegeben;

Mesaningfulness: Es besteht die Möglichkeit unter Belastungen individuelle oder gemeinsame Ziele anzustreben oder auch sie zu erreichen.

ANTONOVSKY fast diese Faktoren als „sense of coherence“ zusammen, das eine gewisse immunisierende Wirkung gegenüber Gesundheitsgefährdungen oder Belastungen darstellt.

Das Gesundheitsförderkonzept der WHO greift das Konzept der multifaktorellen Genese von Krankheit auf, das in der modernen Wissenschaft mittlerweile weit verbreitet ist. BANDURA (1993), kehrt die Blickrichtung um: Es geht primär um die Entstehung von Krankheit. Konzeptionell bedeutet dies, dass jene Faktoren ins Blickfeld kommen, die Voraussetzungen für die Erzeugung und Erhaltung von Gesundheit sind. NOACK (1996) faßt in einer Übersicht über Stand der gesundheitswissenschaftlichen Forschung zur Frage, wie Gesundheit entsteht, solche salutogenen oder Ressourcen zusammen. Neben Bedingungen und Ressourcen auf der gesellschaftlichen und sozialen Ebene sind die konkreten Lebensbedingungen aber auch die individuellen Potentiale und Begrenzungen bedeutsam. (vgl. Lobnig Hubert et al, 1999, S. 10-13)

3.3 Der Settingansatz der Gesundheitsförderung

Mit der großen Bedeutung der Ottawa-Charta den Lebensstilen und Lebensweisen im Unterschied zu Krankheit oder Gesundheit als Status zukommt, wurde eine grundsätzliche Neuorientierung in der Gesundheitsförderung eingeführt.

Als eine Folge dieser Neuorientierung sollte Gesundheitsförderung direkt auf die Gestaltung von Lebensräumen und Lebenskontexten abzielen. Dementsprechend wird Gesundheitsförderung in abgegrenzten sozialen Systemen, also in regionalen Einheiten wie Städten oder Gemeinden oder Organisationen- wie Krankenhäusern, Schulen oder Betrieben – durchgeführt.

Als Bezeichnung für diese Stratiegie wurde von der WHO der Begriff „Setting-Ansatz“ geprägt (Klickbusch 1993; Grossmann, Scala 1994), in der Theorie der Gesundheitsförderung wurde für diesen Ansatz auch der Terminus „Organisational Model“ (Baric 1994) vorgeschlagen.

Gesundheitsförderung in sozialen Settings durchzuführen bedeutet, Interventionen nicht primär an personenbezogenen Veränderungen zu orientieren (Wissen, Normen, Werte, Präferenzen), wie dies der Lebensstil-Ansatz der Gesundheitsförderung vorsieht. Der organisationsbezogene Ansatz legt vielmehr nahe, dass Gesundheitsförderung auf eine Gestaltung sozialer Systeme im Sinne der Zielsetzungen und Prinzipien der Gesundheitsförderung orientiert ist.

Ein zentrales Anliegen des Setting-Ansatzes ist die gesundheitsfördernde Gestaltung sozialer Systeme. Die Interventionen zielen auf eine Veränderung regionaler Settings (Regionalentwicklung) und/oder sozialer Settings (Organiationsentwicklung) ab, mit dem Ziel einer Erweiterung von Optionen, die den Individuen gesundheitsfördernde Entscheidungen oder Lebensweisen erleichtern.

(vgl. Lobnig Hubert et al., 1999, S. 10-13)

3.4 Gesetze und Leitlinien

Prävention und Gesundheitsförderung sollen nach den Vereinbarungen des Koalitionsvertrags vom November 2005 zu einer eigenständigen Säule des Gesundheitswesens mit einem Präventionsgesetz ausgebaut werden. Es sollen Krankheiten und ihre Folgen verhütet und dadurch Lebenserwartung und Lebensqualität der Bevölkerung gesteigert werden. Zum Spektrum der Präventionsinstrumente, die im Fünften Sozialgesetzbuch verankert sind und von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert werden, zählen Schutzimpfungen, Gesundheits- und Krebsfrüherkennungsuntersuchungen, die Zahnprophylaxe, die betriebliche Gesundheitsförderung sowie Angebote der primären Prävention für Krankenversicherte.

Seit den 1990er Jahren nimmt eine wachsende Zahl von Menschen in Deutschland die bestehenden Präventionsangebote in Anspruch. So steigen die Raten bei Schutz- und Grippeimpfungen ebenso wie die Teilnahmequoten bei Gesundheits- und Krebsfrüherkennungsuntersuchungen. Auch die Inanspruchnahme der zahnärztlichen Individualprophylaxe hat sich seit ihrer Aufnahme in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung im Jahr 1991 deutlich erhöht.

Gleichwohl wird weiterhin nur ein Bruchteil der Bevölkerung durch die vorhandenen Angebote erreicht. Generell sind Männer weniger an Prävention und Gesundheitsförderung interessiert als Frauen. Männer lassen sich vor allem dann für Präventionsmaßnahmen gewinnen, wenn diese keinen zusätzlichen Aufwand mit sich bringen und beispielsweise am Arbeitsplatz oder bei einem ohnehin stattfindenden Arztbesuch erfolgen.

Zudem fragen Menschen in sozial benachteiligter Lage Präventionsangebote weniger nach als Angehörige der oberen Sozialschicht. Dies könnte mit schichtspezifischen Zugangsbarrieren ebenso wie mit Informationsdefiziten zu tun haben. Neben einem höheren Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung sind strukturelle Verbesserungen im Gesundheitswesen erforderlich.

Die zahlreichen Präventionsangebote müssen alle sozialen Schichten erreichen und von den Anbietern besser koordiniert und vernetzt werden. Defizite bestehen zudem in der Präventionsforschung, die beispielsweise klären soll, welche Wirksamkeit oder welchen ökonomischen Nutzen bestimmte Präventionsmaßnahmen im Einzelnen besitzen.

Verbesserungen der Gesundheitsreform 2007

Mit dem Gesetz zur Stärkung des Wettbewerbs in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKVWSG) wird der gleichberechtigte Zugang für alle Bürger-innen zu einer hochwertigen medizinischen Gesundheitsversorgung gewährleistet. Die überwiegend am 1. April 2007 in Kraft getretenen Regelungen zeigen bereits Wirkung. (Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, 2008, S. 208)

SGB V § 20 (1) Prävention und Selbsthilfe

Die Krankenkasse soll in der Satzung Leistungen zur primären Prävention vorsehen, Leistungen zur Primärprävention sollen den allgemeinen Gesundheitszustand verbessern und insbesondere einen Beitrag zur Verminderung sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen erbringen. Die Spitzenverbände der Krankenkassen beschließen gemeinsam und einheitlich unter Einbeziehung unabhängigen Sachverstandes prioritäre Handlungsfelder und Kriterien für Leistungen, insbesondere hinsichtlich Bedarf, Zielgruppen, Zugangswegen, Inhalten und Methodik.

Präventionsgesetz (in Vorbereitung)

Das "Gesetz zur Stärkung der gesundheitlichen Prävention" soll die Vorsorge im Gesetz verankern. Im Mai 2005 scheiterte der von SPD und Grünen eingebrachte Gesetzentwurf im Bundesrat und soll nach erfolgter Regierungsbildung in überarbeiteter Form erneut eingebracht werden.

Gesetz zur Modernisierung des Gesundheitswesens

· Am 01. Januar 2004 trat das Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-Modernisierungsgesetz) in Kraft.

Internationale Leitlinien

· Im August 2005 fand in Bangkok die 6. Weltkonferenz zur Gesundheitsförderung statt. Unter dem Konferenzmotto "Policy and Partnership for Action: Determinants of Health" wurde die Tradition der Konferenzen von Ottawa (1986), Adelaide (1988), Sundsvall (1991), Jakarta (1997) und Mexiko-City (2000) fortgeführt.

· Erste Internationale Konferenz zur Gesundheitsförderung 1986 in Ottawa. Die Charta ruft auf zu aktivem Handeln für das Ziel "Gesundheit für alle bis zum Jahr 2000" und darüber hinaus.

(vgl. http://www.gesundheitliche-chancengleichheit.de /?uid=9e26747105901442dd57bbbd024029b7&id=Seite36)

4. Gesundheitliche Lage der Migranten in Deutschland

Für Menschen, die erst seit kurzem in Deutschland leben, ist es oftmals schwer nachzuvollziehen, wie das deutsche Gesundheitssystem funktioniert. Man weiß oft nicht, ob und wie man sich krankenversichern kann und wer im Falle von drohender oder vorhandener Krankheit die Behandlungen durchführen kann. Unklar ist häufig auch, wer für die Behandlungsleistungen aufkommt, wann der Patient Anspruch auf Versorgungsleistungen hat und wann nicht.

Es ist aber erforderlich, dass Migranten möglichst frühzeitig, d.h. gleich zu Beginn ihres Aufenthalts in Deutschland zu präventiven Angeboten und gesundheitsfördernden Lebensweisen informiert werden. Am Anfang des Aufenthalts in einem neuen Land durchlaufen die Zuwanderer eine Orientierungsphase (Sluzki 2001), die für die späteren persönlichen Entwicklungen von entscheidender Bedeutung ist. Migranten sind in dieser Phase sehr aufnahmefähig, motiviert und neugierig.

Um Migranten mit Präventionskonzepten und -strategien zu erreichen und erfolgreich Krankheiten zu vermeiden oder deren Fortschreiten zu verhindern, müssen darüber hinaus die Besonderheiten dieser Zielgruppe beachtet und hinterfragt werden.

Die Heterogenität der Zielgruppe sowie ihre kulturell bedingten unterschiedlichen Vorstellungen zu Prävention erschweren den Zugang. Zudem bestehen besondere Zugangsbarrieren für Migranten zum deutschen Gesundheitssystem und seinen Präventionsangeboten. Dazu gehört, die Lebenslage geprägt z.B. durch Bildungs- und Aufenthaltsstatus, Sprachkompetenz, kulturelle Hintergründe, Integrationsgrad und psychologische Migrationsphasen – und die teilweise eingeschränkte Rechtsansprüche auf gesundheitliche Versorgung. Bei Asylbewerbern kommen die zuständigen Kostenträger zwar für Leistungen (z. B. Zahnarztkosten) auf, die akuten Behandlungsbedarf erfordern, nicht jedoch für präventive Maßnahmen.

Migranten haben dementsprechend Schwierigkeiten, ihre Gesundheit und die vorhandenen Angebotsstrukturen des deutschen Gesundheitswesens angemessen für Behandlung und insbesondere für Prävention zu nutzen.

Migration und Gesundheit ist in vielen Ländern Europas, also auch in Deutschland, ein wichtiges Thema.

Die Migrantenzahl in der Bundesrepublik Deutschland beträgt 10,5 Mio. Bürger. Bei einem Bevölkerungsanteil von 12,9 % hat also jeder achte Bürger einen Migrationshintergrund. Natürlich stellen die Migranten eine heterogene Gruppe dar, es handelt sich sowohl um Menschen mit hohem als auch niedrigem Sozialstatus, manche sind politisch verfolgt, andere verlassen ihre Heimat auf Grund der für sie existenzbedrohenden wirtschaftlichen Situation.

Meist jedoch befinden sich die Migranten nicht in der gleichen Ausgangslage wie die Mitbürger des Aufnahmelandes. Oft kommen sie aus ärmeren Regionen der Welt, hatten weniger Zugang zu Bildung oder ihre Abschlüsse werden im Einreiseland nicht anerkannt. Darüber hinaus verfügen sie in der Regel nicht über vergleichbare finanzielle Ressourcen. Sie sind größtenteils nicht in der Lage, die Majoritätssprache zu verstehen und auch die Kultur des Gastlandes ist ihnen fremd. (vgl. Mashkoori K. et al., 1998)

4.1 Ursachen der Barrieren des Gesundheitswesens und den Migranten

Bei den in Deutschland lebenden Migranten lassen sich neben der Sprache und den kulturellen Hintergründen als Zugangsbarrieren zum Gesundheitswesen oft weitere erkennen. Zum Beispiel ist das Gesundheitssystem im Herkunftsland oftmals anders organisiert und aufgebaut.

Prävention spielt in vielen Regionen eine untergeordnete Rolle. Deshalb ist dieses Thema für Migranten in vielen Fällen nicht von herausragender Bedeutung und kulturell nicht immer nachvollziehbar.

Darüber hinaus bringt das Leben in einer fremden Kultur viele psychische und soziale Veränderungen mit sich. Die Migranten sind erheblichen gesundheitlichen Dauerbelastungen ausgesetzt, die weitestgehend durch ihren sozialen Status bedingt sind. Erscheinungen wie eine hohe Betroffenheit von Arbeitslosigkeit, mangelnde soziale Integration und geringe Bildungschancen wirken sich negativ auf den Gesundheitszustand aus.

Zahlreiche Studien belegen Fehlernährung und eine geringere Durchimpfungsrate bei ausländischen Kindern.

Darüber hinaus gibt es einen hohen Anteil an Rauchern bei männlichen

ausländischen Jugendlichen und Erwachsenen. Diese gesundheitsschädigenden Faktoren könnten reduziert werden, wenn Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention die Zielgruppe der Migranten erreichen würden. Entsprechende Programme müssten inhaltlich wie organisatorisch bedarfsorientiert an den Lebenswelten dieser Zielgruppen ansetzen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Gesundheitsförderung bei Migranten
Untertitel
Gesundheitsplanung in der Sozialen Stadt
Hochschule
Pädagogische Hochschule Weingarten
Veranstaltung
Modul Sozial- / Gesundheitsplanung
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
51
Katalognummer
V121464
ISBN (eBook)
9783640261185
ISBN (Buch)
9783640261406
Dateigröße
641 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar von Prof. Dr. XXX: Ihre Arbeit habe ich mit mit der Note 1,0 bewertet und möchte Ihnen noch ein kurzes inhaltliches Feedback geben: Ich finde Ihre Ausarbeitung sehr gelungen und habe sie mit großem Interesse gelesen. Ich finde Sie verbinden interessante aktuelle Fragestellungen aus den Themenfeldern sozialer Raum und soziale Ungleichheit, Migration und Gesundheit. Die Arbeit ist sehr faktenreich und bietet nicht nur einen guten Überblick über die verknüpften Themenbereiche, sondern liefert auch eine Fülle wichtiger Informationen für das sozialplanerische Handlungsfeld.
Schlagworte
Gesundheitsförderung, Migranten, Modul, Sozial-, Gesundheitsplanung
Arbeit zitieren
Dipl. Sozialarbeiter Michael Rapp (Autor), 2009, Gesundheitsförderung bei Migranten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121464

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