Die soziale Konstruktion von Geschlecht. Doing Gender am Beispiel Schule


Hausarbeit, 2020

26 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschlechtertheoretische Grundlagen
2.1 Begriffe „sex“ und „sex category“
2.2 Begriffe „soziale Konstruktion“ und „gender“
2.3 Definition des Konzepts „doing gender“
2.4 Zusammenfassung

3. Doing Gender in der sozialen Institution Schule
3.1 Geschlechterdifferenzen in der Schule
3.2 Ursachen und Erklarungsansatze fur Geschlechterunterschiede
3.2.1 Biologische Faktoren
3.2.2 Psychosoziale Faktoren
3.3 Zusammenfassung

4. Gendersensible Padagogik als Weg zur Geschlechtergerechtigkeit

5. Fazit

6. Reflexion

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als Synonym der Begrifflichkeit „soziale Konstruktion des Geschlechts“ hat sich „doing gender" als Konzept fur den unvermeidbaren Prozess der Geschlechterhe rstellung und -identitat abgeleitet. Dieser unsichtbare Vorgang beschreibt im Wesentlichen die Erfullung gesellschaftlicher Erwartungen an das geschlechtsstereotypische Auftreten und Verhalten aller Menschen. Die einhergehende Rollenzuweisung von Frauen und Mannern sind somit auch automatisch mit Diskriminierung verbunden, sobald ein Akteur seinem Schauspiel nicht gerecht wird. „Very masculine and feminine roles are not biologically fixed but socially constructed.” (Judith Butler, 2004). Wie sich eine bestimmte Rolle zu verhalten hat, ist keine genetische Gabe - viel eher ist sie das Produkt der gesellschaftlichen Gewohnheit. Der gesellschaftliche Druck aufgrund von zugeschriebenem, geschlechtstypischem Rollenverhalten und der damit verbundenen Erwartungen bewirkt, dass in ein Geschlecht Geborene Gegengeschlechtliche ihre sozial konstruierte Rolle ohne ihre Zustimmung leben. „Gender“ wird somit als soziale Konstruktion im Alltag standig hergestellt, weshalb auch das soziale System „Schule“ eine wichtige Rolle spielt. Schaut man in der Zeit zuruck erkennt man, dass Gender in Bezug auf Bildung und Schule schon lange ein Thema ist: von gleichen Rechten fur Frauen in Bildungseinrichtungen, uber die Frage der Gleichberechtigung bis hin zu den Differenzen innerhalb der Geschlechtergruppen, gefordert wird eine Gleichstellung und somit eine geschlechtergerechte Schule. Da es sich bei „doing gender“ um einen Vorgang handelt, der zu Einschrankungen in der individuellen Entfaltung sowie der vollen Ausschopfung der vorhandenen Potenziale fuhren kann, ist es interessant zu schauen, inwieweit Schulen auf die Konstruktion und den Erwerb des sozialen Geschlechts Einfluss nehmen. Eine geschlechtsneutrale Erziehung sowie eine gendersensible Padagogik konnen einen Beitrag zur Relativierung der Grenzen von geschlechtsstereotypischen Rollenzuweisungen leisten und dadurch eine Gleichstellung der Geschlechter erreichen. Dadurch bekommt jedes Kind die Chance sein volles Potenzial zu entfalten und sich so zu entwickeln, wie es gerne mochte Bevor sich diese Arbeit der Frage, in welchem AusmaR der Erwerb des sozialen Geschlechts in der Schule durch das „doing gender“ beeinflusst wird, widmet, muss zunachst eine geschlechtertheoretische Grundlage geschaffen werden. Dafur werden zuerst die Begrifflichkeiten „sex/sex category“ sowie die beiden Begriffe „soziale Konstruktion“ und „gender“ erlautert und voneinander abgegrenzt. AnschlieRend wird der Prozess des „doing gender“ definiert und erklart. In einer Zusammenfassung werden die Begriffe noch einmal miteinander in Zusammenhang gebracht. Im nachsten Kapitel wird konkreter auf „doing gender" in der Institution Schule eingegangen. Hierfur werden zunachst vorhandene Geschlechterdifferenzen in der Schule thematisiert, wobei auf den Bildungserfolg und die Leistungsunterschiede zwischen Jungen und Madchen, (sowie die Interaktion zwischen Schulerinnen, Schulern und Lehrkraften) genauer eingegangen wird. Anschlieftend werden verschiedene Erklarungsansatze und Ursachen fur die Geschlechtsunterschiede erlautert. Im Fokus des letzten Kapitels steht der Weg zu einer geschlechtergerechten Schule durch eine gendersensible Padagogik. Es wird aufgezeigt, wie Geschlechtsunterschiede vermieden und somit eine Geschlechtergerechtigkeit hergestellt werden kann. Hierbei wird neben den Herausforderungen fur die Lehrkrafte, auch auf die Chancen und Potenziale, die sich durch eine Gleichstellung der Geschlechter ergeben, eingegangen. Der Abschluss der Arbeit bildet das Fazit mit einem kurzen Ausblick auf die Padagogik der Zukunft.

2. Geschlechtertheoretische Grundlagen

Geschlecht bedeutet mehr als die biologische Beschaffenheit eines Individuums, denn Sexualitat und deren tatsachliche Reproduktion konnen voneinander unabhangig betrachtet werden. Das Geschlecht und die Sexualitat eines Menschen sind demnach nicht naturlich und unveranderbar, sondern konnen auch als soziale und kulturelle Konstruktion der Gesellschaft begriffen werden. Im Folgenden werden die Begrifflichkeiten „sex“ und „sex category“, sowie die Begriffe „soziale Konstruktion“ und „gender“ erlautert und voneinander abgegrenzt. Anschlieftend wird das daraus resultierende Konzept des „doing gender" erlautert.

2.1 Begriffe „sex“ und „sex category“

Der Begriff „sex" wird in einem engeren Sinne gesehen und bezieht sich auf das angeborene biologische Geschlecht beziehungsweise auf die Geburtsklassifikation des korperlichen Geschlechts durch biologische Kriterien, welche als sozial vereinbart angesehen werden (Gildemeister, 2008, S. 167). Doch auch „sex" lasst sich nicht ausschlieftlich als etwas von der Biologie „Gegebenes" betrachten, sondern muss vielmehr als Kategorie gesehen werden, weshalb die Soziologen Candace West und Don Zimmermann zu „sex" noch die „sex-category" einfuhrten. Demnach bezieht sich „sex" auf den genetisch bedingten Unterschied zwischen dem weiblichen und mannlichen Geschlecht und die daruber hinaus weiterentwickelte „sex-category“ steht fur die soziale Zuordnung zu einem Geschlecht. Die Zuordnung zu der einen oder anderen Kategorie wird im Alltag durch die sozial geforderte erkennbare Darstellung des Geschlechts beispielsweise durch das Tragen bestimmter Kleidung gezeigt (West & Zimmermann, 1987, S. 127). Die biologische Zugehorigkeit impliziert jedoch nicht, dass das Individuum sich jener zugehorig fuhlt. Dies wiederum bedeutet, dass die Zuordnung zu einer „sex-category“ nicht der Geburtsklassifikation entsprechen muss. Die Transidentitat gilt als Form einer solchen Unterscheidung und unterstreicht, dass Variationen vorkommen konnen, welche alleine durch den Begriff „sex“ eben nicht dargestellt werden konnen (GEW, 2017, S.7).

2.2 Begriffe „soziale Konstruktion“ und „gender“

Wahrend sich die Begriffe „sex“ und „sex-category“ auf das Individuum als in sich geschlossene Einheit beziehen, tritt bei dem Begriff „gender“ ein konstruierender Vorgang - die soziale Konstruktion -, ausgefuhrt durch die Gesellschaft, ein. Eine Gesellschaft geht automatisch von Annahmen aus, die wie folgt lauten (Gildemeister, 2008, S.179-180):

- Es gibt nur die Geschlechter mannlich und weiblich (Annahme der Dichotomizitat).
- Die Geschlechtszugehorigkeit ist am Korper eindeutig ablesbar (Annahme der Naturhaftigkeit).
- Die Geschlechtszugehorigkeit ist angeboren und unveranderbar (Konstanzannahme).

Die These der sozialen Konstruktion beruht jedoch auf der Annahme des Nichtvorhandenseins einer sozialen Ungleichheit und Stattfindung einer Reduktion auf Ebene einer sprachlich-interpretativen Reprasentation bewusster Inhalte. Dem Korper als klassifizierendes Merkmal wird aufgrund seiner Oberflachlichkeit dabei keine Bedeutung zugesprochen, viel eher bezieht sich soziales Konstruieren auf die Bildung intrinsischer Werte und Merkmale (Gildemeister, 2008, S.190). Den Vorgang des sozialen Konstruierens kann man als Bildung eines Mittelwerts gesellschaftlicher Meinungen uber geschlechtsspezifische Verhaltensmuster verstehen. Als Ergebnis der sozialen Konstruktion entwickelt sich ein Bundel von Normen, abgeleitet von gewohnten Geschlechtsunterschieden auf Basis von Verhaltensmustern. Solch ungeschriebenen Konzepte von Frau und Mann beinhalten sowohl positive als auch negative Eigenschaften des jeweiligen Geschlechts (Goffman, 2001, S.110). Es entwickelt sich insofern ein Idealbild, das situationsadaquat im Handeln und Verhalten jedes Individuums bezuglich jener Normen und gesellschaftlicher Angemessenheit verwirklicht werden muss und somit immer mit intersubjektiver Bestatigung verbunden ist (Gildemeister, 2008, S.181, S.184). Jenes Idealbild ist in der Literatur in Form des Begriffs „gender" zu finden.

Unter dem Begriff „gender" wird somit das sozial zugeschriebene Geschlecht verstanden, welches sozio-kulturell durch Zuschreibung von Merkmalen erworben wird. Dieses wird im Gegensatz zu dem biologischen Geschlecht nicht angeboren, sondern es entwickelt sich im Laufe der Sozialisation eines Menschen (Goffmann, 2001, S. 108-109). Je nach historischer Zeit, Gesellschaft und Kultur gelten verschiedene Eigenschaften und Verhaltensweisen als typisch mannlich oder weiblich. Die Zuordnung zu einem Geschlecht ist somit aufgrund der unterschiedlichen Vorstellungen von Weiblichkeit und Mannlichkeit je nach Gesellschaft das Ergebnis von interpretativen Zuschreibungen (Kroll, 2002, S. 141).

2.3 Definition des Konzepts „doing gender“

Im Vergleich zum sozialen Konstruieren hat „doing gender" einen greifbareren Handlungsbezug. Ein gutes Beispiel liefern West und Zimmermann: Der Mann, der einer Frau seinen Arm zum Einhaken anbietet, um sie sicher uber die Strafte zu fuhren, ist wie das „Ladies first" eine Alltagssituation und zugleich Klischee, das „doing gender" sehr gut beschreibt (West & Zimmermann S.135). „Doing gender" ist die Vollbringung des Geschlechts im kurzeren und des im vorangegangenen Kapitel erlauterten „genders" im weiteren Sinne. Es handelt sich dabei somit um das aktive Einhalten gesellschaftlich definierter bzw. sozial konstruierter Geschlechtsnormen. Der anbietende Mann mit seinem Angebot, die Frau uber die Strafte zu fuhren, und die Frau mit der Akzeptanz, sich uber die Strafte fuhren zu lassen, werden beide dem von der Gesellschaft definierten Bundel an Verhaltensmustern ihres jeweiligen Geschlechts in diesem Moment gerecht. Entscheidend dabei ist die Interaktion zwischen den Personen (Faulstich-Wieland, 2010). Nur durch die Inszenierung beider Parteien kann ein Abgleich mit dem „sozialen Spiegel" „gender" erfolgen. Die Annahme, dass „doing gender" immer Gebrauch von Bundeln an Verhaltensmustern macht, ist neben der zwischenmenschlichen Interaktion die zweite Voraussetzung (West & Zimmermann, 2001, S.135). Diese Bundel, die die Unterschiede zwischen den sozialen Konstruktionen spezifizieren, werden beim „doing gender“ fur die Verstarkung der Wesentlichkeit eines Geschlechts benutzt (West & Zimmermann, 2001, S.137).

2.4 Zusammenfassung

Aus den vorangehenden Erlauterungen wurde deutlich, dass das soziale Geschlecht „gender“ und die Sexualitat „sex“ nicht ein und dieselbe Sache sind. Die Biologie gibt uns die Mittel zur Zuteilung in die Geschlechtsklassen Mann oder Frau, welche unmittelbar bei der Geburt aufgrund des gegebenen korperlichen Geschlechtsmerkmals geschieht. Auf dieser Grundlage folgen kulturspezifische sowie historisch variable Rollen, Erwartungen, Werte und Ordnungen, die an das jeweilige bei der Geburt zugeschriebene Geschlecht geknupft sind. Die den Geschlechtsklassen zugeordneten Personen werden durch diese anfangliche Zuordnung automatisch einer unterschiedlichen Sozialisation unterworfen (Goffmann, 2001, S. 109). Demnach wird das Geschlecht durch soziale Prozesse in alltaglichen Interaktionen mit anderen Personen konstruiert. Jede Gesellschaft entwickelt unterschiedliche Vorstellungen und Idealbilder von Mannlichkeit und Weiblichkeit, weshalb das soziale Geschlecht gender als soziale Folge einer gesellschaftlichen Organisation gesehen werden kann (Goffmann, 2001, S.109). Doing gender meint die aktive Herstellung und Inszenierung von Geschlecht. Das Geschlecht eines Individuums wird also nicht als naturliches und biologisches Merkmal gesehen, sondern es wird in einem sozialen Prozess durch alltagliche Interaktionen mit anderen Menschen hergestellt und reproduziert. Ob eine Person sich als „weiblich“ oder „mannlich“ darstellt und in Interaktionsprozessen auch so wahrgenommen wird, zeigt die Zugehorigkeit zu einem Geschlecht, also die Geschlechtsidentitat an. „Doing-Gender-Prozesse“ werden zum einen von der Person selbst vollzogen, indem diese sich einem Geschlecht zuordnet und sich entsprechend der gesellschaftlichen Regeln und Normen passend zu der zugeteilten Geschlechtskategorie verhalt, damit das Erkennen des eigenen Geschlechts dem Gegenuber sofort moglich ist. Diese absichtliche Reproduktion von geschlechtstypischen Merkmalen und Verhaltensweisen nennt man das Einhalten normativer Konzeptionen (Kroll, 2002, S. 72-73).

[...]

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Details

Titel
Die soziale Konstruktion von Geschlecht. Doing Gender am Beispiel Schule
Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
26
Katalognummer
V1214665
ISBN (Buch)
9783346652218
Sprache
Deutsch
Schlagworte
doing gender, soziale Konstruktion von Geschlecht, Institution Schule, soziologische Bildungsforschung-Gender, Soziologie, Konzept doing gender, Geschlechterherstellung, soziales Geschlecht, Geschlechterstereotypen, Gleichstellung von Geschlechtern, Schule, geschlechtergerechte Schule, Geschlechterunterschiede
Arbeit zitieren
Jana Deblitz (Autor:in), 2020, Die soziale Konstruktion von Geschlecht. Doing Gender am Beispiel Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1214665

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