Der wahre und gesunde Mensch


Fachbuch, 2007

64 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Die Botschaft des historischen Jesus im Unterschied zu der Verkündigung der Kirchen als Beitrag zu einer interkulturellen Ethik
Wer war Jesus wirklich?
Der Anfang der christlichen Gemeinde
Das Gottesbild des historischen Jesus von Nazareth
Verständnis des historischen Jesus vom Reich Gottes, Königsherrschaft Gottes, Himmelreich oder andere diesbezüglichen Begriffe
Die Bedeutung des Wortes Liebe bei Jesus
Die Bedeutung der Schuld (Sünde) in der Botschaft Jesus
Die Kraft der Versöhnung als Weg zum Frieden
Der historische Jesus und die Empfehlung der grenzenlosen Anerkennung der
Menschen untereinander.
Der historische Jesus und der Glaube
Jesus Aussagen zum Konkurrenzverhalten
Schlußbemerkung zum ersten Teil über den historischen Jesus

II. Vorschlag für eine interkulturelle Ethik als Ergänzung der Menschenrechte
Der Zusammenhang von Menschenbild und Ethik
Der Mensch aus naturwissenschaftlicher Sicht.
Der Vorrang des Menschen durch ein erweitertes Reflexionsvermögen und die Folgen
für die Lebensbewältigung.
Die Abhängigkeit des Menschen von den empfangenen und gegeben Voraussetzungen.
Ziel des menschlichen Handelns ist die Erhaltung des optimalen Lebens.
Der Mensch, ein Gemeinschaftswesen.
Der Nährboden der Ethik.
Schlussbemerkungen

III. Die Menschenrechte mit den Ergänzungsvorschlägen für die Gemeinschaftsrechte

Einleitung

Diese Schrift möchte ein Beitrag sein, für die durch die Globalisierung erneut entstandene Frage nach einer interkulturellen Grundlage einer für jeden Menschen einsichtigen Ethik. Der Anspruch bestimmter Religionen, in ethischen Fragen maßgebend zu sein, wird notwendigerweise in Frage gestellt. Die Religionen berufen sich auf ein höheres Wesen, wenn sie entscheiden, was gut oder böse ist. Da die Religionen sehr unterschiedlich und ihre Aussagen auf einen bestimmten Glauben angewiesen sind, erweisen sie sich für eine globale Ethik als ungeeignete Grundlage. Die Auseinandersetzung in der Frage - Wer denn der richtige Gott sei? - trennt die Weltgemeinschaft in verschiedene sich oft bekämpfende Lager. Ein Versöhnung zwischen den Religionen mag zwar ein Wunsch sein und populistisch oft betont werden, in Wirklichkeit kann besonders bei den die Welt bisher beherrschenden monotheistischen Religionen mit ihren je eigenen als absolut behaupteten Gottesbildern eine Versöhnung nicht stattfinden.

Als Maßstab für eine gemeinsam heute ehe denn je notwendige Ethik muß die Erhaltung des menschlichen Lebens sein. Diesem Maßstab braucht keine der bestehenden Religionen widersprechen. Die dem Menschen wohlwollenden Religionen sollten jedoch diesem Maßstab entsprechen können Der Mensch selbst und die gebührende Achtung seines Lebens ist das einzig mögliche Bindeglied, das alle Religionen, Weltanschauungen, Ideologien und alle Völker als gemeinsamen Nenner anerkennen können. Da der Mensch ein Gemeinschaftswesen ist, gehört die optimale Erhaltung der menschlichen Gemeinschaft mit zur einer Ethik für den Menschen. Aufgrund des durch die Globalisierung entstandenen Zusammenhang aller Menschen untereinander, ist die weltumfassende Gemeinschaft der Menschen miteinzubeziehen.

Die Schrift beginnt zunächst damit, was der historische Jesus zu einer heute neu zu entwickelnden Ethik zu sagen hatte. Da vermutet und auch behauptet wird, dass die gegenwärtige Ethik ihren Ursprung in der christlichen Religion habe, wird in dieser Schrift versucht, die eigentlichen Aussagen Jesus von den religiösen und mythischen Vorstellungen seiner Zeit zu trennen. Damit wird gezeigt, dass die ethischen Vorschläge und Empfehlungen Jesus nicht mehr christliche sondern eher humanistische Ethik genannt werden kann. Nur als solche sollte die Ethik Jesu als Impuls für eine interkulturelle Ethik aufgenommen werden. Ähnlich könnte eine moderne Ethik auch Impulsen anderer bedeutender Menschen aus den verschiedenen Religionen aufnehmen und im Dialog mit ihnen verarbeiten.

Diese Schrift erhebt nicht den Anspruch eine wissenschaftliche Arbeit zu sein. Dennoch geht die Schrift davon aus, dass die verschiedenen Begründungen einer Überprüfung auf Plausibilität innerhalb des menschlichen Dialogs standhalten können. Die Sprache sollte für alle Menschen verständlich sein und setzt keine Fachkenntnisse voraus. Es besteht die Möglichkeit, dass diese oder jene Thesen auch in anderen Büchern und Schriften veröffentlicht wurden. Die Schrift bringt diese in einem neuen Zusammenhang mit einem eng gesteckten Ziel, eine humanistisch interkulturellen für jeden plausible Ethik für die weltliche Gemeinschaft in verständlicher Sprache zu verfassen. Es ist ein Vorschlag für einen ethischen Weltdialog, der im Netzwerk des globalen Geschehens mit einbezogen werden kann.

I. Die Botschaft des historischen Jesus im Unterschied zu der Verkündigung der Kirchen als Beitrag zu einer interkulturellen Ethik

Innerhalb der christlichen Religion wird geglaubt, dass Gott Mensch geworden ist. Wenn Gott Mensch geworden ist, dann ist also der wahre Mensch Gott. Die ersten Christen haben an Jesus als den wahren Menschen (den Gott) geglaubt. Darum muss in diesem Zusammenhang die Frage: Wer war Jesus wirklich? gestellt werden

Wer war Jesus wirklich?

Wenn der Name Jesus genannt wird, haben sehr viel Menschen sehr unterschiedliche Vorstellungen, wer und was dieser Jesus war und heute noch ist. Allgemein bekannt ist in den christlich geprägten Völkern, dass von diesem Jesus in einem Buch - das Bibel genannt wird - vieles geschrieben wurde. Ob das jedoch, was in der Bibel von Jesus steht, auch historisch so geschehen und gesagt worden ist und nicht etwa aus dem Glaubenssicht seiner Anhänger behauptet wurde, muss geprüft werden. Viele neugierige Theologen und Historiker haben sich die Frage gestellt, ob es möglich ist, die tatsächliche Existenz des in der Bibel genannten Jesus von Nazareth wissenschaftlich nachzuweisen. Darüber sind inzwischen viele Bücher geschrieben worden. Die Schwierigkeit der wissenschaftlichen Forschung ist, dass es so gut wie keine neutralen Quellen gibt(also Texte, die nicht von den an Jesus Glaubenden geschrieben wurden), die eindeutig über die Existenz eines Jesus von Nazareth berichten. So ist der Forscher auf Indizienbeweise anhand der vorliegenden Quellen angewiesen. Bei den Untersuchungen ist festgestellt worden, dass es in der Zeit von etwa 30 nach der Zeitrechnung an in Jerusalem eine Gemeinschaft mit einem gemeinsamen Glauben gegeben hat, die sich auf Jesus von Nazareth bezog, der hingerichtet wurde. Eine neutrale Quelle berichtet, dass es in Jerusalem eine jüdische Sekte gegeben habe, die die Nazarener genannt wurde. Innerhalb dieser Gemeinschaft erzählten sich die Mitglieder viel von diesem Jesus. Es entstand eine feste Überzeugung, dass dieser Jesus ein Sohn des jüdischen Gottes sei und identisch mit dem für alle Juden erwarteten Messias. Messias war bei den Juden die Bezeichnung des jüdischen Königs, der – nach dem Ende der jüdischen Königsherrschaft - erwartet wurde als ein von Gott gesandter König. Die Königsbezeichnung Messias heißt auf griechisch Christus.

Später entstanden durch die Mission weit über Jerusalem hinaus noch mehrere Gemeinden , die sich selbst als christliche Gemeinden verstanden. Die mündlichen Berichte und Erzählungen über Jesus wurde nach und nach von verschiedenen Personen aus den Gemeinden schriftlich festgehalten. Die Schriften, die uns heute im NT vorliegen, sind erst von dem Jahr 60 an bis etwa 150 nach der Zeitrechnung zusammengestellt worden. Es hat also im günstigsten Fall eine dreißigjährige Überlieferungsgeschichte der von angeblich von Zeitzeugen stammenden Berichten gegeben. Diese sind zunächst mündlich weiter erzählt und später schriftlich festgehalten worden. Die sehr unterschiedlichen heute vorliegenden Berichte zeigen deutlich, dass die Erzählungen über Jesus und seine Aussagen während der Überlieferungszeit verändert und neu konstruiert worden sind. Widersprüche (- im Vergleich der Berichte zu erkennen - ) machen an vielen Aussagen deutlich, dass sich entweder nur das eine oder das andere in der Berichterstattung historisch zugetragen haben kann. Da fast nur Quellen vorliegen, die positiv zu diesem Jesus von Nazareth stehen und die Geschichte vertsändlicherweise mit der eigenen "Glaubensbrille" sehen, ist eine neutrale historisch kritische Forschung aufgrund dieser Quellenlage sehr schwierig. Es kann also nicht eindeutig nachgewiesen werden, wer und was dieser Jesus gewesen ist.

Trotzdem können durch indirekte Beweise historisch stattgefundene Ereignisse plausibel aus den vorhandenen Texten ermitteln werden. Die Beweisführung wird durch die Erkenntnis über ein typisches Verhalten des Menschen geleitet. Der Historiker muß berücksichtigen, dass bei allen Berichten immer (bis zum heutigen Tag) die nicht zu leugnende subjektive Tendenz des Berichterstatters im Text miteinfließt und macht damit eine rein objektive neutrale Berichterstattung unmöglich. Alles was ein Berichterstatter gehört oder gesehen hat, wird in seinem Gehirn verarbeitet und dann als subjektiv verarbeitetest Ergebnis wiedergegeben. Dem Berichterstatter ist dieser Vorgang meist nicht bewußt. Das Bewußtsein eines jeden Subjekts wird jedoch durch die Eigenschaft gelenkt, das dem Menschen Unangenehme zu verschweigen oder diesem durch Erklärungen oder Änderungen einen positiven, entschuldigenden Wende zu geben. Also z.B. wenn jemand einen anderen sehr gern hat, vermeidet er es (wenn es ihm gelingt) über diesen etwas Negatives zu berichten. Diese wohl jedem einleuchtende und immer wieder nachzuweisende Eigenschaft kann man fast bei jeder Berichterstattung erkennen. Und je weiter der Bericht vom eigentlichen Geschehen entfernt (zeitlich oder auch örtlich) und je mehr Personen ihn weitergeben haben, um so mehr weicht er vom eigentlichen Geschehen ab und ähnelt immer mehr einer Legende.

Im NT finden wir Erzählungen und Aussagen über und von Jesus, die weder in das Glaubensverständnis der Urgemeinde und erst recht nicht in das der späteren Kirche einzuordnen sind. Diese Aussagen können aber auch nicht vom jüdischen Glaubensverständnis abgeleitet werden. Sie machen Jesus als Rabbi jedoch zum Reformator des jüdischen Glaubens, der in dieser Konsequenz von der gläubigen, christlichen Gemeinde nicht gerne überliefert wurde. Diese Berichte und Aussagen sind wirklich historisch, weil sie überliefert wurden, auch wenn es der Tendenz sowohl der jüdischen Glaubensgemeinschaft als auch des späteren Christentums nicht entspricht. An manchen Stellen im NT wird eindeutig durch Zusatzbemerkung die ursprüngliche Aussage abgeschwächt und damit verändert. Anhand diesen historisch kritischen Kriterien soll hier versucht werden, zu einer wahren historisch wahrscheinlichsten Geschichte des Jesus von Nazareth zu kommen.

Der Anfang der christlichen Gemeinde

Auch außerbiblische Quellen berichten von einer jüdischen Splittergruppe, die auf einen Jesus von Nazareth zurückzuführen sind, der etwa 30 n..Zt. hingerichtet wurde. Es gibt keinen Grund, dies historisch anzuzweifeln. Diese Gruppe ist ein Hinweis auf einen Menschen, der Mitglieder der Gruppe beeindruckt und ihrem Leben eine positive Wende gegeben hat. Aus vielen Aussagen in den Evangelien ist zu erkennen, dass die Mitglieder einst zu den nicht geachteten Randgruppen der Gesellschaft gehörten. Für diese Menschen war Jesus zunächst ein Mensch, der durch seine Botschaft ihnen die Würde und Anerkennung vor Gott und den Menschen zurückgab. Für sie war die Botschaft eine Erneuerung ihres Lebensgefühls, also eine Rettung aus der oft selbst verursachten Lebenssituation . Man könnte sagen, es entstand durch die Botschaft Jesus ein Aufatmen und eine Heilung der Seele durch die geglaubte Zuwendung eines neu verstandenen Gottes als Vater. Dass Jesus wahrscheinlich als Rabbi, wie die Berichte aussagen in den Synagogen lehrte, erhöhte für diese Armen die Kompetenz seiner Aussagen. So könnte man sich erklären im Vergleich mit vielen historisch anzuerkennenden Aussagen des Jesus, dass sich - heute würde man sagen - eine Fangemeinde entwickelt hat. Nach der Hinrichtung Jesus schien sich alles, was sich die Gemeinde erhoffte, wie Schall und Rauch aufgelöst zu haben. In Lk.(Lukas) 24,13ff wird von der Verzweiflung der Gemeinde berichtet:

Einige Anhänger der Gemeinde unterhielten sich über die vergangenen Ereignisse ( Hinrichtung Jesu usw.). Ihrem staunenden Begleiter, der sich zu ihnen gesellt hatte, fragten sie: „ Bist du der einzige, der in Jerusalem weilt und nicht erfahren hat, was da in diesen Tagen geschehen ist?“ Auf die Frage. Was? antworten sie: „Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in der Tat und Wort vor Gott und allem Volk und wie ihn unsere Hohenpriester und unsere Oberem zum Todesurteil ausgeliefert haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen sollte."

Dieser Teil des Textes gibt sehr einleuchtend die Situation der ersten christlichen Gemeinde nach dem Tod Jesu wieder. Hier entsteht der Glaube an Jesus als den von Gott gesandten Messias. Wenn jedoch dieser Jesus trotz Tod immer noch leben würde, also auferstanden wäre, dann wäre das für seine Anhänger die Rettung, dann erwiesen sich die heilenden Worte Jesu als kompetente ewigen Worte des israelitischen Gottes.

Zunächst eine Erklärung zu der Aussage : "Wir aber hofften, er sei der Israel erlösen sollte",. Der Glaube des jüdischen Gesellschaft war und ist für die glaubenden Juden bis heute, dass Jahwe (Name des jüdischen Gottes) einen aus dem Königsgeschlechts Davids stammenden Menschen senden wird, der die Juden von aller Fremdherrschaft mit göttlicher Kraft befreien wird. Dieser hat in der jüdischen Tradition mehrere Titel erhalten: In hebräisch Messias in griechisch Christus (abgeleitet von der Bezeichnung eines jüdischen Königs) oder Menschensohn

( Die Erklärung des Titels Menschensohn ist umfangreich und hat viele Interpretationen ausgelöst. Hier reicht das Verständnis, dass es auch eine Bezeichnung für den kommenden angesagten Heiland des jüdischen Volkes war)

Diese genannten Titel sind zunächst die wichtigsten, die der Leser der Evangelien kennen sollte, damit er die Texte auch verstehen kann.

Die ersten Anhänger Jesus hatten, wie das Zitat deutlich macht, den gleichen Glauben wie die anderen Juden. Was sie später von den jüdischen Glauben unterschied war; sie sind davon überzeugt, dass in Jesus der Messias gegenwärtig ist; also einer - nach dem Zitat - der Israel erlösen sollte. Die verzweifelten Aussagen der ersten Anhänger in unserem Text vertragen sich nicht mit anderen Aussagen der Evangelien, in denen Jesus sein Leiden und seine Verurteilung schon zu seinen Lebzeiten angekündigt haben sollte mit dem Hinweis, dass solches nach dem Willen Gottes geschehen müsse. Es widerspricht auch den berichteten und Jesus in den Mund gelegten Aussagen, die deutlich machen, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist und die Erlösung nicht alleine Israel zukommen wird. All die Aussagen, in denen Jesus der Messias, der Menschensohn, der Sohn Gottes, das Sühneopfer, das Lamm Gottes genannt wird und es von dem Glauben daran sogar abhängig gemacht wird, dass der Mensch gerettet werden kann oder auch nicht, unterstützen das Selbstbewußtsein der christlichen Gemeinde. Davon scheinen die ersten Anhänger in der zitierten Geschichte noch keine Ahnung gehabt zu haben. Sie drücken in ihrer Verzweiflung nur ihre Hoffnung aus, die anscheinend durch die Hinrichtung zunichte gemacht wurde.

Was ist historisch?

Hat sich Jesus selbst als Messias verstanden und dies auch zu seinen Lebzeiten offenbart? Oder ist das Zitat von den ersten Mitgliedern historisch und bezeichnet die Lage der Christen nach der Hinrichtung Jesu, wie es wirklich gewesen ist?

Das Bild der verzweifelten Urgemeinde wirft einen Schatten auf die Anhänger. Das Bild von Jesus als einen Messias mit einer von Gott ausgestatteten Autorität macht die Anhänger zu den Auserwählten Gottes, der die Zusage Jahwes an das Volk Israel von dem Volk Israel auf die christliche Gemeinde übertragen hat. Beim Vergleich dieser sich widersprechenden Aussagen kann nach der nachgewiesenen Regel der Überlieferungsgeschichte nur die Aussage als historisch gelten, die dem Selbstbild der (in diesem Fall als Autor) christlichen Gemeinde - nicht gerade nützlich ist, wenn nicht sogar schadet.

Die höchste Wahrscheinlichkeit dass Jesus sich selbst nicht als Messias ausgegeben hat, beweisen mehrere Aussagen im NT. In Mk.(Markus)8,11ff :Jesus lehnt es ab seine Kompetenz zu beweisen. In M8,29f Als Petrus ihn als Christus bezeichnete, gibt Jesus strengen Befehl, dies nicht zu verbreiten. Auch bei seinem Besuch in seiner Heimatstadt lehnt er es ab, ein Hinweis zu geben, das er der Messias ist. In Lk.7,19ff wird berichtet, dass der Eremit Johannes seine Anhänger zu Jesus schickt mit der Frage, ob er der sei, der da kommen soll. Jesus antwortet: Lahme gehen, Blinde werden sehend, Taube hören, Armen wird die frohe Botschaft gebracht. Auf die Frage, ob er der Messias sei, weist er also daraufhin, dass da wo Heilung und Zuspruch geschieht, da ist der Gott bzw. das Reich Gottes gegenwärtig, auf das Israel wartet. Er identifiziert damit die Gegenwart Gottes mit der Gegenwart einer sich heilenden Gesellschaft. Damit weicht er aber ab von dem Bild, was sich sowohl die Juden und auch die christliche Gemeinde und Kirche von ihrem Messias gemacht haben.

Das Selbstverständnis Jesu als der Bote der Botschaft, die eine Verwirklichung der Heilung des Menschen und der sich heilenden Gesellschaft ermöglicht, ist dem historischen Jesus zuzuordnen. (Ich würde ihn damit den Boten des wahren Menschen nennen.)

Das Gottesbild des historischen Jesus von Nazareth

Es gibt die Aussage vieler Menschen: Wir haben doch alle einen Gott, ob Juden, Christen oder Moslems. Diese Aussage mag hypothetisch richtig sein, aber die Vorstellung von dem jeweiligen Gott sind bei den verschiedenen Glaubensrichtungen sehr unterschiedlich. Es ist nicht der Glaube, dass es einen Gott gibt, der das Verhalten oder die Gefühlslage der Glaubenden bestimmt, sondern die Vorstellung bzw. das Bild, das der Mensch sich von diesen Gott macht. Die Frage: Wer ist der richtige Gott? - ist also uninteressant bzw. nicht ausschlaggebend, sondern welche von den verschiedenen Vorstellungen oder Bildern von Gott ist die richtige. Die Anwort darauf gibt es nicht außer im subjektiven Glauben der Religionsanhänger und der ist wiederum sehr verschieden. Trotzdem ist es wichtig für eine Beurteilung, die verschiedenen Gottesbilder in etwa zu kennen, damit wir die Unterschiede wahrnehmen können. In diesem Zusammenhang ist es notwendig zu erfahren, welches Bild von Gott der historische Jesus von Nazareth gehabt hat und wie sich dieses Bild von anderen unterscheidet..

Jesus als Jude in der Stadt Nazareth ist wahrscheinlich in einer Handwerkerfamilie geboren und groß geworden. Dort hat er eine religiöse jüdische Erziehung genossen. Seine Eltern gehörten zu einer bürgerlich anerkannten Schicht, die auch die religiösen Sitten und Gebräuche der jüdischen Gemeinde mitvollzogen hat. Wie etwa in der inzwischen in unseren vergangenen Gegenwart der bürgerliche Mensch, wo Taufe, Konfirmation, Kommunion und Kirchgang u.a.m. zum üblichen Ton gehört. So heißt auch der Gott des Jesus Jahwe (in der Bibel oft auch mit Herr oder griechisch Kyrios übersetzt).

Jesus übernimmt das jüdische Gottesbild jedoch nur teilweise . Jahwe ist für ihn kein Richter, der freispricht oder verurteilt. Jahwe ist für ihn ein Gott, dessen Ziel es ist, für das optimale menschliche Leben eines jeden Menschen ohne Ansehen der Person oder Zugehörigkeit einer Rasse oder eines Volkes sich einzusetzen, in dem er statt den Menschen zu verurteilen jeden freispricht ohne Bedingung. Er will den Menschen heilen von seinen negativen inneren, das menschliche Leben zerstörenden Trieben, die damals mit Teufel oder Beelzebub bezeichnet wurden. Jahwe erwartet nach Jesu Botschaft von den Menschen Liebe und keine Opfer. Jesus beruft sich in seinem Gottesbild auf die Propheten z.B. auf Hosea 6,6. Denn an Liebe habe ich Wohlgefallen und nicht an Schlachtopfern.

Die Gottesbilder der damaligen Religionen stellten sich Götter vor, die Genugtuung forderten, wenn der Mensch ihren Willen nicht erfüllte. Sie wollten verehrt werden, wenn man ihren Segen haben wollte. Sie erwarteten von den Menschen Opfer, die der Mensch sich von seinem Lebensunterhalt absparen mußten und dem Gott weihen sollte. Auch der Gott Israels wird als Gott dargestellt, der erwartet, dass die Sünde gesühnt werden müßte und der Mensch durch ein Opfer eine solche Sühne vollziehen könne. Dieses Opfer nannte man Sühneopfer, dass den Menschen freisprach von seinen Sünden

Diesem religiösen Gottesbild widersprechen manche Propheten teilweise und der historische Jesus absolut. Es gibt zwar Texte im NT, die widersprechen den Aussagen, in denen Jesus das eben genannte Gottesbild deutlich betont. Diese sind jedoch Konstruktionen der Urgemeinde . Für Jesus und auch für die Propheten ist es die Liebe oder der humanitäre Umgang der Menschen untereinander, was Gott erfreut. Wenn der Mensch dazu nicht in der Lage ist, dann kann ihn davon nur die Zusage Gottes erlösen oder heilen. Diese Liebe wird umsonst angeboten und keiner kann damit ein Geschäft machen oder eine Macht aufbauen. Wenn also der Gott des historischen Jesus kein Sühneopfer verlangt, kann es doch nicht wahr sein, wie die christliche Gemeinde geglaubt hat, dass sich Gott damit Genugtuung verschafft, indem er seinen eigenen Sohn als Sühneopfer für sich selbst opfert, damit die Menschen dadurch befreit werden von ihren Sünden. Die absolute Liebe des Gottesbildes Jesu erübrigt jedes Opfer, es erfreut sich aber der Liebe. Dieses Gottesbild, das in vielen Aussagen Jesus und seinem Verhalten deutlich wird, widerspricht sowohl dem jüdischen als auch dem christlich-kirchlichen Gottesbild, wie man nicht lange nachweisen muss, weil es in unserer Gesellschaft allgemein bekannt ist.. Damit ist so gut wie nachgewiesen, dass das Gottesbild des historischen Jesus Gott als die Kraft der bedingungslosen Liebe in Wirklichkeit die Gottesvorstellung ist, die er verkündet hat.

Die sich in der christlichen Gemeinde später beibehaltene Vorstellung des jüdischen Gottes verändert dass Gottesbild der Religionen und auch des Judentums kaum. Hier wird Gott oder Christus, der mit Gott identisch sein soll, wieder zum Richter gemacht, der die Bösen und an ihn nicht Glaubenden ablehnt und bestraft oder sie vom Heil ausschließt. Hier wird der Glauben und sogar religiöse Riten zur Bedingung gemacht (Mk. 16,16: Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.) Psychologisch verständlich ist es schon, dass das Bild Gott als Richter den Glaubenden in der jüdischen Sekte, die sich auf Christus berufen, entgegen kam. Jesus hatte sie zwar aus den Randgruppen der damaligen Gesellschaft herausgeholt, in dem er einen Gott verkündete, der heilt, sich der Armen annimmt, den Sündern ohne Bedingung vergibt, aber in der Gesellschaft war die christliche Sekte nach wie vor nicht anerkannt. Ganz im Gegenteil sie wurden sogar verfolgt. Da liegt es nahe, dass diese Feinde des Glaubens bei Gott die eigentlich Benachteiligten sein sollten und später dafür büßen werden. Die Aufwertung, die die Anhänger durch Jesus bekommen hatten, wurde in der Gesellschaft zunichte gemacht. In dieser Situation ist es verständlich und einleuchtend, dass während der Überlieferung des Evangeliums die Aussagen, in denen Gott oder Jesus wieder Bedingungen stellt, sich entwickelt haben und damit aber nicht dem historischen Jesus zuzuordnen sind. Die eigentliche Friedensbotschaft des Jesus von Nazareth wird dadurch entschärft. Die absolute Anerkennung eines jeden Menschen trotz Schuld schüttet die Gräben in der menschlichen Gemeinschaft zu, die durch die Einteilung in Gute und Böse, Glaubende und Nichtglaubende, Gerechte und Ungerechte entstanden sind. Durch die Verurteilung von Menschen und dabei nicht nur ihre krankhaften Verhaltensweisen wird der mögliche Friede unter Menschen und ihren Gemeinschaften zerstört. Heilen heißt die Devise des historischen Jesus und nicht verurteilen der oft in die Irre geratenen Menschen. Wer den Gott des Jesus und Jesus selbst wieder zum Richter macht, der ist nach dem historischen Jesus weit weg vom Reich Gottes oder dem Friedensreich. Der müßte durch die Heilsbotschaft erneut geheilt werden.

Nach dem historischen Jesus ist Gott auch nicht der, der ein absolutes für alle Zeiten gültiges Gesetz herausgegeben hat. Er will auch nicht die für das menschliche Leben notwendigen Verhaltensweisen bestimmen, weil sie sich aus dem Leben in der Gemeinschaft mit dem Ziel der Lebenserhaltung von selbst ergeben. Für den historischen Jesus ist Jahwe ein Gott, dessen Ziel es ist, dafür zu sorgen, dass das menschliche Leben gesund erhalten bleibt. Er ist wie der Vater einer Familie, der darauf achtet, dass innerhalb der Familie Regeln beherzigt werden, die das Leben in der menschlichen Gemeinschaft ermöglichen. Diese Regeln sind zeit- und situationsbedingt, und ihre Gültigkeit erweist sich darin, ob sie das menschliche Einzelleben inklusive seiner Gemeinschaft ermöglicht und fördert und nicht schadet. Diese Regeln bzw. Gesetze sind nach dem wie Jesus seinen Gott versteht auf das diesseitige Leben ausgerichtet. Wenn auch wie das Gebet und andere religiöse Riten sich dem Jenseits zuwenden, so haben sie doch ein Bezug auf das gegenwärtige diesseitige Leben z.B. des seelischen und körperlichen Wohlbefindens. Ein Hinweis auf dieses Gottesbild des historischen Jesus und seine relativierende Bedeutung eines von Gott gegebenen absoluten Gesetzes findet wir in folgender Erzählung in Mk 2,23ff

Zum Verständnis eine Information vorweg: Das dritte Gebot in der israelitischen Gesetzestafel, die von Gott Jahwe dem Volk Israel gegeben wurde, heißt es: Du sollst den Sabbat heiligen. Der Sabbat beginnt am Freitagabend und endet am Samstagabend. Bei den Juden wurde das Heiligen des Sabbats mit vielen Vorschriften geregelt, die - wie sie glaubten - ebenfalls von ihren Gott so angeordnet worden sind oder das eigentliche Gesetz schützen sollten. Diese Gebote zu mißachten galt als eine schwere Sünde.

In der Erzählung im Markusevangelium wird berichtet, dass Jesus mit seinen Jüngern (Bezeichnung für die mit Jesus umherziehenden Gruppe) am Sabbattag durch die Felder ging. Die Jünger haben unterwegs Ähren zur eigenen Ernährung ausgerauft. Außerhalb des Sabbats war das damals erlaubt. Am Sabbat verstößt das gegen das Gesetz Gottes. Es ist einem bewußten Verbrechen in unserer Zeit gleichzusetzen. Nun hatten die sogenannten ´Sicherheitsbeamten´ (Pharisäer genannt), die sich für die Einhaltung des Gottesgesetz besonders kümmerten, Jesus auf den Kieker. Man muss wissen, dass viele Juden das Kommen ihres Messias dann erwarteten, wenn möglich viele Juden sich genau nach den Gesetzesvorschriften halten. Die Pharisäer fragten nun Jesus: Warum tun deine Jünger (Anhänger), was nicht erlaubt ist? Und Jesus antwortet mit dem Kernsatz: Der Sabbat ist um des Menschen will geschaffen worden und nicht der Mensch um des Sabbats willen. Wir können – so hat es Jesus sicherlich gemeint – für Sabbat auch das Wort Gesetz einsetzen, weil hier alle übrigen Vorschriften miteinbezogen werden können. Jesus Antwort paßt nun nicht in die jüdische Auffassung vom Gesetz und genau so wenig in die der christlichen Gemeinde. Aus diesem Satz geht hervor, dass der Mensch und seine Belange das Kriterium sind, was als gut oder böse zu gelten hat. Danach sind auch die bestehenden Gesetze, die einst von Jahwe gegeben worden sind, zu überprüfen, weil nach Auffassung Jesu die eigentliche Tendenz Jahwes ist, den Menschen für die Erhaltung ihres Lebens Regeln zu geben. Wenn aber aus welchen Gründen auch immer die Regeln dieser Tendenz Jahwes nicht mehr entsprechen, so kann der Mensch selbst nach den Regeln der Humanität handeln, auch wenn das gegen dem ursprünglichen Buchstaben des einst gegebenen Gesetzes verstößt. Damit wird der Mensch mit seiner Vernunft gemäß der Botschaft Jesus zum Autor der Menschenrechte.

Die Vernunft wird übrigens von Jesus nicht so zweitrangig gesehen wie bei manchen Vertreter der Kirche heute. Jesus ruft fast wie bei Sokrates die Vernunft auf, aus bestimmten Vorgaben, einsichtige Anworten zu geben. Es kommt jedoch darauf an, mit welchen Fragen die Vernunft betraut wird. Sie wird jeweils innerhalb eines Problemkreises auch logisch und in sich geschlossen die Fragen, die sich daraus ergeben, richtig beantworten können. So wird die Vernunft auch zu richtigen Ergebnissen kommen, wenn es um die Frage geht, wie die Erhaltung des menschlichen Lebens und damit der menschlichen Gemeinschaft möglichst lange und möglichst optimal für jedes Leben erhalten werden kann. Die Vernunft selbst allerdings erzeugt weder Negatives oder Positives. Sie wirkt immer in einem vorgegebenen Fragekreis, der sowohl Leben Schaffendes als auch Leben Zerstörendes verursachen kann. Das Material, was der Vernunft zu einsichtigen Antworten vorgegeben ist, bestimmt die Ergebnisse. So ist immer die Frage zu stelle: Zu welchen Zweck oder Sinn soll etwas als vernünftig oder unvernünftig erklären werden, damit dabei möglichst Gutes herauskommt..

Weil das Wort Jesus über das Gesetzt (über den Sabbat) in der Urgemeinde wie eine Aussage erschien, die die Autorität des Gesetzes des Jahwes untergraben würde, hat in der Überlieferungsgeschichte der Satz eine Ergänzung erhalten V28 "Somit ist der Sohn des Menschen (Menschensohn) auch Herr über den Sabbat." In den Parallelgeschichten, die teils von Markus abgeschrieben wurden bei Matth. 12,1ff und Lk. 6,1ff, wird die ursprüngliche Aussage Jesus ganz ausgelassen. Der Satz jedoch: "Des Menschensohn ist Herr über den Sabbat" wurde wörtlich übernommen. Die Urgemeinde übernimmt also das Gottesbild des jüdischen Glaubens oder auch anderer Religionen in Bezug auf das Gesetz (ein Gott oder göttliche Autorität ist der Gesetzgeber und das Gesetz hat absolute Gültigkeit). Auch die spätere Kirche verändert wie die Urgemeinde das Gottesbild des jüdischen Glaubens nicht. Die christliche Gemeinde(später Kirche) übernimmt es, indem sie deutlich macht, dass nur Gott bzw. Christus und seine auserwählten Experten (z.B Petrus oder Papst) auf Erden sagen können, was als Hauptregel für das menschliche Leben zu gelten hat. Dem widerspricht der historische Jesu, der nicht aufgetreten ist wie ein Messias oder Menschensohn als neuer Gesetzgeber. Er läßt z.B in der zitierten Erzählung seine Jünger das Gesetz nicht brechen, weil dies nur in seiner Gegenwart erlaubt wäre. Er begründet sein Verhalten mit einer humanitären Vernunft, weil ein ehemaliges Gesetz gerade Leben und Überleben des Menschen stören kann, deshalb braucht der Mensch aus seiner Sicht heraus sich nicht daran halten. Ein anderes Beispiel für diese Haltung Jesu. In Mk.3,4 stellt der historische Jesus am Sabbat an seine Kritiker die Frage: "Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses, ein Menschenleben zu retten oder zu töten?" Dem Kritiker sollte mit der Frage einsichtig gemacht werden, dass Gutes tun keine gesetzliche Grenzen haben darf. Dass am Sabbat Böses tun oder sogar Töten nicht erlaubt sein darf, war für jeden selbstverständlich, das gilt für jeden Wochentag. Das Ziel der Fragestellung Jesu ist ein anderes. Die Frage zielt daraufhin, ob jederzeit Gutes tun durch irgendeine gesetzliche Vorschrift eingeschränkt werden darf. Die Antwort auf die Frage Jesus scheint den Kritikern aufgrund ihres Gottesbildes peinlich gewesen zu sein. Ja in der Erzählung macht sie die Frage sogar wütend. Dieser Bericht macht wiederum deutlich, daß das Kriterium der Ethik bei Jesus der Mensch ist. Was für den Menschen gut ist, muss nach Jesus kein Gott bestimmen. Die Menschen können im Dialog untereinander schon selbst herausfinden, was für sie gut oder schlecht ist.(Dies wurde in unserer Zeit durch die Menschenrechte schon erwiesen)

Die Aussage Jesus über das Gesetz würde auch heute noch sehr viele christliche Gemeinschaften auf die Palme bringen. Eine säkularisierte Ethik als die eigentliche Ethik des historischen Jesus würde der Kirche und den Kirchen in ihrem ethischen Bemühen eine ganz andere Dimension verleihen. Gerade darum sind die diesbezüglich Erzählungen historisch, weil sie einen Jesus zeigen, der wohl kaum von den ersten Christen in der Überlieferungsgeschichte verändert worden ist. Mit Absicht verändert kein Autor sein Berichterstattung gegen seine eigene ihm entgegenkommende Sicht. Das es viele vielleicht sogar mehr Aussagen im NT gibt, die Jesus eher als den neuen Gesetzesgeber Jahwes darstellen, ist nicht zu bestreiten. Da sie aber alle in die gewünschte Ansicht der ersten Christen und später auch der Kirche passen, ist es so gut wie sicher, dass sie nicht von Jesus selbst stammen, während die anderen für die Kirche recht unangenehmen Aussagen dem historischen Jesus am nächsten liegen.

Verständnis des historischen Jesus vom Reich Gottes, Königsherrschaft Gottes, Himmelreich oder andere diesbezüglichen Begriffe

Es ist höchstwahrscheinlich, dass der historische Jesus auch den Satz wagen würde: Der Mensch ist nicht für Gott da, sondern Gott ist für den Menschen da. Die Konsequenz seiner Botschaft läuft darauf hinaus. Das macht sein Verständnis vom Reich Gottes deutlich.

Zum Verständnis des Wortes: Reich Gottes: Die genaue Übersetzung sowohl des hebräischen als des griechischen Ausdrucks ist: Königsherrschaft Gottes. Dies wurde in der damaligen Zeit sowohl verstanden als Bezeichnung für Gottes Regiment ( dass Gott der König ist, der regiert ) als auch als dessen Herrschaftsgebiet ( der Bereich der Menschen, die unter seiner Regierung stehen) .

Jesus wird in Lk17,20ff die Frage gestellt : Wann kommt das Reich Gottes? Die Antwort: "Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte. Man wird auch nicht sagen hier oder dort! Denn siehe das Reich Gottes ist inwendig in euch."

Wie diese Aussage auch zu interpretieren ist, so zeigt sie doch eindeutig, dass der historische Jesus den Begriff Reich Gottes nicht einem jenseitigen Bereich zuordnet. Reich Gottes ist auch nicht geographisch zu finden. Es kann außerdem nicht mit den Augen beobachtet werden . Folgerichtig könnte an Jesus die berechtigte Frage gestellt werden: Wie kann ich das Reich Gottes erkennen oder empfinden? Eine Aufklärung können andere Texte aus dem NT bringen :

In Mtth,13,52f sagt Jesus: Ein Schriftgelehrter (damals ein Kenner der Bibel und der jüdischen Religion, also ein Theologe) der in Sachen Gottes Reich (Himmelreich hier genannt) unterrichtet ist, ist einem Hausherren gleichzusetzen, der aus seinem Schatz (also seine alten und neuen Erkenntnisse) Neues und Altes hervorholt .

In diesem Text wird gesagt, dass ein Mensch über die Inhalte des Reiches Gottes unterrichtet werden kann. Das bedeutet, dass der Bereich Reich Gottes der Bereich einer neuen Verkündigung, einer neuen Botschaft, eines neuen Gottesverständnisses ist, aus der Schriftgelehrte Neues schöpfen können, damit alte Erkenntnisse verbessert werden.

In Mk12,28ff In einem Disput antwortet Jesu auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot mit dem bekannten Gebot der Gottes- und Nächstenliebe mit der Ergänzung, dass die Liebe mehr sei als Schlachtopfer und Brandopfer (also einer damals übliche religiöse Praxis). Ein Theologe in der Gesprächsrunde lobt Jesu Auffassung. Darauf sagt Jesus: „Dieser Theologe ist nicht weit vom Reich Gottes entfernt.“

Diese Aussage macht deutlich, dass Jesus den Bereich Reich Gottes mit der Erfüllung des Liebesgebotes gleichsetzt. Da wo der Mensch sich aktiv für die Erhaltung des optimalen Leben seines und anderer Menschen bemüht, (was mit der Erfüllung des Liebesgebotes gleichzusetzen ist) da geschieht Reich Gottes. Wenn von Jesus gesagt wird, dass jemand nicht fern davon ist, dann hat das nichts mit einer geographischen oder zeitlichen Entfernung zu tun, sondern damit, wie nah oder fern jemand vom Bereich der Liebe ist. In diesem Zusammenhang sind auch die Aussagen Jesu zu verstehen, in denen Jesus sagt: Das Reich Gottes ist nahe herbei gekommen .

Es ist nahe liegend für die ersten Christen, den historischen Jesus als einen Messias zu begreifen, der mit seiner Botschaft dem Menschen den Schlüssel in die Hand gibt, mit dem sie sich in den Bereich der Liebe (also Reich Gottes) einen Zugang eröffnen können. Dass die Menschen einen Schlüssel brauchen, um von der unfriedlichen Welt in den Bereich einer friedlichen Welt zu gelangen, wird jeder zugestehen. Aber der Schlüssel ist für Jesus die Kraft der frohen Botschaft und die läßt sich von keinem besitzen weder von Papst, Bischöfen Priester oder anderen Menschen, weil es eine geistige Kraft ist. Diese Kraft offenbart sich in der Verwirklichung der Liebe. Anzeichen, dass das Reich Gottes auch heute noch nahe ist, sind die vielen Aktivitäten in der Welt, die durch Friedensbemühungen, Einsatz für die Menschenrechte, Sorge um ausgleichende Lebensbedingungen und viele andere Tätigkeiten, die sich um die Erhaltung eines menschlich würdigen Lebens einsetzen .

64 von 64 Seiten

Details

Titel
Der wahre und gesunde Mensch
Autor
Jahr
2007
Seiten
64
Katalognummer
V121472
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit entstand als persönlicher Auftrag, der den historischen Jesus herausarbeiten im Unterschied zu kirchlichen Christus herausarbeitet. Dieser Jesus gab die Anregung, eine rationale Ethik zu erarbeiten, die unabhängig von Weltanschauung und Religion als Anregung angenommen werden kann, wie z.B. die Menschenrechte.
Schlagworte
Mensch
Arbeit zitieren
Pfarrer Hanns Lutze (Autor), 2007, Der wahre und gesunde Mensch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121472

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