Die vorliegende Arbeit thematisiert die Sozialisation unter dem Aspekt kognitiver und moralischer Entwicklung. Grundlage für die Entwicklung pädagogischer Konzepte in Bildungseinrichtungen bildet das Stufenmodell der moralischen Entwicklung nach L. Kohlberg.
Während der Zeitgeist der 50er Jahre noch vom Menschen als Tabula rasa ausging und die Persönlichkeit ausschließlich als Produkt ihrer Umstände ansahen, war Kohlbergs Blick schon früh von den Ansichten Piagets und John Deweys geprägt, weshalb er in den 60er Jahren seine kognitive Entwicklungstheorie aus der strukturgenetischen, konstruktiven Perspektive heraus ausbaute. Dieser entwicklungstheoretische Ansatz Kohlbergs konnte sich 1969 mit der ersten Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse in seinem Buch "Stage and Sequence" als Alternative zu den derzeitig verbreiteten Theorien zur Sozialisationsforschung etablieren und führte so zu seinem Durchbruch, nachdem er an der Harvard-Universität in Cambridge 1968 seine Professur antrat und das "Zentrum für moralische Entwicklung und Erziehung" gründete, welches er bis zu seinem Tode leitete.
Um seine Entwicklungstheorie auch für die praktische Moralerziehung fruchtbar zu machen, ging er der Frage nach möglichen begründbaren Erziehungszielen nach und entwickelte sein Konzept der Just Community, welche laut Oser und Althoff den Kern der Kohlbergschen Moralerziehung dar- stellt. Dieses Konzept einer Schule vom Typ der "gerechten Gemeinschaft", wo Demokratie durch die Praxis dergleichen erfahrbar machen und so die moralische Entwicklung durch moralisches Handeln und Entscheiden vorantreiben soll, wurde von Kohlberg in einem Projekt an einer Schule in der südlichen Bronx getestet und dessen Effektivität durch Studien und Tests begleitend untersucht.
Inhaltsverzeichnis
I. EINIGE BIOGRAPHISCHE DATEN KOHLBERGS
II. DER „PROGRESSIVE“ ANSATZ NACH L. KOHLBERG
III. DIE THEORIE DES MORALISCHEN URTEILS
1.Kognitive Entwicklung
2.Gelegenheiten zur Rollen- und Perspektivenübernahme
3.Der kognitiv-moralische Konflikt
IV. DIE STUFEN DES MORAL URTEILS NACH KOHLBERG
NIVEAU I – Das präkonventionelle Niveau
Stufe 1 – Die Stufe der Orientierung an Strafe und Gehorsam
Stufe 2 – Stufe der Orientierung an individuellen Rechten und Austausch
NIVEAU II – Das konventionelle Niveau
Stufe 3 – Orientierung am Denken von Bezugsgruppen
Stufe 4 – Orientierung an den Regeln des sozialen Systems
NIVEAU III – Das postkonventionelle (prinzipienorientierte) Niveau
Stufe 5 – Stufe individueller Rechte, gesellschaftlicher Nützlichkeit und der Relativierung gesellschaftlicher Maßstäbe
Stufe 6 – Die Stufe der universalen, ethischen Prinzipien
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Theorie der moralischen Entwicklung nach Lawrence Kohlberg und beleuchtet die kognitiven sowie sozialen Faktoren, die den Übergang zwischen verschiedenen moralischen Urteilsstufen ermöglichen. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie sich das moralische Denken vom frühen Kindesalter bis hin zu universalen ethischen Prinzipien strukturiert entwickelt.
- Biografische Einflüsse auf Kohlbergs Theoriewerdegang
- Der progressive pädagogische Ansatz nach Kohlberg
- Die kognitiv-strukturelle Theorie des moralischen Urteils
- Systematik der sechs Stufen der moralischen Entwicklung
- Die Rolle von kognitiven Konflikten und Perspektivenübernahme
Auszug aus dem Buch
II. DER „PROGRESSIVE“ ANSATZ NACH L. KOHLBERG
Der progressive Ansatz geht, wie bereits erwähnt, auf die Erziehungsphilosophie John Deweys zurück und wurde von Kohlberg auf dem Hintergrund seiner Entwicklungstheorie entwickelt.
Nach dieser „moralpsychologischen Entwicklungstheorie“, die sich auf konstruktivistische Annahmen bezieht, dass heißt davon ausgeht, dass der Mensch aktiv an seiner Entwicklung beteiligt ist, welche in Interaktion von Umweltbedingungen und ihrer strukturierenden Verarbeitung abläuft, findet die Entwicklung demnach dann statt, wenn die bestehenden Denkstrategien zur Lösung eines Problems nicht mehr ausreichen, also Widersprüche auslösen, die mit den bestehenden Formen geistiger Verarbeitung nicht mehr bewältigt werden können und so zu einer Revidierung und Modifizierung der bestehenden Denkstrategien führen, also einen Lernprozess auslösen. [Vgl. 1, S. 102 f.]
Im Gegensatz zur romantischen Erziehungsphilosophie, die den Kindern weitestgehend Schonräume zur Verfügung stellt und darauf zielt, die natürliche Entwicklung des Kindes nicht durch steuernde Erziehungsmaßnahmen negativ zu beeinflussen, wird im progressiven Ansatz der Fokus auf Herausforderungen und Stimulation gelegt, die den Kindern zu der Erreichung immer höherer Entwicklungsstufen autonomer Entscheidungsfindung verhelfen sollen.
Somit ist die Hauptaufgabe des Pädagogen, der sich am progressiven Ansatz orientiert, die Stimulation moralischer Erfahrungs- und Verarbeitungsprozesse, die es dem Kind ermöglicht durch „aktives Denken“ immer differenzierter und komplexer zu denken und seine Urteilskraft immer mehr an universellen Prinzipien auszurichten. [Vgl. 1, S. 103]
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINIGE BIOGRAPHISCHE DATEN KOHLBERGS: Dieses Kapitel zeichnet den Lebensweg Lawrence Kohlbergs nach und erläutert, wie persönliche Erfahrungen mit Leid und Ungerechtigkeit sein Interesse an psychologischen Fragen zur Entwicklung moralischer Urteile prägten.
II. DER „PROGRESSIVE“ ANSATZ NACH L. KOHLBERG: Hier wird der erziehungswissenschaftliche Ansatz vorgestellt, der darauf abzielt, durch gezielte kognitive Stimulation die moralische Urteilskompetenz der Kinder aktiv zu fördern.
III. DIE THEORIE DES MORALISCHEN URTEILS: Dieses Kapitel erläutert die strukturgenetische Perspektive Kohlbergs, die moralische Entwicklung als stufenweise Identifizierung von Denkschemata und kognitiven Verarbeitungsprozessen begreift.
IV. DIE STUFEN DES MORAL URTEILS NACH KOHLBERG: Dieser Hauptteil beschreibt detailliert die sechs Stufen der moralischen Entwicklung, unterteilt in präkonventionelle, konventionelle und postkonventionelle Niveaus, inklusive des berühmten „Heinz-Dilemmas“.
Schlüsselwörter
Lawrence Kohlberg, moralische Entwicklung, Moralurteil, Stufenmodell, kognitive Entwicklung, Perspektivenübernahme, konstruktiver Ansatz, Heinz-Dilemma, moralische Kompetenz, Just Community, Äquilibration, Strukturgenetik, Moralpsychologie, ethische Prinzipien, Erziehungsphilosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Theorie der moralischen Entwicklung nach Lawrence Kohlberg und erklärt, wie sich menschliches moralisches Denken in verschiedenen Stufen strukturiert entwickelt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die kognitive Psychologie, die moralische Urteilsbildung, die Bedeutung von Umweltfaktoren für die Entwicklung und die Anwendung dieser Erkenntnisse in der Pädagogik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, das komplexe Stufenmodell Kohlbergs verständlich darzulegen und aufzuzeigen, wie durch kognitive Herausforderungen eine höhere moralische Reife erreicht werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse des strukturgenetischen Ansatzes und greift auf zentrale psychologische Theorien von Piaget und Kohlberg zurück.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der theoretischen Grundlagen (Struktur, kognitive Entwicklung) und eine detaillierte Erläuterung der sechs Entwicklungsstufen von der Straforientierung bis hin zu universellen ethischen Prinzipien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Moralurteil, Stufenmodell, kognitive Entwicklung, Heinz-Dilemma und der progressive pädagogische Ansatz.
Was ist das sogenannte "Heinz-Dilemma"?
Das Heinz-Dilemma ist ein von Kohlberg genutztes Fallbeispiel über einen Mann, der vor der Wahl steht, ein Medikament zu stehlen, um seine sterbende Frau zu retten, oder das Gesetz zu achten; es dient zur Identifikation der moralischen Urteilsstufe.
Warum gibt es laut Kohlberg keine Stufensprünge?
Jede Stufe baut auf der vorherigen auf und stellt eine Transformation des Denkens dar, weshalb eine höhere Stufe zwingend das Verständnis der vorangegangenen Stufen erfordert.
Welche Rolle spielt die "Just Community" bei Kohlberg?
Die "Just Community" ist ein schulisches Konzept, in dem durch gelebte Demokratie und soziale Interaktion in der Gemeinschaft moralisches Handeln in der Praxis erprobt wird.
- Arbeit zitieren
- Christine Haase (Autor:in), 2007, Die Stufen der moralischen Entwicklung nach L. Kohlberg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1214865