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Die Ästhetik des Schrecklichen in Senecas Thyestes und Lukrez‘ Pestbeschreibung aus De rerum natura VI

Exemplifiziert an Sen. Thy. 691-695, 720-729, 738-743 und Lucr. de rerum natura 6.1145- 1159, 1205-1212

Titel: Die Ästhetik des Schrecklichen in Senecas Thyestes und Lukrez‘  Pestbeschreibung aus De rerum natura VI

Bachelorarbeit , 2018 , 35 Seiten , Note: 1,7

Autor:in: Markus Thomas Hörty (Autor:in)

Latinistik - Literatur
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Zusammenfassung Leseprobe Details

Die Werke, die im Zentrum der vorliegenden Arbeit stehen, sind durchaus sehr verschieden, ebenso wie ihre Autoren. Lucius Annaeus Seneca Philosophus war einer der reichsten und mächtigsten Männer seiner Zeit, sein literarisches Schaffen vielfältig. Bemerkenswert ist seine von Grausamkeit bestimmte Tragödiendichtung: In seinem Thyestes schlachtet Atreus seine Neffen in einem düster-verstörenden Opferritus voller Ambivalenz und Paradoxie auf brutale Art und Weise hin und serviert sie anschließend seinem Bruder als Gastmahl. Die antike Idee von ξενία, der Gastfreundschaft, wird zu einer bizarren Parodie. Dass offensichtlich auch das stoische Prinzip der ἀπάθεια, der Freiheit von den Affekten, in Atreus negiert wird überrascht, war Seneca doch Stoiker.

Über Titus Lucretius Carus, den Autoren des zweiten vorliegenden Werks, ist wenig bekannt. In De rerum natura versucht er seine Vorstellung epikureischer Physik in Form eines Lehrgedichts darzubringen, wobei auch ethische Erwägungen geschickt eingestreut werden. Hervor sticht die eklige und grausig-detaillierten Darstellung der Epidemie in Athen im 5. Jahrhundert v. Chr. Dieser literarische Charakter ist dabei beispiellos innerhalb des Gesamtwerks; nirgends sonst umreißt der Autor ein Bild, welches in diesem Maße das Ekelhafte evoziert. Darf man annehmen, dass vorbenannte Darstellung eine künstlerische Absicht verfolgt, die den historischen Stoff lediglich zu Grunde legt und im Exzess eine unterliegende Botschaft zu mitteln sucht?

In beiden Texten werden Bilder gezeichnet, die die Grenzen von Anstand und Geschmack weit überschreiten. Beide stammen von einem Autor, von dem vermutet werden darf, dass Einflüsse seiner jeweiligen philosophischen Ansichten in seinem Werk Ausdruck finden. Diese Arbeit nun soll mittels einer Synopse (altgr. σύνοψις, Zusammenschau) zweierlei herausstellen: Zunächst, ob sich eine gemeinsame Essenz der Ästhetik des Schrecklichen herausarbeiten lässt, auf deren Basis beide Passagen operieren und - darauf aufbauend - inwiefern diese Form der Ästhetik als rhetorisch-inhaltliche Gestaltungsmethode philosophischen Ausdruckscharakter trägt. Dazu werden zunächst beide Passagen gesondert analysiert und wesentliche gestalterische Merkmale der Ästhetik des Schrecklichen und philosophische Aspekte, sowie ihr Zusammenspiel diskutiert. Zuvor werden für die Arbeit die wesentlichen philosophische Strömungen angerissen und die Grundideen des Konzepts der "Ästhetik des Schrecklichen" dargelegt.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. THEORETISCHE UND HISTORISCHE GRUNDLAGEN

2.1 DAS KONZEPT DER ÄSTHETIK DES SCHRECKLICHEN IN DER LITERATUR

2.2 DIE STOA

2.3 DER EPIKUREISMUS

3. DIE ÄSTHETIK DES SCHRECKLICHEN IN SENECAS THYESTES

3.1 TEXTSTELLE

3.2 ÜBERSETZUNG

3.3 INTERPRETATION

3.3.1 Einordnung der Textstelle in den Kontext

3.3.2 Die Ästhetik der Brutalität und das Paradoxe am Beispiel der Schlachtung der Neffen des Atreus

3.3.3 Der Perspektivwechsel vom Opfer- zum Täterblick im Botenbericht

3.3.4 Die Rolle der ἐνάργεια in der Ästhetik des Schrecklichen

3.3.5 Atreus saevus als Antistoiker? Einsatz schrecklich-ästhetisierender Elemente zur Realisierung einer philosophischen Aussageabsicht

4. DIE ÄSTHETIK DES SCHRECKLICHEN IN LUKREZ‘ DE RERUM NATURA

4.1 TEXTSTELLE

4.2 ÜBERSETZUNG

4.3 INTERPRETATION

4.3.1 Einordnung der Textstelle in den Kontext

4.3.2 Das Schreckliche in der Verletzung der Integrität des menschlichen Körpers

4.3.3 Die Verbildlichung des Ekels

4.3.4 Ekel und Panik – Nährboden für die Vermittlung epikureischer Philosophie?

5. SYNOPSIS

5.1 EKEL UND BRUTALITÄT – VERSCHIEDENE SPIELARTEN DES SCHRECKENS

5.2 DAS ZUSAMMENSPIEL VON GRENZEN UND GRENZÜBERSCHREITUNG

5.3 EINSATZ DER ἐΝΆΡΓΕΙΑ ZUR VERGEGENWÄRTIGUNG DES SCHRECKENS

5.4 DIE PHILOSOPHISCHE BELEHRUNG ALS ENDZWECK?

6. SCHLUSS

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht das ästhetische Konzept des Schrecklichen in Senecas Tragödie Thyestes und Lukrez’ Lehrgedicht De rerum natura. Ziel ist es, durch eine Synopse herauszuarbeiten, ob eine gemeinsame Essenz dieses ästhetischen Phänomens existiert und inwiefern diese als rhetorisch-inhaltliche Gestaltungsmethode philosophische Aussageabsichten transportiert.

  • Analyse der Darstellung von Gewalt und Ekel als "Ästhetik des Schrecklichen".
  • Untersuchung der Rolle der enargeia (Anschaulichkeit) bei der Vergegenwärtigung des Schreckens.
  • Gegenüberstellung stoischer und epikureischer Grundmaximen mit den dargestellten Perversionen.
  • Diskussion von Grenzüberschreitungen als zentrales narratives Element.
  • Beurteilung der philosophischen Funktion von abschreckenden Negativbeispielen.

Auszug aus dem Buch

3.3.2 Die Ästhetik der Brutalität und das Paradoxe am Beispiel der Schlachtung der Neffen des Atreus

Die frühkaiserzeitliche Literatur war fasziniert von Motiven, die jenseits des gewöhnlichen Spektrums ästhetischen Empfindens lagen, so etwa des Ekligen, Hässlichen und Grausamen. Seneca fällt dabei mit seiner Dramendichtung, die sich exzessiver Darstellungen von körperlicher Gewalt, sowie aller hässlichen Realitäten des Todes bedient, nicht aus der Reihe. Selbst vor der Inszenierung von Mord coram populo, also direkt auf der Bühne, wird in der Medea nicht zurückgeschreckt. Zu Horaz‘ Zeiten, also grob zwei Generationen zuvor, wäre dies noch ein beträchtlicher Affront gegen den guten Geschmack gewesen. So schreibt dieser, dass Dinge, die sich besser im Inneren abspielen sollten, da sie die Aufmerksamkeit bei visueller Präsentation zu sehr erregen, nicht auf die Bühne gehören.36 Der Mord in der vorliegenden Passage wird zwar nur referiert, doch auf sehr spezielle Art und Weise in einem Botenbericht inszeniert, dass es letztlich so wirkt, als hätte man ihm eine Bühne gegeben. Die an sich distanzierte Darstellungsform erzeugt dennoch ein Gefühl von Nähe. Weitere geschickt gesetzte Mittel der textuellen Vergegenwärtigung, der ἐνάργεια, sorgen dafür, dass alle grausamen Details des dreifachen Sippenmordes sich lebhaft vor dem inneren Auge abspielen. Zunächst soll erörtert werden, wie genau die Ästhetik des Schrecklichen in dieser Passage zutage tritt.

Die Darstellung der Kindsmorde im Thyestes ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Atreus schlachtet seine drei Neffen brutal dahin, inszeniert als ein bizarrer Opferritus. Was den Toden gemein ist, ist, dass sie alle eine rhetorisch gestaltete widernatürliche und verstörende Wirkung haben, noch über das natürliche Maß an Schrecken hinaus, welches das Konzept des Sterbens für den Menschen darstellt.37 Nachdem Tantalus, der erste der Thyestes-Söhne, von Atreus enthauptet wurde, steht sein Körper noch eine Weile aufrecht, educto stetit | ferro cadaver38. Bemerkenswert ist an dieser Stelle das verstärkte Paradoxon, was durch die Personifikation eines leblosen Objekts, des cadaver, realisiert wird, da dieses Nomen den bereits eingetretenen Tod des Organismus betont.

Zusammenfassung der Kapitel

1. EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der Ästhetik des Schrecklichen bei Seneca und Lukrez und Formulierung der zentralen Forschungsfrage.

2. THEORETISCHE UND HISTORISCHE GRUNDLAGEN: Definition des ästhetischen Konzepts des Schrecklichen und Abriss der stoischen sowie epikureischen Philosophie.

3. DIE ÄSTHETIK DES SCHRECKLICHEN IN SENECAS THYESTES: Analyse der grausamen Opferszene im Thyestes unter besonderer Berücksichtigung rhetorischer Mittel und philosophischer Inversion.

4. DIE ÄSTHETIK DES SCHRECKLICHEN IN LUKREZ‘ DE RERUM NATURA: Untersuchung der Pestschilderung am Ende des Werkes als ekelerregendes Mittel zur Illustration von Todesfurcht.

5. SYNOPSIS: Zusammenschau der Ergebnisse bezüglich Gewalt, Grenzüberschreitung und rhetorischer Vergegenwärtigung in beiden Werken.

6. SCHLUSS: Fazit der Untersuchung, das die ästhetische Gestaltung als bewusstes Mittel zur Vermittlung philosophischer Mahnungen bestätigt.

7. LITERATURVERZEICHNIS: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.

Schlüsselwörter

Ästhetik des Schrecklichen, Seneca, Thyestes, Lukrez, De rerum natura, Enargeia, Gewalt, Ekel, Paradoxon, Stoa, Epikureismus, GrenzÜberschreitung, Vergegenwärtigung, Kindsmord, Pestdarstellung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht, wie zwei antike Autoren – Seneca und Lukrez – extrem gewaltsame oder abstoßende Szenen nutzen, um eine "Ästhetik des Schrecklichen" zu erzeugen und damit philosophische Botschaften zu vermitteln.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Zentrale Themen sind die literarische Inszenierung von Gewalt, der Einsatz rhetorischer Mittel zur Erzeugung von Schrecken, die Rolle von Körpergrenzen sowie der Kontrast zwischen philosophischen Idealen und den dargestellten Negativbeispielen.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Die Arbeit möchte herausfinden, ob sich eine gemeinsame Essenz der Ästhetik des Schrecklichen in beiden Werken finden lässt und ob diese Ästhetik als rhetorisches Werkzeug dient, um philosophische Inhalte zu stützen oder zu invertieren.

Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?

Die Methode umfasst eine synoptische Analyse ausgewählter Kernpassagen der antiken Texte sowie eine philologische Untersuchung der rhetorischen Gestaltungsmittel (insbesondere der enargeia) im philosophischen Kontext.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil analysiert detailliert die Schlachtung der Neffen im Thyestes (Kapitel 3) und die Pestschilderung in Lukrez' De rerum natura (Kapitel 4), jeweils unter den Aspekten der Textinterpretation und Einordnung in den philosophischen Kontext.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Schlüsselbegriffe sind Ästhetik des Schrecklichen, Grenzüberschreitung, Enargeia, Gewaltästhetik, Paradoxon, stoischer Weiser, epikureische Tranquilitas und die Zurschaustellung von Leid.

Warum wird Atreus im Thyestes als "Antistoiker" bezeichnet?

Atreus invertiert stoische Werte: Anstatt Gelassenheit (apatheia) und Vernunft (ratio) zu praktizieren, lässt er sich von ungezügeltem Zorn (ira) leiten und missbraucht heilige Riten, was ihn zum totalen Gegensatz des stoischen Weisen macht.

Welche Funktion hat die Pestdarstellung am Ende von Lukrez' Lehrgedicht?

Sie dient als abschreckendes Negativbeispiel für das menschliche Versagen bei der Überwindung der Todesfurcht und soll verdeutlichen, welcher Zustand erwartet, wenn man sich nicht nach epikureischer Manier von Ängsten befreit.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten  - nach oben

Details

Titel
Die Ästhetik des Schrecklichen in Senecas Thyestes und Lukrez‘ Pestbeschreibung aus De rerum natura VI
Untertitel
Exemplifiziert an Sen. Thy. 691-695, 720-729, 738-743 und Lucr. de rerum natura 6.1145- 1159, 1205-1212
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut und Klassische Philologie)
Note
1,7
Autor
Markus Thomas Hörty (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2018
Seiten
35
Katalognummer
V1215196
ISBN (PDF)
9783346644923
ISBN (Buch)
9783346644930
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ästhetik des Schrecklichen Lukrez Seneca Atreus De rerum natura Thyestes Ästhetisierung von Gewalt Ästhetisierung von Ekel
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Markus Thomas Hörty (Autor:in), 2018, Die Ästhetik des Schrecklichen in Senecas Thyestes und Lukrez‘ Pestbeschreibung aus De rerum natura VI, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1215196
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Leseprobe aus  35  Seiten
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