"Das erste Beginnen jeder Methodik muss deshalb sein, das originale Kind, wie es von sich aus in die Welt hineinlebt, mit dem originalen Gegenstand, wie er seinem eigentlichen Wesen nach ist, so in Verbindung zu bringen, dass das Kind fragt, weil ihm der Gegenstand Fragen stellt, und der Gegenstand Fragen aufgibt, weil er eine Antwort für das Kind hat." (Roth, 1973, S.111)
In den letzten Jahrzehnten hat ein schneller und tiefgreifender Wandel in fast allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens stattgefunden. Der rasante gesellschaftliche Wandel hat einschneidende Veränderungen für das Aufwachsen der Kinder mit sich gebracht und damit auch für die Schule. Als Hauptmerkmal heutiger Kindheit wird häufig die Entsinnlichung der Lebenswirklichkeit genannt. Kinder wachsen überwiegend in einer mediatisierten und verinselten Welt auf, die von Leistungskonkurrenz geprägt ist und sinnlichen Erfahrungen nur wenig Raum lässt. Gesellschaftlich-ökonomische Veränderungen haben die Erfahrungsmöglichkeiten von Kindern stark eingeschränkt, bzw. verschoben, so dass es für sie immer schwieriger wird, sich ihre Lebenswelt zu erschließen. Beispiele sind die dicht besiedelten Wohngebiete und die Verhäuslichung, die sogenannten Erfahrungen aus zweiter Hand und ein veränderter Umgang mit der Zeit.
Die neuzeitlichen Veränderungen der Lebensumwelt haben die Gelegenheiten für Primärerfahrungen der Kinder in ihrer Umgebung und in der Natur stark reduziert. Die heutigen "Multimedia - Kids" sind also nicht mehr mit Kindern früherer Jahrgänge zu vergleichen. Sie wachsen in einer ganz anderen Welt auf, die geprägt ist durch Fernsehprogrammvielfalt, Videoclips und aufwändige Computerspiele. Die Fähigkeit zur Abstraktion und zur Konzentration ist bei vielen Schülern stark zurück gegangen. Nur wenige Kinder haben heute noch einen unmittelbaren Zugang zur Natur. Fernsehen, Kassetten, Bücher usw. vermitteln den Kindern eine Fülle von Informationen, jedoch aus zweiter Hand. Die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse bleiben auf der Strecke.
Die Konsequenzen dieses Wandels (die man als Lehrer bedauern und bejammern könnte) und deren Bedeutung für das Schulwesen wurden allerdings erst in den letzten Jahren wahrgenommen. Dieser Entwicklung kann die Schule entgegenwirken, indem sie den Unterricht darauf einstellt und es sich zur Aufgabe macht, zur Rückgewinnung von Erfahrungsräumen für Kinder beizutragen. [...]
Inhaltsverzeichnis
I. Theoretischer Teil
Einleitung
1. Veränderte Kindheit
1.1. Veränderung der kindlichen Lebens- und Zeiträume
1.2. Veränderung der Kindheit durch Medien
1.3. Kinder in einer Vielfalt der Kulturen
1.4. Veränderung der Konzentrationsfähigkeit der Kinder
2. Forderungen an die Schule
2.1. Allgemeine Überlegungen
2.2. Unterrichtskonzepte und –prinzipien
2.2.1. Anschauungsunterricht und Realbegegnung
2.2.2. Ganzheitliches Lernen
2.2.3. Handlungsorientiertes (handelndes) Lernen
2.2.4. Soziales Lernen
2.2.5. Problemorientiertes Lernen
2.2.6. Schülerorientiertes Lernen
2.2.7. Situatives Lernen
2.3. Schlussfolgerung
2.4. Der Lehrplan
3. Außerschulische Lernorte
3.1. Definition
3.2. Begriffliche Hinweise zum Thema „außerschulisches Lernen“
3.3. Begründung außerschulischen Lernens
3.3.1. Anschauungsunterricht (Realbegegnung) am außerschulischen Lernort
3.3.2. Ganzheitliches Lernen am außerschulischen Lernort
3.3.3. Handlungsorientiertes (handelndes) Lernen am außerschulischen Lernort
3.3.4. Soziales Lernen am außerschulischen Lernort
3.3.5. Schülerorientiertes Lernen am außerschulischen Lernort
3.3.6. Situatives Lernen am außerschulischen Lernort
3.3.7. Entdeckendes Lernen am außerschulischen Lernort
3.3.8. Anwendung von Arbeitsweisen und –techniken
3.4. Anforderungen an außerschulische Lernorte oder Kriterien eines geeigneten außerschulischen Lernortes
3.5. Der außerschulische Lernort und seine Bedeutung für den Geographieunterricht
4. Leitlinien für Planung und Organisation: Was muss bedacht werden?
4.1. Didaktisch-methodische Überlegungen
4.1.1. Lehrplanbezug
4.1.2. Der didaktische Ort außerschulischen Lernens
4.1.2.1. Der Unterrichtsgang zu Beginn der Unterrichtseinheit
4.1.2.2. Der Unterrichtsgang innerhalb einer Unterrichtseinheit
4.1.3. Methodisches Vorgehen und Schüleraktivitäten
4.1.3.1. Mögliche Aktivitäten in der Vorbereitungsphase
4.1.3.2. Mögliche Aktivitäten in der Durchführungsphase
4.1.3.3. Mögliche Aktivitäten in der Nachbereitungsphase
4.2. Rolle des Lehrers
4.3. Administrative Voraussetzungen und Haftungsfrage
4.4. Sicherheits- und Vorsichtsmaßnahmen
4.4.1. Information der Eltern
4.4.2. Transport
4.4.3. Verhaltensregeln laut „Code de la route populaire“
4.4.4. Medizinische Versorgung
II. Praktischer Teil
1. Möglichkeiten außerschulischen Lernens im Geographieunterricht des Obergrades
2. Stadt-Rallye
2.1. Zur Wahl dieses außerschulischen Lernens
2.2. Vorbereitende Maßnahmen
2.2.1. Festlegen der Route und Stationen
2.2.2. Sachanalyse der einzelnen Stationen
2.2.3. Abschließende Vorbereitungen
2.3. Vorbereitungsphase
2.3.1. Lernziele
2.3.2. Unterrichtsverlauf
2.3.3. Kommentar
2.4. Durchführungsphase
2.4.1. Lernziele
2.4.2. Verlauf der Stadt-Rallye
2.4.3. Kommentar
2.5. Nachbereitungsphase
2.5.1. Lernziele
2.5.2. Unterrichtsverlauf
2.5.3. Kommentar
3. Thillenvogtei („musée rural vivant“)
3.1. Zur Wahl dieses außerschulischen Lernortes
3.2. Vorbereitende Maßnahmen
3.2.1. Vorhergehende Besichtigung
3.2.2. Organisatorische Maßnahmen
3.2.2.1. Schulkommission
3.2.2.2. Transport
3.2.2.3. Elternbrief
3.3. Vorbereitungsphase
3.3.1. Lernziele
3.3.2. Unterrichtsverlauf
3.3.3. Kommentar
3.4. Durchführungsphase
3.4.1. Lernziele
3.4.2. Verlauf unseres Besuchs im Landmuseum Thillenvogtei
3.4.3. Kommentar
3.5. Nachbereitungsphase
3.5.1. Lernziele
3.5.2. Unterrichtsverlauf
3.5.3. Kommentar
4. Abschließender Kommentar
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung außerschulischer Lernorte im Geographieunterricht angesichts der veränderten kindlichen Lebenswelt. Ziel ist es, Lehrkräfte dazu zu ermuntern, das Lernen vor Ort als wirksames methodisches Mittel zu nutzen, um die Distanz zwischen Schule und Lebenswirklichkeit zu verringern und den Schülern unmittelbare Erfahrungen zu ermöglichen.
- Analyse der veränderten Kindheit und deren Auswirkungen auf das schulische Lernen.
- Darstellung didaktischer Konzepte wie ganzheitliches, handlungsorientiertes und schülerorientiertes Lernen.
- Definition und Begründung von außerschulischen Lernorten im Kontext des Geographieunterrichts.
- Leitlinien für die praktische Planung, Organisation und rechtliche Absicherung von Lerngängen.
- Konkrete Umsetzungsbeispiele: Durchführung einer Stadt-Rallye und Besuch eines Landmuseums.
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung der "originalen Begegnung" im Unterricht
„Das erste Beginnen jeder Methodik muss deshalb sein, das originale Kind, wie es von sich aus in die Welt hineinlebt, mit dem originalen Gegenstand, wie er seinem eigentlichen Wesen nach ist, so in Verbindung zu bringen, dass das Kind fragt, weil ihm der Gegenstand Fragen stellt, und der Gegenstand Fragen aufgibt, weil er eine Antwort für das Kind hat.“ (Roth, 1973, S.111)
In den letzten Jahrzehnten hat ein schneller und tiefgreifender Wandel in fast allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens stattgefunden. Der rasante gesellschaftliche Wandel hat einschneidende Veränderungen für das Aufwachsen der Kinder mit sich gebracht und damit auch für die Schule. Als Hauptmerkmal heutiger Kindheit wird häufig die Entsinnlichung der Lebenswirklichkeit genannt. Kinder wachsen überwiegend in einer mediatisierten und verinselten Welt auf, die von Leistungskonkurrenz geprägt ist und sinnlichen Erfahrungen nur wenig Raum lässt. Gesellschaftlich-ökonomische Veränderungen haben die Erfahrungsmöglichkeiten von Kindern stark eingeschränkt, bzw. verschoben, so dass es für sie immer schwieriger wird, sich ihre Lebenswelt zu erschließen.
Die neuzeitlichen Veränderungen der Lebensumwelt haben die Gelegenheiten für Primärerfahrungen der Kinder in ihrer Umgebung und in der Natur stark reduziert. Die heutigen „Multimedia – Kids“ sind also nicht mehr mit Kindern früherer Jahrgänge zu vergleichen. Sie wachsen in einer ganz anderen Welt auf, die geprägt ist durch Fernsehprogrammvielfalt, Videoclips und aufwändige Computerspiele. Die Fähigkeit zur Abstraktion und zur Konzentration ist bei vielen Schülern stark zurück gegangen. Nur wenige Kinder haben heute noch einen unmittelbaren Zugang zur Natur. Fernsehen, Kassetten, Bücher usw. vermitteln den Kindern eine Fülle von Informationen, jedoch aus zweiter Hand. Die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse bleiben auf der Strecke.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Veränderte Kindheit: Dieses Kapitel thematisiert den gesellschaftlichen Wandel und dessen Auswirkungen auf die kindliche Erlebniswelt, insbesondere die abnehmende Konzentrationsfähigkeit und den Mangel an Primärerfahrungen.
2. Forderungen an die Schule: Hier werden pädagogische Konzepte dargelegt, die der Entsinnlichung der Kindheit entgegenwirken sollen, wie etwa ganzheitliches, handlungsorientiertes und schülerorientiertes Lernen.
3. Außerschulische Lernorte: Das Kapitel definiert den außerschulischen Lernort und begründet dessen Notwendigkeit als Mittel zur Realbegegnung sowie als Ort zur Anwendung geographischer Arbeitsweisen.
4. Leitlinien für Planung und Organisation: Was muss bedacht werden?: Dieser Abschnitt widmet sich den organisatorischen Schritten, von der didaktischen Vorbereitung bis hin zu Sicherheitsaspekten und Haftungsfragen bei Lerngängen.
II. Praktischer Teil: Der praktische Teil beschreibt die konkrete Konzeption und Durchführung zweier außerschulischer Projekte: einer Stadt-Rallye durch Luxemburg-Stadt und eines Besuchs im Landmuseum Thillenvogtei.
Schlüsselwörter
Außerschulische Lernorte, Geographieunterricht, Realbegegnung, Handlungsorientierung, Ganzheitliches Lernen, Kindheit im Wandel, Unterrichtsgang, Lerngang, Primärerfahrung, Sachunterricht, Didaktik, Planung, Organisation, Stadt-Rallye, Landmuseum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Notwendigkeit und den Möglichkeiten, den Geographieunterricht durch das Einbinden außerschulischer Lernorte praxisnäher und lebensweltbezogener zu gestalten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die veränderte Kindheit durch Medialisierung, didaktische Prinzipien der Realbegegnung sowie die methodische Planung von Lerngängen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Lehrpersonen aufzuzeigen, wie durch Lerngänge Erfahrungsräume für Kinder zurückgewonnen werden können, um den Unterricht lebendiger und effektiver zu gestalten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Fundierung durch Fachliteratur und wird durch die praktische Umsetzung und Evaluation zweier konkreter Projekte (Stadt-Rallye und Museumsbesuch) ergänzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl theoretische Anforderungen an den Unterricht als auch die konkrete Planung, Durchführung und Nachbereitung außerschulischer Aktivitäten erläutert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Außerschulische Lernorte, Realbegegnung, Handlungsorientierung und Geographiedidaktik.
Wie unterscheidet sich die Stadt-Rallye von einer normalen Exkursion?
Die Stadt-Rallye ist durch eine hohe Eigenaktivität der Schüler in Kleingruppen gekennzeichnet, die mittels Fragebögen und Stadtplänen selbstständig Informationen sammeln, anstatt passiv Wissen vermittelt zu bekommen.
Welche Rolle spielt der Lehrer bei einem außerschulischen Aufenthalt?
Der Lehrer fungiert als Organisator und Begleiter, der für die Sicherheit und den reibungslosen Ablauf sorgt, den Schülern aber gleichzeitig Freiräume für eigenständiges Handeln lässt.
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- Géraldine Haller (Author), Marion Feidt (Author), 2002, Ausserschulische Lernorte im Geographieunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12151