Als Einstieg in die Arbeit wird eine ausgewählte Fotografie Hawardens exemplarisch vorgestellt. Um diese erfassen und einordnen zu können, erfolgen zunächst eine Bildbeschreibung und eine Kompositionsanalyse. Anschließend werden die möglichen Deutungen und Interpretationsansätze von Hawardens Werk näher behandelt. Dies teilt sich auf in die Darstellung der Requisiten, deren Symbolik, der Bedeutung von Raum und Licht sowie die den Fotografien innewohnende subtile Narrative und Erotik.
Im darauf folgenden Kapitel wird der historische Kontext um die Mitte des 19. Jahrhunderts betrachtet. Der Stellung der Kunst und Fotografie wird hierbei die Stellung der Frau und der Weiblichkeit sowie die Bedeutung der Pubertät entgegengestellt.
Den Abschluss bildet der Vergleich von Hawarden mit anderen Künstlern und deren Werken. Zunächst werden einige viktorianische Zeitgenossen näher vorgestellt, allen voran Julia Margaret Cameron und James Abbott McNeill Whistler (1834-1903), Vertretern des viktorianischen Pictoralismus, beziehungsweise des Ästhetizismus.
Zuletzt richtet sich der Blick der Arbeit auf die jüngere Vergangenheit und die postmoderne, feministische Kritik an Hawardens Œuvre. Dabei werden die Fotokünstlerinnen Cindy Sherman (*1954) sowie Sally Mann (*1951) mit einbezogen. Ein zusammenfassendes Fazit rundet die Arbeit ab.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Clementina Hawarden und ihr Werk
2.1 Bildbeschreibung
2.2 Kompositionsanalyse
2.3 Deutungen und Interpretationsansätze
2.3.1 Requisiten, Licht und Raum
2.3.2 Narrative und Sexualisierung
2.4 Historischer Kontext
2.4.1 Die Stellung der Fotografie und der Kunst
2.4.2 Die Stellung der Weiblichkeit und der Pubertät
2.5 Clementina Hawarden im Vergleich
2.5.1 Pictorialismus, Präraffaelismus und Ästhetizismus– Hawarden im Vergleich mit ihren Zeitgenossen
2.5.2 Interesse an der frühen Fotografie und feministische Kritik– Hawarden im Diskurs der neueren Forschung
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das fotografische Œuvre von Lady Clementina Hawarden (1822–1865) im Kontext ihrer Zeit sowie ihre Bedeutung als Pionierin der Fotografie. Zentral ist dabei die Frage, wie Hawarden durch die inszenierte Fotografie ihrer Töchter ästhetische und gesellschaftliche Konventionen sowie die Rolle der Frau und das Heranwachsen in der viktorianischen Epoche verhandelte.
- Analyse der fotografischen Technik, Komposition und Symbolik (Spiegel, Fenster, Licht).
- Untersuchung des historischen Kontextes (Viktorianismus, Kunstverständnis, Geschlechterrollen).
- Vergleichende Betrachtung mit Zeitgenossen wie Julia Margaret Cameron und James Abbott McNeill Whistler.
- Rezeption Hawardens im Kontext der modernen feministischen Kunstkritik.
- Gegenüberstellung mit den Werken zeitgenössischer Fotografinnen wie Cindy Sherman und Sally Mann.
Auszug aus dem Buch
2.3.2 Narrative und Sexualisierung
Hawarden beherrschte die fotografische Technik virtuos, besaß jedoch auch tiefergehende kunsthistorische Kenntnisse. Bei ihren Werken handelt es sich um sogenannte staged photography, die eng mit dem tableau vivant verwandt ist, auf das später noch eingegangen werden soll. Definiert wird diese Art der Fotografie allgemein als Darbietung vor der Kamera, vom Fotografen inszeniert und beeinflusst. Im 19. Jahrhundert äußerte sich dies oft in der Darstellung von Allegorischem. Im mittleren viktorianischen Zeitalter um 1860 herrschte in Großbritannien die Idee der narrative photography vor – mit der fotografischen Technik sollten Geschichten erzählt und damit auch Werte vermittelt werden. Doch dieser Haltung scheint Hawarden nicht wirklich zu folgen. Einige Aufnahmen von ihr erinnern durchaus an zeitgenössische Tableaux, wie die Darstellung von Maria Stuart, einer Brautwerbung oder auch die allegorische Visualisierung des siegreichen Christentums, das über dem darniederliegenden Heidentum triumphiert (Abb.5). Klare Hinweise auf eine tiefergehende Narrative bieten sich jedoch kaum. Viele Bilder bleiben deshalb rätselhaft, unbestimmt und mehrdeutig.
Tatsächlich lassen sich einige ihrer Fotografien sogar mit den mittelviktorianischen subject pictures vergleichen, deren Tradition bis zu der niederländisch-flämischen Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts zurückreicht und auf den ersten Blick ein „subject“ – ein Thema, eine zugrunde liegende Anekdote – eben missen lässt. Trotzdem stehen Hawardens Bilder nicht in der Tradition der typischen Genremalerei des Viktorianismus, denn gerade die offenbar fehlende oder zumindest uneindeutige Narrative lädt zu einer kunsthistorischen Interpretation ein. Wie bereits erwähnt, betitelte und datierte Hawarden ihre Bilder nicht. Im Zuge der beiden öffentlichen Ausstellungen, an denen sie zeitlebens teilnahm, nannte sie ihre Fotografien jedoch „studies from life“ oder „photographic studies“. Diese Begriffe waren generisch und zeittypisch und kopierten den künstlerischen Begriff der „Studie“, der Darstellung einer Idee oder eines Konzepts - was wiederum das Streben der viktorianischen Fotografen hervorhob, ein anerkannter Teil der hohen Künste zu sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Bedeutung von Familienfotografien dar und führt in das Werk von Lady Clementina Hawarden als viktorianische Vorreiterin ein, deren Œuvre im Kontext der modernen feministischen Kunstkritik betrachtet wird.
2. Clementina Hawarden und ihr Werk: Dieses Kapitel liefert eine detaillierte Bildbeschreibung und Kompositionsanalyse, untersucht zentrale Requisiten wie Spiegel und Fenster und thematisiert Hawardens Arbeitsweise sowie den historischen Kontext viktorianischer Geschlechterrollen und Pubertätsdiskurse, gefolgt von einem Vergleich mit Zeitgenossen und der neueren Forschung.
3. Fazit: Das Fazit fasst Hawarden als Übergangsfigur zwischen aristokratischen Amateurfotografen und professionellen Kunstfotografen zusammen und betont ihre Bedeutung als doppelte Pionierin, die durch ihre „studies from life“ eine unkonventionelle Auseinandersetzung mit Weiblichkeit und Pubertät leistete.
Schlüsselwörter
Clementina Hawarden, viktorianische Fotografie, staged photography, Pictorialismus, Weiblichkeit, Pubertät, Spiegel, Fenster, Julia Margaret Cameron, Cindy Sherman, Sally Mann, Geschlechterrollen, feministische Kunstkritik, Ästhetizismus, Studien aus dem Leben.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem fotografischen Gesamtwerk von Lady Clementina Hawarden und analysiert deren künstlerische Einordnung, die verwendeten Motive sowie die Bedeutung ihrer Bilder im viktorianischen Kontext.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit behandelt die fotografische Inszenierung, das Verhältnis von Kunst und Fotografie im 19. Jahrhundert, die Darstellung von Weiblichkeit und Pubertät sowie die Rezeption Hawardens durch die feministische Kunsttheorie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, Hawardens Rolle als Pionierin der Fotografie zu verdeutlichen und aufzuzeigen, wie sie durch ihre inszenierten Fotografien die zeitgenössischen Konventionen über das Bild der Frau und das Heranwachsen subtil herausforderte.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin nutzt eine Kombination aus formaler Bild- und Kompositionsanalyse, historisch-kontextueller Einordnung und einen kunstgeschichtlichen Vergleich mit anderen Fotografen und Epochen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Werkanalyse (Requisiten, Licht, Raum), die Einbettung in den historischen Kontext des Viktorianismus und den Vergleich mit Künstlerinnen wie Cindy Sherman und Sally Mann.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlagworte sind Clementina Hawarden, viktorianische Fotografie, Inszenierung, Weiblichkeit, Pubertät und feministische Kunsttheorie.
Warum spielt der Spiegel in Hawardens Werken eine solch zentrale Rolle?
Der Spiegel fungiert bei Hawarden nicht nur als Trennlinie zwischen Realität und Illusion, sondern dient als Medium der Selbstreflexion, der Identitätssuche und symbolisiert die psychologische Verbundenheit zwischen Mutter und Tochter.
Wie unterscheidet sich Hawardens fotografischer Ansatz von dem ihrer Zeitgenossin Julia Margaret Cameron?
Während Cameron ihre Modelle meist identifizierte und eher epische, oft literarisch motivierte Porträts schuf, blieb Hawarden bei ihren „studies from life“ subtiler, verzichtete auf Titel und konzentrierte sich auf eine rätselhafte, atmosphärische Darstellung des privaten, häuslichen Umfelds.
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- Christian Schaller (Author), 2015, Lady Clementina Hawarden - die zweifache Pionierin. Inszenierte Fotografie und Viktorianischer Pictorialismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1215592