In einem Artikel, der anlässlich des Todes Karl-Eduard von Schnitzlers im September 2001 im "Spiegel" erschien, wurde seine Fernsehsendung "Der Schwarze Kanal" als "das Bösartigste, was das DDR-Fernsehen zu bieten hatte" beschrieben (o.V. 2001). In ähnlicher Weise schrieb "Die Welt", es falle bei einem Mann wie von Schnitzler schwer, die antike Anstandsregel "De mortuis nil nisi bene" zu befolgen (vgl. Möller 2001). Dass der Autor und Moderator auch über ein Jahrzehnt nach dem Untergang der DDR noch auf so viel Ablehnung seitens seiner westdeutschen Kollegen stieß, lag dabei nicht nur daran, dass er auch noch nach der Wende als Anwalt der SED-Politik "wie ein Leitfossil aus den kältesten Tagen des Kalten Krieges in die Gegenwart ragte" (ebd.). Es war vielmehr vor allem auf die polemische Art der Auseinandersetzung des "Chefpropagandisten der DDR" (o.V. 2001) mit der BRD in seiner Sendung zurückzuführen, die von 1960 bis 1989 insgesamt 1519 mal (vgl. Grape 2000) ausgestrahlt wurde und damit eine der traditionsreichsten Sendungen des DDR-Fernsehens war.
In dieser Arbeit soll versucht werden, den "Schwarzen Kanal" und seinen Moderator nicht, wie häufig geschehen, als besonders skurrile televisionäre Ausnahmeerscheinungen zu betrachten, sondern die Sendereihe in den Kontext der Funktionen des DDR-Journalismus im Allgemeinen und der Rolle des Fernsehens im Klassenkampf im Speziellen einzuordnen. Bevor am Beispiel dreier Sendungen, die sich im August 1961 mit dem Bau der Berliner Mauer befassen, illustriert wird, wie sich von Schnitzlers Umgang mit dem Westen als Feindbild im konkreten Fall darstellte, soll daher zunächst die Anwendung von Lenins Pressetheorie auf die DDR-Medien durch die SED und anschließend die Nutzung des Fernsehens zur Auseinandersetzung mit dem Westen vor dem Hintergrund politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen betrachtet werden.
Zur Anfertigung dieser Arbeit standen neben der angegebenen Literatur Sendemanuskripte einzelner Ausgaben des "Schwarzen Kanals" zur Verfügung, die vom Deutschen Rundfunkarchiv im Internet zur Verfügung gestellt werden. Die herangezogenen Skripte sind inklusive der entsprechenden URLs im Quellenverzeichnis aufgelistet. Auf eine Bereitstellung der Materialien in einem Anhang wurde jedoch verzichtet, da sie zum einen einfach zugänglich sind und zum anderen, trotz der unvermeidbaren Beschränkung auf einen vergleichsweise kurzen Untersuchungszeitraum, recht umfangreich sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Journalismus in der DDR
2.1 Lenin über die Aufgaben der Presse neuen Typs
2.2 Lenins Pressetheorie als Grundlage des Journalismus in der DDR
2.3 Kontrollmechanismen
2.4 Arbeitssituation von Journalisten
3. Fernsehen als Instrument zur ideologischen Auseinandersetzung mit dem Westen
3.1. Der DDR-Antifaschismus als Argumentationsbasis
3.2 Aufstieg des Fernsehens zum Massen- und Leitmedium
3.3 Westfernsehen als Problem und publizistische Frühformen des „Fernsehkrieges“
3.4 Massenwirksamkeit und kulturtheoretische Überlegungen im Konflikt
4. „Der Schwarze Kanal“
4.1 Karl-Eduard von Schnitzler
4.2 Der Mauerbau als Gegenstand des „Schwarzen Kanals“ im August 1961
4.2.1 Von Schnitzlers Sondersendung vom 13. August 1961
4.2.2 „Der Schwarze Kanal“ vom 21. und 28. August 1961
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Propagandasendung „Der Schwarze Kanal“ und ihren Moderator Karl-Eduard von Schnitzler nicht als isolierte Ausnahmeerscheinung, sondern ordnet sie in den Kontext der Funktionen des DDR-Journalismus und der Rolle des Fernsehens im Klassenkampf ein. Ziel ist es zu analysieren, wie die SED Lenins Pressetheorie zur ideologischen Auseinandersetzung mit der BRD nutzte und wie sich der Umgang mit dem Westen als Feindbild konkret in der Sendung darstellte.
- Die Anwendung der leninschen Pressetheorie auf die DDR-Medienlandschaft
- Strukturen der staatlichen Medienkontrolle und journalistischen Reglementierung
- Die Rolle des Fernsehens als ideologisches Kampfinstrument und Leitmedium
- Die Konzeption und Inszenierung des „Schwarzen Kanals“ als polemische Sendereihe
- Der Einfluss der SED-Politik auf die Berichterstattung während des Mauerbaus 1961
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Von Schnitzlers Sondersendung vom 13. August 1961
Ausdruck dessen, dass die Kontrolle und die Nutzung der Medien zur Vermittlung der Beschlüsse der Partei gerade dann als besonders wichtig erachtet wurden, wenn diese offensichtlich unpopulär waren, ist dass am 13. August 1961 der DFF ein so genanntes „Sonderprogramm aus Anlaß der Sicherung der Staatsgrenze“ (zit. nach Hickethier/Hoff 1998, 283) sendete. Im Rahmen dieses Sonderprogramms wurden nicht nur Filme, Nachrichten, Kommentare und Unterhaltungssendungen mit Direktschaltungen zu Künstlern, Soldaten und Kampfgruppenleitern an der Grenze gezeigt, sondern auch eine Sonderausgabe des „Schwarzen Kanals“ (vgl. ebd.). Dabei hatte das Fernsehen „die Aufgabe, nach außen hin Stärke und Entschlossenheit des DDR-Staates zu demonstrieren, nach innen den Überraschungscoup [...] zu kaschieren und [...] zu signalisieren, daß dagegen nichts zu machen war“ (ebd.).
Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, bediente sich Karl-Eduard von Schnitzler in seinem „Sonderkanal“ hauptsächlich Ausschnitte aus Werner Höfers Sendung „Der internationale Frühschoppen“, einer sonntags um 12 Uhr ausgestrahlten Diskussionsrunde mit zumeist „sechs Journalisten aus fünf Ländern“ (zit. nach Hickethier/Hoff 1998, 128). Gleich nach dem ersten der 14 gezeigten Ausschnitte versuchte Karl-Eduard von Schnitzler, die Geschehnisse des Tages als Maßnahmen „zur Unterbindung der feindlichen Tätigkeit der revanchistischen und militärischen Kräfte Westdeutschlands und Westberlins“ (zit. nach Kleßmann 1997, 322), wie es im Wortlaut des entsprechenden Ministerratsbeschlusses hieß, darzustellen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der DDR-Propagandasendung und Erläuterung der Zielsetzung sowie der verwendeten Quellen.
2. Journalismus in der DDR: Analyse der theoretischen Grundlagen des DDR-Journalismus basierend auf Lenins Pressetheorie sowie der staatlichen Kontrollmechanismen und Arbeitsbedingungen für Journalisten.
3. Fernsehen als Instrument zur ideologischen Auseinandersetzung mit dem Westen: Untersuchung des Fernsehens als ideologisches Kampfinstrument, inklusive der Rolle des Antifaschismus als Argumentationsbasis und der Reaktion auf den Einfluss des Westfernsehens.
4. „Der Schwarze Kanal“: Detaillierte Betrachtung der Sendung, ihrer Moderationsweise, biographischer Hintergründe von Schnitzlers und der spezifischen Thematisierung des Mauerbaus im August 1961.
5. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Bewertung der Rolle des „Schwarzen Kanals“ im politischen System der DDR und dessen Wirkung im historischen Kontext.
Schlüsselwörter
DDR-Fernsehen, Der Schwarze Kanal, Karl-Eduard von Schnitzler, SED, Propaganda, Agitation, Medienkontrolle, Kalter Krieg, Mauerbau, Antifaschismus, Systemantagonismus, Westfernsehen, DDR-Journalismus, Ideologie, Klassenkampf.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Propagandasendung „Der Schwarze Kanal“ im Kontext der medialen Strategien der SED im Kalten Krieg und analysiert, wie das DDR-Fernsehen als ideologisches Herrschaftsinstrument eingesetzt wurde.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Publikation?
Schwerpunkte liegen auf den leninschen Medientheorien, der staatlichen Kontrolle des DDR-Fernsehens, der Instrumentalisierung des Antifaschismus und der Rolle der Sendung von Schnitzlers bei der Abgrenzung gegenüber der Bundesrepublik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, den „Schwarzen Kanal“ nicht als skurrile Ausnahme zu sehen, sondern als integralen Bestandteil des DDR-Journalismus zur ideologischen Führung und Beeinflussung der Bevölkerung einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Analyse von Sendemanuskripten, einer Auswertung einschlägiger Literatur zur Medien- und Zeitgeschichte sowie der Einordnung dieser Quellen in den Kontext der offiziellen SED-Parteilinie.
Welche Aspekte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die theoretischen Grundlagen des DDR-Journalismus, den Aufstieg des Fernsehens zum Leitmedium, den "Fernsehkrieg" sowie die konkrete Gestaltung der Sendung "Der Schwarze Kanal" mit Fokus auf die Ereignisse des Mauerbaus 1961.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind insbesondere DDR-Fernsehen, Propaganda, Agitation, Karl-Eduard von Schnitzler, Systemantagonismus und staatliche Medienkontrolle.
Wie bewertet die Arbeit den Einfluss von Karl-Eduard von Schnitzler auf das Publikum?
Die Arbeit stellt fest, dass die Sendung trotz ihres hohen Bekanntheitsgrades kein Publikumsmagnet war und oft eher zu Ablehnung oder Fluchtverhalten der Zuschauer führte, als die gewünschte politische Wirkung zu erzielen.
Welche Rolle spielte der Mauerbau in der Argumentation der Sendung?
Der Mauerbau wurde als "antifaschistischer Schutzwall" legitimiert, wobei von Schnitzler die Maßnahme polemisch als Stärke der DDR und notwendige Abwehrmaßnahme gegen westliche "Spionage- und Wühlzentralen" darstellte.
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- Michael von Scheidt (Author), 2002, Der Westen als Feindbild in Karl-Eduard von Schnitzlers Propagandasendung "Der schwarze Kanal", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12160