Analyse geschlechtsspezifischer Umgangsweisen von Jugendlichen mit dem Internet


Diplomarbeit, 2005
191 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Theorien zum Geschlecht
1.1 Biologische und evolutionsbiologische Ansätze
1.2 Psychologische Theorien
1.2.1 Soziale Lerntheorie
1.2.2 Kognitive Theorien
1.2.3 Sozialpsychologische Theorien
1.3 Zur Konstruktion von Geschlecht
1.3.1 Goffmann`s Interaktionstheorie
1.3.2 Doing gender als soziale Praktiken der Geschlechterunterscheidung
1.3.3 Exkurs: Judith Butler und Gender Trouble
1.4 Zusammenfassung

2. Geschlecht, Technik und Medien
2.1 Gender und Technologie: Die feministische Technikdebatte
2.1.1 Theoretische Grundströmungen
2.1.2 Die soziale und kulturelle Praxis der Technologie
2.2 Gender und neue Informationstechnologien
2.2.1 Internetgeschichte und Geschlechterverhältnisse
2.2.2 Inhalte des Internets
2.2.3 Berufliche Anwendung neuer Informationstechnologien
2.3 Frauen- und Geschlechterforschung innerhalb der Medien- und Kommunikationswissenschaft
2.3.1 Medienwissenschaftliche Fragestellungen zum Geschlecht
2.3.2 Medienpädagogische Verknüpfungen
2.4 Zusammenfassung

3. Geschlechtsspezifischer Umgang mit dem Computer
3.1 Empirische Befunde aus der Computerforschung
3.1.1 Unterschiedliches computerbezogenes Verhalten
3.1.2 Unterschiedliche computerbezogene Einstellungen
3.2 Erklärungsansätze zu geschlechtsspezifischen Verhalten
3.2.1 Fähigkeitsunterschiede
3.2.2 Erfahrungsunterschiede
3.2.3 Unterschiedliche Bekräftigung durch Sozialisationspersonen
3.2.4 Unterschiedliche Rollenmodelle
3.2.5 Unterschiedliche Techniksozialisation
3.2.6 Unterschiedliche selbstbezogene Kognitionen
3.2.7 Erklärungen auf der Basis von Einstellungs-Verhaltens-Theorien
3.2.8 Das „model of activity choice“
3.2.9 Ergänzend: Das weibliche Computerselbstkonzept (Schründer-Lenzen)
3.3 Zusammenfassung

4. Geschlechtsspezifischer Umgang mit dem Internet
4.1 KIM – Studie
4.2 JIM – Studie
4.3 Geschlechtsunterschiede bei der Internetnutzung von Jungendlichen
4.4 Jugend und neue Medien: Zum Zusammenhang von ethnischer Herkunft und Geschlecht
4.5 Zusammenfassung

5. Fragestellungen und Hypothesen
5.1 Untersuchungsrahmen für die Internetnutzung
5.2 Variablen und Untersuchungsmodell
5.3 Fragestellungen
5.3.1 Normative Geschlechtsrolle
5.3.2 Nutzungsautonomie
5.3.3 Internetbezogene Einstellungen und Überzeugungen
5.3.4 Nutzungsvielfalt und Themeninteressen

6. Der Aufbau des Fragebogens
6.1 Erfassung der normativen Geschlechtsrolle
6.2 Operationalisierung Nutzungsautonomie
6.2.1 Ortsouveränität
6.2.2 Zeitsouveränität
6.2.3 Technikausstattung
6.2.4 Kontrolle durch die Eltern
6.3 Operationalisierung Internetbezogene Einstellungen und Überzeugungen
6.3.1 Affektive Einstellungen gegenüber dem Medium Internet
6.3.2 Kontrollüberzeugungen
6.3.3 Ursachen von Erfolg und Misserfolg und Erfolgserwartungen
6.4 Operationalisierung Nutzungsvielfalt
6.4.1 Quantitative Nutzungsdaten
6.4.2 Internettätigkeiten
6.4.3 Themeninteressen und inhaltliche Nutzung des Internet
6.5 Soziodemographische Datenerfassung

7. Pretest und Durchführung der Untersuchung
7.1 Pretest
7.2 Durchführung der Untersuchung

8. Datenauswertung
8.1 Beschreibung der Stichprobe
8.2 Die normative Geschlechtsrolle
8.3 Zugang, Zeit, Technikausstattung und elterliche Kontrolle
8.4 Internetbezogene Einstellungen und Überzeugungen
8.5 Nutzungsvielfalt und Themeninteressen
8.6 Zusammenhänge

9. Zusammenfassung der Ergebnisse und Diskussion

10. Zusammenschau

Literatur

ANHANG I Fragebogen

ANHANG II Codierbuch

ANHANG III Tabellen

ANHANG IV Skalen

1. Theorien zum Geschlecht

Am Anfang jeder Arbeit zu geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen stehen die Fragen nach dem „Wie werden wir zu Frauen und Männern?“, „Was ist dann das spezifisch weibliche oder männliche?“ und „Wie unterschiedlich sind wir dann wirklich?“. Hinter diesen Fragestellungen stecken einerseits Theorien zur Geschlechtsrolle – oder Geschlechtsidentitätsentwicklung und andererseits Theorien geschlechtsspezifischen Verhaltens. In der Literatur sind eine Vielzahl von unterschiedlichen Ansätzen zu finden. Die wichtigsten werden in Kapitel 1 vorgesellt, dabei wird verstärkt auf die neueren Theorien zur Konstruktion von Geschlecht eingegangen.

Geschlecht wird allgemein definiert als „ Gesamtheit der Merkmale zur Bestimmung, ob ein Lebewesen männlich oder weiblich ist“ (Deutsches Wörterbuch, S. 448).

Innerhalb des englischen Sprachraums wird generell zwischen gender (soziales und kulturelles Geschlecht) und sex (biologisches Geschlecht) unterschieden, innerhalb der deutschen Genderforschung hat sich diese Unterscheidung ebenfalls durchgesetzt. Die beiden Begriffe werden in dieser Arbeit durchgehend in diesem Sinne verwendet.

1.1 Biologische und evolutionsbiologische Ansätze

In der Biologie werden vier Variablen der Geschlechterdifferenz unterschieden (vgl. Christiansen, 1995): die Differenz im Chromosomensatz, die Differenz im gonadalen Geschlecht, welche in der 7. Schwangerschaftswoche die Bildung zu Eierstöcken oder Hoden einleitet, die Differenz im hormonalen Geschlecht, die die geschlechtsspezifische Konzentration verschiedener Hormone veranlasst und die Differenz im morphologischen Geschlecht, welche sich in der unterschiedlichen Ausbildung der sekundären sichtbaren Geschlechtsmerkmale wiederspiegelt. Ergänzend kann man noch die geschlechtstypischen Besonderheiten im Gehirn erwähnen (Hagemann-White, 1984, S.34).

Welche Relevanz wird nun diesen biologischen Differenzen bezüglich des menschlichen Verhaltens zugeschrieben? Viele Forschungsvorhaben beschäftigten sich mit dem Einfluss der biologischen Unterschiede auf das Verhalten von Frauen und Männern, beispielsweise im Bereich der Aggressivität und verschiedener Fähigkeiten (räumlich-visuelles Denken, Leistungsfähigkeit). Auch die unterschiedlichen Aufgabenstellungen und Anforderungen im Rahmen des Fortpflanzungsgeschehens werden stringent aus diesen Differenzen abgeleitet. Ohne jetzt näher auf einzelne Aspekte eingehen zu wollen (mehr dazu Hagemann-White, 1984) kann man die Ergebnisse wie folgt zusammen fassen: Auch in der Biologie existiert keine eindeutige Geschlechtsdefinition. Frauen und Männer scheinen sich mit Ausnahme des morphologischen Bereichs, mehr zu gleichen, als zu unterscheiden (Hagemann-White 1984). „Gerade die Biologie mit der exakten, naturwissenschaftlichen Methodik, zeigt uns, wie vielfältig die Erscheinungsformen weiblichen und männlicher Individuen und wie fließend die Übergänge von Frau und Mann sind.“ (Christiansen, 1985, S. 13) Auch der Zusammenhang zwischen biologischen Geschlechtsmerkmalen und geschlechtstypischen Verhaltensweisen konnte belegt als auch wiederlegt werden. Die Differenzen sind wenn, gering und eher auf individuelle Faktoren zurückzuführen (vgl. Hagemann-White, 1984, S.44).

Ansätze, welche die Entstehung von Geschlechtsunterschieden auf evolutionsbiologische Faktoren zurückführen, betonen, dass gerade die Unterschiede innerhalb der Fortpflanzung die Herausbildung evolutionsbiologisch verschiedener Funktionen von Mann und Frau forciert haben. Dies wiederum kann zu differenten Lebensaufgaben und geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen hingeführt habe. Als klassischer Urfall wird hierbei die Epoche der Jäger und Sammler bemüht, in der der Mann in der Jagd seine Aufgabe fand und die Frau die Feuerstelle und die Kinder hütete.

Diese Arbeitsteilung ist heute in modernerer Ausgestaltung immer noch anzutreffen. Das evolutionsbiologische Modell jedoch bleibt aufgrund nur weniger empirischer Untersuchungen jedoch „spekulativ“ (Gahleitner, 2003, S. 76).

1.2 Psychologische Theorien

Die folgenden psychologischen Theorien beschäftigen sich einerseits mit der Geschlechtsrollen- und Geschlechtsidentitätsentwicklung. Dazu gehören die Lerntheorien und deren Weiterentwicklung durch Bandura (1975) zum Lernen am Modell und modernere Entwicklungstheorien mit dem Fokus auf der kognitiven Verarbeitung der Umwelteinflüsse. Die sozialpsychologischen Theorien andererseits behandeln das alltägliche geschlechtsspezifische Verhalten.

1.2.1 Soziale Lerntheorien

Für die sozialen Lerntheorien sind nur beobachtbare Verhaltensweisen untersuchungsrelevant. Sie gehen davon aus, dass Menschen sich aufgrund von Lernprozessen entwickeln. Der Lernbegriff dieser Theorien reicht von reiner Konditionierung (Verstärkung und Unterdrückung von Verhalten durch Reaktionen auf dieses Verhalten) bis hin zum Lernen am Modell.

Mädchen und Jungen orientieren sich schon früh an gleichgeschlechtlichen Personen und versuchen sie nachzuahmen. Zeigen sie Verhalten, welches ihrem Geschlecht angemessen ist, werden sie darin bekräftigt. „Jungen und Mädchen lernen auf diese Weise nicht nur, wie sie sich zu verhalten haben, sondern sie entwickeln aufgrund dessen auch Erwartungen über geschlechtsangemessenes Verhalten.“ (Alfermann, 1996, S. 65).

Dieser Prozess durchläuft schrittweise folgende Stufen (Alfermann, 1996): Zu Beginn muss sich das Kind kognitiv eindeutig einer Geschlechtergruppe zuordnen. Es wird dann davon ausgegangen, dass „ Kinder eine Präferenz für gleichgeschlechtliche Modelle zeigen“ (Alfermann, 1996, S. 66) und es somit primär zur Beobachtung des eigenen Geschlechts kommt. Die Wahrnehmung ist von Anfang an selektiv. Jungen versuchen ihre Väter zu imitieren, Mädchen ihre Mütter. Eingebettet ist der ganze Prozess in ein System von unterschiedlichen Erwartungen an Mädchen und an Jungen.

Nach dem Lerntheoretiker Bandura (1976) werden nicht nur ähnliche Modelle nachgeahmt, sondern Verhalten tritt dann in häufiger auf, wenn es bekräftigt wird. Er nennt dies differentielle Bekräftigung. Geht man also davon aus, dass geschlechtsangemessenes Verhalten eher bekräftigt wird, und geschlechtsunangemessenes Verhalten ignoriert oder sogar bestraft, steigt bei Kindern die Wahrscheinlichkeit sich im Verhalten an ihrem Geschlecht zu orientieren. Dabei durchläuft jedes Individuum ein ihm spezielles Umfeld an Modellen, es existiert keine Konsistenz.

Kritik: Der Ansatz des sozialen Lernens ist weder empirisch belegt (vgl. Zimmermann, 2000), noch bietet er einen ausreichenden Erklärungszusammenhang. Tillmann (1989) musste feststellen, dass Heranwachsende nicht immer gleichgeschlechtliche Personen nachahmen. Auch ist die Reaktion der Eltern auf geschlechtstypische oder geschlechtstuntypisches Verhalten recht unterschiedlich (vgl. Zimmermann, 2000).

Es bleibt offen, nach welchen Kriterien sich Kinder ihre Modelle aussuchen und welche Auswahlmechanismen dabei wirken. Gerade die Tatsache, dass innerhalb der letzten Jahrhunderte die Frau eine benachteiligte und untergeordnete Stellung inne hatte, wirft die Frage auf, inwieweit und warum Mädchen solche vorgegebenen Geschlechtsidentitäten nachahmen sollten. Bezeichnend für dieses Dilemma sind die Ergebnisse von Studien, in denen Mädchen oft angaben lieber ein Junge sein zu wollen, während Jungen demgegenüber fast nie angaben ein Mädchen sein zu wollen.

1.2.2 Kognitive Theorien

Die kognitive Entwicklungstheorie von Kohlberg (1966/1974)

Für die kognitiven Theorien ist der Identifikationsprozess oder die Imitation nachrangig. Die Geschlechtsrollenentwicklung als kognitiver Verarbeitungsprozess stammt von Kohlberg (1974). Er stellt den Ausbau der kognitiven Fähigkeiten in den Vordergrund, durch den die Bildung einer Identität erst möglich gemacht wird. Die Entwicklung einer Geschlechtsrolle ist demnach weder auf biologische Instinkte, noch auf kulturelle Normen zurückzuführen. Sie ist das Ergebnis kognitiver Organisation in Auseinandersetzung mit der Umwelt.

Die Entwicklung zum Mann oder zur Frau kann in fünf Etappen beschreiben werden (vgl. Zimmermann 2000, Alfermann 1996). Im Alter von zwei Jahren nimmt das Kind die verbale Unterscheidung zwischen Jungen und Mädchen wahr (vgl. Kohlberg 1974). Innerhalb des dritten Lebensjahres beginnt es das eigene Geschlecht einer der beiden Gruppen zuzuordnen und die Kategorien männlich/weiblich auch auf andere Personen anzuwenden. Es entwickelt dabei Geschlechterstereotype und Geschlechtsrollenerwartungen. Nach dem vierten Lebensjahr wird das Geschlecht an „physischen Kriterien“ (Zimmermann, 2000, S. 176) festgemacht. Bis zum sechsten Lebensjahr besteht beim Kind aber noch keine stabile Identität, da es allgemein psychische Objekte noch nicht als konstant begreifen kann. „Die Entstehung einer konstanten Geschlechtsidentität ist demnach ein Teil des allgemeinen begrifflichen Wachstumsprozesses.“ (Zimmermann, 2000, S. 177) Die eigene Geschlechtsidentität und somit das geschlechtstypische Verhalten sind das Ergebnis einer positiv besetzten Einstellung zur eigenen Geschlechtergruppe (Ingroup-Favorisierung) und dem Wunsch geschlechtsspezifische Rollen- und Verhaltenserwartungen zu erfüllen. Der Unterschied zu den sozialen Lerntheorien liegt in der Reihenfolge. Die Identität steht an erster Stelle: Ich bin ein Junge/ ein Mädchen. Daher möchte ich mich wie ein Junge/Mädchen verhalten. Wenn ich mich wie ein Junge /Mädchen verhalte, ist dies für mich belohnend.

Zusammenfassend kann man sagen: Kognitive Theorien sehen die Geschlechtsrollenentwicklung als eine Identitätsfindung, einhergehend mit dem Erwerb der zugehörigen Einstellungen und Verhaltensweisen. Dieser Prozess basiert auf der kognitiven Klassifizierung von Geschlechtsrollen die uns täglich begegnen. Da bis zum sechsten Lebensjahr des Kind eher egozentrische, ich-bezogene Denkstrukturen hat, kommt es zusätzlich zur Bevorzugung der eigenen Gruppe. Nach dem sechsten Lebensjahr wird die Geschlechtsrolle moralisch begründet. Nach diesen Theorien ist anzunehmen, dass innerhalb der weiteren Entwicklung, durch Veränderung der moralischen Sichtweisen, auch die Geschlechtsidentität einer Modifizierung unterzogen wird (vgl. moralische Entwicklung bei Kohlberg).

Kritik: Das Geschlechtsrollen mit höherem Alter flexibler gehandhabt werden, konnte allgemeine bestätigt werden, jedoch scheint der freie Umgang mit den Anforderungen der Rolle weniger durch kognitive Entwicklungsprozesse als durch soziale Einflüsse moderiert zu werden (vgl. Alfermann, 1996). Einige Untersuchungen von Kohlberg (1966 / 1967) unterstreichen dies, in dem sie aufzeigen, dass Mädchen auf viel flexiblere Geschlechtsrollen zurück greifen können. Diese wissen mehr über Jungen und sind in ihrem eigenen Verhalten offener für Identitätswechsel. Mit seiner kognitiven Theorie ist das aber nicht zu erklären, sondern hier greift besser der Ansatz der sozialen Lerntheorie. Er betont, dass Mädchen die männliche Geschlechtsrolle, als „höherwertig“ ansehen und sich beim „sozialen Aufstieg“ daran orientieren (Alfermann, 1996).

Geschlechterschematheorien

Die Theorien zum Geschlechterschema basieren auf dem Grundgedanken, dass Menschen ihre komplexe Umwelt in Schemata organisieren. Schemata können als eine kognitive Strukturen vorgestellt werden, die in der Kindheit aufgebaut werden und in die selektiv die ansonsten viel zu umfangreichen Außeninformationen eingeordnet werden. Die Selektion dient auf der einen Seite der Bewältigung dieser Informationen, auf der anderen Seite gehen durch sie auch Informationen verloren. Diese Form der Organisation geistiger Inhalte ist eine Ursache für Stereotypbildung.

Das Geschlechterschema spielt dabei eine große Rolle (Bem, 1993) und verarbeitet Information in den Kategorien „typisch weiblich“ oder „typisch männlich“. „Eine Geschlechterschema ist eine kognitive Struktur, ein Netzwerk von Assoziationen, das die Wahrnehmung eines Menschen nach geschlechtstypischen Kriterien organisiert und lenkt.“ (Alfermann, 1996, S. 73) Trifft man zum Beispiel auf einen Mann mit weiblichen und männlichen Eigenschaften, ist man geneigt dazu die weiblichen Eigenschaften aus der Information herauszufiltern, um ihn in die Kategorie „männlich“ besser einordnen zu können. Wichtig bei diesem Ansatz ist, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Schemata zur Verarbeitung der Umwelt benutzen. Demnach gibt es auch Menschen, die dem Geschlecht eine nachrangige Bedeutung geben (vgl. Alfermann 1996, Bem 1993). Die Möglichkeiten andere Aufteilungen der Gesellschaft gehen von arm/reich, scharz/weis, schön/hässlich bis hin zu klug/dumm.

Bem (1993) untersuchte, inwieweit sich das Selbstkonzept an geschlechtsspezifischen Schemata orientiert. Grundannahme war, dass sich SchematikerInnen und AschematikerInnen nicht nur im Denken, sondern auch in der Geschlechtsidentität und in ihrem Verhalten unterscheiden. Sie fand bei der Auswertung ihrer Daten einige Belege für ihre These: Nimmt man eine Reihe von Informationen, wie zum Beispiel Berufsbezeichnungen gibt es viele Möglichkeiten diese zu ordnen (akademische – nichtakademische Berufe / technische - soziale Berufe). Es wurde davon ausgegangen, dass Menschen, die dem Geschlechtsschema eine hohe Bedeutung beimessen, bei dieser Aufgabe die Berufe in die Kategorien „Männerberufe“ und „Frauenberufe“ einordnen. Tatsächlich konnte Bem nachweisen, dass Geschlechtsschematiker Informationen in den Dimensionen weiblich / männlich verankern und geschlechtsrelevante Eigenschaften der eigenen Person schneller zuordnen können, als die anderen VersuchsteilnehmerInnen. SchematikerInnen sind demnach (vgl. Alfermann 1996) höher motiviert auch ihr Verhalten nach dem eigenen Geschlecht auszurichten. Dies steht in Zusammenhang mit der Bedeutsamkeit die diesem Schema im sozialen Umfeld zugeschrieben wird d.h. wenn in den alltäglichen Interaktionen das Geschlecht die entscheidende Rolle spielt ist man geneigt sich diesem Denken anzupassen.

Diese Theorie verbindet also kognitive Prozesse und soziale Erfahrungen. Wie bedeutsam das kognitive entwickelte Schema „Geschlecht“ ist und wie es inhaltlich ausgestaltet wird, ist von äußeren Umständen und der sozialen Umgebung abhängig.

1.2.3 Sozialpsychologische Theorien

Die vorangegangenen Theorien fokussierten ihre Betrachtung eher auf die Entwicklung des Geschlechts beim Kind. Sozialpsychologische Theorien aber fragen nach geschlechtsspezifischem Verhalten aller Altersgruppen: Warum verhalten sich Menschen geschlechtsspezifisch und welche Rollen und Interaktionsprozesse sind daran beteiligt? Hier spielt das Geschlecht als sozial konstruierte Kategorie eine große Rolle, so dass die sozialpsychologischen Theorien gegenüber neueren Diskussionen der Konstruktion von Geschlecht anschlussfähig sind.

Nach Alfermann 1996 sind zwei Ansätze wichtig: der rollentheoretische Ansatz von Alice Eagly, 1987 und das zirkuläre Modell der sich-selbsterfüllenden-Prophezeiung von Florence Geis 1993.

Nach Eagly werden aufgrund der geschlechtstypischen Arbeitsteilung unterschiedliche Erwartungen an Männer und Frauen gestellt. Die expressive Rolle wird eher von der Frau erwartet, die instrumentelle Rolle eher vom Mann. Daraus ergeben sich wieder bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten wie z.B. männliches Leistungsstreben oder weibliches Einfühlungsvermögen. Innerhalb ihres Lebens erwerben Frauen und Männer dadurch unterschiedliche, ihrem Geschlecht angemessene Fähigkeiten und Überzeugungen (auch von diesen Fähigkeiten). Hinzu kommt, dass auch andere Rollen (wie bestimmte Berufe oder Statusrollen) in männliche und weibliche Bereiche eingeteilt sind. Dadurch „erhalten sie Qualitäten der Geschlechterrolle“ (Alfermann, 1996, S. 79). Liegt mindestens eine dieser Bedingungen vor, müssten Unterschiede im sozialen Handeln auftreten. Bei Eagly hat der jeweilige situative Kontext eine große Bedeutung., d.h. Geschlechtrollenerwartungen und - fähigkeiten werden nicht immer oder auch unterschiedlich stark aktiviert.

Geis beschäftigte die Frage „welche Bedeutung unsere stereotypen Erwartungen für das Handeln in einer Interaktionssituation haben“ (Alfermann, 1996, S. 82). Ihrer Überlegungen zugrunde liegt das Konzept der sich-selbsterfüllenden-Prophezeiung von Merton. Die Prophezeiung, welche eine bestimmte Erwartung oder Überzeugung darstellt, kann als Geschlechterschemata umschrieben werden. Sie beruhen wie bei Eagly auf kulturellen oder sozialen Geschlechtszuordnungen oder – stereotypen. Aufgrund des Strebens nach kognitiver Konsistenz wird die Wahrnehmung den Erwartungen angepasst, so dass eine gewisse Verzerrung entsteht, die sich in den Schlussfolgerungen und in den Erinnerungen niederschlägt. Die Person wird den Erwartungen entsprechend kognitiv abgebildet und Überzeugungen werden bestätigt. Hinzu kommen andere kognitive

„Fehlleistungen“, wie der Attributionsfehler, der einem dazu verleitet eher die Person als die Situation als Einflussgröße für Verhalten anzusehen und der Konsensus-Effekt, der die Tendenz benennt Überzeugungen dann als gültiger anzusehen, wenn sie von vielen Menschen geteilt werden.

1.3 Zur Konstruktion von Geschlecht

Weit wichtiger als die Differenz zwischen den Geschlechtern zu untersuchen und sie damit auch zu manifestieren (vgl. Hagemann-White, 1984), wird zunehmend die Betrachtung aufgrund welcher Vorgänge es überhaupt zu Geschlechtsunterscheidungen innerhalb einer Kultur kommt.

Die oben genannten Ansätze haben eins gemeinsam. Sie gehen davon aus, dass die Zweigeschlechtigkeit Ausgangspunkt für unterschiedliche soziale Handlungsweisen und eine verschieden verlaufende Identitätsbildung ist. Die Theorien zur Konstruktion von Geschlecht hinterfragen dieses meist unbegründete Alltagswissen und versuchen aufzuzeigen, dass das biologische Geschlecht nicht der Ausgangspunkt oder die Basis ist, sondern das das Konzept der Zweigeschlechtigkeit „als Effekt sozialer Praxis“ (Wetterer, 2004, S. 122) beschrieben werden kann (vgl. auch Hagemann-White, 1984). Die Anfänge dieser Theorie entstammen der Kulturanthropologie und den Annahmen des Symbolischen Interaktionismus.

Das die in unserer Kultur gelebte Zweigeschlechtigkeit ein kulturelles Phänomen ist „und keineswegs von universaler Selbstverständlichkeit“ (Wetterer, 2004, S. 124), bemerkte schon 1958 die Kulturanthropologin Margaret Mead. Sie belegte durch Einzelstudien, dass es Kulturen gibt, die mehr als ein Geschlecht kennen und in denen es auch innerhalb der Lebensspanne zu einem Geschlechterwechsel kommen kann. In den westlichen Kulturen ist dieses Phänomen unter dem Begriff der Transsexualität bekannt, gilt jedoch als ein gesellschaftliches Sonderereignis. (vgl. Studien Kessler/McKenna, Kapitel 1.3.1) Die wichtigsten Ansätze werden in den folgenden Abschnitten beschrieben.

1.3.1 Goffman`s Interaktionstheorie

1977 vertrat Goffman (Symbolische Interaktionismus, Konstruktivismus) die Meinung, dass die biologischen Merkmalsunterschieden zu gering seien, um diese, die ganze Lebensspanne umfassende Teilung von Frau und Mann zu erklären.

Wie können unrelevante biologische Unterschiede jedoch eine solche enorme soziale Bedeutung gewinnen? (Goffman, 1994).

Die Zuordnung zu Mann oder Frau beginnt bei der Geburt und hat eine lebenslang Geltung. Sie kann als eine Identifikationsetikette beschrieben werden und ist das beste Beispiel für eine soziale Klassifikation (vgl. Goffman, 1994).

Durch die Zugehörigkeit zu einer dieser sozialen Klassifikationen werden die männlichen und weiblichen Kinder unterschiedlichen Sozialisationen ausgesetzt.

„Von Anfang an werden der männlichen wie der weiblichen Klasse zugeordnete Personen unterschiedlich behandelt, sie machen verschiedene Erfahrungen, dürfen andere Erwartungen stellen und müssen andere erfüllen.“ (Goffman, 1994, S. 139) Entscheidend ist hierbei, dass die gesellschaftliche Ordnung institutionalisierte Rahmenbedingungen vorgibt, welche eine geschlechtsspezifisches Handeln nahe legen, es fördern und abstützen. Dazu gehören „die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung“ genauso, wie getrennte Toilettenräume, die selektive Arbeitsplatzvergabe und das vorgegebene Identifikationssystem (Namensgebung, Kleiderordnung...etc.).

„Die Biologie gibt uns zwar ein treffliches und sauberes Mittel zur unmissverständlichen Zuteilung der Mitgliedschaft auf diese Klassen an die Hand. Die Risiken und Reaktionen jedoch, die so selbstverständlich aus der Verteilung zu folgen scheinen, sind das Ergebnis der gesellschaftlichen Ordnung“ (Goffman, 1994, S. 158).

Ausschlaggebend für die Weiterentwicklung des Konzeptes von Goffman war die Meta- Studie von Suzanne Kessler und Wendy McKenna 1978. Am Beispiel von Untersuchungen aus der Biologie und der Psychologie versuchen sie aufzuweisen, dass wissenschaftliche Untersuchungen über Geschlechtsunterschiede nicht die Existenz zweier Geschlechter beweisen, sondern sie voraussetzen, begründet auf unserem Alltagswissen. Innerhalb von Deutschland rezipierte 1984 Carol Hagemann-White die Theorie der Geschlechterkonstruktion, stieß jedoch auf wenig Gegenliebe. Auch sie betrachtet die empirischen Ergebnisse zu unterschiedlichen Verhaltenweisen von Jungen und Mädchen.

In einer Zeit, in der die Untersuchungen zu den Unterschieden zwischen den Geschlechtern Hochkonjunktur hatte, in der man annahm, dass das „Geschlecht selbst als letzte Ursache für Verhalten zu vermuten sei“ (Hagemann-White, 1984, S. 12) , kam sie zu dem Schluss (in Bezug auf Mädchen):

„Weibliches Verhalten und weibliche Eigenschaften sind daher immer das Produkt einer Interaktion zwischen dem angeeigneten kulturellem System und den Zufällen der individuellen Lebensgeschichte.“ (Hagemann-White, 1984, S. 104)

Welche sozialen Prozesse jedoch bringen das System der Geschlechter hervor? Wenn Geschlechtszugehörigkeit weder Eigenschaft noch Merkmal sein kann, welche Mechanismen sind dann für dieses relativ stabile Phänomen der Unterscheidung zwischen Mann und Frau verantwortlich? Das Konzept des „doing gender“ versucht darauf Antworten zu geben.

1.3.2 Doing gender als soziale Praktiken der Geschlechterunterscheidung

„Can we ever not do gender?“ (West/Zimmermann, 1987, S. 125) fragten West/Zimmermann in ihrem einflussreichen Artikel und beantworten ihre Frage mit einem

„No”. Diese Frage unterstützt die vorangegangenen Überlegungen, dass die Geschlechtsidentität einem fortlaufenden Herstellungsprozess unterworfen ist und die Autorinnen machen deutlich, dass wir täglich an der Konstruktion und an der Aufrechterhaltung der „Ordnung“ mitwirken. Die Überlegungen von West und Zimmermann basieren auf den Grundgedanken soziologischer Interaktionstheorien.

Treffen also Mann und Frau aufeinander, werden die Geschlechter erst von beiden identifiziert und klassifiziert und dann geschlechtsspezifisches Verhalten wechselseitig aufeinander bezogen. Es ist demnach anzunehmen, dass sich die Frau gegenüber dem Mann weiblicher verhält, als wenn sie mit einer Frau zusammen trifft.

Dieser Prozess scheint aber unausweichlich. Geschlecht stellt dabei eines der wichtigsten Klassifikationsschema der westlichen Kultur dar (vgl. Goffman, 1994). Solche Handlungsmuster dienen wiederum dazu, komplexe Umweltgeschehnisse zu vereinfachen und Verhaltensreaktionen im voraus abschätzen zu können, um das eigene Handeln darauf einzustellen. (vgl. Sozialpsychologie). West und Zimmermann veränderten auch die Bedeutung von sex und gender.

Sex wird demnach nicht mehr als das biologische Geschlecht verstanden (in Abgrenzung zu dem heimlichen Biologismus, bei dem die Unterschiedlichkeit des Körperaufbaus den Ausgangspunkt der binären Geschlechterordnung darstellt) sondern als „Geburtsklassifikation des körperlichen Geschlechts aufgrund sozial vereinbarter biologischer Kriterien“ (Gildmeister, 2004, S.133). „Sex-category“ ist die soziale Zuordnung zu einem Geschlecht im Alltag. Hierbei spielen die äußeren Erkennungsmerkmale, d.h. die geforderte Darstellung, eine wichtige Rolle. „Gender“ als soziales Geschlecht wiederum betrifft den Interaktionsprozess selbst, er kann verglichen werden mit Goffman `s genderism. Innerhalb normativer Vorgaben werden diejenigen Verhaltensweisen aktiviert, welche der Geschlechtskategorie als angemessen gelten.

1.3.3 Exkurs: Judith Butler und Gender Trouble

Judith Butler, amerikanische Professorin für Gender Studies und Philosophie ist wohl die prominenteste Autorin der derzeitigen feministischen Geschlechterdebatte. Ihr berühmtes Werk „Gender Trouble“ von 1990 setzt sich mit dem Konzept der strikten Trennung von sex und gender auseinander und der Vorstellung, dass die Kategorien Frau und Mann als universell und stabil begriffen werden. Die Annahmen des Konstruktivismus, dass gender eine sozial und kulturell hergestellte Praxis ist, stellt in ihren Augen nur die Verschiebung des Determinismus von der Biologie zur Kultur dar.

“When the relevant “culture” that “constructs” gender is understood terms of such law or set of laws, then it seems that gender is as determined and fixed as it was under the biology-is-destiny formulation. In such a case, not biology, but culture, becomes destiny.” (Butler, 1990, S. 8)

Butler begreift das biologische Geschlecht aber als genauso kulturell hergestellt wie das soziale Geschlecht. Das heißt die diskursive Praxis von den drei Kategorien: Geschlechtskörper, Geschlechtsidentität und Praxis und Struktur des sexuellen Begehrens (desire) bringt die relativ stabilen Kategorien von Mann und Frau hervor und beruht auf Machtmechanismen (vgl. Foucault). Wirklich neu an ihren Gedanken ist, dass der Körper bzw. die Körperidentität (sex) nicht als etwas Stabiles begriffen werden und Teil der diskursiven Machtverhältnisse ist (vgl. Villa, 2004).

1.4 Zusammenfassung

Es gibt keine einheitliche Theorie des Geschlechts, es kann hier nur von verschiedenen Schulen gesprochen werden. Der biologische Ansatz versucht geschlechtsdifferentes Verhalten mit den unterschiedlichen körperlichen Merkmalen von Frau und Mann zu erklären. Evolutionsbiologisch betrachtet, hat sich aufgrund dieser körperlichen Unterschiedlichkeit der Mensch geschlechtsspezifische Fähigkeiten und Merkmale angeeignet, die bis in die heutige Kultur wirksam sind. Die sozialen Lerntheorien richten ihren Fokus auf die Umwelteinflüsse. Basierend auf dem Gedanken, dass das Verhalten beim Kind durch Mechanismen des Konditionierens ausgebildet wird, erklärt sich, wie es erlernt geschlechttypisches Verhalten zu praktizieren und untypisches zu unterdrücken. Die Weiterentwicklung oder Ergänzung dieser Theorie erfolgte durch das „Lernen am Modell“, bei dem angenommen wird, das Kinder sich das jeweils passende Geschlecht zum Vorbild nehmen und daran Verhalten und Einstellungen studieren und diese nachahmen.

Kognitive Theorien messen den sozialen Einflüssen ein nachrangigen Stellenwert bei. Sie sehen die Entwicklung der Geschlechtsidentität als eine innengelegene Ausbildung von geistigen Strukturen, aus der eine Zuordnung in weiblich und männlich resultiert. Durch die Zugehörigkeit der eigenen Person zur Gruppe der Frauen oder Männer werden auch Verhalten und Einstellungen dahingehend angepasst.

Die Geschlechterschematheorien begreifen das unterschiedliche Handeln von Frau und Mann als Ergebnis von kognitiven Strukturen, den Schemata, die der Mensch ausbildet um Informationen der Umwelt zu sortieren und für sich aufzubereiten. So entstehen gewisse Vorstellungen von Frau sein oder Mann sein und es werden rückwirkend bestimmte Erwartungen an Mann oder Frau gestellt. Das Resultat ist Verhalten, welches in weiblich und männlich geteilt werden kann.

Interaktionspsychologische Theorien betonen die alltägliche Konstruktion und Aufrechterhaltung von Rollenmustern durch bestimmte Erwartungen an sich selbst und den Gegenüber. Selektive Wahrnehmung und dahingehend ausgerichtetes Verhalten, veranlassen, dass Geschlechtsstereotype in unseren Köpfen immer wieder bestätigt werden. Die Theorien der Konstruktion versuchen den Ursprung der Zweiteilung der Geschlechter zu finden. Der „heimliche Biologismus“ dieser psychologischen Annahmen zeigt sich in der per se vorausgesetzten Zweigeschlechtigkeit.

Grob können die beiden Paradigmen der Differenz und der Konstruktion wie folgt gegenüber gestellt werden. Die natürliche Geschlechterdifferenz wird innerhalb der Geschlechterforschung durch die sozial/kulturell hergestellte Differenz in der Interaktion zwischen Mann und Frau abgelöst. Dabei wird die Stabilität der Geschlechteridentität verworfen, wobei es eine Abstufung gibt: die abgemilderte Version hinterfragt lediglich das soziale Geschlecht, während Judith Butler in ihrer Diskurs-Genealogie sogar soweit geht, das biologische Geschlecht als außerhalb einer Kultur nicht existent zu beschreiben. Geschlecht „passiert“ also auf allen Ebenen und durchzieht mit seiner konstruierten Zweiteilung sowohl persönliche Verhaltenweisen und Einstellungen, als auch soziale Praktiken und Interaktionsmuster und drückt sich innerhalb der Gesellschaft durch Arbeitsteilung und Hierarchien aus.

2. Geschlecht, Technik und Medien

Welchen Einfluss hat nun das Geschlecht auf unsere alltägliches Medienhandeln?

Die Verortung des Verhältnisses der Geschlechter zum Internet schließt mehrere Theorieansätze ein. Innerhalb der feministischen Debatte wurde der Technikdiskurs auf das Internet übertragen (vgl. Dorer, 2001).

Er beschreibt das Internet vornehmlich als eine von Männern entwickelte Technologie, welche ein Abbild der Interessen und Machtstrukturen der patriarchalischen Gesellschaft ist. Frauen werden von technologischen Prozessen ausgeschlossen oder marginalisiert (Technologieverhältnisse sind Geschlechterverhältnisse). Am Ende dieser Theorie steht das differente Handeln mit der Technologie, wobei der Fokus jedoch auf dem erwachsenen Menschen liegt. Der erste Teil dieses Kapitel wird sich mit diesen Theorien beschäftigen.

Ein anderer Aspekt ist das Internet als Massenmedium. Innerhalb der Medien- und Kommunikationswissenschaft wird das Medium Internet unter allen klassischen Fragestellungen beleuchtet.

Gibt es unterschiedliche Bedürfnisse von Frauen und Männern, Mädchen und Jungen, die die nicht gleich gut im Internet befriedigt werden können, oder ist das Internet mit seinem unerschöpflichen Inhalten geschlechterdemokratischer als die sogenannten alten Medien? Wie werden Frau und Mann oder deren Inhalte im Internet repräsentiert? Ist das Internet ähnlich wie das Fernsehen und trägt zur Weiterschreibung unserer Zweigeschlechterwelt bei (vgl. Kirchhoff 1975, Weiderer 1995) oder ist gerade die entkörperlichte Identität im Netz eine Chance für „gender swapping“? (vgl. Döring,1999). Auch hier mündet die Diskussionen in die Frage, ob es verschiedenes Medienhandeln bei den Geschlechtern gibt und wie dieses unterschiedliche Handeln zu bewerten ist. In der amerikanischen Debatte umschrieb man den eingeschränkten Zugang von Frauen zum Internet mit „gender gap“. Es wurde befürchtet, dass sich Männer, ähnlich wie bei anderen Klüften (z.B. zwischen gebildeten und weniger gebildeten Menschen), als Frühstarter in die neuen Technologien einen noch höheren ökonomischen Vorteil verschaffen können, als den den sie sowieso schon inne haben. Diese Fragestellungen wurden nach dem jetzigen Forschungsstand nur teilweise untersucht. Sie verbleiben häufig auf der theoretischen Ebene.

2.1 Gender und Technologie: Die feministische Technikdebatte

„Außer dem Militär gibt es kaum einen Bereich unserer Gesellschaft, der so eng mit Männlichkeit verknüpft wird wie Technologie.“ (Schelhowe, 2000, S. 208)

Die feministische Technikdebatte ist ein wichtiges Element innerhalb der Frauen- und Geschlechtertheorien. Frauen sind klassischerweise gerade im technischen Bereich unterrepräsentiert. Das spiegelt sich einerseits in der Berufswelt wieder, aber auch in der Entwicklung und Nutzung von neuen Technologien. Die wenigen Frauen, die sich in den Naturwissenschaften verdient gemacht haben, werden geschichtlich marginalisiert (beispielsweise: Ada Lovelace, Entwicklerin der ersten Programmiersprache) oder wenn sie in der „technischen“ Praxis tätig sind, diskriminiert. Im Alltagshandeln gilt die Weisheit „Frauen und Technik?“. Es entsteht so der Eindruck, als ob Technik per se etwas natürlich männliches sei: unbegabte, technikuninteressierte Männer und weibliche Technikfreaks sind unerwünschte Randfiguren. Kapitel 2.1 orientiert sich an dem theoretischen Rahmen von Frissen 1992.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1

2.1.1 Theoretische Grundströmungen

Die feministische Technikdebatte geht von zwei gegensätzlichen Grundannahmen aus, die hier kurz vorgestellt werden(vgl. Dorer, 2001).

Der liberal feministische Diskurs versteht Technik und neue Technologien als ursprünglich neutrale Räume, welche jedoch im Laufe der Geschichte der westlichen Kultur mit männlichen Bedeutungen besetzt worden sind. Hier werden die strukturellen und individualpsychologischen Barrieren untersucht, die Frauen grundsätzlich davon abhalten, sich in diesen männlichen Bereich einzumischen. Die späte Zulassung von Frauen zum Studium (seit ca. 100 Jahren), die Probleme von Studentinnen in naturwissenschaftlichen und technischen Bereichen, das Fehlen von weiblichen Vorbildern und die Nichtanerkennung von weiblichen Leistungen sind einige Beispiele dafür. Individualpsychologisch formt sich daraus ein negatives Selbstbild in den Köpfen der Frauen. Sobald Mädchen und Frauen auf technische Begebenheiten stoßen, fühlen sie sich weniger begabt und trauen sich weniger zu. Die Möglichkeit, dass alles prinzipiell erlernt werden kann, wird oft übersehen (vgl. Schelhowe, 2002). Dieser Ansatz beschreibt das frauliche „Technikdefizit“ als symbolische Verortung. Das bedeutet jedoch, dass ein unterschiedlicher Umgang mit Technologien prinzipiell nichts natürliches sondern etwas konstruiertes ist, das jedoch einen hohen Einfluss auf die alltägliche Praxis hat.

Der radikal feministische Diskurs lehnt technisches Denken ab, da die Strukturen von Technik männliche „Bedürfnisse“ befriedigen und somit Frauen ausschließen. Technik ist hier nicht wertfrei, sondern Ausdruck und Ergebnis von patriarchalen Machtstrukturen. Das bedeutet aber auf der anderen Seite, dass Technik durch gesellschaftliche Umwälzung verändert werden kann und das Frauen durch die Einmischung zum Enstehen einer anderen, geschlechtergerechter anderen Technologie beitragen können. Die Fragestellungen beziehen sich also nicht auf „kann das die Frau?“ sondern auf „will das die Frau?“. Ist es sinnvoll immer schnellere Autos zu bauen, obwohl es kaum noch Straßen gibt, auf denen man sie ausfahren kann? Befriedigt das nicht eher männliche Bedürfnisse nach Geltungsdrang?

Nimmt man beide Diskurse zusammen, ergibt sich ein Modell, das durchaus gegensätzlich, aber auch kombinierbar ist. Eine symbolische Verortung schliesst Neutralität eigentlich aus. Es mag sein, dass Technik irgendwann mal neutral gewesen ist, dadurch dass sie aber vornehmlich von Männern entwickelt worden ist, hat sie heute diesen ureigenen Charakter. Auf der anderen Seite stehen weibliche Errungenschaft, die abgestimmt sind auf Lebenswelten, in denen sich Frauen bewegen (z.B. die Entwicklung der Einbauküche durch eine Architektin der Bauhausschule, zur Entlastung der langen Wege der Hausfrau). Geschlechterverhältnisse sind Technikverhältnisse und umgekehrt. Technologie ist selber sozial-kulturelle Praxis (vgl. Frissen 1992, Winker 1998), in der Geschlechterverhältnisse weitergeschrieben werden. Dieser Ansatz soll im weiteren näher betrachtet werden.

Die dichotome Spaltung der menschlichen Lebenswelt in weibliche und männliche Bereiche, die sich in der klassischen Einteilung privates und öffentliches Wirkungsfeld manifestiert und die ungleiche geschlechtsspezifische Machtverteilung innerhalb der Gesellschaft, sind dabei grundlegende Argumentationspfeiler.

2.1.2 Die soziale und kulturelle Praxis der Technologie

Die soziale und kulturelle Praxis der Technologie kann auf vier Ebenen deutlicher gemacht werden (vgl. Dorer 2001): auf der Ebene der Wissensproduktion, auf der Ebene der industriellen Produktion, auf der Ebene der Distribution neuer Technologien, sowie auf der Ebene der Konsumpraxis.

Die ersten Ebene, die Wissensproduktion beschäftigt sich mit den Räumen, in denen Technologie studiert, erforscht und entwickelt wird. Frauen sind in technischen Berufen und Studiengängen deutlich unterrepräsentiert (vgl. Winker 2002). Dies ist aber weniger durch das biologische Geschlecht zu erklären, sondern beruht darauf, dass weibliche Identitäten unvereinbar mit solchen Berufsfeldern zu sein scheinen. „Sozial akzeptierte weibliche Identitätskonzepte gelten (...) als inkompatibel mit technischem Handeln“ (Winker, 2002, S. 72). Untersuchungen, die die Fähigkeiten von Schülern und Schülerinnen testeten, kamen zu dem Schluss, dass die Zuordnung von sprachlich- kommunikativer Begabung zu den Mädchen und die technisch-praktische Begabung zu den Jungen, nur auf eine kleine Gruppe von Schülern innerhalb einer 12.Klasse zutraf (vgl. Winker, 2002, S. 73). Aufsagekräftiger sind Studien, welche sich mit Studentinnen in informationstechnischen Studiengängen oder mit Frauen in technischen Berufen beschäftigen. Walter 1998 schreibt, dass Studentinnen die Herausforderung zwischen der eigenen weiblichen Identität nebst den ihr zugeschriebenen Verhaltensregeln und den Anforderungen des Berufes ständig ausbalancieren müssen. Es bleibt oft die Wahl zwischen dem Ablegen der eigenen weiblichen Identität, um sich männlichen Verhaltenskodizes besser anzupassen (als „Mannfrau“ fachlich akzeptiert zu werden) oder eben fachlich als Frau nicht anerkannt zu werden, was oftmals zum Abbruch des Studiums führt.

Durch die Überrepräsentanz von Männern bei der Wissensproduktion, setzten sich männliche Themen, Interessen und Bedürfnisse an die/der Technologie durch.

Männer entwickeln vornehmlich Techniken, die die Arbeit von Männern erleichtern, traditionell weiblich besetzte Arbeitsbereiche werden jedoch stiefmütterlich behandelt.

„One of the conclusions that is often drawn in publications on this subject is that in spite of the many innovations in domestic technology the time spend on domestic work by women has not substantially decreased.” (Frissen, 1992, S. 200)

Auch Winker, 2002 beschreibt dieses Phänomen. Die Überlegung, vernetzte Systeme für eine Erleichterung in der Haushaltsführung nutzbar zu machen (der intelligente Kühlschrank mit Anbindung an ein Online-Shopping-System), kam erst auf, als sich die Bedürfnisse von Singles mit „überlanger Erwerbsarbeitszeit“ herauskristallisierten.

Eine Arbeitserleichterung für die einfache Hausfrau wird oft nicht bedacht.

„Darüber hinaus sind (...) viele netzbasierte Anwendungen blind gegenüber den Anforderungen der Integration unterschiedlicher Arbeits- und Lebensbereiche“ (Winker, 2002, S. 75).

Industrielle Produktion

Die Produktion von Technikzubehör, wie Mikroprozessoren, Tastaturen, Bildschirmen und Schaltkreisen ist eine schlecht bezahlte Arbeit, die vornehmlich von Frauen ausgeführt wird (vgl. Dorer 2002). Dies ist Ausdruck der bestehenden Machtverhältnissen einerseits, andererseits wird dadurch Technik nicht automatisch zu einer „weiblichen Angelegenheit“ (Dorer, 2002, S. 247), die Verbindung Mann – Technik wird weitergeschrieben.

Distribution neuer Technologien

Wo und bei wem setzen sich neue Technologien durch? Die Prozesse, nach denen sich ein Produkt auf dem Markt durchsetzt, sind ebenfalls nicht geschlechtsneutral. Es werden gezielt Gruppen beworben, Strategien zur Vermarktung entwickelt und im Einzelhandel Verkaufsgespräche geführt, welche immer mit geschlechtsdifferenten

Bedeutungen besetzt sind. Bei Einführung von neuen Technologien werden zum Beispiel ausschließlich Männer beworben, da sie als technikbegeistert gelten und der instrumentelle Charakter z.B. von Computern etc. für Frauen als nicht so ansprechend gilt (vgl. Klaus, 1997).

Konsumpraxis

Die Konsumpraxis ist der letzte Schritt in der Geschlechterkonstruktion. Sie drückt sich in verschiedenen beruflichen und privaten Anwendungspraktiken aus, welche wiederum als typisch „männlich“ oder typisch „weiblich“ empfunden werden.

2.2 Gender und neue Informationstechnologien

2.2.1 : Internetgeschichte und Geschlechterverhältnisse

Dorer (2001) beschreibt in einem Drei-Stufen-Modell ( angelehnt an Lovink/Schultz 1999: Genealogie des Netzes) wie sich das Internet „entlang der traditionellen Geschlechterlinie“ (Dorer 2001, S. 45) entwickelt hat. Wichtig ist dabei, den Zusammenhang zwischen Internetgeschichte und medialer Repräsentation der Geschlechter aufzuzeigen .

Die erste Phase umfasst den Zeitraum von 1969-1989 und ist gekennzeichnet durch die Vernetzung von Großrechnern in männlich dominierten Arbeitbereichen wie Militär, Wissenschaft und Großunternehmen. Diese Entwicklung wurde in der Öffentlichkeit zuerst nicht diskutiert, Frauen waren von dieser Technologie weitest gehend ausgeschlossen, was an der Verteilung der Geschlechter in diesen Berufsgruppen (also an der klassischen Arbeitsteilung) liegt. Einige wenige männliche Jugendliche („early adopters“) eigneten sich das Spezialwissen an. „Hacker“ und „Cyperpunks“ brachen in fremde Systeme ein und machten sich für einen öffentlichen Zugang stark.

Die zweite Phase (1990 – 1995) ist die Zeit, in der das Internet zum Einen in die privaten Haushalte Einzug erhält und in der, sowohl eine Netzeuphorie, als auch ein Netzpessimismus in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Die Themen sind dabei männlich codiert (nach Dorer 2001): Technik, Cyper-Sex, Cyper-Nazismus, Cyber- Kriminalität, Hacker-Kulturen. Zu diesen Themen äußeren sich männliche Experten. Frauen unterliegen einer Nichtthematisierung und einem Ausschluss. Sie werden weder als Entwicklerinnen von Hard- oder Software genannt, noch können sie sich mit den Themenkomplexen Technik/Expertentum, Sex/Gewalt und Almacht/Kontrolle identifizieren. Die Diskussion innerhalb der Wissenschaft dreht sich in der Zeit um Technikdistanz bei Frauen, den besonderen weiblichen Zugang und die männlich dominierten Inhalte im Internet. Auf der anderen Seite wird das Internet euphorisch als Chance zur „Zersetzung des Geschlechts“ (vgl. Bath, 2002; vgl. Döring 1999) gesehen. Cyperfeministinnen rufen zur aktiven Teilnahme an Gestaltungsprozessen im Internet auf (vgl. Sadie Plant, 1996).

Ab 1995 setzt die dritte Phase ein. Sie kann als „Einführung des konservativen Frauenstereotypes“ charakterisiert werden (Dorer, 2001, S. 46). Die dominierende Zweigeschlechtlichkeit, welche sich niederschlägt in der Teilung in einen privaten versus einen öffentlichen Bereich und in Technikkompetenz versus Technikinkompetenz, ordnet nun der Frau folgende Positionen zu (nach Dorer): die Internet-Verweigerin, die private Surferin, die Teleheimarbeiterin, die weibliche E-mail-Schreiberin. Ihnen gegenüber stehen der technikbegeisterte Hacker, der berufliche Anwender, der Internet- (Multimedia-, IT-) experte und der männliche Chatter und MUDs-Spieler.

2.2.2 Inhalte des Internets

Inhalte des Internets

Es fällt immer wieder auf, dass Untersuchungen/Überlegungen zum Inhalt von Informationsangeboten im Internet sehr selten innerhalb der Genderforschung anzutreffen sind. Im Hinblick auf die Wichtigkeit des Aspektes Nützlichkeit für unterschiedliche Umgangsformen mit dem Internet ist dies ein großes Versäumnis ( über drei Viertel der Menschen nutzen das Internet zur Informationssuche). Winker und Preiß entwickelten 2000 ein Qualitätskriterium für die Geschlechtersensitivität der Informationsangebote im WWW, das sich aus zwei Dimensionen zusammen setzt. Die erste Dimension beschäftigt sich mit der Existenz und Bandbreite von bestimmten geschlechterspezifischen Inhalten, d.h. konkret: sind im Internet auch wirklich alle Themenbereiche für die unterschiedlichen Arbeits- und Lebensbedingungen von Frauen und Männern gleich vertreten oder überwiegen bestimmte Inhalte? Zweitens kann der Frage nachgegangen werden, ob vorhandene Inhalte auch gefunden werden können und ob eine differenzierte Suche nach Geschlecht möglich ist (z.B. die gezielte Suche nach Ärztinnen). Die Autorinnen untersuchten das WWW jedoch nur auf Frauenbelange hin und fanden bei der Betrachtung von Internetauftritten der bundesdeutschen Landeshauptstädte folgende Tendenzen: Die Stadtinformationsseiten bieten nur unzureichend frauenspezifische Themen an (Frauenhäuser, Mädchenhilfe, Sexuelle Gewalt, Soziales, Adressen von Frauenbüros/Gleichstellungsbeauftragten). Auf keiner der Seiten ist es zum Beispiel möglich, herauszufinden, welcher der Kindergärten über einen freien Platz verfügt. Die Inhalte des Internets liegen hauptsächlich im Bereich der Erwerbsarbeit und der Freizeit. Es ist zu vermuten das „Netze (...) inhaltlich nicht universell“ sind (Winker, 2002). Diese Defizite werden heutzutage von zahlreichen frauenspezifischen Seiten aufgefangen (vgl. Bath, 2002), jedoch „erweist sich die Suche nach bestimmten Angeboten und Ausrichtungen häufig als Herausforderung“ (Bath, 2002; S.5). Um sich innerhalb des Informationsangebotes des Internets zurecht zu finden, ist die Benutzung von Suchmaschinen unerlässlich. Einige Autorinnen (vgl. Winker, 2002; Bath, 2002) gehen davon aus, dass allgemeine Suchmaschinen das Angebot inhaltlich verengen.

Suchmaschinen

Generell kann man zwei Arten von Suchmaschinen unterscheiden: computergesteuerte Suchmaschinen und Suchmaschinen, die auf einem Katalogprinzip basieren, der von Menschenhand angelegt ist. Computergesteuerte Suchmaschinen finden zunächst die Seiten, die mit möglichst vielen anderen Seiten verlinkt sind. Wird eine Seite bezüglich der Suchanfrage aufgefunden, durchsuchen sogenannte Informationssammler (Robot, Spider, Crawler) die Seite in der Regel maximal bis zur dritten Hierarchie. Frauenseiten sind jedoch meist viel tiefer in der Hierarchie angesiedelt. Der größte von Hand angelegte deutsche Schlagwortkatalog ist web.de. Winker untersuchte diesen Katalog nach frauenrelevanten Themen und stellte fest: Dieses Suchsystem ist eher auf männliche Technik- und Freizeitinteressen abgestimmt. So finden sich die meisten Einträge in den Hauptkategorien Wirtschaft, Computer und Internet (vgl. Winker, 2002). Frauenspezifische Themen finden sich erstens nur in Unterkategorien und weisen dann auch noch weniger Beiträge auf. Abschließend kann man sagen, dass frauengerechte Schlagwortkataloge auf allgemeinen Seiten nicht zu finden sind. Die Reaktion darauf sind spezielle Frauensuchmaschinen, welche in vielen Bereichen schon existieren. Als Beispiel wäre hier die deutsche Seite www.cews.de zu nennen, die spezielle Suchsysteme für Frauen in der Wissenschaft entwickelt hat. Im amerikanischen Raum wurden die Suchmaschinen WWWomen und Femina entwickelt.

2.2.3 Berufliche Anwendung neuer Informationstechnologien

Internet als Beruf

Das Internet ordnet sich wie schon ausgeführt in bestehende Geschlechterverhältnisse ein, durchlebt jedoch durch seine rasche Entwicklung immer wieder Veränderungen. Es entsteht dabei eine Art Verhandlung zwischen folgenden Phänomenen:

- der männliche dominierende technische Bereich des Internets wird abgelöst durch einen eher dem weiblichen zugewandten Anwendungsbereich
- die Grenzen zwischen beruflicher und nicht-beruflicher Anwendung überlappen sich.

Wie kann man aber die Situation von Frauen in Multimediaberufen beschreiben? Einen ersten Ausblick gibt die österreichische, qualitative Studie von Hummel/Götzenbrucker 1997. Diese befragten 23 Frauen nach ihrer beruflichen Situation und ihrer Selbstrepräsentation im Beruf. Der Einstieg in dieses neue Berufsfeld erfolgte meist durch eine journalistische Ausbildung oder eine Tätigkeit im EDV-Bereich, einige wenige Frauen kamen aus dem Wirtschaftsbereich und arbeiteten früher innerhalb der Marketing- und Werbeabteilungen. Betrachtet man die heutigen Tätigkeitsbereiche der Frauen fällt auf, dass sie im technischen Bereich unterrepräsentiert sind, sich vielmehr mit der Oberflächengestaltung des Internets beschäftigen (Aufgabengebiete: Erstellung und Gestaltung von Websites 65%; Programmieren und Softwareentwicklung 9%). Dorer 2001 bemerkt dazu, dass Frauen zwar in einen typischen Männerberuf vorgedrungen sind, jedoch dies nicht dazu beigetragen hat, dass die Geschlechtergrenzen aufbrechen, sondern dass eher der Technikdiskurs ausdifferenziert wird. In Interviews mit den Frauen wird sehr schnell sichtbar, dass die Verbindung von Männlichkeit-Hardcore-Technik und Frau-html-Programmierung-Kinderübung in der Selbstrepräsentation verankert ist. Mit dem einher geht die Abwertung der eigenen Tätigkeit (vgl. Dorer, 2001).

2.3 Frauen- und Geschlechterforschung innerhalb der Medien- und Kommunikationsforschung

Seit nunmehr zwei Jahrzehnten sind innerhalb der Medien- und Kommunikationswissenschaft Frauen- und Geschlechterstudien aufweisbar. Dabei werden alle klassischen, zentralen Bereiche der Medienwissenschaft abgedeckt und untersucht (Klaus, 2001).

Kommunikatorstudien beschäftigten sich mit Frauen in journalistischen Berufen. Sie fanden eine deutliche weibliche Unterrepräsentanz und eine vertikale Segregation (vgl. Nervala/Kanzleiter, 1984; Schulz/Amend, 1993; Schneider at al., 1993; Weischenberg et. al, 1995). Innerhalb der letzten Jahre hat sich einerseits durch die Privaten Rundfunksender und andererseits durch die neuen Medien ein Trend zu mehr Frauen in diesen Berufsfeldern zunehmend stabilisiert (vgl. Klaus, 2001). Studien zu diesem Thema basieren auf Sozialisationstheorien, insbesondere jene zu strukturellen Karrierehindernissen und geschlechtsdifferenten Berufsvorstellungen.

Studien zum Medieninhalt gibt es im Bereich des Fernsehens und der Zeitungen und Zeitschriften. Im Jahr der Frau (1975) legte Küchenhoff et al. eine Medieninhaltsanalyse vor, welche deutlich machte, dass Frauen im Fernsehen unterrepräsentiert sind und stereotyp dargestellt werden (z.B. als die liebende Hausfrau oder die junge attraktive unabhängige junge Frau). Weiderer 1993 kam zu dem Schluss, dass sich innerhalb der Realität die weiblichen Lebensentwürfe zwar geändert hätten, dass sich dies jedoch im Fernsehen nicht niederschlägt. Auch beim Funk und innerhalb der Printmedien kam man zu ähnlichen Ergebnissen (vgl. Werner/Rinsdorf, 1998; Cornelißen/Gebel, 1999).

„Die Mediendarstellung hinkt den gesellschaftlichen Entwicklungen hinterher und reflektiert die in den letzten 30 Jahren erfolgten deutlichen Veränderungen im weiblichen Lebenszusammenhang nur unzureichend“ (Klaus, 2001, S. 31). Der theoretische Bezugsrahmen dieser Fragestellungen wird meist unter der

„Repräsentationskritik“ zusammengefasst. Hier sind verschiedene Ansätze der Medienforschung gemeint, die sich mit der Repräsentation oder Darstellung der Frau in den Medien befassen. Dabei kann man nach Zoonen 1994 drei Argumentationslinien unterscheiden:

1. Weibliche Stereotype werden meist durch männliche Kommunikatoren in den Medien vermittelt. Diese wirken direkt auf den Rezipienten und tragen zu einer Weiterschreibung der Geschlechterdifferenz bei (Sozialisationseffekt).
2. Pornographie wird vom Patriarchat als Unterdrückungsmechanismus benutzt und hat die Funktion „frauenfeindliches“ Verhalten als Vorlage für den männlichen Rezipienten nutzbar zu machen.
3. Das Bild der Frau in den Medien wird von der kapitalistischen Ordnung als ideologischer Verhaltensrahmen rezipierbar gemacht. Dabei ist die Mitteilung das hegemonische Prinzip, in dem der Frau die Bereiche Privatheit und Familie zugeordnet werden. Der Effekt ist die Stabilisierung der sozialen Ordnung.

Allen drei Ansätzen ist gemeinsam, dass sie von einer direkten Medienwirkung ausgehen, welche „entweder eine sozialisierende Funktion, eine Lern- und Nachahmungsfunktion oder aber eine, die vorherrschende Ordnung stabilisierende Funktion“ (Angerer, 1994, S. 20) hat. Neuere Ansätze wie die Cultural Studies versuchen die Einbahnstraße der Wirkung zu überwinden. Der Ansatz wird später kurz dargestellt.

Studien zur Medienwirkung und Rezeption

Studien zur Rezeption werden erst Anfang bis Mitte der 90ziger Jahre wichtig. Es wird sich nun die Frage gestellt, inwieweit sich Frauen von Männern in ihrem persönlichen Medienhandeln unterscheiden. Allgemein wird davon ausgegangen, dass Menschen sich als aktive Rezipienten bestimmten Inhalten und auch Medien bewusst zuwenden und nicht wie früher angenommen, passiv und fremdbestimmt sind (vgl. Katz/Blumer, 1974; Uses-and-gratification-approach). So wird auch innerhalb der Frauen- und Geschlechterforschung die Frau nicht mehr als passives defizitäres Wesen angesehen, sondern sie wendet sich aufgrund ihrer Lebenslage bestimmten Inhalten zu. Auch hier sind als neuester Ansatz die Cultural Studies zunennen.

Die Cultural Studies sind keine einheitliche Theorie, unter dem Begriff subsumieren sich verschiedene Denkrichtungen und Medienmodelle. Zentral ist die Verbindung zwischen der Produktionsweise der Massenkultur und der Art und Weise der Medienrezeption. Die Basis für die Analyse der Medienproduktion sind marxistische Theorien und Annahmen der Kritischen Theorie. Bei der Rezeption wird von einem aktiven Rezepienten ausgegangen. Die Medienrezeption geschieht im Kontext des Alltages.

Übertragen auf den Zusammenhang von Produktion und Rezeption wird folgendes Modell sichtbar: Ein Medientext lässt immer mehrere Lesearten zu, durch bestimmte Aufbereitungstechniken (Produktion von Medieninhalten), können bestimmte Lesearten eher nahe gelegt werden als andere. (vgl. Dähnke, 2003). Der Rezipient wiederum encodiert die Lesart aufgrund seiner sozialen Verhältnisse und seines Alltags. Die Grundannahmen basieren auf dem Encoding-Decoding-Modell von Hall 1980. Es nimmt dabei eine Mittlerposition ein zwischen monokausalen Sender-Empfänger- Vorstellungen und dem „Uses-and-gratification“-Ansatz. Bezogen auf das Verhältnis von Geschlecht und Medienrezeption ergibt sich folgendes Bild. Die Medien encodieren geschlechtsdifferente Texte. Die Decodierung dieser Texte ist ein Aushandlungsprozess von Frauen und Männern, welcher im Kontext ihres alltäglichen Handelns zu sehen ist (vgl. Dähnke, 2001). Sie entscheiden individuell darüber, ob sie mit den Texten einverstanden sind oder ob sie diese ablehnen. Die Cultural Studies wurden innerhalb der Geschlechterforschung auch deswegen gerne angenommen, weil sie eine Sensibilität gegenüber den „von Machtstrukturen durchzogenen und oft hierarchisch organisierten Diskursfeldern des Geschlechts, die die Produktion und Rezeption von Medientexten strukturieren“ (Dähnke, 2001, S. 31) zeigen.

2.3.1 Medienwissenschaftliche Fragestellungen zum Geschlecht

Die Zukunft der Frauen- und Geschlechterforschung innerhalb der Medien- und Kommunikationswissenschaft liegt sicherlich in den neuen Fragestellungen zu Multimedia und Internet (vgl. Röser/Wischermann, 2004). Allein schon der formale Aufbau des Internets durchbricht die klassischen Strukturen der alten Medien. Rezipienten können gleichzeitig Kommunikatoren sein, die kulturellen, nationalen und hierarchischen Grenzen sind prinzipiell durchlässiger, die körperliche Geschlechtsidentität ist innerhalb der neuen Kommunikationsformen nicht mehr automatisch sichtbar . Dabei stellte sich schon früh die Frage, ob das neue Medium Internet nicht dazu beitragen kann, die Geschlechterverhältnisse zu revolutionieren (vgl. Klaus, 1997, Bath, 2002, Döring, 1998) oder ob es wie andere klassischen Medien (Zeitung, Fernsehen) dazu beiträgt Geschlechterverhältnisse weiterzuschreiben (Röser/Wischermann, 2004). Diese Frage beinhaltet mehrer Aspekte: Die inhaltliche Ausrichtung des Internets (vgl. Abschnitt 2.2.2), die Wirkung des Inhaltes auf die User und die Persönlichkeitsmerkmale, wie Geschlecht, als Einflussgrößen für differentes Medienhandeln. Die empirischen Ergebnisse einiger weniger Studien werden in Kapitel 4 behandelt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 191 Seiten

Details

Titel
Analyse geschlechtsspezifischer Umgangsweisen von Jugendlichen mit dem Internet
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
191
Katalognummer
V121648
ISBN (eBook)
9783640255900
Dateigröße
1288 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Internet, Geschlecht, geschlechtsspezifische Internetnutzung, Medien, Mädchen und Internet, Jungen und Internet, Jugendlichen im Internet, Internetnutzung, geschlechtsspezifische Internetanwendung
Arbeit zitieren
Wiebke Großpietsch (Autor), 2005, Analyse geschlechtsspezifischer Umgangsweisen von Jugendlichen mit dem Internet , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121648

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