Ästhetik des Hässlichen

Systematisierung und gesellschaftliche Einordnung des Hässlichen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition und Entwicklung der Ästhetik
2.1 Das Hässliche als Kategorie des Hässlichen

3 Karl Rosenkranz: Systematisierung des Hässlichen
3.1 Rosenkranz Vorüberlegungen über das Hässliche, das Schöne und das Negativschöne
3.2 Systematik des Hässlichen: Das Natur-, Geist- und Kunsthässliche
3.3 Erscheinungsweisen des Hässlichen: Formlosigkeit, Inkorrektheit und Defiguration

4 Zusammenfassung: unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Verhältnisse des 19.Jahrhunderts

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1853 erscheint Rosenkranz Publikation mit dem auf den ersten Blick widersprüchlichen Titel: Ästhetik des Häßlichen[1]. Die Entdeckung der Sinnlichkeit, des Schönen und der Ganzheitlichkeit als Definitions-beschreibungen für die Ästhetik, drängen den Titel schon im Ansatz in Widersprüche. Dem Autor gelingt es, den Leser durch die Behauptung, dass das Hässliche zur ästhetischen Betrachtung gehört, zu verunsichern. Per Definition ist die Ästhetik nicht nur die Theorie der Kunst, sondern auch die allgemeine Lehre von der sinnlichen Wahrnehmung. Jedoch scheint das bisherige Wissen über die Grundbestimmungen einer Ästhetik mit den neuen Erkenntnissen nicht übereinzustimmen.

Die vorliegende Hausarbeit setzt die Ästhetik des Häßlichen in den Mittelpunkt der Betrachtung, indem sie die Entwicklung von einer ‚schönen’ Ästhetik zu einer hässlichen Ästhetik beschreibt und analysiert. Sie beginnt in den Anfängen der Philosophiegeschichte und mündet in der zeitgenössischen Akzeptanz des Werkes im 19. Jahrhundert. Das Schöne entzieht sich nie seiner Betrachtung, da es als Foliecharakter für das Hässliche dient. Die Provokation des Autors, das Hässliche in die ästhetische Betrachtung mit einzubeziehen erklärt sich aus den gesellschaftlichen und politischen Ereignissen zu jener Zeit.

Für die heutige Sichtweise der Ästhetik des Häßlichen ist die Medienlandschaft interessant, welche einen extremen Wandel gerade bei den Privatsendern durchlebt. Der Fokus liegt in der so real wie nur möglich gestalteten Doku Soap, deren Charakter bis hin zum abscheulichen und ekelhaften reicht. Menschen, die sich vor laufender Kamera unter das Messer eines OP-Chirurgen legen und dabei gefilmt werden, gehören zur Normalität. Der Blick in die sonst verschlossenen Bereiche der Chirurgie lassen den Zuschauer an einer neuen Welt teilhaben, deren Einblick ihnen ansonsten verwehrt bleibt. Beispielhaft zeigte auch das RTL Format ‚Dschungelcamp’, wie Prominente bis an ihre ethischen und eigenen Grenzen in der Konfrontation mit Ekel, Abscheu und Angst kamen.

Es bleibt dabei die Frage offen, was derartige Formate noch ästhetisch macht, um deren Ausstrahlung zu rechtfertigen? Was macht hierbei die Faszination des Hässlichen aus? Diese Fragen gehen über den Rahmen dieser Arbeit hinaus, so dass sie nur die Aktualität der Ästhetik des Hässlichen unterstreichen können.

2 Definition und Entwicklung der Ästhetik

Die Ästhetik als philosophische Disziplin befasst sich mit der sinnlichen Wahrnehmung in der Kunst, der Philosophie und der Wissenschaft. Im klassizistischen Sinne ist die Ästhetik von dem Schönen und Erhabenen bestimmt, deren intensive Eindrücke sich in der Natur und Kunst finden. Bis zum heutigen Zeitpunkt befasst sich die Ästhetik mit der erkenntnis-theoretischen Frage nach der ästhetischen Wahrnehmung und des ästhetischen Gefühls. Gleichermaßen geht die Ästhetik „[...] der Frage nach dem Status und Wert des von Menschen Gestalteten im Ganzen der Welt [nach].“[2]

Die Ursprünge der Ästhetik gehen historisch betrachtet bis in die Antike zurück und spielten in den Schriften von Platon und Aristoteles eine wegweisende Rolle für die ästhetische Diskussion. Innerhalb der ästhetischen Debatte war das Schöne von der Kunst noch weitgehend getrennt. Der Philosoph Platon unterschied zwischen der sinnlichen Wahrnehmung und dem Seienden, den Ideen. Nach seiner Auffassung waren die Ideen im Unterschied zu der sinnlichen Wahrnehmung unveränderlich und konnten nur durch reines Denken wahrgenommen werden. Die sinnliche Wahrnehmung hingegen bezeichnete er als vergänglich und veränderlich. Somit führte er die Erscheinungsformen der Schönheit auf eine übergeordnete Idee des Schönen zurück.

Platon kritisierte die nachahmende Darstellung (Mimesis) dieser Idee in der Kunst. Die Wertigkeit der Künste unterlag dadurch der hohen Stellung der Ideen und forderte in Platons Verständnis seine Verurteilung, indem er die Kunst als trügerisch und verlogen bezeichnete. Aristoteles sah die Mimesis als Form der sinnenhaften Erkenntnis und beurteilte somit den nachahmenden Charakter der Kunst positiver. Diese Sichtweise verschaffte der Kunst eine Aufwertung gegenüber der Kritik Platons.[3]

Die erkenntnistheoretische Wahrnehmungslehre bestimmte bis zum Erscheinen der Aesthetica 1750 von A.G. Baumgarten den Wortsinn der Ästhetik.

Baumgarten begründete mit seinem Werk die Ästhetik als Wissenschaft und prägte gleichzeitig den Begriff und damit eine neue philosophische Disziplin. In seinem Verständnis war die Ästhetik die Lehre vom Schönen und von der Kunst und diese befasste sich mit den nicht-rationalen, sinnlichen Erkenntnisarten. Baumgarten verstand vorerst die Ästhetik aus der Perspektive der Vernunft, indem er „die sinnliche Wahrnehmung als eine undeutliche Weise des Erkennens, die Schönheit [...] als sinnliche Vollkommenheit [und] die Ästhetik insgesamt als Lehre vom niedrigen Erkenntnisvermögen [...] bezeichnete.“[4] Im 18. Jahrhundert zur Zeit der Aufklärung trat nun das Interesse am Status von Sinnlichkeit und Gefühl in den Vordergrund. Baumgartens Ziel war der sinnlich kompetent und umfassend ausgebildete Mensch. Für Baumgarten war die Ästhetik eine philosophische Disziplin, welche einerseits die allgemeinen Beurteilungskriterien reflektierte und andererseits auch die Objekte dieser Urteile in den Mittelpunkt der Betrachtung zog.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts vollzog sich damit die Abkehr von dem Mimesisprinzip, so dass es nicht mehr die Verpflichtung auf die Wirklichkeit als Maßstab der Nachahmung gab. Stattdessen betonte man die schöpferische Phantasie und Inspiration. Geschmack und Genie gehörten zu den charakteristischen Merkmalen der Ästhetik. Der Geschmack als subjektive und selbstständige Wahrnehmung grenzte sich von der Ratio ab. Der Künstler als Genie wandte sich von der Reproduktion ab und zielte auf die Produktivität und eigene Schöpferkraft.[5]

Immanuel Kant griff in seiner Kritik der Urteilskraft 1790 die Grundidee der Wirkungsästhetik von Baumgarten auf, indem er die Ästhetik als Analyse des Geschmacksurteils betrachtete. Als schön bezeichnete Kant das, was ein Wohlgefallen beim Betrachter weckte. Er benannte das Beurteilungsvermögen als Geschmack und bezeichnete ihn als ein ästhetisches Urteil über das Schöne und Erhabene. Das Wohlgefallen am Schönen war für Kant das Gefühl der Lust. Diese Gefühle stellten ein subjektives Empfinden dar und gleichermaßen beinhalteten sie etwas Sinnliches und Vernünftiges. Danach erkannte Kant, dass die Beurteilung des Schönen nicht nur unter den Gesetzmäßigkeiten der Vernunft gesehen werden konnte, sondern, dass das Geschmacksurteil für die Beurteilung unentbehrlich ist. Schönheit war für ihn Gegenstand des Gefühls und nicht der Erkenntnis.[6] Außerdem ging Kants Auffassung über Ästhetik dahin, dass für ihn das Naturschöne im Mittelpunkt seiner ästhetischen Beurteilung stand. In seinem Sinne konnte die Kunst die Naturschönheiten nicht so darstellen wie sie real existierten. Die Kunst war vom Menschen gemacht und stand in der Rangfolge hinter den Naturschönheiten.[7]

Georg W. F. Hegel als bedeutendster Vertreter und Vollender des deutschen Idealismus grenzte die Ästhetik auf die Philosophie der schönen Kunst ein. Somit erklärte Hegel die Kunst zum zentralen Gegenstand der Ästhetik. Im Zentrum der ästhetischen Theorie stand nicht mehr die Art und Weise des Empfindens und die Struktur des ästhetischen Urteils, welches der Geschmack fällt. Das Naturschöne und das Erhabene schloss er kategorisch aus der Philosophie der Kunst aus. Hegel sah in dem Naturschönen die Subjektivität des Geistes und gleichzeitig die sinnliche Begrenzung dessen.[8] Das Erhabene schloss Hegel aus, da er darin „[...] die Gefahr religiöser Transzendenz [...]“[9] sah. Er leitete alle Erscheinungen des Natur- und Geisteslebens aus einem Prinzip ab: dem Wesen des Geistes. In der Kunst, Religion und Philosophie sah er die Selbstverwirklichung des Geistes. Die Geschichte der idealistischen Ästhetik endete mit den Theorien Hegels. „Ästhetik ist nicht mehr eine philosophische Teildisziplin, sondern wird als Philosophie der Kunst das zentrale Medium einer neuartigen Weltbetrachtung, sie wird die Philosophie selbst.“[10]

1831 verstarb Hegel und in der Zeit nach seinem Tod entstanden weitere Ästhetikentwürfe im Hegelschen Sinn von Vertretern seiner Schriften. Nach zahlreichen Auseinandersetzungen mit den Werken von Hegel, gab es Mitte des 19. Jahrhunderts eine Veränderung der Sichtweise über Ästhetik.

2.1 Das Hässliche als Kategorie der Ästhetik

Neben dem Schönen und Erhabenen entwickelte sich das Hässliche zu einer wichtigen Kategorie der Ästhetik. Die Bestimmung und Reflexion des Hässlichen existierte in der Antike, im Mittelalter und im 18. Jahrhundert nur als Gegensatz des Schönen, als das Nicht-Schöne. Erst mit der Moderne und mit den Überlegungen von Christian Hermann Weiße in seinem System der Aesthetik als Wissenschaft von der Idee der Schönheit 1830 und der Ästhetik des Häßlichen 1853 von Karl Rosenkranz, entstand eine eigenständige Ästhetik und Systematik des Hässlichen.

Weiße übernahm von Hegel seine dialektische Methode des Verstehens, ohne detailliert auf Einzelheiten der inhaltlichen-empirischen Ausführungen einzugehen. Es entstand eine philosophische Auseinandersetzung mit dem Begriff des Hässlichen und dessen Zuordnung zum Begriff des Schönen und Erhabenen. Das Erhabene sah Weisse als Teil des Schönen und das Hässliche als Negation des Erhabenen-Schönen. Das Erhabene ließ sich nicht in der Natur, sondern in den Erscheinungen des Geistes finden.

Die Faszination des Hässlichen zur Mitte des 19. Jahrhunderts blieb ungebrochen, so dass auch Karl Rosenkranz mit seinem Werk der Ästhetik des Häßlichen 1853 die Hegelsche Ästhetik durch eine Metaphysik des Hässlichen ergänzte. Rosenkranz verstand sich auch wie Weisse als ein Hegel-Schüler und behandelte die Erscheinungsformen des Hässlichen und dessen Kategorisierung. Er untersuchte die Gesetzmäßigkeiten, die dieser Einstufung zugrunde lagen. Die Hegelschen Theoremen und Methoden waren gegen Mitte und zum Ende des 19. Jahrhunderts für diese Zeit nichts ungewöhnliches. Die ästhetischen Erfahrungen, wie die anfängliche Industrialisierung, Proletarisierung, Urbanisierung öffneten den Weg für die Begriffsdialektik des Hässlichen. Um das Hässliche als etwas empirisches zu akzeptieren, musste seine Existenz mit einer positiven Umkehrung wieder versöhnt werden. Im Komischen findet das Hässliche seine begriffsdialektische Umwertung.[11]

[...]


[1] Kliche, Dieter (Hg.): Ästhetik des Häßlichen. Leipzig: Reclam Verlag 1996.

[2] Sandkühler, Hans Jörg (Hg.): Enzyklopädie Philosophie. Hamburg: Felix Meiner Verlag

1999, S. 1031-1039.

[3] Vgl. Sandkühler, Hans Jörg (Hg.) (1999): Enzyklopädie Philosophie, S. 1031 f.

[4] Ebd. S. 1032.

[5] Vgl. ebd. S. 1032 f.

[6] Vgl. Brockhaus Enzyklopädie. Mannheim: Brockhaus 1987, S. 217 f.

[7] Vgl. Barck, Karlheinz et al. (Hg.): Ästhetische Grundbegriffe. Stuttgart u. a.: Metzler Verlag

2000, S. 333.

[8] Vgl. ebd. S. 340.

[9] Ebd. S. 340 f.

[10] Ebd. S. 337.

[11] Vgl. Barck, Karlheinz et al. (Hg.) (2000): Ästhetische Grundbegriffe, S. 374.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Ästhetik des Hässlichen
Untertitel
Systematisierung und gesellschaftliche Einordnung des Hässlichen
Hochschule
Universität Paderborn  (Literaturwissenschaftliches Institut)
Veranstaltung
Ästhetik des Hässlichen
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V121669
ISBN (eBook)
9783640252817
ISBN (Buch)
9783640252831
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hässlichen
Arbeit zitieren
Judith Hampel (Autor), 2005, Ästhetik des Hässlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121669

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