Diese Arbeit hat danach gefragt, welcher Zusammenhang zwischen Literarität und den Todesfällen im Roman „Die Wahlverwandtschaften“ von Johann Wolfgang von Goethe besteht. Ein besonderes Augenmerk wurde dabei auf Ottilie gelegt, deren Individuierung im Prozess des Schreibens von Todesbezügen unterwandert und negiert wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Verbindung von Schrift und Tod
3. Lesen und Schreiben als Praxis der Innerlichkeit
4. Schrift und Tod in den Wahlverwandtschaften
4.1. Lesen und die Gefahr der Illusion
4.2. Der Identitätswechsel in der ‚Abschreibeszene‘
4.3. Formale und inhaltliche Todesbezüge im Tagebuch
4.4. Der Brief als Trennendes in der ‚Wirtshausszene‘
4.5. Die Gefährlichkeit der Schrift im Brief an die Freunde
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Literarität und den Todesfällen in Johann Wolfgang von Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“, wobei der Fokus gezielt auf der Figur der Ottilie liegt, deren Individuierungsprozess durch die Schrift maßgeblich von destruktiven Todesbezügen geprägt ist.
- Die Doppelrolle von Schrift und Schreiben in der Goethezeit
- Die poststrukturalistische Perspektive auf Schrift und Subjektauflösung
- Die Bedeutung von Lese- und Schreibszenen für die Romanhandlung
- Die Identifikation und Ich-Reduktion durch das Medium Schrift
- Die verhängnisvolle Wirkung von Briefen und Tagebüchern als Todesmetaphern
Auszug aus dem Buch
4.2. Der Identitätswechsel in der ‚Abschreibeszene‘
Jochen Hörisch sieht in der Abschreibszene die einzige Szene, die die Liebenden, trotz einiger Verquerungen vereint und nicht auseinandertreibt. Doch gerade diese Verquerungen sind es, die mit dem Wissen um die Trias aus Schrift, Tod und Identität, auf den Tod von Ottilie hindeuten. Eduard braucht kurzfristig noch eine Abschrift des Schriftsatzes zur Finanzierung des geplanten Lusthauses, wozu sich Ottilie bereitwillig anbietet. Die fertige Abschrift ist auf den erste Seiten mit „der größten Sorgfalt“ erfolgt, dann werden ihre „Züge […] leichter und freier“ und schließlich, auf den letzten Seiten, ganz zu Eduards Handschrift.
Ottilie, deren Handschrift vom Gehülfen noch als „wohlgeformt", aber unfrei charakterisiert wurde und damit ein Beleg für ihre noch ungeformte Individualität war, gelangt jetzt zur perfekten Nachahmung einer anderen Handschrift. Die Veränderung ihrer Handschrift erfolgt dabei nicht durch äußere Stimuli, wie Charlottes vergebliche Versuche, sie mithilfe abgeschriebener Federn zu freieren Zügen zu animieren, belegt haben, sondern aus ihrem Inneren heraus. Je mehr sie nachahmt und damit Eduards Handschrift, die wie ein „Fingerabdruck“ stellvertretend für seine Identität steht, zu ihrer eigenen macht, gelangt sie schließlich zu den gewünschten freien Zügen. Ottilie kann ihren Mangel an Individualität durch die Identifikation mit dem Geliebten überwinden. Dadurch, dass Ottilie im Prozess der Mimesis eine Zwischenstufe durchläuft, in der ihre Züge „leichter und freier“ werden, zeigt sich, dass die Imitation kein unbewusster Akt war, sondern ihrem eigenen Willen entsprang.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung etabliert die zentrale Fragestellung zur Rolle der Schrift und ihrer destruktiven, mit dem Tod verknüpften Züge im Roman.
2. Die Verbindung von Schrift und Tod: Dieses Kapitel erörtert literaturtheoretisch die ambivalente Natur der Schrift, die einerseits der Identitätsstiftung dient, aber historisch als Medium der Abwesenheit und des Todes konnotiert ist.
3. Lesen und Schreiben als Praxis der Innerlichkeit: Hier wird der Aufstieg des Schreibens im 18. Jahrhundert als Prozess der Selbstvergewisserung und das Erstarken der Privatsphäre und Briefkultur beleuchtet.
4. Schrift und Tod in den Wahlverwandtschaften: Dieses Hauptkapitel analysiert die spezifischen Lese- und Schreibereignisse im Roman und deren korrelierende Todesnähe.
4.1. Lesen und die Gefahr der Illusion: Es wird dargelegt, wie die Lektüre Ottilies Wirklichkeitsflucht fördert und eine lebensgefährliche Distanz zum realen Leben erzeugt.
4.2. Der Identitätswechsel in der ‚Abschreibeszene‘: Der Identitätsverlust Ottilies durch die Mimesis von Eduards Handschrift wird als Vorbote ihres Todes analysiert.
4.3. Formale und inhaltliche Todesbezüge im Tagebuch: Das Tagebuch wird als Medium der Ich-Reduktion und der manifesten Todessehnsucht innerhalb des Romans untersucht.
4.4. Der Brief als Trennendes in der ‚Wirtshausszene‘: Die Szene zeigt, wie das geschriebene Medium im direkten Kontakt der Personen in sein Gegenteil verkehrt wird und Trennung statt Verbindung stiftet.
4.5. Die Gefährlichkeit der Schrift im Brief an die Freunde: Der Brief dient als letztes Instrument, das die Freunde über Ottilies wahren Zustand und ihren Todeswillen täuscht.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Untersuchungsergebnisse zusammen und bestätigt, dass die Schrift im Roman nicht der Kommunikation, sondern der Negierung des Lebensbezugs dient.
Schlüsselwörter
Goethe, Die Wahlverwandtschaften, Schrift, Tod, Identität, Mimesis, Briefkultur, Tagebuch, Innerlichkeit, Literaturtheorie, Ottilie, Subjektivierung, Entsagung, Schreibszene, Poststrukturalismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis von Schrift, literarischer Tätigkeit und den Todesfällen im Roman „Die Wahlverwandtschaften“ von Johann Wolfgang von Goethe.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die medienhistorische Bedeutung des Schreibens, die psychologische Konstitution des Subjekts durch Schrift sowie die dekonstruktivistische Sichtweise auf das Schreiben als Medium der Abwesenheit.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, dass Schrift in Goethes Roman nicht als Medium der Identitätsfindung oder Kommunikation dient, sondern den Prozess der Ich-Reduktion und des Todes bei der Hauptfigur Ottilie vorantreibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine literaturtheoretische Analyse, wobei insbesondere poststrukturalistische Konzepte (wie bei Jacques Derrida) auf Goethes Alterswerk angewendet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert zentrale Lese- und Schreibszenen, insbesondere die „Abschreibeszene“, Ottilies Tagebuchführung sowie die Briefwechsel, und deckt deren Verbindung zur „Todesbezüglichkeit“ auf.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Mimesis, Identitätswechsel, Schriftkritik, Innerlichkeit und Todessehnsucht definiert.
Inwiefern beeinflusst der Akt des Abschreibens die Identität Ottilies?
Ottilie gibt durch das perfekte Nachahmen von Eduards Handschrift ihre eigene Identität zugunsten des Geliebten auf. Dieser Prozess markiert den Beginn ihres Rückzugs aus der Realität.
Welche Rolle spielt das Tagebuch als Medium des Todes?
Das Tagebuch fungiert als ein Ort, an dem Ottilie sich durch fremde Maximen und unpersönliche Pronomina selbst reduziert, was ihre Distanz zur Welt und ihre zunehmende Todessehnsucht formal widerspiegelt.
Warum verkehrt sich die Briefstruktur im Roman in ihr Gegenteil?
Da Schrift per se auf der Abwesenheit des Autors beruht, bietet sie Raum für Fehlinterpretationen. Die Szene im Wirtshaus verdeutlicht, dass der Brief als vermeintlicher Vermittler stattdessen zur Trennung der Liebenden führt.
Welchen Stellenwert hat der Schluss der Arbeit?
Das Fazit bestätigt, dass die Schrift im Roman eine „Vortäuschung von Lebenswillen“ ist, während in Wahrheit lediglich ein Todeswille und die Aufhebung des Subjekts existieren.
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- Anonym (Author), 2021, Schrift und Tod im Roman "Die Wahlverwandtschaften" von Johann Wolfgang von Goethe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1216693