Wissensmanagement im Wandel

Konzeptionen und Praxis


Diplomarbeit, 2008
89 Seiten, Note: 1,3

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Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einführung
1.1. Fragestellung der Arbeit
1.2. Aufbau der Arbeit

2. Wissensbegriff
2.1. Wissen in Abgrenzung zu Daten und Information
2.2. Wissensformen
2.3. Wissen aus ökonomischer Perspektive
2.4. Wissen aus Sicht der Informationswirtschaft
2.5. Wissenssoziologische Perspektive
2.6. Wissen aus Konstruktivistischer Perspektive
2.7. Wissensmanagement und Lernende Organisationen
2.8. Resümee und Referenzrahmen
2.9. Zusammenfassung Wissensbegriff

3. Wissensmanagementkonzepte
3.1. Auswahl der Analysefaktoren
3.2. Klassifikation und Auswahl von Wissensmanagementkonzepten
3.3. Wissensbausteine nach Probst, Raub und Romhardt
3.3.1. Darstellung des Modells
3.3.2. Kritische Würdigung der Wissensbausteine
3.4. Die Wissensspirale von Nonaka und Takeuchi
3.4.1. Darstellung des Modells
3.4.2. Kritische Würdigung der Wissensspirale
3.5. Systemisches Wissensmanagement nach Willke
3.5.1. Darstellung des Modells
3.5.2. Wissensarbeit
3.5.3. Organisationales Lernen nach Willke
3.5.4. Wissensmanagement als Prozess
3.5.5. Kritische Würdigung des Systemischen Wissensmanagement

4. Analyse anhand der Faktoren
4.1. Analyse der Wissensbausteine
4.2. Analyse der Wissensspirale
4.3. Analyse des Systemischen Wissensmanagement
4.4. Abschließende Gegenüberstellung der Konzepte
4.5. Exkurs.
4.5.1. Narratives Wissen
4.5.2. Communities of Practice

5 Wissensmanagement in der Praxis
5.1. Methodisches Vorgehen
5.2. Probleme des Wissensmanagement bei einem Flugzeughersteller
5.3. Probleme des Wissensmanagement bei dem Unternehmen des Bundes
5.4. Probleme des Wissensmanagement

Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhang

Interviewleitfaden

Interviewleitfaden

Abbildungsverzeichnis

Abbildung I Differenz organisationales Lernen und Wissensmanagement

Abbildung II Daten, Information, Wissen

Abbildung III Wissenstreppe

Abbildung IV Vier Typen von Wissensmanagementmodellen

Abbildung V Wissensbausteine

Abbildung VI Wissensspirale

Abbildung VII Wissensspirale, Ontologische- und Epistemologische Dimension

Abbildung VIII Kontext des Wissensmanagement

Abbildung IX Elemente des Organisationalen Lernens

Abbildung X Wissensmanagement als Geschäftsprozess

Abbildung XI Grundbegriffe nach Willke

Abbildung XII MikroArt

Abbildung XIII Barrieren des Wissensmanagement

1. Einführung

Seit ca. 10 Jahren ist der Begriff Wissensmanagement immer populärer und bekannter geworden. So taucht er mittlerweile auch vermehrt in den Medien auf, die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt z. B.: „Der Mitarbeiter ist die beste Datenbank“, (FAZ, 15.06.2003) und die Wochenzeitung Die Zeit titelt: „Schürfen in der Datenhalde- im Unternehmen bleibt zu viel Wissen ungenutzt“ (Zeit, 04/2002).

Neben der medialen Aufmerksamkeit gibt es eine Vielzahl an wissenschaftlichen Publikationen, die sich mit dem Thema beschäftigt. Hinzu kommen Instrumente und Methoden, die den Weg zum erfolgreichen Umsetzen von Wissensmanagement in der Organisation aufzeigen.

Der Grund für die zunehmende Bekanntheit von Wissensmanagement liegt in der Bedeutung des Wissens, das in den hoch technologisierten Gesellschaften zum erfolgsversprechenden Produktionsfaktor avancierte. Die zunehmende Bedeutung des Wissens in der Gesellschaft wird oftmals mit der Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft beschrieben. Dieser gesellschaftliche Wandel wird unterschiedlich begründet, so erklärt z. B. Drucker, dass die Veränderungen in der Weltwirtschaft und die enormen Verbesserungen im Bildungssektor Ursache des Wandels sind. „Wissen wird zum entscheidenden Wirtschaftspotenzial“ (Drucker, 1969, S. 60.).

Hingegen sieht Stehr Wissen als eine Fähigkeit zum Handeln, die aus den Komponenten Wissensinhalt und Wissensprozess besteht. Der grundlegende Wandel der modernen Industriegesellschaft ist seiner Meinung nach auf wissenschaftliches Wissen zurückzuführen, das alle Bereiche des Lebens durchdringt (vgl. Stehr, 1994, S. 208). Demgegenüber beschreibt Willke:

„Von einer Wissensgesellschaft oder einer wissensbasierten Gesellschaft lässt sich sprechen, wenn die Strukturen und Prozesse der materiellen und symbolischen Reproduktion einer Gesellschaft so von wissensabhängigen Operationen durchdrungen sind, dass Informationsverarbeitung, symbolische Analyse und Expertensysteme gegenüber anderen Faktoren der Reproduktion vorrangig werden“ (Willke 1998, S.162).

Inwiefern der Transformationsprozess bereits vollzogen wurde und ob das Stadium der Wissensgesellschaft schon erreicht ist, bleibt unklar. Sicher erscheint nur, dass für das erfolgreiche Agieren in einer sich rasch verändernden Umwelt, mit immer neuen und unbekannten Anforderungen, der Einsatz und die Nutzung des Wissens in Organisationen elementar ist.

Mit Hilfe des Wissensmanagements soll dieses Wissen systematisiert, kumuliert und gesteuert werden, um dadurch wissensbasierte Produkte und Dienstleitungen zu erstellen.

Im Verlaufe der letzten zehn Jahre gab es ganz unterschiedliche Versuche, Wissensmanagement theoretisch zu erfassen und für alle Unternehmen gleichermaßen gültig zu formulieren. So beschreiben Pawlowsky und Reinhardt, dass Wissensmanagement die Lernprozesse in Organisationen zielgerichtet gestalten soll um Wissen zu generieren, das für den Erfolg des Unternehmens relevant ist (vgl. Pawlowsky/Reinhardt, 1997, S.146). Demgegenüber fokussiert North die Wissensorientierte Unternehmensführung, die sich auf die organisationale Wissensbasis konzentriert, um die Ziele des Unternehmens zu realisieren (vgl. North, 1998, S. 145). Für Nonaka und Takeuchi steht das Erschaffen von organisationalem Wissen im Vordergrund, das im gesamten Unternehmen verteilt ist und in den Produkten und Dienstleistungen von Organisationen zum Ausdruck kommt. (Vgl. Nonaka/Takeuchi, 1995, p. viii)

Die Ansätze machen deutlich, dass keine eindeutige Erläuterung und Begriffsfassung von Wissensmanagement existiert. Stattdessen gibt es ganz unterschiedliche Vorstellungen über die Umsetzung und die Ziele von Wissensmanagement. Im Rahmen dieser Arbeit wird daher versucht, die Veränderung und den Wandel, den es bei der Konzeption theoretischer Ansätze zum Wissensmanagement gibt, aufzuzeigen.

1.1. Fragestellung der Arbeit

Die vielfach erschienenen Publikationen zum Thema Wissensmanagement machen deutlich, dass Einerseits Wissensmanagement sehr komplex und umfassend ist und dass es Andererseits nicht möglich ist, diesen Ansatz allgemein gültig zu definieren. Die bisher veröffentlichten Modelle, tragen zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema bei. Unklar erscheint aber, warum die meisten Autoren der Wissensmanagementkonzepte von einem allgemein gültigen und für alle Unternehmen gleichermaßen anwendbaren Prinzip ausgehen. Dieser allgemeine Gültigkeitsanspruch erscheint gerade im Hinblick auf die stetige Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen von Organisationen fraglich. Um die Tragfähigkeit eines Konzeptes, das für sämtliche Unternehmen gewissermaßen universell adaptierbar und anwendbar ist, zu gewährleisten, bedarf es bestimmter allgemein gültiger Annahmen und Festlegungen. Diese beruhen oftmals auf Simplifizierung und Abstraktion, so dass modellhaft ein bestimmter Ausschnitt der Realität abgebildet werden kann. Problematisch erscheint dies bei etwas derartig Komplexem wie Wissen. Daher bezieht sich die erste Fragestellung auf das den Konzepten zu Grunde liegende Wissensverständnis. Mit der Bedingung der allgemeinen Gültigkeit und Anwendbarkeit dieser Ansätze erscheint die differenzierte und komplexe Erfassung von Wissen fraglich.

Da Wissen als einer der entscheidenden Schlüsselfaktoren für den Unternehmenserfolg benannt wird, ist es notwendig zu verstehen, wie Wissen in Organisationen entsteht. Mit der Erkenntnis über den Wissensgenerierungsprozess von Organisationen lässt sich Wissen systematisch und strukturiert einsetzen. Daher stellt sich die Frage, wie das Zustandekommen von Wissen in den Ansätzen erläutert wird.

Wissensmanagement dient zur Steuerung bestimmter Prozesse, wie der Generierung von Wissen oder dem Wissenstransfer. Aus diesem Grund erscheint es interessant, nach den eingesetzten Methoden und Instrumenten zur Steuerung der Wissensmanagementprozesse zu fragen.

Des Weiteren sind Unternehmen oftmals durch eine hohe personale Fluktuation gekennzeichnet, die z. B. auf das altersbedingte Ausscheiden von Mitarbeitern1 zurückzuführen ist. Um das Wissen dieser Mitarbeiter nicht unweigerlich zu verlieren, ist es für Unternehmen reizvoll, dieses zu erhalten. Zu diesem Zweck muss es transferiert oder zwischen Mitarbeitern ausgetauscht werden. Wissensmanagementkonzepte behandeln oftmals den Austausch von Wissen, daher wird im Verlauf dieser Arbeit gefragt, wie der Wissenstransfer in den Ansätzen konzipiert ist.

Wissensmanagement setzt sich aus der Idee des Planens, Steuerns sowie Kontrollierens von Wissen in Unternehmen zusammen. Neben der Frage, wie die einzelnen Prozesse und Schritte ablaufen, erscheint daher der Blick auf die managerialen Lenkungs- und Steuerungsprozesse, die die Autoren für ihre Ansätze vorsehen, interessant. Hierbei stehen Fragen wie das Maß an Selbstverwaltung und Entscheidungsautonomie, der Führungsstruktur und den Gestaltungsempfehlungen auf normativer, strategischer und operativer Ebene im Vordergrund.

Die bisher beschriebenen Fragestellungen beziehen sich vor allem auf die theoretische Konzeption der Ansätze. Somit erscheint es interessant, den Blick auf die Praxis zu werfen und zu schauen, ob und welche Schwierigkeiten sich bei der Umsetzung von Wissensmanagement in Organisationen ergeben. Hierbei ist es zudem aufschlussreich zu fragen, inwieweit theoretische Modelle bei der Gestaltung von Wissensmanagement tatsächlich hinzugezogenen werden, oder ob Unternehmen völlig losgelöst von der Theorie agieren.

Somit lässt sich festhalten, dass sich hinsichtlich der allgemeinen Anwendbarkeit von Wissensmanagementmodellen bestimmte Fragen stellen. Diese sollen im Rahmen dieser Arbeit untersucht werden.

1.2. Aufbau der Arbeit

Zur Klärung der o. g. Fragen wird im ersten Teil der Arbeit im Rahmen von Kapitel 2 Wissen näher untersucht. Hierbei werden die unterschiedlichen Formen des Wissens ebenso wie die Abgrenzung von Informationen und Daten aufgezeigt.

Anschließend zeigen die verschiedenen Sichtweisen und Perspektiven auf den Wissensbegriff dessen Komplexität und Vielfalt auf. Diese sind gleichermaßen auch für die Konzeption der Wissensmanagementmodelle sehr einflussreich.

In Kapitel 3 werden die für die weitere Bearbeitung relevanten Managementkonzepte dargestellt und erörtert. Zur Beantwortung der o.g. Forschungsfragen sind vorab spezielle Faktoren festgelegt worden, mit denen die Modelle analysiert werden.

Im Anschluss an Kapitel 3 wird im folgenden Kapitel ein Blick auf die Praxis geworfen. Im Rahmen der Analyse wurden Interviews mit zwei verschiedenen Unternehmen geführt, die ihre Schwierigkeiten und Probleme bei der Umsetzung von Wissensmanagement erläuterten.

Abschließend werden die wesentlichen Ergebnisse der Arbeit zusammengetragen und die sich aus der Beantwortung der Fragestellung ergebenden Implikationen erläutert.

2. Wissensbegriff

Ziel des Wissensmanagement scheint die Erschaffung der intelligenten Organisation zu sein, die durch die Verwendung des in einer Organisation vorhanden Wissens, dazu in der Lage ist, sich den permanent ändernden Umweltbedingungen anzupassen und ökonomische Erträge zur realisieren.

Oftmals wird Wissen, neben Boden, Arbeit und Kapital, als vierter Produktionsfaktor benannt (vgl. Gutenberg, 1951) Das Wissen aber etwas anderes darstellt, um dessen Bedeutung von jeher gestritten wurde, erscheint nachvollziehbar, wenn der Blick auf andere wissenschaftliche Disziplinen geworfen wird. Was aber ist denn stattdessen unter Wissen zu verstehen?

Ist Wissen, das Wissen eines Einzelnen, einer Gruppe, des gesamten Unternehmens, in welchem Kontext wird Wissen verstanden, welchem Zweck(en) dient das Wissen, welche

Formen und Arten von Wissen sind denn gemeint, wenn vom Wissensmanagement gesprochen wird, welche (sozialen) Strukturen sind bedeutsam?

Um die Tragweite bzw. Ganzheitlichkeit des Wissens, mit seinen im inhärenten Spezifika und Eigenschaften im Vergleich, zu den anderen Produktionsfaktoren zu erkennen, scheint eine differenzierte Betrachtung notwendig. Insbesondere die Überlegungen zur Dichotomie von implizitem und explizitem Wissen, sowie die Abgrenzung von Daten und Informationen sind notwendig, um die Komplexität und Schwierigkeiten im Umgang mit Wissen zu erfassen.

Allerdings darf der Versuch Wissen zu erfassen nicht völlig unbegrenzt stattfinden, da sonst fast alles zum Wissensverständnis herangezogen werden kann und am Ende nichts mehr greifbar erscheint. „Wenn aber Wissen alles sein kann, dann drängt sich der Verdacht auf, dass Wissen eigentlich nichts ist“ (Schreyögg/Geiger 2002, S.5).

Aufgrund der Komplexität und Spezifität des Wissensbegriffs ist diese Arbeit der Versuch, die definitorischen Lücken und Schwierigkeiten einzelner ausgesuchter Wissensmanagementkonzepte im Umgang mit Wissen aufzuzeigen. Somit ist eine Auseinandersetzung, mit denen für die Konzepte bedeutsamsten und einflussreichsten Strömungen, notwendig. In einem ersten Schritt wird nun Wissen, von Daten und Information separiert. Anschließend werden verschiedene, ausgesuchte Wissensformen und Perspektiven auf den Wissensbegriff dargestellt und erläutert

Da Wissensmanagement oftmals im Zusammenhang mit dem Konzept der Lernenden Organisation genannt wird, erscheint eine Auseinandersetzung und Abgrenzung zum Wissensmanagement sinnvoll. Dies erfolgt am Ende von Kapitel 2.

2.1. Wissen in Abgrenzung zu Daten und Information

Grundsätzlich ist es für die weitere Bearbeitung notwendig, den Begriff Wissen von Daten und Informationen abzugrenzen. Daten sind nach allgemein herrschender Meinung eine „geregelte Folge von Zeichen“, die sich aus Beobachtungen ergeben (vgl. Rehäuser/Krcmar, 1996, S.4f.). Durch die Zusammensetzung „Kodierung“ der Zeichen, zu Zahlenreihen, Folgen, Bildern und Texten entstehen Daten, die für sich nichts aussagen, sondern erst durch die Einbettung in einen bestimmten Bedeutungskontext, der einem Zusammenhang zugeordnet ist, entstehen Informationen. Das wesentliche Merkmal ist somit der Kontext von Relevanzen, dem sie zugeordnet sind. Beispielsweise beschreibt die Zahlenfolge 03.10.1990 im Relevanzkontext den Tag der Deutschen Einheit. Durch die Integration der Information bzw. Daten in den eigenen Erfahrungskontext entsteht Wissen. Diese ganz spezifischen Denk-, Gefühls-, Handlungs-, und Wollensstrukturen verbinden die

Informationen mit bereits vorhandenem Wissen, so dass aus dem Datum 03.10.1990, das Wissen um den Zusammenbruch der UDSSR, dem Wegfall der Mauer und der Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland resultiert. Im Unterschied zur Information entsteht das Wissen einer Person durch seine Befähigung, strukturierte Aussagen bzw. Erklärungen über Tatsachen und Ideen zu treffen und diese in bewusstes konkretes Handeln umzusetzen. Das Wissen ist im Unterschied zu Daten und Information also immer subjektbezogen, da es erst zustande kommt, wenn beides im Denken des Menschen verankert bzw. angekommen ist. Daraus können dann Einschätzungen, Abwägungen, Relationen, Kontexte und Handlungen hervorgehen. Die in der Abbildung II dargestellten Stufen stellen keine fixe Reihenfolge dar, denn die Information sind ja gewissermaßen komprimiertes und zusammengefasstes Wissen: „Information reduziert Komplexität insofern, als sie eine Selektion bekannt gibt und damit Möglichkeiten ausschließt“ (Luhmann 1984, S. 103f). Die reduzierte Form des Wissens als Information wird von einer anderen Person erfasst und wieder in Wissen umgewandelt. Dieses Wissen ist nicht identisch, da der Erfahrungskontext immer unterschiedlich ist.

„Wissen umfasst die Fähigkeit zum sozialen Handeln und die Möglichkeit, etwas in Gang zu setzen.“ (Stehr 1994, S. 12).

Somit ist Wissen als eine Kombination aus Daten und Information zu verstehen, die subjektbezogen, aus Erfahrungskontexten hervorgeht und in unterschiedlichen Ausprägungsformen auftritt.

2.2. Wissensformen

Neben den verschiedenen Perspektiven auf Wissen, wird es hinsichtlich seiner Formen, wie es erworben, gerechtfertigt, durchgesetzt, präsentiert und verfügbar ist, klassifiziert und kategorisiert.

Auf Polanyi (1966) ist die, für die Diskussion um das Wissensmanagement sehr bedeutsame Unterscheidung zwischen implizitem und explizitem Wissen zurückzuführen, wobei das letzt genannte, das bewusst verfügbare artikulierbare, transformierbare und archivierbare Wissen darstellt. Dieses Wissen ist nicht an ein Subjekt gebunden, und es lässt sich rekonstruieren. Der Anteil des expliziten Wissens am Wissen, wird meist als Spitze des Eisberges bezeichnet, da „wir oftmals mehr wissen, als wir zu sagen imstande sind“ (Polanyi, 1983, S. 4). Der überwiegende Anteil geht demnach auf das implizite Wissen zurück, das auch als „Könnerwissen“ oder „analoges Wissen“ genannt wird und, zumeist nur unbewusst vorhanden, die Basis für Wissen darstellt. Fahrrad fahren, Schwimmen, das

Erlernen des Umgangs mit Werkzeugen oder auch ganz trivial, die Fähigkeit einen Nagel in die Wand zu schlagen, sind Beispiele für implizites Wissen. Hierbei ist es schwer möglich zu erklären, wie genau die Balance auf dem Fahrrad gehalten wird, oder der Kopf beim Schwimmen nicht untertaucht. Auch die Fähigkeit ein Gesicht unter tausend Anderen wiederzufinden ,ist nur schwer in Worte zu fassen, da die Einzelheiten, an denen wir es erkennen, kaum zu benennen sind (vgl. Polanyi, 1983, S. 141f.). Implizites Wissen ist Grundlage für die Handlung eines Subjektes, es ergibt sich aus dem Erfahrungen oder Intuitionen eines Akteurs. Die beiden Wissensdimensionen des expliziten und impliziten Wissens sind zusammengehörig, so kann explizites Wissen ohne implizite Bestandteile nicht existieren, aber sie stellen zugleich zwei grundsätzlich verschiedenartige Kategorien dar, die i.S.v. Polanyi nicht ineinander überführbar sind.

Neben der Dichotomie von implizitem und explizitem Wissen, kann dieses auch nach seiner Herkunft unterschieden werden. Hierbei ist zwischen angeborenem oder erworbenem Wissen zu unterscheiden. Gerade in der Kognitionsforschung spielt das angeborene Wissen eine bedeutende Rolle2.

Die Psychologie unterscheidet zwischen Wissen, über umfassende Konstellationen, Gegebenheiten und Zusammenhänge dem deklarativen Wissen, das im semantisch, episodischen Gedächtnis abgespeichert wird und dem prozeduralem Wissen. Dieses koordiniert die Handlungen einer Person, da es durch das Zusammenspiel bestimmter psychomotorischer und kognitiver Fertigkeiten zustande kommt. Die Bereiche des Metakognitiven- Wissens und- Kontrolle betrachten das (Nicht-) Wissen und die Reflexion über das eigene Denken.

Willke unterscheidet zwischen individuellen (personengebundenen bzw. persönlichen) und organisationalem Wissen. Letzteres bezeichnet das kollektive Wissen einer Organisation, dass sich in bestimmten Kodizes, Leitlinien sowie der Philosophie und Kultur des Unternehmens ausdrückt. Organisationales Wissen besteht in der Regel wesentlich länger als personelles, da das mentale Wissen unwiederbringlich nach dem Tode des Trägers verloren ist. Die Wissenssysteme von Organisationen hingegen sind bereits im Vorfeld als

Regeln, Zahlen, Aktenvermerke, formulierte Erfahrungsgrundsätze, Prozessablaufdiagramme symbolisiert und expliziert (vgl. Willke, 1998, S.85f.). Folglich ist organisationales Wissens besser nachvollziehbar und als solches auch einfacher imitierbar, um den Fortbestand zu sichern (Kirchen, Universitäten, Königshäuser, etc.).

Abschließend sei noch das Erfahrungswissen benannt, das durch praktische Handlung generiert und verwendet wird. Somit ist es stark von der Person oder auch Organisation und dem jeweiligen Kontext bzw. der spezifischen Situation abhängig (vgl. Porschen, 2008, S. 72). Anders als wissenschaftlich definiertes Wissen, wird das durch die praktische Handlung erworbene Wissen nicht auf seine Generierung hin überprüft oder analysiert. Zudem ist es nicht von äußerlichen Einflüssen zu isolieren und immer an die jeweilige Situation gebunden, so dass es nicht als allgemein geltend definiert werden kann (vgl. Porschen, 2008, S. 73). Allerdings herrscht neben den genannten, allgemeinen Feststellungen zum Erfahrungswissen kein Konsens über dessen Bedeutung. Neben den Aufgezeigten gibt es noch viele weitere Wissensformen, auf die an dieser Stelle aber nicht weiter eingegangen wird, da dies den Rahmen der Arbeit bei weitem übersteigt.

2.3. Wissen aus ökonomischer Perspektive

Die Wirtschaftswissenschaften haben großen Einfluss auf die Entwicklung des Wissensmanagements, von daher ist das ihnen zugrunde liegende Wissensverständnis interessant. Exemplarisch für klassisch wirtschaftswissenschaftlich geprägte Ansätze seien an dieser Stelle, das Modell der Wissensspirale von Nonaka und Takeuchi (1997), das Modell der Wissensbausteine von Probst et. al. (1998) und das Management in der wissensbasierten Unternehmung von Schneider (1996) benannt.

Die Wirtschaftswissenschaften betrachten das Wissen als Schlüsselfaktor, als den vierten Produktionsfaktor neben Arbeit, Boden und Kapital bzw. Betriebsmitteln und Werkstoffen. Im Gegensatz zu den philosophischen und konstruktivistischen Ansätzen spielen im betriebswirtschaftlich, organisatorischen Kontext von Wissen andere Eigenschaften eine bedeutsame Rolle. Vor allem der Nutzen, die Eigentumsverhältnisse, aber auch die Restriktionen des Wissens stehen in der Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre im Vordergrund. Die Wirtschaftswissenschaften betrachten Wissen als Produktionsfaktor, oder als Erfolgs- bzw.- Wettbewerbsfaktor und Ressource. Wissen wird grundsätzlich als ein Gut verstanden, das Schreyögg wie folgt beschreibt:

„Der Umgang mit Wissen ist im wesentlichen ein Umgang mit Symbolen, Wissen ist nur symbolisch repräsentierbar. Ferner ist Wissen ein paradoxes Gut insofern, als es durch Nutzung nicht an Wert verliert, also nicht abgeschrieben werden muss, sondern durch Nutzung seinen

Wert steigert. Jede Nutzung eröffnet neue Anschlussmöglichkeiten und regt zu Verbesserungen an. Wissen ist schließlich qualifizierbar, es ist wahrheitsfähig“ (Schreyögg 2001, S. 7).

Wichtig für das Verständnis von Wissen aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive, sind die in der Ökonomie verwendeten Verhaltensschemata der Akteure, wie z. B. die unbeschränkte- und beschränkte Rationalität3. Letzteres beschreibt die Unfähigkeit des Individuums vollständig rational zu handeln, da es nicht alle sich ihm zur Verfügung stehenden Optionen erfassen kann und es sequenziell denkt. Daher wird es die für ihn optimalste Lösung nicht realisieren, aber dennoch eine rationale Option wählen, nämlich jene, die sich als die rationalste aller Möglichkeiten, bemessen an seinen Rationalitätskriterien, herausstellt. Somit sind die Gelegenheiten, die er wahrnehmen kann, eine Art Funktion des Wissens

Hinzu kommt die Beschränkung, dass die Gesamtmenge des potenziell möglichen Wissens, immer in Abhängigkeit zur existierenden Technologie steht (vgl. March/Simon, 1958, S. 169).

North definiert Informationen als Daten, die in einem Bedeutungskontext zu verstehen sind und als Grundlage für Entscheidungen dienen. Ihre Bedeutung erlangen sie nur für den jeweiligen Nutzer. Außen stehende Personen verfügen nicht über die Informationen aus der Vergangenheit. Wissen hingegen wird als Prozess verstanden, bei dem die Information mit dem jeweils anvisierten Ziel kombiniert wird. Wissen, als das Resultat der Verwertung von Informationen, entsteht durch die Verinnerlichung im Bewusstsein des Individuums. Hierbei ist zu beachten, das Wissen immer nur im Kontext einer Person steht und durch die individuellen Erfahrungen dieser Person geprägt wird. Wissen und Information erklärt North mit der sog. Wissenstreppe, (vgl. Abbildung III), wobei Wissen nicht auf der

„höchsten Stufe“ angesiedelt ist, sondern die sich durch Wissen realisierbare Wettbewerbsfähigkeit einer Unternehmung.

Oftmals wird Wissen als eine Verknüpfung aus Kenntnissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten die eine Person zum Lösen von Aufgaben einsetzt.

2.4. Wissen aus Sicht der Informationswirtschaft

Aus Sicht der Informationswirtschaft sind die Besonderheiten und Eigenschaften der Ressource Information, die oftmals synonym mit Wissen verwendet wird, dass sie durch Teilen nicht weniger wird, dass sie durch den Gebrauch nicht abgenutzt wird, sie beliebig oft zu minimalen Kosten vervielfältigbar ist, aus sich selbst heraus generiert werden kann und dementsprechend nicht direkt weitergebbar ist (vgl. Lehner, 2008, S.158).

Das Management von Information bedeutet im hier gemeinten Sinne, die Verfügbarmachung und Gestaltung von Information. Somit steht Informationsmanagement für die Fragen: „Wie bringt man die richtigen Daten, zum richtigen Zeitpunkt, zur richtigen Person oder zum richtigen Arbeitsplatz?“ (vgl. Lehner, 2008, S. 24).

Allerdings unterstreicht Lehner den Zusammenhang zwischen der Organisationsentwicklung und dem Informationsmanagement und formuliert die Fragestellung um:

„Wie wird in einem Unternehmen der Informationsfluss so organisiert, dass jede Organisationseinheit freien Zugriff darauf hat und die Informationen ihren Aufgabenerfordernissen oder Bedürfnissen entsprechend verwenden, speichern und transformieren kann“ (Vgl. Lehner, 2008, S.25).

Neben dieser Sichtweise wird Informationsmanagement auch als Informationstechnologisches Management beschrieben, dessen Ziel es ist, eine Informationsinfrastruktur zur Erfüllung der Unternehmensziele, unter den Kriterien der Wirtschaftlichkeit und Effizienz, zu entwickeln und zu implementieren. Hierbei wird aus informationsorientierter Perspektive an eine Erweiterung des Datenmanagements gedacht, die sich mit der „Planung, Steuerung und Nutzung der Ressource Information“ beschäftigt (Vgl. Lehner, 2008, S. 41). Die Ansätze des Informationsmanagement stellen das kodifizierte Wissen in den Vordergrund und leiten sich aus dem Datenmanagement ab. Dies setzt sich vor allem mit der persistenten Speicherung, der Verknüpfung von Daten und auch der Künstlichen Intelligenz auseinander (vgl. Lehner 2008, S. 158). Aus Sicht der Informatik sind Daten als semiotische Zeichen mit einer speziellen Syntax zu verstehen, die in die verschiedene Gruppen, der strukturierten, unstrukturierten und semistrukturierten Daten aufgeteilt werden (vgl. Lehner, 2008, S. 158). Aufgabe des Datenmanagements ist die Richtigkeit, Vollständigkeit, Aktualität, Konsistenz und Integrität der Daten zu gewährleisten. Des Weiteren gehören die Abbildung und Verwaltung der Daten auch zum Aufgabenfeld des Datenmanagements.

Exemplarisch sind hier der Ansatz von Rehäuser und Krcmar, Wissensmanagement im Unternehmen (1996), das Modell Al- Techniques and the Knowledge Pump von v. Heijst et al. (1997) und der Ansatz von Güldenberg (1997), Wissensmanagement und Wissenscontrolling in lernenden Organisationen genannt.

2.5. Wissenssoziologische Perspektive

Die Sozialität von Wissen und Erkennen, sind die Kernthemen der Wissenssoziologie, die den erkennenden Menschen als „Teil eines sozialen Zusammenhangs, der selbst in den Prozess des Erkennens und den Inhalt des Erkannten bzw. Gewussten eingeht“ (Knoblauch, 2005, S. 19) versteht. Grundlegend für die Wissenssoziologie ist die Verknüpfung zwischen philosophischer Erkenntnis und der Sozialität von Wissen. Knoblauch fasst die wesentliche Kernfragen der Wissenssoziologie zusammen, und fragt Erstens, inwieweit und in welchem Maß Wissen sozial ist, Zweitens ob diese Sozialität grundsätzlich ist, oder ob sie durch ein festgelegtes Verhältnis bestimmt ist und letztlich Drittens, ob es sich tatsächlich um Wissen und nicht dem Glauben an Wissen handelt (vgl. Knoblauch, 2005, S.32f.) Die erste Frage beschäftigt sich mit der Sozialität von Wissen, wohingegen die Zweite analysiert, inwieweit die Gesellschaft als eigene, getrennte Kategorie von Wissen zu verstehen ist, oder ob Sozialstruktur und Wissen miteinander verbunden sind. Im Vordergrund steht somit das Wissen innerhalb von Gruppen, Organisationen und Gesellschaften.

Beachtlichen Einfluss auf die Wissenssoziologie und die Bedeutung von Wissen in der Alltagswelt (Husserl, Schütz4 ) haben Luckmann und Berger, da sie den Fokus vom Untersuchungsgegenstand, dem wissenschaftlichem Wissen und Ideologien auf das sog. Alltagswissen lenkten und sowohl erkenntnistheoretische als auch methodologische Problemstellungen ausschlossen.

„..damit befassen, wieso und auf welche Weise „Wirklichkeit“ in menschlichen Gesellschaften überhaupt >gewusst< werden kann. Wir (die Autoren) behaupten also, dass die Wissens- soziologie sich mit allem zu beschäftigen habe, was in einer Gesellschaft als Wissen gilt, ohne Ansehen einer absoluten Gültigkeit oder Ungültigkeit.“( Berger und Luckmann 1969, S.19)

Diese sog. „neuere“ Wissenssoziologie erforscht die gesellschaftlichen Wissensbestände, die für jedermann das „Alltagswissen“ ausmachen5.

Weitere Schwerpunkte der Wissenssoziologie sind Fragen zum Nichtwissen sowie Fragen zur Informations- und Kommunikationstechnik als Medium sozialer Prozesse und Fragen der Epistemologie (vgl. Maasen, 1999, S.50ff.)

Sozialwissenschaftliche bzw. Wissenssoziologische Ansichten bei Wissensmanagementkonzepten vertreten u. a. Willke, Systemisches Wissensmanagement (1998) und Baecker: Zum Problem des Wissens in Organisationen (1997, 1998).

2.6. Wissen aus Konstruktivistischer Perspektive

Der Konstruktivismus ist entstanden aus Bereichen der Philosophie, Mathematik und den Naturwissenschaften. Es wird in den „älteren“ und den „neueren“ auch radikalen Konstruktivismus unterschieden. Der „neue“ Konstruktivismus betrachtet die Relation von Wissen und Wirklichkeit (vgl. Jensen, 1999, S.61) und geht der Frage nach, wie wissenschaftliches Wissen zustande kommt6.

Der Konstruktivismus ist eine Theorie der Beobachtung (vgl. Jensen, 1999, S. 66), bei der der Beobachter wie bei einer Kamera einen Teil der Wirklichkeit ausschneidet und seine Aufmerksamkeit nur auf diesen Blickwinkel legt. Welcher Ausschnitt nun betrachtet wird, entscheidet der Beobachter. Ähnlich den technischen Restriktionen der Kamera unterliegt auch der Ausschnitt des Beobachters bestimmten Normen, sinnhafter und apparativer Natur. Somit wird der Bereich, der beobachtet wird, in dem die Phänomene auftreten, vom Beobachter konstruiert. Dieser Bereich ist die „kognitive Realität“ also jene Theorien, Modelle und Hypothesen der Wissenschaft. Im Konstruktivismus sind die Beobachter oder Betrachter wissenschaftliche Beobachtungssysteme, die kontrollierte Operationen durchführen. Nach Jensen ist der Konstruktivismus die Theorie der kognitiven Operationen, in deren Zuge, Relationen, Zustände und Vorstellungen der Phänomene symbolisch (sprachlich, grafisch) gezeigt werden (vgl. Jensen, 1999, S. 72). In diesen Darstellungsmöglichkeiten zeigt sich das Wissen, dass der Beobachter von seiner Welt hat. Die Darstellung nennt sich Repräsentation, also die kognitive Repräsentation der Dinge und Verhältnisse, die der Betrachter in seiner Beobachtung aufnimmt.

Als Beispiel für einen konstruktivistisch geprägten Wissensmanagementansatz, sei hier Fried: Wissensmanagement aus Konstruktivistischer Perspektive (2003) aufgezeigt.

2.7. Wissensmanagement und Lernende Organisationen

In vielen Beiträgen wird Wissensmanagement als Teilfunktion des Konzeptes der lernenden Organisation beschrieben (vgl. u.a. Pawlowsky et. al. 1997), das erklärt warum die Grundideen dieses Konzeptes als Referenzdisziplin für Wissensmanagementkonzeptionen beschrieben werden (vgl. Lehner, 2008, S. 103f.). Hierbei stellt sich die Frage, inwieweit die Lernende Organisation als theoretische Basis fungiert, oder ob Wissensmanagement einen eigenen Ansatz darstellt bzw. sich bestimmte Funktionen überschneiden.

Das Konzept der Lernenden Organisation stellt nicht mehr nur den einzelnen Mitarbeiter ins Zentrum der Gewinnung neuer Erfahrungen und Erkenntnisse, vielmehr soll die Organisation als Ganzes sich verändern und durch Lernprozesse neu gestaltet bzw. angepasst werden. Die Wissensbasis des Unternehmens erlangt durch die Lernprozesse der gesellschaftlichen Wirklichkeit“ (Jensen 1999, S. 181f.), wie also erfassbare Erscheinungen von einer Gesellschaft hinsichtlich ihres Inhaltes interpretiert werden. Diese normative Konstruktion, ist eine Art Rahmenarchitektur mit der die Kultur als normatives Gerüst in die Prozedur des Beobachters integriert wird.

Organisation ein verbessertes Niveau zur Lösung der vorhandenen Probleme. Dies erfolgt in einem permanenten Wandlungsprozess (vgl. Wendt, 1998, S.93).

Bedingung für erfolgreiches Lernen ist eine grundsätzlich offene Kommunikation zwischen den Mitwirkenden, durch die informelle und formelle Lernprozesse realisiert werden können (vgl. Wendt, 1998, S. 95). Hierdurch setzen sich gemeinsame Werte und Normen sowie Beurteilungskriterien der Akteure durch und leiten diese bei den von ihnen ausgeführten Tätigkeiten. Diese sog. „Theory in Use7 “ (Argyris/Schön, 1978, S. 29) einer Organisation wird durch die Mitarbeiter verinnerlicht, so dass diese mit ihren Entscheidungen, Handlungen und Ansichten wiederum Einfluss auf die Organisation haben. Das Konzept des Einschlaufigen (single loop) und Doppelschlaufigen (double loop) Lernens geht auf Argyris und Schön (1978) zurück. Ersteres beschreibt die Anpassung der Organisation an sich verändernde Bedingungen, ohne dabei die gesamten Werte, Normen und strategische Ausrichtung der Organisation zu verändern. Doppelschlaufiges Lernen hingegen, definiert sich durch den permanenten Prozess der Veränderung, Hinterfragung und Wandel der unternehmerischen Zielvorstellungen und ist verbunden mit den Strategien zu Erreichung dieser Ziele.

Grundsätzlich entscheidend für den Erfolg des organisationalen Lernen ist, dass alle Mitglieder einer Organisation in den Lernprozesses integriert sind und somit konzentriert deren Lernverhalten gesteuert werden kann. Dies wird Einerseits, durch die Aktivierung des auf die einzelnen Mitglieder verstreuten Wissens erreicht, Andererseits durch die Beteiligung sämtlicher Mitglieder bei der Generierung neuen Wissens (vgl. Wendt, 1998, S. 99).

Die Lernende Organisation weist mehrere Anknüpfungspunkte zum Wissensmanagement auf. So konzentriert sich der Ansatz auf die aktuellen Wissensbestände der Mitglieder einer Organisation und versucht sie abzurufen bzw. kollektiv zu generieren.

Wissensbestände und Wissensgenerierung sind elementare Schlüsselfaktoren der Wissensmanagementkonzeptionen und tauchen in den verschiedenen Modellen auf (vgl. Kapitel 3). Wissensmanagement ist auch dafür verantwortlich, mögliche Barrieren, die sich beim Wissenstransfer und dem individuellen und kollektiven Lernen ergeben, aufzuspüren und aufzulösen. Unter individuellen und kollektiven Hindernissen bzw. Schwierigkeiten

wird der nicht optimale Einsatz des Wissenspotenzials auf Ebene des Einzelnen oder der Gruppe definiert (vgl. Wendt, 1998, S. 97f.).

Neben der Realisierung von Wissenstransfer, der Aktivierung der Wissensbestände und der Beseitigung möglicher Barrieren ist abschließend die Erhaltung des Organisationalen Gedächtnis zu benennen. Damit sind die von einer Organisation aktuell nicht verwendeten Erfahrungen und Befähigungen der einzelnen Mitglieder bzw. der gesamten Organisation gemeint.

Im Vergleich zur Lernenden Organisation ist Wissensmanagement hinsichtlich der Zielsetzung, der Operationalisierung und der eingesetzten Instrumente abzugrenzen.

So setzt der Ansatz der Lernenden Organisation auf die Realisierung der Lernprozesse auf Individueller und Organisationaler Ebene, wohingegen das Wissensmanagement versucht, kundenrelevante und strategische Wissen innerhalb der Organisation zur Verfügung zu stellen (vgl. Wendt, 1998, S. 99).

Wissensmanagement ist als ganzheitlicher Ansatz zu verstehen, der die Antwort der Organisation in einer sich rasch entwickelnden Ökonomie darstellt. So ist auch nachvollziehbar, warum Wissensmanagement, anders als die Lernende Organisation, nicht klar definiert ist. Wissen ist als solches nämlich sehr komplex, vielschichtig und schwer erfassbar. Das Konzept der Lernenden Organisation hat mit seinem konzeptionellen Ansatz nicht unmittelbar zu einer Veränderung der Kompetenz, Kultur und Einstellung innerhalb von Organisationen beigetragen. Im Gegenteil dazu könnte eine erfolgreiche Gestaltung des Wissensmanagement, durch den Einsatz unterschiedlichster Tools, dies in Aussicht stellen (vgl. Roehl, 1998, S. 80f.). Allerdings sind viele Instrumente, wie das Wissenscontrolling aus sozialwissenschaftlicher Perspektive eher zweifelhaft und die Frage nach dem Umgang mit Wissen in Unternehmen auf wissenschaftlicher Basis unklar.

Nach Fried und Baitsch (vgl. Abbildung I) greift die Zielsetzung der Lernenden Organisation im Verhältnis zum Wissensmanagement weiter, da sie auch ihre Handlungen und Strategien selbst hinterfragt und reflektiert. (vgl. Fried/Baitsch, in Götz, 2000, S. 36) Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass viele Ansätze zur Umsetzung des Wissensmanagements in die betriebliche Praxis, den Grundideen der Lernenden Organisation, entnommen wurden8.

[...]


1 In dieser Arbeit wird auf die Aufzählung der jeweils weiblichen Form verzichtet. Dies erfolgt ausschließlich aus Gründen der Übersichtlichkeit und Lesbarkeit.

2 So erklärt Chomsky, dass das Erlernen der Sprache durch Kinder, nur dadurch zu verstehen ist, dass Menschen ein bereits angeborenes Wissen über die Grammatik haben. Diese These lässt sich auch auf die Evolutionspsychologie übertragen, wonach bestimmte universelle Merkmale des Menschen auf ein Wissen zurückgehen, welche sich evolutionär in der Steinzeit entwickelt und durchgesetzt hat. Allerdings ist hierbei umstritten, inwieweit es sich um Wissen und nicht um angeborene kognitive Mechanismen handelt.

3 Zu Grunde gelegt wird hier das Bild des Homo Oeconomicus, eines ausschließlich wirtschaftlich denkenden Menschen, dessen entscheidendes Charakteristikum die rein rationale Verhaltensweise ist. Es strebt in allem nach der vollständigen Nutzenmaximierung, so dass fehlendes Wissen eine Unsicherheitssituation bzw. ein Risiko darstellt und dies, durch die Heranziehung aller Information, minimiert werden soll. (Vgl. Gabler Wirtschaftslexikon, 2005, S.1410)

4 Nach A. Schütz und T. Luckmann wird die Lebenswelt zum soziologischen Hauptbegriff. „Die Lebenswelt ist der Inbegriff einer Wirklichkeit, die erlebt, erfahren und erlitten wird“ (1984). Untersucht wird vor allem die alltägliche und soziale Praxis. Die alltägliche Lebenswelt beschreibt jeden Wirklichkeitsbereich „den der wache und normale Erwachsene in der Einstellung des gesunden Menschenverstandes als schlicht gegeben vorfindet“ (1975). (Lexikon der Soziologie, 2007, S. 389f.)

5 In ihrem Buch:“Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ beschreiben Berger und Luckmann theoretisch die Gesellschaft als objektive und subjektive Wirklichkeit. Die beiden Autoren analysieren zum einen jenes Wissen, dass das Verhalten in der Alltagswelt reglementiert – was jedermann „weiss“ und andererseits das Wesen der Alltagswirklichkeit. In dieser bezieht sich das Bewusstsein auf das Objekt, subjektiv sinnhaft und zielbestimmt. Die Wirklichkeit der Alltagswelt wird durch eine festgelegte Ordnung, wie der Sprache, den sozialen Beziehungen, der Intersubjektivität, der Differenzierung in Nah- und Fernzonen, der Technik, usw., gestaltet. Entscheidend für das Verständnis von Wissen im sozialen Kontext ist, dass alle Bereiche und Systeme einer Gesellschaft von alltäglichen Sinnbereichen durchsetzt sind. Relevanz und Gültigkeit des Wissens wird durch das Subjekt selbst gewährleistet. Das Alltagswissen ist nach Auffassung der beiden Autoren unvollständig und daher immer veränder- oder erweiterbar, es bleibt im Raum für weitere Fragen nach dem „Warum“. Durch andere Menschen, soziale Gruppen, Familien etc. wird das Wissen, welches sehr verzweigt und vielschichtig ist, verteilt.

6 Seinen Ursprung hatte der „neue“ Konstruktivismus in den Forschungen von Jean Piagets zu der frühkindlichen Sozialisation, aus denen sich zweie parallele Entwicklungen herausbildeten. Zum Einen die Forschungen zur Kognition, hier vor allem als Forschung zum Individuum aus psychologisch, biologischer Sichtweise und zum anderen der sog. epistemische Konstruktivismus, welcher das Verhältnis von „gesellschaftlichen Erkenntniswissen zur darin vorausgesetzten Wirklichkeit“ (Jensen, 1999, S. 161f.) untersucht. Wie entsteht nun aber Wissen auf gesellschaftlicher (systemischer) Ebene, also das Verhältnis von gesellschaftlichem Erkenntniswissen zur darin vorausgesetzten Wirklichkeit (vgl. Glaserfeld 1991)? Erfragt wird gewissermaßen die „normative Konstruktion der

7 Die Theory in Use sind Teile des Zusammenhangs der „Theory in Action“, die die individuellen Erwartungen über die Konsequenzen und Folgen bestimmter Handlungen in bestimmten, unterschiedlichen Situationen, zusammenfassen (vgl. Güldenberg, 1998, S. 188f.). Ausprägungsformen der Theory in Action, sind die Theory in Use und die Espoused Theory. (vgl. Güldenberg, 1998, S. 188).

8 Exemplarisch für die Integration von theoretischen Annahmen der Lernenden Organisation in die Konzeption des Wissensmanagement, sei hier der Ansatz von Pawlowsky et. al. (1994/1995/1997), Wissensmanagement als integrativer Ansatz zur Gestaltung organisationaler Lernprozesse genannt

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Details

Titel
Wissensmanagement im Wandel
Untertitel
Konzeptionen und Praxis
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
89
Katalognummer
V121717
Dateigröße
1263 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit wurde als Kombination in den Fächern Soziologie und Wirtschaftsinformatik angefertigt.
Schlagworte
Wissensmanagement, Wandel
Arbeit zitieren
Arwed Nadzeika (Autor), 2008, Wissensmanagement im Wandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121717

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