Die Mongolen und Japan

Zwischen Animismus, Ahnenkult und Expansionsvorstellungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

20 Seiten, Note: 2

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Edward B. Tyler und der Begriff Animismus

Lebensweise und Glaubensvorstellungen der Mongolen

Östlich des Mongolenreiches

Der Animismus und die Götter in Japan

Aufbruch nach Japan

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Mit Dschingis Khan oder den Mongolen assoziiert sicherlich ein Großteil des Lesepublikums eine Epoche des Mittelalters, die von Eroberungen, Angst und Kriegen gekennzeichnet war. Auf der einen Seite standen die als ruchlos und brutal geltenden Horden des Mongolenfürsten Dschingis Khan und auf der anderen Seite die christlich-westliche Welt, ständig in der Hoffnung, dass der Kelch noch einmal an ihnen vorüberziehen würde und der Mongolensturm vor den Grenzen des Okzidents abflauen möge. Das Bild der Barbaren hatte sich tief in die Köpfe der damaligen Menschen gebrannt und wird bis heute als gängige Typisierung der asiatischen Volksgruppe in den Unterhaltungsmedien wiedergegeben. Doch wie lebten die Mongolen wirklich, welchen Glauben hatten sie und wurden sie beispielsweise in Asien selbst - im Speziellen in Japan - anderes wahrgenommen als in Europa? Galten sie östlich ihres Reiches auch als unzivilisierten Barbaren der Steppe oder gab es auch andere Geschichtsbilder? Dazu soll ein Blick auf Japan gelegt werden, da es eines der wenigen Länder war, das den Mongolen Einhalt gebieten konnte. Hierzu sollen die Invasionsversuche der Mongolen in Japan genauer untersucht werden und die Gründe dafür eruiert werden. Besonderes Augenmerk liegt zudem auf dem Enkel Dschingis Khans, Khubilai Khan, und dessen Herrschaftszeit.

Um die Religiosität der Mongolen besser verstehen zu können, ist es sinnvoll, zunächst den Begriff Animismus zu erläutern, wobei hier der Fokus auf die Seelentheorie von Tyler gelegt wurde. Es soll der Frage nachgegangen werden, was Animismus im Detail ist und wie sich dieser bei den sogenannten Naturvölkern darstellte und wie Tylor dessen Entwicklung betrachtete.

Neben Tyler beschäftigten sich unter anderem auch Roux Jean-Paul in dem Werk „Götter und Mythen in Zentralasien und Nordeurasien“ sowie Georg Nioradze in seinem Werk „Der Schamanismus bei den sibirischen Völkern“ mit der Religion des Steppenvolkes. Wolfgang Bockhold hingegen beschreibt in seinem Werk „Das Hachimangudokun als historische Quelle“ Kubilais Werdegang.

Personenbezogene Bezeichnungen gelten jeweils auch in ihrer weiblichen Form.

Edward B. Tyler und der Begriff Animismus

Das 19. Jahrhundert war die Epoche der Industrialisierung, des Imperialismus und damit verbunden der Hinwendung zum Materialismus und der Abwendung vom Idealismus. Spätestens ab den 1850er Jahren übernahm der evolutionistische Ansatz bei der Untersuchung und Erforschung außereuropäischer Gesellschaftsformen endgültig die Oberhand.1 Die wirtschaftliche Entwicklung war in allen Bereichen hauptsächlich durch zwei Grundsätze geprägt: jenem Prinzip der Entwicklungslehre und jenem der positiven Methode. Diese positive Methode ist ein typisches Phänomen der Neuzeit. Die entsprechenden Arbeitsweisen hierzu wie z. B. die historische Textkritik, die Vergleichsmethode aber auch Experimente mit methodischer Durchführung entwickelte sich erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts bzw. Anfang des 19. Jahrhunderts. Auch die Religionswissenschaft konnte sich dieser Methoden nicht verwehren. Neue Kulturregionen fielen in den Blickpunkt des wissenschaftlichen Interesses. Auch die Erforschung der so genannten primitiven Völker2 erhielt rege Beachtung. Es entstand eine Fülle von positivem wissenschaftlichem Material, anhand dessen man die positiven Methoden in der Religionsforschung prüfen konnte.3

Das Entwicklungsprinzip bewährte sich zuerst in der Biologie. Danach unter dessen Einflussnahme in der Ethnologie. In diesem wissenschaftlichen Bereich entstand durch positive Tatsachen wie z. B. der systematische Überblick über die verschiedenen Kulturen, die Annahme, dass sich die heutige Kultur der Völker aus den niederen Anfängen ganz langsam ausgebildet hat. Weiterhin war hier bedeutsam, dass die Volkskunde innerhalb der Kulturvölker Überreste altertümlicher Kulturgeschichte entdeckt hatte. Die Forschung schien dies durch die Annahme, dass die Kulturvölker einst auf der Stufe der Naturvölker gestanden haben, zu untermauern. Die englischen Anthropologen leisteten ihre Arbeit unter dem bestimmenden Einfluss beider Prinzipien, so auch Edward Burnett Tylor.4 Er arbeitete dabei auf der Basis einer vergleichenden Methode unter Einbezug ethnologischer Einzelheiten und Evolutionsgedanken. In seinem Hauptwerk „Primitive Culture“ untersuchte er den Seelenglauben der Menschen und hauptsächlich jenen der scheinbar so primitiven Naturvölker.

Eingeführt wurde der Begriff Animismus von dem britischen Anthropologen Edward B. Tylor, der von 1832 bis 1917 lebte und der ihn von dem im 17. Jahrhundert in Berlin wirkenden Proto-Vitalisten Georg Ernst Stahl übernahm.5 Für Tylor war der Animismus die Minimaldefinition der Religion als Glaube an geistige Wesen6. Er behauptete, dass jegliche Religion einer ursprünglichen, falschen Zuschreibung von Leben, Seele oder Geist an unbelebte Objekte entspringen würde. Tylors Theorie zufolge haben sich Europäer vom Animismus über den Polytheismus zum Monotheismus und von dort zum höchsten Stand der Wissenschaft fortentwickelt und damit vom Zustand der Natur zu dem der Zivilisation aufgeschwungen, wohingegen die indigenen Völker Nord- und Südamerikas, Afrikas, Asiens und Polynesiens von dieser Evolution unberührt blieben und als wilde Überreste 7 des Naturzustandes übriggeblieben waren. Mehrere umfassende Vorgeschichten ließen sich zu Tylors Konzeption des Animismus anführen, jedoch soll hier beispielhaft eine auf bekannte, religiöse Mythen zurückgreifende Variante Erwähnung finden. Ausgehend von der griechischen klassischen Philosophie und der jüdisch-biblischen Tradition führt diese zu den jahrhundertealten theologischen Debatten über die Verfasstheit und Natur der Seele. Vor dem Hintergrund der Expansion des Christentums und seit 1492 der kolonialen Expansion der Europäer tritt die Animismus-Konzeption8 auch das Erbe des christlichen Kampfes gegen „Götzenverehrung“, „Idolatrie“ und Hexerei an. Eine andere Vorgeschichte findet sich bei den maßgeblichen Denkern der Moderne, bei Rene Descartes Trennung von Innen- und Außenwelt, Geist und Körper, aber auch bei den Denkern der Aufklärung und des wissenschaftlichen Positivismus sowie der romantischen Reaktion auf die „entzauberte Welt“. In der Ethnologie wurde der Tylor'sche Animismus im Verlauf des 20. Jahrhunderts aufgrund seines allzu deutlichen Evolutionismus lange gemieden. Ist der Begriff Animismus für Tylor ein Mittel zur Herstellung des „richtigen“ Abstands zwischen Materie (Objekten, Dingen, Natur) und Menschen (Seelen, Subjekten, Personen), zwischen moderner Gegenwart und archaischer Vergangenheit, so war er etwa für Sigmund Freud ein Mittel zur Bestimmung der „richtigen“ Grenze zwischen innerem Selbst und äußerer Rea lität. Freud erklärt den Animismus als „narzisstische Überschätzung der eigenen seelischen Vorgänge“, als Glaube an die „Allmacht der Gedanken“, einen „uneingeschränkten Narzissmus“, der sich gegen die „unerbittlichen Gesetze“ der Realität zur Wehr setzt.9

Die unterschiedlichen Deutungsweisen des Begriffes machen jedenfalls deutlich, dass es sich im Allgemeinen um ein vielfältiges und schwierig einzugrenzendes Phänomen handelt.

Lebensweise und Glaubensvorstellungen der Mongolen

Vom zentralasiatischen Hochland ausgehend und im Norden an den Waldgürtel der sibirischen Taiga, im Süden an China, im Osten an die Mandschurei und im Westen an Turkestan und Südrussland grenzend, breiteten sich die traditionellen Heimatgebiete reiternomadischer und viehzüchtender Völker turko-mongolischer und indo-arischer Herkunft aus.10

Die alten Mongolen des 12. Jahrhunderts waren ein nomadisches Reitervolk der euroasiatischen Steppe und lebten hauptsächlich von Viehzucht. Neben Pferden war vor allem die Haltung von Kamelen, Ziegen, Schafen und Rindern von Bedeutung. Sie deckten den Nahrungsbedarf an Fleisch, Milch und Käse, sorgten für Transport sowie für Bekleidung und lieferten Filz für die Behausungen. Neben der Haltung diverser Tierarten spielte auch noch die Jagd - als Sport und Kriegsübung - eine große Rolle. Getreide und andere Güter wie Ziegeltee, Reis, tägliche Gebrauchsgegenstände, Seide, Baumwolle etc. wurden durch Handel oder Raub von sesshaften Kulturen beispielsweise aus den chinesischen Reichen bezogen.11 12 Diese Art zu leben brachte durchaus Vorteile mit sich wie beispielsweise Flexibilität und Mobilität, aber auch einige Nachteile. Anders als sesshaft lebende Menschen konnten sie ein Gebiet von heute auf morgen einfach so verlassen inklusive ihres ganzen Hab und Guts. Ein ebenso großer Vorteil tut sich dahingehend im Kriegswesen auf, da man als nomadisches Volk eine weniger leicht auszumachende Beute für Angriffe ist. Sesshafte Kulturen hingegen sind wesentlich leichtere Opfer für reiternomadische Heere, welche ebenso schnell zuschlagen wie im Nichts verschwinden konnten. Der Nachteil an solch einer Lebensweise war aber beispielsweise, dass besondere Handwerke oder Spezialisierungen sich kaum ausbilden konnten. Daraus resultierte auch der hohe Wert, den spezialisierte Handwerker bei den Mongolen genossen. Bemerkbar wurde das unter anderem bei Eroberungen. Hier wurden besagte Handwerker meist verschont und erhielten in weiterer Folge unter ihren neuen Herren allerlei Privilegien.12

Reiternomadische Völker - insbesondere auch w die Mongolen - waren üblicherweise in Clans organisiert. Ein Clan bestand meistens aus dem männlichen Nachkommen eines mythischen Vorfahren, der sich seinerzeit mit heroischen Taten einen Namen gemacht hatte und/ oder um den sich mit der Zeit mythische Geschichten rankten. Grundsätzlich herrschte innerhalb eines Clans auch eine strenge Heiratspolitik, die besagte, dass man sich nur innerhalb des eigenen Clans verheiraten durfte. Verschiedene Clans konnten aber auch Heiratsabkommen abschließen und sich dadurch dann als Verbündete betrachten. Mitglieder anderer Clans konnten beispielsweise auch als Leibeigene oder als persönliche Sklaven in den eigenen Clan aufgenommen werden. Dies geschah zum Teil nach einem erfolgreichen Feldzug, wenn die Kriegsbeute inklusive der überlebenden Menschen aufgeteilt wurde. Das Erbe einer Familie fiel traditionell immer dem jüngsten Sohn zu und nicht dem ältesten. Während der jüngste Sohn als eine Art Bewahrer des Herdfeuers galt, hatte der älteste Sohn zeremonielle Aufgaben. Die Glaubensvorstellungen der Mongolen haben unter Berücksichtigung der Taylor'schen Definition durchwegs animistische Züge. Sie glaubten, dass jedes Tier und jede Pflanze beseelt sei und alles Leben auf der Erde von der obersten Gottheit, dem ewigen blauen Himmel Tengri13 umgeben sei. Die Verbundenheit zur Natur war so groß, dass die Genealogie eines Stammes auch auf Tiere zurückgeführt werden konnte. Diese waren teilweise auch mythischer Natur wie beispielsweise ein blau-grauer Wolf und eine Hirschkuh. Ein weiterer wichtiger Punkt bezüglich der Kultur und Lebensweise der Mongolen ist der Schamanismus und die Verehrung von Idolen und Ahnen. Diese kulturellen Praktiken lassen sich aber auch bei den Japanern wiederfinden. Gerade kulturell gibt es hier einige Parallelen zu der Lebensweise der Mongolen. Inwiefern solche Ähnlichkeiten den Expansionswillen des Reitervolkes zusätzlich antrieb, lässt sich nicht restlos klären, jedenfalls war es den Mongolen nie gelungen, Japan gänzlich unter seine Kontrolle zu bringen.14

Eroberungen östlich des Mongolenreiches

Das mittelalterliche Europa war im 13. Jahrhundert zusehends mit internen politischen Machtkämpfen beschäftigt und so auch militärisch immens geschwächt. Umso härter traf sie der regelrechte Sturm der Mongolen, die eine Spur der Verwüstung hinterließen und die Menschen des Abendlandes in Angst und Schrecken versetzten. Es waren zur damaligen Zeit noch kaum Informationen über dieses auf Pferden reitende nomadische Volk bekannt, sodass die christlich geprägte Bevölkerung die Mongolen als eines der Endzeitvölker, welche die Apokalypse einläuten sollen, betrachtete. Aufgrund der internen Machtkämpfe hatte Europa den Mongolen militärisch kaum etwas entgegenzusetzen. Anders sah die Lage in Japan aus. Zwei Mal versuchten die Mongolen Japan einzunehmen, doch die Invasionsversuche konnten sowohl 1274 als auch 1281 erfolgreich abgewehrt werden. Japan stellt somit eines der wenigen Länder dar, die dem Eroberungsdrang der Mongolen standhalten konnten. Der traditionellen japanischen Geschichtsschreibung zufolge war dies aber nicht vorwiegend der militärischen Überlegenheit der Japaner zu verdanken, sondern vielmehr einer Reihe von Taifunen, welche die Götter Japans zum richtigen Zeitpunkt entsandt hatten. Daher werden diese Winde auch Götterwinde genannt.

Einer der frühesten bekanntesten Erfolge von Dschingis Khan nach der Einigung der mongolischen Stämme im Jahre 1205 war die Eroberung Beijings 1215, das zuvor die Haupt­stadt der nordchinesischen Jin-Dynastie war. Die Eroberung Südchinas, das zu dieser Zeit von der südlichen Song-Dynastie (1130-1276) regiert wurde, ging allerdings nur noch schleppend und in kleinen Schritten voran, während sich in Richtung Westen - von Zentralasien bis Osteuropa - ein Reich nach dem anderen der militärischen Macht der Mongolen unterwerfen musste. China stellte also - ebenso wie Korea und Japan - eine wesentlich

[...]


1 Vgl. Kohl, Karl-Heinz: Edward Burnett Tylor. Klassiker der Religionswissenschaft. Hrsg. von Axel Michaels. Beck: München 2004. S. 41.

2 Ebda.

3 Ebda. S. 42f.

4 Ebda.

5 Ebda.

6 Ebda.

7 Ebda. S. 44.

8 Ebda.

9 Ebda.

10 Vgl.: Veit, Veronica: Die Mongolen: Von der Clanföderation zur Volksrepublik. In: Weiers (Hg.): Die Mongolen Beiträge zu ihrer Geschichte und Kultur. Darmstadt 1986. S. 155.

11 Vgl.: Linhart, Marlies. Die Angriffe Der Mongolen Auf Japan: Vorgeschichte, Verlauf Und Auswirkungen 2009. S. 7f.

12 Ebda.

13 Vgl.: Georg, Stefan: türkisch/mongolisch tengri, „Himmel, Gott“ und seine Herkunft. In: S. G.: Studia Etymologica Cracoviensia. 6. Krakau: 2001. S. 83-85. URL: http://www2.filg.uj.edu.pl/ifo/kjasis/sec/store/sec- pdf [aufgerufen am 10.01.2020].

14 Vgl.: Linhart, Marlies. Die Angriffe Der Mongolen Auf Japan: Vorgeschichte, Verlauf Und Auswirkungen 2009. S. 9f.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Mongolen und Japan
Untertitel
Zwischen Animismus, Ahnenkult und Expansionsvorstellungen
Note
2
Jahr
2021
Seiten
20
Katalognummer
V1217248
ISBN (Buch)
9783346643865
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwischen Animismus, Ahnenkult und Expansionsvorstellungen, Mongolen, Japan
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Die Mongolen und Japan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1217248

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Mongolen und Japan



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden